beiden Tscherkessen empfingen mit Ehrfurcht das Zeichen , besichtigten es genau und drückten es dann an Brust und Stirn . » Wir sehen die Chiffre des Imam , « sagte der vorige Redner , » und glauben Dir , o Jüngling . Djemala-Din , Sohn des unbesieglichen Fürsten des Kaukasus , nimm den Gruß Muhrad Ben Hassan ' s und Ali ' s , des Ossethen . « Sie neigten Beide knieend das Haupt vor dem jungen Mann und führten seine linke Hand an Stirn und Brust . Nach dieser Ceremonie zog der Aeltere der Boten aus dem Futter seines Rockes ein mit seidenem Band umwickeltes Schreiben , küßte dasselbe und legte es in die Hand des jungen Mannes . » Der Imam , « fuhr er fort , » hat zu zweien seiner Tapferen gesprochen : Es ist Zeit , daß der Erstgeborene meines Saamens kehre in das Land seiner Väter und an der Seite seiner Brüder stehe in dem großen Kampfe , der sich bereitet . Geht und bringt ihn vor mein Angesicht . - Deine Diener sind zur großen Stadt Odessa gekommen , wo dem Imam ein treuer Mann lebt , der über der Hoffnung der Tschetschenzen stets ein offenes Auge gehalten . Von ihm erhielten wir Kunde , daß der Czar der Moskows Dich von seinem Antlitz gewiesen und in dieses Land der Wälder geschickt hat . Die Männer des Elbrus bargen sich in fremde Tracht und wandten sich nach Kiew , wohin uns Briefe wurden an vertraute Männer aus jenem verachteten Volk , das bestimmt ist , Handel zu treiben über die ganze Welt . So kamen wir gestern heimlich nach der Stadt , in der Du lebst mit Deinen Kriegern . Aber wir hörten , daß Du sie verlassen , und säumten nicht , uns aufzumachen , lange , ehe die Schatten der Nacht gewichen waren , um Dir nachzufolgen und keinen Augenblick zu verlieren . Der Prophet hat es gnädig gewollt , daß der Flammenschein dieses Hauses uns vom Pfade ab zur Stätte gerufen hat , wo der Sohn des Fürsten in Noth war . Wir segnen den Propheten , daß er uns erlaubte , Djemala-Din aus der Hand der Mörder zu erretten , die seiner Tapferkeit zu Viele waren . « Der Offizier reichte bei der Erzählung Beiden die Hand . » Ich danke Euch , meine Edlen , und werde dieser Stunde nimmer vergessen , komme auch , was da wolle ! « Er nahm das Schreiben seines Vaters , löste das Band und entfaltete es . Dasselbe war in russischer und türkischer Sprache abgefaßt ; während er las , bedeckte eine düstere Falte die männlich freie Stirn . » Mein Vater schreibt mir , « sagte er endlich finster , » daß ich seinen Boten folgen solle , sobald ich dieses Schreiben erblickt , bei Tag und Nacht . Mein Vater vergaß , daß sein Wort verpfändet ist dem großen Czaren dieses Reiches . « » Der Imam hat Nichts vergessen , « entgegnete der Mürdite , » aber der Geist hat ihm verkündet , daß die Zeit um sei , da sein Sohn als Geißel dienen mußte dem fremden Herrn , und daß er das Recht habe , ihn an seine Seite zu rufen . « » Dann möge mein Vater seinen Erstgeborenen zurückfordern von dem Czaren . « » Es ist nicht die Zeit und Gelegenheit dazu . Große Dinge bereiten sich im Osten und die Herrschaft der Moskowiten an den Küsten unsers gesegneten Meeres ist ihrem Ende nahe . Dein Vater befiehlt , und es ist an Djemala-Din , zu gehorchen . « » Wenn der Fürst der Mürditen auch sein Wort gelöst glaubt , « sagte der junge Mann ernst , » so möge er doch bedenken , daß Djemala-Din dem Czaren das seine als Krieger verpfändet hat , und daß er es nur als gelöst erachten kann , wenn der Czar selbst ihn seines Schwures entläßt . Ich wiederhole es , mein Vater möge mich von seinem