Jahren grenzenlos liebe und die viel zu edel ist , um eine Liebe zu erwidern , welche ihre weibliche Würde auch nur durch einen Hauch verletzte . Ich gehe zu Grunde bei diesem Verhältnis und Du bist auch nicht glücklich ; fasse also einen großmütigen Entschluß - und drei Menschen richten sich auf von einem vernichtenden Druck . « » Lieber Orest , « entgegnete Corona ruhig , » auf diesen Vorschlag war ich freilich nicht gefaßt ; aber mein Entschluß ist dennoch reif . Zu Deiner Rettung biete ich mit Freuden die Hand - bis zum höchsten Opfer . Aber nicht zu Deiner Entwürdigung . « » Und so willst Du an mir haften als der Fluch meines Lebens ! « rief er knirschend . » Ich will , was Gott will : bis zum Ende die Fessel tragen , die er geheiligt und unauflöslich gemacht hat . « » Ich sage Dir aber , daß die Ehe freilich nicht aufgelöst , allein für null und nichtig erklärt werden kann . Da die Kirche das tut , deren Autorität Dir ja über alles geht , so wirst Du ihr Recht dazu und die Rechtmäßigkeit ihres Verfahrens nicht in Abrede stellen . « » Durchaus nicht ! « entgegnete Corona mit unerschütterlicher Ruhe . » Die menschliche Verkehrtheit und Bosheit ist so groß , daß es der uralten Schlange möglich wird , in jedes Verhältnis ihr Gift zu spritzen , und da mag es denn wohl zu trostlosen Zuständen kommen , welche eine ausnahmsweise Behandlung erfordern . Ein solcher Fall liegt aber bei uns durchaus nicht vor . Daß sich in der Ehe der eine Teil durch traurige Verblendung einer verbotenen Liebe hingibt , ist leider , ach leider ! in unserer Zeit und unserer Welt nicht so selten , um die Kirche zu veranlassen , jenes Mittel , das auf ganz unheilbare Zustände berechnet ist , auf heilbare anzuwenden . « » O wollte man doch weniger von dieser Heilbarkeit faseln , « rief Orest , » und mehr jenes Mittel anwenden ! es würde dadurch viel Skandal vermieden und viel menschliche Schwäche von dem Brandmal der Treulosigkeit befreit bleiben , die sich auch in das edelste Herz einschleichen kann . « » Und der Mensch den Gelüsten der gefallenen Natur preisgegeben werden , gegen welche das edle Herz sich bis aufs Blut verteidigt , wenn es so unglücklich gewesen sein sollte , ihnen irgendwie Gehör zu geben , « sagte Corona . » Nein , Orest ! jede Schwäche , jeder Fehltritt , jede Versündigung , jede Wunde an der Menschenseele ist heilbar . Daran darf man nicht zweifeln ; man muß nur Geduld haben , wie Gott mit uns Geduld hat . Noch in der elften Stunde kann Reue erwachen und zur Umkehr vom bösen Wege mahnen und drängen ; kann der Pflichtvergessene sich besinnen , auf seine Pflicht und in ihren Kreis zurücktreten und den Kummer gut machen wollen , den er auf Weib und Kind gehäuft hat . Ist dann die Brücke hinter ihm abgebrochen , gähnt dann eine unausfüllbare Kluft zwischen ihm und seiner Vergangenheit , ist er neue Verpflichtungen eingegangen , die ihm ebenso lästig werden , wie die alten - weil es Verpflichtungen sind , die auf der verderbten Natur drücken und drücken sollen : so schleppt er den Stachel in der Todeswunde mit sich umher , ungesühnt , ungebüßt . Nein , Orest , wir wollen Gott danken , daß die heilige Kirche von göttlicher Weisheit erleuchtet und geführt , ihr letztes Mittel nur in ganz seltenen Fällen anwendet und statt dessen