. Endlich war diese wichtigste Familienbegebenheit so vielfach mit immer erneuerter Freude besprochen worden , daß die Seele gewissermaßen befriedigt war , und der Graf hatte nun auch das besonders an ihn gerichtete Paket des Sohnes gelesen , das in Form eines Tagebuches die bedeutendern Vorfälle bei der Armee , so weit dieß zu wagen war , berichtete . Der Graf folgte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gange der Begebenheiten , an denen Evremont Antheil genommen hatte , bis seine Aufmerksamkeit von den großen weltgeschichtlichen Ereignissen abgelenkt wurde , indem sein Sohn einen Gegenstand berührte , der seine Phantasie in den Kreis seines bürgerlichen Lebens zurückführte . Ich zog , so schrieb Evremont , an der Spitze meines Regiments durch ein anmuthiges Thal , das sich zwischen baumbewachsenen Hügeln hinschlängelte . Der Himmel war über uns dunkelblau , wie ein unermeßlicher Sapphir , ausgespannt , kaum regten sich gelinde Lüfte . Nichts unterbrach die Stille der Natur , als das sanfte Plätschern eines silberhellen Baches , der zwischen blühenden Ufern floß . Mir schien es , als sei dieß ruhige Thal von den Menschen vergessen und blühe hier still für sich in ungekannter Schönheit , und es dünkte mir fremd und seltsam , daß ich hier mit kriegerischem Getöse über den ruhigen Busen der Erde zog . Meine Träumerei und die tiefe Ruhe um uns her wurde auf einmal durch den Knall von kleinem Gewehrfeuer unterbrochen , den ein vielfaches Echo in den Bergen wiederholte , und es schien mir , als ließe sich ein fernes Jammergeschrei schwach unterscheiden . Da unter den jetzigen Umständen in diesem herrlichen Lande Vorsicht die erste Tugend ist , die man sich aneignen muß , so zog auch ich mit doppelter Vorsicht weiter durch das enge Thal , und ich hatte so sehr allen Sinn für die noch eben empfundene Schönheit desselben verloren , daß ich eifrig das Ende zu erreichen wünschte . Indeß näherte ich mich an der Spitze meines Regiments dem Platze , wo eben gekämpft worden war , indem wir um einen Hügel bogen , hinter welchem sich das Thal etwas weiter ausbreitete , und der erste Blick überzeugte mich , daß keine Gefahr zu überstehen sei , ob sich mir gleich ein trauriger Anblick darbot . Es waren Reisende , die nur eine schwache Bedeckung hatten , von Guerillas überfallen worden , und sollten eben geplündert und getödtet werden , als der Anblick meiner überlegenen Macht diese bewog , sich eilig zurückzuziehen und die , die sie sich zu Opfern ausersehen hatten , ihrem Schicksale zu überlassen . Als ich dem Orte näher kam , wo der Ueberfall Statt gefunden hatte , bemerkte ich zwischen umgeworfenen Wagen eine stehende Dame , die ihre Hände krampfhaft auf der Brust zusammengepreßt hatte , und mit dem Ausdrucke höchster Angst und des heftigsten Schreckens die starren Blicke gedankenlos in die Weite richtete . Ich wollte meinen Augen nicht trauen , als ich in dieser Dame diejenige wieder erkannte , der ich mich in Madrid hatte vorstellen lassen , um die Bekanntschaft eines räthselhaften Verwandten zu machen . Als ich mich überzeugt hatte , daß keine Täuschung mich verblende , stieg ich vom Pferde und näherte mich der Geängstigten . Ich faßte , indem ich Sie anredete , ihre Hand , um sie aus der Erstarrung zu erwecken . Ein schöner Blick aus den dunkeln Augen traf mich bei der Berührung , doch schien sie sich bei meinem Anblick einigermaßen zu beruhigen und deutete mit der linken Hand , indem ich ihre Rechte hielt , auf einen Gegenstand , den mir ein umgeworfener Wagen verbarg . Ich näherte