Feinde zurückfordern , wie er mich ihm als Geißel gegeben , und Djemala-Din wird dem Willen seines Erzeugers freudig gehorchen . Er kann nicht , wie ein Dieb in der Nacht , sich aus diesem Reiche stehlen , oder wie ein feiger Verräther seinen Posten verlassen . « Ali sprang vom Boden empor : » Beim Barte Schamyl ' s ! « rief er wild , » Du wirst uns folgen zur Stelle , wie uns der Imam befohlen . Hier ist Gold , hier ist ein Kleid für Dich , auf Dein Haupt komme die Gefahr , wenn Du Dich weigerst ! « Der russische Offizier hatte sich gleichfalls erhoben und riß das blutige Tuch des Verbandes von seinem Arm . » Beim Blute Schamyl ' s , das aus diesen Adern rinnt , und das ein höherer Schwur ist , denn der Deine ! ich werde nicht gehen , bis der Kaiser , dem mein Schwur verpfändet ist , mich selber freigegeben . Bringe dies Wahrzeichen meinem Vater und sage ihm , sein Sohn sei bereit , alle Bande zu zerreißen , die sechszehn lange Jahre hier geknüpft , und in sein Haus zurückzukehren , aber nimmer wolle er seine Ehre opfern als flüchtiger Verräther ! « Der Tschetschenze hatte zornsprühend die Hand an den Handjar im Gürtel gelegt , wie , als wolle er seine Drohung mit der Waffe durchsetzen , doch sein Gefährte Muhrad Ben Hassan legte die Hand aus seinen Arm . » Halte ein , o Ali , mein Bruder , « sagte er , » denn der Prophet verbietet Zorn und Streit unter den Kindern eines Volkes . Du aber , Jüngling , sage uns , welcher Eid Dich bindet ? « » Ich schwor dem Kaiser der Moskowiten Treue und Gehorsam als Soldat . « » So thust Du Recht , Dich zu weigern , denn der Koran sagt , das ein freier Eid ein heilig ' Ding sein müsse dem Gläubigen , auch gegen den Feind . Der Imam wußte nicht , daß Du schon der Fahne des schwarzen Czaren geschworen . Er wird traurig sein , daß sein Auge den Sohn nicht sieht , aber er wird ein Mittel finden , ihn aus der Knechtschaft zu lösen . Lebe wohl , Sohn unsers Fürstenstammes , - denn mein Ohr vernimmt das Nahen fremder Männer und Rosse , und man soll uns nicht in Deiner Nähe finden . Möge der Prophet Dich schützen , bis wir uns wiedersehen in den Schluchten des Elbrus . « Er legte die Hand an Haupt und Brust im morgenländischen Gruß und barg das blutige Tuch in seinem Gewande . Dann verließ er mit Ali den jungen Mann und setzte sich entfernt neben den Jäger . Sein scharfes Gehör hatte den Bergbewohner nicht getäuscht , ehe eine Viertelstunde verging , nahten Menschen und Gefähr von der Seite her , wohin der Schlitten des Juden den Grafen und seine schöne Nichte geführt hatte . Sie waren auf dem Wege bereits Leuten vom Schlosse begegnet , die der Fürst auf den Schein des Brandes ausgeschickt hatte . Der Graf sandte mit ihnen den Schlitten des Juden zurück und hatte in einem solchen vom Schlosse die Fahrt dahin fortgesetzt . Djemala-Din verweilte so lange auf der Brandstätte , bis die verkleideten Tschetschenzen mit dem Juden ihren Rückweg angetreten hatten und seinen Blicken entschwunden waren . Nicht sein Herz begleitete sie zur fernen Heimath - es flog den nächsten Stunden entgegen , nach einer anderen Seite hin . Mit dem wackeren Jäger sprengte er gleich darauf , den Schmerz der Wunde nicht achtend , auf den vom Schloß gekommenen Pferden dahin , den Reitern und ihren Gefährten überlassend , die Gefangenen nachzubringen . Das heilige Weihnachtsfest war vorüber - die Gäste hatten das Schloß des Fürsten verlassen , nur Graf Lubomirski mit seiner Nichte war bei dem alten Freunde , und Lieutenant