Ihre chinesische Porzellanvase hat Fritzchen auch zerschlagen . Mamsell Adelheidchen hat sie nur so oben mit der schönen Seite auf den Rand gesetzt , daß Sie ' s nicht merken sollen , und dann will sie ' s abpassen , wenn Frau Geheimräthin mal bei guter Laune sind . Ja , wenn die englische Mamsell nicht wäre , dann wäre schon längst ein Malheur passirt . « Achtundvierzigstes Kapitel . Präparirtes Gift . Charlotte war fort . Ihr Geheimrath hatte sie zur Mittagsstunde erwartet , und » wir haben heut sein Lieblingsgericht , « hatte Charlotte sich entschuldigt . Die Geheimräthin stand im Krankenzimmer . Es war ein eigenes Lächeln , mit welchem sie die schlafenden Kinder betrachtete . Nicht das des Wohlgefallens , es war nichts Wohlgefälliges in dem Anblick . Es war eine Wißbegier , die , je länger sie über das Mädchen sich beugte , zu einer wollüstigen Empfindung ward . Der Knabe hatte sie weniger interessirt . Auf seinem Gesichte las sie nur rohen Trotz und sinnliche Tücke . In Malwinens Lineamenten schien sie zu studiren . » Sonderbar ! « lispelten ihre Lippen , » welche schalkhafte Ruhe über dem Kindesgesichte ! und doch aus allen Grübchen der Schelm vorschießend , der Zerstörungstrieb - in Kindern ! So schickt vielleicht die Natur Jeden fertig auf die Welt , es ist alles Prädestination , und wir verfehlen nur unsere Bestimmung , wenn - « Sie tippte mit dem Finger über Malwinens Stirn , wie um durch das Gefühl sich zu vergewissern , ob das Auge nicht getäuscht . Die Probe musste mit der Rechnung stimmen ; ihr Lächeln ward intensiver , als plötzlich doch ein Schatten über ihre Stirn flog . Der Schlaf ist ja ein Verräther ! Lag nicht der ganze dunkle Trieb für das Auge des Kundigen auf dem Kindesgesicht ausgedrückt ? Wenn das mit den Erwachsenen derselbe Fall wäre ? Wenn Jeder sich einschließen müsste , vor nichts mehr besorgt , als daß ein Fremder ihm ins Gesicht sehe ? - Erschreckt vor dem Gedanken blickte sie um sich , und - die stille Krankenstube barg den Verräther . Hinter der Fenstergardine saß Adelheid und stickte an der Fahne , mit welcher die Geheimräthin , sie wusste noch nicht wie , das Gouvernement überraschen wollte . » Spielen wir hier die Lauscherin ? « » Was sollte ich belauschen ? Ich arbeite an Ihrem Auftrage . « » Mit verweintem Gesicht ? Ich meinte , eine Patriotin wie Du sollte nicht Thränen in die Fahne ihres Königs sticken . « » Die armen Kinder litten aber wieder so sehr . « » Und da ist es ein süßes Gefühl , als Schutzengel über die Unschuld zu wachen ! Man mag sich für gewisse Leute interessant machen , wenn man immer die Leidende spielt , es giebt Andere , die durch die Maske sehen . « Adelheid ward roth und senkte ihr Auge nieder , das entrüstet aufgeblickt . Von der Rede kamen nur die Worte heraus : » Meine Mutter - « » Das Wort wird Dir wohl täglich schwerer ? Aber so lange Du Dich bewogen findest , in diesem Verhältniß zu bleiben , ist es doch gut , daß Du Dich vor den Andern bezwingst , Liebe gegen mich zu zeigen . « » Meine Mutter , Sie martern mich . « » Das ist unser Aller Loos . Wir Alle werden gemartert von den Verhältnissen , vom Urtheil der Menschen , bis wir gleichgültig werden , sagen die Leute . Das ist nicht wahr , man wird nicht gleichgültig , wenn