, nie verrathe ein Wort Dein Verhältniß zu mir ; aber alles Andere wende an , um den Lord von der Wahrheit dessen zu überzeugen , was du sprichst ; Alles thue , damit er Dir schnell und unbedingt vertraue , und seine Abreise aufs Lebhafteste beschleunige . Sage ihm , der unbekannte Freund , der Dich sende , lasse ihm die höchste Vorsicht , die größte Eile empfehlen ; nur durch List würde er das Fräulein retten . Offene Gewalt würde sie sogleich aus dem Schlosse , selbst aus ihrem Vaterlande führen . Meinem Bruder Miklas wirst Du einen Brief überbringen , den ich sogleich schreiben werde , Du wirst ihn in seine Hände zu spielen wissen und dann genau vollziehen , was er , dadurch veranlaßt , Euch zu thun heißen wird . Ist die Lady befreit , so sage dem Lord Richmond , es gebe nur einen Ort , wo sie sicher sei , dies sei in dem Schlosse seiner Mutter , doch selbst da nur , wenn über ihren Aufenthalt das tiefste Geheimniß beobachtet werde , da sie von vielen Seiten bedroht sei und jede Kunde von ihrem Aufenthalte ihre nachdrücklichste Verfolgung herbeiführen könnte . Jetzt überlege das Gehörte , wiederhole es mir dann , bevor Du fortgehst , noch ein Mal , und dann gieb mein Schreibzeug und ein Blatt her , worauf ich an Miklas schreiben will . - Der lang erwartete Augenblick war gekommen , der 8te April des Jahres 1625 hüllte England in Trauer . König Jakob war dem Fieber unterlegen , das er so richtig selbst als den Verkünder seines nahen Endes erkannt hatte . Der Tod versöhnte auch dies Mal alle Herzen mit dem Hingeschiedenen , an den sich zahllose Vorwürfe und Klagen hefteten , als der Hauch des Lebens noch in ihm zitterte . Milde und Güte schien jedes Wort auszusprechen , und es bestätigte sich abermals , daß der Tod allein die Härte und den Unfrieden der Menschen versöhnt , daß nur , was den Kreisen des Lebens entrückt wird , aus dem Bereich ihrer Anfeindung tritt . Schnell kehrten sich Aller Augen auf das neue Gestirn , das seine Laufbahn beginnen sollte , und es fehlte nicht an argwöhnischer Zergliederung , an Befürchtungen möglicher Uebel , um für das , was wirklich geschah , die Laune zu verderben . Das schreckenvolle Loos , welches Carl beschieden war , hat für Mit- und Nachwelt ein weites Feld der Betrachtung eröffnet . Doch gewiß bleibt es , so fürchterliche Katastrophen in der Geschichte eines Volks sind nicht von dem einen Haupte verschuldet oder herbei geführt , das als Sühne des Kampfes fällt . Das langsam schleichende Uebel vieler Generationen , worin zuletzt ein Volk verwickelt wird , macht es zum erzürnten Manne , der sich rächen will für ein tief empfundenes Leid und , blutend aus vielen Wunden , Linderung sucht , und den zuerst opfert , der ihm zunächst die Farben des Feindes trägt , wäre das Individuum auch der Schuld fremd geblieben . Fremd war Carl wohl nicht der Schuld , aber jedenfalls der Schuld fremd , die eine solche Strafe verdienen konnte , und wenn wir ihn , in Widersprüche verstrickt , bald mit glühendem Eifer seine Pflichten erfüllen , und milde und voll guten Willens alle Mittel zur Beseitigung wachsender Uebel ergreifen , bald wieder düster und eigenwillig Menschen und Verhältnisse verkennen , und die keimende Empörung durch seltsame Mißachtung reizen sehen , so müssen wir der Worte des alten Porters gedenken : Er wird mit der Heftigkeit eines Unglücklichen handeln , der sich zerstreuen will . Wenn es uns gestattet wäre , die geheime Geschichte der Menschen zu kennen , die auf der großen Bühne der Welt uns ihre Rolle vorspielen , und deren Motive zu ergründen , während wir