aber durch große Reinlichkeit ersetzt wurde . Besonders wohlgefällig waren außer den beiden Tellern und den blauweißen Tassen heute drei Extraschüsseln mit den dazugehörenden Messern , Gabeln und kleinen Theelöffeln . Es war dies erstens ein frisches Stück ungesalzner Butter , das zierlich auf drei großen Weinblättern ruhte und durch eine Form mit Sternen und kleinen Sonnen ausgeprägt war . Zweitens ein Teller mit einer Serviette , in deren geheimnißvollem Innern wie in einem Neste eine halbe Mandel gekochter Eier sich traulich versteckte und endlich drittens ein Teller voll malerisch geordneter roher Schinkenschnitte , die weiß und roth in angenehmster Abwechslung zwischen Fleisch und Speck den Gaumen unwiderstehlich reizten . Auch hier war zur Verzierung eine Menge von verstreuter Petersilie angebracht . Diese Strafe für seinen wilden übermüthigen Brief war für Dankmar doch zu großmüthig . Er umarmte fast den Bruder und sagte : Siegbert , wie kann ich dein edles Herz jetzt herzlicher anerkennen , als durch meinen Magen ' . Mein Appetit sei der Dolmetscher meiner Gefühle ! Die Brüder setzten sich und begannen mitzutheilen und zu erzählen . Wie hab ' ich dich erwartet , sagte Siegbert , wie sah ' ich dir an jenem Abende , wo du wie im Traume von meiner Seite verschwandest , verzweifelnd nach ! Wie hat sich denn Hackert bewährt ? Bist du mit ihm wieder zurückgekommen ? So war er also nicht da ? fragte Dankmar . Hat sich noch nicht sein Geld geholt ? Zu unserer Ehre noch nicht , sagte Siegbert , ich hätte ihm aufrichtig gestehen müssen , daß wir es angegriffen haben . Doch die Schievelbein erzählte mir schon , daß sie dir den Verkauf meines Bildes mitgetheilt hat . Ja es ist verkauft , Dankmar , und damit ein Stein vom Herzen ! Dreihundert Thaler , sagte Dankmar , ich hörte es mit Ingrimm gegen diese Kunstvereinsknauserei ! Die Beleuchtung ist allein soviel werth . Bildchen von zwanzig Thalern wollen sie kaufen , damit in ihrer Lotterie viel Gewinne fallen . Und ist es nicht traurig , sagte Siegbert , daß ich kaum durch mich selbst und meine Arbeit zu diesem Resultate würde gekommen sein , wenn ich nicht für das Gethsemane der Frau von Trompetta ein Blatt malte ? Und noch schrecklicher ! Diese Frau machte von meinem Bilde nicht etwa darum ein so großes Aufsehen , daß man es seines Werthes wegen ankaufen müsse , sondern weil ein Albumsblatt von mir ihr dann erst wichtig werden konnte , wenn ich eine öffentliche Anerkennung erhielt und unter die gesuchten Maler versetzt wurde ! Das muß ich sagen , fiel Dankmar ein und zerklopfte ein Ei , das nenn ' ich das Gelbe von der Sache ! O , o ! Welche Lügen ! Welche Schändlichkeiten ! Frau von Trompetta heißt die Posaune deines Ruhms ? Was machst du ihr denn in ihr Gethsemane ? Hoffentlich etwas vom Schweiße des Heilands , der sich auf dem Tuche der heiligen Veronika abdruckt ! Darunter würd ' ich schreiben : Aus der ewigen Leidensgeschichte des Genius ! Genug ! sagte Siegbert . Das Bild ist nun fort und die dreihundert Thaler werden uns Muth geben , so lange zu warten , bis du deine Million gewinnst . Ich hoffe , diese Million wird uns doch recht bald ausgezahlt werden .. Spottest du ? sagte Dankmar und schnitt an dem Schinken , der trotz allen guten Willens , trotz symmetrischer Anordnung , trotz der grünen Petersilie etwas zäh war . Spottest du und machst Witze , so ledern wie dein Schinken ? Mache dich würdig , meine Abenteuer zu vernehmen , sonst hüll ' ich mich in ein undurchdringliches Dunkel . Siegbert suchte