klare Bild der Kampfesscene drängte sich immer wieder in den Vordergrund ; der Triumph , seinen Todfeind so gänzlich besiegt zu haben , wurde durch den Gedanken verbittert , daß Helene trotzdem noch immer nicht frei sei . Das quälte ihn fast noch mehr , als die heftigen Schmerzen , die er , sobald er nur einigermaßen zur Ruhe gekommen war , in der Seite empfand , und die gar nicht nachlassen wollten , ja , wie es schien , nur immer heftiger wurden und sich von einem anfänglich kleinen Punkte aus immer weiter verbreiteten . Es war eine lange , bange Nacht für den unglücklichen Knaben , diese kurze Sommernacht . Gegen Morgen ließ ihn die Müdigkeit in einen Zustand verfallen , der sich vom Wachen nur dadurch unterschied , daß noch fürchterlichere Bilder durch sein Gehirn jagten . Er fuhr , vom Schmerz geweckt , wieder auf ; er versuchte sich zu erheben , um Oswald zu wecken , der in dem Zimmer nebenan schlief - Malte schlief schon seit Wochen unten - aber er vermochte es nicht . Endlich - es dauerte lange , bis sein Stolz sich dazu entschließen konnte - rief er Oswald ' s Namen . Ein paar Augenblicke später war Oswald an seinem Bette . Er erschrak , als er den Knaben erblickte , in dessen Gesicht diese eine Nacht furchtbare Verwüstungen angerichtet hatte . Das schwarze Haar hing in verworrenen Locken über das bleiche Gesicht , die dunklen Augen waren tief in den Kopf gesunken und glühten im Fieber . Gieb mir Wasser ! rief Bruno , sobald Oswald in seine Kammer trat . Um Gotteswillen , was ist dies , Bruno ? sagte Oswald , während der Knabe gierig von dem Wasser , das er ihm reichte , trank . Warum hast Du mich nicht früher gerufen ; so schlimm ist ja der Anfall noch nie gewesen . Es ist nicht der alte Schmerz , sagte Bruno ; aber es wird wieder vorübergehen ; es ist schon jetzt bedeutend besser . Aengstige Dich nicht , Oswald ; sieh , wenn ich so liege , fühle ich es weniger , fast gar nicht ; es war nur in der Nacht so bös ; jetzt , da Du hier bist und die Sonne scheint , wird es gleich besser . Es soll sofort Jemand zu Doctor Braun reiten ! sagte Oswald aufspringend . Nein , nein ! bat Bruno ; thue es nicht ; Du weißt , wie fatal mir das immer ist . Jetzt ist überdies noch Niemand im Hause auf ; Du würdest Dich vergeblich bemühen . Und dann - ich wollte Dich um etwas bitten . Komm ! setze Dich wieder zu mir auf ' s Bett ; ich fühle , daß ich nicht aufstehen kann und es ist die höchste Zeit , daß der Brief in Helenens Hände kommt . Oswald glaubte , Bruno delirire ; er faßte unwillkürlich nach des Knaben Stirn . Bruno lächelte . Es war ein schwermüthiges Lächeln . Nein , nein ! sagte er ; fürchte nichts , ich bin noch vollkommen bei Sinnen . Höre selbst , ob Alles , was ich Dir sagen werde , nicht ausgezeichnet zusammen paßt . Bruno erinnerte nun Oswald , wie er vom Anfang an behauptet habe , Felix sei gekommen , sich mit Helene zu verloben . Bis gestern habe er allerdings keinen unumstößlichen Beweis dafür gehabt ; seit gestern sei aber auch dafür gesorgt . Er erzählte nun weiter , wie er am Nachmittage die alte Kapelle im Garten , seinen Lieblingsplatz , wo er am ungestörtesten seinen Grillen nachhängen konnte , aufgesucht habe , und durch Stimmen in seiner Nähe aus dem Schlaf , in welchen ihn der schwüle Tag versenkt , aufgeweckt worden sei ; wie er