oft nur das zu erwägen vermögen , was eben wieder als geschichtliche Thatsache vor unsere Sinne tritt , wir würden erstaunen , wie tief aus dem fest verschlossenen Raume des Herzens oft die Farbe gestiegen ist , die ihre Handlungen tragen ! Nachdenkend halten wir ein vor dieser Betrachtung auf der glatten Bahn des Urtheils . Ein schmerzliches Gefühl drängt sich uns auf , wie getrennt der Mensch vom Menschen steht , wie eher alle Güter der Erde sich mittheilen lassen , als dies geheimnißvolle Gut des Innern , wofür keine Sprache zum Verständniß gegeben scheint , wofür es vielleicht eine giebt , die aber wenig mehr als ein Traum der Jugend scheint , und deren Laute bald verklingen in der Verhärtung des Herzens und des Lebens ! Diese Einsamkeit jedoch , die wir uns eingestehen müssen , oft in den reichsten Kreisen des Lebens , sie ist vielleicht die Heimat unserer Andacht , unseres Zusammenhanges mit Gott , dessen ausreichendes Verständniß wir empfinden , und das uns erquickt durch die Ahnung einer unverlierbaren Gerechtigkeit ! Das äußere Leben Carls des Ersten zu verfolgen , finden wir keine Spuren in den Familienpapieren , die wir hier der Welt übergeben . Wenn sie auch , Manches von dem geheimen Geschick des Prinzen in leichten Andeutungen verrathend , über seinen Karakter einen Aufschluß geben könnten , so liegt es doch außer dem Bereich unserer Absicht , darauf weiter einzugehen . Carl empfand den Tod seines Vaters mit einer rein kindlichen Hingebung ; er hatte bis zum letzten Augenblick ihm Zeit und Ruhe gewidmet , und seine Pflege bis zu den geringsten Handreichungen mit den übrigen Umgebungen getheilt . Gewiß hatte so viel Liebe das Ende des Königs erleichtert und selbst in das gequälte Herz des Sohnes jenen Frieden , jene Stille gebracht , die aus der Erfüllung einer heiligen Pflicht entspringt . Sein dunkles melancholisches Auge blickte um so rührender aus dem bleichen Gesicht , und als er an der Leiche des Vaters den gleich ihm ermüdeten Hofstaat entließ , um die Vorkehrungen zur Beisetzung nicht zu behindern , konnten die treuen Diener kaum dem Gedanken entgehn , daß der neue Träger der Krone , gleich dem verschiedenen , wie die Zierde eines Paradesarges aussehe . Langsam , von Wenigen gefolgt , durchschritt er die öden Zimmer , bis er das uns bekannte Gemach des kranken Porters erreicht hatte , wo er allein , schweigend und gesenkten Hauptes , an das Bett des immer noch Leidenden trat . Dein Herr und König ist nicht mehr , wiederholte er die schon bekannt gewordene Nachricht . Ich habe keine Eltern mehr , der Grabstein auf dieser Erde wird immer breiter für mich . Sprich es jetzt aus , was Du seit langer Zeit andeutest , habe ich auch das Letzte , was mich an diese Welt band , verloren ? Fürchte nicht , fuhr er fort , da Porter in entsetzlichem Kampfe nach einer Antwort rang ; eben jetzt bin ich bereit Alles , auch das Schwerste zu hören . So tröste Gott Euer Majestät , stammelte der Alte und öffnete die Lippen , mehr zu sagen , als der König , kurz zusammenfahrend , seinen Degen fest an die Seite drückte , ihm Stillschweigen zuwinkte , und wie ein Nachtwandler starr und steif aus dem Zimmer schritt . Porter blieb in Verzweiflung zurück ; nicht dies hatte er gewollt ; aber Carls schnelle Auslegung vermöge der im Augenblick des Schmerzes ihm zunächst liegenden Weise , und seine Entfernung machten es Porter , der selbst ans Bett gefesselt blieb , unmöglich , den König zu beruhigen . Ein längeres Nachdenken drängte endlich seine Theilnahme ziemlich in den Hintergrund und ließ ihn sogar Sicherheit