mich und sah denselben jungen Mann , den man in Madrid Don Fernando nannte , schwer verwundet auf dem Rasen liegen . Er röchelte dumpf aus der verletzten Brust , und bei jedem Athemzuge quoll von Neuem das Blut hervor , das den Rasen rings um ihn färbte . Ich bog mich entsetzt zu ihm nieder , ich weiß nicht , ob er mich kannte , aber er wendete scheu den Blick von mir ab . Ich erkannte die Nothwendigkeit augenblicklicher Hülfe . Der Regimentsarzt war schnell herbei gerufen , und ich führte die Dame hinweg , bat sie in einiger Entfernung zu ruhen während des nothwendigen Verbandes , und ließ ihr eine Bedeckung zu ihrer Sicherheit . Stillschweigend ließ sie sich alle meine Anordnungen gefallen , und ich kehrte zu dem Verwundeten zurück , um Zeuge eines seltsamen Auftritts zu sein . Ein alter würdiger Unteroffizier hatte den Tadel seiner Kameraden nicht geachtet und sich vor einiger Zeit mit einer Frau verheirathet , die mehrere Officiere nach einander zur Geliebten gehabt hatten . Diese nun folgte als Marketenderin dem Regimente , und da bei dem Verbande des Verwundeten Leinenzeug erforderlich war , wurde sie herbei gerufen , um wo möglich damit auszuhelfen . Sie erschien und schaffte bereitwillig herbei , was sie vermochte , und wollte nun auch bei dem Verbande selbst Hülfe leisten . Als sie sich , um dieß zu können , zu dem Verwundeten niederbeugte , starrte sie diesen einen Augenblick an und rief dann mit allen Zeichen eines lebhaften Schmerzes : Jakob , Bruder Jakob , muß ich Dich so wiedersehen ? Der Verwundete richtete einen matten Blick auf die Gestalt , deren kreischender Ton ihn erweckt hatte , und wendete dann mit unverkennbarem Widerwillen sein Gesicht hinweg . Diese Bewegung des zum Tode Verwundeten ließ die , die ihn als Bruder erkannte , alle Gefahren vergessen , denen sein Leben Preis gegeben war , und sie ergoß sich in Strömen von Scheltworten , worin sie ihm vorwarf , daß sein Hochmuth sie zu Grunde gerichtet habe , indem er ihre Schönheit immer benutzt habe , um sich Wege zu bahnen , und daß nun ein um seinet Willen gänzlich verlornes Leben nun sein schnöder Undank ihr so vergelte , daß er sie im letzten Augenblicke seines Daseins nicht anerkennen wolle . Der junge Mann schien unter diesem Strome von Scheltworten furchtbar zu leiden , und seine Augen suchten ängstlich einen Gegenstand , dessen Dasein er offenbar fürchtete . Ich duldete diesen Erguß des Zornes nur so lange , als meine Ueberraschung mich verstummen ließ . Sobald ich mich davon erholt hatte , befahl ich dem Unteroffizier seine scheltende Gattin hinwegzuführen , und da im Kriege auch eine Marketenderin gehorchen muß , so wurde meinem Befehle zur sichtbaren Erleichterung des Verwundeten Folge geleistet . Die hinweggeführte scheltende Schwester hatte sich im Zorneseifer der deutschen Sprache bedient , und so war sie von Niemandem als von mir und dem unglücklichen Bruder verstanden worden . Indeß hatte sich die Dienerschaft der Reisenden wieder gesammelt , die vor den Guerillas die Flucht genommen hatte ; auch einige Schäfer und Landleute hatten sich eingefunden , denen vielleicht diejenigen nicht fremd waren , die ihre Beute beim Anblicke der überlegenen Macht verlassen hatten . Mit dem Verbande war man , so gut es sich thun ließ , zu Stande gekommen , und ich sah mich nun verlegen um , weil ich nicht wußte , was ich mit dem Unglücklichen beginnen sollte . Ein alter Schäfer trat zu mir , dessen weißes Haar und ehrwürdiges Gesicht jedes Mißtrauen zu widerlegen schienen , das in meiner Seele hätte aufsteigen