nothgedrungen das Gespräch zwischen der Tante und Felix habe belauschen müssen , wie er , als sie fortgegangen , den Brief Helenens gefunden habe . Wie es ihm gestern nicht möglich gewesen , ihr den Brief zuzustellen ; wie er den Plan gehabt , ihr denselben in der Nacht , wenn sie wie gewöhnlich bei offenem Fenster spiele , mit ein paar Zeilen , worin er ihr sagte , wo und wann er den Brief gefunden , in ihr Zimmer zu werfen . Wie er sie nicht habe erschrecken wollen und gewartet habe , bis sie an ' s Fenster treten würde , es zu schließen , um ihr mit ein paar Worten zu sagen , um was es sich handle ; und wie er von Felix überrascht sei und wie es ihm leid thue , daß er den Elenden nicht vollends erwürgt habe . Die leidenschaftlichen und doch so klaren , so überzeugenden Worte Bruno ' s machten auf Oswald den fürchterlichsten Eindruck . Morgen schon sollte das Entsetzliche geschehen ; allem Anschein nach ahnte sie nichts davon . Man wollte sie durch Ueberraschung zwingen ; ihr ein Wort abnöthigen , das sie hernach zurückzunehmen zu stolz sein würde . Und welche Bewandtniß hatte es mit diesem Brief , von dem Bruno und Oswald nur die Aufschrift kannten , der mit Helenens Petschaft zugesiegelt gewesen war und den die Baronin doch offenbar verloren hatte . Daß hier Verrath im Spiele sei , daß dieser Brief den Zwecken der Baronin hatte dienen müssen , daß es nothwendig sei , diesen Brief wieder in Helenens Hände gelangen zu lassen , damit sie erfuhr , welcher Waffen man sich gegen sie bediene , und sie diese Waffen in dem nöthigen Augenblick , der morgen schon eintreten mußte , gegen ihre Gegner richten könne - das Alles war natürlich auch Oswald sofort klar , und nur über den einzuschlagenden Weg konnten sie sich anfänglich nicht einigen . Bruno wollte , daß Oswald Helenen nicht nur den Brief gebe , sondern ihr auch den Inhalt des Gesprächs zwischen der Baronin und Felix mittheile . Oswald erklärte , daß das Letztere schlechterdings unmöglich sei ; Bruno in seiner Eigenschaft als Verwandter und als erklärter Günstling Helenens , dürfe sich schon eher eine solche Indiscretion erlauben , ihm , dem Fremden , verbiete die Schicklichkeit jede Anspielung auf so delicate Verhältnisse . Aber , rief Bruno , ich denke , Du bist ihr Freund ; ich denke , Du hast sie lieb ! Wie kannst Du Dich denn nur durch solche Bedenken , ob dies oder das auch nach den Regeln des Complimentirbuches erlaubt sei oder nicht , abhalten lassen , wenn es sich um das Wohl oder Wehe ihres ganzen Lebens handelt . Denke , wenn man ihr durch Ueberraschung das Ja abpreßt ; ich würde verrückt , ich ertrüge es nicht - Und dennoch , Bruno , ich muß über diesen Punkt schweigen ; ich kann darüber nicht reden - ich nicht . Weshalb Du nicht ? Weil - ich sagte Dir ja schon , weil ich ein Fremder bin ; weil sie mir sagen könnte , sagen würde : mein Herr , was geht dies Alles Sie an ? Den Brief will ich ihr geben ; es ist ihr Eigenthum ; sie kann verlangen , daß der Finder es ihr sobald wie möglich wieder zustellt - und bedenke doch , Bruno , dies einzige Factum spricht ja laut genug . Sie wird dann wissen , wessen sie sich von jener Seite zu versehen hat , und der Angriff trifft sie auf ihrer Hut . So willst Du ihr den Brief geben ? Das will ich und zwar sofort . Ich denke , Helene wird heute wie gewöhnlich