Andeutungen vermieden zu haben , als kenne er das Schicksal der Seinigen . Wie konnte es nun der Jüngling wissen ? - Ein Grauen faßte ihn unwillkürlich ; er wäre gern entflohen ! Fennimor ' s Sohn trieb den sicheren Streiter eben so , wie sie einst , aus der festen Bahn , daß ein Stillstand im raschen Vorschreiten eintrat - ein lästiges Erschrecken vor sich selbst . » Mein Herr , Sie müssen sich erklären ! « wiederholte der Richter das oft Gesprochene . » Bleiben Sie dabei , diesen Jüngling als den Thäter , als vorsätzlichen Thäter zu bezeichnen ? « » Ja , « rief Souvré , jede Unsicherheit abschüttelnd , mit dem Siege der Hölle in der frohlockenden Stimme - » ja , er ist der Mörder ! Hierher hat er ihn , gegen den Willen der Seinigen , absichtlich gelockt , die schwarze That zu vollführen ; - und zu spät mußte ich kommen , sie zu verhindern . « Der Richter warf einen prüfenden Blick auf Souvré , dann sagte er kalt : » Ich habe blos den augenblicklichen Thatbestand zu Protokoll zu nehmen . Die unglückliche Begebenheit wird bald in andere Hände übergehen . Sie scheint mir sehr verwickelt ; doch muß ich darauf aufmerksam machen , wie wichtig das erste Zeugniß ist , wie sehr wir uns hüten müssen , mit vorgefaßter Meinung hier zu Werke zu gehen ; denn erwiesen ist hier nur der Tod ! « » Erwiesen , « rief Souvré - » ist absichtlicher Todtschlag ! Denn wir fanden den jungen Bösewicht mit dem Pistol in der Hand vor dem schlafend Ermordeten . « Der Richter schwieg und blickte auf die weinenden Diener : » Haltet Ihr den jungen Herrn dort für den Mörder ? « » Nein , nein , unmöglich ! Sie liebten sich so sehr ! « so erscholl es aus Aller Munde . Souvré wollte sprechen ; doch seine Klugheit kehrte zurück - er hielt ein . - » Mein Herr , hier handelt es sich nicht um unsere Meinungen , « rief er , anscheinend ruhig - » untersuchen Sie ! « Der Richter beorderte den Schreiber mit seinen Papieren an dasselbe kupferne Tischchen mit eingelegten Bildern , an dem einst Katharina von Medicis mit Spinola und Theophim zu spielen pflegte , an dem die jungen Leute so eben in brüderlicher Eintracht gesessen , und an welchem jetzt der Eine zum Mörder des Andern erklärt werden sollte . Die Aussagen der Diener waren bald verzeichnet . Sie konnten , so widerstrebend es ihnen auch war , ein böses Motiv unterzulegen , doch nicht abläugnen , daß Reginald hauptsächlich mit Hast und Ungeduld die Reise betrieben und die Bitten des Priors im Kloster Tabor , dort das Ungewitter abzuwarten , zurückgewiesen habe . Dagegen bezeugten sie freudig das innige Einverständniß der beiden jungen Leute , erzählten die Sorgfalt Reginald ' s für den ermüdeten Ludwig und überzeugten den Richter bald , wie viel mehr bei diesen Aussagen ihre Neigung und Ueberzeugung zusammenfiel . - » Und dieser Schmerz , « sagte der Richter ernst - » bezeichnet er wohl den Mörder ? « » Ha , « rief Souvré - » es ist die Reue , die natürlich der jetzt ertappten Schandthat nicht fehlen kann ! « Der Richter nahete sich indeß dem Angeklagten , der im wahnsinnigsten Schmerze noch immer laut schluchzend über der Leiche lag . » Richtet Euch auf , junger Mann , « rief der Richter - » antwortet uns ! « Reginald fuhr empor . » Ja , ja , « rief er mit der schrecklichen Zerstreutheit , die der Vorbote des Wahnsinnes zu sein pflegt - » sprecht zu mir ! O , sagt mir die Wahrheit - Ihr habt weißes Haar - Ihr dürft nicht lügen - o , das ist schön - das Alter ist auch weise , und was vorgeht in der Welt , hat es geprüft . Sagt mir , ich bitte Euch bei Eurer Seele Seligkeit - habe ich ihn getödtet , oder Spinola , der schreckliche Rothmantel , der Ahnherr des Marquis de Souvré ? « Er bog sich weit vor , um forschend das Gesicht des Richters zu prüfen , und als dieser in ernstem Schweigen vor ihm stehen blieb , fuhr er bittend fort : » Sag ' , das Pistol - das Pistol , sag ' , wie war das ? Der Rothmantel brachte mir Ludwig ' s geliebtes Haupt . - Gott der Barmherzigkeit , da schoß ich ! Habt Ihr ' s gehört ? Habt Ihr den Schuß gehört ? - Sprich , alter Mann ! Dir will ich glauben - hat dieser Schuß meinen Bruder getroffen ? « Ein lautes Geschrei - krampfhaft zerrissen von Schluchzen - brach bei diesen Worten aus seinem Munde . Der Richter schüttelte schmerzlich das Haupt . » Gott weiß , « sagte er halb vor sich hin - » der beging keinen absichtlichen Todtschlag ! - Junger Mann , « fuhr er dann lauter fort - » sammelt Eure Lebensgeister ! Ihr müßt mir Antwort geben - wir wollen nicht Schuld - wir wollen Wahrheit entdecken ! Ich - ich hörte den Schuß nicht - und weiß nicht , ob er aus Eurem Pistol kam . « » Nicht ? nicht ? Du hörtest ihn nicht ? Du sahest mich nicht ? « schrie Reginald , auf ihn zustürzend ; - » o , dann - dann bin ich es vielleicht nicht - dann fiel vielleicht kein Schuß - wenigstens nicht aus meinem Pistol ! « » Wozu die Heuchelei ! « schrie Souvré , empört über die milde Weise des Richters - » ich hörte - ich sah es ! - Elender , ich traf Dich , das Pistol auf Deinen Freund gerichtet - ich hörte den Schuß , ehe ich die Thür öffnete . « Aber ehe der Richter noch antworten konnte , stürzte Reginald auf Souvré zu , er griff ihn und schüttelte ihn mit der Gewalt des Wahnsinnes . » Ungeheuer , « rief er - » Du lügst ! Dein ganzes Leben ist Lüge und Verbrechen ! Du hast meine Mutter getödtet - Du hast ihren Gatten zum Verbrechen geführt - Du hast mich , den rechtmäßigen Erben , zum Bastard gemacht - Dein Zeugniß gilt nicht ! Denn Du bist die Lüge selbst - Du bist der Rachegeist des Spinola - des fürchterlichen Rothmantels , der es mir so eben selbst gesagt ! « Bis dahin hatte keiner der Diener den Marquis zu befreien gesucht . Niemand liebte ihn , und die gehässige Stellung , die er hier , einem Geheimnisse und dem angebeteten Jünglinge gegenüber , einnahm , ließ ihnen den heftigen Ausbruch desselben fast zur Befriedigung gereichen . Doch eben hatten sie Worte vernommen , die zu sichtlich den Stempel des Wahnsinnes trugen ; - erschrocken befreiten sie den zitternden Marquis . » Bindet ihn ! Bindet ihn ! « schrie Souvré , fast erstickt in Wuth - » er ist wahnsinnig - wahnsinnig ! « » Und um so weniger vielleicht schuldig ! « rief der Richter . - » Genug , mein Herr , genug ! - Ich erkläre sie ihres Geschäftes hier dispensirt ; - das Recht wird sich finden - es wird ohne Sie gehandhabt werden . « Souvré ergriff die unvollendeten Blätter des Protokolls . Der Richter verneigte sich und schied schweigend und erschüttert aus seiner Nähe , die Blicke noch voll Rührung auf das nothwendige Opfer dieser schrecklichen Begebenheit gerichtet . - Der Marquis befahl augenblicklich , die Leiche in einen der Reisewagen zu tragen , und Reginald gebunden und bewacht daneben zu setzen . Langsam sollte dieser Zug erfolgen - er wollte nach Ardoise voran , um die traurige Vorbereitung zu übernehmen . Doch , ob die Bemühungen der Diener nur gering - ob Reginald ' s Widerstand so mächtig war - sie erklärten dem Marquis , ihn zu binden sei unmöglich ; - und da er ihres guten Willens bedurfte und das Hinderniß in ihnen argwöhnte , so begnügte er sich mit dem Befehl an seinen eignen Kammerdiener , ihn im Wagen zu bewachen . Es war ein unnützes Gebot ! Fest hielt Reginald die theure Leiche umklammert ; - ohne auf eine Vorstellung zu achten , schien er das unerklärliche , das schreckliche Geheimniß dieses Todes nur an dem leblosen Busen des Lieblings ergründen zu wollen , hier allein von der wahnsinnigen Angst erleichtert zu werden , die seinen Verstand bedrohte . So ging die Reise langsam , aber unaufhaltsam fort . Souvré eilte voran ; doch erreichte er erst am anderen Morgen , bei vorgeschrittener Zeit , Ardoise . Hier mußte er zu seinem großen Verdrusse erfahren , daß sämmtliche Herrschaften Tag ' s vorher nach Mont-Réal , dem Stammschlosse der Familie d ' Aubaine , aufgebrochen seien , und man sie erst zur Tafel zurück erwarte . Um diese Zeit mußte auch die Leiche eintreffen ; Souvré sah die Gefahr der Ueberraschung ein und beschloß , augenblicklich ihnen entgegen zu reisen , und mit Hülfe des Grafen die Uebrigen aufzuhalten , bis sie das Unvermeidliche erfahren . Doch der geschäftige Zufall drängte sich auch hier zwischen die Beschlüsse des Marquis ! Die Familie war schon früher von Mont-Réal aufgebrochen , um ein seitwärts liegendes , erst kürzlich vom Grafen d ' Aubaine erbautes , kleines Jagdschloß zu besehen , welches die Damen noch nicht kannten . Dies machte , daß sie den Marquis de Souvré verfehlten , der erst später einigen auf geradem Wege zurückkehrenden Dienern begegnete und von ihnen die Abschweifung der Herrschaften erfuhr . Damit war wahrscheinlich Alles verloren ! Souvré ließ , so rasch die Pferde laufen konnten , umwenden ; wir werden erfahren , wann er eintraf . - Die Marschallin , Madame d ' Aubaine und ihre beiden Töchter fuhren in einer bequemen Jagdkarosse , wie sie in Versailles Mode waren , von der Besichtigung des kleinen Waldschlößchens nach Ardoise zurückkehrend , durch den schönen , herbstlich kolorirten Buchenwald , der in den Park überging , und an ihrer Seite ritten die beiden Grafen d ' Aubaine , Vater und Sohn , begleitet von Jägern und Stallleuten . Franziska reizte durch ihre tief bekümmerte Stimmung die üble Laune der Marschallin in hohem Grade ; sie kannte die Ursache dazu - und zugleich über Souvrés Sendung in höchster Spannung , trachtete sie nur darnach , Alles zu verbergen , was in ihr vorging , und führte mit besonderer Lebhaftigkeit die Unterhaltung . Als man in den Schloßhof einfuhr , erkannte die Marschallin die Reisekutsche ihres Enkels , welche angespannt im Hofe stand . » Mein Enkel ist zurückgekehrt ! « rief sie , sichtlich erfreut - » Souvré wahrscheinlich auch ! « Dagegen bemerkte der Graf d ' Aubaine mit Erstaunen , daß die Diener aus dem Hause nicht , wie es Sitte war , zum Empfange ihrer Herrschaften ihnen entgegen eilten , um den Wagen zu öffnen , sondern daß die bestaubte Reisebegleitung diesen Dienst versehen mußte . Franziska verließ zuerst den Wagen . Ihr ahnendes Herz durchbrach die strengen Formen , die sie am Wagen festgehalten