können . Er rieth mir , den Verwundeten über einen der Berge tragen zu lassen , zu dem ein Fußpfad hinaufführte , und er versicherte mir , wir würden in einer halben Stunde ein Dorf erreichen und dort bei dem menschenfreundlichen Geistlichen allen möglichen Beistand finden . Er ist nicht wie Viele seines Gleichen , setzte der Greis mit Bedeutung hinzu ; wenn ein Leidender seiner Hülfe bedarf , so fragt er nicht , für welche Sache er streitet . Ich verstand den Wink . Die Landleute bereiteten aus Baumzweigen eine Bahre , um den Verwundeten zu tragen . Die Reisewagen waren wieder aufgerichtet und sollten auf dem Fahrwege dasselbe Dorf zu erreichen suchen , wozu sie , wie man versicherte , einige Stunden brauchen würden . Einen Theil meiner Leute gab ich diesen als Bedeckung mit , andere sollten uns zu Fuß begleiten , und den Rest des Regiments sendete ich mit der Marketenderin nach dem Orte voraus , wo ein Rasttag gehalten werden sollte . Als ich alle diese Anordnungen getroffen hatte , näherte ich mich dem Orte , an dem ich die Dame verlassen hatte . Zwei Kammerfrauen , die sich hinter Hecken während des Ueberfalls verborgen , hatten sich zu ihr gefunden und schienen ihr Beistand zu leisten , denn in dem Schooße der einen ruhte das bleiche Haupt der Gebieterin , von dem sich die glänzend schwarzen Locken und Flechten in Verwirrung bis auf den Rasen herabsenkten , indeß die andere ihr wohlriechende Essenzen vorhielt . Als ich mich dieser Gruppe näherte , erhob sich die Dame mit mehr Kraft , als ich ihr zugetraut hatte , und indem sie mir mit Anstrengung entgegen wankte , fragte sie mit bleichen , bebenden Lippen : Lebt mein Gemahl ? Da ich so eben die unzweifelhafte Ueberzeugung bekommen hatte , daß der verwundete junge Mann , wie Sie , mein theurer Vater , schon lange werden vermuthet haben , Niemand anders sei als der Sohn Ihres ehemaligen Dieners , des alten Lorenz , so verwirrte mich die Frage , und ich schwieg einen Augenblick . Die Dame wurde sichtlich bleicher , und indem sie mit beiden Händen meinen Arm faßte und ihn krampfhaft drückte , rief sie in höchster Angst : Sprechen Sie es aus , er lebt nicht mehr , und , Gott ! fuhr sie fort und richtete den Blick mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes nach oben , o Gott ! ich habe ihm nicht vergeben ! Fassen Sie sich , erwiederte ich und brachte so viel Ruhe als möglich in meine Stimme ; er lebt , aber ich kann Ihnen nicht verhehlen , daß sein Zustand mir nicht gefahrlos scheint . Gelobt sei die heilige Mutter Gottes ! rief sie und zog ihre Hände zurück , die meinen Arm noch immer hielten . Ich theilte ihr nun mit , daß der Verwundete über den nahen Berg getragen werde , um ein Kirchdorf eher zu erreichen , und fragte sie , ob sie sich Kräfte genug zutraute , den Weg einer halben Stunde zu Fuß mit mir zu machen , oder ob sie es vorzöge , das Dorf auf dem Fahrwege zu erreichen und so etwas später einzutreffen . Sie wählte ohne Bedenken das Erste und sagte , indem sie sich zitternd an meinen Arm lehnte , ihre Kräfte seien völlig wieder hergestellt . Wir setzten uns sogleich in Bewegung , und auch die Kammerjungfern schlossen sich uns an . Wir bemerkten bald , daß die jungen Landleute , den Verwundeten tragend , sich schon den Berg hinaufbewegten , und wir eilten , so sehr es die Kräfte meiner Begleiterin gestatteten , ihnen zu folgen . Mit einiger Beschwerde war der Weg bald zurückgelegt , und der würdige Geistliche , den einige voraneilende Landleute schon von dem Unglück unterrichtet hatten , kam uns am Eingange