, daß sich auch die Versuche der frühesten Häretiker , den göttlichen Geheimnissen auf magische oder sinnliche Weise beizukommen , bis in die jüngsten Zeiten erneuert hätten . » So befand sich hier ganz in der Nähe « , sagte er , » vor etwa hundert Jahren eine Gemeinde , welche alle Schwärmereien der Gnostiker und Manichäer in sich vereint wieder aufleben ließ , und ziemlich lange ihr Wesen trieb , bis die herrschende Kirche sie mit solcher Strenge unterdrückte , daß nicht einmal ihr Gedächtnis in den Nachkommen geblieben ist , und auch ich von ihrem Dasein nichts wissen würde , hätte ich nicht ihre Geschichte , von einem Märtyrer der Sekte aufgeschrieben , ganz zufällig unter vergeßnen Papieren gefunden . Woher sie ihre Irrtümer genommen , ist mir dunkel geblieben ; aus den Papieren ging so viel hervor , daß die Bekenner jenes Wahns geringe Leute gewesen waren , von denen sich nicht vermuten ließ , daß sie die Sache aus gelehrter Kunde geschöpft haben sollten . Ich bin daher schon auf den Gedanken gekommen , daß sich gewisse Einbildungen immer von Zeit zu Zeit wie Krankheiten von selbst aus dem Leben der Kirche erzeugen , und daß namentlich die böse Täuschung , dem Göttlichen durch geheime Zeichen und eine willkürliche Allegorie beikommen zu können , fortwuchern wird , solange es ein Christentum gibt . Auch ihre Begräbnisstätte habe ich vor kurzem entdeckt « , fuhr der Prediger fort . » Sie liegt in einer einsamen wüsten Gegend , und wie durch Instinkt getrieben , haben sie sich ihren Ruheplatz um Trümmer bereitet , die wohl ohne Zweifel dem Heidentume angehören . An den vermorschten hölzernen Kreuzen und Denktafeln , sowie an einigen roh und dürftig zugehauenen Steinen lassen sich noch sonderbare Embleme erkennen , die ohne Zweifel eine mystische Bedeutung hatten . Wenn es Ihnen gelegen ist , so kann ich Sie einmal dorthin begleiten . Die Sache ist immer merkwürdig genug , um eine Spazierfahrt bei schönem Wetter zu verlohnen . « Der Oheim erklärte sich mit Vergnügen dazu bereit , und man beschloß , den ersten heitern Tag zum Besuche dieses Altertums anzuwenden . Einmal um jene Zeit sagte der Oheim zum Prediger : » Ich fühle , daß auch das religiöse Organ von Jugend auf geübt sein will , und daß im Alter die Fasern zu zähe werden , um in dieser Hinsicht noch mit Erfolg sich etwas anzueignen . Aber so viel begreife ich , daß etwas , was die Menschen neunzehn Jahrhunderte hindurch beschäftigt hat , kein Possenspiel sein kann , und Sie mögen daher , wenn wir auseinandergehn , von mir die Hoffnung schöpfen , daß ich vielleicht anderwärts nachholen werde , was ich hier versäumt habe . « Auch gegen die Katholiken war der Oheim nachgiebiger und freundlicher geworden . Er sah jetzt gelassen zu , wenn sie durch das Haus zur Messe gingen , ja er schenkte dem Altare ihrer Kirche eine neue prächtige Bekleidung , und ließ an die Stelle der messingnen , kostbare silberne Leuchter setzen . Hierüber mußte er selbst lächeln . Scherzend rief er aus : » Im Grunde bleibe ich mir doch treu , ich mache den Schaffner jetzt bei dem lieben Gotte , wie ich ihn lange auf irdische Weise gemacht habe . « Zweites Kapitel Nicht lange nachher fuhr der Oheim mit dem Prediger nach dem Kirchhofe der verschollnen Sektierer . Der Weg ging bald von der Landstraße ab , und wurde für die Pferde beschwerlich , da er , ohne in das eigentliche Gebirge zu führen , sich über lauter wellichtes , zerbröckeltes und zerfurchtes Erdreich schwang . Endlich verlief er sich