nicht über sich Herr werden , sondern betrug sich gleichmütig und stolz , und nur wenn sein Blick denjenigen Rosaliens traf , sah er sie mit großen fragenden Augen an . Agnes hatte schon lange stumm neben Heinrich gesessen ; sie wiegte , trauernd und den Busen von ungestümem Schmerze bewegt , das schwarzgelockte Haupt auf den schmalen Silberschultern , und nur zuweilen schoß sie einen flammenden Blick zu Ferdinand und Rosalien hinüber , zuweilen sah sie verwundert und wehmütig hin , aber immer sah sie dasselbe Schauspiel . Heinrich , welcher aus Ferdinands Betragen nicht klug wurde , indem ihm eine solche Unmittelbarkeit des Wechsels und unter solchen Umständen doch nicht glaubhaft schien , versank in tiefes Sinnen . Die vergangene Zeit kam über ihn , und indem er an die bemalte Decke des Saales emporsah , erinnerte er sich jener Fastnacht , wo er unter dem freien Himmel der Heimat , auf luftigen Bergen , unter Vermummten sich umgetrieben oder neben der toten Anna durch den Wald geritten . Er verfiel mehr und mehr auf das Andenken dieses guten Mädchens , und eine große Verliebtheit erfüllte ihn , wie er sie lange nicht empfunden . Ein tiefer Seufzer weckte ihn auf , welchen die silberne Agnes neben ihm tat , und sogleich schlossen sich seine Empfindungen , die aus dem Schattenreiche gleich Abendnebeln aufgestiegen , an diesen lebendigen Kern ; er sah ihre seltsame Schönheit und trank verwirrt aus seinem Weinglase , als Agnes ihn plötzlich aufforderte , mit ihr zu tanzen . Schon drehten sie sich rasch durch die rauschende Menge , und jedermann lachte voll Vergnügen , als der grüngekleidete Narr mit der elfengleichen Diana dahinwalzte . Sie tanzten zwei- und dreimal um den Saal und begegneten jedesmal der rosigen Venus , deren Purpurgewand flog und den mit ihr tanzenden Lys zeitweise halb verhüllte . Dieser grüßte das Dianenpaar froh und zufrieden , wie man Kinder grüßt , welche sich gut zu unterhalten scheinen , denn er war in dieser Sache so verblendet , daß er sich vollkommen unverpflichtet und frei glaubte , bloß weil er mit dem armen Mädchen absichtlich noch nie von Liebe gesprochen hatte . Rosalie hingegen , welche von der früheren Bewandtnis dieses Verhältnisses nichts wußte , freute sich über das zierliche Kind und verlangte dasselbe in ihrer Nähe zu haben , als Heinrich mit anderen an einigen lustigen Spielen , die aufgeführt wurden , teilnehmen mußte . Kunz von der Rosen führte an einem langen Seile alle vorhandenen Narren durch das Gedränge ; jeder trug auf einer Tafel geschrieben den Namen seiner Narrheit , und von den leichteren und liebenswürdigeren Narrheiten schied der lustige Rat neun schwere aus und stellte mit ihnen vor dem Kaiser ein Kegelspiel auf . So standen da vor aller Augen Hochmut , Neid , Vielwisserei , Grobheit , Eitelkeit , Wankelmut in der Hoffnung , Halsstarrigkeit , tatlose Vergleichungssucht und unfruchtbare Selbstbespiegelung . Mit einer ungeheuren Kugel , welche die leichteren Narren mit komisch heftigen Gebärden herbeiwälzten , versuchte nun mancher Ritter und Bürger nach den neun Narren zu schieben , aber nicht einer wankte allen diesen Einzelwürfen , bis endlich der kaiserliche , tadellose Held , in welchem sich gewissermaßen das ganze deutsche Volk darstellte , sie alle mit einem Wurfe über den Haufen warf , daß sie possierlich übereinanderpurzelten . Kunz von der Rosen richtete die Gefallenen halb auf und ordnete sie zu einer plastisch-mimischen Darstellung der Niobidengruppe , und von diesem Scherze ging er zur Bildung anderer berühmten Gruppen über drei reizende , nicht völlig ausgewachsene Schüler im Narrenhabit stellten die Grazien dar , und das so anmutig schalkhaft , daß sie , kaum auseinandergegangen , in den Kreis der Damen gelockt wurden , ohne zu wissen wie , und sich dort aufs liebreichste geschmeichelt und gehätschelt sahen . Des gleichen Vorzuges genoß ein schöner Zwerg , der kleinere Bruder jenes Koboldes auf dem Wagen des Bergkönigs , welcher mit klassischem Anstande den sterbenden Fechter machte in seinem Schellenkleidchen . Dann stellte Erikson den Laokoon vor , durch mächtige Papierschlangen mit zwei jungen Narren verbunden . Als er in der beschwerlichen Stellung dasaß und sich nicht rühren durfte , indessen seine kräftigen Muskeln alle in wunderschönem Spiele seiner Bewegung gehorchten , sah er , wie Rosalie , deren Augen unverwandt an ihm gehangen , fast gewaltsam von Ferdinand weggezogen und durch die Räume geführt wurde . Er hielt es nun nicht länger aus , und kaum von den Schlangen losgewickelt , durchstürmte er das Haus und bettelte sich von befreundeten Gestalten Gewandstücke zusammen , die sie in der vorgerückten Stunde nun wohl entbehren konnten , und warf sich dieselben hastig über . Wunderlich gekleidet , teilweise ein Mönch , ein Jäger und ein wilder Mann , den Kopf noch grün belaubt , suchte er die engere Gesellschaft auf und setzte sich dicht an die andere Seite Rosaliens ; denn die Bacchusleute , die Jäger und der Hof der Venus hatten sich nun in einem großen Kreise vereinigt , um bis zum nahenden Morgen gemeinsam zu jubilieren , und Ferdinand wich nicht von der Seite der schönen Witwe . Mit der größten Tollheit fuhr er fort , ihr den Hof zu machen , obgleich er die Hoffnungen Eriksons wohl kannte . Dieser saß und lauschte seinen Worten , ohne daß er sich seine Unruhe anmerken ließ und ohne seine Schöne zu belästigen , welche ebenfalls fortfuhr , Ferdinands Huldigungen ihre Freundlichkeit entgegenzusetzen und sich von ihm aufs angenehmste unterhalten zu lassen . Erikson besorgte wohl , daß der Teufel sein Spiel treiben und ihm die Jagd verderben könnte ; aber als ein erfahrener Jäger verharrte er unbeweglich auf dem Anstande , weil ihm das zu erjagende Wild zu kostbar und edel war , als daß er sich durch Leidenschaftlichkeit verwirren wollte . Gegenüber an dem großen Tische saß Agnes , welche den grünen Heinrich ängstlich bei sich festhielt , da er Ferdinands Freund und das einzige Band war , welches sie mit diesem Ungetreuen einigermaßen zusammenhielt . Alles freute und ergötzte sich , klang und jubelte in gewichtiger rauschender Pracht um sie her , nur sie allein verzehrte sich in ungestillter Begierde . Die Nacht näherte sich ihrem Ende , und statt die gehoffte Liebesentscheidung zu bringen , sah sie ihr Glück deutlich entfliehen . In der schmerzlichsten Aufregung verlangte sie wieder zu tanzen und zog Heinrich fort . Dieser berauschte sich , indem er sie zum Tanze umfing , an ihrem Anblick ; ein heftiges Begehren wallte durch seinen ganzen Körper , daß der äußerste Zipfel an seiner grünen Kappe erzitterte und die Schelle daran leise erklang . Als aber Agnes plötzlich anhielt , ihm die Hand auf die Schulter legte und leidenschaftlich schmeichelnd bat , er möchte doch sogleich hingehen und Ferdinand bitten , daß er nur einmal mit ihr tanze , lief er gehorsam , ja eifrig hin , zog seinen Freund zur Seite und beschwor ihn mit zärtlichen Worten , es zu tun . Lys bat ihn angelegentlich , statt seiner mit Agnes zu tanzen , und entzog sich ihm rasch . Die beiden jungen Leute drehten sich nun wieder heftig und lustig herum . Das