hätten - sie eilte mit flüchtigen Schritten der Entscheidung ihres Schicksals entgegen . Der Portikus des Hauses war mit allen Bewohnern gefüllt , Niemand beachtete das Geräusch der ankommenden Herrschaften ; in eine Gruppe zusammengedrängt , umgaben sie einen Gegenstand in ihrer Mitte . Doch die junge Gräfin erkannte Reginalds laute Stimme , der in einer Heftigkeit , die ihren Ton seltsam veränderte , einzelne Worte und Reden ausstieß . » Um Gottes Willen , was ist hier geschehen ? « rief sie mit der höchsten Seelenangst - und der Kreis der bestürzten Menge wich bei ihrer , Allen so eindringlichen Stimme zurück . Sie stand jetzt vor Reginald , der glühend im Fieberwahnsinne , die Leiche des von der Reise bereits entstellten Ludwig , mit Riesenkräften an seine Brust gedrückt hielt . » Reginald , « rief Franziska überwältigt - » was ist geschehen ? Um Gottes Willen , wer ist das ? « » Franziska , « sagte er , seufzend vor ihr niederknieend - und alle Wogen seines brausenden Innern sanken bei ihrer Anrede zusammen . - » Dich will ich fragen ! Du - Du wirst es begreifen - Du wirst es mir erklären - ob Souvré , der Rothmantel - oder ob ich der Mörder bin ? « In diesem Augenblicke theilte sich der Kreis ; die Herrschaften standen alle vor der entsetzlichen Scene ! » Reginald , « rief Graf d ' Aubaine - » Chevalier - stehen Sie auf ! « fuhr er heftig fort - » zu welcher unschicklichen Scene gebrauchen Sie hier meine Tochter ! « » Unschicklich ? « rief Reginald - » Thor , sage entsetzlich ! schrecklich ! Ist denn sein Tod unschicklich ? O , sage lieber - das jammervollste , grausamste Elend der Erde ! « » Wer - wer ist die Leiche , die der Wahnsinnige hält ? « stammelte die Marschallin und drang mit Heftigkeit vor . Doch Graf d ' Aubaine vertrat ihr den Weg - er wollte sie wegführen , aufhalten ; die entsetzliche Wahrheit , daß dies ihr Enkel sei - wie entstellt er auch war - tagte in ihm ! Er bat , sich rasch an seine Gemahlin wendend , daß die Damen die Halle verlassen möchten ; doch nur Madame d ' Aubaine war dazu bereit ; mit Eifer stieß die Marschallin den Grafen zurück , während Franziska wie am Boden gewurzelt vor Reginald stand und keine Aufforderung hörte , die an sie erging . Es hatte sich indeß der Kammerdiener des Marquis de Souvré dem Grafen genaht und ihm einen Theil der Wahrheit flüchtig mitgetheilt . Die Marschallin hörte einzelne Worte - sie schritt vor . - » Mein Enkel , « sprach sie zitternd - » ein Mord sagst Du - wer - wer - wo ist Dein Herr ? « » Ich glaubte ihn hier zu finden , « sprach der Kammerdiener . » Ja , « riefen mehrere Stimmen - » er war hier - und fuhr der Herrschaft nach Mont-Réal entgegen . « » Fragen Sie den Menschen dort ? « sprach die Marschallin , am ganzen Körper zitternd und auf Reginald zeigend . Doch ein Blick dahin zerstörte die wenige Fassung , die sie noch behaupten wollte ; - sie stürzte vor - riß die Leiche selbst von Reginalds Brust , die sie ihr verhüllte , und erkannte trotz der Entstellung die Leiche des Enkels - den einzigen ihrem Ehrgeize noch lebenden Grafen Crecy-Chabanne ! Ihre Zähne schlugen zusammen ; sie hatte keinen Laut in der Kehle . » Ja , es ist Ludwig - Dein Enkel ! « rief Reginald . » Er ist todt - ermordet ; - mein theurer Bruder ist todt - und Niemand weiß , ob Souvré oder ich ihn ermordet habe ! « - » Du - Du , Elender - Du sein