und Augen , und entführte sie also hinaus in ' s Weite , trotz den heulenden Hunden . Der Regen floß rieselig und kalt hernieder . Esther schauderte am Arm ihres gräßlichen Führers , und ließ sich eine gute Weile durch Sand und Moor mit fortziehen im schweigenden Dunkel , bis sie endlich so viel Besinnung gewann , die lederne Mütze vom Haupte zu reißen , plötzlich stille zu stehen , und mit der Stimme der Verzweiflung zu fragen : » Was ist das , Zodick ? Warum rissest Du mich denn weg aus dem Hause ? warum hast du mich nicht übergeben den tobenden Häschern , daß sie mich bänden und fortschleppten ? und wohin führst Du mich ? nicht gen Frankfurt ? was soll ich in diesem Gestrüpp oder in den Furchen des Feldes ? wohin schleppst Du mich , unsaubrer Geist ? « - » Nach der Hochzeitkammer , Liebchen ? « antwortete grinsend der Schurke : » Nach dem Hochzeitsbette , und von dannen in ' s Paradies . « - » Ach ! « schrie Esther : » Du willst mich tödten in Schmach ? « - » Nicht doch , Schickselchen ; « versetzte Zodick kalt : » Du wirst leben im Überfluß , so Du thust meinen Willen . Doch ist nicht hier der Ort , wo zu reden ist von der Zukunft . Komm , komm , Estherchen ? ' s ist nimmer weit ! « - Die Überzeugung , ohne Rettung verloren zu seyn , gibt dem Menschen öfters übermenschlichen Muth , und ungewöhnliche Kräfte . Esther empfand tief , daß der Augenblick gekommen sey , diese Kräfte zu wecken mit dem verzweifelnden Willen . Mit einer Heftigkeit , die nur dem aus brennender Zone stammenden Blute eigen ist , warf sie sich wild und kreischend auf den Niederträchtigen ; der sie weiter nach seiner Höhlen schleppen wollte . Weiblichkeit und die zarte Sanftmuth abstreifend , welche sonst ihre Zierde waren , gestaltete sich Esther aus einem duldenden Lamme zu einem kühnen Tiger um , und griff den Feind mit offner That an . Der Überraschte wehrte sich im Anbeginn nur schwach ; da es aber Esther zu gelingen schien ihn zurückzudrängen und von seiner Klaue sich loßzureißen , da ergrimmte der fürchterliche Mensch . Vom Sturme des Zorns und der Leidenschaft hingerissen , bot er alle Kräfte gegen die Widerstrebende auf ; seine riesigen Arme wurden länger , seine Fäuste stärker , und die Ärmste , deren Kräfte endlich in dem ungleichen Kampfe erlagen , sank keuchend und wimmernd auf den nassen Sand zu den Füßen des Schrecklichen , dessen eherne Hand sie beinahe zermalmte , während er nach seinem Gürtel griff , um die Bezwungene damit zu binden . Der entsetzlichsten Mißhandlung Preis gegeben , änderte Esther ihre Handlungsweise . Die Schlauheit ihres Geschlechts in das Treffen führend , ließ sie ab von dem fruchtlosen Kampfe , faltete die Hände wie eine Flehende , und beschwor unter Schluchzen und Thränen den übermächtigen Feind ihrer zu schonen . Sie wolle die Seine werden , sobald er ihr Zeit gönnen würde , sich zu fassen , zu erholen von dem gräßlichen Sturme in ihrer Seele . - Befriedigt lächelnd horchte Zodick auf die seinem Ohre willkommenen Worte , und zog die Bittende unsanft vom Boden in die Höhe . - » So gefällst Du mir , Estherchen ! « sprach er , tief Athem holend : » Du hast mir warm gemacht ; aber Du kennst nun auch , was es heißt , mit mir anbinden . ' s wär ' ein schlecht Geschäft , ein Druck des Fingers , um Dich zu vernichten hier in der Einöde ; drum ist ' s besser , Du ergibst Dich in des Herrn Befehl , und folgst mir zur Kammer . Eile aber jetzo . Wir sind bald zur Stelle . « - Unaufhaltsam riß er das Mädchen mit sich fort , durch Sandgetriebe , Weidenbüsche und verödete Triften , bis es endlich schroff über Kies und Gerüll hinunterging zu einer nackten Vertiefung , in welcher bei der Mondhelle ein Sumpf stand , wie ein trüber Spiegel , und daneben eine schwarze Hütte , aus deren