den Adam Steinert auf Marienau war das eben keine große Sache . Zwölftes Capitel Wie seine Dienerschaft und seine Beamten den Freiherrn verändert gefunden hatten , so ward der Caplan , als man ihn nach seiner Ankunft zu der Baronin führte , durch ihren Anblick in Erstaunen gesetzt , wennschon er es verstand , ihr diesen Eindruck zu verbergen . Aber es war nicht allein ihre körperliche Schwäche , die ihn überraschte , es war etwas Fremdes in sie gekommen , das er sich nicht gleich zu deuten wußte . Während es ihm bedünken wollte , als habe sie jenen ihr schon als junges Mädchen eigenthümlichen Ausdruck gebietender Vornehmheit verloren , hatte sie doch an Sicherheit und Bestimmtheit in ihren Aeußerungen gewonnen , und er vermißte an ihr die freiwillige Unterordnung , mit welcher sie ihm sonst genaht war . Nach dem Briefe , welchen der Caplan von dem Freiherrn erhalten , hatte er nicht anders glauben können , als daß es der Baronin um seinen geistigen und geistlichen Beistand zu thun sei , daß sie zu beichten und das Abendmahl aus seiner Hand zu empfangen begehre . Indeß wie erfreut sie sich über seine Ankunft auch bezeigte , sagte sie ihm dennoch , daß sein Ausbleiben ihr wohl gethan habe , und daß sie glaube , ihr Alleinsein in diesem fremden Hause sei ihrem Seelenheile förderlich gewesen . Als der Caplan zu wissen begehrte , wie sie dies meine und in welcher Weise der Umgang mit ihren Pflegern ihren Sinn gewandelt habe , versetzte sie : Auf die einfachste Weise von der Welt ! Hätte ich Sie , mein Freund , hier gehabt , da ich zu sterben glaubte , so hätte ich mich Ihnen , wie immer , mit allen meinen Schmerzen und Sorgen in die Hand gegeben und nur an mein eigenes Heil , an meinen Trost gedacht , und Sie würden vielleicht in Ihrer mitleidigen Barmherzigkeit mir nicht gesagt haben , daß auch in dem Verlangen nach geistiger Erhebung und Vervollkommnung sich die Selbstsucht des hochmüthigen Menschenherzens verbergen kann . Hier aber habe ich unter Menschen gelebt , von denen , wie ich glaube , sich keiner mit der eigentlichen Sorge um sein Seelenheil beschäftigt . Herr Flies und seine Frau haben bis in ihre jetzigen Jahre hinein so viel Nothwendiges zu thun gehabt , daß ihnen keine Zeit geblieben ist , über sich selbst nachzudenken ; und Seba lebt so ausschließlich für die Befriedigung der Anderen , daß sie die eigene darüber ganz vergißt , oder daß sie dahin gekommen ist , ihre Zufriedenheit in dem Wohlbefinden Anderer zu genießen . Der Caplan wandte ihr ein , daß sie in Gefahr stehe , Gleichgültigkeit gegen das geistige Leben mit Seelenfrieden und Gewissensfreudigkeit zu verwechseln ; aber sie wollte dies nicht zugestehen . Ich habe Herrn Flies einmal gefragt , sagte sie , wie er es angefangen habe , sich seine beschauliche Ruhe und Klarheit anzueignen . Und was hat er Ihnen geantwortet ? erkundigte sich der Geistliche , dem daran gelegen sein mußte , die Leitung über das Herz der durch ihn bekehrten Frau nicht zu verlieren . Ich habe an jedem Tage nach bestem Wissen meine Schuldigkeit gethan , hat er mir gesagt , und habe also immer die Zuversicht in mir getragen , auf dem richtigen Wege zu sein . Der Caplan machte eine Bewegung mit dem Kopfe , die es kund gab , daß er diese Antwort vorausgesehen hatte , und meinte danach : Darin verbirgt sich die Selbstzufriedenheit aller derer , welche glauben , durch ihre eigene Kraft zur Seligkeit gelangen , welche meinen , mit guten Werken , die in der Religion der