Djemala-Din bei dem gastfreien Schloßherrn gezwungen zurückgeblieben , da sein Wunde durch die Kälte des Wintermorgens und den scharfen Ritt verschlimmert worden , so daß ein heftiges Wundfieber eingetreten war und er mehrere Tage daniedergelegen hatte . Das alterthümliche Schloß des Fürsten , noch zur Zeit August ' s des Starken erbaut , lag mitten im Walde , entfernt fast von der Civilisation und dem Verkehr der Welt ; nur ein Mal verließ es alljährlich der Eigenthümer , um in Warschau oder Moskau einige Wochen zuzubringen . Er beobachtete streng diese Besuche , um sich dort den Gewalthabern zu zeigen und so jeden Verdacht gegen sich zu entfernen , da er , als einer der Führer des Aufstandes von 1831 , nur durch die Gnade des Kaisers Amnestie und die Erlaubniß erhalten hatte , auf seinen Gütern in Volhynien zu leben . Aus diesem Grunde und mit der dem hohen polnischen Adel eigenen unbeschränkten Gastfreiheit , selbst gegen den Unwillkommenen , ja , den Gegner , unterhielt er auch fortlaufenden Verkehr mit den Offizieren der nächsten Garnisonstädte , die bei jeder Gelegenheit heitere Gäste auf dem fürstlichen Schlosse waren . Die kleine Gesellschaft war in der alterthümlichen , ziemlich großen Speisehalle im Parterre des Schlosses versammelt . Die dunkle eichene Täfelung der Wände , die Stuckatur an der Decke , die Waffen und Jagdtrophäen an den vier Wänden und die beiden großen stubenartigen Kamine an den Enden der Halle gaben ihr ein ehrwürdiges alterthümliches Ansehen . Unter den Waffengruppen befanden sich selbst mehrere slavische Rüstungen früherer Jahrhunderte , als die Zeit der Erbauung datirte , und eine Menge Trophäen und türkischer Waffen aus der Heldenschlacht Sobieski ' s vor dem erretteten Wien . Eine große eichene Tafel in der Mitte der Halle lief fast die Hälfte derselben entlang . Sie war jedoch jetzt , der Abend dämmerte bereits , noch unbenutzt , und von den Anstalten für die Abendmahlzeit noch Nichts zu bemerken . In den beiden Kaminen dagegen flammte und brannte es lustig von mächtigen Eichenkloben , eine angenehme behagliche Wärme durch den weiten Raum verbreitend . Von Zeit zu Zeit hob einer der Diener , die am Eingang der Halle sich aufhielten , den großen , den Zugang verschließenden türkischen Teppich , schlich mit leisem katzenähnlichem Tritt durch das Gemach und schürte das Feuer , oder verrichtete irgend eine andere Hilfsleistung . Das Gespräch in den beiden Gruppen , die den Saal belebten , wurde französisch geführt , und sein Gang daher nicht durch das Kommen der Diener unterbrochen . Am Kamin zunächst des Einganges saßen der Graf und sein Wirth , Letzterer ein hoher Fünfziger mit weißem Haar und klugem aufgewecktem Gesicht . Beide waren im Schachspiel begriffen , während dessen sie sich in langen Pausen unterhielten . » Sie haben mir selbst zugestanden , lieber Graf , « sagte der Fürst , » daß in dem Augenblick der Gefahr , als Sie mit dem Schurken Boris kämpften , nach dem ich vergeblich habe fahnden lassen , die Verwünschung des Soldaten gegen Sie , seinen alten Führer von Grochow und Ostrolenka her , Sie überrascht , ja , fast gelähmt hat . Doch ich wiederhole es Ihnen , dies war nicht die Stimme eines einzelnen Mannes , es ist leider die Stimme des Volkes ! Ich habe vielfach Gelegenheit gehabt , sie zu prüfen und hauptsächlich durch die Resultate , die ich da fand , bin ich zu anderen Ansichten in der Politik bekehrt worden . Die Revolution von 1831 hat dem Volk selbst wie dem Adel nur