zu besprechen und zu bedenken . Wenn es an der Zeit sei , werde es die Mutter erfahren , daß sie alle ihre Maßregeln ausreichend treffen könne . Sie war damit zufrieden . Nachmittags fragte ich in der Stadt im Hause der Fürstin an , und erfuhr , daß dieselbe zufällig auf mehrere Tage anwesend sei . Sie habe die Absicht , nach Riva zu gehen , um dort einige Wochen an den Ufern des blauen Gardasees zu verleben . Sie sei jetzt eben damit beschäftigt , die Vorbereitungen zu dieser Reise zu machen . Ich ließ anfragen , wann ich sie sprechen könnte , und wurde auf den nächsten Tag um zwölf Uhr bestellt . Ich nahm zu dieser Zeit eine Mappe mit einigen meiner Arbeiten zu mir , und verfügte mich in ihre Wohnung . Nach den freundlichen Empfangsworten drückte sie ihre Verwunderung aus , mich jetzt hier zu finden . Ich gab die Verwunderung für ihre Person zurück . Sie führte mir als Grund ihre beabsichtigte Reise an , und ich sagte , daß plötzlich gekommene Angelegenheiten meinen Sommeraufenthalt unterbrochen und mich in die Stadt geleitet hätten . Sie fragte mich um meine Arbeiten während der Zeit meiner Abwesenheit . Ich erklärte ihr dieselben . Als ich von dem Simmigletscher sprach , nahm sie besonderen Anteil , weil ihr dieses Gebirge aus früherer Zeit her bekannt war . Ich mußte ihr genau beschreiben und zeigen , wo wir gewesen , und was wir getan haben . Ich zog die Zeichnungen , die ich in Farben von den Eisfeldern , ihren Einränderungen , ihrer Einbuchtung , ihrer Abgleitung und ihres oberen Ursprunges gemacht hatte und in meiner Mappe mit mir trug , hervor und breitete sie vor ihr aus . Sie ließ sich jedes , auch das Kleinste , an diesen Zeichnungen beschreiben und erklären . Ich mußte ihr auch versprechen , bei nächster günstiger Gelegenheit meine Zeichnung von dem Grunde des Lautersees ihr vorzulegen und auf das genaueste zu erörtern . Es sei ihr dies doppelt wünschenswert , weil sie jetzt selber zu einem See reise , der einer der merkwürdigsten des südlichen Alpenabhanges sei . Hierauf befragte sie mich um meine anderen Bestrebungen auf dem Gebiete der bildenden Kunst , worauf ich erwiderte , daß ich heuer außer den Gletscherzeichnungen , die doch wieder fast nur wissenschaftlicher Natur seien , nichts hatte machen können , weder in Landschaften noch in Abbildung menschlicher Köpfe . » Wenn Ihr ein sehr schönes , jugendliches Angesicht abbilden wollt , « sagte sie , » so müsset Ihr suchen , das Angesicht der jungen Tarona abbilden zu dürfen . Ich bin alt , habe viel erfahren , habe sehr viele Menschen gesehen und betrachtet , aber es ist mir wenig vorgekommen , das edler , einnehmender und liebenswürdiger gewesen wäre als die Züge der Tarona . « Ich errötete sehr tief bei diesen Worten . Sie richtete die klaren , lieben Augen auf mich , lächelte sehr fein und sagte : » Haltet Ihr etwa schon jemanden für das Schönste ? « Ich antwortete nicht , und sie schien auch eine Antwort nicht zu erwarten . Von Natalien konnte ich ihr nichts sagen , da die Sache nicht so weit gediehen war , um sie andern verkündigen zu können . Wir brachen ab , ich verabschiedete mich bald , sie reichte mir gütig die Hand , welche ich küßte , und lud mich ein , ja im künftigen Winter sehr bald von dem Gebirge zurück zu kommen , da auch sie sehr bald in der Stadt einzutreffen gedenke . Ich antwortete , daß ich über jenen Zeitpunkt jetzt durchaus nicht zu verfügen im Stande sei . Am zweiten Tage morgens stand ich reisefertig in meinem Zimmer . Der Wagen war vor das Haus bestellt worden . Ich hatte mir es nicht versagen können , in einem besonderen Wagen so schnell als möglich in den Sternenhof zu fahren . Vater , Mutter und Schwester waren in dem Speisezimmer , um von mir Abschied zu nehmen . Ich begab mich auch in dasselbe , und wir nahmen ein kleines Frühmahl ein . Nach demselben sagte ich Lebewohl . » Gott segne dich , mein Sohn , « sprach die Mutter , » Gott segne dich auf deinem Wege , er ist der entscheidende , du bist nie einen so wichtigen gegangen . Wenn mein Gebet und meine Wünsche etwas vermögen , wirst du ihn nicht bereuen . « Sie küßte mich auf den Mund und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn . Der Vater sagte : » Du hast von deiner frühen Jugend an erfahren , daß ich mich nicht in deine Angelegenheiten menge ; handle selbstständig , und trage die Folgen . Wenn du mich frägst , wie du jetzt getan hast , so werde ich dir immer beistehen , in so weit es meine größere Erfahrung vermag . Aber einen Rat möchte ich dir doch in dieser wichtigen Angelegenheit geben , oder vielmehr nicht einen Rat geben , sondern deine Aufmerksamkeit möchte ich auf einen Umstand leiten , auf den du vielleicht in der Befangenheit dieser Tage nicht gedacht hast . Ehe du das ernste Band schließest , ist noch manches für dich notwendig , deinen Geist und dein Gemüt zu stärken und zu festigen . Eine Reise in die wichtigsten Städte Europas und zu den bedeutendsten Völkern ist ein sehr gutes Mittel dazu . Du kannst es , deine Vermögenslage hat sich sehr gebessert , und ich lege wohl auch etwas dazu , wie ich überhaupt mit dir Abrechnung halten muß . « Ich war sehr bewegt und konnte nicht sprechen . Ich nahm den Vater nur bei der Hand und dankte ihm stumm . Klotilde nahm mit Tränen Abschied und sagte leise , als ich sie an mich drückte : » Gehe mit Gott , es wird alles recht sein , was du tust , weil du gut bist , und weil du auch klug bist . « Ich sprach die Hoffnung aus , daß ich bald wieder kommen werde , und ging die Treppe hinab . Meine Reise war sehr schnell , weil überall die Pferde schon bestellt waren , weil ich nirgends schlief und zum Essen nur die kürzeste Zeit verwendete . Als ich im Sternenhofe in das Zimmer Mathildens trat , kam sie mir entgegen und sagte : » Seid willkommen , es ist alles , wie ich gedacht habe ; denn sonst wäret Ihr nicht zu mir , sondern zu unserm Freunde gekommen . « » Meine Angehörigen ehren Euch , ehren unseren Freund , und glauben an unser Glück und an unsere Zukunft « , erwiderte ich . » Seid willkommen , Natalie , « sagte ich , als diese gerufen worden und in das Zimmer getreten war , » ich bringe freundliche Grüße von den Meinigen . « » Seid willkommen , « antwortete sie , » ich habe immer gehofft , daß es so geschehen und daß Eure Abwesenheit so kurz sein wird . « » Meine Hoffnung war wohl auch dieselbe , « erwiderte ich , » aber jetzt ist alles klar , und jetzt ist völlige Beruhigung vorhanden . « Wir blieben bei Mathilden und sprachen einige Zeit mit einander . Am zweiten Tage nach meiner Ankunft reiste ich zu meinem Gastfreunde . Mathilde hatte mir einen Wagen und Pferde mit gegeben . Als ich in das Schreinerhaus gekommen war , in welchem sich mein Gastfreund bei meiner Ankunft befand , reichte er mir die Hand und sagte : » Ich bin von Eurer Rückkunft bereits benachrichtigt ; man hat mir von dem Sternenhofe gleich nach Eurem Eintreffen in demselben geschrieben . « Eustach sah mich seltsam an , so daß ich vermutete , er wisse auch bereits von der Sache . Wir gingen nun in das Haus , und man öffnete mir meine gewöhnliche Wohnung . Gustav kam nach einer Weile zu mir herauf und konnte seiner Freude beinahe kein Ende machen , daß alles sei , wie es ist . Mein Gastfreund hatte ihm die Tatsache erst heute eröffnet . Er sprach ohne Rückhalt aus , daß ihm die Sache so weit , weit lieber sei , als wenn Tillburg seine Schwester aus dem Hause geführt hätte , dessen Wille wohl immer dahin gerichtet gewesen wäre . 