Jubel , wie der Feind überall zurückging und wie sich die deutschen Truppen im Kampf auszeichneten , - ohne selbst daran teilnehmen zu dürfen . Das ärgerte alle , vom Kapitän bis zum Schiffsjungen herab , am meisten aber den ungeduldigen Robert . Er hatte jetzt auch die Pirateninsel wiedergesehen , - das Fischerboot wendete und kreuzte gegen den Wind auf , dem Hafen zu . Wenn um vier Uhr wieder die Wache abgelöst wurde , ließ sich seine Abwesenheit vielleicht nicht mehr verheimlichen , daher durfte jetzt keine Zeit mehr verloren werden . Die bewaldeten Ufer der Insel traten weiter und weiter zurück , sie waren auf dem offenen Meer , - noch einmal ließ Robert den Blick zurückgehen . Was war das dort ? - Ein weißer Punkt hob sich vom Hintergrund des dunklen Ufers ab . Ein Schiff ! Der Fischer blickte auf , als er Roberts plötzliche Aufmerksamkeit sah . » Das ist ein Kriegsschiff « , sagte er gleichgültig . » Ich habe es schon vor mehreren Tagen zwischen den Inseln bemerkt . « Roberts Herz stand fast still . » Von welcher Nation , Pedro ? « fragte er atemlos . » Ja , das weiß ich nicht . Ich sah nur die Kanonen . « » Dann laß uns gleich wenden und die Sache genauer ansehen . Ich bezahle ein paar Piaster mehr , wenn du mich bis unter den Bug des Schiffes bringst . Du bist Spanier und läufst dabei keine Gefahr . « » Das weiß ich wohl « , nickte gleichmütig der Mann . » Kann mir auch schon recht sein , wenn Ihr die Fahrt bezahlt . « Das Ruder wurde nochmals gedreht , und der weiße Punkt angesteuert . Robert erkannte sehr bald die französische Flagge , konnte drei Geschützpforten zählen und las den Namen » Bouvet « . Jetzt wußte er genug , um auf dem » Meteor « Meldung machen zu können . Ein französisches Kriegsschiff so nahe beim Hafen , der langersehnte Gegner endlich gekommen , das Zeichen zum Kampf gegeben ! » Schnell , schnell ! « befahl er dem Fischer . » Es ist zwar schon viel zu spät , aber es eilt trotzdem . Wir können schon morgen ins Gefecht kommen . « Es war heller Tag , als das Fischerboot neben dem » Meteor « anlegte . Ein Besuch einiger deutscher Familien aus der Stadt hatte das Schiff überschwemmt , so daß Robert , der ohne Uniform war , vielleicht unbemerkt hätte an Bord kommen können , aber das wollte er nicht einmal . Die Strafe , die ihn erwartete , kümmerte ihn nicht . Vielmehr hätte er es für ehrlos gehalten , die Nachricht von der Nähe des feindlichen Kriegsschiffes zu verschweigen . Unter Deck stürmen und sich in die Uniform werfen , war das Werk von zwei Minuten , ebenso schnell aber hatte ihn auch schon der gemütliche blonde Maat erwischt und festgehalten . » Du siebenmal « , begann er seine Rede , wurde jedoch durch Robert entschieden an der Fortsetzung gehindert . » Still « , flüsterte er . » Stellen Sie sich vor , Maat , der Franzose kommt , - ich muß sofort zum Kommandanten . « » Daß du die Motten kriegst ! Junge , du stehst monatelang auf der schwarzen Liste , wenn er dich nicht sogar einsperrt ! Und was fabelst du da von dem Franzosen ? « » Warten Sie ' s nur ab , Maat . Ging denn heute nacht alles gut ? « » Du Schwerenöter hast ja einen Mitschuldigen , der für dich antwortet und einsteht ! Noch ist nichts bemerkt worden , aber ich sage dir , wenn du mehr solche Streiche machst , verpurre ich dir die Geschichte . Du bist ja ein ganz gefährlicher Ausreißer ! « Robert lachte . » Meinen Sie , daß ich bestraft werde , Maat ? « fragte er . » Und das gehörig . Du mußt die höchsten Stengen schmieren , alle Tage scheuern , den Rost von den Ankerketten klopfen , die Gallion waschen und die Messingplatten putzen . Du bekommst nur eine halbe Stunde Mittag , deine Grogration fällt aus , und du hast Bordarrest , wenn nicht eine richtige Gefängnisstrafe für dich herausspringt . Das glaube ich noch eher , also behalte die Nachricht für dich , hörst du ! « Robert schüttelte den Kopf . Unmöglich , das konnte er nicht , und als die Fremden von Bord waren , meldete er sich bei Kapitänleutnant Knorr . Der sah ihn verwundert an . » Nun « , fragte er , » was haben Sie ? « Robert stand jetzt in dienstlicher Haltung vor ihm , etwas blaß zwar , weil er die entehrende Strafe fürchtete , aber doch ruhig und ernst . Mit wenigen kurzen Worten berichtete er von seiner Beobachtung und hatte die Genugtuung , seinen Vorgesetzten auf das höchste überrascht zu sehen . Er sprang vom Sitz auf und ging erregt hin und her . » Ein Franzose also ? Und was für ein Schiff ? « » Der Bouvet soweit ich erkennen konnte , Herr Kapitänleutnant . Er hatte drei - « » Ja , ja , drei Geschütze , ich weiß schon . Nun , das kann - - « » Aber « , fügte er hinzu , sich plötzlich unterbrechend , » weshalb haben Sie mir die Sache gemeldet , da doch kein Zeuge dabei war , der Sie verraten konnte ? Ist Ihnen bekannt , daß für sämtliche Schiffe der deutschen Marine im Augenblick die außergewöhnlichen Gesetze des Kriegszustandes gelten ? - Ich könnte Sie als Deserteur behandeln und bestrafen lassen . « Robert zuckte unter dem entehrenden Wort , die letzte Farbe wich aus seinen Wangen , und das Herz klopfte ihm zum Zerspringen . Der Kapitänleutnant sah ihm fest ins Auge . » Weshalb meldeten Sie mir die Sache ? « fragte er noch einmal . » Weil ich das für meine Pflicht hielt , Herr Kapitänleutnant . « » Sie , der ohne Erlaubnis von Bord ging ? « » Ach « , schoß es Robert plötzlich unwillkürlich heraus , » das ist ja nichts . Dann nehme ich schon die Strafe auf mich , bevor ich eine so wichtige Sache verschweige . Ein Deserteur bin ich nicht , und - das wissen Sie , Herr Kapitänleutnant . « Der Offizier wandte sich ab , um ein ganz undienstliches Lächeln zu verbergen . Dann aber kam er zurück und legte die Hand auf Roberts Schulter . » Sie sind ein etwas außergewöhnlicher Mensch , Kroll « , sagte er sehr ernst , » Sie dürfen aber Ihren Eigensinn niemals für Männlichkeit halten . Lernen Sie erst einmal Manneszucht und unbedingten Gehorsam jedes einzelnen , sei er Offizier oder Soldat , gründlich als das kennen , was sie wirklich sind , nämlich als Grundlage und Mittelpunkt aller militärischen Unternehmen , als Voraussetzung allen Kriegsglücks , - bevor Sie künftig Fälle , wie den gegenwärtigen , für ein Nichts erklären . Ihre Strafe ist Ihnen geschenkt , weil ich Ihre Haltung trotzdem anerkenne . Denken Sie an das , was ich Ihnen soeben gesagt habe , Kroll , und nun gehen Sie . « Robert blieb doch noch einen Augenblick lang stehen . Es brauste in seinen Ohren , und ein sonderbares Gefühl , halb Beschämung , halb Stolz , erfüllte ihn . » Ich danke Ihnen , Herr Kapitänleutnant « , preßte er hervor . » Ich - werde Ihre Worte nicht vergessen . « Und dann ging er wie im wachen Traum hinab in das Zwischendeck , wo ihn Gerber mit heimlichem Herzklopfen erwartete . » Nun , Nummer Acht , du Erzbösewicht ? « Robert schüttelte den Kopf . » Es ist alles gut gegangen , Maat « , sagte er . » Und keine Strafe , Kerl ? « » Keine äußerliche wenigstens ! « Der Unteroffizier erhob sich von seinem Sitz . » Nanu « , staunte er , » das verstehe ein anderer . Sprich deutsch , Nummer Acht , was hat der Kommandant gesagt ? « Robert lächelte unwillkürlich . » Nicht viel , Maat , aber es liegt mir doch schwer im Magen . Der Kapitänleutnant hat eine eigene Art , zu sprechen . « Über Gerbers Vollmondgesicht glitt ein Sonnenstrahl der Befriedigung . » So , so « , schmunzelte er , » nun begreife ich . Du Satanskerl , hat er gesagt , - vielleicht ein bißchen feiner gedrechselt , mit Glacéhandschuhen und so , - du Höllenbrand , diesmal will ich ' s schießen lassen , weil dir der Franzose in die Zähne lief und du mir die gute Nachricht nach Hause gebracht hast , aber tu ' s nicht noch mal wieder , du Galgenholz , sonst sollen dich alle siebentausend Haifische zugleich fressen ! War ' s nicht so ? « » Ganz ähnlich ! « lächelte Robert . » Siehst du wohl , ich wußte Bescheid . Kann ein Gesicht machen , daß alle Ratten im Schiff Reißaus nehmen möchten , und ist doch eine Seele von einem Mann . Na , laß dir ' s gesagt sein , Nummer Acht , und mach keine solchen Dummheiten wieder . « Damit ließ er Robert allein , der sich nun ganz ungestört seinen Gedanken hingeben und sich wieder den Augenblick vergegenwärtigen konnte , als ihn der Offizier so ernst und wohlwollend zugleich ermahnte , in Zukunft nicht mehr Eigensinn und Männlichkeit miteinander zu verwechseln . Gehörte denn wirklich gerade dazu die größte Selbstbeherrschung und Willenskraft , sich scheinbar vollständig unterzuordnen ? Er seufzte , aber er wußte ganz sicher , daß ihm dies nicht wieder begegnen werde ; hatte er denn dem Kommandanten gegenüber mit dem trotzigen Davonlaufen eines Schuljungen wirklich gezeigt , daß er ein selbständiger Mann sei , oder vielleicht eher , daß ihm die Grundbegriffe jeder gesetzlichen Ordnung noch vollkommen fehlten ? Das Blut kehrte in seine Wangen zurück . » Möchte doch heute noch der Bouvet kommen « , dachte er , » möchte doch der Kampf beginnen und ich als erster an Bord des feindlichen Schiffes klettern können , damit mich Kapitänleutnant Knorr loben und sagen müßte , ich sei doch ein Mann und tapfer dazu ! « Er war an diesem ganzen Tag so aufgeregt , daß Gerber mehrere Male heimlich lächelte . » Den Kroll hat ' s aber gepackt « , dachte er , » würgt noch an dem schweren Bissen , den ihm unser Kapitänleutnant ins Maul gesteckt hat . « Gegen Abend endlich erschien der Bouvet und legte sich in dem neutralen Hafen Seite an Seite neben den Meteor . Etwas größer und schneller , mit einer Überzahl von zwanzig Mann Besatzung und besseren Geschützen , war er dem Meteor ziemlich in jeder Weise überlegen . Bord an Bord lagen die beiden feindlichen Schiffe auf dem Wasser . » Eine wunderliche Welt « , sagte Gerber . » Da ist der Bouvet , der bei Helgoland zusah , als wir gegen die Dänen im Gefecht standen , - nun läuft er selbst unseren Geschützen in die Zähne . « » Wißt ihr was , Jungens « , raunte er beim Essen in die Ohren seiner Backschaft , » wißt ihr was ? Ich möchte , daß ein paar von der Mannschaft drüben das Schiff verließen und an Land eine Kneipe aufsuchten . Dann könnten wir ' s ihnen zeigen , was unsere Fäuste wert sind ! - Das müßte ein ungeheures Vergnügen sein und hätte doch das Völkerrecht nicht verletzt . « Die Seeleute hatten durchaus Lust zu dem Plan , aber Gerber schüttelte schmerzlich das Haupt . » Wird nichts , Kinder « , fügte er hinzu , » waren nur Gedankenspäne , fromme Wünsche , wie man zu sagen pflegt . Ihr sollt sehen , daß es schon morgen in aller Frühe eine Vermahnung setzt . Immer Augen links , wenn ihr auf Backbord über das Schiff marschiert , und Augen rechts , wenn ' s von Steuerbord hergeht . Ich kenne das . « Und richtig , wie er vorausgesagt hatte , so geschah es . Am folgenden Morgen wurde Generalmarsch geschlagen , und als bis auf den letzten Mann die ganze Besatzung an Deck versammelt war , hielt der Kapitänleutnant eine Ansprache , in der er den Leuten befahl , sich jeder Berührung mit den Franzosen zu entziehen , besonders aber an Land bei einer möglichen Begegnung sofort das Lokal zu verlassen und auf keine Herausforderung einzugehen . Die Franzosen auf dem Bouvet sahen sich diese ganze Szene mit Interesse an . Sie schienen den Inhalt der Rede , die dort gehalten wurde , vollkommen zu begreifen , und vielleicht eben deswegen erhielten ungewöhnlich viele von ihnen am Abend Urlaub . Die Deutschen auf dem kleinen Kanonenboot , das sich neben dem Bouvet doch sehr schmächtig ausnahm , diese übermütigen Deutschen sollten womöglich eins draufkriegen . Etwa vierzig Mann von der Besatzung des französischen Schiffes gingen an Land , und auch der gewohnten Anzahl Deutscher war Urlaub erteilt worden . Fast zu gleicher Zeit verließen die Preußen und die Franzosen ihre Schiffe , wobei ihnen der Kapitänleutnant mit gerunzelter Stirn nachsah . » Reibungen werden sich nicht vermeiden lassen « , äußerte er zu seinem Ersten Leutnant . » Die Kerle brennen förmlich darauf , den Franzosen zu zeigen , daß sie nicht weniger gut zuzuschlagen verstehen , wie ihre Brüder an Land . « Der Erste Leutnant lächelte bedeutsam . » Und wir selbst ? « fragte er halblaut . » Wir ebenso , wenn auch in anderer Form « , erwiderte der Kommandant . » Ich wollte übrigens , daß die Sache bald entschieden wäre , besonders da ich an diesem entlegenen Punkt ohne alle Instruktion ganz nach eigenem Ermessen handeln muß . Der Bouvet ist uns überlegen , darüber besteht kein Zweifel . « Der Erste Offizier schwieg , aber es war ein Schweigen , das mehr als die längste Rede ausdrückte , so daß ihn der Kapitänleutnant fragend ansah . » Sie würden den Kampf aufnehmen , Herr Leutnant ? « » Ohne Bedenken ! « Der Kapitänleutnant nickte leicht . » Ich tu ' s auch ! « bestätigte er . Damit war die Unterredung beendet , aber die innere Unruhe des Kommandanten zeigte sich deutlich in jedem Schritt , in jeder Bewegung , besonders als um die festgesetzte Stunde nur ein Teil der beurlaubten Mannschaft an Bord erschien , die übrigen aber ausblieben . Man fragte die Zurückgekehrten nach den andern , aber die Antworten lauteten so unbestimmt und ausweichend , daß sich der Argwohn des Kapitänleutnants bis zur Überzeugung steigerte . Trotz aller Verbote mußte eine Schlägerei stattgefunden haben . Es wurde zwölf Uhr nachts , bis spanische Polizisten die ausgebliebenen Matrosen vom » Meteor « mit starkem Geleit an das Schiff brachten . Mehrere unter ihnen waren verwundet , aber kein einziger zeigte über das , was er verbotenerweise getan hatte , die mindeste Reue . Franzosen und Deutsche waren aneinander geraten , hatten gehörig miteinander gerauft und sich gegenseitig die Nasen blutig