aus dem Schinkenteller für den Bruder weichere Stücke und gerieth durch die Sorge für Dankmar ' s leibliches Wohl ganz von Dem ab , was doch seine Neugier reizte . Er rieth ihm ein schärferes Messer zu nehmen , die Stücke kleiner zu schneiden ; er hätte doch der Schievelbein gesagt , sie solle ... Beruhige dich ! Beruhige dich ! rief Dankmar . Meine Zähne thun das Übrige und die Eier sind vortrefflich , wenn auch ein Bischen klein . Ich hoffe sie kommen nicht aus der Schievelbein ' schen Kanarienhecke . Iß Bruder ! Jetzt seh ' ich erst , daß du etwas schmal ausschaust ! Wie blaß ! Wie schmachtend ! Was ist denn auch Das , bis zwölf Uhr Nachts zu schwärmen ? Hat ' s dir der Mond angethan ? Verliebte Kater und verliebte Maler , die an den Häusern hinstreichen ! Lernst Mandoline spielen ? Siegbert nahm diesen Scherz nicht auf , sondern blickte ernst . Viel wichtiger , sagte er darauf mit unbefangener Miene , viel wichtiger als deine Kritik über meine blassen Wangen ist die Mittheilung , was denn nun aus deinem Wunderschranke geworden und wer der glückliche Finder ist ? Erzähle ! Dankmar hatte noch nicht Lust , sich in diese wichtigen Thatsachen und ihre weitläufige Mittheilung einzulassen . Er sagte : Lieber Bruder , das sind so umständliche Dinge , daß ich sie nicht beim Frühstück abmachen kann ! Was ich dir von meinen seltsamen Begebenheiten schrieb , ist wahr ; aber sie sind verworren , so unglaublich , daß ich wirklich von vorn anfangen und ganz methodisch erzählen muß . Sage mir vorläufig zur Beruhigung , was hast du von dem Pferde gehört , das uns jener Strauchdieb in die Lasally ' sche Reitbahn zurückführen sollte ? Er hat es abgeliefert , sagte Siegbert . Ich war selbst dort noch am selben Abend und habe seitdem nur die Sorge gehabt , jene hundert Thaler wieder zu vervollständigen - Du nennst den Fremden einen Strauchdieb . Hast du Beweise , daß er diesen Namen verdient ? Ich denke wol , entgegnete Dankmar , und sehr triftige . Indessen bin ich froh , daß sich das Pferd sicher in Lasally ' s Händen befindet . Ich wünschte , wir hätten ihm das Pfand zurückgegeben und kämen mit ihm in keine weitere Berührung . Leider fürcht ' ich aber , daß ich gerichtlicher Zeuge gegen ihn werden muß . Gerade Lasally ist es , der diesen Hackert verklagen will und sich dabei auf mich zu berufen gedenkt ... Siegbert war über diese Nachricht sehr erstaunt . Er hatte von Hackert ein gutes Vorurtheil gefaßt und bedauerte , daß er es nun aufgeben sollte . Um indessen dafür auch gerechte Veranlassung zu haben , fragte er Dankmar nach den Gründen , die Lasally zu einem solchen Verfahren bestimmen konnten . Dankmar meinte , daß auch diese Gründe in die lange und prächtige Erzählung gehörten , die er ihm noch heute auftischen würde . Am liebsten , sagte er , heut ' Abend , wenn ich noch weitere Ergebnisse gewonnen habe ! Denn aufrichtig gestanden , ich schäme mich fast , vor einer genauen authentischen Bestätigung aller meiner Entdeckungen so sicher und bestimmt von ihnen zu reden . Wie ich gestern Abend hier durch die stillen Straßen schlenderte , kam mir Alles wieder wie ein Traum vor , als hätte mich irgend eine Fee nur necken wollen und mich verzaubert . Aber , Himmel ... In dem Augenblick sprang er auf . Das Bild fiel ihm ein . Er hatte es gestern in der Übermüdung aller seiner Sinne so gedankenlos auf seinem Tische liegen lassen , dies wunderbar gerettete Bindeglied zwischen ihm und so vielen Menschen , die er noch heute sich eilen wollte , als wirkliche Menschen und