verderbliche Folgen gebracht . Der gemeine Mann , dem eine einfache , aber scharfe Auffassung selbst auf seiner niedrigen Kulturstufe nicht abzustreiten ist , meint , er habe sein Blut nur für den Ehrgeiz des Adels vergossen , im besten Fall Nichts zu hoffen gehabt und sei jetzt schlimmer daran denn zuvor . Er giebt - und Sie wissen selbst , nicht mit Unrecht - dem Adel die Schuld , daß wir unterlagen und ist , grade heraus , der ewigen Aufreizungen müde , die es hindern , an sein materielles Wohl zu denken . Dem Volk , lieber Freund , ist es ziemlich gleich , ob der Czar sein Herr heißt , namentlich wen es in dem einen Herrn einen Schutz gegen die Vorrechte der vielen findet . Wir sehen das schlagende Beispiel an den Kronbauern in Rußland . Die Leute revoltirten dort und ließen sich todtschlagen , weil der Kaiser sie nicht kaufen wollte oder konnte . Das wahre Element zur Fanatisirung der Massen war nicht das Nationalgefühl , die russische Tyrannei , die kein Jota harter war , als sie ' s früher hatten , sondern die Religion , die Kirche . Wo diese Hand in Hand mit der politischen Propaganda ging , waren große Erregungen und Erfolge gesichert . « » Und ist der katholische Glaube weniger gefährdet in der , Gegenwart , droht die orthodoxe Kirche weniger mächtig wie vor zwanzig Jahren ? Sind nicht vielmehr grade ihre Uebergriffe und Forderungen ein Fundament dieses Krieges , welcher bestimmt ist , Europa eine andere Gestalt zu geben ? « Lubienski lächelte bedächtig . » Ich weiß wirklich nicht , Graf , ob ich annehmen soll , daß ein Mann wie Sie , der tief in das Räderwerk des politischen Getriebes und der socialen Entwickelung geschaut zu haben scheint , für einen der Hauptfactoren blind gewesen sein sollte ? « » Wie meinen Sie das , Fürst ? « » Ich meine , daß seit zwanzig Jahren sich ein wesentliches Element der Volkserregung geändert hat , der Glauben an das Heilige . Unsere Revolutionaire seit 1789 haben ihr eifrigstes Bemühen darauf gerichtet gehalten , die religiöse Gläubigkeit und Ehrfurcht im Volke mit Füßen zu treten und zu vernichten . Der Liberalismus hat geglaubt , zu seinem Halt zunächst die Geister von den Fesseln der Religion befreien , seine sogenannte Aufklärung in die Herzen der Jugend pflanzen zu müssen . Was ist seit 1830 von den Propaganden in Paris und London anders geschehen , als schonungslose Maltraitirung der religiösen Gefühle der Völker ? Die heranwachsende Generation lohnt dies Bestreben . Mit der Religiosität des Volkes schwindet unbedingt auch das Nationalgefühl . In Spanien , wo man die Kirche ihrer Güter und Würden beraubt hat , wird kein Heldenkampf mehr stattfinden wie 1809 , als die Priester das Kreuz in der Hand dem Volke voran gingen . Was macht die Unzahl der Rebellionen in Frankreich , die Nichts geschafft haben , als augenblickliche Gewalt , - als nur die erlangte Unfähigkeit einer gewaltigen höheren Idee ? Woran scheiterten die Bewegungen von 48 in Polen , Ungarn , Deutschland , Italien ? - Doch nur daran , daß es an einer erhebenden Idee fehlte , welche gemeinsam die Masse belebte . Alle Ihre Revolutionen und Revolutiönchen sind im Grunde nur tausend einzelne Intriguenspiele und Kämpfe der einzelnen individuellen Interessen geworden . Die Fähigkeit zur Revolution haben unsere Revolutionaire selbst erstickt . « » Sie haben nicht ganz Unrecht , Fürst , « entgegnete nachdenkend der Graf , » aber wie wollen Sie diese Theorie auf ein Volk wie das unsere anwenden , dessen Masse die geistige