für seine eigenen Schritte in dieser Annahme finden , wobei er den Vorsatz fest hielt , bei der Nachricht von ihrer Rückkehr nach Godwie-Castle dem Könige die Hoffnung zu geben , daß sie noch lebe . Von der Leiche eines Fürsten , dessen Tod der Anfang einer eben so wichtigen Epoche für England ward , als sein Leben bei seinem stillen Gange und seinen wenig hervortretenden Ereignissen kaum eine Spur hinterließ , wenden wir uns zu dem letzten Ruhebette eines Greises , zu gering , um in den Registern der Geschichte einen Raum für seinen Namen zu finden , wichtig genug für den Mittelpunkt , für die Hauptperson unserer Erzählung , um ihn nicht zu übersehen . Wir treten in ein leeres Zimmerchen , welches uns schon bekannt ist , und mit seiner hochgewölbten Decke , seinen tiefen bis an den Boden reichenden Fenstern uns die Wohnung des alten Miklas , im Schlosse der Herzogin von Sommerset , zeigt . Leer sehen wir die Wände und mit schwarzen Vorhängen bezogen ; kein gastliches Feuer in dem leeren Kamin verbreitet Helle und Wärme ; im trüben , matten Lichte umgeben zwölf Wachskerzen den erhöhten Sarg , wo wir die erblaßte ehrwürdige Gestalt des alten Miklas gewahren , dessen gefaltete Hände , in denen der Rosenkranz hängt , und die stille Miene des Gebets und der sanftesten Ruhe eher einen in heilige Andacht Versenkten , als einen Gestorbenen ankündigen . Laut hören wir seitwärts schluchzen und sehen Margarith , in Trauer gehüllt , auf der Erde vor Lady Melville knieen , die , auf einem schlichten Stuhl am Sarge sitzend , die Todtenwache mit der trostlosen Tochter theilen will . Auf der andern Seite hören wir ein leises Murmeln von Gebeten , mit der lauteren Betonung einzelner heiliger Namen , und finden Schwester Electa , welche sich dem Dienste unterzogen hat , die Sterbegebete an der Leiche herzusagen . Sanft hören wir dazwischen die Stimme Marias , die , mit der eignen Wehmuth kämpfend , ein liebevolles linderndes Wort für die arme Margarith spricht . Aber wie sind die Züge verwandelt , in die sonst mit dem Schmelz der Jugend und Schönheit zugleich die frische , kräftige Natur solche Fülle des Ausdrucks legte , eine Beweglichkeit der Mienen , den Blick fast wider Willen fesselnd . Die schönen gerundeten Wangen sind länglich und kränklich verfeinert , die Blässe der Haut geht in das Weiß der kleinen Binde über , die der Klosterhaube sich anschließt , keine Spur des reichen Haares zeigend . Der schöne Mund hat den tiefen Ausdruck des Leidens mit seinen gesenkten Winkeln , seiner erblaßten Farbe , und die schöne Nase scheint wie durchsichtig in Feinheit und bläulichem Schein . Drüber ruhen die größer blinkenden Augen , wie trostlose Gefährten , nichts mehr von Außen suchend , von Innen nichts mehr findend , um ihr voriges Licht anzufachen , nichts bewahrend , als den Abglanz einer reinen erhabenen Seele . Von der schluchzenden Margarith richtet sich ihr Auge zu dem lieben Greise , von ihm zu ihr zurück . Sie theilt den Schmerz der Tochter nicht aus Mitleiden allein , sondern in dem Gefühl des großen Verlustes , den auch sie an dem edlen , gütigen Greise erlitten , welcher stets bestrebt war , die Härte ihrer Lage durch stille Wohlthaten zu erleichtern . Er hatte sie mit Margarithen oft zur Nachtzeit durch geheime Gänge und Thüren an die ihr versagte Luft geführt , und sie sah nun eine Existenz vor sich , die wenig von der in einem Kerker unterschieden war , und dieser an Luft und Bewegung Gewöhnten ein baldiges Siechthum zu drohen schien . Ergeben sieht sie in die Zukunft ; nach und nach sind alle ihre