keine wesenlosen Schatten zu erkennen ... Wie er mit dem Portrait , das er noch an der alten Stelle fand , drinnen rumorte , um es wegzulegen , rief Siegbert zu ihm hinein : Welch ' alten Zopf hast du denn da auf einem Trödel erstanden ? Oder ist das vielleicht eine Schwiegermutter , die du irgendwo auf der Reise erabenteuert hast ? Hübsch muß in diesem Falle die Tochter sein , aber ich wünschte , daß sie einen bessern Maler fände als einst die Mama . Mein lieber Bruder , sagte Dankmar und legte drinnen das Bild in eine wacklige nicht verschließbare Kommode ; an diesem Zopfe hängt das Schicksal eines Fürstenthums . Auch Das ist eine Neuigkeit , die , jetzt schon aufgeklärt , lange nicht so überraschend ist als im Zusammenhange meiner ganzen Geschichte . Sage mir ferner lieber , wie es dir inzwischen ergangen und welche bösen Geister dich verführt haben , Nachts um zwölf Uhr nach Hause zu kommen . Hat dich Leidenfrost wirklich zum Mitglied seines Clubs gemacht , hältst du Reden oder hörst du welche ? Manches der Art ! antwortete Siegbert , der sich bescheiden mußte , seine Neugier über des Bruders Abenteuer , besonders über eine etwaige Bekanntschaft mit Melanie Schlurck gezügelt zu sehen . Ja , Freund , ich bin auf dem besten Wege , in Untersuchung gezogen zu werden . Dankmar erschrak . Wie ? fragte er . Mein besonnener Siegbert macht Thorheiten ? Du weißt , ich bin dafür , daß man links , aber nicht linkisch ist ! Unser gewöhnliches Clubwesen ist das Grab der Freiheit , nicht ihre Wiege . Befürchte nichts , Dankmar , sagte der Bruder lächelnd , meine Unternehmungen auf diesem Gebiete sind sehr friedlicher Natur ! Auch ist Das , was aus meinem nächtlichen Ausbleiben sich noch allenfalls entwickeln könnte , erst im Entstehen begriffen und kann mit deinem Urtheile stehen oder fallen . Vorläufig sag ' ich dir nur , daß ich in diesen Tagen deiner Abwesenheit zwei Menschen gefunden habe , die sich inniger als jemals Andre an mich angeschlossen haben und von denen es mich glücklich machen würde , wenn sie auch dir gefielen . Um des vierblättrigen Kleeblatts willen , sei ' s ! sagte Dankmar . Aber auf einem und demselben Stengel müssen wir sitzen , sonst werd ' ich auf deine neuen Freunde eifersüchtig . Wer sind sie denn ? Dankmar wurde hier von Frau Schievelbein unterbrochen , die den Augenblick , wo die Brüder mit dem Frühstück fertig waren , belauscht zu haben schien . Sie kam , theils ein Urtheil über ihre Anschaffungen zu vernehmen , theils die Kleider hinzubreiten , die sie geputzt hatte . Auch die Stiefeln gehörten , da sie es so dringend wünschte , ihrem Wirkungskreise an . Sie ließ sich diesen Verdienst an ihren beiden Miethsherren nicht nehmen und war in der That sorgsamer , als in diesem delikaten Punkte Frauenhände zu sein pflegen . Dankmar überließ Siegberten das Lob ihrer Bemühungen für diese Empfangsfeier . Er selbst hielt sich mehr an die bürstende Bestimmung seiner Wirthin , schloß mit raschem Besinnen seinen Kleiderschrank , langte die beste Garderobe hervor und übergab sie Frau Schievelbein zu behutsamster Reinigung . Ihre Klage , daß der Staub aus den Reisekleidern kaum auszutreiben gewesen wäre , ließ er gelten . Auch auf die gewöhnlichen Stiefeln verzichtete er . Er stellte sehr glänzend gefirnißte in die Aula , Alles zur Vorbereitung für eine gewählte Toilette . Du ziehst dich ja an , sagte Siegbert , als Frau Schievelbein mit den Kleidern sich entfernt hatte , als wenn du heute zu einem Fürsten gingest ? Das geschieht auch ! sagte