zwischen hohen Lettenwänden , wo allenfalls mit einer schmalen Karre durchzukommen gewesen wäre , der breitspurige Wagen aber bald festsaß . Der Kutscher hielt , und erklärte , nicht weiterfahren zu können . Der Prediger , welcher bei seinen Fußwandrungen nach dem entlegnen Orte auf diesen Umstand nicht geachtet hatte , machte sich laute Vorwürfe über seine Unbedachtsamkeit , der Oheim tröstete ihn indessen , ließ aus Baumzweigen und Wagenkissen eine Tragbahre bereiten , und nahm die Kräfte zweier jungen Bauern , welche in einiger Entfernung vorübergingen , für dieses Transportmittel aus dem Stegreife ' in Anspruch . So gelangte man denn doch , wenn auch später , als man gewollt , an das Ziel . Der Ort , auf einer Höhe zwischen heidekrautbewachsenen Hügeln gelegen , war außerordentlich einsam und mußte durch sich selbst schon Gedanken der Melancholie erwecken . Eine niedrige Mauer , die aber an den meisten Stellen zu Trümmern zerfallen war , umschloß einen runden Platz von mäßigem Umfange . Was der Prediger für die Überbleibsel eines Heidentempels angesehen hatte , war die Substruktion eines kleinen achteckigen Gebäudes , von welcher nur hin und wieder noch einige Steinzacken über der Erdoberfläche emporragten . In der Mitte des inneren Raums nahmen sie eine tiefe Versenkung wahr , in welche ein Bächlein , welches von den Höhen herabkam , und sich unter der Mauer durch Bahn gemacht hatte , sein Wasser ergoß . Um diese Trümmer - der Hünenborn , wie der Prediger sagte , von den Landleuten geheißen - hatte die Sekte ihre Toten rings im Kreise bestattet . Aber die Gräber waren zum größten Teil schon wieder eingesunken , die Kreuze verfault , die Steine lagen umgefallen in aufgerißnen Erdrinnen , oder neigten sich gegeneinander . Über eine ganze Reihe tiefer Höhlungen , durch das Einstürzen mehrerer Gräber entstanden , hatten die Landleute , welche ihren Fußweg nach einem nahen Walddorfe über die Höhe nahmen , eine Notbrücke von Baumstämmen , Leichensteinen und Kreuzen gemacht , deren sie sich bedienten , wenn Regenwasser diese Senkungen ausfüllte . Alles war an dem verlaßnen Platze eigen , traurig ; die Bilder der Vergänglichkeit hatte schon wieder die Hand der Vergangenheit berührt . Der Boden schien nicht die Fruchtbarkeit andrer Orte , wo menschliche Leiber verwesen , zu haben ; ein kümmerliches Gras bedeckte spärlich den weißgelblichen Grund , hohe fahle dürre Halmen stachen lang und spitzig aus demselben hervor , sonst zeigte sich weder Baum noch Staude ; nur über den sogenannten Hünenborn neigte eine große Trauerweide , deren Stamm aber auch schon im Absterben war , ihre mattgrünlichen Zweige . Nachdem der Oheim am Arme des Predigers einen Gang zwischen den Gräbern hindurch gemacht und sich an den noch erhaltnen Kreuzen , sowie an einigen Steinen rohe Schlangenzeichen hatte vorzeigen lassen , ruheten beide in dem alten Gemäuer unter der Trauerweide . Der Prediger sprach seine Meinung aus , und behauptete , daß jene Bildwerke genau mit denjenigen übereinstimmten , deren sich in den ältesten Zeiten die Ophiten bedient hätten . » Was mich Wunder nimmt « , sagte der Oheim , » sind die Steine . Sie haben mir erzählt , daß die Sekte nur aus armen Leuten bestanden habe ; woher nahmen diese das Geld zu so kostbaren Denkzeichen ? « - » Auch mir fiel dieser Umstand auf « , versetzte der Prediger , » bis ich entdeckte , daß in * noch vor hundert Jahren eine Steinmetzenzunft bestanden hat , ähnlich den mittelalterlichen Gilden dieser