Lücken ein mattes Licht schimmerte , dem Johanniswürmchen gleich , in schwarzer Hecke . Zodick befahl Esthern , leise aufzutreten , und schlich an die lichtspendende Öffnung , um den forschenden Blick in das Innre zu tauchen . Esther ' s Brust hob sich indessen wie die Brust einer Sterbenden . Und war sie nicht eine solche ? Den theuern Schwur , sich eher zu tödten , als beschimpfen zu lassen , dachte sie unverbrüchlich zu halten , und jenes traurige Moor schien ihr vom Geschick auserlesen zu seyn , ihr Todesbette zu werden . Welche Schrecken aber noch bis dahin an ihrem Geiste vorübergehen konnten , daran gedachte sie bebend . Zodick hatte indessen erkundschaftet , daß nicht gefährliches in der Hütte verborgen sey . Er pochte leise an das Fensterlein , und gab ein kauderwälsches Losungswort von sich , nach welchem man von innen fragte . Hierauf zog er Esther mit sich zum niederen Pförtchen der Hütte , welche schon aufgethan worden war . » Gut Zeit ! « sagte er zu dem alten Weibe , das , den brennenden Span in der Hand , die Einkehrenden empfing , und sorgfältig hinter ihnen zumachte : » Ist sauber die Luft , und rein Alles von Gefahr ? « - » Drinnen ist Alles rein , « erwiederte die Alte , und maß verwundert die bleiche Esther vom Kopf bis zu den Füßen . - » Ist Marten daheim ? « fuhr der Mordknecht fort , argwöhnisch in alle Winkel schielend . Das Weib bejahte , und stieß die Thüre zur elenden Stube der Mordherberge auf , in welcher der Anführer der Blutzapferrotte sich auf einer schmutzigen Bank wiegte , - die Augen roth und glühend vom Übermaaß des berauschenden Getränks . Esther fuhr zusammen bei dem Anblick dieses Menschen und seiner Umgebung , und setzte sich stumm , mit verbissenem Schmerz auf einen Schemel in der Ecke . Das alte Weib des trunknen Marten ging forschend und lauernd vor der Fremden auf und nieder , und hütete sie mit Drachenblicken . Marten reichte dafür dem begrüßenden die blutgewohnte Hand , mit dem Vorwurfe , daß er sich lange nicht habe sehen lassen . - » Hab ' Andres zu schlichten , « erwiederte der Mensch : » bring ' Euch da einen Gast , welcher aufwiegt alle Töchter in Israel , und will ihn Euch geben in Obhut , wenn es rein und koscher ist bei Euch . « - » ' s ist Alles leer ; « versicherte der alte Räuber : » die Gesellen sind alle in Thüringen gezogen , und an den Rheinstrom , weil ' s die Witterung erlaubt , in der Ferne sich Nahrung zu holen . Kein Mensch ist hier als das Weib und die Tochter , denn die drei Rittersknechte , die seit heut Nachmittag hier eingekehrt sind , sind nicht zu rechnen . Einer von ihnen liegt am Tode , und wir haben sie und ihre Rosse in die Scheuer eingestellt , am Moor . « - Zodick winkte dem Schwätzer mit einem Seitenblick auf Esther zu . » Zu dieser Nacht verlange ich die Kammer hier nebenan , für mich und mein Weib ; « sprach er , und die alte Frau entgegnete dienstwillig , sie stehe bereit , allein es sey kein Fenster darinnen angebracht . - Zodick schlug ein freches Gelächter auf . » Braut und Bräutigam fragen nicht nach Helle und Licht , « scherzte er , » und wär ' s auch die Schechinah des hochgelobten Gottes selbst . Wir werden sie gern entbehren . Nicht wahr , Liebchen ? « - Mit Abscheu wendete sich Esther , stumm die Hände ringend , von ihm . - Der rohe Marten lachte . » Das Mägdlein « sprach er , » geht so frei und lustig nach dem Brautbett , wie das junge Thier zum Metzgerhaus . Wohl bekomm ' s Euch beiden . Ich für mein Theil wollte , es käme endlich mein Knecht Wolfhard . ' s geht an die elfte Stunde , und ich muß noch heut hinaus . « - Inzwischen hatte sich Zodick zu Esther herabgebeugt , und raunte ihr drohend zu : » Gib Dich in Dein Schicksal . Wo Du schreist , wo Du Widerstand wagst , hast Du den Talles . Besinne Dich kurz ; ich gebe nicht mehr Frist . Ich will nicht werden alt wie Abraham , ohne zu kosten Deine Reize . Du kannst werden glücklich und leben lang , sobald Du wirst bekennen , wo Dein Vater hat hinvergraben seine Schätze . Der schlechte Mann hat mir geläugnet ab , daß er welche besessen . Du weißt aber sicher darum , und nur diesem Bekenntniß wirst Du zu danken haben Dein Leben . Bleibst Du stumm , mach ' ich Dich ewig stumm nach der Hochzeit . « » Grausamer ! tödte mich jetzt , da ich noch bin wie das Lamm der Weide ! « flehte Esther : » ich weiß nicht von dem , was Du begehrst . « - Zodick kehrte ihr drohend den Rücken , und stürzte ein Glas des Weins hinunter , den die katzenfreundliche Wirthin aufgestellt hatte . Indessen ging die Thüre auf , und Judith , Marten ' s und des Weibes Tochter , kam langsam und finstern Angesichts herein . Ohne zu grüßen , betrachtete sie abwechselnd Zodick wie Esther mit durchdringendem Auge . Der Jude wendete sich verächtlich von ihr , - Esther nicht minder , da sie in den groben und düstern Zügen der Dirne eine neue Feindin zu entdecken glaubte . Judith blieb in ihrer Stellung , bis der Vater sie anfuhr : » Wo streifst Du herum , Dirne ? Woher so spät ? « - » Ich komme vom Moor , « antwortete sie gelassen : » ich habe dort gebetet . « - » Du sollst verschwarzen , Greinerin ! « zankte Zodick giftig : » Bei dem Reitergesindel hat sie gesteckt in der Scheuer . « - » Dort ist der Tod ; « entgegnete Judith trübe : » Du witterst den Tod , blutiger Mann , darum bist Du hier . « - Zodick spie verächtlich vor der seltsamen Magd aus , und stürzte noch ein Glas hinunter . - » Schlinge nur , schlinge , nimmersatte Gurgel ! « sprach die Dirne ernst : » Bald wirst Du hier Blut zu saufen haben , Zodick . « - Der Genannte wie die andern schwiegen betroffen , und Judith wendete sich zu Esther mit der Frage : » Wie kommt es denn , daß die Reinheit eingegangen ist in diese Mordhütte an der Hand des blutigen Frevels ? Bedauernswerthe Jungfrau , - denn Du bist ' s , - warum bist Du gekommen an diese Stätte des Verderbens ? « - Esther suchte zagend in den Augen der Sprecherin , ob Wahnsinn oder eiserne Vernunft aus ihr rede . Judith errieth ihre Gedanken , und sprach viel milder : » Ich bin nicht toll , mein schönes Bild . Alles um Dich her ist nicht Wahnsinn oder Trug ; es ist fürchterliche Wahrheit . Dies ist ein verfluchtes Haus ; jener dort im Kleid des Elends und der Trunkenheit ist mein Vater ; und dieses entmenschte Weib ist die Mutter , die mich Erbarmenswerthe geboren . Steh ' auf , Weib , von der Seite der Unschuld , daß ich sie näher kennen lerne . « - Mit einer gebieterischen Geberde befahl sie der Mutter von Esther ' s Seite zu weichen , und das Weib , das höhere Zungen aus ihrem Kinde zu hören vermeinte , that wie sie begehrte . Zodick machte eine ungeduldige Bewegung : » Wär ' mein Kind der verfluchte Lästerbalg , « murrte er , » den Kopf hätt ' ich ihm eingedrückt in den Windeln . Ein Wort jedoch Alter ! « - Er zog den Alten bei Seite , und befragte ihn scharf nach den in der Scheuer liegenden Reitern . Marten blieb dabei , von denselben sey keine Gefahr zu besorgen . Der Eine sey sterbend , ein Zweiter zu seiner Pflege bestimmt , und der Dritte sey , wie er meine , schon von dannen geritten . - » Sind ' s Reisige , die zurückkommen aus einer Fehde , « sagte Zodick überlegend , » so könnte zu finden seyn Beute bei ihnen . Warum gehen wir nicht dahin , und bringen sie um , und nehmen , was sie haben ? Zum mindesten sind werth die Gäule ihren Schilling . « - » Recht ; « erwiederte Marten : » wenn nur kein Sterbender in der Scheuer läge ! Aber s ' ist ruchlos , da zu plündern , wo ein an Gebreste Verschmachtender verscheidet . Das bringt Unglück , weißt Du wohl . Glück bringen nur die Leichen , die wir selbst mit rothen Wunden gezeichnet . « - Zustimmend nickte Zodick . » Du hast Recht , Marten , « sagte er alsdann : » s ' ist gefährlich und nicht geheuer . Steht doch zu den Füßen des Sterbenden der Engel des Todes mit seinen tausend Augen , und schlägt herum mit seinem scharfen Schwerte , daß man geblendet rennt in dessen Schärfe ! Nein , - wir wollen verharren , bis er seyn wird starr , und alles Wasser hinweggegossen2 ; dann wollen wir sehen . Schofel ist ' s aber , daß in der heutigen Nacht nicht kann werden etwas gewonnen , bevor ich steige zu Bett mit dem Liebchen . « - » Ho ! wenn Dir das Noth anthut und Zwang , so wüßte ich wohl zu helfen ; « meynte Marten mit schalkhaftem Zähnefletschen : » Hab ' s Euch nur nicht anbieten wollen , Zodick , ... oder ... vergebt , ... Friedrich , wollt ich sagen . « - » Laßt ' s beim Alten , trunkener Goi ; « schaltete Zodick finster lächelnd ein , » und laßt hören , was es ist . « - » Ein glockenhell und unvereitelbarer Fang ; « antwortete Marten leise : » Ich weiß von guter Hand , daß heut gegen Mitternacht am Sprünglin Bürger von Bergen nach einem Schatz zu graben gedenken , den ihnen eine nächtliche Flamme verrathen , und ein Pfaffe verheißen haben soll . Die Dummköpfe haben Geld zusammengebeutelt aus allen Kisten und Truhen , denn sie müssen hundert Mark Silbers auf den Platz bringen , und nur über dem Gelde kann die Beschwörung gehalten werden . Merkst Du nun , Jude ? Die armen Schlucker sind wohl darauf gefaßt , den Teufel in eines Hundes Gestalt auf dem Schatze zu finden , doch auf zwei rüstige Männer mit rothgefärbten Gesichtern und scharfen Messern sind sie nicht vorbereitet . Geh mit , Zodick , und wir heben den sichern Schatz . Ich hätte dem Wulfhard gern den Antheil gegönnt ; der Bube bleibt aber aus , und Deine Faust ist doch die gewandtere . « - » Topp ! « sprach der andre : » ich gehe mit , doch muß zuvor Dein Weib geloben , meine Esther dort zu hüten , wie den Stern des Auges , und mir sie aufzubewahren sonder Falsch . « - » Ei , warum denn nicht ? « lachte die Alte frech , die hinter die Sprechenden geschlichen war . » Bei meiner Seligkeit will ich geloben ... « » Nichts da ! « fuhr Zodick dazwischen : » Bei Deiner Gurgel schwöre , Alte ; denn Du trägst sie nicht ganz davon , wenn ich nimmer finde mein Lieb . « - Die Alte betheuerte noch mit aller Zuversicht , sie wolle ihre Kehle wagen , denn es sey unmöglich , daß Esther entfliehen könne aus ihrem Gewahrsam . Die Männer möchten nur bald wiederkehren , und ihr und der Tochter einen gehenkelten Silbergroschen verehren . - » Putze die Schemmlinge ; « sprach noch Zodick zu der Alten : » Du hast zu hüten zwei Schlangen . Esther und das blödsinnige Thier , Deine Tochter . Wahrlich , wären nicht zu verdienen hundert Mark , ich wollte eher verlieren das Paradies , denn weggehen von der Dirne , meinem Lieb . Aber Dein Leben Alte , ist mir Bürge , daß ich finde Alles im Alten . « - » Verlaßt Euch darauf ; « schwur noch einmal die Alte , und die beiden Mörder machten ihren scheußlichen Aufzug zurecht . Die entblößten Arme wurden feuerroth angestrichen , so wie die verzerrten Gesichter , rauhe Kappen über den Kopf gezogen , und ein Lederwamms über die Brust geknüpft , von welchem ein nicht mit der größten Sicherheit geführter Stoß oder Hieb abprallen mußte , wie von einem eisernen Bruststück . Zodick wählte , sein zerbrochenes Handmesser zu ersetzen , einen schneidenden Dolch aus Marten ' s Rüstkammer , und da er die Waffe in seinen Gürtel steckte , schien er sich mit verdoppelter Grausamkeit und Bosheit ausgestattet zu haben . Von Habsucht und Mordlust glühend , drang er nun selbst in Marten , aufzubrechen , und nachdem