Juden eine große Rolle spielen , den Himmel erwerben zu können . Aber es ist nicht nur das Thun , das selig macht , es ist .... Zum ersten Male ließ Angelika ihren geistlichen Freund seinen Ausspruch nicht vollenden , und lebhafter als er es von ihr gewohnt war , rief sie : Nein , es ist gewiß und allein das Thun und nicht das Streben , das Vollbringen und nicht das Wollen , die uns glücklich , die uns selig machen ! Ich habe das hier in meiner Einsamkeit und in meinem Leiden tief empfunden ! Was habe ich nicht Alles gedacht und wie Weniges gethan ! Mit den großen Fragen und Geheimnissen habe ich mich beschäftigt , in welche wir kurzlebigen Geschöpfe uns hineingebannt fühlen , wenn wir über die enge Schranke unseres Daseins hinauszublicken wagen ; von meinen widerstrebenden Gefühlen hin und her getrieben , habe ich mich nur um mein Empfinden , um mein Seelenheil gesorgt , und es darüber ganz und gar versäumt , für das Heil derjenigen zu sorgen , die Gott in meinen Lebensweg gestellt hat , oder etwas zu leisten , was mich hätte in der Erinnerung trösten und aufrichten können . Und an Niemandem hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt , als an dem Knaben , den wir jetzt vergebens suchen . Das Schicksal Paul ' s , von dessen bisherigem Leben und von dessen Verschwinden sie sich durch Seba ausführliche Kunde verschafft hatte , das weltliche Ergehen ihrer Familie lagen ihr vor allem Anderen am Herzen und namentlich beschwerte die Erinnerung an Paul ihr das Gewissen . Sie nannte es einen schweren Fehler , daß sie immer nur dasjenige zu lieben vermocht habe , was ihr eigen gewesen sei , was sie durch ihre Selbstsucht mit ihrem Herzen vermitteln können , während ihr jetzt von Fremden die uneigennützigste Menschenliebe zu Theil geworden sei - von Fremden , die sie um ihres Stammes und um ihres Glaubens willen so tief unter sich gewähnt . Und an Niemandem , wiederholte sie , hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt , als an dem armen Knaben , welchen wir jetzt vergebens suchen . Ich habe es in meiner Eifersucht und in meiner ungerechten Verachtung gegen die Mutter dieses Knaben einst hochmüthig verschmäht , ihm die Stelle in dem Hause meines Gatten einzuräumen , die ihm gebührte , die sein Vater ihm gewähren wollte . Das hat sich nun gestraft ; sein bloßer Anblick hat mich gedemüthigt , wie ich ' s verdiente . Damit ein Kind so vollständig die Züge seines Vaters wiedergiebt , so völlig seines Vaters Ebenbild werde wie dieser Knabe , muß viel Liebe zwischen den Eltern desselben geherrscht haben , mehr Liebe , mehr Hingebung , als der Freiherr und ich für einander in der Zeit empfanden , welche unserem Sohne das Leben gab . Wenn ich unseren Renatus betrachte , der seinem Vater so wenig ähnlich sieht , kommt er mir neben jenem Sohne meines Gatten wie ein Enterbter , komme ich selbst mir neben der unglücklichen Mutter Paul ' s wie die Unglücklichere vor , denn sie besaß sicherlich die Neigung des Barons weit mehr , als ich . Paul ist im wahren Sinne des Wortes ein Kind der Liebe , und er wird wiederkommen ! Sein keckes , stolzes Antlitz verbürgt ihm das Glück , das solchen Kindern eigen sein soll ! Der Caplan hatte nicht im entferntesten voraussehen können , ein Urtheil wie dieses von der Baronin zu vernehmen , weniger noch , daß sie diese Verhältnisse in Seba ' s Anwesenheit besprechen würde . Ausschließlich wie die Kaste , in welcher sie geboren war , hatte Angelika früher Alles , was ihre