Mädchen atmete so hoch , daß die schmale Spanne ihrer Silberbrust wogte und funkelte , wie die glänzenden Wellen im Mondschein , und alle Glöckchen an Heinrichs Kleid und Kappe zitterten und klangen . Abermals sandte sie ihn zu Ferdinand mit dem nämlichen Auftrag , und da Heinrich diesen mit eindringlichen und tadelnden Worten , sehr aufgeregt , ausrichtete , fuhr ihn jener an und sagte : » Was ist denn das für eine Sitte von einem jungen Mädchen ? Tanzt miteinander und laßt mich zufrieden ! « Heinrich fühlte sich halb erzürnt und halb erfreut über diese Antwort , und die dämonische Lust , eine schlimme Sachlage zu benutzen , stieg in ihm auf ; doch bis er zu dem harrenden Mädchen gelangte , siegte das Mitleid und die natürliche Artigkeit , und er hinterbrachte ihr nicht Ferdinands harte Worte , sondern suchte sie zu vertrösten . Noch einmal tanzten sie und noch bewegter und ungestümer herum , und noch einmal sandte sie ihn zu dem Wankelmütigen und ließ diesen bitten , sie nach Hause zu bringen . Ferdinand eilte jetzt sogleich herbei , besorgte den warmen Mantel des Mädchens und ihre Überschuhe , und als sie gut verhüllt war , führte er sie unter die Haustür , legte ihren Arm in denjenigen Heinrichs und bat diesen , indem er sich von Agnes in freundlich väterlichem Wohlwollen verabschiedete , seine kleine Schutzbefohlene recht sorgsam und wacker nach Hause zu geleiten . Zugleich verschwand er , nachdem er beiden die Hände gedrückt , wieder in der Menge , welche die breite Treppe auf- und niederstieg . Da standen sie nun auf der Straße ; der Wagen , welcher sie hergebracht , war nicht zu finden , und nachdem Agnes traurig an das erleuchtete Haus , in welchem es sang und klang , hinaufgesehen , kehrte sie ihm noch trauriger den Rücken und trat , von Heinrich geführt , den Rückweg an durch die stillen Gassen , in denen der Morgen graute . Sie hielt das Köpfchen tief gesenkt und vermochte nicht auf den Mantel achtzugeben , welcher alle Augenblicke von den Schultern sank , so daß ihr feiner Oberkörper durch das Zwielicht schimmerte , bis Heinrich sie wieder verhüllte . In der Hand trug sie unbewußt den großen eisernen Hausschlüssel , welchen ihr Lys in der Zerstreuung zugesteckt , statt ihrem Begleiter . Sie trug ihn fest umschlossen in dem dunklen Gefühle , daß Ferdinand ihr das kalte rostige Eisen gegeben . Als sie bei dem Hause angekommen waren , stand sie schweigend und rührte sich nicht , obgleich Heinrich sie wiederholt fragte , ob er die Glocke ziehen sollte , und erst als er den Schlüssel in ihrer Hand entdeckte , aufschloß und sie bat , hineinzugehen , legte sie ihm langsam die Arme um den Hals und küßte ihn , aber wie im Traume und ohne ihn anzusehen . Sie zog hierauf die Arme enger zusammen und küßte ihn heißer und heißer , bis Heinrich unwillkürlich sich regte und sie auch in die Arme schließen wollte . Da erkannte sie ihn , eilte wie wahnsinnig ins Haus und schlug die Tür zu . Heinrich hörte , wie sie , die Treppe hinaufgehend , sich wiederholt an den Stufen stieß . Alles war dunkel und still in dem romantischen Hause ; die Mutter schien fest zu schlafen , und nachdem Heinrich eine Weile auf dem kleinen Platze , von seltsamen Empfindungen und Gedanken erfüllt , umhergegangen , schlug er endlich den Rückweg nach dem Odeon ein . Die Sonne ging eben auf , als er in den Saal trat . Alle Frauen und viele ältere Männer waren schon weggegangen ; die große Menge der Jungen aber , von höchster Lust bewegt , tummelte sich singend durcheinander und schickte sich an , eine Reihe von Wagen zu besteigen , um