geschlagen , obwohl niemand Sieger geblieben und niemand besiegt worden war . Der Kapitänleutnant ließ die Verwundeten in das Lazarett bringen und die übrigen , so mäßig , als es die Gesetze erlaubten , bestrafen , wobei jedoch sein ganzes Benehmen zeigte , daß er die Ursache der Übertretungen durchaus verstand . Ja , er tat noch mehr . Er schickte dem Kapitän des feindlichen Schiffes drei Tage nacheinander eine Herausforderung zum Kampf auf offener See , aber der französische Kommandant weigerte sich und blieb vor Anker liegen , als sei nichts geschehen . Die Folge davon war , daß sich die Besatzung des » Bouvet « an Land nicht mehr sehen lassen konnte , sondern wo sie erschien , offen verhöhnt wurde . Auf die Dauer schienen die Franzosen das denn doch unbehaglich zu finden , sie lichteten die Anker , und eines Morgens war der » Bouvet « verschwunden . Jetzt herrschte auf dem » Meteor « freudige Kampfstimmung . Nach vierundzwanzig Stunden durfte man den Feind verfolgen und ihn außerhalb des Hafens angreifen , - mehr konnten sich die Blaujacken gar nicht wünschen . » Wenn er uns nur nicht entwischt ! « hieß es . » Wenn er nur den Kampf aufnimmt . « Als das Kanonenboot die Anker lichtete und zum erstenmal , seit Robert an Bord war , der Dampf aus den Schloten strömte , da umstanden Tausende von Menschen , besonders alle Deutschen , die in der Stadt wohnten , das Ufer , und in fast allen Sprachen , außer in der französischen , wurde dem » Meteor « ein Hoch ausgebracht . Die Besatzung antwortete mit einem dreifachen Hurra . Und dann rasselten die Ankerketten herauf , das Schiff drehte sich , die Bevölkerung winkte mit Hüten und Taschentüchern , und die Jagd auf den Feind begann . Hinter dem » Meteor « dampfte das spanische Kriegsschiff » Hernan Cortez « , das die Neutralität des Hafens wahren und für den Fall eines bedeutenderen Unglücks in der Nähe sein wollte . Wie pochte Roberts Herz , als das Schiff unter seinen Füßen Fahrt aufnahm . Jetzt erst war er Soldat , jetzt erst hatte er das Ziel seiner Wünsche erreicht , denn jetzt ging es ins Gefecht . Keiner von der ganzen Besatzung des » Meteor « suchte so sehnsüchtig den Horizont nach dem Rauch des französischen Schiffes ab . Er war es auch , der zuerst den » Bouvet « entdeckte . » Dort ! « rief er , » dort , Herr Kapitänleutnant , - ich sehe es deutlich . « Der Kommandant ließ sich das Glas reichen , und dann bestätigte ein Kopfnicken der ganzen Mannschaft , daß Robert richtig gesehen hatte . Es war in der Tat der » Bouvet « , der nun den Kampf eröffnete . Es blitzte auf , der Donner rollte über das Wasser , doch die Kugel schlug in weiter Entfernung vom preußischen Schiff ins Wasser . » Wir schießen nicht , bis die Entfernung zwischen beiden Schiffen auf vierhundert Meter herabgesunken ist « , sagte Kapitänleutnant Knorr ruhig . Ein Hoch der Mannschaft auf ihren Kommandanten antwortete seinen Worten . Jedes Herz schlug erwartungsvoll , während das Schiff mit höchster Fahrt durch die Wellen stampfte . Schuß auf Schuß erschütterte vom Bord des Bouvet die stille Morgenluft , ohne jedoch zu treffen , während auf dem Meteor gleichsam zur Herausforderung von allen drei Masten die Toppflaggen lustig flatterten . Endlich aber konnte das deutsche Geschütz antworten . Auf dem Meteor blitzte es auf , und ein erster Gruß aus seinen Rohren pfiff durch das Takelwerk des Franzosen . Im gleichen Augenblick schien