Dankmar . Verzeihe mir meine Zerstreuung , Bruder ! Ich schlage dir vor , heut ' unser Mittagessen - Im Pelikan , fiel Siegbert rasch ein , an der Kegelbahn , neben den Johannisbeerhecken ! Nein , nein , erwiderte Dankmar und legte ein Hemde , weiße Wäsche und mit Bedacht eine der Saison entsprechende Weste zurecht . Das ist zu entlegen und ich gestehe dir , deine Verehrung vor dem Proletariat und wahrscheinlich auch wieder vor Eierkuchen mit Schnittlauch theil ' ich heut ' nicht . Wenn ich zwei wichtige Besuche , die ich machen muß , hinter mir haben werde , sehn ' ich mich nach einer Flasche Cantenac oder Leoville und will mit dir im Rathskeller , bei Lippi oder lieber bei Grüns speisen im kleinen Cabinet , wo wir abgeschlossen sind , von keinem Hundegebell gestört werden und ich dir mit Ausführlichkeit zwischen Schüssel und Schüssel erzählen kann , was ich erlebt habe ! So sicher steuerst du wahrhaftig auf die Million zu ? Rathskeller ? Lippi ? Grün ? sagte Siegbert , dem indessen der Vorschlag doch außerordentlich gefiel . Er war gern bei einem gewählten , gemüthlich vorbereiteten Genusse und empfand schon die Behaglichkeit , so allein mit dem Bruder eine Mahlzeit zu verzehren , die sie nur bei außerordentlichen Veranlassungen sich gestatten konnten . Bist du ' s zufrieden ? fragte Dankmar , immer in seinem Zimmer räumend und für seine Toilette Dies und Jenes zurechtlegend . Siegbert , der sich nun gleichfalls anzuziehen begann , antwortete aus seinem Zimmer : Nichts soll mir lieber sein ! Ich gehe jetzt in ' s Atelier , arbeite fleißig an meinem Albumblatte für die Trompetta , die damit drängt und jede Stunde gelaufen kommt , meinen Eifer zu controliren . Dann hab ' ich ein neues Portrait zu malen . Bis zwei Uhr bin ich so weit , um mit mir hoffentlich zufrieden sein zu können . Dann noch ein Besuch bei dem einen meiner Freunde und um drei speisen wir . Bei Grüns wird es dann stiller . Aber das Cabinet müssen wir belegen und nur gleich sagen , daß wir für das Couvert einen Thaler zahlen , sonst nehmen es Reubündler , Offiziere oder andre Privilegirte in Beschlag . Willst du das besorgen ? fragte Dankmar . Deine Kasse reicht doch ? Sie reicht ! erwiderte Siegbert . Die Dreihundert sind schon eingerückt . Ich verschwieg es der Schievelbein , um erst zu hören , wieviel du davon nöthig hast . Wenn du recht mittheilsam bist , nicht flunkerst und mir Gelegenheit zu malerischen Situationen gibst , so kann auf den Leoville auch wol noch ... Champagner ! rief Dankmar von drinnen scherzhaft drohend und von der Güte seines Bruders gerührt . Welche Excesse ! Mensch ! Pst ! Ich spreche ja nur von Schaum , weil ich den Barbier höre ! sagte Siegbert lachend . Guten Morgen Herr Zipfel . Die Thür ging auf ... Es war in der That der Barbier , Herr Zipfel , der mit Frau Schievelbein , die die Kleider zurückbrachte , zugleich eintrat . Andre Leute bekommen jeden Morgen zum Frühstück naß und frisch die neueste Zeitung . Die Brüder hatten aber diese Ausgabe nicht nöthig . Die guten Zeitungen lasen sie Nachmittags im Kaffeehause , und für die laufende Chronik , für Das , was sie das politische Wetter nannten , genügte jeden Morgen der Besuch des Herrn Zipfel . Siebentes Capitel Das politische Wetter Herr Zipfel war eine seinem üblichen Berufscharakter entsprechende bewegliche Figur . Er liebte die laufende Zeitgeschichte . Wenn er zu Kunden kam , die schon die Morgenzeitung gelesen hatten , so erfuhr er von ihnen , was er Denen mittheilen konnte , die nur die Abendzeitungen