nicht bald ihre Ausstattung fertig wäre ? Madame Delring - ? Ah - ! Die gestrenge Miene der schlanken , dunkeläugigen Dame verklärte sich ... Sie sind - ? fragte sie und hocherröthend und nachfühlend , daß dies Mädchen ihr allenfalls auch hätte sagen dürfen : Ja , ich bin die von Ihrem Vater für den Dienst bei der diese Nacht Ermordeten Bestimmte ! Aber Treudchen war so in der Hast ihres Auftrags , so im Drang ihrer Rückkehr , so im Bangen , jetzt nach dem Pfarrer von St.-Wolfgang fragen zu müssen , daß Demoiselle Schnuphase ( es war die Aelteste - Eva ) über Vorwürfe nicht viel Besorgnisse zu hegen brauchte . Ihre Freundlichkeit , ihr Verweisen auf das Nähinstitut der Schwesterschaft zu den Nothhelfern waren für ihre Verlegenheit bezeichnend genug ... Diese wunderschönen Bouquets - ! sagte Demoiselle Schnuphase dann holdseligst ... Ich wollte sie Herrn von Asselyn bringen - Wem ? Dem Herrn Pfarrer von St.-Wolfgang - Der wohnt bei uns - Treff ' ich ihn zu Hause ? Sie kennen ihn - ? Aus meiner Vaterstadt - Ganz recht ! Er ist nicht gegenwärtig ! O - Er ist im Palais Sr. Eminenz des Kirchenfürsten - Könnt ' ich ihm nicht die Blumen auf sein Zimmer stellen ? Gewiß ! Kommen Sie ! Fräulein Schnuphase nahm lächelnd einen Schlüssel , der über ihrem Stehpult hing , entfernte sich in ein Nebenzimmer , kehrte zurück , ließ Treudchen vorantreten und öffnete eine andere nach hinten gehende Thür . Wie Treudchen den Laden mit ihren Blumen verließ , sah ihr aus der geöffneten Nebenthür eine zweite , elegante und wie es schien jüngere Dame nach , ohne Zweifel Demoiselle Apollonia ... In dem alterthümlichen Hause ging es eine dunkle steinerne Treppe hinauf . Die Führerin öffnete im ersten Stock ein geräumiges Zimmer und ließ Treudchen eintreten . Hier wohnt der Herr Pfarrer von St.-Wolfgang ! sagte sie . Aber schon schlug es elf Uhr ... Treudchen hörte und sah kaum noch etwas ... Sie rief nur : Elf ! O Gott - ! Demoiselle Schnuphase verstand vollkommen , wie ein gutes Kammermädchen sich nicht beim ersten Ausgange verspäten durfte ... Und doch fehlten für die Blumen die Gläser und sie erbot sich , diese erst zu holen - Treudchen machte es anders . Sie löste beide Sträuße auseinander und vertheilte die Blumen ... Einen Theil warf sie auf ein offen auf dem Tische liegendes großes Buch - vielleicht die lateinische Bibel - einen andern streute sie auf ein großes Schreibzeug , mochten auch einige Nelken in die Dinte fallen . Eine andere Handvoll drückte sie bei einem Crucifix , das im Schatten des Spiegelpfeilers stand , zwischen die Arme des Erlösers , die eine Lücke an dem obern Querholz des Balkens offen ließen . Den Rest streute sie geradezu hierhin und dorthin , sodaß das Zimmer dem Wege des Herrn nach Jerusalem glich , ihre Huldigung einem jubelnden Hosianna . Demoiselle Schnuphase lachte . Treudchen aber , über die der Geist Lucindens gekommen schien , sprach weiter kein Wort , sondern sah sich nur noch einmal um und lief rasch von dannen . Auf dem Platze suchte sie eben die Straße , in die sie wußte einbiegen zu müssen , als sie gerade auf Löb Seligmann und wie Kopf an Kopf und Nase an Nase gegen ihn stieß . Er war ihrer Spur gefolgt , hatte sich ihr nacherkundigt und nachgefragt und entschuldigte sein Ausbleiben durch ein Abenteuer , das ihn bestimmte sie sogleich zu fragen , ob er nicht so blaß und so weiß aussähe wie Kreide ? ... Sie fand ihn aber im Gegentheil sehr erröthet . Doch hielt sie sich mit näherer Beweisführung nicht auf , sondern drängte nur ihres sprachlosen Führers Fingerzeigen auf die Straße nach , die