Hoffnungen auf Rettung zusammen gefallen . Sie will die Erinnerung fern halten und hat doch kein anderes Leben , als eben in der Erinnerung mit ihren Anklängen von Seligkeit , die den tiefen Schmerz ihrer Brust nähren und den Giftbaum wachsen lassen , unter dessen weit sich ausbreitenden Zweigen die Blüten ihres jugendlichen Lebens welk werden und niedersinken . Sie kömmt sich alt vor und denkt , es sei lange her , daß sie jung war ; sie könnte denken , schon einmal gelebt zu haben , und zwischen ihrer früheren Existenz und ihrer jetzigen liege ein Grab , aus dem sie gestiegen , um als ein wankender Geist umher zu gehen , nicht lebend und nicht todt . Ihr ward nicht der Trost zu Theil , der den schiffbrüchigen Lebenswanderer aufs Neue ansiedelt , um in irgend einer Thätigkeit , in der ungestörten Andacht einer reinen Religiosität die Vergangenheit zu überwinden . Die ausgesuchteste ihrer Qualen war der Zwang , der ihr auferlegt war , in der Nähe und steten Umgebung von Personen zu leben , die in sinn- und geistlose Beschäftigungen sie zu verflechten trachteten , und deren Religiosität bei näherer Bekanntschaft die Abneigung bestätigen mußte , die sie gleich bei den ersten Versuchen des Pater Johannes dagegen empfunden hatte . Der Haß , den ihr bloßer Anblick in dem Herzen der Lady Sommerset erregte , da sie die schönen Züge der Schwester Buckinghams trug , desjenigen , der die Stelle eines Lieblings , wie Sommerset dem Könige war , nach dessen Fall ersetzte und damit ihr tödtlicher Feind ward , - dieser Haß trat in jedem Augenblick hervor . Er entlud sich mit Schadenfreude an dem unschuldigen Abkömmling , ja , Gelindigkeit schienen ihr noch stets die niederbeugenden Maaßregeln gegen die Arme , und entschlossen war sie im Innern , daß Buckingham seine Pläne auf sie nie erfüllt sehen sollte , und sollte sie auch zum Aeußersten schreiten und dies Leben hinwelken lassen , ihm sollte es nie Nutzen schaffen können . Pater Johann , der sein Beichtkind vollkommen kannte , wenn auch die Beichte selbst ihm darüber nur mittheilte , was sie selbst für gut fand , schützte Anfangs , wo ihm die Hoffnung auf Marias Bekehrung eine neue Glorie vorspiegelte , seinen Zögling gegen die offenbaren Verfolgungen der Lady . Aber seine üble Laune stieg in dem Maaße , als ihm jenes Ziel entrückt ward , und schnell benutzte die scharfe Beobachterin die schwache Seite des Priesters , um strengere Einschränkungen über sie zu verfügen . Sie schritt so , wenig Widerstand mehr findend , in ihren tyrannischen Anforderungen fort , bis sie jede kleine Gemächlichkeit , jede Beschäftigung des Geistes , jede Erquickung des Körpers ihr entzogen sah , und suchte die Demüthigung des Geistes , die Trostlosigkeit des Herzens durch die härtesten Worte und Reden zu vollenden . Maria setzte Anfangs diesen Dingen den jugendlichen Muth , den Stolz ihres edeln Blutes entgegen und fügte sich auf eine Weise , die ihre Beobachterin unsicher machte , ob sie es vermocht hätte , sie zu demüthigen . Als aber ihr Geist in seiner Thätigkeit unterdrückt war , als die Entbehrung der freien Natur ihre Gesundheit untergrub , zeigten sich in ihrem Aeußeren jene Spuren , die wir bereits andeuteten , und ihre Feindin sah den Erfolg ihrer Bestrebungen und fuhr fort , sie danach zu behandeln . Maria bewohnte längst nicht mehr die reich ausgestatteten Zimmer , die Pater Clemens im gutmüthigen Eifer für sie eingerichtet hatte . In einem überhängenden Thurm des ältesten Theiles des Schlosses , nach dem Meere hinaus , war ein ödes , leeres Zimmer ihr angewiesen , worin sie nichts