des Dorfes entgegen , und bot sein Haus und alles , was er vermöge , den Reisenden freundlich an . Wir erreichten bald seine bescheidene Wohnung , und ein altes Mütterchen , seine Haushälterin , empfing uns in reinlicher Kleidung eben so freundlich als ihr Herr . Der Verwundete wurde sogleich in ein kleines schon für ihn bereitetes Zimmer gebracht , und wie ein Sterbender , bleich mit mattem Blick , fast bewegungslos , von der Bahre gehoben und auf ein reinliches Lager gesenkt . Der erste nur flüchtig angelegte Verband mußte jetzt verbessert werden , und als der Unglückliche alle diese unvermeidlichen Qualen überstanden hatte , irrten seine Blicke im Zimmer umher , als ob er Jemanden suche , den er schmerzlich vermisse . Ich errieth ihn und eilte seine Gemahlin aufzusuchen , die der Geistliche in ein anderes Zimmer geführt und der Vorsorge der Haushälterin überlassen hatte , indeß er selbst sich bemühte , alles herbei zu schaffen , was zur Erleichterung des Kranken dienen konnte . Ich fand die Dame mit ihren Kammerfrauen im eifrigen Gebet vor einem Muttergottesbilde auf den Knieen liegen ; sie erhob sich bei meinem Anblick , und ihr großes schwarzes Auge blickte mir ängstlich fragend entgegen . Ich fragte sie , ob sie jetzt , da der Verband gehörig angelegt sei , ihren Gemahl besuchen wolle . Sie nahm schweigend meinen Arm und ich führte sie an das Lager des Kranken . Ein Strahl der Zärtlichkeit dämmerte auf im erloschenen Auge des Verwundeten ; kraftlos bemühte er sich die Hand zu erheben und sie der Gattin entgegen zu strecken . Da löste sich die Starrheit ihrer Züge ; die glänzenden Augen wurden feucht , und Thränen träufelten wie Perlen über die bleichen Wangen ; sie senkte sich auf ein Knie neben das Lager des Leidenden , faßte mit ihren beiden Händen dessen dargebotene Hand und preßte sie mit leidenschaftlichem Ausdruck an ihren Busen , indem sie rief : Ich vergebe Euch , Don Fernando , wie der Himmel mir in meinen letzten Stunden vergeben möge . Ein schwaches , seltsames Lächeln zuckte um den Mund ihres Gatten , indem die Dame fortfuhr : Ja , und ich bete inbrünstig zu Gott und allen Heiligen , daß der Himmel Euch erhalten , und die gnadenreiche Mutter Euch zum Heile und mir zum Trost Euern Sinn ändern möge . Da ich fühlte , daß jeder Zeuge den beiden Gatten lästig sein müsse , verließ ich das Zimmer und führte den Wundarzt mit mir hinaus . Wir betraten beide den kleinen Garten des Pfarrers , und ich fragte ihn , was er von dem Zustande des Verwundeten halte ? Er zuckte die Achseln und erwiederte : Er wird die Nacht nicht überleben , und es wäre gut , wenn ihn der Pfarrer darauf vorbereitete , damit , wenn er noch Verfügungen zu treffen hat , die kostbare Zeit nicht verloren geht . Ich hörte mit Schrecken diese bestimmte kaltblütige Zusicherung eines Mannes , dessen geübter Blick sich schwerlich täuschen konnte . Ich werde ihn mit keinem Verbande mehr quälen , fügte er hinzu , denn es ist völlig unnütz ; auch werde ich ihm nicht untersagen zu sprechen , denn sein Schweigen könnte sein Leben höchstens einige Stunden verlängern , die keinen Werth für ihn haben können , und er hat vielleicht noch Anordnungen zu treffen , die sein Gewissen beruhigen oder für seine Familie werthvoll sein können . Ob mich gleich die tiefe Ruhe empörte , mit welcher der Wundarzt alles dieß aussprach , so sah ich doch das Vernünftige seines Verfahrens ein und kehrte zu dem Kranken zurück , bei dem ich seine Gattin und den Pfarrer antraf . Es schien , als ob er mich mit Sehnsucht erwartet hätte , denn