man sich nicht schon aufgegeben hat . Nur wer so weit ist , daß er alle Hoffnung fahren ließ , nimmt die Tritte und spitzen Stiche ruhig hin . Wer sich noch fühlt , ruht nicht , bis er Andere wieder martern kann . Sieh mich immerhin verwundert an ; es ist so , es ist das Gesetz der Welt . « » Das Gesetz der Rache . « » Nenne es , wie Du willst . Es giebt nur zwei Gattungen Wesen . Unterdrücker und Unterdrückte . Wo Du hinsiehst , so ist es . Das ist eine Phantasie aus der Vorzeit , daß es freie Menschen gäbe ; sie sind von unserer Kultur so ausgerottet wie die wilden Thiergeschlechter . Denn die noch da sind , sind doch schon unterworfene Geschöpfe , Der Mensch hegt und erhält sie , um sie zu fangen , schießen , je wie es ihm beliebt . Der Hirsch , der Hase ist so sein Eigenthum daß er schon unverbrüchliche Gesetze für ihn gegeben hat wie lange man ihn schonen , wann der Vertilgungskrieg losgehen soll . Nach eben solchen Gesetzen schont ein kluger Herr die von ihm abhängig , nicht aus Liebe , nur um seines Vortheils willen . Er spart ihre Kräfte auf , um sie am besten zu nutzen . Der Wurm und der Hirsch lehnen sich vergeblich gegen ihre Ueberwinder auf ; unter den Menschen glückt es zuweilen dem Einen und dem Andern , durch List , Ausdauer , frei und Herr zu werden über seine Unterdrücker , und dieser Prozeß ist unsere Geschichte . Aber wenn sie es sind , dann machen die Sieger es nicht besser und anders ; sie unterdrücken , quälen und martern wieder , wie sie gemartert wurden . Das ist auch Geschichte , mein Kind . Findest Du es so unnatürlich , daß man lieber sticht , als gestochen wird ? « » Ich freue mich , daß ein harmloses Mädchen nicht in Verlegenheit kommt , wählen zu müssen . « Die Lupinus lächelte : » Warum unser Verhältniß durch Unwahrheit erschweren , mein Kind . Zwischen uns muß Wahrheit sein . Ich ertrage sie , Du kannst es auch . Du wirst noch mehr ertragen müssen . « » Mein Gott , was ist denn zwischen uns Wahrheit ? « rief Adelheid und erschrak , als es über ihre Lippen war . » Du sprichst es eben aus . Wir sind zusammengewürfelt und passen nicht zu einander . Wir gefallen uns nicht , und müssen doch vor den Menschen die Miene annehmen , als wenn wir uns liebten . Auf Deinen Lippen zittert die trotzige Bemerkung , ich könnte Dich ja verstoßen , Dir die Thür weisen . Nein , Adelheid , das kann ich nicht , das darf ich nicht . Die Welt , die mich gestern noch liebkoste , hat sich über Nacht von mir gewandt . Daß ich Dich damals gerettet ist längst vergessen , so wie Du es vergessen hast . Still , still , ich zürne Dir darum nicht , ich finde es ganz natürlich . Sie sinnen mir an , daß ich Dich nur aufgenommen , um mit dem schönen Mädchen Staat zu machen , Du solltest der Lockvogel sein für eine Gesellschaft , die sonst nicht über die Schwelle der Lupinus gekommen wäre ! Nun sei es anders . Man hat sich satt gesehen , man gafft andere Sterne an . Man vernachlässigt mich , spottet meiner hinter meinem Rücken . Wer so einsam dasteht , wie ich , von dem wenden sich auch die treuesten Freunde . Merke Dir das , es giebt keine Treue , als wer sich selbst treu ist , und das ist schwer . Die Schule ist lang und hart , ich habe sie durchgemacht . Ich kenne die Welt ; einer nach dem