2. Das Vertrauen Ich blieb einige Zeit bei meinem Gastfreunde , teils weil er es selber verlangte , teils um jene Ruhe zu gewinnen , die ich sonst immer hatte , und die ich brauchte , um in meinen Bestrebungen klar zu sehen und sie nach gemachter Einsicht zu ordnen . Die Leute blickten mich fragend oder verwundert an . Vermutlich hatte es sich ausgebreitet , in welche Beziehung ich zu Personen getreten bin , welche Freunde des Hauses sind , und welche oft in dasselbe als Besuchende kommen . Nirgends aber trat mir der Anschein entgegen , als ob man mir das Verhältnis mißgönnte oder es mit ungünstigen Augen ansähe . Im Gegenteile , die Leute waren fast freundlicher und dienstwilliger als vorher . Ich kam in das Gartenhaus . Der Gärtner Simon trat mir mit einer Art Ehrerbietung entgegen und rief seine Gattin Clara herbei , um ihr zu sagen , daß ich da sei , und um sie zu veranlassen , daß sie mir ihre Verbeugung mache . Er hatte dies sonst nie getan . Als diese Art von Vorstellung vorüber war , führte er mich erst in den Garten , wie er mit kurzem Ausdrucke bloß seine Gewächshäuser nannte . Er zeigte mir wieder seine Pflanzen , erklärte mir , was neu erworben worden war , was sich besonders schön entwickelt habe , und was in gutem Stande geblieben sei ; er erzählte mir auch , welche Verluste man erlitten habe , wie die Pflanzen im schönsten Gedeihen gewesen seien , die man verloren habe , und welchen besonderen Ursachen man ihren Verlust zuschreiben müsse . Er bedachte hiebei nicht , daß etwa meine Gedanken anderswo sein könnten , wie er bei einer früheren Gelegenheit auch nicht geahnt hatte , daß mein Gemüt abwesend sei , da er mir ebenfalls mit vieler Lust und großer Umsicht seine Gewächse erklärt hatte . Besonders eifrig war er in der Darlegung der Vorzüge und Schönheiten der Rose , welche die Frau des Sternenhofes für den Herrn des Hauses aus England verschrieben habe . Er führte mich zu ihr und zeigte mir alle Vortrefflichkeiten derselben . Dann mußte ich auch mit ihm in das Kaktushaus gehen , wo er mir sogleich den Cereus Peruvianus wies , der durch meine Güte , wie er sich ausdrückte , in den Asperhof gekommen sei . Er wachse bereits steilrecht in seinem Glasfache empor , was durch viele Mühe und Kunst bewirkt worden sei . Die gelbliche Farbe vom Inghofe sei in die dunkelblaugrüne , gleichsam mit einem Dufte überflogene übergegangen , welche die völlige Gesundheit der Pflanze beweise . Wenn es so fortgehe , so könne auch noch die Freude der fabelhaften weißen Blumen der lebendigen Säule in dieses Haus kommen . Er führte mich dann zu einigen Kaktusgestalten , die eben im Blühen begriffen waren . Es lag eine ziemlich große Sammellinse in der Nähe , um die Blumen und nebstbei auch die Waffen und die Gestaltungen der Pflanzenkörper unter dem Einflusse des vollen Sonnenlichtes betrachten zu können . Er bat mich , die Linse zu gebrauchen . Es war eine farblos zeigende und zugleich eine , bei welcher die Abweichung wegen der Kugelgestalt auf ein Kleinstes gebracht war . Überhaupt wies sie sich als vortrefflich aus . Er erzählte mir , daß der Herr das