Mörder ? « Mit diesen Worten , den ersten , die sie ihm jemals gönnte , brach der Starrkrampf ihrer Lippen . - » Mein Enkel todt - todt ! Durch Dich getödtet ! Schlange , die Du Dich unter uns genährt - warum hast Du ihn Deiner Bosheit geopfert ? « - » Halt ! « rief Reginald und ließ seine Arme langsam los , da mehrere Diener sich bemühten , die Leiche ihm zu entwinden . - » Arme alte Frau , Du dauerst mich um Deiner Schmerzen Willen ! Aber Du weißt nicht , was Du sprichst ; - ich werde es Dir sagen - später - später - doch jetzt bin ich krank - mein Kopf ist wüst ! Ich war ja sein Bruder - Du weißt es ! - Sein ältester Bruder war ich - an dem Du Dich so sehr versündigt hast , böse alte Frau ! « Die Marschallin sah das ruhige , hinsterbende Antlitz Reginalds , und ihr klarer Verstand überraschte sie gegen ihren Willen mit der Ueberzeugung - er sei der Mörder nicht ! » Wer ist der Mörder ? « stammelte sie . Reginald faßte an seine immer bleicher werdende Stirn . - » O , « sprach er mit den herzzerreißendsten Tönen des Schmerzes - » das kann ich nicht ergründen , so sehr ich mich darum bemühe ! Wer mir das sagte ! Wer mir sagte - ich sei es nicht ! Aber Einer muß es sein - entweder der Rothmantel , der Spinola , oder Souvré , der Bösewicht , der schon meine Mutter tödtete - oder ich selbst ! « Da stieß Franziska einen Schrei aus - sie trat dicht vor ihn hin - » Reginald , « rief sie , » Du bist es nicht ; - nein , nein , Du bist kein Mörder ! « » Und doch - und doch ist er der Mörder ! « schrie plötzlich eine nur zu kenntliche Stimme - und Souvré stand unter ihnen . » Graf d ' Aubaine , ich fordere Sie auf , augenblicklich gerichtlich über diesen Menschen zu bestimmen ; - er ist der Mörder des Grafen Crecy ! - Ich kam zu spät , das Verbrechen zu hindern . - Er hatte ihn nach Ste . Roche gelockt - ich kam in dem Augenblicke an , wo der Schuß fiel , und fand ihn noch mit aufgehobenem Pistol vor seinem Opfer . « » Sag ' - sag ' Du « - rief Franziska mit brechender Stimme - » ich will nur Dir glauben - sag ' - antworte ihm - ermanne Dich ! Nein , Du bist der Mörder nicht ! « » Gebe Gott , daß ich es nicht bin ! « seufzte Reginald ; - » aber es war mein Pistol - und Alle haben den Schuß gehört . « Er schien sich noch ein Mal aufraffen zu wollen ; - plötzlich brach er zusammen . Leblos stürzte er zu Franziska ' s Füßen . » Uebergebt dies Ungeheuer den Gerichten ! « rief die Marschallin - » säubert die Luft von dieser Pest ! « Graf d ' Aubaine schwieg ; Souvré befahl , den Verbrecher aus dem Schlosse zu bringen . » Vater , « rief Franziska , » er ist dennoch der Mörder nicht ! « Zornig fuhr der Graf auf . Er befahl ihr , augenblicklich sich hinweg zu begeben . Alle Frauen wurden von seinen Worten erschreckt . Selbst die Marschallin ließ sich hinweg führen ; nur Franziska blieb , als habe sie nichts gehört , neben ihrem Vater stehen ; und als er dies sanfte , folgsame Kind so sicheren Widerspruch mit so festem Vertrauen gegen ihn behaupten sah , wendete er sich sanft und gerührt zu ihr , indem er seine Hand auf ihr kaltes , entstelltes Gesicht legte : » Vertraue mir , Frauziska , und zeige Dich fest und würdig ; auch ich glaube nicht , daß er der Mörder ist , und werde ihn danach behandeln ! « O , welch ein Blick herzzerschlagener Ergebung traf ihn da aus ihren trüben Augen ! Nach einigen vergeblichen Versuchen