Selbstständigkeit fehlt ? « » Um so mehr , lieber Graf . Glauben Sie wirklich , daß die Herabwürdigung der Kirche in Rom , die Vertreibung es Papstes , die österreichische und französische Occupation des Kirchenstaates so spurlos an der Masse des Volkes , an dem Priesterthum und selbst an den Gebildeteren vorübergegangen sind ? - Ich nicht ! - Die Heiligkeit , das Ansehen unserer Kirche hat grade durch die liberalen Revolutionen in den durch und durch katholischen Ländern überall verloren . Sie werden schwerlich mehr die Geistlichkeit an der Spitze einer polnischen oder französischen Revolution sehen ! Grade durch das religiöse Prinzip und das streng von Oben herab aufrecht erhaltene Ansehen der orthodoxen griechischen Kirche ist Rußland stark , und wir werden vielleicht Gelegenheit haben , Wunder von Aufopferungsfähigkeit der Massen diesem Kriege zu schauen , wenn das eintrifft , was Sie mir mit solcher Bestimmtheit angekündigt haben , die Aufnahme des Krieges gegen Rußland durch Frankreich und England . « » Die religiöse Apathie kann aber immer nur ein einzelner Grund sein . « » Sie haben Recht , aber ein wichtiger . Der Liberalismus hat das Volk selbst denken gemacht . Das Denken führt den Zweifel herbei und ist der Tod jedes Enthusiasmus , dessen Mutter allein das Gefühl ist . Man will jetzt einen Nutzen sehen , theils individuell , theils im Ganzen . Man traut den Leuten nicht recht , die sich an die Spitze stellen . Unsere Polen , grade heraus gesagt , trauen dem polnischen Adel nicht mehr , sie haben keine Lust mehr , um unseres Ehrgeizes , unserer Interessen willen das zu opfern , was sie sicher haben . « » Pfui , Fürst , so gäbe es keinen Nationalstolz , kein Volksgefühl mehr ! « » Die Revolutionaire in Paris arbeiten ja grade darauf hin , dies auszurotten in der allgemeinen Gleichmacherei . Ich gehe aber keineswegs so weit , das zu behaupten , namentlich in unserem Falle nicht . So lange es Haß und Liebe giebt in der Welt , so lange Sprachen und Gewohnheiten die Völker scheiden , wird es auch ein Nationalgefühl , einen nationellen Ehrgeiz geben . Aber er muß richtig verstanden und geleitet werden . Seien wir aufrichtig , Freund . Sie sagen mir : in diesem Krieg , der sich bereitet , und der nach Ihren Intentionen ein europäischer werden soll , - ist die günstige Gelegenheit gekommen , die Selbstständigkeit unserer Nation wieder zu erlangen . Ungarn und Italien sollen sich gleichfalls erheben , Frankreich und England werden uns unterstützen . Aber , mein Freund , wollen wir etwa selbstständig oder , wie Sie es nennen , frei werden , - leerer Name , der reiche Mann ist es überall ! - um uns von Intriguanten und Ehrgeizigen unserer eigenen Klasse dominiren zu lassen ? Selbst damit einverstanden , welche Aussicht auf Erfolg haben wir ? Frankreich und England machen wahrhaftig keinen Krieg um unserer Nationalität willen . England will einfach das in Asien und am Bosporus für seine eigenen Interessen immer gefährlicher werdende Rußland schwächen , und der Kaiser Napoleon hat eine alte Scharte und persönliche Beleidigung auszuwetzen und außerdem durch einen solchen Krieg Gelegenheit , seine sehr schwankende Position als Eindringling unter den Fürsten Europa ' s zu einer befestigten und mächtigen zu machen , so wie sich Heer und Land durch gloire und Interesse zu sichern . Er hat denselben Ehrgeiz wie sein Oheim , nur ist er schlauer und versteht seine Zeit . An eine Unterstützung Polens und Ungarns um ihrer selbst willen , denkt keine der beiden Mächte . Man wird uns wieder als Soldaten brauchen , als Legionaire , ja als Rebellen , aber man bekümmert sich um unser Geschick grade so wenig , wie das Recht des Sultans in Wahrheit die Ursache des Krieges ist . Sie versprechen einen europäischen Krieg , - ich zweifle daran . Er wird einfach ein Turnier einiger Herausforderer sein , - die in ihrem Interesse nicht gefährdeten Staaten werben sich frei halten und dafür sorgen , daß das freilich vielleicht etwas blutige Turnier nicht zu sehr überhand nimmt , sondern in den soliden Gränzen einiger Abzapfung bleibt . - Ich wiederhole Ihnen meine aufrichtige Meinung , jede revolutionaire Schilderhebung Polens gegen Rußland bei diesem Kriege würde zwecklos , nutzlos und ein Unglück für unser Vaterland sein ! « » Ich finde Sie so verändert und umgewandelt in all Ihren Gefühlen und Ansichten , « sagte der Graf finster , » daß ich kaum wage , fortzufahren . Sie , einer der kühnsten und bewährtesten Führer der polnischen Armee , der hundert Mal sein Leben im Freiheitskampfe wagte , - Sie geben Polen , unser Polen auf ? « Der Fürst sah ihn groß an . » Wer sagt Ihnen das , Kamerad ? was giebt Ihnen das Recht zu zweifeln , daß ein Lubienski sein Vaterland geringer liebe , wie Sie ? Mein Weg , mein Hoffen und Wünschen sind nur andere geworden , wie die Ihren . Nicht in Rußlands Fall , sondern in Rußlands Sieg sehe ich die Hoffnung unseres Volkes . Wer ein echter Pole ist , sollte nicht mit den Franzosen , den Engländern und Deutschen gegen den Czaren fechten , sondern mit ihm ; - so allein gelingt zuletzt die Gründung eines großen sarmatischen Reiches , eines Walles und Sieges gegen das Germanenthum , das uns gefährlicher und verhaßter ist , als das stammverwandte Rußland . « Der Graf ihm gegenüber athmete tief auf bei dieser Erklärung , es war , als sei ihm eine Bergeslast vom Herzen gefallen . » Das also ist Ihre Meinung , Fürst ? « sagte er nachdenklich und reichte dem alten Freunde die Hand . » Mir war in der That ganz Angst um Ihr polnisches Herz geworden bei den Sophismen , mit denen Sie die Revolution bekämpften . Zwar , Aufrichtigkeit gegen Aufrichtigkeit , ist unser Ziel und Zweck nicht derselbe ; denn ich arbeite und wirke für die Befreiung aller Völker vom Joche der Bevorrechteten , und die Erhebung unsers Vaterlandes ist mir nur ein Glied in dieser Kette . Sie aber wollen seine Erhebung als einziges Ziel und durch die Benutzung der Macht , die es unterdrückt . Ich müßte kein Sohn Polens sein , wenn ich nicht auch auf Ihrem Wege ihm den Sieg wünschte . - Schach Ihrem König ! « - er that einen raschen Zug in dem vernachlässigten Spiel . Der Fürst lachte . » Ich nehme dafür Ihren Springer und stelle die Ordnung wieder her . Halten Sie sich an das Reelle , auch im Plänemachen , lieber Graf , prüfen Sie das Erreichbare und die Mittel dazu . Ohne Winkelzug , die Propaganda in Paris , oder wer sonst Ihnen die Mission an einen alten Freund gegeben , hat sich getäuscht . Ich sehe in einer selbstständigen neuen Schilderhebung Polens kein Glück , würde mich unter keinen Umständen ihr anschließen und ihr sogar entgegentreten . Die Ansichten meiner jüngern Jahre haben zwanzig Jahre vollständig umgewandelt . Uns fehlen alle Aussichten auf Erfolg , ja selbst die Männer ; denn dem Prahler Miroslawski werden Sie doch wohl keine Rolle zugedacht haben . Unsere alten Freunde aber sind todt und zerstreut . Bem ' s Grab ist zur Schmach unserer Nation auf dem türkischen Friedhofe