unverzüglich , ohne auszuruhen , ins Land hineinzufahren und das Gelage in den Forsthäusern und Waldschenken fortzusetzen , welche romantisch an den Ufern des breiten Gebirgsstromes lagen . Rosalie besaß in jener Gegend ein Landhaus , und sie hatte die fröhlichen Leute der Mummerei eingeladen , sich auf den Mittag dort einzufinden , bis wohin sie als bereite Wirtin ebenfalls dasein würde . Insbesondere hatte sie viele Damen gebeten , und diese hatten ausgemacht , da es einmal Fasching sei , in der mittelalterlichen Tracht hinauszufahren ; denn auch sie wünschten so lange als möglich sich des schönen Ausnahmezustandes zu erfreuen . Erikson war nach Flause geeilt , um sich nun gänzlich umzukleiden ; mit Hilfe einer ganzen Schneiderwerkstatt brachte er in einigen Stunden noch ein gutes ehrbares Jägergewand zustande , in welchem er hinauseilte . Aber auch Ferdinand war nicht müßig . Er nahm einen Wagen , kaufte teure Stoffe ein und fuhr von Schneider zu Schneider , jedem ein Stück in die Arbeit gebend und dieselben zur größten Eile anspornend . In kaum einer Stunde war die Tracht eines altorientalischen Königs fertig , von feinster weißer Leinwand und Purpurseide . Dann fuhr er zu einem Bankier und von da zu allen Juwelieren , den tauglichsten Schmuck aussuchend und sich mit demselben bedeckend ; er verwandte eine solche Summe für Gold und Steine , als ob er damit handeln wollte , und doch wußte er recht gut , daß es nur eine vorübergehende Leidenschaft , eine Art Tollwut sei , für welche er so hartnäckig alles daransetzte , der sonst kein Verschwender war , sondern vielmehr mit großer Sparsamkeit und sehr zweckmäßig die Mittel abwog , welche er an sein Leben und Vergnügen wandte . Zuletzt ließ er sich das lockige Haar salben mit den köstlichsten Ölen ; die Arme trug er bloß und mit goldenen Spangen geschmückt , und so erschien er mittags , ohne vorher die im Walde lagernden Künstler aufgesucht zu haben , in Rosaliens Landhaus . Heinrich hingegen fuhr gleich in der Morgenfrühe mit der übrigen Schar hinaus . Große Wagen , mit Landsknechten über und über beladen und von deren Spießen starrend , fuhren voraus , und ihnen nach die lange Reihe der bunten Gestalten in die helle Morgensonne hinein , am Rande der schönen Buchenwälder , hoch auf dem Ufer des tiefliegenden Stromes , der in glänzenden Windungen sich um die Geschiebe-und Gebüschinseln wälzte . Über den Wäldern sah man wie blaue Schatten die Kuppen des fernen Hochlandes . Es war ein milder Februartag und der Himmel blau ; die herrlichen Buchen wurden bald von der wärmenden Sonne durch schossen , und wenn ihnen das Laub fehlte , so glänzte das weiche Moos am Boden und auf den Stämmen um so grüner , und in der Tiefe dampfte und leuchtete das blaue Bergwasser . Der Zug ergoß sich über eine malerische Gruppe von Häusern , welche vom Wald umgeben auf der Uferhöhe lag . Ein Forsthof , ein altertümliches Wirtshaus und eine Mühle an schäumendem Waldbach waren bald in ein gemeinsames , von Farben glänzendes Freudenlager verwandelt und verbunden ; die stillen Bewohner sahen sich wie von einem lebendig gewordenen Traume überfallen und umklungen ; den Künstlern aber weckte die freie Natur , der erwachende Lenz den Witz in der tiefsten Seele . Die frische Luft verwehte den Rausch der Nacht und legte die zartesten und beweglichsten Fühlfäden der Freude und Aufgeregtheit bloß ; wenn die Lust der verschwundenen Festnacht zum größten Teil auf Verabredung und Einrichtung beruhte , so lockte dagegen die heutige , ganz frei und in sich selbst gegründet , wie eine am