zu sprechen , lallte sie endlich : » Denn er ist krank , Vater - und von Sinnen ! « » Ja , ja , mein Kind ! Geh ' jetzt - auch Du bist krank . « - Diese Worte vollendeten den Zustand , der nur bis dahin von der Seelenangst bewältigt war ; sie schloß die Augen ; ihre Frauen trugen sie nach ihrem Zimmer . - Der Graf d ' Aubaine stand als Hausherr in dem wild kreisenden Strudel von Anforderungen , die , einem so entsetzlichen Ereignisse gemäß , alle eine leidenschaftliche Uebertreibung zeigten , die ihn zwar nur zufällig , aber dennoch unabweislich in den verschiedensten Richtungen , zu Entscheidungen nöthigte , da er sich , wenn auch selbst tief getroffen , doch für den Besonnensten , den Absichtslosesten erkennen mußte . Es kam in diesen ersten , unbewachten Augenblicken dabei Manches zur Kenntniß des Grafen , was ihn überraschte und seine Vorsicht und Beobachtung schärfte . Die Marschallin machte so heftige körperliche und geistige Zustände in Zeit von vierundzwanzig Stunden durch , daß der Zügel der Selbstbeherrschung , den sie sonst nie aus der Hand verlor , kein Bändiger ihrer so jäh aufgestörten Leidenschaften war , und Graf d ' Aubaine hatte bei aller Theilnahme doch mit Widerwillen einen bösen Sinn , ein mehr rachsüchtiges , als kummervolles Herz erkannt . Durch diesen Eindruck ward es ihm auch leichter , dem Marquis de Souvré zu begegnen , der , umsichtiger als die Marschallin , den Grafen zu übersehen glaubte und seine Schritte seinem Willen gemäß zu lenken hoffte . - Die Marschallin war nämlich mit sich einig geworden , diesen Mord so öffentlich , als möglich zu machen , um dadurch einen unauslöschlichen Makel auf Reginald zu werfen , der ihm vielleicht das Leben kosten konnte - wenn nicht , doch den bürgerlichen Tod unbezweifelt bereiten mußte . Sie glaubte , eine solche Schranke um so nöthiger aufführen zu müssen , da sie ihn von seiner Geburt unterrichtet halten mußte , diesen Mord als eine Folge ansah , und in der Schwäche seines Vaters eine wahrscheinliche Gefahr ahnte , daß die Zeit seine bedrohlichen Ansprüche noch dereinst ans Licht ziehen könnte . Dazu war sie aber ohne den kleinsten Zweifel entschlossen , lieber den berühmten Namen Crecy-Chabanne aussterben zu sehen , als ihn in diesem durch seine Mutter ihr entehrt scheinenden Abkömmling fortbestehen zu sehen . Diese Ansprüche jedoch überhaupt als leere Erfindungen zu läugnen , ihre geringste Kenntniß derselben wenigstens bestimmt abzuweisen , und dadurch auch ihre Berechtigung in Zweifel zu stellen , wenn sie ihr je bis zu Erklärungen nahe gerückt würden , war die vorläufige Richtung , die sie ihren Gedanken gegeben hatte , nachdem die maaßlose Aufregung der ersten Stunden von ihrer Geisteskraft wieder eingefangen war . Es blieb ihr ein großer Trost , daß der Graf d ' Aubaine die Aeußerungen Reginald ' s , die , bei dem ersten Zusammentreffen mit der Marschallin , auf seine Geburtsansprüche hingewiesen hatten , entweder überhört , oder auf die Rechnung des Wahnsinnes geschoben hatte , von dem er ihm ergriffen geschienen . Sie schonte ihn dagegen eben so , indem sie ihm keine Frage über Franziska that , die aus dem trüben Kreise der Hausbewohner verschwunden war . Dagegen hatten ihre raschen Schritte nach Außen hin den Widerstand des Grafen zu erfahren , indem er mit mehr Scharfblick , als sie ihm zugetraut , die traurige