Vergrößerungsglas eigens zum Betrachten der Kakteen habe machen , es in das schöne Elfenbein fassen und in das reine Sammetfach habe legen lassen . Heute erst sei er noch in dem Kaktushause gewesen und habe mit dem Glase die Blüten und viele Stacheln angeschaut . Ich bediente mich des Glases und sah in den von den seidenartigen Blumenblättern umstandenen gelben , weißen oder rosafarbigen Kelch hinein , wie sie eben vorhanden waren . Daß der Glanz dieser Blumenfarben besonders schön , weit schöner als die feinste Seide und als der der meisten Blumen sei , wußte ich ohnehin , mußte es mir aber doch von dem Gärtner Simon zeigen lassen , so wie er auch der schönen , grün oder rosig oder dunkelrotbraun dämmernden Tiefe des Kelches erwähnte , aus der die Wucht der schlanken Staubfäden aufsteige , die keine Blüte so zierlich habe . Überhaupt seien die Kaktusblumen die schönsten auf der Welt , wenn man etwa einige Schmarotzergewächse und ganz wenige andere vereinzelte Blumen ausnehme . Er machte mich auch auf einen Umstand aufmerksam , den ich nicht wußte , oder den ich nicht beobachtet hatte , daß nämlich bei einigen Kugelkaktus sich die Blumen stets aus neuen Stachelaugen meistens mit ganz kurzem Stengel entwickeln , während sie bei andern auf einem mehr oder minder hohen Stiele aus vorjährigen oder noch älteren Stachelaugen sich erheben . Er sagte , das werde gewiß einmal einen Grund zu einer neuen Einteilung dieser Kaktusgestalt geben . Er zeigte mir an vorhandenen Gewächsen den Unterschied , und ich mußte ihn erkennen . Er sagte , daß dies nicht zufällig sei , und daß er die Tatsache schon dreißig Jahre beobachte . Damals , als er jung gewesen , seien kaum einige dieser Gestaltungen bekannt gewesen , jetzt vermehre sich die Kenntnis derselben bedeutend , seit die Menschen zur Einsicht ihrer Schönheit gekommen sind , und Reisende Pflanzen aus Amerika senden , wie jener Reisende , der von deutschen Landen aus fast in der ganzen Welt gewesen sei . Es könne nur Unverstand oder Oberflächlichkeit oder Kurzsichtigkeit diese Pflanzengattung ungestaltig nennen , da doch nichts regelmäßiger und mannigfaltiger und dabei reizender sei als eben sie . Nur eine erste genaue Betrachtung und Vergleichung derselben sei nötig , und nur ein sehr kurzes Fortsetzen dieser Betrachtung , damit die Gegner dieser Pflanzen in warme Verehrer derselben übergehen - es müßte nur ein Mensch überhaupt kein Freund der Pflanzen sein , welche Gattung es vielleicht in der Welt nicht gibt . Als ich das Pflanzenhaus verließ , begleitete er mich bis an die Grenze der Gewächshäuser , und auch seine Gattin trat aus der Tür ihrer Wohnung , um sich von mir zu verabschieden . In dem Blumengarten und in der Abteilung der Gemüse blieben die Arbeitsleute vor mir stehen , nahmen den Hut ab und grüßten mich artig . Eustach war mild und freundlich wie gewöhnlich , aber er war noch weit inniger , als er es in früheren Zeiten gewesen war . Mich freute die Billigung gerade von diesem Menschen ungemein . Er zeigte mir alles , was in der Arbeit war , und was sich an wirklichen Dingen , was an Zeichnungen , was an Nachrichten in der jüngsten Zeit zu dem bereits Vorhandenen hinzugefunden hatte . Er sagte , daß mein Gastfreund in kurzem eine ziemlich weit entfernte Kirche besuchen werde , in welcher man auf seine Kosten Wiederherstellungen mache , und daß er mich zu dieser Reise einladen wolle . Ich sah unter allen vorhandenen Dingen und Stoffen den sehr schönen Marmor nicht , den ich meinem Gastfreunde zum Geschenke