den einen Teil zu Liebe , Geduld und Gebet - den anderen zu Reue und Busse auffordert . « » Es muß charmant sein für einen Flüchtling vom häuslichen Herde , sich wieder bei demselben einzufinden als Büßer und sich dessen Asche aufs Haupt streuen zu lassen . « » Lieber Orest , « entgegnete Corona mit himmlischer Liebe in Blick und Ton , » ein solcher Flüchtling würde aufgenommen werden , wie der göttliche Heiland den Petrus nach seiner Verleugnung aufnahm : er vertraut ihm die Leitung seiner Herde an ; und wie der Vater den verlorenen Sohn empfing : er eilt ihm entgegen und richtet ein Festmahl für ihn an . « » Ach , Krönchen ! « rief Orest , » könnt ' ich Dich nur lieben ! Du bist wirklich ein seelengutes Geschöpf , zu gut für mich . Darum hab ' ich ja das Vertrauen zu Dir , daß Du mir ein Opfer bringen werdest ... « - » Du verlangst Unmögliches ! « unterbrach sie ihn mit großer Bestimmtheit . » Mich selbst , mein Kind , Dich , meinen Vater , alles was mir teuer ist , kann ich zum Opfer bringen , wenn der anbetungswürdige Wille Gottes es verlangt . Aber Dich Deiner Leidenschaft zum Opfer bringen , wenn der Satan es verlangt - nein , Orest , das kann ich nicht , denn ich will es nicht . Ich kann es nicht ! ich kann nicht lügen ! es hat nicht der leiseste Zwang stattgefunden bei meiner Verheiratung . « » Hättest Du mich gewählt , wenn der Vater nicht unsere Verbindung angeordnet hätte ? « fragte er . » Als ich Dich heiratete , « erwiderte sie , » war ich zu jung , um je vorher an die Ehe oder die Wahl eines Gatten gedacht zu haben . Nach meiner Verheiratung hab ' ich nie gedacht , daß ich anders hätte wählen können . « » Es ist doch gewiß , daß der Vater die Sache abmachte , ohne uns so recht zu fragen . Er kündigte sie an und erwartete Gehorsam . « » Ja , das ist so seine Art. Aber wir haben an Regina und Hyazinth das Beispiel vor Augen , daß sie ihm nicht gehorchten , wenn die Stimme Gottes anders zu ihnen sprach , als die Stimme des Vaters - und daß er es sich gefallen ließ . Du und ich , wir hätten beide es machen können wie unsere Geschwister . Wir taten es nicht . Wir gaben freiwillig unsere Zustimmung . « » Der Wunsch , den ein geliebter Vater mit der größten Zuversicht ausspricht , ist auch ein Zwang , ein moralischer , für ein gutes Kind . « » Wenn Du Gehorsam aus Liebe - Zwang nennen willst , lieber Orest ! Aber ein solcher ist gewiß nicht darunter verstanden , wenn auf den Grund hin eine Ehe ungültig erklärt werden soll . Aus Rücksicht für den Wunsch der Eltern werden gewiß sehr viele Ehen geschlossen , welche glücklicher sind , als jene , die von blinder Neigung geschlossen werden . Ja , wenn ich ebenso sicher wüßte , daß Du in einer anderen Ehe Dein geträumtes Glück fändest , als ich jetzt weiß , daß Du es nicht finden wirst , so könnte ich es Dir doch nimmermehr verschaffen um den Preis einer Lüge . « » Entsetzliches Schicksal ! « rief Orest und warf sich in trostloser Aufregung in einen Lehnstuhl . » Wodurch hab ' ich es bewerkstelligt , daß ein ungeliebtes Weib sich so fest an mich klammert ! « » Du hast mir freilich nicht das Leben an Deiner Seite so lieblich gemacht , « entgegnete Corona sanft , » daß es mir , menschlich gesprochen , sehr schwer fallen sollte , mich davon zu trennen . Aber die Ehe gehört