Weitläufigkeit eines Prozesses darthat , der , fast zwecklos , nur mehr Leiden herbeiführen mußte und kaum eine so bestimmte Entscheidung erwarten ließ , daß die traurige Thatsache außer Zweifel hervortreten werde . Aber die Marschallin hatte Gründe , diesen Prozeß herbeizuführen , die sie aber nicht aussprechen durfte ; und der Graf d ' Aubaine hatte für diese Oeffentlichkeit Befürchtungen , die er verschwieg , weil sie sein eigenes Interesse berührten und die in der Möglichkeit beruhten , daß bei der dem Richter zustehenden Erforschung der Gründe , die dem Angeklagten zur Last fallen müßten , seine Tochter erwähnt werden könnte ; da er selbst die Liebe der beiden jungen Leute , die sich in einem Gegenstande begegnet war , heimlich als ein wahrscheinliches Motiv dieser entsetzlichen Katastrophe ansah . Da Beide so mit verdeckten Karten gegen einander spielten , mußte nothwendig die Marschallin gewinnen ; denn sie hatte schlagendere Wendungen zu machen - und sie versäumte keine ! - Der Courier war abgesendet , der zugleich dem unglücklichen , wenig geschonten Vater die Meldung des Todes , mit der Bezeichnung Reginald ' s als Mörder , machte und eine Anzeige anbefahl , die den Kriminal-Hof von Paris zur gerichtlichen Einmischung aufforderte . Bei allen diesen raschen und gebieterischen Handlungen zeigten sich die beiden Verbündeten , der Marquis de Souvré und die Marschallin , nicht vollkommen einig , und Ersterer sah das zornige Dahinstürmen derselben mit Besorgniß und nicht , ohne sich dagegen aufzulehnen . In einer ihrer geheimen Zusammenkünfte sagte er deshalb : » Wir spielen doch ein gewagtes Spiel , diese Kreatur aus ihrem Dunkel zu ziehen ! Wenn dieser Mensch durch Emmy Gray von seiner Geburt unterrichtet ist , wird er durch diese gerichtliche Procedur von uns eigentlich erst dahin gestellt , wo er auch zugleich seine Ansprüche geltend machen kann ; was er nur wünschen wird . Denken Sie , Madame , welch ' ein Aergerniß , wenn Sie diese auch nur bekämpfen müßten ! « » Ha , mein lieber Marquis , worauf stützen sich denn solche Ansprüche ? Hat mir denn nicht Lord Gersey sein Wort gegeben , daß er das Zeugniß des Kirchenbuches in Stirlings-Bai vernichten ließ ? - Und hier - das Zeugniß von der Geburt dieses Geschöpfes , was beweist es anders , als daß es ein Kind war , dem der wahre Name nicht zustand ! Haben Sie mir das nicht selbst gesagt ? « » Gut , Madame ; aber welche Sicherheit giebt Ihnen Ihr Herr Sohn ? Wird er nicht , von diesem jungen Bösewichte gedrängt , Alles eingestehen ? Und wird das Eingeständniß des Grafen nicht alle Kirchenbücher hinlänglich ersetzen ? « - » Ich werde ihm mit meinem Fluche drohen , wenn er dies wagt ! « rief die Marschallin , außer sich ; - » aber ich werde ihn entfernt halten , daß das nicht möglich ist ; man macht ihn krank - man verdächtigt seinen Verstand ; - glauben Sie mir , ich werde Mittel finden , dies von mir abzuhalten ! « » Ich darf daran allerdings nicht zweifeln , « sagte Souvré höhnisch - » da Euer Gnaden über die Mittel nicht schwierig sind , wie ich höre . Doch besser wäre es gewesen , den guten , schwachen Leonin auf seinem Schlosse zu lassen ; wozu ihn hierher berufen , wenn seine Anwesenheit Gefahren bringt ? « » Welch ' Geschwätz ! « rief die Marschallin ungeduldig ; - » bleibt der Gemordete nicht sein Sohn ? Kann ich den Schutz der Gesetze