sie einschlagen mußten . Ich bin in meinem Leben ein einziges mal herausgeschmissen worden , keuchte Seligmann , endlich zu einigem Athem gekommen , hinter ihr her und bürstete an seinem Hute , der offenbar eine gewaltsame Beschädigung erlitten hatte ; herausgeschmissen aus bloßem Scherz - und jetzt - Wer hat Ihnen denn etwas gethan ? fragte Treudchen in hastiger Eile den noch ganz Ungesammelten ... Jetzt , wo kein Gensdarm mehr zu einem mosaischen Glaubensgenossen : Zaruck ! sagt , wenn blos die andern gedrängelt haben ... Aber was geschah Ihnen denn ? Ein Mönch , der ein Mann Gottes sein will ... ! Treudchen konnte trotz ihrer Eile nicht umhin , eine Secunde still zu stehen und auf ihren kaum nachkommenden Begleiter einen staunenden Blick zu werfen ... Der mich einmal herausgeschmissen hat - das ist ein Student gewesen , fuhr Seligmann fort ; in kurzen Pausen , Herr Benno von Asselyn war ' s - den Sie kennen müssen - Neveu vom Herrn Dechanten - Ja wohl ! Ja wohl ! Der hat Sie jetzt - Nein ! Vor fünf Jahren ! Und blos aus Spaß schmiß mich Herr von Asselyn ' mal heraus im Roland am Hüneneck , eine Stunde von der Universität , wo ich eine Verhandlung mit einer Partie Bauern hatte , die ihre Güter wollten parcelliren ! Kam der damalige Student Herr von Asselyn dazu mit fünf andern , machte die Stube auf und hörte , was wir discourirten , und fing an : Seligmann - er kannte mich von Kocher - sind Sie denn das Verderben des Landes ! Schlachten Sie Rinder und Kälber mit Ihrem Schwager Lippschütz , aber ruiniren Sie uns hier den Wohlstand der Bauern nicht durch diese verfluchte Parcellirung ! ... Und so faßt mich Herr von Asselyn an dem Rockkragen und führt mich volens nolens in die Nebenstube und alle Bauern lachten dazu . Es war aber blos ein Scherz , die Studenten wollten nur unsere Stube haben , um besser ihren Wein zu trinken wegen der Aussicht ! Aber heute - straf ' mich Gott ! bin ich wirklich herausgeschmissen worden mit einer Grobheit wie von Joseph Zapf , dem Wirth im Roland selbst ! Und das von einem Mönch - einem Priester Gottes ! » Jüd « ! So hab ' ich das Wort seit zwanzig Jahren nicht gehört , seitdem die Buben dazumal , wie das deutsche Vaterland vorm Napoleon ist gerettet gewesen , überall » Hepp , Hepp ! « geschrieen ! Noch mochte Treudchen bis zu ihrer Ankunft an dem in der innern Stadt liegenden Kattendyk ' schen Hause fünf Minuten Zeit haben ... Herr Seligmann erzählte ein Zusammentreffen , das er im Laden des Herrn Xaver Klingelpeter mit einem Mönche gehabt hätte . Und trotz seiner Aufregung und trotz Treudchen ' s Eile nahm er sich die Zeit , noch eine Huldigung für Veilchen Igelsheimer einzuflechten und Treudchen zu ermuntern , die Weiseste ihres Geschlechts zu besuchen ... Als ich ihr den Blumenstrauß in die Rumpelgasse brachte , sagte er , wollt ' ich fort , um Sie nicht warten zu lassen ! Ich erzählte Ihre Leiden , Treudchen ! Ich erzählte auch Ihre Liebe und Ihre Anhänglichkeit ! Wissen Sie , was es gesagt hat , das Veilchen ? Was dankbar ! Kinder dankbar ! hat es gesagt . Die besten Kinder sind gegen ihre Aeltern nur Lumpen ! Sie zahlen ! Womit zahlen sie ? Gerade von dem zahlen sie , was sie schuldig sind ! Frag ' ich sie : Veilchen wie so schuldig ? ... Sind die Kinder , antwortete das Mädchen , ihren Aeltern nicht das Leben schuldig ? Und zahlen sie nun wieder mit ihrem Leben , was thun sie ? Sie machen ' s wie die Fürsten mit ihren Völkern und mit ihren Schulden und wie alle , die bankrott sind ! Sie zahlen ihre Gläubiger gerade von dem , was sie eben ihnen schuldig sind ! Weder