andern ihrer bunten , flimmernden Lappenvorhänge fiel nieder , auch einer , der fest schien wie das diamantene Firmament - aber das Firmament ist ja auch eine Illusion ! Wenn ich Dir jetzt den Stuhl vor die Thüre setzte , hieße es , das sei aus Verdruß , weil Du meine Erwartungen nicht erfüllt , ich wäre Deiner satt . Daß man mich dann tadelte , hasste , ertrüge ich - ich hasse sie ja auch ; aber man würde mich auslachen , und - ausgelacht mag ich nicht sein . « Die Thränen , die aus der wunden Brust , ein heißer Strom , vorbrechen wollten , gerannen durch die Eiskälte der Rede zu Eis : » Sie haben mir erklärt , warum die Bande , welche Sie an mich fesseln , von Ihnen nicht gelöst werden können , Frau Geheimräthin ; aber warum ich sie nicht lösen darf , wenn ich weiß , daß meine Gegenwart für Sie eine störende ist - « » Das habe ich Dir allerdings nicht gesagt , « fiel die Lupinus ein , » weil ich es nicht für nöthig hielt . Die Sache ist so einfach . Kann man Liebe erzwingen ? Du liebst mich nicht und hast mich nie geliebt . Das glänzende Leben in meinem Hause ist Dir nicht mehr neu , oder nicht mehr glänzend ; es zieht Dich nicht mehr an . Die Huldigungen , die Du empfängst , würden Dir auch sonst wo nicht entgehen . Hättest Du Dich klug von Anfang an benommen , so wäre Deine Stellung jetzt gesichert , vielleicht eine so glänzende , daß Du auf Die mit stillem Mitleid herabsehen könntest , die Du noch jetzt so gütig bist , Deine Wohlthäterin zu nennen . Dein übler Stern hat es anders gewollt . Du folgtest einer sentimentalen Regung , und aus einem Gefühl , das Du Dankbarkeit nennst , gabst Du Dich dem Manne zu eigen , an den Dich eine doppelte Täuschung knüpft . Du glaubst ihm Deine geistige Ausbildung zu verdanken , und Du glaubst ihn zu lieben . Mein Kind , wer der Dankbarkeit huldigt , ist schon verloren ; die Undankbaren sind die Glücklichsten , weil sie die Freiesten sind . Gutes thun ist nichts als eine Berechnung ; die Einen thun es , um einst im Himmel belohnt zu werden , die Anderen , um hier einen Vortheil zu haben , mit einem kleinen Einsatz spekuliren sie auf einen großen Treffer . Auch sie sind Thoren ! Sie täuschen sich immer in dieser Berechnung ; wenn die Undankbarkeit des Geschöpfes sie längst belehrt haben sollte , hegen sie dafür noch immer ein Interesse und meinen in einer Art stillen Wahnsinns , ihr Geschöpf werde doch noch einmal in sich gehen , und es ihnen lohnen , was sie dafür gethan . « Die Geheimräthin hielt einen Augenblick inne , es schien , als wolle sie sich an der Wirkung ihrer Rede erfreuen ; aber Adelheid stand wie ein Steinbild vor ihr . Darauf hatte sie nichts zu sagen Dann fuhr sie fort : » Ueber diese Illusion , mein Kind , bin ich wenigstens hinaus . Auch Du stehst auf einem Wendepunkt . Du bist selbst so klug , daß Du fühlst , wie Dein Herr van Asten eben nur that , was ein geschickter Lehrer soll , den man dafür bezahlt . Er erkannte Dein Talent , und führte Dich auf den rechten Weg . Du hättest ihn , auch ohne Walter , vielleicht später , vielleicht besser gefunden . Deine Bildung ist nicht sein Werk , und noch weniger bist Du sein Geschöpf . Das siehst Du jetzt mit jedem Tage mehr ein , und um deswillen fängst Du Dich an zu schämen über das Uebermaß