und der Ihrigen Lebensverhältnisse betraf , der Kenntniß und dem Urtheile dritter Personen zu entziehen gestrebt ; jetzt nannte sie diese Art der Zurückhaltung eine Maskerade vor sich selbst . Denn , sagte sie , ich täuschte damit nur mich , und ich habe hier erfahren , daß Fremde wußten , was ich vor mir selbst verbarg . Ich habe eine schwere Lehrzeit durchgemacht , aber sie ist nicht an mir verloren gewesen . Obschon ich schwach bin , gehe ich doch gekräftigt aus ihr hervor . Der Ausspruch : Wen der Herr liebet , den züchtigt er ! der mir sonst immer hart und darum der göttlichen Liebe nicht angemessen erschienen ist , hat sich mir zu einer Wahrheit erhoben . Dafür danke ich Gott , und ich werde auch von Ihnen , mein theurer Freund , künftig nicht mehr fordern , was Sie mir nicht gewähren können , was man sich selbst erringen oder entbehren muß ! Und was hätten Sie derart gefordert ? fragte der Caplan , der immer vorsichtiger und achtsamer wurde , je weniger er im ersten Augenblicke den Gemüthszustand der Baronin zu beurtheilen vermochte . Welches Verlangen hätten Sie gestellt , das Ihnen aus der Gnadenfülle unserer trostesreichen Kirche nicht befriedigt werden können ? Ich verlangte .... Sie hielt inne , schien zu überlegen und sagte danach , als wolle sie ihrem Berather keinen Zweifel über sich lassen : Ich verlangte Vergessenheit - und ich habe sie nicht gefunden ! Der Caplan lächelte , als sähe er ein Kind seine Händchen begehrlich nach der Mondessichel erheben . Freilich , sagte er , der Lethestrom ergießt seine Wellen nicht durch die christliche Welt , er ist versiegt ! Aber , fügte er mit ganz verändertem Tone und mit gehobener Haltung hinzu , aber flösse er auch reich und voll vor unseren Lippen , wie dürften wir begehren , daraus zu trinken ? Wie dürften wir Vergessenheit verlangen für irgend etwas , das Gottes Rathschluß uns erleben ließ ? Ich erkenne Sie und Ihren gottergebenen Sinn in diesem Wunsche nicht wieder , meine theure gnädige Frau ! Der Caplan verstand die Kunst , die Menschen sprechen und schweigen zu machen , und die Baronin fühlte diese seine Macht . Ohne noch ermessen zu können , ob es der Einfluß ihrer nichtchristlichen Umgebung , ob es ein Erwachen ihrer protestantischen Erinnerungen oder eine Folge ihrer eigenen einsamen Grübelei sei , welche die Baronin zu einem von seiner Führung unabhängigen Gedankengange verleitet hatten , hielt er es für angemessen , sie wenigstens von dem Aussprechen ihrer Gedanken abzuhalten , denn das Wort ist gestaltend und das Gestaltete ist lebendig und tritt , uns selber bannend , für und wider uns auf . Und wie es wahr ist , daß nur derjenige frei bleibt , der zu schweigen versteht , so ist es eben so wahr , daß man den Menschen hindern muß , sich seine Gedanken festzustellen , wenn man die Herrschaft über ihn mit Leichtigkeit behaupten will . Er ließ eine geraume Weile im Stillschweigen vergehen ; dann fragte er , als falle es ihm unmöglich , sich in die Vorstellung der Baronin hinein zu versetzen : Und was war es denn eigentlich , das Sie so dringend zu vergessen wünschten ? Angelika hatte , in ihren Ruhesessel zurückgelehnt , in stiller Betrachtung vor sich niedergesehen , aber bei der Frage des Caplans richtete sie das Haupt empor und entgegnete : Es ist mir wunderbar , ganz wunderbar zu Muthe . Ich fühle , als wären wir lange , lange getrennt gewesen . Eine Krankheit wie die meinige , in der man vom Leben zu scheiden glaubt , bildet einen