Treudchen ' s Gemüthsstimmung noch ihre Bildung gestattete ihr , diese talmudische Dialektik so überraschend geistvoll zu finden , wie sie Löb Seligmann fand ... Aber trotz seiner Bewunderung vor dem scharfen Geiste Veilchen ' s verlor er den Faden seiner Erzählung nicht . Er berichtete , daß er beim vergeblichen Warten auf Treudchen , die noch im Waisenhause war , einen Sprung zu dem Zinngießer hätte machen wollen . Dort hätte er den Laden verschlossen gefunden und wäre nun als alter Bekannter von hinterwärts durch die Werkstatt und in ein Nebenzimmerchen gegangen . Dieses wäre leer gewesen . Wohl aber hätte er durch ein Schiebfensterchen in die Stube des Meisters sehen und mit Staunen auf dem Tische an die Tausende von kleinen zinnernen Münzen erblicken können . Es wäre ihm doch gewesen , als hätte er in eine Falschmünzerei gesehen . Ein Mönch hätte über die Münzen mit dem Meister disputirt und wie ein Advocat wäre er dabei herumgesprungen und hätte dies getadelt und jenes und die Münzen geworfen , daß sie auf den Tisch hinrollten ... und als er dann geklopft und den Kopf durch die Thür gesteckt hätte und hereintreten wollen , da hätte ihn der Mann Gottes in einer Art wieder hinausgeführt , die über alle Zweideutigkeit erhaben gewesen wäre ... Zwar müsse er bekennen , daß er , noch von Veilchen ' s Geiste angesteckt , den Scherz gemacht : » Sind das Wundermedaillen ? « - aber so dicht heran an den Scheiterhaufen und an die heilige Inquisition hätt ' er sich in seinem Leben nicht gefühlt , wie bei dieser Behandlung an einem Orte , wo ihm Meister Klingelpeter doch auch schon mit manchem Scherze gesagt hätte , es wäre ihm ganz egal , wo sein Bruder Nathan Seligmann das Zinn herbekäme , das er ihm geschmolzen zum Verkauf bringe , ob von alten Kelchen oder - Die Blasphemie , die auf Löb Seligmann ' s zornesbleichen Lippen schwebte , hörte Treudchen nicht . Sie war jetzt am Portal des Kattendyk ' schen Hauses . Nun stand der Portier in voller Gala unter den , während der Geschäftszeit , seit Piter befehligte , weitgeöffneten Thorflügeln . Löb Seligmann warf ihr noch einen letzten Ausdruck der Theilnahme zu auf die herzlichen Dankesbezeugungen für seine Begleitung und heute bewiesene Freundlichkeit . Im Verdruß seines gekränkten Stolzes , im Verdruß seiner nur mit Zerstreuung und halber Theilnahme aufgenommenen Erzählung und doch unfähig , sich zu rächen ( und hätte er alle Mittel dazu gehabt , sein Gemüth war doch nur geneigt zum Dulden ) , auch unfähig , Treudchen Vorwürfe zu machen und überhaupt anders als gefühlvoll von ihr Abschied zu nehmen , sagte er : Leben Sie glücklich , mein Kind ! Er sprach diese Worte langsam und melodisch betonend . Er sprach sie , wie wenn einmal jemand : Leben Sie glücklich , mein Kind ! zu David Lippschütz hätte sagen können , falls diesem plötzlich auch so seine Mutter oder gar der Onkel selbst mit Tode abgegangen wäre ... Wir Menschen sind ja so ... Eine Mutter liebkost dann am herzigsten ein fremdes Kind , wenn sie aus dessen Zügen ihr eigenes herausfindet . Treudchen war längst in dem stattlichen Hause verschwunden , als Löb Seligmann noch im Gemisch von Zorn und Wehmuth dastand , dann in die Kattendyk ' schen Comptoire schaute , eine Weile den Gedanken faßte : Wer hier Geschäfte machen könnte ! darauf seinen Hut , der eine unvertilgbare Beule bekommen hatte , aufsetzte und sich im Geist auf die Scene mit dem Mönche zurückversetzte , der ohne Zweifel Pater Sebastus gewesen war ... Aus diesen Träumen weckte aber , » den Störer der Passage « , glücklicherweise noch vor