von Dankbarkeit , mit dem Du Dich ihm in die Arme warfst . Du liebst ihn auch nicht . Das aber gestehest Du Dir noch nicht ein , und lullst Dich vielmehr immer tiefer in die Selbsttäuschung , daß Du ihn lieben müsstest . Etwas Berechnung ist indeß auch dabei . Du möchtest gern von mir loskommen , aber zu Deinen Eltern willst Du auch nicht zurück . In der vornehmeren Stellung , in welche sie gerückt sind , und welche Dir allenfalls den äußern Glanz bietet , an dem Du Dich nun gewöhnt hast , würdest Du Dich noch weniger behagen ; ihre neuen Kräfte sprechen Dein ästhetisches Gefühl nicht an . Du bemerkst vielleicht schon manches , Lächerliche in den Prätensionen , die sie machen . Als gutes Kind giebst Du Dir Mühe diese Regung zu unterdrücken , aber Du würdest sehr unglücklich sein , sowohl in den alten beschränkten Verhältnissen , als in den ausstaffirten neuen . Um aus diesem Dilemma zu kommen , von mir los , und nicht zu Deinen Eltern zurück , drängt es Dich , und Du drängst vielleicht auch ihn , daß Walter eine Stellung bekomme , wo er Dich heirathen kann . Mit einer fieberhaften Angst hast Du Dich auf dies Thema geworfen , und machst ihm immer neue Vorschläge , wie er es anfangen soll . Du quälst Dich , ihn , Deine Eltern , seinen Vater , uns Alle . Das weißt Du auch recht gut , denn Du weißt , daß Walter an ganz Anderes denkt . als an Dich und sich , aber Du thust es doch , weil Du in einer Art Fieber bist . Du betrachtest es als eine Destination , Dich als ein Opferlamm , und mit allerhand hochherzigen Vorspiegelungen schilderst Du dann als ein erhabenes Ziel der Selbstverleugnung , was doch nichts ist , als der Nothhafen , wohin der Schiffer in seiner letzten Verzweiflung steuert . Und wenn Du ihn nun geheirathet hast - « » So traue ich mir zu , ihm eine gute , treue Frau zu sein . « » Daran zweifle ich nicht . Aber Du wirft es ihn doch fühlen lassen , welche Opfer Du ihm gebracht . Du wirft ihm nicht täglich sagen : das und das hätte ich sein können , wenn ich Dich nicht geheirathet , Ihr werdet Euch nicht immer zanken , noch wird er Dich Abends und Morgens mit verweinten Augen sehen ; aber Du kannst Dich nicht enthalten , es ihn empfinden zu lassen , was Du empfindest . Augenblicke werden kommen , wo Du Reue fühlst . Je länger Du Dich anstrengst es zu verbergen , je stärker bricht es einmal unwillkürlich heraus . Er ist ein guter Mensch , aber wenn er empfindlich wird , was ich ihm nicht verdenke , bricht es wohl los , nicht ästhetisch , sondern recht irdisch materiell . Hast Du dann Thränen , so ist das noch das beste . Hast Du keine , so schraubst Du Dich zurück in Deine Resignation , Du verschließest Dich in die Burg Deines Selbstgefühls . Bist Du erst da isolirt mein Kind , so begnügst Du Dich bald nicht mehr mit der Vertheidigung , sondern Du machst Ausfälle . Keine Festung hält sich auf die Dauer , wenn der Kommandant nicht die Gelegenheit benutzt , die sich ihm zur Offensive bietet , und dann - dann ist der Kriegszustand gegen Alle erklärt . - Du stehst wie ich . Täusche Dich doch nicht , als ob Du jetzt nicht schon darin lebtest ! Auf Walter bist Du ungehalten , daß er nicht ernstere Anstalten trifft ; da fliegt manches spitze Wort , das durch den süßen Händedruck nicht