er ließ , so wie er mich erblickte , die Hand seiner Gattin los , die er auf seine verletzte Brust gedrückt hielt , und gab durch Zeichen zu verstehen , daß er mit mir allein zu sein wünsche . Der Pfarrer verließ mit der Dame das kleine Gemach , und ich setzte mich neben das Lager des Leidenden hin . Es schien , als suche er Kraft ein Gespräch zu beginnen , das ihm nothwendig däuchte und ihm doch in jedem Sinne quälend zu werden drohte . Ich suchte seinen Zustand zu erleichtern , und indem mir die Worte des Wundarztes einfielen , begann ich das Gespräch und sagte : Sie werden mich gewiß nicht für so roh halten und glauben , daß ich Sie auch nur auf die entfernteste Weise beleidigen wolle , wenn ich einige Fragen an Sie richte über einen Gegenstand , über den , wie es scheint , Sie selbst sich mitzutheilen wünschen . Ich verbinde mit diesen Fragen keine andere Absicht , als Sie das Sprechen so viel als möglich vermeiden zu lassen , denn Sie brauchen meine Fragen nur durch Zeichen zu beantworten , und eben so wird ein Zeichen mich davon belehren können , wenn Sie diese Erklärungen überhaupt zu vermeiden wünschen . Erwartungsvoll richtete der junge Mann die dunkeln Augen auf mich , und ich fuhr fort , indem ich meiner Stimme einen so sanften Ton gab , als ich nur vermochte : Nicht wahr , Sie sind der Sohn des alten Lorenz , des ehemaligen Kastellans des Grafen Hohenthal ? Ein schmerzhaftes Gefühl machte die blassen Lippen beben , aber der Verwundete gab ein bejahendes Zeichen . Und der Baron , fragte ich weiter , dessen Namen Sie führen , ist bei Bayonne im Duell geblieben , und Sie benutzten seine Papiere ? Auch diese Frage wurde bejahend beantwortet . Ich habe Ihre Schwester entfernt , fuhr ich fort , um der Dame , die Ihre Gemahlin ist , unnützen Kummer zu ersparen , der durch eine rohe Zudringlichkeit hätte veranlaßt werden können . Ein dankbarer Blick belohnte mich für diese Aufmerksamkeit . Haben Sie mir aber nichts für diese Schwester aufzutragen ? fragte ich weiter . Er deutete auf ein Kästchen , das auf einem kleinen Tisch neben dem Bette stand . Ich öffnete es auf sein Verlangen ; er deutete auf eine schwere Börse voll Goldstücken . Wollen Sie , daß ich ihr diese Summe einhändigen soll ? Er bejahte auch dieß . Ich nahm die Börse zu mir und versprach diese Pflicht zu erfüllen . Und nun , sagte ich , wie soll ich es beginnen , um meine Fragen so einzurichten , daß mir ein Zeichen andeuten kann , was ich , um Ihre Wünsche zu erfüllen , für Ihre Gemahlin thun soll ? Wie kann ich dieser Pflicht genügen und Ihre Brust dabei schonen ? Die Schonung ist unnütz , sagte er mit leiser Stimme , ich weiß , daß ich sterben muß , und ich habe die wenigen Lebenskräfte , die mir noch bleiben , für edlere Gegenstände bewahren wollen . Ich beobachtete durch dieß Fenster Ihr Gespräch mit dem Wundarzte , und ich sah es Ihren und seinen Mienen an , daß ich sterben muß . Ich wollte Hoffnungen aussprechen , die ich selbst nicht hegte . Ein Zeichen der Ungeduld legte mir Stillschweigen auf , und der Kranke fuhr mit Anstrengung fort : Wenn ein Richter über den Sternen lebt , wenn der Gebrauch , den wir hier von unserem Dasein machten , unsere Zukunft dort bestimmt , so wird das Wesen , das wir anbeten , unsern wahren Werth wägen und nicht wie ein Polizeioffiziant dieser armen Erde Untersuchungen anstellen , ob wir es gewagt haben , einen andern als den uns zukommenden Namen zu führen , um ein solches Vergehen zu bestrafen . Eine solche Furcht kann mich nicht beunruhigen , gleichgültig erscheint mir der