er der von seinem großen Ansehen zurückbebenden Esther noch einmal seine Drohungen wiederholt , und sie abermals der Wachsamkeit der Wirthin empfohlen hatte , stürmte er mit seinem trunknen Gefährten dem Schauplatze eines neuen Frevels zu . - In welchen Qualen Esther zurückblieb , läßt sich denken , nicht beschreiben . Sprachlos starrte sie zu der beräucherten Decke der elenden Stube hinauf , und flehte in ihrer Seele um Vernichtung . Judith saß an ihrer Seite mit gefalteten Händen , und betete mit lauter Stimme ein lateinisches Gebet . Die Mutter , nachdem sie die Hütte wieder verschlossen , fragte die Tochter mürrisch , was sie denn daher plaudere in unverständlicher Sprache ? - » Es ist ein Gebet für die Todten ; « antwortete die Dirne kurz und ernsthaft . - » Ei , welch thöricht Beginnen ; « schalt die Mutter : » Draussen ist ' s schwarze Nacht , und schauerlich ist ' s , jetzo an die Bahre und das Grab zu denken . « - » Stirbt nicht einer draussen in der Scheuer am Moor ? « fragte Judith entgegen : » Liegt nicht einer schon längst begraben im Moor ? Ach , du verderbte und leichtsinnige Mutter ! Ich fürchte , wir werden bald zu Grabe singen müssen , und zehn Jahre meines Lebens gäbe ich darum , wäre diese Nacht schon vorbei . « - » Verdient Euch einen Gotteslohn , « jammerte Esther , vor innerer Bewegung aufspringend , ... » und schafft mich vom Leben , noch ehe sie vergeht diese Nacht , und wiederkehrt mein Henker ! « - » Hättest Du mir auch nicht gesagt , daß Du nicht getauft bist , « entgegnete Judith verweisend , - » ich würde es an Deiner Rede hören . Verzweifle nicht an dem Gott über uns , denn so weit sein Sternendach , so weit und unendlich seine Gnade . Er läßt nicht zu Schanden werden , wer ihm vertraut . Für den Gläubigen wird das Eisen in der Hand des Mörders zum kühlenden Palmblatt ; denn unser Gott ist nicht zornig , wenn er uns tödtet . Seine Liebe giebt uns den Tod , weil er uns ferner nicht zu missen vermag in dem Vaterhaus der Himmel ; und vor bitterer Schmach bewahrt er uns durch den Tod . « - » Ich verstehe Dich , « rief Esther : » und Dein Mund bekräftigt mir , was ich schon geahnt im Geiste . In dieser Hütte geht aus der Quell meines Lebens . « - » Wenn Gott es will , ja , « versetzte Judith : » aber nicht vorgreifen darfst Du ihm . Und wahrlich , wahrlich , Du wirst ferner athmen ; ich verkünde dir Leben im Angesicht des bejammernswerthen Weibes , das Dich bewacht , wie das verkaufte Schäflein unter dem Messer . Du wirst leben , denn mein Gebet hat Kraft , und meine Ahnung wird lebendig . « - » Tochter ! Du hast den Verstand wahrlich verloren ! « seufzte die Mutter , unruhig in der Stube umherwandelnd . - » Nein , Mutter , « redete Judith : » Du aber hast Dein Heil verloren , unglückliches Weib , und sie ist , fürchte ich , verstrichen die Zeit der Besserung . Du wirst zur Hölle gehen müssen , wenn nicht meine Thränen ihre Flammen auslöschen . « - » Ach , wie lieblos bist Du gegen mich vor der Fremden ! « klagte die Alte mit schmerzlich bewegtem Gewissen . - » Ich hasse Dich ja nicht , « antwortete Judith milde , und nahm die Hand der Mutter : » Komm , wir wollen uns letzen , da noch nicht die Stunde da ist . Wir wollen uns vergeben , wie Leute die von der Jammerwelt zu scheiden begehren . Du bist ja meine Mutter , und Dein Schooß hat mich getragen ; aber besser wäre es , Du wärst ein unfruchtbarer Baum geblieben , oder noch besser , Deine Mutter hatte nie geboren . Schön ist ein Stamm mit gesunder Blüthe und Frucht , aber den gifttragenden sollte man abhauen . Thue Buße , Mutter , da es noch nicht an der Stunde ist , dahinzugehen in das Dunkel drüben . « » Du wirst mich noch aufbringen durch Dein abgeschmackt Gewäsch ; « versetzte die Alte , deren Geduld