nicht der menschlichen Denk- und Empfindungsweise , sondern dem Gnadenleben an . Die Würde des Sakramentes ruhet auf ihr und das verbindet uns für dies irdische Leben zu einer höheren Gemeinschaft als die ist , die auf verflatternder Neigung und verrauschender Leidenschaft beruht . Sie soll uns im Wechsel von trüben und heiteren Stunden , von bald lieblichen und bald schweren Pflichten , uns und unsere Kinder für den Himmel erziehen . Das ist der Zweck der Ehe ; zu dieser erhabenen Bestimmung haben wir uns verbunden ; wir müssen suchen , sie zu erfüllen . Hattest Du , als Du sie eingingst , mit frevelhaftem Leichtsinn eine andere Absicht : so mußt Du das vor Gott verantworten . Das ist aber kein Grund , um die Ehe ungültig zu machen . Hingegen sollte es ein Grund sein , um die Vergangenheit gut zu machen . Ach , vergib mir , daß ich so zu Dir spreche , lieber Orest ! Glaube mir , ich tue es ohne Selbstsucht , ohne Empfindlichkeit . Ich denke nicht daran , mich an Dein Herz zu drängen oder irgend einen Anspruch an Deine Liebe zu machen ; allein ich muß den Platz behaupten , auf den Gott mich gestellt hat und Dich anflehen , dasselbe zu tun ! « » So sind diese frommen Frauen ! « brach Orest aus . » Immer im Kanzelton geredet ! immer den lieben Gott als Larve vor ihrem Eigensinn ! immer ihre Herzenskälte verbrämt mit tötenden Phrasen ! unfähig zu jedem Opfer ! unfähig zu erkennen , wo ihre Würde liegt . Du siehst ja , daß das Leben mit Dir eine Folter für mich ist , daß ich es fliehe , und , wenn ich es nicht fliehen kann , unter dessen Bleigewicht zusammenbreche . Wie ist es möglich , daß ein zartfühlendes Weib so etwas aushalten mag , und nicht lieber tausendmal sich von dem Mann trennt , der ihr nichts sein kann , da sie ihm nichts ist . Ich fasse das nicht ! ich begreif ' es nicht ; aber ich muß ein Wesen verabscheuen , das aus starrem Egoismus mich um mein Glück bringt . « Der heftige Kampf streitender Gefühle wogte in Coronas Brust , und drückte sich in dem Wechsel ihrer Farbe und in dem schmerzlichen Zittern ihrer Lippen , ihrer Hände und ihrer Stimme aus , als sie mit der Gewohnheit der Selbstbeherrschung sagte : » Wollte ich meinem Egoismus folgen , so würde ich meine Tochter bei der Hand nehmen und , statt unter Dein Dach zurückkehren , mit ihr in mein Vaterhaus gehen . Aber ich darf nicht , ich muß bei Dir ausharren . Ich muß vor der Welt Deine Ehre in meinen Schutz nehmen und vor Gott Deine Seele , für die auch ich verantwortlich bin - denn wir sind Eins . « Sie stand auf , tauchte ihr Taschentuch ein wenig in ein Glas Wasser und drückte es an ihre bebenden Lippen , nahm dann ihren Hut und sagte mit einer Stimme , die - wie das oft bei seelenzarten Personen der Fall ist - durch Gemütsbewegung zu einem leisen Flüstern herabgedämpft war , während die Roheit in solchem Falle lärmt und schreit ; sie sagte : » Ich bitte Dich , laß einen Wagen kommen und mich zu Hause fahren . « » Und Du fragst gar nicht ? « rief Orest ; » nicht nach einem Namen oder einer Person ? nicht nach meinem ferneren Plan oder Entschluß ? « » Es gibt Dinge , von denen es sich nicht schicken würde , daß ich sie mit Dir bespräche , und andere Dinge , von denen es gut ist , wenn Du sie so wenig wie möglich besprichst , « entgegnete Corona mit Fassung . » Wähnst Du denn , alles sei abgetan mit Deiner wahnwitzigen Weigerung ! « rief Orest mit solchem Zorn in Ton und Geberde , daß Corona wieder in ein nervöses Zittern verfiel und nichts erwiderte als : » Um Gotteswillen , einen Wagen , Orest ! « Aber er beachtete ihre Bitte gar nicht . Er fuhr fort , mit den heftigsten Ergüssen von Zorn , von Klagen , von Vorwürfen sie zu überschütten und sie förmlich unterzutauchen in das Meer von Bitterkeit , das sich in seinem Herzen bloß deshalb gegen sie angesammelt hatte , weil er ihr so viel zu Leide getan . Denn geradeso , wie der Mensch eine Zuneigung für diejenigen spürt , denen er wohl tut , ebenso faßt er eine Abneigung , die sich bis zur härtesten Ungerechtigkeit , ja bis zum Haß steigern kann , gegen Personen , die nicht etwa ihm , sondern denen er wehe getan . Corona schwieg , sammelte sich vor Gott und ließ den Sturm brausen - bis es ihm einfiel , ihr die unsinnigsten Vorwürfe zu machen über den Tod ihres Sohnes . Wäre der am Leben , so wüßte man doch , weshalb diese ganze unselige Ehe geschlossen sei ! Das konnte sie nicht mehr hören . Das Muterherz drohte zu brechen . Sie stand auf , verließ schweigend das Zimmer , das Hotel Meloni , verhüllte sich in Shawl und Schleier und ging die via Condotti hinauf zum spanischen Platz , ganz allein in der großen fremden Stadt . Ihr war zu Mut , als könne ihr von keinem Menschen Schlimmeres begegnen , als von ihrem Mann . Neben der spanischen Treppe erkannte und erreichte sie glücklich ihre Wohnung . Felicitas stand am Fenster und rief : » Da kommt Mama ! « » Endlich ! « sagte Graf Damian , trat zum Fenster und sah mit grenzenlosem Erstaunen Corona ohne irgend eine Begleitung über den Platz gehen . Er ging ihr in das Vorzimmer entgegen und fragte : » Wo kommst Du denn her ? wo ist Orest ? wo sind seine Leute ? warum gehst Du denn mutterseelenallein in der wildfremden Stadt spazieren ? gibt es keine Wagen in Rom ? « » Doch , lieber Vater ! aber ich wollte gehen ! « antwortete sie und ging in ihr Zimmer , wo sich die übermäßige Spannung von Leib und Seele in Tränen auflöste und im Gebet sänftigte . Graf Damian fuhr zu einigen der fremden Gesandten , mit denen er bekannt war , und so war Corona allein , als Hyazinth kam . Sie sah so angegriffen aus , daß er teilnehmend sagte : » Bist Du müde von der Reise , liebe Corona ? oder bist Du krank ? « Sie verneinte schweigend ; als ihr aber Tränen in ' s Auge quollen , sagte sie entschlossen : » Orest ist krank - an der Seele ! und ich bin ratlos . Deshalb muß ich mit Dir sprechen , Hyazinth , nicht um zu klagen . Ich möchte ja am liebsten seinen Zustand vor mir selbst verbergen ; es geht aber nicht mehr , daß wir so fortleben wie bisher . Er treibt es zum Äußersten . « Und sie erzählte an Hyazinth klar und einfach ihr ganzes Leben , seitdem sie Orest ' s Frau geworden war , mit der größten Schonung für Orest und mit der größten Bereitwilligkeit ihren Anteil an dem traurigen Verhältnis anzuerkennen , obzwar ihre Schuld höchstens in Unerfahrenheit bestand , wie sie den siebenzehn Jahren eigen ist . Zum Schluß sagte sie : » Die Szene von heute früh hat mir gezeigt , wie tief das Übel bei Orest um sich gegriffen hat . Es haben weder meine Bitten noch die Geduld , die ich drei Jahre übte , den geringsten Eindruck auf ihn gemacht ; und obgleich ich , wenn es Gott so fügt , bereit bin , mein Lebenlang in Geduld auszuharren , wie das ja meine Pflicht ist : so muß ich doch fürchten , daß Orest durch dies Verfahren nicht zur Erkenntnis kommt . Er ist blind und taub für alles , was nicht mit seiner Leidenschaft zusammenstimmt . « » Das sind eben die Schatten des Todes , « sagte Hyazinth , » von denen die heilige Schrift so ergreifend spricht . In der Finsternis der Sünde , im dunkeln Schattental sitzen die Menschen , geblendet , gelähmt , betäubt - und ahnen nicht , daß die Nacht des geistigen Todes mit dem Verlust der heiligmachenden Gnade über sie eingebrochen ist . Ach , Corona ! einem so schrecklichen Zustand gegenüber sind wir alle macht- und ratlos ; denn Orest will nicht hören , will nicht sehen , will nicht verstehen - und wenn wir uns alle zu Tode reden und bitten , ermahnen und flehen . Wir müssen Gott bitten um Erleuchtung für uns und für ihn . Wir müssen uns bereit machen , nicht bloß Opfer zu bringen , sondern uns selbst durch die stets erneuerte Hingebung unseres Willens an Gott als ein lebendiges Holocaust ihm darzubieten . Wir müssen leiden , Corona ! und zwar so , daß uns die Liebe zum Leiden in freudige Opfer verwandelt . An die Ausführung von Orest ' s wahnwitzigem Plan , die Ehe für ungiltig erklären zu lassen , ist gar nicht zu denken ! aber daß er so lange schon in dieser jämmerlichen Leidenschaft befangen ist und dennoch daran denkt , seine Ketten immer fester zu schmieden - ist ein böses Zeichen . « » Glaubst Du , « fragte Corona beklommen , » was der anonyme Brief in Paris sagte : die spanische Sängerin , Judith Miranes , habe ihn gefesselt ? « » Ich glaub ' es , denn unser Vater hat mir ähnliche Andeutungen gemacht . « » Also weiß es der Vater ! « rief sie erschreckt . » Liebe Corona , « sagte Hyazinth traurig lächelnd , » in der Welt weiß man alles , was zur Welt gehört . Mit Dir spricht Niemand darüber , das versteht sich ! aber der arme Vater , der so viele Menschen kennt und mit so vielen in Verbindung ist , weiß gewiß alles , was Orest betrifft . Ich habe aber immer diese Mitteilungen vermieden ; denn es war mir ein grenzenloser Schmerz , meinen Bruder auf solchem Wege und Dich in solchem Leid zu wissen , ohne Euch helfen zu können . « » Ach , und stelle Dir nur vor , wie gräßlich das ist : diese Circe ist eine Jüdin - ungetauft , unerlöst , gnadenlos , nie eingetreten in ' s übernatürliche Leben . « » O die Unglückselige ! « rief Hyazinth schmerzlich . » Bedauere sie , Corona , verdamme sie nicht . Das Gewissen und das natürliche Licht des Verstandes könnten ihr freilich sagen , welch Unrecht sie begeht . Aber ach ! wie leicht werden die von der Leidenschaft gefälscht und ausgelöscht , wenn man nicht höheres Gesetz und höheres Licht zu Rat ziehen kann , welche sich nicht der Leidenschaft anbequemen , sondern ihre ewige , unwandelbare , objektive Geltung haben . Davon weiß sie nichts , diese Circe ! sie sitzt , wie jener gefesselte Mensch des Plato , in einer düsteren Höhle , mit dem Rücken dem hellen Eingang zugewendet , und sieht vor sich an der Wand nur die Schatten , welche die Gestalten werfen , die sich hinter ihr im Licht bewegen . Der Wahrheit in ' s Auge - sieht sie nie ! hat sie nie gesehen ! o arme Circe ! « » Aber Orest ist noch viel unseliger ! « rief Corona . » Er weiß , was wir wissen , Hyazinth , und ach ! er lebt , als wisse er es nicht . Mir grauet vor jeder Erörterung über diesen Gegenstand mit dem guten Vater , und doch fürchte ich , daß es unmöglich sein wird , länger in dieser Weise fortzuleben - denn Orest will keine Rücksicht mehr nehmen . Ach , Hyazinth ! darf man sich den Tod wünschen ? wenn mich der liebe Gott in die Ewigkeit riefe , so wäre all ' die Trübsal zu Ende und Orest frei . « » Das wäre die Auflösung eines Romans und nicht so pflegt Gott seine Menschen zu führen . Er will sie an sein Ziel , nicht an das ihre bringen . Orest wird nicht frei , wenn er sich ungehindert seiner Leidenschaft hingeben darf - und Du hast nicht Zeit , Dich zu heiligen , wenn Du vor der Zeit vom Leben scheidest . Aber sieh ! Dorn , wohin der Fuß tritt , wohin die Hand greift ! Wermut , was die Lippe berührt : das ist uns heilsam ! das löst uns ab von unserer sündigen Natur , die so selbstsüchtig ist , daß sie in jedem Verhältnis ganz heimlich , wenn auch uneingestanden , Freude und Trost begehrt ; und so betrügerisch , daß sie , möge man noch so innig Gott in ' s Auge und in ' s Herz fassen , all ' Augenblick sucht , ihm das Geschöpf vorzuschieben . Es ist aber kein irdisches Verhältnis ohne Trübsal , ohne Verwirrung , ohne Bitterkeiten , und nur in dem Maß , als wir das erkennen , suchen wir unseren Trost in dem einzigen Verhältnis , das ohne Trübsal für uns ist - in dem , zu unserem göttlichen Heiland . Deshalb müssen wir uns mehr über Dorn und Wermut freuen , als über Nektar und Ambrosia . « » Statt dessen grämt man sich ! « sagte Corona schmerzlich ; » statt dessen verlangt man immer wieder ein wenig blauen Himmel und Sonnenschein - ein wenig Glück ! « » Und ganz besonders : Genuß des Glücks , « entgegnete Hyazinth lächelnd ; - und damit sind wir denn wieder bei unserer selbstsüchtigen Natur angelangt , der wir auf jedem Schritt und Tritt begegnen . « » Was fang ' ich an , Hyazinth ? ich meine immer , ich müsse etwas tun für Orest ! « rief Corona und rang schmerzlich ihre Hände . » Laß Dich mit unüberwindlicher Geduld demütigen und kreuzigen , so tust Du genug , « entgegnete Hyazinth . » Bete viel , opfere viel , hoffe viel - mit einem Wort : liebe viel ; damit brachten die Heiligen große Dinge zu Stande . Aber freilich , das unruhige Menschenherz findet eine Erleichterung in äußeren Handlungen , und läßt sich gern zu ihnen hinreißen ! Bleibe Du in der Stille und Ruhe Deines Herzens . Sieh , die Christenheit feiert jetzt den Advent , die Ankunft des Herrn . Wie kommt der Herr ? mit welchen Taten tritt er auf ? wie bekehrt er die Menschheit ? wie erlöst er die Welt ? Die seligste Jungfrau bereitet ihm ein Kripplein im elenden Stall , und das Kindlein in Windeln ist der menschgewordene Gott und er friert in kalter Winternacht und er weint . So erlöst er die Welt . Er läßt sich demütigen ; und dann - läßt er sich kreuzigen . Weshalb wollten wir es anders machen - da doch gerade dies uns vorgezeichnet ist ? « » Vielleicht , weil gerade dies am schwersten ist , « erwiderte Corona . » Sieh , wie gut es Gott mit Dir meint ! Du sollst es nicht anders haben , als er es hienieden hatte . Weine