als ihr Lager , ein Betpult und einen Schrank fand , ihr Nonnenkleid und das wenige ihr gelassene Gepäck zu verwahren . Kein Buch , kein Schreibgeräth ward ihr gestattet . Schon am frühen Morgen ward sie von ihrem harten Lager durch die Glocken aufgeschreckt , die im Innern des Schlosses , fast neben ihrem Zimmer hingen und so mächtig zur Frühmesse riefen , daß der Thurm zu schwanken schien , der keine andere Basis hatte , als einen kleinen Pilaster , der ihn an eine niedere Fensterfronte anlehnte . Sie stieg dann , dem Sinne verwirrenden Geräusch entfliehend , und von bösen Worten über Ketzerei und Lauigkeit der Andacht empfangen , in die Gruft , welche die Kirche der Fanatiker war , mit allem Glanze des katholischen Kultus ausgeschmückt und auf den ermüdeten Geist Marias oft wohlthätig wirkend , da ihr Herz doch auch hier in seiner Sprache zum Himmel sich erheben konnte und die Schönheit des Raumes , mit dem übrigen dürren Geistes-Leben kontrastirend , den Mißlaut beschwichtigte , in dem ihr Herz den Tag über zitterte . Seufzend stieg sie dann ans Licht zurück , denn sie konnte von da an sich nicht mehr von ihren Umgebungen trennen , und mußte mit ihnen widrige Handarbeiten treiben und ihr noch widrigeres Geschwätz anhören . Bei Tafel saß sie an einem gesonderten Tische , um die ehrwürdigen Frauen nicht zur Zeit ihrer Erholung zu stören durch ihre unheilige Nähe . Hier war es , wo Lady Sommerset mit allen Stachelreden der Verachtung und des Hasses ihre geringe Kost zu vergiften suchte , und wenn die Thränen des Schmerzes die holden Wangen der Verfolgten immer mehr auszubleichen schienen , verstärkte die Unerbittliche ihre Worte , in der Gewißheit des Erfolgs . Spät am Abend erst ward sie auf ihren Thurm entlassen , der , seiner öden Wände und ungastlichen Einrichtung ungeachtet , ihr wie eine Freistatt des Friedens erschien . In den schmalen Raum des Fensters gedrückt , blickte sie oft stundenlang in das melancholisch rauschende Meer hin , und rang in der Ermattung ihres ganzen Wesens nach Kraft und Geduld vor Gott . Da stellte sich dann der heimliche Trost ein , der ihr auf offenen Wegen längst entzogen war , und Miklas mit seiner Tochter erschien , und Beide schütteten in das verwaiste Herz der Dulderin den Trost einer Theilnahme , einer Liebe und Verehrung , der sie nirgends mehr begegnete . Miklas , war es , der sich der Gefahr freiwillig unterzog , dem verschmachtenden Wesen die Wohlthat der frischen Luft zu verschaffen . Durch eine unscheinbare Thür , auf dem Vorplatze dieses luftigen Baues , stieg man eine schmale Treppe hinab , vielleicht nur von Miklas gekannt , und erreichte dadurch einen kurzen verdeckten Weg , der , von dem ehemaligen Festungswerk herrührend , unmittelbar in den jetzt ausgetrockneten und zur Weide benutzten Schloßgraben führte , wo , von beiden Seiten durch Wälle verdeckt , jetzt die Spazierenden gegen die Unfreundlichkeit der Nachtstürme und der Jahreszeit in etwas geschützt waren . Unbeschreiblich war das Entzücken und die Dankbarkeit Marias für diese Wohlthat , die ihr zwar nicht oft zu Theil ward , aber sie dann auf das Wunderbarste stärkte , wozu das herzliche , liebevolle Gespräch mit Margarith beitrug , deren ganze Seele an der geliebten Lady hing und nebenbei ihren kleinen Kummer ausschüttete , da Lanci zum Ohm nach London berufen war und das unschuldige Sehen der beiden Liebenden dadurch sein Ziel gefunden hatte . Tief erschütterte Maria daher die Nachricht , daß Miklas von einem bösen Fieber befallen darnieder läge , und überwältigt von dem Gefühl , wie Margarith