Art. Wahrscheinlich hat das Geheimnis , welches jene Zunft in ihre Verhandlungen wob , sich mit dem Geheimnisvollen der Sekte , als etwas Wahlverwandtem berührt , Mitglieder des Gewerks mögen zu ihr gehört , oder sich wenigstens zu ihnen hingeneigt , Steine und Arbeit ihren Bestattungen umsonst , oder für die billigsten Preise geliefert haben . « Der Oheim warf aufmerksame Blicke umher , scharrte mit seinem Stabe in dem harten , steinigten Boden und sagte : » Ich müßte mich sehr trügen , oder das Erdreich hat hier eine eigentümliche alkalisch-ätzende Beschaffenheit . Die geringe Vegetation und jene gelben Halmen , welche sich immer an Orten derartiger Bodenmischung finden , bringen mich auf diese Vermutung . Ich hätte große Lust , etwas Erde von hier mitzunehmen , und sie zu Hause auszulaugen . « Einer der jungen Bauern , welcher achtsam zugehört hatte , und endlich begriff , wovon die Rede war , mischte sich in das Gespräch und sagte : » Der Herr hat ganz recht , unser Gerber braucht , um seine Felle gar zu machen , nichts , als diese Erde ; sie tut dieselben Dienste , wie Lohe . « » Es ist schade « , sagte der Oheim , » daß nicht in neuerer Zeit hier jemand bestattet worden ist . Bei der Aufgrabung würden sich gewiß nach dem , was ich höre , merkwürdige Resultate finden . « » O « , rief der junge Bauer , » davon könnte man die Probe auch zu Gesichte bekommen ! Es ist kaum etwas über ein Jahr her , daß hier ein neugebornes Kind verscharrt wurde , und ich weiß noch genau die Stelle , wo dies geschah . « Ein Verbrechen befürchtend , fuhren beide Männer zusammen ; jener aber lachte und sagte : » So schlimm , wie die Herrn glauben mögen , verhält sich die Sache nicht . Ich hatte nahebei im Felde etwas zu tun , da sah ich ein junges Weibsbild mit einer Alten , die im Gesichte ganz gelbbraun war , vorübergehn . Mich konnten sie nicht erblicken , weil ich hinter einem Busche stand , ich aber bemerkte durch die Spalten der Zweige alles sehr wohl . Die Junge , welche bleich , aber bildschön war , ächzte und stöhnte , man konnte ihr anmerken , in welchem Zustande sie war , und daß ihre Stunde sie überfallen hatte . Die Alte führte sie und sprach ihr zu , und beide gingen nach dem Hünenborne . Ich folgte ihnen , und versteckte mich draußen hinter einem Mauerstücke , das Gesicht abgekehrt , da es doch für mich nicht anständig war , in diesen Nöten den Weibern nahezukommen . Nun hörte ich da , wo Sie jetzt sitzen , kläglich stöhnen und wimmern , und nach einer Weile den lauten Schrei ausstoßen : Es ist tot ! Ich meinte , jetzt sei es an der Zeit , mich auf ziemliche Weise zu nähern , kroch eine Strecke zurück , richtete mich dann auf , und ging wie von ungefähr auf den Hünenborn zu . Sowie mich die Alte erblickte , winkte sie mir . Sie kniete unter der Trauerweide , und hielt die Junge in den Armen , die matt und kraftlos ausgestreckt lag . Zwischen ihnen lag das neugeborne Kind auf Zweigen des Baums . Die Mutter weinte bitterlich , und blickte zuweilen so nach dem Kinde , daß es mir durch Mark und Bein ging . Die Alte sagte , ich solle es begraben , und wollte es in ihr buntes Kopftuch einwickeln , was aber die andre verbot . Sie sagte , so wie es sei , solle es in die Erde kommen ; die sei gut und sanft , alles andre tauge nichts . Ich höhlte hierauf an der Mauer mit meinem Werkzeug eine Grube in der Erde aus , und baute darüber ein kleines Gewölbe von Steinen . Das Frauenzimmer nahm das Kind auf , herzte es , dann gab sie es mir . Sie wollte