nicht , Corona , blicke in Dich und über Dich mit dem Auge des Glaubens und Du wirst frohlocken mit jenem heiligen Sänger : Mir ist das Los auf ' s Lieblichste gefallen , mir ist ein herrliches Erbteil geworden . « » Bete für mich , bete für uns ! « sagte Corona . Sie fühlte sich ermutigt durch Hyazinths Zuspruch , und gefaßter sah sie einer Zukunft entgegen , von der sie nicht ahnte , wie drohend sie sich gestalten werde . Auch Hyazinth ahnte es nicht und wußte nicht es anzufangen , um einen klaren Blick in Orests Seele zu werfen ; denn daß dieser ihn nicht eher in seine Pläne einweihen werde , als bis er auf ihre Durchführung hoffen könne - das war zu erwarten . Ihm Vorstellungen machen , hieß aber weiter nichts , als Wasser auf heißes Eisen gießen . Es zischt , es raucht - und bleibt heiß wie zuvor . Er beschloß , Orest mit der größten Liebe zu behandeln und dadurch , wenn nicht Einfluß auf ihn , doch vielleicht sein Vertrauen zu gewinnen . Als Orest sich bald darauf bei den Seinen einfand , übersah Hyazinth gänzlich dessen Verstimmung und äußerte nicht das leiseste Zeichen von Erstaunen über das Auffallende in seinem Benehmen und in der ganzen Art und Weise , wie er den Zuschnitt seines Lebens gemacht hatte . Er ließ ihn gewähren und bot sich ganz ungesucht zu Corona ' s Begleitung an , um die zahlreichen Kirchen zu besuchen , in welchen wahre Schätze von Gemälden , von Fresken , von Bildhauerarbeit , von köstlichem Material , von Kunst- und von heiligen Gegenständen aufgehäuft sind - während Orest mit der ernsthaftesten Miene von der Welt die Behauptung aussprach : er könne die Kirchenluft nicht vertragen . Sie sei dumpf , feucht , beklommen , durchräuchert - kurz , sie mache ihn nervös . » In der Beziehung halte ich mich zu Dir , Orest , « sagte Graf Damian , der inzwischen von seinen Besuchen heimgekehrt war . » Ich glaube , man kann hier ganz angenehm im diplomatischen Kreise leben , in welchem sich auch immer einige ausgezeichnete Fremde vorfinden , ohne die ermüdende Unterhaltung aufzusuchen , die mit der Besichtigung so vieler Merkwürdigkeiten verbunden ist . Die Hauptkirchen , die Hauptruinen , die Hauptpaläste und basta - für mich . Sehr unterhaltend ist es in der Stadt selbst sich umzusehen ; da hat man merkwürdige Überraschungen ! Ein Platz ist ganz übersäet mit abgebrochenen , umgestürzten , verstümmelten Säulen , die wie ein Kegelspiel aussehen , welches von Riesen aufgerichtet und verlassen worden wäre . Zwischen ihnen erhebt sich eine prächtige , mit Bildwerken bedeckte himmelhohe Säule . Trajans Forum - nannte es der Lohndiener . Ein anderer Platz sieht aus , als wäre er unter Wasser gesetzt , so enorm und zu ebener Erde ist das Bassin , an welchem die Tritonen so ungeniert sitzen , als würden sie sich nächstens aus ihrer Versteinerung aufmachen und auch ihr Wort mitreden zwischen den übrigen Leuten , die da zirkulieren . Fontana de Trevi , nannte es der Lohndiener . Solche Wassermasse in einem Springbrunnen ist großartig . Und der Venetianische Palast - welch ' ein herrliches Gebäude ! halb Kastell , halb Schloß - ein Adlerhorst ! ich freue mich , daß Österreichs Adler drin horstet ! Die österreichische Botschaft ist drin , sagte er erläuternd zu Corona , die sich an seinem Interesse für Rom erfreute . Ich habe doch wahrlich die größten Hauptstädte Europa ' s gesehen und abermals gesehen und lasse mich daher nicht so ganz leicht durch Häuser und Straßen und was drum und dran hängt , verblüffen ; aber in diesem Rom komm ' ich mir vor , wie ein Krähwinkler in der Residenz . Er sperrt Mund und Augen auf über die ungeahnte Herrlichkeit . Und das tue ich redlich . In anderen Städten gibt ' s auch Herrlichkeiten an schönen Gebäuden , öffentlichen Plätzen und dgl. mehr . Aber es ist alles so berechnet , so wohlgeordnet , so gemacht , so fremd , so eingewandert , so - ich weiß nicht was . Hier ist es naturwüchsig und eingeboren . Das hab ' ich noch nie gesehen ! ich schwärme für Rom . « » Gewiß die erste Schwärmerei Deines Lebens , Papa ! « sagte Orest . » Nun , das will ich doch nicht behaupten , « entgegnete Graf Damian . » Früher hatte ich eine große Vorliebe für Paris - wie Du sie jetzt hast . Das begreift sich . Es ist die Stadt des eleganten Lebensgenusses , und der Mensch hat Epochen , in denen er für denselben schwärmt . Damit scheint es hier nicht splendid auszusehen . Die Kaffeehäuser und die Kaufläden sind nicht luxuriös ausgestattet und zur Schau gestellt , und ob es hier einen guten Restaurant gibt , ist wohl sehr die Frage . Als ich mich bei meinem Lohndiener nach einem solchen erkundigte , sagte er betreten , es gäbe recht gute Trattorien in Rom . Aber eine Trattorie ist auf gut deutsch - eine Garküche ! Wie sieht ' s denn mit dem Diner aus , Corona ? - das wird wohl auf Windeck besser sein . « - Nachdem die ersten Tage der Niederlassung an einem fremden Ort , die stets etwas Unbehagliches für alle haben , welche nicht in langer Gewohnheit des Reisens sind , vorüber waren , schien die Familie in ' s rechte Geleise gekommen zu sein . Man wohnte sich ein , man lebte sich ein . Graf Damian ging in die Welt , machte Besuche , fand alte Bekannte , ritt mit ihnen in der Campagne umher , ging auf die Jagd und unterhielt sich vortrefflich . Corona trank Eselsmilch , fuhr spazieren und nahm mit Maß Roms unerschöpfliche Herrlichkeiten in Augenschein . Mit der großen Gesellschaft befaßte sie sich nur gerade so viel , als sie es ihrem Vater nicht abschlagen mochte , der zu behaupten pflegte , er werde freundlicher empfangen , wenn Corona an seiner Seite erscheine . » Die Welt , « sagte er , » bedarf des Schmuckes der Jugend und Schönheit . Ältliche Leute - zu denen ich leider anfange gezählt zu werden , aber mich selbst keineswegs zähle - sieht sie gern nur unter drei Bedingungen . Entweder : sie sind europäische Berühmtheiten - oder sie geben ungeheuer gute Diners - oder sie haben schöne Töchter . Das erste bin ich nicht ; das zweite kann ich in Rom nicht bewerkstelligen ! dazu muß man mich in Windeck aufsuchen . Doch die dritte Bedingung - die erfülle ich und zwar in höchster Potenz : mein feines Töchterlein ist vermählt . Folglich kann man ihr in aller Gemütsruhe huldigen , ohne Furcht , sich deshalb in Hymens Fesseln begeben zu müssen - was bei der bekannten Ehescheu , die jetzt wie eine Grippe bei den jungen Männern unseres Standes grassiert - ein großer Vorzug ist . « » Lieber Vater , « sagte Corona in dem heiteren Ton , womit sie immer zu ihm sprach , auch wenn sie ernste Dinge sagte , weil er auf diese Weise sie