gemacht hatte , und war auch nie in Kenntnis gekommen , daß daraus etwas verfertigt worden sei . Es sprach niemand davon , und ich fragte auch nicht . In mancher Stunde sah ich den Arbeiten zu , welche in dem Schreinerhause ausgeführt wurden . Roland war wie gewöhnlich im Sommer nicht in dem Asperhofe anwesend . Mit Eustach besuchte ich auch die Bilder meines Gastfreundes , seine Kupferstiche , seine Schnitzereien und seine Geräte . Wir sprachen über die Dinge , und ich suchte mir ihren Wert und ihre Bedeutung immer mehr eigen zu machen . Auch in das Bücherzimmer , den Marmorsaal und das Treppenhaus meines Gastfreundes ging ich . Wie war die Gestalt auf der Treppe erhaben , edel und rein gegen die Nymphe in der Grotte des Gartens im Sternenhofe , die mir in der letzten Zeit so lieb geworden war . Durch meine Bitte ließ sich mein Freund bewegen , mir die Zimmer aufzuschließen , in denen Mathilde und Natalie während ihres Aufenthaltes in dem Asperhofe wohnen . Ich blieb länger als in den anderen in dem letzten , kleinen Gemache mit der Tapetentür , welches ich die Rose genannt hatte . Mich umwehte die Ruhe und Klarheit , die in dem ganzen Wesen Mathildens ausgeprägt ist , die in den Farben und Gestalten des Zimmers sich zeigte , und die in den unvergleichlichen Bildern lag , die hier aufgehängt waren . Wir gingen auch in den Meierhof . Die Leute begegneten mir achtungsvoll , sie zeigten mir alle Räume , und wiesen , was sich in ihnen befinde , was dort gearbeitet werde , wozu sie dienen , und was sich in neuerer Zeit geändert habe . Der Meier hatte seine besondere Freude an der neuen , von ihm selbst verbesserten Zucht der Füllen und an dem Volke aller von meinem Gastfreunde eingeführten Gattungen von Hühnern . Als wir uns von dem Meierhofe entfernten , und uns der vielstimmige Gesang der Vögel aus dem Garten des Hauses entgegen schallte , sah ich im Rückblicke , daß sich unter dem Torwege eine Gruppe von Mägden mit ihren blauen Schürzen und weißen Hemdärmeln gesammelt habe und uns nachschaue . Wenn ich auch erkannte , daß ich der Gegenstand der Aufmerksamkeit geworden war , so entschlüpfte doch niemandem ein Wort , welches einen Grund dieser Aufmerksamkeit angedeutet hätte . Gustav , welcher wohl anfangs seine Freude gegen mich ausgesprochen hatte , daß es sei , wie es ist , und daß keiner von denen , die es gewollt hatten , seine Schwester fortgeführt , sprach nun von dem Gegenstande nicht mehr , und schloß sich nur noch herzlicher , wenn dieses möglich war , an mich an . Mein Gastfreund sagte mir endlich auch von der Reise nach der Kirche , von welcher Eustach gesprochen hatte , und lud mich zu derselben ein . Ich nahm die Einladung an . Wir fuhren eines Morgens von dem Asperhofe fort , mein Gastfreund , Eustach , Gustav und ich . Gustav wird , wie mir mein Gastfreund sagte , auf jede kleinere Reise von ihm mitgenommen . Wenn dies bei ausgedehnteren Reisen nicht der Fall sein kann , so wird er zu seiner Mutter in den Sternenhof gebracht . Wir kamen erst am zweiten Tage bei der Kirche an . Roland , welcher von unserer Ankunft unterrichtet gewesen war , erwartete uns dort . Die Kirche war ein Gebäude im altdeutschen Sinn . Sie stammte , wie meine Freunde versicherten , aus dem vierzehnten Jahrhunderte her . Die Gemeinde war nicht groß und nicht besonders wohlhabend . Die letztvergangenen Jahrhunderte hatten an dieser Kirche viel verschuldet . Man hatte Fenster zumauern lassen , entweder ganz oder zum Teile , man hatte aus den Nischen der Säulen die Steinbilder