ihre Morgenpromenade machen . Aber wie steht es mit Dir ? Besser , viel besser ; sagte Bruno , der von den heftigsten Schmerzen gefoltert wurde , aber fürchtete , daß Oswald in der Sorge um ihn die einzige Gelegenheit , Helenen zu sehen und zu sprechen , versäumen könnte ; viel besser , wenn ich die Hand so in die Seite drücke , fühle ich beinahe gar nichts . Mache nur , daß Du in den Garten kommst , und höre ! grüß ' sie von mir und sage ihr nicht , daß ich krank bin , nur ein wenig unwohl - ich bin ja auch eigentlich nicht krank - Der Knabe sank auf sein Lager zurück und gab und sich Mühe , Oswald freundlich anzulächeln . Aber es war ein schmerzliches Lächeln trotz alledem , und als die Thür sich hinter Oswald geschlossen hatte , verbarg Bruno sein Gesicht in dem Kissen , um das dumpfe Stöhnen zu ersticken , das ihm die Qualen seiner Seele eben so auspreßten , wie die Schmerzen seines Körpers . Fünfundfünfzigstes Capitel Oswald hatte vergeblich über die Stunde hinaus , in welcher Helene in dem Garten zu erscheinen pflegte , gewartet . Gerade heute kam sie nicht . Er ging mehrmals an ihrem Fenster vorüber , ohne sie zu sehen . Er kehrte endlich , da es im Hause lebhafter zu werden begann , zu Bruno zurück , der ihn mit der größten Ungeduld erwartete . Bruno war außer sich , daß dieser Versuch mißlungen war ; Oswald suchte ihn zu beruhigen , indem er hervorhob , wie aller Wahrscheinlichkeit nach die Baronin und Felix die Durchführung ihres Planes bis auf den letzten Augenblick verschieben würden , es also auch morgen früh noch immer Zeit sein würde , den Brief in Helenens Hände gelangen zu lassen . Und jetzt , sagte Oswald , muß ich Anstalten treffen , daß nach dem Doctor geschickt wird , denn die Ungewißheit über Deinen Zustand ist mir unerträglich . Leider sollten Oswald ' s Bemühungen ohne Erfolg bleiben . Der Bediente , welcher ihm die Antwort der Baronin , » es werde im Laufe des Vormittags so wie so ein Wagen in die Stadt fahren , « überbringen sollte , hatte nicht gewagt , ihm diese Bestellung zu machen , sondern gesagt : es solle sogleich ein Bote hingeschickt werden . So vertröstete er sich bis gegen Mittag . Da kam der alte Baron , sich persönlich nach Bruno ' s Zustand zu erkundigen . Er sagte : so viel er wisse , sei noch gar nicht in die Stadt geschickt ; er wolle indessen sogleich dafür sorgen . Der alte Herr war ordentlich böse geworden über diese » unverzeihliche Saumseligkeit ; « Oswald glaubte jetzt bestimmt , daß man sich beeilen werde , das Versäumte nachzuholen . Indessen verging Stunde auf Stunde , der Abend brach herein , und noch immer wollte sich kein Doctor Braun blicken lassen . Er ging selbst hinunter , sich zu erkundigen , was denn nun geschehen sei ? Der Wagen , der gegen Mittag in die Stadt gefahren war , war eben zurückgekommen ; auch hatte der mit der Bestellung Beauftragte dieselbe ausgerichtet ; » aber der Herr Doctor sind auf vierundzwanzig Stunden verreist , und das Mädchen sagte : sie solle Alle , die kämen , an Dr. Balthasar - den Collegen Braun ' s - weisen . Nun wußte ich aber nicht , ob ich dahin gehen sollte . « Oswald gerieth in Zorn über diese abermalige Verzögerung . Er begab sich sofort zum Baron , den er bei der übrigen Gesellschaft im Garten fand ; sagte ihm , was vorgefallen sei und bat um die