verwischt wird . Ich hörte schon geschraubte Redensarten zwischen der Mutter und Dir ; ihr vergöttert Kind will nicht mehr das flügge Vöglein im Neste sein ; sie begreift Dich nicht , aber Du begreifst sie nur zu sehr . Und führst Du nicht etwa gegen mich einen täglichen Krieg ? Irgendwie musst Du es mir doch vergelten , daß Dir mein Anblick zuwider ist . Da begnügst Du Dich , ein harmloses Mädchen , meine häuslichen Anordnungen zu contrekariren , Du soulagirst meinen Gatten in seinen Wünschen , die ich für seinen Gesundheitszustand nicht angemessen finde , Du vertuschest die Unarten der Kinder hier , und bist ihnen wohl selbst behülflich bei Näschereien , wenn sie auch den Kindern schädlich sind . Wenn ich mit dem Gesinde zanke , wirkst Du begütigend hinter meinem Rücken , und umgehst auf unmerkliche Weise , was ich bestimmte . O es ist ein angenehmes Gefühl , von Kindern und Dienstboten als ihr Schutzengel betrachtet zu werden , und während man ihre Liebe einkassirt , ihren Haß gegen Andere zu lenken , die nicht so gütig sind , und es nicht sein dürfen , weil sie ihre Pflicht dadurch verletzen . Und wie klug es von Dir ist , es so heimlich zu thun , daß ich keinen Verdruß davon habe ! Die chinesische Vase dort ist mir ein theures Andenken aus meinem elterlichen Hause . Wie geschickt hast Du sie auf die Kante des Schrankes gestellt , damit ich nicht täglich den Verdruß habe zu sehen , wie die unartigen Kinder sie zerbrochen haben . « » Geheimräthin ! « rief Adelheid erblassend , » das ist zu viel ! « » Ich mache Dir keinen Vorwurf ; im Gegentheil ich lobe Dich , daß Du zur Besinnung kommst . Kann ich fordern , daß mich Jemand lieben soll , und gar um der Kleinigkeit willen , wo auch ich mir gestehe , daß ich es nicht aus Liebe zu Dir gethan , sondern wirklich , weil es mich amüsirte , mein Hans durch so ein schönes Mädchen lebendig zu machen . Vieles , was ich aus Liebe gethan , ward mir schlechter vergolten . Unsere Naturen haben nun einmal keine Sympathie . Du bist mir gleichgültig , ich bin Dir vielleicht widerwärtig . Kannst Du oder ich dafür ? Wie ich die angeheuchelten Gefühle der Dankbarkeit betrachte , hast Du eben gehört . Du hast nun schon gelernt , Dich geistig von mir frei zu machen . Das ist ein Fortschritt . Du moquirst Dich über mich , komplottirst im Kleinen gegen mich . So wird Dir mein Haus eine gute Schule werden fürs Leben . Fahre fort , so nur lernst Du , wie man mit den Menschen umgehen muß , um - was die Andern nennen , frei zu werden . Ich bin die ältere , und sah es zu spät ein . Uebe Dich an mir , Du hast ein langes Leben vor Dir . « Adelheid stand sprachlos da , als die Geheimräthin langsam nach der Thür sich entfernte . Sie wandte sich noch einmal um : » Noch eins , was ich von Dir fordern kann . Wir sind nun einmal an einander gekettet . Wir müssen es tragen bis der Zufall die Kette zerreißt . Hüte Dich vor jedem Impuls . Wenn Du etwa auf die Straße stürztest - echauffirt , halbnackt , wie damals - Du verstehst mich - würde es an mitleidigen Seelen nicht fehlen , die Dich wieder aufnähmen . Auch in Sammet und Seide würden sie Dich kleiden , aber nicht aus Liebe zu Dir , nur aus Feindschaft gegen mich , mir einen Possen zu spielen . Nimm Deine ganze Vernunft zusammen , Adelheid . Mir spielten sie den Possen , aber Du müsstest zuletzt doch bezahlen . Wer so oft eine Rolle spielt und mit sich spielen lässt , hat den Kredit verloren . « Die Thür klinkte hinter ihr zu . Adelheid stand eine Weile regungslos : » Das Weib ! das Weib ! « rief sie . » Das Weib vergiftet mich ! « und warf sich schluchzend auf das Bett . Neunundvierzigstes Kapitel . Auch Vater und Sohn . Wenige Minuten nach dieser Scene erhielt Walter van Asten ein Billet von seiner Braut , so geeignet ihn aus seiner Ruhe aufzureißen , als es von Adelheids äußerster Unruhe Zeugniß ablegte . Er erkannte in den wild hingesprühten Worten seine besonnene , klare Freundin nicht wieder . Er verstand das ganze Bittet nicht , denn zu Anfang sprach es von einem Abgrunde , an dem sie schaudernd stünde , sie strecke vergebens die Arme nach Hülfe aus , dann entzifferte er in den von Thränen ausgelöschten Worten , daß er sie retten könne , aber die Schlußworte widerriefen das Vorangehende . Sie sei in einem Fieberzustand , er möge nicht auf sie hören , sie lassen wo sie sei , sich selbst ihrem Schicksal überlassen . Wenn sie unterginge , sei es vielleicht das Beste für ihn und sie . Gewiß , gewiß , sie werde sich auch dann erholen , die Geheimräthin habe sie nur prüfen wollen , hinter dieser Medusenmaske schlüge vielleicht ein gefühlvolles Herz . Sie drang in ihn endlich , nicht zu kommen , sich durch nichts stören zu lassen , was er höre . - Wenn sie das gewollt , warum nur die Nachschrift ? Warum hatte sie den Brief nicht zerrissen , einen neuen geschrieben , oder die Absendung ganz unterlassen ? Sie befand sich also in einer Aufregung , welche ihr die Besinnung geraubt , und in diesem Zustande hatte ihr Herz nach ihm verlangt . An ihn hatte sie zuerst gedacht , als sie nach Rettung aufschrie . Die Resignation war erst nachher gekommen . Er war aufgesprungen , sein Entschluß gefasst , nur ihrem ersten Willen zu gehorchen , und eben hatte er den Ueberrock vom Nagel gerissen , als ein zweites Billet von unbekannter Hand ihm überbracht ward . Der Bote war verschwunden , das Wirthsmädchen hatte nicht nach dem Absender gefragt , und der unterzeichnete Name , als er es aufgerissen , war ihm fremd . Jemand , der sich einen Sekretär des neuen Ministers nannte , forderte ihn auf , sich morgen in einer Frühstunde bei demselben melden zu lassen , indem Se . Excellenz ihn kennen zu lernen wünsche . Auch hier ein Postscript des Inhalts , daß der Minister bereit sei , ihn schon heute Nachmittag zu empfangen . Die Stunde war benannt , und Walter hätte eben nur Zeit gehabt , seine Toilette darnach einzurichten , wenn er der letztern Weisung , die fast wie ein Befehl klang , Folge leisten wollen . Was wollte der Minister von ihm ? - Natürlich ! er hatte seine Schrift gelesen , seine Ansichten hatten ihn angesprochen , er wollte mit dem Verfasser - » Endlich ! « brach es von seinen Lippen , und seine Stirn klärte sich auf , aber der Glanz verschwand schnell wieder . Nach so vielen Enttäuschungen vielleicht eine neue ! Hatte ihm nicht ein ängstlicher Freund aus der Schulzeit zugeflüstert , daß er aus höheren Kreisen gehört , wie man seine Vorschläge für naseweis halte , daß seine Anmaßung eigentlich eine Rüge verdiene ? Und