tiefen Abschnitt in unserem Dasein , sondert uns von unserer Vergangenheit , hebt uns über sie und über uns selbst hinaus . - Ich weiß Ihnen das Alles kaum zu erklären , weiß es mir selber kaum zu deuten , und stehe doch vor lauter Erfahrungen , die ich mir nicht wegleugnen kann - auch wenn ich es wollte . Es sieht mich Alles fremd an , wenn ich auf die letzten Jahre meines Lebens zurückblicke ; es kommt mir Alles , selbst kürzlich erst Erlebtes , unwahrscheinlich , ja unmöglich vor . Ich sehe die Dinge , die Menschen anders als bisher , und , warum sollte ich es Ihnen verschweigen , selbst Sie , selbst Ihre Stimme , selbst Ihre Worte klingen meinem Ohre so fremd , daß ich Mühe habe , mich darein zu finden ; auch Ihre Frage befremdet mich . Des Caplans Miene wurde ernster und strenger . Sein milder Sinn , sein nachsichtiges Herz hatten es doch früh gelernt , die Herrschaft über die Geister als eine Befriedigung zu empfinden , und er war zu sehr von der wohlthätigen Wirkung überzeugt , welche die den Geist beschränkende Zucht seiner Kirche über die Menschen ausübt , um die Herrschaft , welche er gewonnen und besessen , wieder aus der Hand geben zu mögen . Der Frevel gegen das Heiligenbild und der in Richten an einer schuldlosen Bekennerin des katholischen Glaubens von den Lutheranern verübte Todtschlag , selbst die Art und Weise , mit welcher der Freiherr das Ereigniß aufgenommen , hatten des Caplans Seele doch mehr erbittert , als er sich dessen bewußt war , und die Art von Auflehnung gegen seine Führung , mit der die bis dahin so fügsame Baronin ihm entgegentrat , erinnerte ihn zur rechten Zeit daran , daß Herrschaft , um wirksam zu sein , keine Unterbrechung erleiden darf . Ich glaube es wohl , sagte er , daß meine Stimme Ihnen fremd geworden ist , daß meine Frage Sie befremdet . - Denn es müssen verlockende Weisen gewesen sein , mit denen Sie Ihrem Herzen schmeichelten , bis es zu solcher Selbstzufriedenheit gelangen , bis Sie glauben konnten , der leitenden Hand fortan entbehren , zu können , der Disciplin entwachsen zu sein . - Er schüttelte mitleidig das Haupt : Sie wähnten , auf sich selbst bauen zu können , und haben es verlernt , sich selbst zu prüfen , sich selbst die nothwendigsten Fragen ehrlich vorzulegen und wahrhaft zu beantworten . Deßhalb befremdet Sie meine bestimmt gestellte Frage ; deßhalb auch , gnädige Frau , klingt Ihnen meine Stimme , die Stimme der Wahrheit , jetzt wie eine fremde ; deßhalb weichen Sie der Antwort aus . Aber ich bin im Stande , mir diese Antwort selbst zu geben . Sie haben .... Angelika wollte ihn unterbrechen ; der Caplan gab es nicht zu . Sie sind krank , meine arme , theure Freundin , sagte er ; eine lebhafte Gereiztheit steigert Ihre Ausdrücke , daß auch Sie mir wie verwandelt scheinen , und ich möchte Sie hindern , von sich auszusagen , was Sie reuen könnte . Lassen Sie mich Ihnen ein Bild Ihres Seelenzustandes geben , wie er mir erscheint , und es soll Ihnen nicht benommen sein , mich des Irrthums zu überführen , wo ich ihn begehe . Er rückte an den Sessel der Baronin heran , legte seine Hand auf die Lehne , auf welcher sie die ihrige ruhen ließ , und sprach mit dem Tone eines ruhigen Berichterstatters : Sie sind in diesen Tagen der Einsamkeit Ihr Leben durchgegangen , haben sich und Andern - die Baronin schüttelte verneinend das Haupt , und der Caplan ersah mit Befriedigung daraus , daß er es nur mit ihr zu thun habe - haben sich Ihre Schicksale zergliedert