Erlaubniß , selbst in die Stadt reiten zu dürfen , damit endlich einmal etwas in dieser Sache geschehe . Ich verlasse Bruno ungern , sagte er , aber ich sehe kein anderes Mittel . Die Krankheit wird ja so gefährlich nicht sein , sagte Anna-Maria . Das zu beurtheilen vermag ich so wenig wie Sie ; erwiederte Oswald scharf ; mir erscheint Bruno ' s Zustand bedenklich und ich halte es für meine Pflicht , diese meine Ansicht zur Geltung zu bringen , bis ich von Jemand , der ein Urtheil darüber hat , eines Andern belehrt werde . Kommen Sie ! sagte der alte Baron ; wir wollen den Jochen fortschicken . Sie brauchen nicht von Bruno zu gehen . Jochen ist ein verständiger Mensch ; man kann sich auf ihn verlassen . Oswald machte der Gesellschaft eine sehr förmliche Verbeugung und entfernte sich mit dem Baron . Es ist hübsch , wenn ein junger Mann ein so sicheres , festes Auftreten hat , sagte Pastor Jäger ironisch . Der Apoll von Belvedere ! sagte Primula , man wußte nicht recht , ob ebenfalls ironisch , oder in einem Anfall poetischer Extase . Ich denke , seine Hoheit wird nächstens von dem Piedestal herabsteigen , sagte Felix . Die gestrengen Herren regieren bekanntlich nicht lange , sagte die Baronin mit einem bedeutungsvollen Blick nach dem Pastor , welchen dieser mit einem schlauen Zwickern seines rechten Auges über das runde Brillenglas sofort beantwortete . Bruno fehlt auch alle Tage etwas Anderes , sagte Malte , sich Zucker über seine Erdbeeren streuend . Helene sagte nichts . Sie saß da , den Blick fest auf die Erde geheftet . Jetzt stand sie auf und ging , ohne ein Wort zu sagen aus der Laube dem Schlosse zu . Du kommst doch wieder , Helene ? rief ihr die Mutter nach . Ich glaube kaum , antwortete Helene , sich umwendend ; es wird mir etwas zu kühl hier draußen . Sie setzte ihren Weg fort . Die Baronin und Felix warfen sich einen vielsagenden Blick zu . Der in die Stadt geschickte Jochen war in der gehörigen Zeit zurück , um zu melden , daß er Dr. Balthasar nicht getroffen habe . Derselbe sei auf ein entferntes Gut gefahren , wo sich ein Mann den Arm gebrochen . Man wolle ihm indessen , sobald er zurückkomme , was wohl vor Einbruch der Nacht nicht geschehen werde , die Bestellung ausrichten , und zweifle nicht , daß er derselben Folge leisten werde , wenn er selbst nicht zu angegriffen sei . Dabei mußte sich denn also Oswald beruhigen , so gut er es vermochte . Bruno ' s Zustand war so ziemlich derselbe geblieben . Die Schmerzen hatten vielleicht etwas nachgelassen , aber sich über eine größere Fläche verbreitet . Er gab sich die größte Mühe , Oswald , dessen Angst mit jeder Stunde wuchs , je später es wurde , ohne daß ärztliche Hülfe erschien , seine Befürchtungen auszureden . Es ist nichts ; es wird morgen schon wieder besser sein ; daß der Brief noch immer in unseren Händen ist , macht mir viel größere Sorge , als meine Krankheit . Könntest Du nicht einen Versuch machen , Oswald , ihn , wie ich gestern wollte , durch ' s Fenster in ihr Zimmer zu werfen ? Wenn Dir Felix begegnet , sag ' ihm nur , er solle an gestern Nacht denken , dann wird er sich schon aus dem Staube machen ; oder besser , sage nichts , und thu ' , was ich leider nicht gethan habe , erwürge ihn auf der Stelle . Endlich , als Oswald die Hoffnung schon beinahe aufgegeben hatte , kam