dem Portier ein freundlicherer Anruf : Guten Morgen , Seligmann ! Diese Worte kamen von einem Manne , dessen Anblick dem Gütermakler im Nu den Hut vom Kopfe riß ... Herr Fuld ! Ihr gehorsamster Diener , sprach er fast tonlos ... Es war sein vornehmer leiblicher Vetter - es war der Enkel eines Cousins seiner Mutter , der Löb Seligmann gegrüßt hatte , Herr Bernhard Fuld , der Besitzer der Villa zu Drusenheim im Enneper Thale . Und was geschah ? Alle Stämme Israels gaben ihre Rangunterschiede auf ! Bernhard Fuld blieb zwar nicht stehen , aber er forderte Löb Seligmann auf , ihn zu begleiten ... Setzen Sie nur den Hut auf , Seligmann ! bedeutete ihn der Vetter , den Weigenand Maus und Alois Effingh heute zum Gegenstand einer Caricatur machten , die vielleicht schon in Arbeit war . Wird es denn nichts mit dem Weinberg hinter meiner Villa ? Er fragte dies im Gehen und den Vetter in Bewegung setzend , der vor Verehrung immer zum Stillstand tendirte . Leider nein , Herr Fuld ! ... Aber ich bot doch siebenhundert Thaler ! Ich machte die Offerte ... Das ist ein Heidengeld ! Unerbittlich ist der Mensch ... Versuchen Sie es doch noch einmal - Sie befehlen ... Meine Frau vermißt diesen Besitz , der in der That meine Villa erst arrondirt ! Neunhundert Thaler , wenn Sie ' s machen ! Bei Gott ! Eine ansehnliche Summe ! Ich will es noch einmal - Und kommen Sie dann nächsten Sonntag nach Drusenheim und berichten mir ' s - Ganz wohl ! Sie können ja bei uns speisen , Seligmann ! Mit diesem Worte , das Löb Seligmann geradezu versteinerte , war Herr Bernhard Fuld kurzweg um eine Ecke verschwunden und ließ den Vetter stehen . Sie können ja bei uns speisen , Seligmann ! War das Wort wirklich gesprochen worden ? War es von Bernhard Fuld gesprochen worden , dem Mann , den dort der vierte , fünfte Vorübergehende grüßt ? Dem Mann mit dem schwarzen Frack und dem rothen Bändchen im Knopfloche ? Dem Mann in dem herbstlich gelben Ueberzieher , mit dem Bart à la mécontent , im weißen Castorhute , dem vornehmen Gange , der fast die Steine , auf die er trat , erst auswählte und des Gehens auf gemeiner Erde gar nicht gewohnt schien ? Es war von ihm gesprochen worden ! Und so obenhin war es gesprochen worden , wie wenn alle Tage Sabbat wäre und die Erde nie den Winter kennte sondern ein ewiger Frühling in der Natur und dem Herzen ihrer Bewohner blühte und wie wenn die gebratenen Gänse mit duftender Aepfelfüllung nur so mit den Tranchirmessern durch die Lüfte flögen und die Menschen am Tage geputzt gingen mit Veilchen Igelsheimer ' s Garderobe oder wie die Ballgäste in der neuen Oper » Gustav oder der Maskenball « ... Löb Seligmann wuchs in diesem Augenblicke bis an die Kuppel einer nahe liegenden wirklich alt byzantinischen Kirche . Er vergaß die vorahnende Erinnerung an die Todesanzeige : » Gestern starb mein geliebter Onkel - ! « Er vergaß die Erinnerung an die Scheiterhaufen der Inquisition und die bürgerliche Gleichstellung der Glaubensbekenntnisse wenigstens vor dem Bagatellhofe wegen Injurien ... Sie können ja Sonntag bei uns speisen , Seligmann ! Ja es gibt noch Wunder und liebliche Märchen und was wird Veilchen sagen und was Henriette und was David ? Mit diesen , bis in die höchsten Bergeskuppen gipfelnden Empfindungen mußte Löb Seligmann freilich jetzt in einen Keller steigen . Der Besitzer des um keinen Preis käuflichen Weinberges hinter Drusenheim hieß Stephan Lengenich . Es war dies der aus hiesiger Gegend gebürtige Küfer und ehemalige Freund der Beschließerin Lisabeth auf Schloß Neuhof , der um den Tod des Deichgrafen ein Jahr