unter die Augen zu halten ; ja in Fällen , wo sich der Richter dahin vergaß , ungerechte Beschuldigungen mit Hartnäckigkeit aufrechterhalten zu wollen , hatte die besonnen kalte Rechtfertigung des Angeklagten etwas von der Ruhe eines Gerechten an sich und glich in keiner Weise jenem hündischen Trotze verhärteter Bösewichte , die , niedergedrückt vom Gewicht gegründeter Beschuldigungen , den kleinsten Bezieht , der sie unverschuldet trifft , willkommen heißen , um darüber in die Klagen beleidigter Unschuld aufzubrausen . « Er hat aber außer diesen mündlichen Angaben noch ein schriftliches Denkmal hinterlassen , wozu er selbst die Feder oder vielmehr den Bleistift in die Hand nahm und , unabhängig von dem Stil des Oberamtmanns , sich in seiner eigenen Weise gehen ließ . Er hatte schonungslos die Genossen seiner Übeltaten ans Messer geliefert , als es ihm in der Einsamkeit seines Gefängnisses einfiel , daß das Werk nur halb getan sei , wenn er nicht auch die Hehler angebe , die das Bestehen einer so weithin gegliederten Kette von Feinden der Gesellschaft möglich machten und immer wieder ergänzten . » Es treiben mich die Bewegungen meines Herzens « - mit diesen Worten begann er in carcere , wie der Oberamtmann in seinem Protokoll bemerkt , mit dem ihm vergönnten Schreibmaterialien einen mehrere Bogen langen Aufsatz , mit kräftiger , klarer Handschrift , nach der Schreibweise seiner Zeit , in welcher sich die Ungebildeten von den Gebildeten darin unterschieden , daß jene den ererbten Sprachschatz der Lutherschen Bibelübersetzung mit mehrerem oder minderem Geschick handhabten , während diese ihrer nicht bei Luther erlernten Satzbildung mit lateinischen Einschwärzungen je nach dem dritten deutschen Worte auf die Beine zu helfen suchten . Diese Enthüllungen eines Gauners und Gaunergenossen aus der Zeit , die man als die gute , alte , sittliche , fromme rühmen hört , stellen alle angenommenen Vorstellungen von jener Zeit auf den Kopf , lassen es höchstens begreiflich erscheinen , daß einzelne Enkel einzelner Familien , die inmitten der allgemeinen Verderbnis sich unter günstigen Lebensumständen rein erhielten , auf ihre Vorfahren stolz sein können , zeigen aber die große Mehrheit des Volkes , trotzdem , daß es sehr fleißig in die Kirche ging , in einer Fäulnis , die einen Leutnant Mockel , wenn er sich mit seinesgleichen zu dem Streiche , der ihm aufgedämmert war , erhoben hätte , auf einige Wochen oder Monate - schwerlich viel länger - zum Herrn von Süddeutschland hätte machen können . Diese Enthüllungen sagen nicht bloß von Wirten , Bauern , Hofbesitzern , ja von ganzen Dörfern weit und breit umher : » hier ist ein Aufenthalt für alle Räuber « - nein , sie nennen eine Masse von Ortsbehörden selbst , die mit den Gaunern im engsten Verständnis waren . Nicht von Husaren , Hatschieren , und wie sonst die niederen Beamten der öffentlichen Sicherheit hießen , zu reden , die Schultheißen selbst , und in unglaublicher Anzahl , waren mit den Feinden der öffentlichen Sicherheit förmlich verschworen . Da heißt es auf jeder Seite dieser Denkwürdigkeiten , wo von diesem oder jenem Orte die Rede ist : » Vom Herrn Schultheißen ist mir sehr und wohl bekannt , daß er ein guter Mann gegen die Räuber und Diebe ist « , » und soviel weiß ich , wenn einer verwahrt ist , er sei ein Räuber so groß als er will , so wird Herr Schultheiß ihm durchhelfen « , » und die Frau des Sohnes ist wohl zu brauchen auf den Märkten , wie ich selber aus ihrem Munde gehöret , sie wolle mit meiner Frau gehen , denn