Baume prangende Frucht , zum lässigen Pflücken . Die schönen , dem phantastischen Fühlen und Genießen angemessenen Kleider waren nun wie etwas Hergebrachtes , das schon nicht mehr anders sein kann , und in ihnen begingen die Glücklichen tausend neue Scherze , Spiele und Tollheiten von der geistreichsten wie von der allerkindlichsten Art , oft plötzlich unterbrochen durch den wohlklingenden , festen Männergesang . Heinrich trieb sich überall umher und vergaß sich selber ; er war überwacht und doch nicht müde , vielmehr neugierig und begierig , erst recht in den glänzenden Becher des Lebens zu schauen . Das klare Licht , das Land , die Leute , der Gesang umwirkten ihn seltsam . Als alle die Hundert auf den närrischen Einfall eines einzelnen plötzlich auf die Bäume geklettert waren und wie ein großer Schwarm fremder , farbiger Vögel in den kahlen Ästen saßen , blieb er , nachdem sie voll Gelächter hinabgesprungen , in Gedanken auf einer schwanken Birke sitzen ; denn er verwunderte sich , wie nun das ganze Wesen in die Runde gleich einer stillen weiten Ferne um ihn war und die Rufe und Lieder selbst wie über eine weite See her klangen , auch die Gestalten wirr und traumhaft sich bewegten . Es war einer jener Augenblicke , wo die Zeit eine Minute stillzustehen scheint und man , von aller Außenwelt losgelöst , endlich sich selbst sieht , fühlt und bemerkt . Es fiel ihm auf , daß er nun schon bei fünf und sechs Jahren zurückzählen konnte , ohne aus dem Bereiche des bewußten , reifenden Alters zu geraten ; er fühlte zum ersten Male die Flucht des Lebens . Er war nun zweiundzwanzig Jahre alt ; plötzlich kam es ihm in den Sinn , daß er in seiner Wohnung diese und jene kleine Gegenstände besaß , ein Pappdeckelchen , eine Schachtel oder gar etwas , das an Spielzeug grenzte , welche unmittelbar aus der Kinderzeit stammten und die er in fortwährendem Gebrauche um sich gehabt , ohne sich dessen innezusein . Er sah deutlich ihre Gestalt , kleine Beschädigungen , und erinnerte sich , wo und wann er sie verfertigt , ein Stückchen Papier abgerissen oder mit dem Federmesser daran gekritzelt hatte . Sogleich glaubte er vom Baume herunterspringen , nach Hause laufen und die unschuldigen Sachen vernichten zu müssen . Denn sie kamen ihm nun ganz unerträglich vor . Er sah auch seine Jugendgeschichte vor Augen , ihren Einband , den er selbst verfertigt , das Geschreibsel , alles würde er sogleich zerrissen und vernichtet haben , wenn er es in Händen gehabt hätte . Alles Vergangene erschien ihm töricht , dumpf und beschämend , auch erinnerte er sich genau aller Dummheiten , die er gemacht , sogar solcher , die er im Kinderröckchen begangen , und er fühlte sich rot werden über alle , weil er sich jetzt unendlich klug und gereift vorkam . Auch nahm er sich vor , von diesem Augenblicke an ganz klug zu sein und durchaus nichts Törichtes mehr anzustellen . Aber alles dies geschah mit reißender Schnelligkeit in wenig Augenblicken , und er ließ sich , schon von anderen Gedanken ergriffen , von der Birke herunter , als eben Erikson aus der Stadt herangeschritten kam . Ihr erstes Gespräch war das Benehmen Ferdinands . Erikson sagte nicht viel , während Heinrich mit großer Beredsamkeit sein Erstaunen ausdrückte , wie jener ein solches Wesen , wie Agnes sei , also behandeln könne . Er ergoß sich in den bittersten Tadel , und um so lauter , als er selbst in das schöne Kind verliebt war und sein Gewissen ihm sagte , daß das nichts weniger als in der Ordnung sei . Erikson hörte nicht viel darauf , sondern sagte : » Ich will wetten , daß er das