und haben sich gesagt : ich war nicht glücklich , wie ich es erwarten durfte , mir ward ein schweres Loos zu Theil , ein Loos , das groß und würdig zu tragen über meine Kräfte ging . Wie durfte die göttliche Allwissenheit mir ein solches zuerkennen , ohne daß die göttliche Gerechtigkeit dadurch beeinträchtigt wurde ? - Er sprach langsam und ohne sein Auge von der Baronin zu entfernen , die lautlos vor sich niedersah , während ihre Wangen sich rötheten und ihr Athem sich schneller hob . Die Hand langsam von der Lehne des Sessels erhebend und auf ihren Arm legend , fuhr er immer mit derselben Ruhe fort : Sie hatten hier eine anscheinend glückliche Familie um sich , Sie erfreuten sich ihrer Hülfe - Familienliebe dünkte Sie , in Ihrer augenblicklichen Hülfsbedürftigkeit , als das höchste , das erstrebenswertheste Gut - und Sie sind durch Gottes Sie erleuchtenden Rathschluß von Ihrer angeborenen Familie getrennt worden , ohne in dem Herzen Ihres Gatten gerade jenem Sinne für Familienleben und Familienliebe zu begegnen , nach denen es Sie verlangte . Darin erblickten Sie einen Mangel an göttlicher Gerechtigkeit .... Nein , o nein ! rief die Baronin , nicht darin .... Hören Sie mich zu Ende , begehrte der Caplan . Ich weiß es , nicht darin allein glaubten Sie einen Mangel an göttlicher Gerechtigkeit zu erblicken . Aber daß Sie früh dazu bestimmt waren , die Schuld und die Versündigung des Freiherrn theilend tragen zu müssen , daß Sie , der Liebe zu einem gleichaltrigen Manne entbehrend , die ganze Kraft Ihres Herzens erst kennen lernten , als es für Sie nicht mehr gestattet war , über Ihr Herz zu verfügen ; daß Ihre Neigung sich einem Manne zugewendet hat , der sie nicht erwiderte , einem Manne , dem Sie nie angehören konnten , auch wenn Sie ihm in der vollen Freiheit Ihrer Jugend begegnet wären - daß Sie kämpften , sich besiegten , ohne die Frucht Ihres Sieges in dem Frieden Ihrer Ehe zu genießen ; daß Sie schuldig schienen , ohne es zu sein ; daß des Freiherrn Glaube Ihnen nicht vertraute ; daß sein beleidigter Stolz keine Versöhnung zwischen Ihnen zuließ , wie Ihr Herz sich auch in Reue vor ihm demüthigte - das Alles machte Sie zweifeln an der allweisen Gerechtigkeit des Herrn . - Und , fuhr er fort , während sein Auge zu leuchten begann , hier auf dem einsamen Lager , verlassen von dem Beistande der religiösen Tröstung , den zu entbehren Ihr Herz noch viel zu schwach war , hier in dem Hause , nach welchem Ihre irrende Empfindung sich oft mit sträflicher Liebe hingesehnt , weil der Mann hier weilte , dem Sie Ihre Liebe zugewendet hatten , hier trat die Versuchung abermals an Sie heran , und von ihr verleitet , haben Sie sich gesagt : Ich habe gelitten , nicht gefehlt ! Ich bin unglücklich gewesen und nicht schuldig ! Ich habe vergessen wollen und es nicht vermocht ! Ich bin also nicht verantwortlich für das , was über meine Kräfte geht ! All mein Streben nach Vollendung hat mich nicht beglückt und diejenigen nicht beglückt , die zu beglücken ich gewünscht habe ! Hier sind zufriedene Menschen , die nicht über sich denken und hinleben in gleichgültiger Gedankenlosigkeit ; ich will hingehen und werden wie sie ! Ich will werkthätig werden wie sie und meine geheimen Neigungen nicht prüfen , ich will den Menschen wohlthun , dem Tage leben , der Zeitlichkeit leben , wie diese Familie hier , und wenn dann meine Stunde schlägt , so will ich hintreten vor den Thron des Herrn und ihm sagen : Du hast mich geschaffen mit