sie halte man nicht für verdächtig ; sie könne besser bei den Krämerständen brav zugreifen ; wenn man ein Bekanntes dabei habe , so sei man nicht so im Verdacht . « Wieder gibt er in einem anderen Orte den Schwager des Schultheißen an , als einen Mann , » der beständig derlei Leute im Hause liegen und auch mit ihnen zu schaffen hat . « » Dieser Mann « , sagt er , » ist aber anzusehen für einen frommen Mann , weil er fleißig in die Kirche gehet ; aber doch hat er und seine Frau schon lange und vieles mit den Räubern zu tun ; der Schultheiß tut ihm alles zu wissen , wann eine Streife ergehen soll , denn er erhält zuerst das Schreiben des Oberamts , und wann eine ergehen soll , so tut man es den Räubern gleich zu wissen , daß sie fliehen sollen . Dieser Schulze « , setzt er sofort in seiner ganzen Gewissenhaftigkeit hinzu , als ob er sich nicht das Recht zugestände , demselben gerade zu Leibe zu gehen , » kommt mir auch sehr verdächtig vor : ich habe öfters mit demselben getrunken in seines Schwagers Wohnbehausung , und er hat alles von mir gesehen , Pulver , Blei und Pistolen , hat mir auch selber ein Terzerol « - im Inquisitionsprotokoll sagt er immer Terzrohr - » an Krämerwaren verhandeln wollen , was aber meine Frau nicht geschehen ließ . Der Schultheiß läßt es nur nicht so öffentlich an den Tag kommen , weil er ein sehr vermöglicher Mann ist , aber nach seinen eigenen Reden , die er getan , ist ihm « - von den Spitzbuben nämlich - » wohl zu trauen . Was aber seinen Schwager und Schwester anbelangt , so hat es seine Richtigkeit . Das Ort ist edelmännisch . « Wiederum heißt es von einem dergleichen Orte : » Ich habe gesehen und aus ihrem Munde vernommen , daß ihnen sehr wohl gedient mit solchem Räubergesind ist ; sie haben auch viele mit Namen genannt , die mir selbiges Mal noch nicht bekannt waren . Ferner haben sie gesagt , man solle doch nur zu ihnen kommen , man dürfe ja hier nichts fürchten , die Räuber gehen viel mit den Leuten in die Kirche aus und ein , man lege keinem etwas in den Weg , wenn man nur das Gestohlene wohlfeil von denselben bekomme , so sei alles recht . « Wieder in einem anderen Ort » hat mich der Wirt auch zu dem Burgermeister hingeführet und ! da geredet so offenbarlich vom Stehlen und Rauben , als wenn lauter Räuber und Zigeuner beieinander wären , so daß ich mich selber sehr verwundern mußt , weil mir solche Orte und Gelegenheiten noch nicht bekannt waren ; habe auch gleich , einen besseren Mut zum Stehlen bekommen , und da sie auch selbst die jenische Sprache reden , so gut wie die Räuber selbst , so gedachte ich gleich : den Leuten ist zu trauen , und müssen schon dergleichen Leute gehabt haben , sonst kennten sie die Sprache nicht . Es ist aber auch wahr , denn die Sprache ist nicht leicht zu lernen , und in den Schulen hat man sie nicht dazu angehalten - so kann ich ja leicht vernehmen , daß dergleichen Leute öfters dagewesen seien und es wohl zu trauen war . Wo mich meine Frau hingeführet , in den Häusern reden die Leute die Sprache besser als ich , und sie haben mich öfters sehr ausgelacht und gesagt , wann ich die Christine so lang hab als sie sie kennen , so werde ich schon besser mit der Sprache fortkommen können . « Ferner in einem Ort : » Beim Kreuzwirt und seiner Tochter , der Straußwirtin , sind die Räuber bekannt , und man weiß auch alles von denselben , und sie machen sich nichts daraus , da der Herr Stabsschultheiß ein sehr naher Freund zu ihnen ist , und sie verlassen sich darauf . « In einem anderen Ort : » Der Schulz hat