hatte sitzen müssen , bis ihn die Gerichte aus Mangel an Beweis freisprachen . Stephan Lengenich war in seine Heimat zurückgekehrt und stand als erster Küfer dem großen Weingeschäfte von Joseph Moppes vor . In diese berühmten , mit unterirdischen Gängen weit sich hinziehenden Keller ging es zwanzig Stufen hinunter . Löb Seligmann stieg sie nieder , als führten sie um das Dreidoppelte empor . Nächsten Sonntag ! - In Drusenheim ! - Speisen bei Bernhard Fuld ! Die heitersten Melodieen aus » Fra Diavolo « , mehr aber noch das lustige » Kommt fröhliche Gäste ! « aus den » Wienern in Berlin « fielen in sein überraschtes und bereits versöhntes Gemüth wie mit rauschenden Orchesterklängen . Selbst Thiebold de Jonge und die Freunde Piter ' s konnten mit soviel Wonne nicht an die von ihnen beschlossene drusenheimer Partie des nächsten Sonntags denken . 4. Seit jenem verhängnißvollen Augenblick , wo die wenigen Zeilen , welche Eduard Michahelles , der Secretär des Kirchenfürsten Grafen Truchseß-Gallenberg , an Bonaventura geschrieben , in den Händen desselben wie glühende Kohlen brannten , sprach es mahnend und zur Eile drängend aus jedem Baumeswipfel , aus jedem Windeswehen , aus jedem Menschenauge um ihn her mit den Worten des Herrn : » Siehe , ich habe dich gerufen und du hast dein Ohr verstopfet ! « Von dem Dechanten , den Bonaventura für einen verlorenen Sohn der Kirche halten mußte , hatte er sich losgerissen wie von einer jener Versuchungen , die zu unterdrücken nun schon fast neun Jahre seine tägliche Uebung war . Er hatte die Aufträge an den Obersten überbracht , ohne diesen strengen und ernsten Mann vermögen zu können , Armgart ' s Wünschen zu folgen und sich sofort mit seiner Gattin Monika auszusöhnen . Wie er als Bote des Dechanten Gründe der Billigkeit geltend machte , wie er sagte : Die meisten Ehen haben ihren wahren Grund erst dann noch zu legen , wenn sie schon längst geschlossen sind ! wie er die Tugenden der Gattin des Obersten schilderte , den starren Sinn der gemeinschaftlichen Heimat , die Härte der Verwandten , die ihr das einzige geliebte Kind rauben konnten , wie er rühmte , daß sich die verbitterte , ermüdete junge Frau , um allen Schein einer weltlichen und eitlen Gesinnung zu vermeiden , in ein Kloster geflüchtet hatte , wurde seine Beredsamkeit wieder gelähmt durch das soeben noch schmerzlich lebendig heraufbeschworen gewesene Andenken an seine eigenen Aeltern . Er schied vom Obersten unverrichteter Sache und reiste nach St.-Wolfgang zurück , ohne auch von Lucindens Bruch mit der Dechanei vernommen zu haben . Die Freundin des Dechanten , der in der Stadt war , verbot förmlich , ihn damit bekannt zu machen ; sie fürchtete einen Versuch der Vermittelung und Aussöhnung . Erst in seinem Pfarrhause , wo die alte Dienerin seiner Aeltern , die wie Joseph Mevissen zu ihm gehalten hatte , vor der Mittheilung , ihr Pflegling müßte sofort in die Residenz des Kirchenfürsten , nicht wenig erschrocken und doch auch wieder darob geistig hoch erhoben war , erfuhr er gelegentlich von dem durchreitenden und immer noch vergebens nach dem Knecht aus dem Weißen Roß suchenden , in seinem damaligen Verdacht so glänzend gerechtfertigten Grützmacher , wie die Dinge in der Dechanei Hals über Kopf gegangen . Bonaventura hörte sie voll Mitleid , er vertheidigte sogar Lucinden gegen die Anklagen Renatens und nur die Besorgniß , dieser peinlichen Neigung nun gar in der Residenz des Kirchenfürsten wieder zu begegnen , ließ ihn verstummen in seiner aufrichtig theilnehmenden Anwaltschaft . Der Kirchenfürst hatte ihn