entfernt , und hatte hölzerne , die vergoldet und gemalt waren , an ihre Stelle gebracht . Weil aber diese größer waren als ihre Vorgänger , so hat man die Stellen , an die sie kommen sollten , häufig ausgebrochen und die früheren Überdächer mit ihren Verzierungen weggeschlagen . Auch ist das Innere der ganzen Kirche mit bunten Farben bemalt worden . Als dieses in dem Laufe der Jahre auch wieder schadhaft wurde und sich Ausbesserungsarbeiten an der Kirche als dringlich notwendig erwiesen , gab sich auch kund , daß die Mittel dazu schwer aufzubringen sein würden . Die Gemeinde geriet beinahe über den Umfang der Arbeiten , die vorzunehmen wären , in großen Hader . Offenbar waren in früheren Zeiten reiche und mächtige Wohltäter gewesen , welche die Kirche hervorgerufen und erhalten hatten . In der Nähe stehen noch die Trümmer der Schlösser , in denen jene wohlhabenden Geschlechter gehaust hatten . Jetzt steht die Kirche allein als erhaltenes Denkmal jener Zeit auf dem Hügel , einige in neuerer Zeit erbaute Häuser stehen um sie herum , und rings liegt die Gemeinde in den in dem Hügellande zerstreuten Gehöften . Die Besitzer der Schloßruinen wohnen in weit entfernten Gegenden und haben , da sie ganz anderen Geschlechtern angehören , entweder nie eine Liebe zu der einsamen Kirche gehabt , oder haben sie verloren . Der Pfarrer , ein schlichter , frommer Mann , der zwar keine tiefen Kenntnisse der Kunst hatte , aber seit Jahren an den Anblick seiner Kirche gewöhnt war und sie , da sie zu verfallen begann , wieder gerne in einem so guten Zustande gesehen hätte , als nur möglich ist , schlug alle Wege ein , zu seinem Ziele zu gelangen , die ihm nur immer in den Sinn kamen . Er sammelte auch Gaben . Auf letztem Wege kam er zu meinem Gastfreunde . Dieser nahm Anteil an der Kirche , die er unter seinen Zeichnungen hatte , reiste selber hin und besah sie . Er versprach , daß er , wenn man seinen Plan zur Wiederherstellung der Kirche billige und annehme , alle Kosten der Arbeit , die über den bereits vorhandenen Vorrat hinausreichen , tragen und die Arbeit in einer gewissen Zahl von Jahren beendigen werde . Der Plan wurde ausgearbeitet und von allen , welche in der Angelegenheit etwas zu sprechen hatten , genehmigt , nachdem der Pfarrer schon vorher , ohne ihn gesehen zu haben , sehr für ihn gedankt und sich überall eifrig für seine Annahme verwendet hatte . Es wurde dann zur Ausführung geschritten , und in dieser Ausführung war mein Gastfreund begriffen . Die Füllmauern in den Fenstern wurden vorsichtig weggebrochen , daß man keine der Verzierungen , welche in Mörtel und Ziegeln begraben waren , beschädige , und dann wurden Glasscheiben in der Art der noch erhaltenen in die ausgebrochenen Fenster eingesetzt . Die hölzernen Bilder von Heiligen wurden aus der Kirche entfernt , die Nischen wurden in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hergestellt . Wo man unter dem Dache der Kirche oder in anderen Räumen die alten schlanken Gestalten der Heiligenbilder wieder finden konnte , wurden sie , wenn sie beschädigt waren , ergänzt und an ihre mutmaßlichen Stellen gesetzt . Für welche Nischen man keine Standbilder auffinden konnte , die wurden leer gelassen . Man hielt es für besser , daß sie in diesem Zustande verharren , als daß man eins der hölzernen Bilder , welche zu der Bauart der Kirche nicht paßten , in ihnen zurückgelassen hätte . Freilich wäre die Verfertigung von neuen Standbildern das Zweckmäßigste gewesen ; allein das war nicht in den Plan der