leiden möge , wagte sie die erste Bitte an Lady Sommerset , die Pflege des Alten mit der Tochter theilen zu dürfen . Die Lady ließ ihren Falkenblick mit allem Ausdruck höhnischer Schadenfreude auf der Bittenden ruhen ; dann gewährte sie mit einem boshaften Lächeln ; denn bereits war Maria dazu ausersehn , diese Pflege zu übernehmen , da man das Fieber für bösartig und ansteckend hielt . Furchtlos und freudig eilte sie zu ihrem alten Freunde , aber er kannte sie nicht mehr , und Maria hatte bald keinen Zweifel , worauf sie Margarith vorzubereiten habe . Diese Sorge nahm ihren Geist so in Anspruch , daß sie fast übersah , was ihr selbst damit auferlegt ward , und erst an dem Sarge , wo wir sie wieder finden , ergriff sie das trostlose Gefühl , wie viel sie verloren habe . - An dem erwähnten Tage ritt in das Städtchen Boxhall , welches zunächst dem Schlosse der Lady Howard lag , eine kleine Anzahl Männer ein , deren ermüdete Pferde hinreichend zeigten , daß sie nicht geschont worden waren , und deren fragende Blicke , die sie an den elenden Häusern des öden , kleinen Städtchens umherwarfen , deutlich ihr Verlangen nach einer Herberge andeuteten , die den Reitern , wie den Rossen gleich nöthig schien . Ein solcher Aufenthalt fand sich allerdings , wie in jedem kleinen Orte , auch hier , und die Herberge zum weißen Lamm , wie sie sich nannte , obgleich ohne große Unterstützung durch häufigen Verkehr mit Fremden , übertraf durch äußere und innere Einrichtung die geringe Erwartung , womit die Reisenden sich ihr genähert hatten . Master Haxford , der Wirth , erschien wohlgekleidet mit großer Gravität an der Thür des zweistöckigen , geräumigen Hauses , als das Getrappel der Pferde die seltene Erscheinung von Gästen verkündigte , und lugte unter seinen dicken Augenbrauen prüfend nach den Ankommenden hin , während er zuweilen , ihre Bedürfnisse schon von fern taxirend , einzelne Befehle in das Haus zurück rief . So fanden die Reisenden bei ihrer Ankunft den Hausflur mit mehreren Domestiken angefüllt , deren weiblicher Theil von einer Frau kommandirt ward , welche das empfehlendste Schild aller Wirthshäuser , eine immense Korpulenz und eine glänzende , fast prunkhafte Reinlichkeit , an ihrer kleinen Gestalt zeigte . Die Reiter , die sich demnach erwartet sahn , stiegen ohne Weiteres ab , wobei Master Haxford mit Genauigkeit und Schlauheit ihr Rangverhältniß zu ermitteln trachtete , da ihre durchaus unscheinbare Kleidung sie nicht von einander unterschied . Es kam darüber später unter den Eheleuten zu einem Streit , indem Mistreß Haxford den älteren Herrn für den vornehmsten halten wollte und die Kurzsichtigkeit ihres Mannes , der den jüngern dafür nahm , belächelte , weil dieser sich beeilt habe , vom Pferde zu kommen , um den ältern ehrerbietig herunter zu heben . Weib , rief der Wirth vom Lamme , ich kenne diese Vornehmen besser , als Du . Jetzt macht er sich nichts aus seinem Range , eben weil kein Vornehmer dabei ist , den er damit ärgern kann , daß er sich brüstet . Das sind immer die Herablassendsten gegen die Geringeren , wo sie Niemand sieht , die nachmals die Hochmüthigsten werden . Herabgehoben hat er ihn , aber über die Schwelle ging er zuerst , nach dem Gepäck sah er sich nicht um , während der alte Herr sich aufhielt , selbst Einiges davon mitzunehmen . Und der schöne Page , hob die Wirthin an , ist das nach Deiner Klugheit vornehmes oder geringes Blut ? Vornehm oder gering , fuhr der Wirth ihr entgegen , alle haben sie Magen , alle sind sie hungrig und durstig , und Dein Platz ist in der Küche . Er