innerhalb so kurzer Frist zu sprechen begehrt ! Und doch fesselte ihn in seiner Gemeinde so vieles , was zu erledigen war . Es kam ihm vor , als gliche er denen , die im Evangelium zur Hochzeit geladen werden und die dem göttlichen Gastgeber soviel geringfügige und alltägliche Dinge vorzuschützen wissen ... Und es bildet sich auch im katholischen Leben eine Gemeinsamkeit des Geistlichen mit dem Leben seiner Gemeinde , die eine ganz persönliche und dies in der Liebe sowol wie im Hasse werden kann . Denn auch der Haß findet seine Nahrung . Zu eng ist fast der Verkehr der Kirchenaufsicht , Kirchenbuße und Kirchenzucht . Und eben deshalb , weil der Geistliche sich selbst in alles mischen darf , unterliegt auch er einer strengen Kritik . Vom Gutsherrn bis zur untersten Magd herab wird seine Art beurtheilt . Dem einen sieht der Pfarrer zu traurig , dem andern zu heiter aus ; den grüßt er zu stolz , jenen zu herablassend ; diese alte Frau wirft ihm vor , daß er den Kindern nicht oft genug die Hand gebe und Heiligenbilder an sie austheile ; jenem Bauer ist er zu freigebig und spendet aus dem kleinen ledernen Beutel , den er immer bei sich tragen soll , zu viel an die Bettler , die sich so durch ihn in den Ort gezogen fühlen . Ganz altmodisch mögen sie auch keinen haben und doch beurtheilen sie den Schnitt des Rockes , ob der auch nicht zu kurz , der Stiefeln , ob die auch geziemendermaßen bis an die Schäfte hinauf nach außen sichtbar sind , den Hut , ob dieser , wenn er auch billigerweise die Form des Dreiecks bei uns abgelegt hat , doch nicht zu modern und stadtmäßig wäre . Die Beurtheilung der Gemeinde sieht ihrem Seelsorger bis in das Innerste des Hauses , bis in den Topf , der für ihn am Feuer siedet , bis in das Polster seines Sitzes , ob es nicht zu weich ist , bis auf die Farbe der Decken , die auf seinem Tische liegen , ob sie nicht zu bunt . Und daran gewöhnt sich denn auch der Geistliche selbst . Die Beaufsichtigung wird ihm Bedürfniß . Die Gemeinde ersetzt ihm die Familie . Er lebt mit allen , lebt für alle . Jedes Vorkommniß des innern und äußern Lebens seiner Ortsangehörigen will er kennen und was er nicht sieht mit eigenen Augen , erfährt dann doch sein Ohr im Beichtstuhl . Da , in diesem räthselhaften Flüsterstübchen , wandeln diese Menschen dann alle um ihn her fast wie aufgedeckt und durchsichtig und wie mit gläsernen Fenstern vor ihren Herzen . Niemand kann nun noch an ihm vorübergehen und unbefangen grüßen . So mancher schlägt die Augen nieder , so mancher Knecht , der allen trotzig ist , ist ihm demüthig , so manche Magd erröthet und athmet erst auf , wenn sie an ihm wieder vorüber ist . Wären es nur immer die rechten Warner und Richter , wer hätte Bonaventura nicht recht gegeben , wenn er auf die Feindschaft des Dechanten gegen die Beichte gewöhnlich erwiderte : Unsere Kirche ist eben eine Heilsanstalt ! Denn nicht eben alle wissen den Beichtstuhl so zu behandeln , wie Bonaventura seit seiner ersten Sitzung in dem » Holz der Buße « . Nur zu sehr nimmt die meist aus dem Bauernstande hervorgegangene niedere Geistlichkeit die Art und Bildung der Scholle an , von der sie herstammt und auf die sie zurückkehrt . Heftige Naturen toben sich selbst im Meßgewande aus und will man wahr sein , so gefällt es sogar dem Landmann , wenn sein geistlicher Führer Fleisch von seinem Fleisch , Bein von seinem Bein ist . Der Dechant , in seiner Gletscherbildungstheorie , sagte oft : » Darin etwas ändern ist auf theoretischem und discutirendem oder befehlendem Wege nicht möglich ! Nur große Geschichtsepochen , die den