auch einen goldnen Ring dem Kinde mitgeben , besann sich aber , und sagte seufzend : Den will ich doch noch behalten . Hierauf brachte ich das Neugeborne in die kleine Gruft , bedeckte dieselbe mit Schieferplatten und schaufelte Erde darumher , daß alles eine Festigkeit bekam , und die Tiere den Leichnam nicht herauszerren , oder die Regenwässer mein Gebäude nicht zerstören möchten . « Nach dieser Erzählung , die der junge Mensch mit einfachem Wesen , in guten schicklichen Worten vorgetragen hatte , schwiegen der Oheim und der Prediger eine geraume Weile . Endlich sagte letzterer : » Ihr habt unrecht getan , Eurem Pfarrer die Sache nicht sogleich anzuzeigen . Wer weiß , welcher Frevel hier dennoch in die Erde versenkt worden ist ! « » Und wo blieben jene Personen ? « fragte der Oheim . » Ich mußte sie nach unsrem Dorfe bringen « , versetzte der junge Bauer . » Dort verweilten sie einige Tage , bis die Junge soweit gestärkt war , fahren zu können . Darauf besorgte ich ihnen eine Fuhre , und sie zogen von dannen , ohne zu sagen , wohin . Von ihren Gesprächen habe ich auch nicht viel verstanden . Sie redeten Deutsch , aber es waren lauter Sachen , die mir unbekannt waren . « » Wüßtet Ihr wohl die Gruft des Kindes noch zu finden ? « fragte der Oheim . » Ei warum denn nicht ! « rief der junge Mensch . » Dort in der Ecke ist sie . « Wirklich sah man in einem Winkel der zertrümmerten Mauer eine rundlichte Erhöhung von Erde , welche frischer war , als der Boden umher , denn kein Grashalm hatte noch in ihr Wurzel geschlagen . Da der Oheim seine verlangenden Blicke nach dem Erdhügel warf , und dem jungen Bauer etwas sagen zu wollen schien , woran ihn die Gegenwart seines Freundes hinderte , so rief dieser : » Tun Sie , was Sie nicht lassen können , nur erlauben Sie mir , daß ich mich solange entferne , denn meine Priesterpflicht ist , die Ruhe der Gräber zu schützen , nicht , sie zu stören . « Er ging . Sobald er den Rücken gewandt hatte , sagte der Oheim zu dem Bauer : » Tue mir den Gefallen und öffne die Gruft , denn ich bin äußerst neugierig , die Einwirkungen dieses Bodens auf den Leichnam zu erfahren . « Jener hatte Bedenken , die der Oheim indessen zu überwinden wußte . Er trennte mit seinem Grabscheit vorsichtig die Erde von den Steinen , nahm , nachdem sie bloßgelegt worden waren , den obersten ab , und rief , in die Höhlung blickend , verwundert aus : » Wie das glänzt ! « Der Oheim ließ sich zu dem Platze geleiten . Die Abendsonne warf glühende Strahlen in die kleine Gruft , und bei diesem Scheine nahm er ein wunderbares Schauspiel wahr , in dessen Anblick er lange mit stummem Ergötzen versunken stand . Auf allen Punkten der Wände , welche das Grab umschlossen , war der vom nahen Wasser angegriffne Kalk des Bodens in Kugeln , Zacken , Büscheln und Spitzen hervorgequollen , und bildete mit seinen mannigfaltigen kristallinischen Gestalten , welche , tropfenbehangen , im Sonnenlichte farbenreich glänzten , eine funkelnde Zaubergrotte , in deren Mitte die Überbleibsel des Neugebornen lagen , zum reinlichsten , weißesten Skelette verzehrt , derart , wie man kleine Tierkörper verwandelt wiederfindet , welche die Hand des Naturforschers in einem wimmelnden Ameisenhaufen beisetzte . Alles Fleisch und alle Weichgebilde hatten die Einflüsse dieses Bodens in so kurzer Zeit völlig aufgesogen , nur die zarten Knöchlein waren bisher nicht zu überwinden gewesen . Auch sie besetzten und umzogen zarte Kristalle , ähnlich dem Flitter und