Unterschied der großen und unbedeutenden Namen , eine Kinderei , die bald für mich ganz geendigt sein wird ; aber versprechen Sie mir alle Vorsicht anzuwenden , damit meine Gemahlin nie über diesen Gegenstand aufgeklärt werde . Sie hat mich sehr geliebt , mit höchster Leidenschaft , fuhr er fort , aber doch nicht so sehr , daß der kastilianische Stolz die Neigung nicht überwunden haben würde , wenn sie nicht überzeugt gewesen wäre , sich mit einem der ältesten Freiherrn des römischen Reiches zu verbinden , und sie würde völlig elend werden , wenn Sie ihr den unschädlichen Wahn rauben wollten . Er sah verlangend nach mir auf . Ich reichte ihm die Hand und gelobte auch dieß , und ich glaube ich habe mir nichts dabei vorzuwerfen . Warum sollte ich das Herz einer unschuldigen Frau durchbohren , um sie über einen Irrthum aufzuklären , der Niemandem in der Welt Nachtheil zuziehen kann . Ein unverkennbarer Ausdruck der Dankbarkeit leuchtete matt in den verlöschenden Augen des Verwundeten . Nachdem er wieder einige Kräfte gesammelt hatte , fuhr er fort : Auch ich habe diese Frau auf ' s Innigste geliebt - eine schwache Röthe färbte auf einen Augenblick die bleichen Wangen - aber freilich sah ich auch dieß Gefühl anders an , als die heftige , leidenschaftliche Frau . Ich glaubte , für den geliebten Gegenstand sei jedes Opfer ohne Ausnahme möglich , und hielt mich für berechtigt , alle zu erwarten , die es in meinen Plänen liegen könnte zu fordern . Die Irrungen , die hiedurch zwischen uns entstanden , straften mich für diese falsche Ansicht schrecklich ; doch auch dieß ist vorbei . Mir bleibt noch eine Pflicht zu erfüllen . Rufen Sie den Pfarrer und den Alkalden des Orts herbei , und setzen Sie in ihrer Gegenwart spanisch und französisch eine Erklärung auf , daß alle Wechselbriefe , die sich in meiner Chatoulle befinden , das unbestreitbare Eigenthum meiner Frau sind , ob sie gleich auf meinen Namen gestellt sind , und ich werde die letzten Kräfte daran wenden , dieß Blatt zu unterschreiben . Eilen Sie aber , ehe es zu spät wird , und wenn ich todt bin , schaffen Sie meine Frau sicher nach Frankreich hinüber . Die lange Rede hatte die Kräfte des Kranken erschöpft und mich erschreckte sein schwaches Husten . Ich rief den Wundarzt eilig ; doch ging der Anfall dieß Mal vorüber , ohne sein Leben zu endigen , und ich eilte den Alkalden herbeizuschaffen , um der Frau , die bald Wittwe sein würde , wenigstens ihr Eigenthum nach dem Tode des Mannes zu sichern . Auch dieß Geschäft wurde rechtsgültig geendigt , und ich richtete den Kranken behutsam in meinen Armen auf , damit seine zitternde Hand die Urkunde unterzeichnen könnte . Ganz erschöpft lehnte er sich auf die Kissen zurück , nachdem er dieß vollbracht hatte , und sagte mir dann in deutscher Sprache : Da ich , um meine Frau zu heirathen , zur katholischen Religion übergetreten bin , so wünsche ich noch zu beichten , damit die Arme über mein Ende sich beruhigen kann . Ich theilte den Anwesenden seinen Wunsch mit , der der Gattin des Kranken sehr zum Trost zu gereichen schien , und wir ließen ihn mit dem Geistlichen allein , dessen liebevolle Ermahnungen selbst auf diesen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen , denn der Ausdruck seines Gesichtes war milder , als wir auf sein Verlangen alle zu ihm zurückkehrten . Er nahm von uns Abschied , erinnerte mich noch ein Mal an mein Versprechen und blieb mit seiner Gattin allein . Die Unterredung zwischen beiden Gatten scheint eine leidenschaftlichere Wendung genommen zu haben , als für