ganzen Menschen ergreifen , die allein reformiren ! Geschichtsepochen , denen wir hoffen auf irgendeine Art wieder entgegenzugehen und ganz nahe zu sein , Geschichtsepochen , die wir 1815 , als das deutsche Vaterland in seiner Einheit wiederhergestellt wurde , leider so unbenutzt vorüberziehen ließen ! « Bonaventura kannte vollkommen den Landmann und seine Bedürfnisse . Sein unglücklicher Vater hatte allerdings dem höhern Beamtenstande , zuletzt als Regierungsrath , angehört ; aber seine beiden Oheime lebten auf dem Lande , der Dechant wenigstens in einer kleinen Stadt ; er selbst war in Borkenhagen geboren , einem kleinen Gute , das der ganzen Familie gehörte und vor der Rückkehr des Onkels Max aus dem spanischen Kriege verpachtet gewesen war , ohne daß seine junge Mutter sich behindern ließ , dann und wann das kleine , der Familie gebliebene Herrenhaus zu besuchen und auf dem Lande die Sommerfrische zu halten . Bonaventura war keine zerflossene Natur oder von übermäßiger Milde ; er konnte streng und in manchem vielleicht zu entschieden sein . Aber immer umgab ihn eine gewisse Vornehmheit , eine edle , ja adelige Besonderheit . Der längliche Schnitt seines Antlitzes , die braunen Augen in dunkelschattigen Höhlen , die Feinheit derjenigen Organe , die die Kennzeichen einer höhern geistigen Natur tragen , Mund , Nase , weiße längliche Hände , alles das hob seine Erscheinung . Dazu kam der schlanke Wuchs , das schwarze Haar , dessen Tonsur nur wie die natürliche Folge der Anstrengung des Denkers aussah und vollkommen mit dem lichtern Haarwuchse an den Schläfen und Stirnecken zusammenzugehören schien . Beseelt war all dies Aeußerliche von einer weichen , in der mittlern Tonlage sich haltenden und zur Höhe und Tiefe gleich klangvoll sich erhebenden und senkenden Stimme . Bonaventura besaß den ganzen Eifer , den wir immer finden bei einem selbstgewählten Berufe . Damals , als ihn der schauervolle Tod des Vaters und die Verheirathung seiner Mutter in eine tiefe Betrübniß , die an Schwermuth grenzte , versetzte , ging ihm die Mahnung zum geistlichen Beruf wie eine Vision auf . Schon studirte er auf der Universität , um nach einiger Zeit und mit dem gesetzlichen Alter als Freiwilliger in die Armee zu treten und bei ihr auf Avancement zu dienen . Der Fall trat ein ; er verblieb in den Reihen des Militärs bis zur Vollendung seines Offizierexamens . Dann trat er als Fähnrich aus . Es ergriff ihn ein solcher Ueberdruß an weltlichen Dingen , daß er nicht fassen konnte , wie er dem Waffendienste sich mit ganzer Hingebung hätte weihen können . Das Vaterland lag im tiefsten Frieden , eine Lockung des Ehrgeizes oder des Pflichtgefühls , dem Allgemeinen sich zu opfern , sprach nirgends aus der todten oder träumerisch schlummernden Zeit ; was hätte ihn hindern können , dem Zuge zu folgen , der ihn so mächtig ergriff und der ihn aus einer Art geistiger Vernichtung wieder emporzuheben versprach ? Es gibt eine Schwarmzeit im Gemüthe des Jünglings , eine heilige Zeit der Dämmerung und des sehnsüchtigen Träumens . Nicht immer hin an das Herz eines weiblichen Wesens , das man dann allerdings in den meisten Fällen unter Athemzügen wie von Feuergluten lieben muß , oft auch an einen Freund zieht es in dieser Zeit des Jünglings Seele . Diese Stunden sind die der Geburt unsers geistigen Menschen . In diesen Stunden werden die Bücher unsers Schicksals angelegt . In ihnen öffnen sich feierlich und schwer diese großen leeren Blätter , auf welche unser Schutzgeist das Größte , Erhabenste , Glücklichste schreiben möchte , wenn nur nicht