Schmelz , womit die Andacht an heiligen Orten die Gebeine der Märtyrer zu zieren liebt , und so lag das Leuchtende zwischen den leuchtenden Wänden . Der Oheim wollte die Hand nach den von der Natur geweihten Resten ausstrecken , zog sie aber zurück und sagte : » Nein ! dies ist zu schön , als daß man es nicht , so wie es ist , lassen müßte . « Er befahl , den Deckstein wieder aufzulegen , und gebot dem Bauer , noch sorgfältiger , als zuvor geschehen , die Erde umherzuschütten , damit das schöne Phänomen so lange als möglich bewahrt bleibe . Den Prediger befremdete die Schweigsamkeit des alten Manns auf dem Heimwege . Er war ernst und schien eignen Gedanken nachzuhangen . Endlich sagte er : » Wenn uns die Kirchengeschichte lehrt , daß der Mensch auf dem Wege zum Göttlichen sich fast immer in das Gebiet des Absurden verirrt , so hält die Natur in ihrer regelrechten Tätigkeit zu jeder Zeit die frischesten Wunder in Bereitschaft . Sie haben mich an einen Ort geführt , wo eine aberwitzige Schlangenbrüderschaft ihre Toten begrub , und an demselben Orte entdeckte ich etwas , was meiner Sinnesart die ihr gemäße religiöse Erhebung gab . « Er hatte in seiner Bewegung selbst verabsäumt , Erde von jenem Platze mitzunehmen , wie er doch behufs einer chemischen Behandlung zuvor willens gewesen war . Drittes Kapitel Es war ihnen aufgefallen , daß Cornelie sich nicht unter der Pforte des Hauses zeigte , dem Oheim töchterlich aus dem Wagen zu helfen , wie sie sonst pflegte , wenn er von seinen kleinen Spazierfahrten zurückkehrte . Unerwartet fand sie der Prediger in seiner Wohnung , und trat erschreckt zurück , da er an ihrem Gesichte Spuren der äußersten Bestürzung wahrnahm . Sie warf sich ihm mit einem Tone des tiefsten Schmerzes an die Brust , und sagte unter Weinen und Schluchzen , daß sie bei einem Gange nach der Meierei im Holze jemand angetroffen habe , den sie so wiederzusehn nie vermutend gewesen sei . Auf freundliches Eindringen des Geistlichen erfuhr er , daß dieser Wiedergefundne Hermann sei , der sich ganz anders , wie ehemals , benehme , und auch verändert aussehe . Das arme Mädchen hatte in ihrer Not nirgendhin mit ihm gewußt , und ihn vorläufig im Hause des Predigers untergebracht . Sie öffnete ein Seitenzimmer , deutete mit abgewandtem Antlitz hinein , der Prediger betrat dasselbe , und erkannte in einem Manne , der früh gealtert war , den Unglücklichen , dessen er sich von seinen früheren Besuchen bei dem Oheim noch wohl erinnerte . Jener las in einer Bibel , die er dort aufgeschlagen gefunden hatte , und begann , sobald er den Prediger wahrnahm , eine Geschichte des Alten Testaments zu erzählen . Der Prediger , den dieser sonderbare Empfang ganz verwirrt machte , ließ ihn dennoch ausreden , und sagte dann : » Dem mag so sein , aber nun entdecken Sie mir , was Sie uns unerwartet wieder zuführt ? « Hermann strich sich über die Stirn , als müsse er sich erst besinnen , dann versetzte er gleichgültig : » Ich muß doch irgendwo bleiben . Ich bin an vielen Orten , hier und da gewesen , meine Kleider fangen an , abzureißen , ich habe auch wenig Geld mehr . Nun erinnerte ich mich , daß hier herum Verwandte von mir wohnen , deren Verbindlichkeit es nach römischem und deutschem Rechte ist , für einen dürftigen Angehörigen zu sorgen . « Er setzte hierauf , ohne zu stocken , die ganze Lehre von der Alimentationspflicht der Verwandten auseinander , und führte die betreffenden Gesetzstellen mit der größten Sicherheit an . Der Prediger , welcher