zu Kutahija6 mit dein Turban geschmückt , Graf Pac ruht wenigstens auf christlichem Kirchhof zu Smyrna . Wo die Nordstürme sich am rothen Felsen von Helgoland brechen , schläft unser Freund Pradzynski ; Chlopicki , der uns in ' s Unglück gebracht , hat das Ende seines Ehrgeizes in der Gruft eines Freundes bei Kralau gefunden . Szembeck und Chlapowski sind getreue preußische Unterthanen und gründen Familienfideikommisse , Krasinski macht ' s wie ich , Skrzynecki trauert in Brüssel , Chrzanowski , Dembinski , Rybinski und Dwernicki ließen Sie als gebrochene Greise in Paris - wen wollen Sie noch ? Geächtet und zerstreut über die Erde hat uns die Revolution - ich will mein Haupt wenigstens im Vaterlande zur Ruhe legen . Ich habe mich mit der Gewalt versöhnt und wiederhole Ihnen , nur in ihr blüht die Hoffnung unsers Vaterlandes . « » Und Ihr Sohn ? « » Er ist Offizier in des Kaisers Garde mit meiner Bewilligung und denkt wie ich . « Der alte Propagandist erhob sich finster , doch sein Wirth zog ihn freundlich wieder auf den Sessel zurück . » Ich habe absichtlich vermieden , mit Ihren Plänen näher bekannt zu werden . Sind wir auch verschiedener Ansicht geworden , so ändert das doch Nichts an der Freundschaft der alten Schlachtgefährten . Bedenken Sie , daß Ihr einziges Kind sich gleichfalls einem Russen verband , Ihr Enkel russische Erziehung genossen hat . Machen Sie den Frieden , den Sie scheinbar mit der Regierung geschlossen , zu einem wirklichen , und wenden Sie die großen Mittel und Quellen , die Ihnen zu Gebote zu stehen scheinen , dazu an , mit Rußlands Hilfe in diesem Kriege ein neues Slavenreich erstehen zu lassen , das von der Donau bis zur Ostsee reicht . « Der Graf hatte das Haupt sinnend in die Hand gestützt . » Der Gedanke ist uns nicht neu und , wie ich hier die Verhältnisse finde , über die unsere Agenten uns vielfach getäuscht , - Adel und Volk gegen eine Revolution ! wohl einer ernsten Ueberlegung werth . - Vielleicht , Fürst , daß unsere Wege dennoch zusammentreffen ! - Lassen Sie uns weiter spielen . « - - - - - - Am andern Ende der Halle , so entfernt , um nicht zu stören und nicht gestört zu werden , wurde eine Propaganda in , verführerischerer Form betrieben , als unter den beiden alten Herren . Gräfin Wanda saß dort , mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt , am Ruhebett , auf dem der junge Offizier , Schamyl ' s Sohn , noch bleich und angegriffen , den Arm in der Binde , lehnte , aus einem Buch der Dame vorlesend . Gräfin Wanda hatte sich von der überstandenen Angst und Gefahr rasch erholt , der elastische schwungreiche Geist , der den Polinnen inne wohnt , hatte sie leicht darüber hingetragen . Ein Eindruck jedoch schien stärkere Wurzel in ihrem Gemüth , ja , selbst in ihrem Herzen gefaßt zu haben : die Theilnahme für ihren Retter vor dem Beil des Mörders , und das romaneske seltsame Schicksal , des jungen Mannes diente nur dazu , den Werth der ritterlichen That noch zu erhöhen . Während ein deutsches Mädchen die Gefühle des regen Interesses und der Theilnahme in der unbewußten Verschämtheit werdender Liebe schüchtern und zurückhaltend gemacht hätten , lag ein solches Gebahren dem Wesen der Polin fern . Ohne Ziererei und Zurückhaltung , aber eben so entfernt von Unweiblichkeit und Unzartheit gab sie sich frei und ungezwungen ihren Empfindungen hin und zeigte ganz offen den Vorzug , den sie dem jungen Mann vor seinen Gefährten gab . Sobald er das Krankenlager wieder verlassen hatte