gelesen hatten . Manche Irrthümer der Nachmittagspresse war er schon im Stande , durch die Morgenpresse zu berichtigen . Viele Thatsachen aber schöpfte er aus Quellen , die nur seinem Scheermesser zugänglich waren . Sein frühbesuchtes Atelier , seine zeitigen Ausgänge über die Straße , seine Besuche von Haus zu Haus bei Kunden , die zuweilen den Begebenheiten nahe standen , trugen ihm immer einen reichen Schatz von Notizen ein . Er konnte schon jeden Morgen ungefähr die politische Witterung des Tages angeben . Manches , was den Abend eintraf , sagte er schon am Morgen voraus . Ebenso oft aber irrte er sich auch und mit der Vergrößerung geringfügiger Dinge nahm er es nicht zu genau . Es verschlug ihm wenig , bei einer kleinen Arbeiterstreitigkeit die auf dem Schlachtfelde gebliebenen Flaschen für Menschen zu nehmen und ohne Weitres von einem Dutzend Todter und einigen Dreißig höchst gefährlich Verwundeten zu sprechen . Es war nicht gut für die auswärtige Presse , daß Zipfel auch einige ihrer Berichterstatter rasirte . Sie benutzten ihn für ihre Mittheilungen fleißiger , als die Glaubwürdigkeit jener Zeitungen hätte sollen wünschen lassen . Nach einer freundlichen Begrüßung des so lange erst im Harz abwesend und dann kaum zurückgekehrt wieder verschwundenen Herrn Referendars Dankmar , machte sich Zipfel daran , erst Siegbert von den Haaren zu befreien , die nicht zu seinem schönen blonddurchsichtigen Barte gehören sollten . Auf ein einfaches : Nun , Zipfel , wie steht ' s ? das ihm aus der Aula zugerufen wurde , sagte er , den Schaum schlagend , mit ruhiger Miene , als wenn er von etwas sehr Gleichgültigem spräche : Der Telegraph spielt ! Zipfel wollte damit sagen : Im Werke ist irgend etwas und in ein paar Stunden wird man ' s wol erfahren . Dankmar aber , der sich anzuziehen begann , wollte etwas von einheimischen Dingen erfahren und fragte , ob Alles ruhig wäre ? Alles ruhig ! sagte Zipfel mit einer Miene , als wollte er ausdrücken : Es ist die Windstille vor dem Sturme ! Im Grunde aber hätt ' er doch lieber gehabt , es wäre schon sogleich irgendwo wieder zu einem » bedauerlichen « Conflicte gekommen .. Mit den letzten stürmischen Aufregungen der Zeit hatte sich die Phantasie ganzer Bewohnerklassen großer Städte und des flachen Landes daran gewöhnt , jeden Tag mit Gier etwas Neues aufzuschlürfen . Das Bedürfniß nach starken Anregungen dieser Art war so allgemein , daß man die Beruhigung gewiß sehr langweilig gefunden hätte , wäre sie nicht für eine kurze Erholung des Handels und der Gewerbe so dringend nöthig gewesen . Als Zipfel das Messer geschärft und an Siegbert ' s Kinn gesetzt hatte , sagte er : Alles ruhig , aber oben wackeln sie doch ! Wackeln sie ? fragte Dankmar und trat auf seine leichten Firnißstiefeln auf . Sie meinen die Köpfe der Minister , Zipfel ? Um Gotteswillen , sagte Zipfel , machen Sie mir keine Blutgedanken , mein Messer ist scharf ! Die Köpfe oben haben die Gefahr überstanden . Das ist vorüber . Aber die Anstellungen ! Die Anstellungen ! Die mein ' ich , die wackeln schon einmal wieder ! Wer soll denn nun an ' s Ruder kommen , Zipfel ? fragte Dankmar . Ich habe eine Ewigkeit keine Zeitungen gelesen . Reubund ! Reubund ! Alles jetzt Reubund ! sagte Zipfel . Fix und fertig ! In ein Tager Vierzehn stehen wir wieder auf Anno Toback ! Die Errungenschaften werden zurückgenommen ! Es ist Alles Schwärmerei gewesen ! Glauben Sie doch Das nicht , liebster Zipfel ! sagte Siegbert und wischte sich die Seife von den Wangen , nahm Wasser , Handtuch und reinigte sich . Ein Ministerium aus diesen Elementen kann sich noch nicht halten . Es wäre zu offen , zu ehrlich in seinem Wahnsinn . Erst müssen noch einige Lügner kommen , die mit Phrasen um sich werfen und die Brücke für Das bauen , was dann vielleicht kommen soll . Eher vermuth ' ich , daß man einige Beamte und Offiziere wählen wird , die durch ihr äußeres Auftreten die Regierungsgewalt wieder sollen kräftig und nachdrücklich erscheinen lassen . So erzählt ' es gestern Professor Lüders , der das große Empfangsbild vom Prinzen Ottokar malt . Ich mag den Mann nicht ; aber er sitzt jetzt an der Quelle oder die Quellen sitzen vielmehr ihm . Zipfel wusch sich die Hände , um zu Dankmar ' s viel verwilderteren Wangen und seinem kräftigeren Kinn überzugehen . Er wiederholte sich dabei im Stillen : Professor Lüders - Empfangsbild - Prinz Ottokar - sitzende Quellen - nachdrückliche Regierungsgewalt - Beamte und Offiziere ... Er hatte damit einen ungemein ausgiebigen Stoff , der für die ganze Krisis und Windstille ausreichte . Es war Logik , Zusammenhang und feine Combination in diesen Kettengliedern . Um sich die Schlußfolge recht einzuprägen , ergriff er auch bei Dankmarn Anfangs einen Gegenstand , der ihn weniger zerstreute . Er drückte ihm sein Erstaunen über den verwilderten Bart aus , behauptete , die Winkel am Munde wären viel zu sehr überwachsen , auch der Kinnbart hätte sich schon zu hoch über die Wange hin verloren . Dankmar überließ seinem Geschmacke , ihn wieder nach der üblichen Mode umzuformen . Während Zipfel fast wie ein Maler mit dem weißen schaumbestrichnen Finger die Conturen am Barte zeichnete , die er mit dem Messer verfolgen wollte , sagte Dankmar : Zipfel , lassen Sie sich von meinem Bruder nichts aufreden ! Der ist wie alle Künstler ein halber Reactionair ! Mit unsern Errungenschaften stehen wir doch zuletzt fester , als die Reubündler glauben . Ich will Ihnen auch sagen warum ? Die Revolution hat leider den Staat jetzt noch theurer gemacht , als er sonst schon war - Wirklich ! unterbrach Zipfel . Sehen Sie ' mal an ! Wirklich theurer ? Gestern bekamen wir Alle in meiner Nachbarschaft Zettel zugeschickt , wo Das auch gesagt war und jeder rechtschaffene Bürger wurde aufgefodert , bei den Wahlen nur Die zu wählen , die der Reubund vorschlagen würde . Sie meinen also wirklich theurer ? Hören Sie , da behalten wir die Errungenschaften nicht ! Was dem Bürger zu theuer ist , Das kauft er sich nicht . Ich rede nicht von mir , aber von den Andern ! Rasiren Sie mich nur erst ! sagte Dankmar , ich werde Ihnen hernach meine Ansicht sagen , Zipfel . Ansicht sagen - hernach - eine Ansicht ! Das war für Zipfel eine feierliche Pause . Seine Spannung drückte sich in allen Mienen des kleinen verschrumpften Kopfes aus . Er hatte die üble Gewohnheit , seine » Kunden « , um ihnen gut beizukommen , bei der Nase zu fassen und ihnen manchmal durch einen Fehlgriff die Flügel so stark zuzudrücken , daß sie zu ersticken drohten und ihn mit Gewalt zurückstoßen mußten . Auch Dankmarn faßte er heute in seiner Spannung etwas zu kurz und erhielt dadurch trotz aller engern politischen Vertraulichkeit einen gewaltigen Rippenstoß von seinem fast gleichgestimmten Gesinnungsgenossen . Bitte ! sagte Zipfel . Entschuldigen Sie ! Bitte ! antwortete Dankmar . Nichts für ungut ! Damit rasirte Zipfel fort und gerieth fast in Verzweiflung , als Dankmar in aller Ruhe sein Werk im Spiegel musterte und erklärte , er müsse heute noch einmal nachrasiren . Er hätte die