meiner Schwäche und Sündhaftigkeit , du hast die Versuchung in meinen Weg gestellt , ohne mir die Kraft des freudigen Siegens zu geben ; dein ist meine Schuld , nicht mein - ich wasche meine Hände in Unschuld ! Er hätte noch lange so fortsprechen können , ohne daß die Baronin ihn unterbrochen haben würde . Sie hatte ihre Hände auf ihren Knieen gefaltet , ihr Haupt ruhte auf ihren Händen . Wie die Stimme des Gerichtes tönten die langsam und gewichtig gesprochenen Worte des Geistlichen auf sie hernieder , sie glaubte eine Offenbarung zu vernehmen , ein Wunder zu erleben ; denn dies Alles , eben dies Alles hatte sie sich gesagt , diese Zweifel hatten ihr Herz bewegt , zu diesen Schlüssen hatte es sie gedrängt . Wie ein Erleuchteter , ein Seher erschien ihr der Mann , der also ihre innerste Seele erkannte . Sie war wieder völlig willenlos in seine Hand gegeben . Freilich hatte er ihr Nichts gesagt , als was sie ihm seit Jahren immer und immer wieder in ihren Bekenntnissen anvertraut , und doch traf es sie wie mit einem Zauber ; denn der Mensch , wie oft er sich auch seine eigene Seele zergliedert und enthüllt , ist sich neu und überraschend , wenn ein Anderer ihm das Bild entrollt , das er diesem selbst geliefert hat , und in der Ueberraschung vergißt er , daß er dies gethan . Der Caplan hatte seinen Sitz verlassen . Hoch und ruhig auf die Gebeugte niederblickend , hütete er sich , sie zu erheben . Er wußte , daß er sie zu schonen hatte , und die Baronin war ihm theuer ; aber auch jetzt wieder empfand er , was er sich als einem der Glieder jener großen hierarchischen Verbrüderung schuldig sei , die sich die Herrschaft über den Menschengeist als ihr angestammtes Erbe und Recht zuerkennt . Es war nicht sein persönliches Belieben und Empfinden , es war nicht nur das Wohl und Wehe , nicht nur die Unterwerfung dieser einen , am Abhange ihres Lebens stehenden Frau , mit denen er es zu thun hatte . In dieser Frau hatte er das Geschlecht derer von Arten an der Kirche und in der Kirche festzuhalten ; aus ihrer Hand mußte und konnte er am sichersten die Machtvollkommenheit über den Knaben gewinnen , der bestimmt war , den stolzen Namen fortzupflanzen ; und wäre das auch nicht gewesen - er schuldete es sich und seiner Kirche , eine Seele in ihren Banden festzuhalten , die ihr einmal gewonnen worden war und deren Bekehrung seiner Zeit viel von sich sprechen machen . Es war still in dem Zimmer ; der Caplan stand sinnend an der Seite der Baronin . Da er sie also in sich versunken sah , reichte er ihr die Hand . Es ist jetzt an Ihnen , meine arme Freundin , sprach er , mich meines Irrthums , wie ich Sie bat , zu zeihen , wenn ich mir einen solchen zu Schulden kommen ließ . Sie hob ihr Antlitz in die Höhe , es war von Thränen überströmt . O , Vergebung , Vergebung ! war Alles , was sie sagen konnte , denn ein krampfhaftes Weinen unterdrückte ihre Worte . Seba , die sich während dieser Unterredung im Nebenzimmer aufgehalten , trat , ohne eine Aufforderung abzuwarten , in die Thüre . Der Ton der Weinenden gab ihr nach ihrer Meinung ein Anrecht dazu , denn sie hatte einzustehen für das Befinden der ihr anvertrauten Kranken . Um Gottes willen , was ist geschehen ? rief sie , unbeirrt durch die gebietende Erscheinung des Caplans , indem sie auf die Baronin zueilte und an ihrem Sessel niederknieete . Nichts , nichts ! entgegnete Angelika mit sanfter Abwehr . Nichts ? wiederholte Seba , während ihre klugen Augen sich von der Kranken