gar nicht wußte , was er aus diesem Benehmen machen sollte , musterte ihn mit erstaunten Blicken . Der Anzug des Unglücklichen war äußerst sauber , die Wäsche sehr weiß , aber alles bis auf den Faden abgetragen . Die Verwunderung des andern schien ihn wenig zu kümmern ; er setzte sich , da der Prediger in seinem Schweigen verharrte , wieder zur Bibel und las darin ruhig weiter . Cornelie weinte im Nebenzimmer heiße Tränen . » Wie mager seine Hände sind , wie bleich das Gesicht ist , und an den Schläfen hat er graue Haare ! « sagte sie zum Prediger . » Ist es wirklich so , wie ich denke « , fragte sie mit leiser , von innigen Schaudern unterbrochner Stimme ; » hat er den Verstand verloren ? « » Ich kann mich noch nicht in seinen Zustand finden « , versetzte der Prediger . » Seine Worte zeugen von keiner Verwirrung der Geisteskräfte , aber es ist , als ob ein totes Buch , und nicht ein lebendiger Mensch rede . Machte es denn auf ihn keinen Eindruck , als er dir unvermutet begegnete ? « » Nein « , erwiderte Cornelie . » Ich war , wie vom Schreck gelähmt , als er unter den Bäumen in dieser Gestalt mir entgegentrat . Er aber reichte mir , als sei er täglich mit mir zusammen , freundlich die Hand und bot mir den gewöhnlichen Gruß . So ließ er sich auch von mir willenlos hieherführen . « » Wir müssen nun überlegen , wohin wir ihn bringen , da er doch hier unmöglich bleiben kann « , sagte der Prediger . Cornelie wurde blaß , ihre Lippen zuckten , die Tränen , welche schon in den guten treuen Augen versiegt waren , überströmten wieder ihre Wangen . So stand sie eine Weile schweigend da . Endlich fiel sie dem Prediger zu Füßen , drückte seine Hände flehentlich gegen die zarte Brust und rief : » Stoßen wir ihn nicht hinaus in die Fremde ! Ist seine Wandrung zu uns nicht ein Zeichen , daß wir ihn behalten sollen ? « Der Prediger wußte von den Hausgeschichten so viel , daß er das Bedenkliche dieser Entschließung einsah . Er stellte Cornelien vor , wie unangenehm es dem Oheim sein müsse , wenn er erfahre , daß jemand , der ihm zuwider sei , von seinen nächsten Umgebungen beherbergt werde , und wie jede Gemütsbewegung den dünnen Lebensfaden des Greises zerreißen könne . » Das fasse ich wohl « , versetzte Cornelie ruhig , » und dennoch müssen wir unsre Pflicht tun . Er scheint still und sanft zu sein , wir werden ihn hier in der Verborgenheit hüten können , alle Sorgfalt will ich anwenden , daß dem Oheim seine Anwesenheit nicht bekannt werde . « Der Prediger wollte noch immer nicht nachgeben . Da rief Cornelie plötzlich mit einer Lebhaftigkeit , die ihn von dem schüchternen , bescheidnen Kinde in Erstaunen setzte : » Wohlan , treiben Sie ihn von Ihrer Schwelle , so nehme ich ihn auf , so soll er in meinem Stübchen wohnen , und ich will mich auf dem Söller betten . Auf die Landstraße lasse ich ihn nicht jagen . « Der Prediger sann nach , und erklärte sich zuletzt bereit , den Armen wenigstens vorläufig bei sich zu behalten . Dagegen mußte ihm Cornelie die tiefste Verschwiegenheit geloben . Hermann nahm die Nachricht , daß er bei dem Prediger bleiben solle , wie alles , gleichgültig auf . Sein Wirt beobachtete ihn in den nächsten Tagen sorgfältig , und fand , was wir schon aus der Feder des Arztes über ihn berichtet gelesen haben . Er suchte ihn auf verschiedne Weise anzuregen , ließ sich von ihm im Garten helfen , strebte , durch Gespräche über naturgeschichtliche Gegenstände , in welchem Fache er sich viel versucht hatte , auf seinen Kranken