selbst aber stieg mit einem Schlüsselbunde und kleinem Laternenstock durch eine Fallthür in den wohleingerichteten Keller , und entging dadurch den Worten seiner beleidigten Ehefrau , die in der That keinen ungegründeteren Vorwurf bekommen konnte , als den der Versäumniß der wichtigen Küchenangelegenheit , da sie dieser in einer seltenen Vollkommenheit vorzustehen verstand . So sahen die Reisenden bald zu ihrem Vergnügen in dem hellen und wohnlichen Gemach , wo sie das Feuer eines großen Kamins schon empfangen hatte , auch Vorkehrungen zum Mittagsbrote machen , die ihnen eine ziemliche Bekanntschaft mit den feineren Bedürfnissen der Tafel zu verrathen schienen , vervollständigt durch mehrere staubige und wohlverpichte Flaschen , die Master Haxford selbst sorgfältig auf den Schenktisch niedersetzte . Eine kurze Pause bis zum Auftragen der Speisen , welche die Diener entfernte , benutzten die Reisenden zu einem Austausch ihrer Gedanken . Jetzt , Mylord , redete Brixton Richmond an , der in schwermüthiges Hinbrüten verloren , in die Glut des Kamins starrte , jetzt , wo wir so nah an unserm Ziele sind , muß ich mit Betrübniß eine Veränderung in Eurer Stimmung wahrnehmen , die , verzeiht mir , fast mich fürchten läßt , es finden sich Hindernisse in Euch ein , die Ihr vorher nicht erkannt hattet , oder Euch leuchten Schwierigkeiten ein , die mir entgangen sind . Fürchtet dies nicht , theurer Sir , erwiederte Richmond , sich emporraffend und freundlich zu ihm hinblickend , weder ein Zweifel , noch die kleinste Aenderung meines festen Entschlusses , Euch um jeden Preis in Euerem Vorsatz beizustehen , ist in mir eingetreten ; im Gegentheil , so nah dem Ziele , fühle ich es lebhafter , als früher , wie nöthig es ist , alle unsere Gedanken auf die Erreichung desselben zu richten . Mir bleibt nur ein Zweifel , doch geht dieser nicht die Sache selbst , sondern das Verfahren an , das uns durch diesen unbekannten Rathgeber aufgenöthigt und meiner Natur so widerstrebend ist , daß ich für mein Verhalten fast besorgt sein möchte . Erhält mich etwas bei der Ueberzeugung , daß wir uns dieser Vorschrift fügen sollen , so ist es Eure Nachgiebigkeit , bester Sir , da Ihr allerdings besser , als ich , übersehen könnt , ob dies einem geraden und offenen Verfahren , wozu ich immer die Neigung behalten werde , vorzuziehen sei . Nachdenkend hörte Brixton diese Worte an und schien noch ein Mal verständig die Umstände zu prüfen . Mylord , hob er darauf an , meine Einsicht ist nicht so klar , wie Ihr denken mögt . Ich habe dies früher bekannt , ich muß es wiederholen , wie weit die Entdeckungen sich erstrecken , die durch den Tod ihrer Beschützer über das Fräulein gemacht sind , weiß ich nicht . Ob Wahrheit oder neue Täuschungen ihre Verfolgung herbeiführten , ob eine elende Galanterie diesen Lord Membrocke leitete , oder eine tiefere , von näher Unterrichteten herrührende Absicht , ich kann es nicht wissen . Jedenfalls ist jedoch hier eine Partei thätig gewesen , die listiger und mächtiger vielleicht ihm entgegen wirkte , und in deren Gewalt wir sie uns denken müssen . Auffallend , erwiederte Richmond , ist das hartnäckige Schweigen des Jünglings , dessen Wahrhaftigkeit ich übrigens vertrauen muß , und der doch diejenigen oder den einen nicht nennen will , der ihn uns gesendet ; welche Absicht kann da zum Grunde liegen ? Tausend Mal hätte ich Alles für eine Falle gehalten , in die man uns lockt , gerade um uns abzuziehen , wären die Erzählungen zu bezweifeln , die der Knabe in der höchsten Unschuld und mit der vollen Geschwätzigkeit