zu dem Geistlichen und von diesem zu der Kranken wandten . Nichts - und Sie weinen , daß es Ihnen den Athem versetzt , und Ihre Hände sind so kalt ? - Sie wollte auffahren in ihrer zornigen Besorgniß , aber sie überwand sich , und mit schneller Ueberlegung sich an den Geistlichen wendend , sagte sie : Herr Caplan , wir haben die Ehre , Sie unsern Gast zu nennen , und sind sehr glücklich darüber ; da man aber mit seinen Gästen doch in Frieden und Freundschaft leben soll , lassen Sie uns ein Abkommen mit einander treffen ! Dem Caplan , der mit erprobtem Scharfblicke in der ganzen Haltung Seba ' s die Entschlossenheit eines festen Herzens erkannte und der von der Baronin bereits erfahren hatte , wie sehr diese für ihre Pflegerin eingenommen war , kam es darauf an , in Angelika keine Art von Mißtrauen gegen ihn aufkommen zu lassen . Er hielt sie wieder fest in seiner Hand , und er war wie immer gern bereit , ihr so viel Freiheit der Bewegung zu vergönnen , als er ihrem Heile angemessen glaubte . Es war sonst nicht in seiner Art , ähnlichen Aufrufen , wie Seba an ihn richtete , mit Leichtigkeit zu begegnen . Die Sprache der Galanterie , die er mit seiner Würde unvereinbar fand , hatte seinem Ernste ohnehin nie zugesagt und lag ihm jetzt noch ferner ; aber er ging , von einer plötzlichen Ueberlegenheit bestimmt , auf Seba ' s Forderung freundlich ein und versicherte , daß er sehr bereit sei , jeden von ihr gemachten Vorschlag anzunehmen , wofern er ihm entsprechen könne . O , gewiß , rief sie , Sie können es , nur ein wenig Güte und ein wenig Selbstverleugnung sind dazu vonnöthen ! - Sie kauerte neben Angelika ' s Sessel auf einem Schemel nieder und sagte lächelnd : Aber ich muß weit , sehr weit ausholen dürfen ! Und wie weit ? fragte der Caplan , dem die Achtsamkeit nicht entging , mit welcher die scherzende Seba in den Mienen der Baronin zu lesen trachtete . Von der Schöpfungsgeschichte an , entgegnete sie ; denn wie Juden und Christen in ihren religiösen Meinungen und Vorstellungen auch aus einander gehen , die Erzählung von der Reihenfolge , in welcher Gott die Welt erschaffen hat , die haben sie gemein , und .... Und ? wiederholte der Caplan , dem Seba ' s geflissentlich spielendes Plaudern nur einen erhöhten Begriff von ihrer willensstarken Klugheit gab . Und , sprach sie , sichtlich zufrieden mit sich und mit dem Eindrucke , den sie auf den Caplan machte , und es steht geschrieben : erst als Gott der Herr den Körper Adam ' s in Kraft und Schönheit vor sich sah , hauchte er ihm den Odem seines Geistes ein ! Der Caplan konnte seine Ueberraschung über diese Wendung nicht verbergen . Er verneigte sich vor Seba mit der Versicherung , daß er sich diese Aufklärung zu Nutze machen werde . Sie that , als höre sie nicht , daß er sie verspotte , und sich von ihrem Schemel aufrichtend , rief sie mit einem Tone leichtfertiger Zuversicht : Thun Sie das , beherzigen Sie mein Gleichniß , hochwürdiger Herr , denn ich mache sonst von dem Rechte Gebrauch , das mir der Freiherr und der Arzt einräumten , als sie die Frau Baronin mir und meiner Pflege übergaben : ich lasse Niemanden zu ihr ein , der ihr irgend eine Aufregung verursacht ! Sie haben starke Begriffe von Autorität , ich achte das , entgegnete der Caplan , dem der Charakter dieses Mädchens immer bedeutender erschien , und Sie sind geneigt , Ihre zufällige Herrschaft zu gebrauchen , wie mir scheint ! Die Baronin wollte einlenken , weil sie fürchtete , Seba könne