auch vieles mit den Räubern zu schaffen und ich bin dem Schultheißen wohlbekannt , er hat auch alles von mir gesehen und gewußt , woher und wer ich bin , und ist mein ganzer Lebenslauf demselben bekannt ; aber er war ein Liebhaber solcher Leute und sehr verschwiegen , sonderbarlich seine Frau , die mit der alten Anna Maria vieles zu schaffen gehabt , sich auch hat brauchen lassen und sich unterstanden , da damals der Anna Maria ihr Sohn in Verhaft gekommen , und sich die Schultheißin viel Mühe gegeben , wie möchte zu helfen sein , aber dabei gemeldet , um wenig Geld helfe sie nicht dazu , aber wenn man ihr gebe was recht sei , so wolle sie es in Stand bringen , daß sie gewiß hindurchkommen . « Daß die Weiber , wenn sie einmal die Scheu überwunden haben , viel entschiedener als die Männer auf das Ziel losgehen , zeigen auch sonst noch manche Stellen dieser Denkwürdigkeiten , wie er denn von einer andern dieser Gelegenheitsmacherinnen sagt , sie sei eine solche schlimme Frau , daß er es selbst nicht genug beschreiben könne , und habe ihm manchen Seufzer ausgepreßt , weil sie einem keine Ruhe gelassen habe , bis man zum Stehlen fortgegangen sei . Bemerkenswert und ein Zeugnis für die schlechten Nahrungsverhältnisse ist , daß die Leute den Räubern beständig in den Ohren liegen , sie sollen ihnen doch Fleisch verschaffen ; selbst in das Wirtshaus müssen sie , wenn sie dort nicht Mangel daran leiden wollen , gestohlene Hammel mitbringen . Die Enthüllungen umfassen einen beträchtlichen Teil von Süddeutschland , und beinahe in jedem der genannten Orte ist die Ortsbehörde in das Getriebe des Gaunerwesens mitverwickelt . » Was den Herrn Schultheißen anbelangt « , heißt es bei solchen Gelegenheiten , » so werden seine Umstände bald am Tag sein , wann man ihm sein Zollbuch abfordert , denn er hat mir ein Zollzeichen gegeben , damit ich soll richtig mit der gestohlenen Ware durchkommen , und in dem Zollbuch wird stehen der Name Joseph Klein oder Sigmund Hermann . « Andere Gemeindebehörden verhelfen den Räubern zu Pässen , mit welchen sie die Lande unangefochten durchziehen können . Da ist gar ein Bürgermeister » ein solch schlimmer Mann : wenn eine Streife ergangen , hat er die Räuber selbst in sein eigenes Bett hineingelegt , wie ich und meine Frau selbst einmal darinnen in der Verwahrung gewesen . « Es ergibt sich aus diesem allem , daß die Zeit für das Schwurgericht noch nicht reif war , weil auf der Anklagebank die Stehler und auf der Geschwornenbank die Hehler gesessen wären . Aber nicht bloß das Bürgertum bis zu seinen Vorstehern hinauf , sondern auch der Adel , der einen so großen Teil von Land und Leuten in unbedingter Abhängigkeit hielt , hat in einzelnen Mitgliedern , aus Furcht oder Vorteil , an der Begünstigung dieses Raubwesens teilgenommen . Will man aber vollends mit ganzem Maße messen , so muß man ferner nicht bloß das Gehenlassen der Regierungen , sondern auch den Zeitgeist selbst mit zur Anklage ziehen , dessen sonderbare Vorliebe für Erzählungen von Räuberabenteuern , dessen krankhaft zärtliche Teilnahme an den Helden derselben beweist , wie verkehrt und widerspruchsvoll der Geist des Menschen werden kann , wenn er dunkel spürt , daß seine Zeit in Haushalt und Menschenrecht nicht wohl bestellt ist . Diese Bildung schwelgte aasvogelartig in Lebensbeschreibungen berüchtigter Räuber und bald auch , da der Bedarf nicht zureichte , in erdichteten Räubergeschichten , deren wirkliches Erleben sie jeden Augenblick in Haus und Hof ernstlich zu befürchten hatte , und all