und im Gesellschaftssaal erschienen war , hielt sie sich unbefangen in seiner Nähe , und zeigte ihm durch alle jene zarten Aufmerksamkeiten ihren Dank , durch die ein weibliches Wesen so wohl des Herzens Empfinden auszudrücken versteht . Die junge Gräfin war der volle Typus der eigenthümlichen polnischen Frauenschönheit . Von kaum die Mittelgroße erreichender Gestalt war ihr Gliederbau voll und zierlich gerundet . Das Gesicht zwischen den schwarzen Locken zeigte ein längliches Oval en face wie im Profil , und jene volle Bildung von Nase und Mund , jene matte seidenartige Farbe , die den polnischen Damen so eigenthümlich ist . Die sarmatischen braunen und beweglichen Augen , deren Farbe mit der Seelenregung ein lichteres und tieferes Dunkel anzunehmen scheint , belebten dies Gesicht . Die kleine Hand und der zierliche Fuß sind Nationalschönheiten der Polinnen . » Sie sind ermüdet , Herr Lieutenant , « sagte die Gräfin , - » brechen Sie ab und fahren Sie morgen in der Lectüre fort . Lassen Sie uns plaudern und erzählen Sie mir von Ihrer Heimath . « » Was können die Erinnerungen eines Knaben von einem wilden , traurigen , öden Lande , die ihm ohnehin nur dunkel vorschweben , Gräfin Zerbona interessiren ? « » Liegt nicht in dem Charakter und Kampf unserer beiden Völker eine gewisse Aehnlichkeit ? Haben sie nicht einen gemeinsamen Feind , gegen den sie für ihre Freiheit kämpfen ? Sind die Söhne beider Länder nicht geborene Krieger - hängen sie nicht mit jeder Fiber ihrer Seele und ihrer Hoffnungen an der Heimath , für die sie so oft ihr Herzblut vergossen haben ? « Das aufsteigende dunkle Blut färbte die Stirn des jungen Offiziers , die Gräfin bemerkte zu spät , daß sie ihn verletzt , und legte ihre Hand freundlich auf die seine . » Wir Beide , Herr Djemala-Din , « sagte sie , » dürfen uns nicht mißverstehen . Sie haben nicht selbst ihren Weg gewählt , und wenn Sie auch gewiß gleiche Liebe zu dem Lande , das Sie geboren , hegen , wie ich zu dem meinen , muß es Ihnen doch ferner stehen , da sich nur wenige Erinnerungen daran knüpfen , da Sie sein Leiden und Kämpfen nicht selbst geschaut . Mein Volk ist ein gebeugtes , besiegtes , ach - bei aller Begeisterung im Herzen fühle ich es tief ! - unwiederbringlich gebrochenes - das Ihre ein unbezwungenes freies , im Heldenkampf begriffen , um die theuersten Güter und siegreich unter der tapferen Hand Ihres Vaters ! Sie brauchen nicht seine Freiheit zu wünschen und zu beweinen , denn es hat sie nie verloren ! « Der junge Mann lächelte trübe . » Wissen Sie auch , Gräfin , was die Freiheit in einem Lande , wie das meine ist ? wissen Sie auch , was Freiheit im Orient bedeutet ? « » Sie sah ihn groß an . « » Frei ist das Volk , das nicht das schimpfliche Joch eines anderen trägt , das nur dem selbst gewählten Führer gehorcht . Frei ist das Volk , wo Jeder sein Recht hat , wo das Recht eines Jeden geehrt und nicht von Fremden mit Füßen getreten wird ; wo Sprache , Gewohnheit und Glaube Eigenthum des Volkes sind ; wo die Einrichtungen seiner Väter ihm ungekränkt geblieben ; wo der Bewohner nicht der Sclave des Unterdrückers ist , sondern wo er sein Blut und seinen Schweiß für den eigenen Heerd vergießt ! « » Wissen Sie auch , Gräfin , daß wir dennoch einen fremden Oberherrn haben , - den Sultan in Constantinopel ? « » Der ist fern - nur ein Schatten ! « » Aber er nennt sich unsern Herrn , - auch der Czar wohnt in Petersburg . Ich habe wenig Erinnerungen an meine Heimath , und doch könnte ich Sie