Wiederherstellung aufgenommen worden , weil es über die zu diesem Werke verfügbaren Kräfte meines Gastfreundes ging . Alle Nischen aber , auch die leeren , wurden , wenn Beschädigungen an ihnen vorkamen , in guten Stand gesetzt . Die Überdächer über ihnen wurden mit ihren Verzierungen wieder hergestellt . Zu der Übertünchung des Innern der Kirche war ein Plan entworfen worden , nach welchem die Farbe jener Teile , die nicht Stein waren , so unbestimmt gehalten werden sollte , daß ihr Anblick dem eines bloßen Stoffes am ähnlichsten wäre . Die Gewölbrippen , deren Stein nicht mit Farbe bestrichen war , so wie alles andere von Stein wurde unberührt gelassen und sollte mit seiner bloß stofflichen Oberfläche wirken . Die Gerüste zu der Übertünchung waren bereits dort geschlagen , wo man mit Leitern nicht auslangen konnte . Freilich wäre in der Kirche noch vieles andere zu verbessern gewesen . Man hatte den alten Chor verkleidet und ganz neue Mauern zu einer Emporkirche aufgeführt , man hatte ein Seitenkapellchen im neuesten Sinne hinzugefügt , und es war ein Teil der Wand des Nebenschiffes ausgenommen worden , um eine Vertiefung zu mauern , in welche ein neuer Seitenaltar zu stehen kam . Alle diese Fehler konnten wegen Unzulänglichkeit der Mittel nicht verbessert werden . Der Hauptaltar in altdeutscher Art war geblieben . Roland sagte , es sei ein Glück gewesen , daß man im vorigen Jahrhunderte nicht mehr so viel Geld gehabt habe als zur Zeit der Erbauung der Kirche , denn sonst hätte man gewiß den ursprünglichen Altar weggenommen und hätte einen in dem abscheulichen Sinne des vergangenen Jahrhunderts an seine Stelle gesetzt . Mein Gastfreund besah alles , was da gearbeitet wurde , und es ward ein Rat mit Eustach und Roland gehalten , dem auch ich beigezogen wurde , um zu erörtern , ob alles dem gefaßten Plane getreu gehalten werde , und ob man nicht manches mit Aufwendung einer mäßigen Summe noch zu dem ursprünglich Beabsichtigten hinzu tun könnte , was der Kirche not täte , und was ihr zur Zierde gereichte . Die Ansichten vereinigten sich sehr bald , da die Männer nach der nämlichen Richtung hin strebten , und da ihre Bildungen in dieser Hinsicht sich wechselweise zu dem gleichen Ergebnisse durchdrungen hatten . Ich konnte sehr wenig mit reden , obgleich ich gefragt wurde , weil ich einerseits zu wenig mit den vorhandenen Grundlagen vertraut war , und weil andererseits meine Kenntnisse in dem Einzelnen der Kunst , um welche es sich hier handelte , mit denen meiner Freunde nicht Schritt halten konnten . Der Pfarrer hatte uns sehr freundlich aufgenommen , und wollte uns sämtlich in seinem kleinen Hause beherbergen . Mein Gastfreund lehnte es ab , und wir richteten uns , so gut es ging , in dem Gasthofe ein . Der Ehrerbietung und des Dankes aber konnte der bescheidene Pfarrer gegen meinen Gastfreund kein Ende finden . Auch kam eine Abordnung mehrerer Gemeindeglieder , um , wie sie sagten , ihre Aufwartung zu machen und ihren Dank darzubringen . Wirklich wenn man die schlanken , edlen Gestaltungen der Kirche ansah , welche da einsam auf ihrem Hügel in einem abgelegenen Teile des Landes stand , in dem man sie gar nicht gesucht hätte , und die schon geschehenen Verbesserungen betrachtete , welche ihre feinen Glieder wieder zu Ansehn und Geltung brachten , so konnte man nicht umhin , sich zu freuen , daß die reinen blauen Lüfte wieder den reinen einfachen Bau umfächelten , wie sie ihn umfächelt hatten , als er nach dem Haupte des längst verstorbenen Meisters aus den Händen