den Zustand des Kranken heilsam war , denn sie waren nicht lange allein , als ein durchdringender Schrei der Frau uns bewog nach dem Krankenzimmer zu eilen . Als wir eintraten , bemerkten wir sogleich , daß nun das Ende des jungen Mannes nicht mehr zu verzögern war . Seine Wunden hatten sich geöffnet und das Blut quoll unaufhaltsam hervor ; ein schwaches , röchelndes Husten erneuerte immer wieder sein Strömen . Die Frau lag auf den Knieen neben dem Bette des Sterbenden und klagte sich laut in den leidenschaftlichsten Ausdrücken als die Mörderin desselben an . Der Wundarzt näherte sich ihr mit gutmüthiger Rohheit , und sagte ihr kalt und trocken : Sein Sie darüber ruhig ; schon vor mehreren Stunden habe ich es dem Herrn Obristen gesagt , daß Ihr Gemahl die Nacht nicht überleben könne und daß jeder Versuch , sein Leben zu erhalten , vergeblich sein würde . So roh mir diese Worte klangen , so schienen sie doch einen Trost für die Frau zu enthalten , denn sie wurde ruhiger , gefaßter . Sie richtete einen mitleidigen Blick auf den Sterbenden und faltete ihre Hände , um für seine Seele zu beten . Die Augen des Verwundeten hatten Glanz und Licht verloren ; matt griff seine Hand auf der Bettdecke umher . Die Frau errieth ihn und faßte die suchende Hand . Ein tiefes Röcheln folgte und das Leben , das er vielleicht nie würdig gebraucht hatte , war dem Unglücklichen entflohen . Ich war in diesen Stunden so vielfach aufgeregt worden , daß ich meine Pflicht für mein Regiment etwas aus den Augen verloren hatte , und jetzt , indem ich mich darauf besann , wußte ich nicht , wie ich meine Versprechungen mit diesen Pflichten vereinigen sollte . Ich empfahl die Wittwe dem Pfarrer , die ich zwar betrübt , aber doch viel gefaßter fand , als ich es erwartet hatte , und eilte nach dem Sammelplatze meines Regiments , mit dem Versprechen , vielleicht noch diesen Abend wiederzukehren . Als ich den Ort erreicht hatte , wo ein Rasttag gehalten werden sollte , überraschte mich angenehm der Befehl , drei Tage hier zu verweilen , um ein anderes Regiment zu erwarten , das sich mit dem meinigen vereinigen sollte . Ich brauchte die Vorsicht , dem Manne der Marketenderin streng zu befehlen , seine Frau nicht aus den Augen zu lassen , und ich fügte diesem Befehle die Versicherung hinzu , daß die Folgsamkeit freigebig belohnt werden sollte . Hierauf kehrte ich beruhigter zu dem Pfarrer zurück , der schon alle vorbereitenden Anstalten zu der Beerdigung zu treffen begann , die am folgenden Tage Statt finden sollte . Das Glück war mir günstiger , als ich hoffen durfte , denn wenige Stunden nach der Beerdigung zog ein französisches Regiment durch die Gebirge , das nach Frankreich beordert war und dessen Obristen ich als einen sehr achtbaren Mann kannte . Ihm durfte ich die Wittwe empfehlen , und ich war überzeugt , daß sie unter seinem Schutze Frankreich sicher erreichen würde . Es blieb mir nun nichts übrig , als sie mit der Nothwendigkeit der baldigen Abreise bekannt zu machen . Sie nahm meine Erklärung mit Ruhe auf und sagte , sie sei bereit ihrem Schicksale zu folgen und ihr Vaterland auf immer zu verlassen , das sie nie wieder wohlwollend aufnehmen würde . Sie bemerkte die Verwunderung , welche diese Worte in mir erregten , und sagte : Ich bin Ihnen , Obrist , so viel Dank schuldig , daß es mir eine Pflicht scheint , Ihnen manche Aufklärungen zu geben , ohne die Sie vielleicht mein verletztes Gefühl nicht begreifen könnten und das Unglück meines Lebens nicht einzusehen vermöchten . Sie haben es in Madrid leicht bemerken