Dr. Balthasar . Es war ein alter Mann , den die vielen Geschäfte des Tages verdrießlich gemacht hatten und der etwas von » Lappalien , derenwegen man die Leute um ihre Ruhe bringe , « durch die Zähne murmelte . Er untersuchte Bruno kaum , sagte : es würde sich schon von selbst geben , übrigens wolle er morgen wieder kommen und eine Einreibung mitbringen . Nun sind wir auch noch so klug , wie vorher , sagte Oswald , als der Doctor wieder fort war . Ich sagte Dir ja gleich , es hat nichts zu bedeuten . Leg ' Dich schlafen , Oswald , Du brauchst es eben so nöthig , wie ich . Indessen , die Beiden fanden nicht viel Ruhe in dieser Nacht . Oswald hatte sein Sopha neben Bruno ' s Bett stellen lassen , und blieb angekleidet , um jeden Augenblick bereit zu sein . Bruno ' s Zustand blieb derselbe , nur daß seine Unruhe immer größer wurde , und er in immer kürzeren Zwischenräumen zu trinken verlangte . Gegen Morgen war Oswald eingeschlafen ; Bruno weckte ihn , als die Sonne eine Stunde über dem Horizont war . Oswald , ich kann Dich nicht länger schlafen lassen , so leid es mir thut , Du mußt in den Garten , es ist die höchste Zeit . Wenn Du Helene auch heute nicht triffst , so stehe ich auf und gehe zu ihr , und wenn ich darüber sterben sollte . Wie geht es Dir ? Besser . Das sagst Du stets . Mache nur , daß Du fortkommst . Oswald ging in den Garten und suchte die Wallpromenade auf , wo er nun schon manchen Morgen mit nicht leichtem Herzen dem schönen Mädchen begegnet war . Aber so schwer wie heute war ihm das Herz nie gewesen . Bruno ' s Krankheit , die jetzt hereindrohende Katastrophe in dem Familiendrama , dessen Entwickelung er mit so schmerzlichem Interesse verfolgt hatte , und in welchem er jetzt die zweideutige Rolle eines Zwischenträgers zu spielen verdammt war - das Alles lastete auf seiner Seele und machte , daß er von dem wonnigen Morgen nichts empfand , nichts bei dem warmen Sonnenschein und den bläulichen Morgenschatten , nichts bei dem Duft der unzähligen Blumen , nichts bei dem Schwirren und Tanzen der Myriaden von Insecten , nichts bei dem Jubiliren der Vögel in den Bäumen . Konnten ihm die Blumen seinen Liebling wieder gesund machen ? konnten ihm die Vögel Helenen herbeisingen ? Doch da ! da schimmerte ihr Kleid zwischen den Bäumen des Walles herüber . Das mußte sie sein . Sie schritt rascher vorwärts , sobald sie ihn bemerkt hatte - es schien ihr selbst daran gelegen , ihn zu sprechen . Gott sei Dank , daß Sie kommen , rief sie ihm schon von weitem entgegen ; ich habe fast die ganze Nacht vor Sorge und Angst nicht geschlafen . Es geht gut - nicht wahr ? Sie würden ihn ja auch sonst nicht verlassen haben ? Es geht besser , wenigstens sagt Bruno so ; aber ich fürchte , nichts weniger als gut . Sie wissen , er ist ein Held , auch im Ertragen von Schmerzen . Ja , das ist er ! sagte Helene ; ich liebe ihn wie einen Bruder ; nein ! viel , viel mehr , als einen Bruder . Der Gedanke , ihn zu verlieren , ist für mich entsetzlich . Sie glauben nicht , wie ich mich seinetwegen quäle . Gewiß nicht mehr , als er sich Ihrethalben ; sagte Oswald . Wie das ? fragte Helene , ihre großen Augen forschend auf Oswald ' s Gesicht heftend . Ich will nicht durch eine lange Einleitung die kostbaren Augenblicke , in denen ich ungestört mit Ihnen sprechen kann , verlieren ; sagte Oswald . Diesen Brief hier , dessen Aufschrift von Ihrer Hand ist , der Ihnen also ohne Zweifel gehört , hat Bruno vorgestern Abend gefunden , an der Kapelle , unmittelbar nach einer Unterredung , welche die Frau Baronin mit Baron Felix über Familienangelegenheiten auf derselben Stelle gehabt hatte , und die Bruno , der sich zufällig in der Kapelle befand , mit anzuhören nicht umhin konnte . Er hat mich gebeten , Ihnen Ihr Eigenthum wieder zuzustellen . Ich brauche Ihnen nicht zu sagen , daß es von dem Augenblick an , wo es in Bruno ' s Hände gelangte , heilig gehalten worden ist . Helenens Verwirrung war mit jedem Worte , das Oswald sprach , größer geworden . Purpurgluth wechselte auf ihrem schönen Angesicht mit einer geisterhaften Blässe . Ihr Busen wogte ; ihre Hand zitterte , als sie den Brief , den ihr der junge Mann überreichte , und auf den sie nur einen Blick zu werfen brauchte , um ihn als denselben zu erkennen , den sie gestern Morgen an Mary Burton geschrieben hatte , entgegennahm . Entsetzen über den schwarzen Verrath , den man an ihr geübt ; jungfräuliche Scham , ihre innersten , geheimsten Gedanken schonungslos profanirt zu sehen ; der Unwille , daß Jemand , er sei wer er sei , erfahren habe , wie sie von den Ihrigen , von ihrer eigenen Mutter schmachvoll behandelt worden sei - Alles stürmte auf sie ein , wie ein Orkan , vor dessen Gewalt jeder Widerstand vergeblich ist . Und dies letzte Gefühl des beleidigten Stolzes fand zuerst einen Ausdruck . Ich danke Ihnen , sagte sie , sich zu ihrer ganzen stattlichen Höhe emporrichtend , für Ihren Eifer , mir zu dienen . Indessen , Sie und Bruno haben der Sache , wie es scheint , ein weit größeres Gewicht beigelegt , als sie in der That verdient . Ich habe diesen Brief , weil Einiges darin stand , was ich nach reiflicher Ueberlegung nicht gutheißen konnte , geflissentlich nicht abgehen lassen ; ich werde ihn aus der Tasche verloren haben . Ich erinnere mich , daß ich gestern Abend in der Nähe der Kapelle war ; ich - Weiter vermochte sie nicht zu sprechen ; die Thränen , die sie so lange zurückgehalten , brachen gewaltsam hervor , und rollten über ihre Wangen . Sie wandte sich ab , sie fühlte , daß sie sich nicht länger würde beherrschen können , und winkte Oswald mit der Hand , sie allein zu lassen . Oswald war vielleicht nicht weniger außer sich , als Helene . Seine Liebe zu dem schönen , stolzen Mädchen , für das er so freudig sein Leben hingegeben hätte und von dem er jetzt so verkannt zu werden fürchten mußte , wogte wie ein frei gewordener Quell in ihm empor , und erfüllte seine Brust bis zum Zerspringen . Er hätte ihr zu Füßen stürzen , ihr Alles , Alles , was er so lange vor ihr verborgen , gestehen mögen ; aber er bezwang sich und sagte so ruhig wie er vermochte : Ich versichere Sie , mein Fräulein , daß diese Scene Ihnen kaum peinlicher sein kann , als mir selbst , und daß ich dieselbe um keinen Preis herbeigeführt haben würde , wenn mir Bruno ' s fieberhafte Ungeduld , die ich durch eine Weigerung zu steigern fürchten mußte , eine Wahl gelassen hätte . Es ist mir schmerzlich , sehr schmerzlich , von Ihnen verkannt zu werden ; ich ahnte es gleich , daß es Ihnen unmöglich sein würde , den Boten von seiner Botschaft zu trennen . Er verbeugte sich vor dem noch immer weinenden Mädchen , und wandte sich , zu gehen . Nein , nein ! rief sie , wie , um ihn zurückzuhalten , die Hand nach ihm ausstreckend ; Sie dürfen so nicht gehen . Mögen es Die verantworten , welche mich zum Aeußersten getrieben haben , wenn ich die Ehre meiner Familie , die Ehre der Meinigen preisgeben muß . Ja , Sie haben mir einen Dienst geleistet , einen großen Dienst . Dieser Brief ist nur durch Verrath in die Hände derer gekommen , die ihren Raub so schlecht zu bewahren verstanden . Dieser Brief trennt mich auf immer von den Meinigen ; er soll mich nicht auch von Bruno trennen , den ich so herzlich liebe , von Ihnen , der Sie stets so gut und freundlich zu mir gewesen sind . Ich habe Sie immer für einen Freund gehalten , Sie immer hoch geschätzt und geehrt - wie hoch , das möge Ihnen dieser Brief selbst beweisen . Lesen sie ihn ! Wenn alle Welt weiß , wie ich über Sie denke , so dürfen Sie es am Ende ja wohl auch wissen . Und das junge Mädchen reichte Oswald den Brief hin . Ihr Antlitz glühte , aber nicht mehr vor Zorn und Scham . Ihre dunkeln Augen leuchteten , aber wie einer Heldin , die sich für eine heilige Sache zu opfern im Begriff steht . Lesen Sie nur ! sagte sie mit einem eigenthümlichen Lächeln , als Oswald sie ungläubig anstarrte ; fürchten Sie nicht , daß es mich hinterher reuen wird . Ich weiß , daß Ihr Herz einer Andern gehört , die seit gestern wieder in unserer Nähe ist . Bruno , der Alles weiß , hat es mir verrathen . Ich will von Ihnen nichts , als was ich schon habe - Ihre Freundschaft . Lesen Sie den Brief , und wenn Sie ihn gelesen haben , verbrennen Sie ihn in Gottes Namen . Ehe Oswald sich von seinem grenzenlosen Erstaunen über diese wunderbare Rede nur so weit erholen konnte , ein einziges Wort über die Lippen zu bringen , war das junge Mädchen schon die Treppe , die von dieser Stelle in den Garten führte , hinab und eilte durch die blumenreichen Beete dem Schlosse zu . Was ist das ? fragte Oswald bebend ; narrt mich denn ein Traum ? Melitta zurück ? und jetzt zurück - gerade jetzt ! Es war ein schauerliches Lachen . Oswald sah sich erschrocken um , ob ein Anderer gelacht habe - ein schadenfroher Dämon , der sich an seiner Qual weidete . Er hielt den Brief noch immer in seiner Hand . Es war ihm , als ob er erst , wenn er diesen Brief lese , Melitta ganz verlieren , erst jetzt das letzte Band , das ihn an Melitta fesselte , zerreißen würde . Für einen Augenblick erschien ihm Helene wie eine schöne Teufelin , die an ihn herangetreten sei , ihn zu versuchen . Wenn er diesen Brief ungelesen verbrannte ? konnte dann nicht Alles gut werden ? Konnte ihm Melitta nicht doch erhalten bleiben ? Und indem er so dachte , hatte er den Brief entfaltet und ihn zu lesen begonnen . Er war mit der Lectüre zu Ende und saß nun , den Kopf in die Hand gestützt , in der Ecke der Bank , auf die er sich , ohne zu wissen , was er that , gesetzt hatte . Vor ihm auf dem Erdboden spielten die Lichter mit den Schatten ; in den dichten Laubkronen über ihm flüsterte der Morgenwind und sangen die Vögel , in dem Garten unten wiegten sich bunte Schmetterlinge über den Blumenwäldern der Beete ; er sah das Alles , er hörte das Alles , aber er empfand nichts dabei , nichts , als das Eine , daß , wenn es ein Paradies auf Erden für ihn gegeben hatte , er jetzt auf immerdar daraus