zu wirken , jedoch vergebens . Jener ging auf alles ein , las die Bücher , die ihm der Prediger hinlegte , und sprach im Zusammenhange über ihren Inhalt , blieb aber in die Lethargie versunken , welche alle seine Seelenkräfte umsponnen hielt . Vor dem Oheim wurde die Gegenwart des Unglücklichen sorgfältig verborgen . Cornelie war , wenn sie sich allein befand , sehr ernst . Ihr Versprechen , welches sie dem Prediger hatte geben müssen , den Kranken nicht zu besuchen , hielt sie gewissenhaft , nur konnte der Prediger , sooft er abends zum Besuche kam , an ihren ängstlich-fragenden Augen abnehmen , mit welcher Sehnsucht sie den Nachrichten von seinem Hausgenossen entgegenharrte . Diese lauteten freilich nicht tröstlich , und meldeten nur ein trauriges Einerlei . Um den Oheim vor einer plötzlichen Begegnung zu schützen , waren dem Kranken , der noch immer gern weite Spaziergänge machte , seine Wege vorgeschrieben worden . Er mußte , wenn er frische Luft schöpfen wollte , von den Fabriken abwärts , auf einsamen , wenig betretnen Wiesen sich ergehen , die am Fuße waldiger Hügel lagen . Diese Vorschrift ließ er sich auch geduldig gefallen , wie er denn überhaupt alles ohne Widerstreben tat , was seine Pfeger ihm geboten . Nur einmal , als man auch jene Erlaubnis noch für gefährlich hielt , und ihn auf das Haus und allenfalls den Garten beschränken wollte , kündigten sich Zeichen einer geheimen innerlichen Wut an , welche die Besorgnis vor einer verhängnisvollen Szene erwecken mußten , und zu einer raschen Aufhebung des Verbots nötigten . Am folgsamsten war er gegen die Frau des Predigers , welche , eine gute schlichte Matrone , ihn auch sehr zweckmäßig zu behandeln wußte . Während die andern ihn doch mehr oder minder merken ließen , wofür sie ihn hielten , tat diese , als sei sein Zustand nichts Abweichendes , als müsse alles so sein , wie es war . Es war ihr aufgefallen , daß er von seinem Rocke , welcher , obgleich völlig rein gehalten , doch kaum noch in den Nähten hing , durchaus nicht lassen , ja nicht einmal die Säuberung dieses Kleidungsstücks einem andern übertragen wollte . Jeden Morgen klopfte und bürstete er selbst ihn aus . Irgend etwas Besondres hierunter ahnend , schlich sie eines Abends spät , da Hermann schon fest schlummerte , in sein Zimmer , nahm den Rock hinweg , und untersuchte ihn . Plötzlich fühlte sie etwas Hartes vorn in der Gegend der Brustteile , trennte an der Stelle das Futter vorsichtig vom Tuche , und zog jene Brieftasche hervor , nach deren Eröffnung eine so unglückliche Wendung in den Schicksalen unsres Freundes eingetreten war . Sie war verschlossen . Der Prediger , welcher herbeigerufen und mit dem Funde bekanntgemacht wurde , wollte sie gewaltsam öffnen , seine Frau war aber dagegen und sagte : » Dies möchte , wenn unser Pflegling es entdeckte , ihn aufbringen ; seien wir zufrieden , zu wissen , wo aller Wahrscheinlichkeit nach das Wort des Rätsels steckt , und stellen wir der Zeit die Lösung anheim . « Sie nähte hierauf die Brieftasche wieder ein und tat den Rock an seinen Ort . Am andern Morgen trat Hermann , den Rock über den Arm gehängt , in ihr Zimmer und erklärte , er werde sich einen neuen machen lassen , dieser sei nachgerade gar zu schlecht und dünn geworden . » Ich will dir es nur gestehn , Mutter « , fügte er hinzu , » der Rock war mir lieb , weil er so viel mit mir ausgehalten hat , aber es ist etwas damit vorgegangen , und nun mache ich mir auch aus ihm nichts mehr . Hebe ihn wohl