dem Caplan mißfallen ; aber diese war gewohnt , sich selbst zu helfen . - Wollen Sie mich tadeln , wenn ich zu genießen suche , was noch mein , nur noch wenige Tage mein ist ? fragte sie . Bis Mademoiselle Marianne eintrifft , gehört die Frau Baronin mir , und ich habe für ihr Wohlbefinden einzustehen . Es wird nicht lange dauern , und - die Augen wurden ihr feucht , obschon sie lächelte - mein Regiment ist aus ! Dann , Herr Caplan , dann thun Sie Alles , was Ihnen geboten scheint , nur unter meiner Obhut , nur hier , soll meine Kranke heiter sein , soll die Frau Baronin nicht so weinen ! Sie weinte aber selbst , während sie diese Worte sprach . Die Baronin hatte ihr die Hand gereicht , Seba drückte sie an ihre Lippen . Der Caplan war jeder Bewegung , jeder Miene Seba ' s gefolgt . Er sah die Zärtlichkeit , mit welcher die Baronin an ihrem Munde hing , die Sorge , mit der sie auf den Eindruck achtete , den des Mädchens dreister Freimuth auf ihn machen würde , und er war zu klug , um sich in einen Kampf einzulassen , den er vermeiden konnte , ohne dadurch zu verlieren . Denn einen Streit mit einem nicht ebenbürtigen Gegner aufnehmen , heißt diesen erheben , indem man sich erniedrigt , und der Caplan besaß die vorsichtige Selbstbeherrschung des Clerus , dem er angehörte . Er verstand zu warten , aber er verstand mehr als das : er kannte die Menschen und hatte früh gelernt , sie zu beobachten . Er hatte Seba gesehen , da sie eben in das jungfräuliche Alter getreten war , und ihr sanftes , schüchternes Wesen hatte damals nicht errathen lassen , zu welcher Kraft und Entschlossenheit sie sich entwickeln würde . Es mußten besondere Umstände mitgewirkt haben , ihr dieses Charaktergepräge aufzudrücken und sie in solcher Weise über ihre Jahre und ihre Lebensverhältnisse zu erheben . Sie hatte nicht jene Weichheit , welche das Mädchen zu kennzeichnen pflegte , sie besaß die ganze Sicherheit einer vom Leben geprüften und durch dasselbe gereiften Frau . Sich unterordnend und liebevoll dienend , war sie doch die Herrschende in ihrem Vaterhause , und auch ihr Einfluß auf Angelika war unverkennbar . Wie aber war sie zu der Selbstbeherrschung gelangt , welche ihr die Macht über Andere sicherte ? Denn nur derjenige , welcher seiner selbst gewiß ist , erlangt eine Gewalt über die Anderen . Fast gegen seinen Vorsatz hatte er sein klares Auge scharf auf sie gerichtet , und sie ertrug und erwiederte seinen Blick mit Festigkeit . Nur ihre Wangen färbten sich , und der Mund , jener schwer zu beherrschende Verräther unserer Gedanken , zuckte leise , wie in stolzem Trotze . Der Caplan glaubte genug gesehen zu haben , und senkte mild die Lider , während er sich mit freundlichem Worte für diesen besonderen Fall als von ihrer besseren Einsicht und größeren Sorgfalt überwunden nannte . Ja , er ging noch weiter ; er erbot sich , um jede angreifende Unterhaltung zu vermeiden , die Baronin , so lange sie in Seba ' s Obhut sei , nur in deren Beisein zu sprechen , denn er wisse , wie hoch ein gewissenhaftes Herz übernommene Verpflichtungen halte , und wie liebevoll man über ein Leben wache , das man mit Mühe und Aufopferung in einem geliebten Menschen zu erhalten gestrebt habe . Die Baronin reichte ihm dankbar die Hand ; sie hatte gefürchtet , daß der Caplan sich erzürnen , daß er sich gegen Seba aussprechen könne , und sie liebte Seba . Niemals war eine Freundschaftsversicherung , niemals ein Geständniß gegenseitiger Zuneigung zwischen den