vertrieben sei . Sechsundfünfzigstes Capitel Es war einige Stunden später . Die Baronin saß in ihrem Zimmer auf ihrem gewöhnlichen Platze in der Nähe der geöffneten Fensterthür . Sie hatte eine Stickerei auf dem Schooße ; aber ihre Hände waren müßig ; nur , wenn sich Schritte der Thür , die nach dem Flure führte , näherten , nahm sie schnell die Arbeit auf , und nähte ein paar Stiche , um sie , sobald der Schritt vorüber war , wieder in den Schooß sinken zu lassen . Das wiederholte sich mehrmals , denn es war heute ein sehr lebhaftes Treiben im Schlosse . Die Vorrichtungen zu dem Ball heute Abend hielten Alles in Athem , und machten es der wirthschaftlichen Baronin sehr schwer , hier so müßig zu sitzen , während ihre Gegenwart in Küche und Speisekammer so nöthig war . Aber sie hatte Fräulein Helene bitten lassen , wenn sie mit ihrem Klavierspiel fertig sei , zu ihr zu kommen , und Helene sollte sie ruhig , gelassen , zu einem freundschaftlich ernsten Gespräch aufgelegt finden . Aeußerlich wenigstens . In ihrem Herzen sah es freilich anders aus . Zwar die Sorge um den Brief schien sich als unnöthig erwiesen zu haben . Offenbar war er noch nicht wieder in Helenens Hände gelangt und das war für den Augenblick die Hauptsache . So konnte man doch alle Pfeile , die man aus der Lectüre gesammelt hatte , abschnellen , ohne fürchten zu müssen , daß sie auf den Schützen zurücksprängen . Nichtsdestoweniger hatte die kluge und muthige Frau nie einer Unterredung mit irgend Jemand - und sie hatte doch , da die ganze Last der Verwaltung des großen Vermögens fast ganz allein auf ihren Schultern lag , manche wichtige Verhandlung zu führen gehabt - so voll Unruhe entgegen gesehen . Sie gab sich alle Mühe , diese Unruhe zu bekämpfen , ja , wenn irgend möglich , in einer versöhnlichen , friedlichen , freundschaftlichen Verfassung zu sein . Sie gerieth sogar bei diesem Versuch in eine Art larmoyanter Stimmung . Vielleicht waren , Alles in Allem , Thränen das beste Mittel , das edle Herz der Tochter zu rühren und sie für ihre selbstischen Zwecke zu gewinnen . Da klopfte es an die Thür . Die Baronin griff schnell nach ihrer Arbeit . Auf ihr » Herein ! « trat Helene in das Zimmer . Die etwas kurzsichtige Frau bemerkte nicht gleich , daß das edelstolze Antlitz des jungen Mädchens sehr bleich war , aber nicht von jener krankhaften Farbe , wie sie die Feigheit auf die Wangen malt , sondern von jener Marmorblässe , die sich sehr wohl mit Augen verträgt , aus denen eine heroische Seele leuchtet . Es thut mir leid , liebe Tochter , sagte die Baronin , daß ich Dich heute in Deinem Morgenfleiße stören muß Ich habe Dich rufen lassen , um über eine Sache von der äußersten Wichtigkeit recht ruhig , recht freundschaftlich mit Dir zu sprechen . Aber setze Dich doch ! dort mir gegenüber auf den Stuhl , in welchem Dein Vater zu sitzen pflegt . Ich danke , sagte Helene , stehen bleibend . Der abgemessene , fast kurze Ton , in welchem das junge Mädchen diese beiden Worte aussprach , machte die Baronin von ihrer Arbeit jäh in die Höhe blicken . Sie bemerkte jetzt zum ersten Male die blassen Wangen ihrer Tochter , und ihre eigenen Wangen entfärbten sich . Du fühlst Dich doch nicht unwohl ? sagte sie , und ihre Stimme war weniger fest als sonst . In diesem Falle wollen wir unsere Unterredung auf