Haarwurzeln nicht tief genug gefaßt ... Herr Referendar sind recht eigen geworden ! meinte Zipfel und schickte sich mit schwerem Herzen an das zu erneuernde Werk . Und wie schöne Stiefel Sie anhaben ! setzte er in Besorgniß , eben etwas Ungeeignetes bemerkt zu haben , bedächtig hinzu . Spritzen Sie nur keinen Schaum auf diese Stiefeln ! Dankmar mußte endlich zufrieden sein und die Spuren dieser wiederholten ihm an jedem Morgen sehr fatalen Prozedur - sich selbst zu rasiren hatte er nicht die Geduld - vertilgend , begann er dann , Herrn Zipfel folgende Auseinandersetzung mit auf den Weg zu geben : Also , mein bester Herr Zipfel , wenn Ihnen irgend ein Geheimrath oder Major außer Diensten , den Sie rasiren , sagt , die Revolution hätte den Staat theurer gemacht , so machen sie ihm nur ein Compliment von mir oder von wem Sie wollen und sagen ihm , der Staat würde nur dadurch theurer , daß die Revolution nicht ganz gesiegt hätte . Ach ! Also noch nicht ganz ? Nicht ganz ! Was Sie sagen ! Also Sie meinten ... ? Wenn die alten Machthaber , die sich gegen die vollendete Revolution anstemmten , sich gutwillig gefügt hätten , so wäre das Staatmachen jetzt schon wohlfeiler . Aber theurer ist der Staat nur dadurch geworden , daß nun die alte Zeit und die neue zugleich bezahlt sein wollen . Natürlich ! Natürlich ! Doppeltes Conto ! Weil nun die Revolution nicht fertig geworden ist und die Fürsten und ihre Diener alles Erdenkliche aufgeboten haben , um sie nicht bis zur vollen Reife kommen zu lassen , deshalb kostet der Staat jetzt das Doppelte . Allerdings ! Ganz klar ! unterbrach Zipfel und dachte bei sich : Wieder eine Thatsache mehr ! .. Das Schlagende in Dankmar ' s Äußerung entging ihm nicht ; doch besann er sich wegen der Äußerung : Die Revolution ist nicht fertig geworden ! Bei dieser beschloß er , sich doch erst die Leute anzusehen , wo er eine so gefahrvolle , wenn auch scharfsinnige Bemerkung fallen lassen wollte . Die Revolution ist noch nicht fertig ! Bedenkliche Worte ! Nun war aber noch der zweite befruchtende Gedanke zu erledigen , dessen Keim Dankmar in den ergiebigen Boden der Zipfel ' schen Empfänglichkeit geworfen hatte . Und lern- und neubegierig wie er war , fragte Zipfel , seine Geräthschaften zusammenbindend : Aber wie sagen Sie denn , Herr Referendarius , daß justement , weil die ganze Wirthschaft jetzt theurer geworden ist , gerade derowegen die Errungenschaften nicht genommen werden können ? Ganz einfach , antwortete Dankmar und schlug sich vor dem Spiegel die Tragbänder über die Brust und bürstete darauf sein dichtes helllichtbraunes Haar . Ganz einfach , Zipfel ! Wenn der Staat jetzt mehr Geld kostet als sonst , so muß vor allen Dingen das Geld wirklich da sein . Es muß da sein ! Sehr richtig ! antwortete Zipfel , Das Geld muß da sein . Wenn nun das Geld da sein muß , fuhr Dankmar fort , so muß die Regierung Sorge tragen , welches herzunehmen , wo sie ' s nur irgend finden kann . Sehr natürlich ! ergänzte Zipfel . Wo nichts ist , hat der Kaiser sein Recht verloren . Was nun , sagte Dankmar , für uns Errungenschaft ist , ist für Die , die zur Reaction halten , Verlorenschaft gewesen . Verlorenschaft ! Sehr gut ! Darum soviele » Eingesandts « in der Zeitung ! Verlorne Gegenstände ... Der Staat aber , der Staat aber - Erlauben Sie , sagte Zipfel und sprang hinzu , Dankmarn hinten die Weste zuzubinden , die er eben angezogen hatte . Der Staat also - Der Staat - nicht zu fest , Zipfel ! Loser ! Der Staat also - Der Staat , Zipfel , muß haben