bedurfte es für ihn solcher Zuflüsterung , nach der eigenen Erfahrung , die er bei einem befreundeten Minister gemacht ? Zwar , nach seinem Ruf im Publikum , war er den neuen Ideen zugänglich , er hege selbst großartige Pläne , aber er sei eigensinnig , hieß es , dringe damit nicht durch , darum verdrießlich , und jetzt so gut wie ohne Einfluß . Auch er mochte ihn nur warnen wollen . Aus dem Zweifel , ob er den Ueberrock oder den Frack anziehen solle , riß ihn ein neues Klopfen , eine neue Ueberraschung Sein Vater trat in die Stube . Er war noch nie hier gewesen , aber auf seinem Gesicht ersah man nichts von der Verwunderung , welche sich auf dem des Sohnes ausdrückte , weder eine freudige , noch eine betrübte . Er reichte dem jungen Manne die Hand : » Ich muß doch auch mal sehen , wie ' s Dir geht , « und setzte sich , » wie ermüdet vom Wege , auf einen Sessel . « » Ein unerwarteter Besuch , mein Vater . « » Da Du nicht zu mir kommst , um zu sehen , wie ' s bei mir aussieht , muß ich zu Dir kommen , um zu sehen , wie ' s bei Dir aussieht . Wir kommen ja sonst ganz auseinander . « » Das habe ich nie gefürchtet , und Ihr Besuch bestätigt meinen Glauben , « sagte Walter , während der Vater seinen Blick flüchtig umher schweifen ließ . » Nu das ist ja alles recht hübsch ordentlich . Deine Lektionen müssen Dir auch schon was Erkleckliches eintragen , freilich , und die Schriftstellerei auch . Um wen man sich so reißt , daß man gar kein Exemplar mehr kriegt , und wenn man ' s mit Gold aufwiegt . Schreibst Du wieder was Neues ? « » Mein Vater , ich kenne Sie , und ich glaube , Sie kennen mich . Sie haben den sauren Weg , der mich erfreut und beschämt , nicht ohne Absicht angetreten ? « » Wer fällt denn gleich mit der Thür ins Haus ? Ich wollte mit Dir vorher ein bischen über Krieg und Frieden diskouriren , europäische Weltverhältnisse . Du bist ja jetzt ein Politiker , und ich hoffe doch noch immer mein Sohn , der mir mit Rath und That zur Hand sein wird , wenn es seines Vaters Wohl gilt . « » Zum Spotten ist die Zeit zu ernst . « » Was spotte ich ? Geht einen Kaufmann Krieg und Frieden nichts an ? « Der Alte stampfte mit seinem Rohr auf den Boden . » ' s ist Ernst , Herr Sohn . Wenn ein Kaufmann Schiffe auf der See hat , so geht ihn der Sturm sehr viel an ; und wenn die Portepeefähndriche bis zu den Generalen hinauf in seinen Büchern stehen , so ist ihm ihr Leben noch viel theurer als dem Vaterlande . « » Als ein umsichtiger Kaufmann , wie ich Sie kenne , werden Sie Ihre Unternehmungen nach den letzten kritischen Zeitumständen eingerichtet haben . « » So ? hoffst Du das ? « » Sie mussten den Krieg als wahrscheinlich im Auge haben , und Ihre Spekulationen , wenn nicht darauf einrichten , doch danach abmessen . « » Wenn ich nun auf den Frieden spekulirt hätte ! « Indem Walter seinen Vater aufmerksam betrachtete , suchte er , ob hinter der barocken Wolke , mit welcher van Asten seinen wahren Gesichtsausdruck zu verbergen wusste , nicht eine andere Stimmung lauere . Doch keiner der schlauen Blicke züngelte zu ihm auf ; er saß , die Hände auf den Stock gestützt , seine Augen auf den Boden gerichtet . » So bin ich wenigstens davon überzeugt , daß Sie Ihr Geschäft übersehen haben . Wenn eine Unternehmung