dieser Angst zum Trotze stellte sie sich dennoch , sooft sie in ihren Romanen von einem Kampfe der Räuber mit den Dienern des Gesetzes las , auf die Seite der ersteren und bekannte hierdurch den Zwiespalt zwischen ihr und dem Gesetz ; ja als endlich ein zum Höchsten berufener Dichtergeist seine Jugendkraft und seinen Jugendzorn über die Zeit , die er so erbärmlich fand , in die Gestalten jener Räuberwelt einkleidete , da jauchzte fast die ganze gebildete Welt auf und ging mit ihm unter die Räuber und Mörder , obwohl ein kurzes Nachdenken sie belehren konnte , daß nicht jeden Tag ein verbrecherischer Reichsgraf durch die böhmischen Wälder reist , um einen edlen Räuber als den Vollstrecker einer höheren Justiz zu ernähren , sondern daß dieser gar bald bei ehrlichen und unschuldigen Menschen mit List oder Gewalt sein tägliches Brot holen muß . In diese Zeit , deren Sitte , Geist und Bildung sich so gänzlich vom Bestehenden nicht nur , sondern auch vom Rechten abgewendet hatte , daß nur eine große Völkerumwälzung die Welt wieder in das verlorene Geleise zurückbringen konnte , fielen die Enthüllungen des Ebersbacher Bürgersohnes wie ein Wetterschlag - nicht in die Lesewelt , denn sie blieben bei den Akten des Gerichts begraben und würden den modischen Lesehunger schlecht befriedigt haben , sondern in die » alerte « Welt des Verbrechens und in die schlaffe Welt des Gesetzes . Sie haben nicht von Grund aus die Gaunerei ausrotten , nicht von Grund aus die Redlichkeit im bürgerlichen Leben zu Kräften bringen können , aber sie haben ein Großes zur Herstellung der öffentlichen Sicherheit getan , und beinahe ein Menschen alter ist vergangen , bis wieder eine stärkere Bande zwischen dem Rhein und der Donau sich zu sammeln wagte . Die Geständnisse des Räubers gaben den Behörden nicht bloß die Mittel an die Hand , den ersten jener planmäßigen Schläge zu führen , welchen die von der Hehlerei unterstützte Gaunerei , wenigstens in der hochgefährlichen Gestalt , die sie um die Mitte des Jahrhunderts angenommen hatte , nach und nach erlag , sondern sie entdeckten ihnen auch gewisse Fachgeheimnisse des Räuberhandwerks , die sie instand setzten , ihre Angehörigen künftig zweckmäßiger zu schützen . Denn auch dieses Gewerbe hatte seinen Fortschritt und seine Erfindungen , und die Akten bewahren hievon Züge menschlichen Scharfsinns auf , an dem man sich ergötzen könnte , wenn er besser angewendet worden wäre . Es ist ein hartes Urteil , das man der Zeit nicht ersparen kann : dieser Mensch hat ihr dadurch , daß er schuldig geworden ist , unendlich mehr genützt , als wenn er in den Schranken des Gesetzes geblieben wäre . Die eigentümliche Art seines Verdienstes mahnt zur Vergleichung mit einem ähnlichen Verdienste , das sich ein Höhergestellter um die Zeit erwarb , der Graf Schenk von Castell , der , vom Eifer des Markgrafen von Durlach beseelt , auf eigene Hand in Süddeutschland umher und bis nach Graubünden und Italien hinabzog , um das Raubgesindel einzufangen , und den die Gauner um seiner Kühnheit und Strenge willen fürchteten , als ob er vom Teufel gefeit und gefestet wäre , so daß einst , als er allein im Walde ritt , ein Räuber einem anderen , der auf ihn angeschlagen hatte , zurief : » Laß , es ist der Graf von Castell ! « und es nur eines Wortes von ihm bedurfte , um die beiden als Spürhunde in seinen Dienst zu ziehen . Es ist die Frage , wer mehr getan hat , die Wälder zu säubern und die Diebesherbergen auszufegen , der hohe Reichsgraf zu Dischingen oder der in den Staub getretene