der absichtslosen Unbefangenheit giebt , und die so glaubwürdige Nachrichten über das Fräulein enthalten , daß wir nicht zweifeln können , sie zu finden , wohin wir ihm folgen , wenn , was Gott verhüten möge , ihre Verfolger sie nicht schon weiter geführt haben . Ich bin vollkommen Eurer Meinung , entgegnete Brixton , ich kann nicht zweifeln , daß uns der Knabe redlich bedient ; seine eigene zärtliche Sehnsucht nach Margarith , die er seine Geliebte nennt , ist nicht erheuchelt und ist in vollkommener Uebereinstimmung mit allen übrigen Aussagen . Auch muß ich noch bekennen , daß mir seit seiner kindischen Heimlichthuerei , die jedoch alles verräth , was er verhehlen möchte , über die Geheimnisse des Schlosses eine Ahnung kömmt , die in Bezug auf das Fräulein allerdings einen neuen Feind bezeichnen könnte . Ihr meint , rief Richmond , daß die Einwohner von Howards Schloß Katholiken sind ? Habe ich das gesagt ? rief eine überraschte Stimme , und Lanci , der leis hereingetreten war und diese letzten Worte gehört hatte , stand glühend vor Schreck vor beiden Männern . Du hast es unendlich oft verrathen , doch wohl nie eigentlich beabsichtigt , es zu sagen , sprach Brixton ruhig ; sei aber unbesorgt , es soll von uns nicht weiter gebracht werden . Es thut mir leid , wenn ich es verrathen habe , sagte Lanci , Ihr werdet mich aber nicht so unglücklich machen , davon zu sprechen . Doch hier im Hause , muß ich Euch sagen , passen sie alle sehr auf uns auf ; die dicke Wirthin wollte durchaus , ich sollte ihr sagen , wer der Vornehmste sei , sie wollte mich mit Kuchen und Aepfeln füttern , wie einen Affen , ich habe sie aber laufen lassen und habe gesagt , - verzeiht Mylord - - wir wären alle nicht vornehm . Richmond und Brixton konnten ein Lächeln nicht unterdrücken , welches sich noch verstärkte , als der Knabe wichtig fortfuhr : Es ist aber Zeit , daß wir jetzt beschließen , wie wir die arme Lady loskriegen , und da denke ich , daß ich den Vorläufer mache . - Dabei werde ich Dich begleiten , unterbrach Richmond ihn rasch , jeder Schritt , der jetzt geschieht , ist zu wichtig , ihn allein Deiner jungen Ueberzeugung anzuvertrauen . Master Brixton mag sich hier einige Erholung gefallen lassen , bis wir ihm Nachricht geben können und seine Gegenwart nöthig wird . Der Knabe schwieg ; nach einem Augenblicke sah er beide Herren an und schüttelte den Kopf . Nun , Lanci , sprach Richmond , gefällt Dir der Plan nicht ? Ich müßte lügen , wenn ich Ja sagte , erwiederte er offen ; ich möchte nicht , daß Einer hier bleibe , nicht , daß Einer jetzt mit mir ginge . Und weshalb ? fuhr Richmond fort , sei offen , mein Kind , wir wollen gern hören , was Du Dir ausdenkst , da Du bis jetzt Dich treu und gescheidt gezeigt . Seht , Mylord , hob Lanci an , ich denke , ich muß noch heute weiter . Es ist Freitag , morgen ganz früh liefert der Wildmeister das nöthige Wild für den Sonntag in die Schloßküche , dabei muß ich sein , es ist die einzige Art , wie ich oder mein Brief mit herein kommen . Unterdessen , dachte ich , müßtet Ihr aber doch nachrücken , damit Ihr zur Hand seid bei den Vorschlägen , die Vater Miklas austheilen wird , und die ich nicht wissen kann . Auch sehe ich jetzt wohl , wo ich bin , und hätte besser gethan , uns und die Pferde noch einen halben Tag hungern zu lassen , als Euch hierher zu bringen . Was beunruhigt Dich hier , rief Richmond aufstehend ; hältst Du es für möglich , daß man uns hier vom Schlosse aus beobachten könnte ? Ja , erwiederte Lanci , so denke ich ; der alte Wildmeister hat mir immer von einer