Ihnen fehl schlüge , werden Sie nicht selbst geschlagen sein . Das Renommee des alten Hauses van Asten und Kompagnie - « » Die ältesten Häuser stürzen beim Erdbeben . Krieg ist ein Erdbeben . Lerne was von mir , was Dir gefallen wird : ein Kaufmann , der immer nur auf Nummer Sicher setzt , hat bald ausgewirtschaftet . « » Mein Vater , wenn Sie auf den Frieden Ihr Alles setzten , - « sagte Walter nachdenklich . » So ist wieder Unfriede zwischen uns , « fiel der Alte ein , » denn Du hast Dein Alles auf den Krieg gesetzt . Ich weiß es . « » Was ist mein Alles , Vater ! « Der Kaufmann winkte ihm mit der Hand zu schweigen . » Ich weiß es ja , darum kam ich nicht her . Ich will nicht richten mit Deinen heroisch patriotischen Stimmungen , ein guter Geschäftsmann kann auch damit etwas anfangen , wenn die Leute danach sind ! Da aber die Leute nicht danach sind , so - habe ich meine Rechnung auf den Friedensfuß gesetzt . « » Und die Armee - « » Ist auf den Kriegsfuß gesetzt , das heißt der Lieutenant kriegt so und so viel , und der Obrist so viel Zulage . Die bezahlt der Schatz , und wenn keiner da ist , der Bürger und Bauer . Nun sehe ich aber nicht ab , was der Fuß in Stiefel und Sporen mich bange machen soll , wenn der ganze Leib noch im Schlafrock steckt . « » Der Schlafrock wird ihnen abgerissen ! « » Bist Du auch dabei ? « Jetzt erst warf der Alte einen seiner schlauen Blicke zu ihm hinauf . » Man will heut in der Komödie ein paar Raketen in die Luft schicken . Das Sprühen und Prasseln soll gewissen Leuten die Augen und Ohren öffnen . Wenn sie nun aber absolut nicht sehen und hören wollen ! Kinder sollten nicht mit Feuerzeug spielen . « » Sie wissen , das wir wirklich das verlassene Hannover besetzt haben . « » Und wir verproviantiren die Franzosen in Hameln . « » Aus dieser Zweideutigkeit Preußen herauszureißen ist jetzt die Aufgabe aller Besseren . « » Und Du siehst , der König zaudert , wie er vorhin gezaudert . Kaiser Alexander selbst musste kommen , um ihn zu elektrisiren . Nun der Exekutor fort ist , fallen wir in unsere Natur zurück . Wie sagt doch da der Lateiner von der furca expellas ? « » Wenn der Degen zu drei Viertel aus der Scheide gerissen ist ! « » So steckt immer noch ein Viertel drin , und das kann man so langsam herausziehen , bis es zu spät und der Krieg an der Donau vorüber ist . Bonaparte hat Wien genommen , weißt Du das schon ? Die beiden russischen Heere , unter Kutusow und Buxhövden werden Mühe haben sich um Olmütz zu vereinigen . Die Nachricht kam eben auf der Börse an . « » Wien genommen ! « rief Walter . » Und Haugwitz ! « » Hat sich von Bonaparte hinschicken lassen , weil in Wien ein Gesandter am besten aufgehoben ist . Der Kaiser hat sehr viel Rücksichten mit ihm gehabt , fand es unschicklich , daß ein preußischer Minister und Diplomat sich im Heerestroß mitschleppen lasse . « » Und Haugwitz ließ sich fortschicken ? « » Was wird er nicht ! Er liebt die Kommodität . Sehr langsam reist er schon , damit ihm kein Unglück widerfahre . Und hat gewiß recht gehabt ; ein Unglück , was unserm Premierminister zustieße , wäre ja eines für den ganzen Staat ! « » Und er traf ihn - « » In Brünn gerade bei den Vorbereitungen zu einer neuen Schlacht . Da hatte Napoleon natürlich