sich jedoch das Glück gegen die Deutschen zu wenden . Es erhob sich ein plötzlicher Wind , dem das Kanonenboot entgegenarbeiten mußte , während er andererseits den Bouvet mit schneller Fahrt auf die Breitseite des Feindes zutrieb . Das alles ereignete sich innerhalb weniger Minuten , und die Entfernung der beiden Schiffe verringerte sich auf dreihundert Meter , bevor man noch an Bord des Meteor die neue Lage richtig erkannte . Das Schlingern des weit kleineren Fahrzeuges war durch den aufkommenden Wind so stark geworden , daß kaum noch ein richtiges Zielen möglich war . Der Ernst des Augenblicks war unverkennbar . Der Kapitänleutnant behielt jedoch seine ruhige Geistesgegenwart . Er stand auf der Kommandobrücke und übersah mit sicherem Blick die Lage . » Ruhe « , befahl er mit tiefer Stimme . » Ruder hart Steuerbord ! Klar zum Entern ! « Der Befehl wurde sofort vollzogen . Robert , der dicht bei der Kommandobrücke stand , sah mit einer Art begeisterter Verehrung auf den Kommandanten , der so vollkommen ruhig und sicher die Lage überblickte . » Ein solcher Mann will ich werden ! « dachte er und packte sein Gewehr fester . Alles an Bord war totenstill , aller Augen sahen auf den Kommandanten . Durch die hochgehenden , fast tobenden Wellen brausten die beiden Schiffe aufeinander zu . Jetzt - jetzt kam die Entscheidung - - Nur noch Augenblicke , dann waren vielleicht fünfundsechzig Menschen in den Fluten des Meeres begraben , dann berichteten die Zeitungen von einem glänzenden Siege der Franzosen über das kleine preußische Kanonenboot Meteor . Und jetzt , - beide Fahrzeuge berühren einander - - Aber da fliegt ein befreiendes Lächeln über das Gesicht des Kommandanten - - Sein geübter Blick hatte ihn nicht getäuscht , er hatte richtig gehandelt . Im spitzen Winkel trafen beide Schiffe zusammen , es knirschte und krachte , die Bordwände berührten sich , nur wenige Sekunden lang sahen sich die Gegner aus nächster Nähe ins Auge , dann war die größte Gefahr vorüber . Niemand hatte Zeit gehabt , ans Entern zu denken . Jetzt aber eröffneten die Franzosen ein heftiges Gewehrfeuer , das von den Deutschen lebhaft erwidert wurde . Neben Robert fiel der Steuermann und stürzte , sofort getötet , auf die Decksplanken . Robert sah auf . Ein wilder Zorn hatte ihn gepackt . Er suchte mit den Augen auf dem Bouvet den Schützen und hatte ihn nur zu bald entdeckt . Halb von der Takelage verborgen lauerte der Mann und erhob schon sein Gewehr zum nächsten Schuß . Es war unverkennbar der Kapitän , auf den er zielte . Das erkennen und unbekümmert um die eigene Sicherheit zwischen die Kugel und ihr Ziel springen , war für Robert Sache eines Augenblicks . Er fühlte einen Schlag gegen die linke Schulter , so daß er für einen Moment schwankte , dann aber nahm er noch einmal seine Kräfte zusammen , legte an und gab Feuer . Wie damals in der Prärie der getroffene Adler , so stürzte der Franzose aus den Marsen herab . Ein lautes Bravo des Kapitänleutnants belohnte den gelungenen Schuß . » Sie haben für mich Ihr Leben in die Schanze geschlagen , Kroll « , sagte der Kommandant laut . » Ich danke Ihnen und werde es Ihnen nicht vergessen . « Robert wankte , aber ein Glücksgefühl , wie er es nie gekannt hatte , durchzog sein Herz . Schon nahmen ihn einige Matrosen , unter ihnen der blonde Maat , in ihre Mitte , um ihn ins Lazarett zu führen . » Laßt doch ! « stammelte er , » laßt nur - ich kann allein gehen . « Aber Gerber ließ nicht locker . » Du Tausendsassa , du Schwerenöter « , raunte er . » Kommt dieser Junge kaum an Bord , hat noch keinen Schuß abgefeuert und zeichnet sich schon vor allen aus . Na , das hätte aber leicht dein letzter Augenblick werden können . « Robert lächelte matt . » Es kam ja nicht auf mich an « , flüsterte er , » sondern auf den Kommandanten . « Und dann verließ ihn das Bewußtsein . Gerber trug ihn wie ein kleines Kind ins Zwischendeck , wo der Schiffsarzt mit seinem Assistenten bereitstand , um die Verwundeten zu verbinden . » Schnell , Herr Doktor « , bat der keuchende Unteroffizier , » bitte , sagen Sie mir , ob es schlimm ist . Ich möcht ' s gern wissen und muß doch wieder hinauf . « » Das Gewehrfeuer hat aufgehört « , bemerkte der Arzt , während er Roberts Kleider öffnete und die Wunde untersuchte . » Wie kommt das ? « » Gotts ein - - « Der gemütliche Maat hätte fast einen Kernfluch vom Stapel gelassen , aber er besann sich noch zur rechten Zeit , daß auch der Arzt ein Offizier sei , wenigstens dem Range nach , und verschluckte seinen energischen Satz , indem er laut sagte : » Zu Befehl , Herr Doktor , die Entfernung ist dafür zu groß geworden . Aber wie steht es denn mit der Wunde ? « » Die ist nicht gefährlich ! « entschied der Arzt . » Das Fleisch ist zerrissen und die Muskeln haben stark gelitten , - Knochen oder edlere Teile sind nicht verletzt . « Gerber lächelte sehr zufrieden . Er ergriff sofort seine Mütze und stürzte wieder hinauf . Oben an Deck hatte sich inzwischen die Lage völlig verändert . Bei der scharfen Berührung der beiden Schiffe waren die Boote vom » Meteor « vollständig weggerissen , die Fockraa abgebrochen und die Wanten zerschnitten , der Großmast aber durch den schweren eisernen Kranbalken des Franzosen sogar eingeknickt . Kurz darauf stürzte der beschädigte Mast um , riß den Besanmast mit sich und schlug die Kommandobrücke in Trümmer . Und nun entstand eine heillose Verwirrung . Die über Bord gegangenen Masten wurden vom Schiff an ihren Tauen nachgeschleift und hemmten dadurch die Fahrt fast vollständig . In diesem Augenblick hätte der » Bouvet « entern und den Kampf vielleicht gewinnen können , aber ein derartiger Versuch wurde von seinem Kommandanten nicht unternommen . Der » Meteor « machte jetzt kaum noch Fahrt , aber Kapitänleutnant Knorr gab deshalb nichts verloren . Er befahl , die Taue zu kappen , und gab der Geschützbedienung Anweisung , nach Möglichkeit auf den Dampfkessel des » Bouvet « zu zielen . Der Schuß krachte und alle sahen gespannt zu dem feindlichen Schiff hinüber . » Er versucht zu entkommen ! « murmelte der Kapitänleutnant und stampfte mit dem Fuß auf , » noch eine halbe Stunde , und der Hafen ist erreicht ! « Aber da sahen plötzlich alle eine weiße Wolke , die sich rings um das Schiff verbreitete , stärker und stärker anschwoll und endlich den » Bouvet « ganz einhüllte . Es konnte nicht zweifelhaft sein , daß die Maschine getroffen war . » Hurra ! « kam es aus hundert Kehlen . » Hurra , das war ein Treffer ! « Der » Hernan Cortez « , der sich immer ganz in der Nähe des » Meteor « gehalten hatte , setzte ein Boot aus und wollte mehrere Ärzte sowie Erfrischungen und Verbandmittel an Bord des deutschen Kriegsschiffes bringen , aber Kapitänleutnant Knorr lehnte mit höflichem Dank jede Hilfeleistung ab , einmal um zu zeigen , daß auf seinem Fahrzeug