arme Ding heute sitzenläßt und nicht mitbringt . Wir sollten ihm aber einen Streich spielen , damit er zur Vernunft kommt . Nimm einen der Wagen , fahre in die Stadt und sieh ein wenig zu ! Findest du den verliebten Teufel nicht zu Hause noch bei dem Mädchen , so bring dieses ohne weiteres mit , und zwar in Rosaliens Namen und Auftrag , so kann die Mutter nichts dagegen haben ; ich werde dies verantworten . Zu Lys wirst du nachher einfach sagen , daß du das für deine Pflicht gehalten , da er dir die Schöne am Abend vorher so hartnäckig anvertraut . « Heinrich ließ sich nicht zweimal auffordern und fuhr sogleich in die Stadt . Auf dem Wege traf er Ferdinand ganz allein in einer Kutsche . » Wohin willst du ? « rief er Heinrich zu . » Ich soll « , erwiderte dieser , » dich aufsuchen und sehen , daß du das feine Mädchen mitbringst , im Fall du es nicht ohnehin tun würdest . Dies scheint nun so zu sein , und ich will sie holen , wenn du nichts dagegen hast . Eriksons schöne Witwe wünscht es . « » Tu das , mein Sohn ! « erwiderte Ferdinand ganz gleichgültig , indem er sich dichter in seinen Mantel hüllte , und fuhr seines Weges , und Heinrich hielt bald darauf vor Agnesens Wohnung an . Das Rollen und plötzliche Stillstehen der Räder widerhallte auffallend auf dem kleinen stillen Platze , so daß Agnes im selben Augenblicke mit strahlenden Augen ans Fenster fuhr . Als sie Heinrich aussteigen sah , verschleierte sich der Blick wieder , doch harrte sie neugierig , daß er in die Stube träte . Ihre Mutter empfing ihn , beschaute ihn um und um , und indem sie fortfuhr , mit einer Straußfeder , die sie in der Hand hielt , ihren Altar , das darauf stehende Bild ihrer vergangenen Schönheit , die Porzellansachen und Prunkgläser davor , abzustäuben und zu reinigen , begann sie mit einem seelenlosen , singenden Tone zu plaudern : » Ei , da kommt uns ja auch ein Stück Karneval ins Haus , gelobt sei Maria ! Welch allerliebster Narr ist der Herr ! Aber was Tausend habt Ihr denn , was hat Herr Lys nur mit meiner Tochter angefangen ? Da sitzt sie den ganzen Morgen , sagt nichts , ißt nichts , schläft nicht , lacht nicht und weint nicht ! Dies ist mein Bild , Herr ! wie ich vor zwanzig Jahren gewesen bin ! Dank sei unserm Herrn Jesus Christ , man darf es ansehen ! Sagen Sie nur , was ist es mit dem Kinde ? Gewiß hat sie Herr Lys zurechtweisen müssen , ich sag es immer , sie ist noch zu ungebildet für den feinen Herrn , sie lernt nichts und beträgt sich unanständig . Ja , ja , sieh nur zu , Nesi ! lernst du das von mir ? Siehst du nicht auf diesem Bild , welchen Anstand ich hatte , als ich jung war ? Sah ich nicht aus wie eine Edeldame ? « Heinrich antwortete auf alles dies mit seiner Einladung , welche er sowohl in Ferdinands als in Rosaliens Namen ausrichtete ; er suchte einige Gründe hervor , warum er und nicht jener selbst komme , indessen die Mutter einmal über das andere rief : » So mach , so mach , Nesi ! Jesus Maria , wie reiche Leute sind da beisammen ! Ein bißchen zu klein , ein kleines bißchen , ist die gnädige Frau , sonst aber reizend ! Nun kannst du nachholen , was du gestern etwa versäumt und verbrochen ! Geh , kleide dich an , Undankbare ! mit den kostbaren Kleidern , die Herr Ferdinand dir geschenkt ! Da liegt der köstliche Halbmond am Boden . Aber komm , jetzt muß ich dir das Haar machen , wenn ' s der Herr erlaubt ! « Agnes setzte sich mitten in die Stube ; ihre Augen funkelten , und die Wangen röteten sich leis von Hoffnung . Ihre Mutter frisierte sie nun mit großer Geschicklichkeit ; sie führte mit großer