und nimmt , wo er etwas findet . Die Revolution hat ihm die bisherige Steuerfreiheit des großen Grundbesitzes zum Geschenk gemacht , hat ihm die Vermögenssteuer für die reichen Bankiers präsentirt , die gibt das gefräßige Ungeheuer , der Finanzminister , nicht wieder heraus - Der Finanzminister ? Ist der so ... sagte Zipfel erschrocken über das gewaltige Bild . Ah ! Ja so ! Sie meinen figürlich ! setzte er sich selbstberichtigend hinzu . Natürlich ! Und der Finanzminister , sagte Dankmar , wird von jetzt an immer liberal sein und wenn man den tollsten Reubündler zum Finanzminister nimmt , er wird die großen Zahlen der Ausgabe sehen , die gierig wie der Rachen eines Haifisches sind und ich gebe Ihnen mein Wort , er stopft alle Rittergutsbesitzer , alle Bankiers , alle Majors außer Diensten und den ganzen Reubund hinein , um nur Geld zu haben , und dadurch setzen die Herren selbst die Revolution fort und die Errungenschaften bleiben uns sicher . Bleiben uns sicher ! Hören Sie , Das ist fein ! So klar hat noch Keiner im Club gesprochen , obgleich .. ich ihn nicht mehr besuche . Es ist jetzt zu gefährlich ... Ich lasse mir nur rapportiren . Aber schade ... Das muß wirklich unter die Leute kommen . Denn warum ? Wirkt so etwas nicht beruhigend ? Ich gebe Ihnen mein Wort , daß die Menschen , die in unsre Barbierstube kommen - die , zu denen wir gehen , sind wieder anders gesinnt - die aber , die zu uns kommen , sind so auf ihr Wahlrecht versessen , wie beim Essen auf ihren eigenen Löffel und wenn er von Blech ist und lange nicht von Silber . Aber ihr eigener Löffel ! Ihr eigner ! Wählen - Das gehört jetzt zur Reinlichkeit und gehört sich gerade so für den Familienvater , wie alle zwei Jahre einmal seine Stube weißen lassen . Es vertreibt die Motten ! Die Motten im Kopf , die Grillen , die Raupen , den Ärger , den Kummer , die Sorgen , die Armuth , Alles , Alles , was Einen drückt und an sich selber wissen Sie - pauvre vorkommen läßt . Nur Wählen ! Das erhält den Anstand , das hebt den ganzen Menschen , das ist wie eine reinliche Weste . Der Rock mag noch so verschabt sein , die Stiefeln geflickt , die Hose zu kurz .. Nur ' ne reinliche Weste . Meinen Sie nicht auch , Herr Referendarius ? Zipfel sagte den Brüdern mit dieser Äußerung zugleich eine Schmeichelei . Denn auch Siegbert zog sich heute gewählter an und legte eben ein schönes Gilet für sich zurecht . Zipfel , mit Dank gegen die » sitzenden Quellen « , die demnach auch ihm zu Gebote standen , empfahl sich und überlegte die vier Stiegen entlang , die er hinabzuhüpfen hatte , für welche von seinen Kunden Siegbert ' s Mittheilung über das nächste Ministerium und für welche Dankmar ' s Auseinandersetzung über die Sicherheit der Errungenschaften am besten passen würde . Er war bei aller Gesinnungstüchtigkeit doch etwas Diplomat und richtete sich nach den Umständen , wie die ganze Bourgeoisie jener Stadt , die im Herzen von einer weit freiern Auffassung war , als sie seit einiger Zeit anfing , vor den Machthabern und den bedenklichen Umständen zu heucheln . Siegbert , ohne Empfindlichkeit , sagte jetzt zu seinem Bruder : Wie kommst du nur dazu , mich für einen Reactionair zu erklären ? Wirfst du dich nicht so in Toilette , so in ' s Zeug , daß ich dich eher einen Aristokraten nennen sollte ? Dankmar hatte in der That seinen eleganten Anzug fast vollendet . Noch war der Frack nicht übergeworfen , aber schon legte er die Manschetten seines Hemdes zurecht und wetterte über einen an ihnen fehlenden Knopf . Auch ein