die stärkern Dämonen der Weltregierung und die noch stärkern unserer eigenen Leidenschaft ihn von dem Buche hinwegdrängten , ihm die Feder aus der Hand rissen , thörichte Hieroglyphen , Fratzen oft hineinzeichneten , von denen wir in unsern spätern Tagen mit verhülltem Angesicht uns abwenden , mögen sie auch in einem einzigen großen , uns unbekannten , allmächtigen Weltenplane irgendwie auch ihre Schönheit haben und diese Schönheit schon durch die Leiden , mit denen wir sie büßen mußten ! In einer solchen Dämmerstunde , wo wir nichts sind als Gefühl , nichts wollen als die liebende Umarmung des Alls , nichts fürchten und wär ' es die eigene Vernichtung , da ergriff es auch den zwanzigjährigen Jüngling , der über ein Jahr schon auf der Hochschule gewesen , dann schon die Liebe militärischer Kameraden , die Achtung der Vorgesetzten gewonnen hatte , sich loszureißen ganz von der Welt , von dem Staat , von der Gesellschaft und ein Priester zu werden . Das Bild des im Alpenschnee versunkenen Vaters winkte ihm , gleichsam ein Dankopfer darzubringen an die Augustinermönche , die ihn gefunden und begraben hatten . Die plötzliche Heirath der Mutter mit einem Manne , über dessen Stellung zu seinem väterlichen Hause er erst nach und nach die volle Wahrheit ahnte , diese vollends erfüllte ihn so mit Wehmuth und Schmerz und Opferfreudigkeit an das Höchste , daß er ein Kloster aufgesucht haben würde , wenn er nicht vom Dechanten mit der ernstesten Rüge davon wäre abgehalten worden . Drei Jahre verbrachte Bonaventura im Convict einer mitteldeutschen Universität . Er erhielt nach und nach die mehreren Weihen des Priesters . Er war ein Jahr Kaplan zu Kocher am Fall gewesen ; dann seit zwei Jahren Pfarrer zu St.-Wolfgang , Nachfolger eines wenig rühmenswerthen Priesters , Cajetanus Rother . Bonaventura fühlte und füllte die Lücken seines Wissens . Die Ausdehnung auf dem Gebiet aller der je gehegten Meinungen und Irrthümer über jenseitige Dinge ist so groß , die Zahl der Schriften , die gelesen zu haben zur Beruhigung wenn nicht des Herzens , doch der Bildung gereicht , mehrte ihm sich von Tage zu Tage , wie sie sich dem größten Gelehrten mehrt , je länger er forscht ... Da hatte er denn daheim so viel Angefangenes , so viel zog ihn in seine kleine Bibliothek und an seinen Studirtisch zurück , daß er nicht sofort zum Aufbruch kam , als er jetzt in die große Stadt hinunterkommen sollte ... zu dem Kirchenfürsten , mit dem er schon einmal in seinem Leben unter schmerzlichen Umständen zusammengetroffen war . Diese Stadt selbst hatte für Bonaventura immer etwas Beklemmendes gehabt , theils weil sie so unschön , wirr und wild in der Anlage , hier und da sogar wüst im Zurückgebliebensein gegen frühere Macht und Bildung war , theils weil sie neugeboren wurde aus einem ihm nicht sympathischen Geiste , dem protestantischen ; aber am unheimlichsten erschien sie Bonaventura durch die Erinnerung an eine Abschiedsscene , die er vor sieben Jahren hier erlebt , die Trennung von seiner Mutter . Schon seit seinem zwölften Jahre lebte er von ihr entfernt , theils in Kocher , theils auf der lateinischen Schule der Universität . Von seiner Mutter hatte er immer nur die Erinnerung einer Frau gehabt , die er wol mit seinem Vater in ruhiger Einigkeit gesehen und doch nie ganz mit ihm und in ihm aufgegangen . Es war eine große Regierungsstadt mehr nach dem Westen zu , in der Vater und Mutter gelebt hatten . Der Vater hatte einen Freund , der erst der Assessor , dann der Rath von Wittekind-Neuhof hieß , jetzt schon seit lange der Präsident . Dieser