der Arbeitsleute hervor gegangen war . Und wirklich mußte man sich auch zum Danke verpflichtet fühlen , daß es einen Mann gab , wie mein Gastfreund war , der aus Liebe zu schönen Dingen , und , ich muß wohl auch hinzufügen , aus Liebe zur Menschheit , einen Teil seines Einkommens , seiner Zeit und seiner Einsicht opfert , um manch Edles dem Verfalle zu entreißen und vor die Augen der Menschen wohlgebildete und hohe Gestaltungen zu bringen , daß sie sich daran , wenn sie dessen fähig sind und den Willen haben , erheben und erbauen können . Das alles wußten aber die Gemeindeglieder nicht , sie dankten nur , weil sie meinten , daß es ihre Schuldigkeit sei . Nachdem mein Gastfreund den Bau gut befunden und mit Eustach , dem eigentlichen Werkmeister , das Nähere angeordnet hatte , und nachdem auch Roland die Zusicherung gegeben hatte , daß er dem Wunsche meines Gastfreundes gemäß öfter nachsehen und Bericht erstatten werde , rüsteten wir uns , unsere verschiedenen Wege zu gehen . Roland wollte wieder in das nahe liegende Gebirge zurückkehren , von dem er zu der Kirche heraus gekommen war , und wir wollten den Weg nach dem Asperhofe antreten . Roland entfernte sich zuerst . Wir besuchten noch den Inhaber eines Glaswerkes in der Nähe , der von großem Einflusse war , und begaben uns dann auf den Weg nach dem Hause meines Freundes . Auf dem Rückwege kamen wir über die Bildung des Schönen zu sprechen , wie es gut sei , daß Menschen aufstehen , die es darstellen , daß über ihre Mitbrüder auch dieses sanfte Licht sich verbreite und sie immer zu hellerer Klarheit fort führe ; daß es aber auch gut sei , daß Menschen bestehen , welche geeignet sind , das Schöne in sich aufzunehmen und es durch Umgang auf andere zu übertragen , besonders , wenn sie noch wie mein Gastfreund das Schöne überall aufsuchen , es erhalten , und es durch Mühe und Kraft wieder herzustellen suchen , wo es Schaden gelitten hatte . Es sei ein ganz eigenes Ding um die Befähigung und den Drang hiezu . » Wir haben schon einmal über Ähnliches gesprochen , « sagte mein Gastfreund , » meine Erfahrungen in der Zeit meines Lebens haben mich gelehrt , daß es ganz bestimmte Anlagen zu ganz bestimmten Dingen gibt , mit denen die Menschen geboren werden . Nur in der Größe unterscheiden sich diese Anlagen , in der Möglichkeit , sich auszusprechen , und in der Gelegenheit , kräftig zur Wirksamkeit kommen zu können . Dadurch scheint Gott die Mannigfaltigkeit der Taten mit ihrem nachdrücklichsten Erfolge , wie es auf der Erde notwendig ist , vermitteln zu wollen . Es erschien mir immer merkwürdig , wo ich Gelegenheit hatte , es zu beobachten , wie bei Menschen , die bestimmt sind , ganz Ungewöhnliches in einer Richtung zu leisten , sich ihre Anlage bis in die feinsten Fäden ihres Gegenstandes ausspricht und zu ihm hindrängt , während sie in anderm bis zum Kindlichen unwissend bleiben können . Einer , der über Kunstdinge trotz aller Belehrung , trotz alles Umganges , trotz langjähriger täglicher Berührung mit auserlesenen Kunstwerken nie anderes als Ungereimtes sagen konnte , war ein Staatsmann , der die feinsten Abschattungen seines Gegenstandes durchdrang , der die Gedanken der Völker und die Absichten der Menschen und Regierungen , mit denen er verkehrte , erriet , und es verstand , alle Dinge seinen Zwecken dienstbar machen zu können , so daß das anderen wie ein Zauberwerk eines Geistes erschien , was gleichsam ein Naturgesetz war . In meiner Jugend kannte ich einen Mann , der mit einem Verstande , über den wir