auf , meine Geheimnisse sind darin . « » Wenn dem so ist , mein Freund « , versetzte sie , » so laß uns die Geheimnisse zusammen erwägen . Dergleichen Dinge werden oft besser , wenn vier Augen darüber kommen . « » Das ist unmöglich « , erwiderte er , entblößte seine Brust , und ließ sie ein Schlüsselchen sehn , welches er am schwarzen Bande um den Hals trug . » Sieh , dieser Schlüssel ist eigen zu der Brieftasche gemacht , von meinen Vätern - denn du mußt wissen , daß ich deren zwei habe - mir vererbt und doch schließt er nicht mehr dazu . Ich habe es oft versucht , und es wollte immer nicht gehn , auch bin ich überzeugt , daß keine Menschenhand einen dazu verfertigen kann . Also laß du diese Dinge immerhin unter dem Schlosse . « Er zog sie an sich und flüsterte ihr zu : » Es ist mir recht lieb , daß du mich nicht für verrückt hältst . In meinen guten Tagen traf ich einmal einen Menschen an , den sie in Rußland in die Bergwerke gesetzt hatten , und dem nun Mutter , Vater , Brüder und Braut gleichgültig geworden waren . So ist es mir auch ergangen ; muß man deshalb blödsinnig sein ? « Sie erzählte ihrem Manne den Inhalt dieses Gesprächs . Ihm wurde die Sache immer unheimlicher , da sein geordneter einfacher Lebensgang einen so fremdartigen Bestandteil nicht wohl vertragen mochte . Er schrieb unter der Hand an den Arzt und Wilhelmi , von deren früheren Verbindung mit Hermann er allerhand erkundet hatte . Der Arzt antwortete nicht ; er war wieder auf einer gelehrten Reise begriffen . Von Wilhelmi liefen dagegen umgehend einige Zeilen voll des regsten Eifers für den kranken , so lange verschollen gewesenen , Freund ein . Er versprach seinen Besuch , sobald ihm nur ein abermaliges Kindbette seiner Frau die Reise gestatten möchte . Viertes Kapitel Das Familiengrabgewölbe war vollendet . Säulen von grauem Marmor stützten ein ernstes Portal , von dessen Stirnfläche ein freundliches : Willkommen ! in großen goldnen Buchstaben leuchtete . Am innern Eingange lehnten zwei Genien sich als träumerische Hüter auf die umgestürzte Fackel , das Gewölbe selbst war einfach aber würdig mit großen Werkstücken ausgesetzt , und empfing durch eine Kuppelöffnung , deren Seitenlucken das stärkste Kristallglas verschloß , ein dämmerndes Licht . Diese Begräbnisstätte hatte der Oheim mit großen Kosten und vieler Mühe in dem Berge , den seine verstorbne Gattin geliebt , austiefen und schmücken lassen . Je näher er sich selbst so dem Ziele seiner Tage fühlte , desto eifriger wurde sein Bestreben , das Werk noch vollendet , die Asche der ihm so teuren Frau dorthin gebracht zu sehen . Nach seinem Willen sollte der Ort und dessen Umgebung zwar etwas Feierliches , aber nichts Düstres haben . Er ließ den Platz vor dem Gewölbe mit klarem Kies belegen ; Zypressen , Taxus und andres dunkelfarbiges Gesträuch mußte die Umsäumung desselben bilden , Mauerwerk , welches in die Runde geführt ward , war bestimmt , den Vorplatz vor dem Verwaschen und Abschießen durch Regenfluten zu schützen , an dasselbe lehnten sich schönblühende Rankengewächse , damit das Auge nirgends durch tote Massen ermüdet werden möchte . In der Tat bekam die Anlage durch den Kontrast der gediegnen Architektur mit der umgebenden Baum-Pflanzen- und Blumenwelt einen eignen Reiz , so daß jeder sich gern auf den zu beiden Seiten des Portals zum Verweilen einladenden Steinsitzen niederließ . Noch ganz zuletzt hatte sich ein bedeutendes Hindernis aufgetan . Der Architekt sah nämlich , als das Gewölbe schon