Metzgerknecht von Ebersbach . Ihm selbst wenigstens scheint sein unbesiegbares Selbstgefühl zugeflüstert zu haben , daß er in seinem Gefängnis eine nicht unwichtige Person geworden sei , und er braucht in seiner Aufzeichnung mitunter Ausdrücke gegen die Obrigkeit , wie sie ein Vorgesetzter sich gegen seine Untergebenen erlaubt . » Wiewohl ich weiß « , sagt er an einer Stelle , » daß viele Räuber gefangen zu Karlsruhe liegen , will ich nur desto eher zeigen , daß die Herren von Durlach oder Karlsruhe eine sehr liederliche Kenntnis Yon denselben haben , und es ihnen gewiß nicht geoffenbaret worden , wie ich es melden werde . « Dann nimmt er oft einen ganz befehlshaberischen Ton an . » Nur diese in Yerhaft genommen ! « ruft er , wo von einer Frau die Rede ist , die er erschrocken und weichherzig im Gegensatze gegen ihre hartgesottene Familie nennt : » von ihr kann man alles herausbringen , wenn man derselben nur mit guten Worten begegnet . « » Nur gefragt , wo er den blauen Mantel hergenommen , den er habe ! « kommandiert er gegen einen Hehler , der sich wahrscheinlich mit der Furcht vor den Räubern entschuldigen werde , was man ja nicht gelten lassen solle . Ein andermal schreibt er genau das Verfahren vor , durch welches man einen gaunerfreundlichen Wirt zum Geständnis zu bringen habe : » Man frage ihn auf Pflicht und Eid - wofern er etwas ableugne , so solle er gewißlich auf die Galeeren kondemniert werden - er solle redlich sagen , wie es mit dem Raub zugegangen , er solle sagen , woher er den Kattun , den er über sein Bett gezogen , genommen habe , er solle sagen , was für Sachen der Jude , der im Ort wohnt , in seinem Hause gekauft habe « u. dgl. mehr . Auch darf nicht verschwiegen werden , daß ihn an einigen Stellen die Liebe zum Leben mit vielleicht nicht ganz unbestimmten Hoffnungen beschlichen zu haben scheint . » Wann ich in das Amt komme , will ich die Dörfer schon melden « , sagt er an einer Stelle . Die Auslegung steht jedem frei . Gewiß aber schickt sich Verrat um höherer Zwecke willen am besten für den Sterbenden , der keinen Lohn mehr nehmen kann , und zum begnadigten Diebsfänger war wohl ein Konstanzer Hans , eine leichter angelegte lustige Haut , gut genug . - Die Volkssage behauptet , der » Karl Herzog « , wie sie ihn nennt , habe auf der Durchreise durch Vaihingen den vielbesprochenen Räuber sich und seinem Gefolge vorstellen lassen , wie sie auch versichert , daß dieser seinem Fürsten einst das Leben gerettet habe . Aber der alte Fürstenbrauch , wonach ein verfemter Mann , den sein Oberlehnsherr über Leben und Tod vor sich gelassen , das fürstliche Antlitz nicht unbegnadigt schauen durfte , war längst abgekommen , und der Herzog konnte damals auch nicht gnädiger gestimmt sein als zur Zeit der Schlacht von Fulda , denn er war mit seiner Landschaft in jenen verdrießlichen Streit geraten , der ihn als Beklagten vor den Richterstuhl des Kaisers stellte , und schon seit einem Jahre saß ihr ehrwürdiger Konsulent , in dem er den Verfasser ihrer mißliebigen Schriftsätze vermutete , ohne Urtel und Recht in summo squalore carceris , wie die landschaftliche Klagschrift sich ausdrückt , auf derselben Festung , wohin einst eine in verfassungsmäßiger Form ergangene hochfürstliche Resolution den nächtlichen Besucher des Ebersbacher Pfarrhauses » puncto furti tertia vice reiterati ad dies vitae gerechtest condemniret « hatte . Daß bei der Aufzählung jener schmutzigen Biedermänner , die den Räuber seinen Hals wagen ließen und sich an ihm bereicherten , hie und da