alles in Ordnung sei , zum andern aber auch , um bei der Verfolgung des bewegungsunfähig gewordenen Franzosen keine Zeit zu verlieren . Noch immer war der » Bouvet « in eine weiße Wolke gehüllt , noch immer lag er auf demselben Fleck , aber auch der » Meteor « hatte genug zu tun , um die Schraube von Splittern und Tauwerk zu reinigen und alles zu kappen , was auf beiden Seiten die Fahrt hinderte . Der Kapitänleutnant ging von einer Seite zur andern wie ein Löwe im Käfig . » Wir müssen entern ! « wiederholte er , » wir müssen ihn nehmen ! « Aber es kam anders . Die Maschine des » Bouvet « war zerstört , das Dampfrohr durchschossen und die Fahrt gehemmt , doch gerade , als die Schraube des » Meteor « wieder voll in Tätigkeit getreten war , hatten die Matrosen des » Bouvet « Segel gesetzt , und nun begann die Flucht nach dem Hafen von Havanna . Mit voller Kraft arbeitete die Maschine des » Meteor « , aber - die Entfernung zwischen beiden Schiffen wurde größer und größer , die Kugeln des Buggeschützes auf dem Kanonenboot konnten den » Bouvet « nicht mehr erreichen , und die Verfolgung mußte aufgegeben werden . Außerdem verkündete ein Schuß vom Bord des » Hernan Cortez « , daß jetzt das Gebiet des Hafens wieder erreicht sei , also mußte nach dem Völkerrecht der Kampf eingestellt werden . Nach einer halben Stunde lagen beide Schiffe wieder friedlich nebeneinander auf ihren alten Plätzen . Robert hatte während dieser ganzen letzten Zeit körperliche und seelische Qualen zu bestehen . Sein Bewußtsein kehrte schon unter den Händen des Arztes zurück , und die Schmerzen , die er ertragen mußte , waren furchtbar , aber mehr noch verlangte er danach , über den Verlauf des Kampfes Genaueres zu hören . Von Zeit zu Zeit kam jemand ins Zwischendeck , und dann fragte der Arzt solange , bis er - und mit ihm Robert - alles gehört hatte . Erst als die Ankerketten durch die Klüsen rasselten und nun auch der Doktor Zeit fand , sein gelehrtes Haupt aus der Decksluke hervorzustrecken , erst dann legte sich Robert auf die Seite , um zu schlafen . Als ihn der Arzt in Begleitung des Kapitäns am Abend noch einmal besuchte , und als der Kommandant lange und freundlich mit dem jungen Freiwilligen gesprochen hatte , da meinte Gerber , aber er behielt es für sich , daß doch der verteufelte , siebenmal übersegelte und von neun Millionen Haifischen gefressene Bursche , der Kroll , ein wahres Glückskind sei . » Um diese Wunde beneide ich ihn « , dachte er , » sie ist eine - hm - na , ich will sie eine Schicksalswunde nennen . Hast du nicht gesehen , wird die Beförderung zum Maaten hinterdreinfliegen , wenn auch der Herr Freiwillige eben erst ausexerziert hatte , als die Geschichte losging . « Und der gemütliche Maat sollte recht behalten . Als Robert mit dem Arm in der Binde , blaß und abgemagert , nach vier Wochen wieder umhergehen konnte , da kam aus Kiel ein Telegramm , in dem Kapitänleutnant Knorr das eiserne Kreuz verliehen wurde , und das außerdem mehreren Leuten eine Beförderung brachte . Robert wurde , wie es Gerber vorausgesehen hatte , richtig zum Maaten ernannt , obgleich der Kapitänleutnant lächelnd dieser Nachricht hinzufügte , wenn die da in Kiel ganz genau wüßten , wie kurz er erst - - Robert erlaubte sich gegen alle Dienstordnung seinen Vorgesetzten zu unterbrechen . » Der ganze Winter wird ja vergehen , bis die Ausbesserungsarbeiten am Meteor beendet sein können «