können , fuhr sie fort , mit welcher Glut der Seele ich Don Fernando liebte , denn ich war unabhängig und brauchte eine Neigung , die ich für anständig und edel hielt , nicht zu verbergen . Noch heftiger , schien es , flammte die Glut der Liebe in Don Fernandos Seele , und wir schlossen einen Bund , der , wie ich hoffte , uns beide beglücken sollte . Sie wissen , daß ich der französischen Partei aus der reinen Ueberzeugung ergeben war , daß nur durch sie das Wohl meines Vaterlandes zu erreichen möglich sei . Auch diese Ansicht schien Don Fernando zu theilen . Wir waren vereinigt , und wenige Wochen waren hinreichend , um den Schleier vor meinen Augen zu zerreißen . Ich mußte es bald erkennen , daß ihn nicht ein hohes Interesse für die Fortschritte menschlicher Veredlung nach Spanien geführt hatte , er scherzte über meine Begeisterung und glaubte , da wir so innig verbunden waren , nicht mehr nöthig zu haben , mir seine wahre Ansicht zu verbergen . Sein Vortheil bestimmte ihn allein ; er wollte bei der Verwirrung , die die verschiedenen Parteien erregten , gewinnen ; er wollte steigen , und das allgemeine Unglück sollte ihm dazu helfen , die höchsten Stufen der Ehre zu erreichen . Er hatte gehofft , dieß durch französischen Einfluß zu erlangen , doch wurde ihm dieß zweifelhaft bei dem abwechselnden Glück , womit in Spanien gekämpft wurde . Er suchte sich also der entgegengesetzten Partei vorsichtig zu nähern , ohne es mit der französischen verderben zu wollen , und hoffte so auf jeden Fall seinen Zweck zu erreichen . Abscheu und Verzweiflung erfüllten meine Seele , als ich diesen Charakter in ihm erkannte , und dennoch gab es Stunden , wo die Täuschung zurückkehrte und das Gefühl der Liebe von Neuem meine Brust belebte , wo mich der thörichte Wahn ergriff , ich könne dieß Herz vielleicht läutern , diese Seele auf eine edlere Bahn leiten ; aber bald sollte für mich auch die letzte Täuschung verschwinden . Einen Augenblick schwieg die schöne Kastilianerin , eine tiefe Röthe glühte auf ihren Wangen und die Flamme des Zornes brannte in den dunkeln Augen bei der Erinnerung erlittener Schmach . Nach kurzem Schweigen fuhr sie mit unterdrückter Bewegung fort : Nicht bloß mein Vermögen wollte er benutzen , um seine ehrgeizigen Plane zu erreichen , sondern mich selbst . Ich sollte ihm dazu dienen , die Machthaber aller Parteien zu fesseln , zu blenden - doch genug über meine Erniedrigung , die jedes Band der Seele zwischen uns löste , ohne die Fesseln zerreißen zu können , die mich unauflöslich an seine Person schmiedeten . Ich glaubte nun , ich hätte den Kelch des Elends bis auf die Hefen geleert , aber zu diesem im Herzen nagenden Unglück drängte sich noch ein Leiden von außen herein . Die Intriguen Don Fernandos waren nicht mit Feinheit geleitet , sie wurden von allen Seiten durchschaut , und wir wurden bei der französischen Partei ein Gegenstand der Verachtung . Der Hof war uns so gut als verboten , und mein Haus , das Sie als den Sammelplatz der glänzendsten Gesellschaft gekannt haben , war eine Einöde . Die Gegner der Franzosen betrachteten uns mit dem reinsten , ganz unverhehlten Abscheu und wir wurden wie Verpestete gemieden . Unter solchen Umständen fand ich es natürlich , daß Don Fernando Spanien verlassen wollte , und ich weigerte mich nicht ihm nach Italien zu folgen , das er mir als künftigen Aufenthaltsort vorschlug . Er hatte sich gleich nach unserer Verbindung mit liebender Zudringlichkeit der Verwaltung meines Vermögens bemächtigt , und in der Stimmung , in der sich meine Seele