weltliche Anwandlungen den geistlichen Frieden seiner Seele trübten , geht aus manchen Stellen unleugbar hervor . » Wann eine christlich gesinnte Obrigkeit « , klagt er an einer dieser Stellen , » das Böse begehret abzustrafen und darinnen Ruhe zu schaffen , wann das Böse soll gedämpft werden , so muß man solche Leute zuerst angreifen . Denn ihr Zweck ist : stehlen , so daß ein mancher in solchen Orten noch zum Stehlen angetrieben wird . Denn der Räuber hat manchmal den wenigsten Nutzen vom Stehlen , weil er es solchen Leuten um einen wohlfeilen Preis geben muß und nichts daraus löset , und dieser , der es kauft , hat den besten Nutzen . Der Räuber kommt darauf in Verhaft , man nimmt ihm das Leben , er hat kaum die Hälfte genossen ; der Käufer bleibt ein ehrlicher Mann und hat den besten Nutzen , und gedenket : ob der eine tot ist - ich habe noch viele an mir , die mir gestohlene Waren bringen . Solche Leute machen sich gar nichts daraus , ob sie schon die größte Anleitung dazu geben , wenn sie nur allezeit sicher stehenbleiben . Aber Gott der Allmächtige soll mein Zeuge sein , daß ich , soviel ich weiß , solche Leute nicht zu verschonen gedenke ; denn von meinen jungen Jahren an bin ich in solche Häuser verleitet worden und zum Stehlen angetrieben , daß mein Verstand noch nicht so weit gereicht hätte , wenn man mich nicht dazu verleitet und angetrieben , und man mich nicht gleich in meiner blühenden Jugend in die verruchten Häuser eingezogen hätte . Mein ganzer Lebenslauf rührt davon her , bis in meinen Tod ; ich kann nicht mit Ruhe absterben , bis ich mein Herz vor der Obrigkeit von solchen Leuten genugsam ausgeleert habe , damit doch das Böse recht gestraft wird . Man wird sich verwundern , wie lang daß solche Leute mit den Räubern zu tun gehabt , und wie viel Erhenkte ihnen bekannt , und wie viele dermalen noch am Leben , mit denen sie noch zu tun haben . Mit der Hilfe Gottes werde ich dieselben so überzeugen , daß sie sich nicht mehr verantworten können . « Man wird dieser Klage , welche auch auf der Nachtseite der alten Gesellschaft - nach heutiger Weise gesprochen - die Arbeit vom Kapital unterdrückt zeigt , und aus welcher man die Verwünschungen der Verfasser jener Räuberromane über ihre Verleger widerklingen zu hören meint , ihre menschliche Berechtigung um so weniger absprechen , wenn man bedenkt , daß der Unglückliche aus seinem eigenen Beispiel sich die Aufforderung entnehmen mußte , so manchen andern , der auf Irrwegen wandelte , durch die Zerstörung dieser Diebsnester vor ähnlichem Verderben zu bewahren . Man wird zwar , seinen eigenen Worten zufolge , nicht ganz unbedingt gelten lassen , was er bei seinem Geschichtschreiber , dem Sohne des Oberamtmanns , über diese Angaben sagt : » Gott weiß , daß nicht der geringste Groll darunter verborgen liegt , wenn ich jemand entdecke ; ich habe im Gegenteil viele von meinen Freunden , manche , die aus ihren Betten aufgestanden sind , um mich darin liegen zu lassen - , nur um das Böse zu verhindern , verraten ; ich gestehe es , daß mir dieses selbst sehr wehe tut . « Es kann kein Zweifel sein , daß diese Stimmung vor und nach dem Schreiben aufrichtig war ; unter dem Schreiben selbst aber , haben wir gesehen , überkam ihn das Gefühl des leiblichen und geistigen Schadens , den ihm diese Leute getan , und war stärker als er . Ohne Rückhalt wird man jedoch glauben , was er hinzusetzt : » Wenn ich gedenke , daß dadurch ihre Kinder abgehalten werden , den bösen Exempeln ihrer Eltern zu folgen , daß so viele Unschuldige