aufbieten und den Vater dabei übergehen ? Außerdem wußte ich , daß ein bedeutendes Erkranken ihn an das Bett fesselt . Ich beklage das in diesem Augenblicke nicht ; - die Form ist beobachtet , und die Sache wird nicht durch ihn gestört werden . « » Sie überbieten mich immer , meine Gnädigste ! « erwiederte Souvré . - » Man kann Ihnen in Ihren kühnen Combinationen nicht folgen ; vorzüglich , wenn man noch immer so , wie ich , einen lächerlichen Rest von Menschlichkeit mit sich herum schleppt und so mauvais ton ist , mütterliche Weichheit in Euer Gnaden anzunehmen . « » Ich dispensire Sie von Ihren Reflexionen über mich , Herr Marquis , « sagte die Marschallin mit dem Versuche , ihm zu imponiren . » Wer , wie ich , die Ehre einer Familie , die dem Throne so nahe steht , zu schützen hat , kann von Personen in anderen Verhältnissen nicht immer verstanden werden . « » Vollkommen richtig , « sagte der unerschütterliche Marquis - » ich - zum Beispiel - verstehe weder diese Ehre , noch die Mittel , sie zu schützen . Doch das thut Nichts . Immer jedoch , Madame , komme ich darauf zurück , daß wir diesen jungen Menschen reizen werden , Alles zu sagen , was er irgend hervorbringen kann . « » Und ich zweifle nicht , daß dies Geschwätz eines unbekannten Menschen , der so sehr verdächtig ist durch die Anklage , die so eben über ihm schwebt , nicht aufkommen wird gegen das Zeugniß einer Frau , die meine Stellung in der Welt einnimmt . Wir behalten immer Recht , wenn ein Zeugniß aus diesen niederen Ständen , zu denen seine Mutter , also auch er gehört , gegen uns aufzutauchen wagt . Lehren Sie mich unsere Stellung nicht kennen ! « Diese Unterredung endete , wie jede frühere . Man trennte sich mit erhöhtem Hasse , mit dem Gefühle der Last und der nothwendigen Hülfe , die man an einander hatte ; und Jeder behielt seine Meinung . - Unterdessen schien es , daß das Opfer dieser Maaßregeln , von Gott selbst aus der Gewalt seiner Feinde erlöst werden sollte . Ein hitziges Fieber zerstörte die Jugendblüte des unglücklichen Jünglings , der noch wenige Tage früher eine Zierde der Menschheit , ein verschwenderisch ausgestatteter Liebling des Himmels schien . Ihm ward die Sorgfalt und Pflege , die in einem so edlen Hause zu erwarten stand ; der Graf ließ ihn behüten und bewachen ; ja , er selbst nahm zuweilen in dem Zimmer des Kranken Platz und hörte mit Erstaunen , den Wahnsinn des Gequälten die fern liegendsten Dinge mit der Gegenwart und mit Einbildungen über dieselbe , wie der Graf wähnte , verknüpfen , die jedoch alle theils von Liebe für den Verstorbenen , theils von Schmerz über seinen Tod erfüllt waren . Von da wandelte der unglückliche Vater nach den stillen Gemächern Franziska ' s. Er fand hier täglich dieselbe rührende Erscheinung . Sie ward nicht krank ; es war ihr wenigstens nicht zu beweisen , daß sie es war . Sie ließ sich jeden Abend entkleiden und bestieg ihr Bett ; aber nach kurzem Schlummer saß sie dann , bis der Morgen anbrach , in ihrem Bette aufrecht , ohne ein Zeichen der Theilnahme . Ihre alte Amme , die sie allein zu hören schien , öffnete dann die Fenster ; und aus ihrer Hand nahm sie ein wenig leichte Nahrung . Dann schien sie alle Tage von derselben Idee getrieben zu werden ; sie stand hastig auf und begehrte dasselbe blaue Atlaskleid und die weißen Rosen zum Haarputze , und erwartete so angezogen ,