Anmut den Kamm , und Heinrich mußte gestehen , als er die hochgewachsene Frau betrachtete und die immer noch schönen Anlagen und Züge ihres Gesichtes sah , daß sie wenigstens einen wahren Grund ihrer Eitelkeit gehabt . Doch wurde sein Auge bald von Agnes allein beschäftigt . Sie saß mit bloßem Halse , von der Nacht der aufgelösten Haare umschattet ; um die langen Stränge zu kämmen und zu salben , mußte die Mutter weit von ihr zurücktreten . Sie sprach fortwährend , indessen weder Heinrich noch Agnes etwas sagten . Er hätte gewünscht , ein Jahr in dieser Ruhe zu verharren und keinen andern Anblick zu haben als diesen . Endlich war das Haar gemacht , und Agnese ging in ihre Kammer , das Dianengewand wieder anzuziehen ; die Mutter ging mit , ihr zu helfen ; allein sobald sie einigermaßen damit zustande gekommen , erschienen sie wieder und vollendeten den Anzug in der Stube , weil die Alte sich unterhalten wollte . Agnes sah nun womöglich noch wunderbarer aus als gestern ; denn ihr seltsamer Zustand , in dem sie nicht geschlafen hatte , während sie doch von neuer Hoffnung und Sehnsucht belebt und durchglüht war , warf einen geisterhaften Glanz über sie . Sie fuhren in verschlossenem Wagen durch die Stadt ; sobald sie aber im sonnigen Freien waren , ließ Heinrich die Decke zurückschlagen . Agnes atmete auf und fing an zu plaudern . Heinrich mußte ihr erzählen , wie die heutige Lustbarkeit sich veranlaßt habe , wer draußen zu treffen und wo Ferdinand sei . Sie wurde immer vertraulicher , sah ihm freundlich lächelnd in die Augen und ergriff seine Hand ; denn er war ihr wie ein guter Engel erschienen , der sie zum Glücke führen sollte . Die Landleute am Wege sahen mit Verwunderung das einzelne Pärchen dahinfahren , das wie aus einer anderen Welt kam , und Heinrich fühlte sich zufrieden und beglückt . Der Mensch nährt sich , wird gut oder böse , vom Schein . Wenn ihm das Glück eine bloße Situation gibt , so wurzelt er daran , wie eine Pflanze am nackten Felsen . Weil Heinrich nun wieder mit einem reizenden und ungewöhnlichen Mädchen , in schöner Tracht , in vertrautem Zusammensein unter dem blauen Himmel dahinfuhr wie vor Jahren , als er mit einem wirklichen Liebchen über den Berg geritten , erklärte sich sein Herz zufrieden und verlangte nichts Besseres . Er faßte sich also zusammen und nahm sich vor , ordentlich zu sein . Zwar fühlte er sich noch mehr als gestern in Agnes verliebt , aber er fühlte nun auch , daß er ihr herzlich gut war und nur Gutes wünschte . Daher entschloß er sich , ihr als treuer Freund zu dienen und alles daranzusetzen , daß ihr kein Unrecht geschähe . Als sie schon das weiße Landhaus in geringer Entfernung glänzen sahen , geriet Agnes aufs neue in große Aufregung ; sie wurde bald rot , bald blaß , und da sich eine kleine ländliche Kapelle am Wege zeigte , verlangte sie auszusteigen . Sie eilte , ihr langes Silbergewand zierlich zusammennehmend , in die Kapelle ; der Kutscher nahm seinen Hut ab und stellte ihn neben sich auf den Bock , um die fromme Muße auch zu einem Vaterunser zu benutzen , und Heinrich trat verlegen unter die offene Tür . Das Innere der Kapelle zeigte nichts als einen wurmstichigen Altar , bedeckt mit einer verblichenen veilchenblauen Decke . Das Altarbild enthielt einen Englischen Gruß , und vor demselben stand noch ein kleines Marienbildchen in einem starren Reifröckchen von Seide und Metallflittern in allen Farben . Rings um den Altar hingen geopferte Herzen von Wachs , in allen Größen und auf die mannigfaltigste Weise verziert ; im einen stak ein Papierblümchen , im andern eine Flamme von Rauschgold , das dritte durchbohrte ein Pfeil , wieder ein anderes war ganz in rote Seidenläppchen gewickelt und mit Goldfaden umwunden , eines war gar mit großen Stecknadeln besteckt , wie ein Nadelkissen , wohl zum Zeichen der schmerzvollen Pein seiner Spenderin . Auf den Bänken aber lagen zahlreiche Abdrücke eines Gebetes , das auf Pappe gezogen auch an der Tür hing und folgende Überschrift trug Gebet zur allerlieblichsten , allerseligsten und allerhoffnungsreichsten heiligen Jungfrau Maria , der gnadenreichen und hilfespendenden Fürbitterin Mutter Gottes . Approbiert und zum wirksamen Gebrauche empfohlen für bedrängte weibliche Herzen durch den hochwürdigsten Herrn Bischof usf. Dazu war noch eine Gebrauchsanweisung gefügt , wie viele Ave und andere Sprüche dazwischen zu beten seien . Agnes lag auf den Knien vor dem Altar , und den Rosenkranz , den sie aus dem Busen gezogen , um die Hände gebunden , betete sie leise , aber inbrünstig , das Gebet vor sich auf dem Boden . Wenn sie einige Worte abgelesen hatte , so schaute sie flehend auf zu dem Marienpüppchen und bat die göttliche Frau mit heiligem Ernst , ihr beizustehen in ihrer Bedrängnis und in ihrem Vorhaben . Endlich stand sie mit einem großen Seufzer auf und ging nach dem Weihkessel , in welchen sie ihre weißen Finger tauchte . Da sah sie Heinrich in die Tür gelehnt , wie er sie unverwandt betrachtete , und an seiner Haltung sah sie , daß er ein Ketzer sei . Ängstlich tauchte sie den vorhandenen Wedel tief in den Kessel , eilte damit auf Heinrich zu , wusch ihm förmlich das Gesicht und besprengte ihn über und über mit Wasser , indem sie mit dem Wedel unaufhörliche Kreuze schlug . Nachdem sie so die schädliche Einwirkung seiner Ketzerei auf ihre Andacht gebannt , ergriff sie beruhigter seinen Arm und ließ sich wieder in die Kutsche heben . Heinrich zog sein Taschentuch und trocknete sich das Gesicht , welches von Weihwasser troff ; Agnes wollte ihn daran verhindern und zog ihm das Tuch weg , und indem sie so in einen Streit gerieten , der zuletzt zum mutwilligen Scherz wurde , vergaßen sie ganz , daß sie bereits an dem Garten Rosaliens angekommen waren . Die zahlreiche Gesellschaft , welche schon in dem Landhause versammelt war , begrüßte die liebliche Erscheinung mit lauter Freude . Rosalie hatte außer den Künstlern und den Damen von gestern noch mehrere ihrer Verwandten und Freunde holen lassen , welche sich nun in sonntäglicher moderner Kleidung unter die Vermummten mischten , wovon die Gesellschaft ein zufälliges und leichtes Ansehen gewann . Rosalie selbst , um ihren Pflichten als Wirtin besser nachzukommen , zeigte sich in einfacher häuslicher Tracht , welcher sie auf das anmutvollste einigen heitern Schmuck beigefügt hatte . Als Agnes Ferdinand in seinem fremdartigen und fast weiblichen Schmucke erblickte , blieb sie einen Augenblick offenen Mundes stehen und geriet in eine verwirrte Berauschung , da er zärtlich auf sie zueilte , Heinrich für seine Mühe dankte und mit voller Aufmerksamkeit für sie besorgt war . Erst nach und nach kam sie wieder zum Bewußtsein , wachte nun auf in froher Hoffnung und ging , indem es ihr wie ein Stein vom Herzen fiel , in eine blühende Fröhlichkeit über . Sie fing an zu zwitschern , wie ein Vögelchen im Frühling , und schaute vergnügt um sich ; denn sie sah nun wirklich Ferdinand neben sich sitzen und hörte seine vertraute Stimme in artigen Worten , die er an sie richtete . Das kleine , schön gebaute Haus war mit Gästen angefüllt . In dem mäßigen Saale und den wohnlichen Zimmern