gerettet , daß manches Kind im Mutterleibe werde erhalten werden , so bin ich überzeugt , daß ich hieran recht getan habe . « - Um die Zeitbestimmung nicht mißzuverstehen , wenn er klagt , daß er von seinen jungen Jahren an in solche Häuser verleitet , in seiner blühenden Jugend in die verruchten Häuser eingezogen worden sei , muß man sich sagen , daß diese Jugend zu der Stunde , da er schrieb , noch blühte oder wenigstens nach menschlicher Berechnung hätte blühen sollen : denn er feierte seinen einunddreißigsten Geburtstag in dem Gefängnis zu Vaihingen . Die eigentlichen Diebsherbergen aber hat er nach seiner eigenen Angabe , wie sogleich die folgende Stelle zeigen wird , erst durch seine Verbindung mit der schwarzen Christine kennengelernt ; und daß diese nicht früher als drei Jahre vor seiner Vaihinger Verhaftung angefangen hat , geht unwiderleglich aus den Akten hervor . Diese nicht einmal vollen drei Jahre müssen ihm somit , als er die Klage niederschrieb , in welcher er seine Jugend fern und längst vergangen sah , wie eine Ewigkeit erschienen sein . Wohl mag ihm auch eine Erinnerung an jenen Krämer in Rechberghausen vorgeschwebt haben , dessen Bekanntschaft für ihn jedoch nur eine Vorstufe zu der Leiter in den Abgrund war . Auch hat er diesen sowohl , als den Hof , auf welchen er der schwarzen Christine folgte , in seinen Enthüllungen genannt , ohne jedoch einen großen Verrat an der Freundschaft zu begehen , denn der gute Freund arbeitete bereits seit zwei Jahren , wie aus dem Amtsblatt vom 28. Februar 1758 hervorgeht , puncto furti , receptationis et celationis facinorosorum mit angehängter Kugel im Zuchthause . Bei diesem Anlasse muß noch hervorgehoben werden , daß durch die Enthüllungen des Verbrechers kein eigentlicher Landsmann desselben betroffen worden ist : denn die zuletzt Genannten gehörten ritterschaftlichem Gebiete an . Aus seiner Heimat hat er niemand verraten , als die Genossin seines Unglücks von Anfang an , die blonde Christine . Wenn hienach das damalige Herzogtum Württemberg , obgleich sein Zuchthaus stets gefüllt war , doch im Vergleiche mit den umliegenden Herrschaften und adeligen Besitzungen als der einzige gesunde Kern von Süddeutschland erscheint , so kann man dies , da die Nachbarn mit ihm das Christentum gemein hatten , nur dem Vorzuge zuschreiben , daß dieser Bruchteil des schwäbischen Volkes , wenn auch in sehr verkümmerter Gestalt , allein noch einen kleinen Rest von Freiheit und Selbstherrlichkeit besaß . » Dermalen « - so schließt die merkwürdige Aufzeichnung - » soll nun die Obrigkeit betrachten , was ich in den kurzen etlichen Jahren schon an Aufenthalten gemeldet habe , und das wird unter den tausend Aufenthalten kaum ein Teil sein , was nämlich die , welche zeit- und taglebens schon mitlaufen , sagen könnten , wenn sie eine beständige Erkenntnis ablegen wollten . Ich sage an : wie es denn möglich sei , Schelmen oder Diebe zu fangen , wenn man nicht solche Aufenthalte zuerst ausrottet ? Es gehet etwa ein Schreiben aus von den gnädigsten Herrschaften - so sind solche Leute da und machen es den Räubern zu wissen , oder verbergen sie selbst gar . Wie will man dieselben dann bekommen ? Es ist keine Möglichkeit , wenn man solche Orte nicht verderbt ; es entspringt der ganze Ursprung von Stehlen und Rauben aus solchen Häusern . Nur um eine kleine Andeutung zu machen , wie mir ' s in denen Häusern selbst gepassieret ist : als meine erste Frau , die Christina Müllerin , in Verhaft gekommen , und mich diese Christina Schettingerin durch ihre liebliche Redensarten zu sich gezogen und mir die Gelegenheit und solche Aufenthalte gewiesen , die mir nicht bekannt waren , und wie ich nun von einem Haus in das andere gegangen , und zum ersten kam , sprach er : Hat Christina wieder geheiratet ? - Sie sprach : ja ! Ist er aber auch ein so guter Räuber wie euer erster ? - Sie antwortete : ja ! Hätte sie gesagt : nein , so war ich schon nicht wohl daran gewesen . Sie sprach im Haus herum : er hat bald eine Sau geholet , bald ein Schaf , bald dies bald das . Er hat uns sehr viel Gutes getan , wenn ihr nur auch so gut werdet . - Das eine sprach : ich bin heut über Feld gewesen , ich habe da und dort was von Tierfleisch gesehen ; ich habe auch die Schäferpferche auf der Brache gesehen - holet das Fleisch oder holt ein Schaf , daß wir auch wieder Fleisch essen dürfen ! - ferner : habt ihr nichts Gestohlenes bei euch ? Ich brauche was von Kleidern , mein Mann hat nichts und meine Kinder haben auch nichts ; wir müssen gekleidet sein - machet , daß ihr was zu stehlen bekommet , und schaffet uns was an ! Ich bin nicht weit über Feld hinausgekommen , sonst wollte ich euch etwas ausersehen haben , wo ihr was erwischen könntet , aber bis ihr wiederkommet , will ich was ausersehen ! Und so sind alle diese Aufenthalte . Eine manche Weibsperson , die auf dem Lande gehet , hat schon bis drei oder vier am Galgen ; sie führet noch einen aus einem Dorf heraus , der nur ein Liebhaber des schönen Frauenzimmers ist ; sie bringt ihn an solche Örter hin ; er höret solche Reden ; was dieses Mensch nicht Böses genug an ihm vollbringen könnte , das wird ihm da vollends eingepflanzt und er mit Gewalt zum Stehlen gereizet und gelocket . Bei mir aber , da war schon ein kleines Fünklein zum Stehlen aufgegangen gewesen ; aber bei einem solchen Menschen , die zeit- und taglebens nichts anderes getan , und in solchen Häusern , wo nichts als von Rauben und Stehlen geredet und täglich an einem gepflanzt und geschüret wird , da muß ein großes Feuer daraus werden , und nicht mehr nachlassen , bis er dem Henker unter die Hände fällt . Und so geht es mit einem manchen . Das sind die ärgsten Schelmen , die Aufenthalt geben , und sie bleiben doch ehrliche Leute , haben auch den größten Nutzen und Genuß , und der Kleine wird gehenkt und die Großen läßt man laufen - man fürchtet , sie möchten ausgerottet werden . Wann man aber einem Vogel das Nest nimmt , so kann er keine Junge mehr liegen oder ziehen . 29. Juli 1760 . Arrestant in Vaihingen : Joh . Friedr . Schwan . « Das gerichtliche Verfahren nahm unter dieser Zeit beständig seinen Gang , ja es wurde sehr beschleunigt , da man in Stuttgart fürchtete , der Seelenzustand des Gefangenen möchte nicht für die Dauer haltbar sein . Nach geschlossener Untersuchung trat jetzt eine andere Rechtsform ein , welche , in der Verfassung und im Tübinger Vertrage begründet , bei peinlichen oder sehr schweren Fällen , deren sich ein Landesangehöriger schuldig gemacht , angewendet wurde , und einen Schatten der alten selbstherrlichen Volksgerichtsbarkeit enthielt . Der in Stadt und Amt allmächtige Beamte , nachdem er an die Regierung berichtet und von ihr die nötigen Weisungen erhalten , verwandelte sich jetzt in einen bescheidenen Ankläger , der bei der Stadtgemeinde , die er sonst regierte , als Fiskal im Namen des Staates oder vielmehr des Herzogs gegen seinen Inquisiten Recht suchte . Als solcher mußte er den gewohnten Vorsitz in der obersten Gemeindebehörde , dem Gerichtskollegium , abtreten und mit der Gemeinde ,