auszugehen begann : » Schweige , ungerathnes Kind , deren Thorheit wir unbegreiflich lange nachgegeben haben . Schweige . « - » Das kann ich , « entgegnete Judith aufstehend : » Ich bin nicht die einzige Stimme in der Welt , welche erstickt wird im Unrecht , Ich will hinausgehen an das Moor , wo mich das Schilf versteht , nur Einer mit mir betet aus der kalten Tiefe . Denn auch aus Schlamm und Röhrig dringt der Todten Gebet zum lieben Gott . « - » Nicht von der Stelle ! « eiferte die Frau , sie zurückhaltend : » Du sollst mich nicht allein lassen in dieser Nacht . Du hörst ' s , über die Berge kommt ein Wetter daher , und es donnert dumpf und gräulich . Du sollst dableiben , sage ich Dir . « - Judith besann sich eine Weile , kehrte dann ruhig um , kauerte sich zu den Füßen der Mutter am Heerde , und sagte weich : » Ich will bei Dir bleiben , Mutter . Ich will Dir noch gehorsam seyn , und erfüllen , was ich Dir gelobte , bis an ' s Ende . Denn bald wird sie vorüber seyn , die Zeit des Gehorsams , denke ich . Deine Zeit , unglückliche Mutter . « - » Sprich doch nicht so frevelhaft ; « schalt die Alte : » Mich schauert vor Deiner Liebe , wie vor Deiner Bußpredigt . « » Fühlst Du das , « - fragte Judith langsam , - » fühlst Du das bei meiner Liebe , was soll ich fühlen , wenn Du mich Deine liebe Tochter nennst ? - Doch , sieh , die Fremde ist entweder im Kummer dahingegangen , oder sie ist entschlummert vor Ermattung . Sie scheint von uns die unglücklichste zu seyn , und ist doch viel , viel reicher , als wir . Sie hat ein gut Gewissen , und einen Vater , der unschuldig im Kerker leidet . Unschuldig , Mutter . Aber , nicht wahr , Du kennst das Wort nicht mehr ? Gib mir die Hand , armes Weib ; ich will Dir vergeben im Namen des Herrn , der über uns gebietet , wenn nur ein Funken von Reue in Deiner rauhen Brust aufschlägt . « - Die Alte schlug erbittert die dargebotene Hand aus , und stand ergrimmt auf . Judith seufzte aus tiefer Brust , und ließ , ruhig sitzen bleibend , geduldig geschehen , daß die Mutter die arme Esther ziemlich derb und roh aus ihrer Betäubung aufschüttelte , und ihr befahl , sich in die Kammer zu begeben , wo sie bis zu Zodick ' s Rückkehr eingeschlossen verbleiben sollte . Esther warf scheue Blicke um sich her , als befürchte sie , den gräßlichen Bräutigam zu schauen ; dann schlug sie die Augen noch einmal mit bitterm Vorwurf gen Himmel , und ließ sich halb bewußtlos von der Alten an die Thüre der elenden , ringsum dunkeln Kammer gleiten . Judith war indessen aufgestanden , und faßte auf der Schwelle ihre Hand . » Thue nicht vorschnell ! « ermahnte sie das leidende Mädchen : » Der Mensch kann sich aus dem Leben reissen , wann und wo er will , aber nicht zu rasch beginne er das traurige Werk . Bete in dem Dunkel dieser Kammer , aber tödte Dich nicht , und kämpfe gegen die Verzweiflung . Wahrlich , ich sage Dir , Du wirst leben , und Dein Frühling wird nicht in dieser Sturmnacht untergehen , denn schon rollt über Himmel und Gebirge der Wagen desjenigen , der Dich retten wird , so gewiß als sein Sohn Mensch geworden ist . « Die Alte stieß Judith unwillig zurück : » Blödsinnige ! « schalt sie : » Deine Tollheit steigt . Laß die Dirne im Frieden . Nicht jeder bringt sich um , der damit droht , und was gilts . Ehe es Morgen wird hat die Spröde hier in des Buhlen Arm den abgeschmackten Vorsatz vergessen , und begehrt nichts besseres , denn zu leben . « - Mit einem Blicke der tiefsten Verachtung wendete sich Esther von der Unverschämten , und gieng stolz in die Kammer , deren Thüre die Alte hinter ihr verriegelte . Judith zuckte die Achseln mit finsterm Gesicht , und gieng zum Fensterlein ; während Marthen ' s Weib still und verdrossen an den Herd schlich , und sich auf seinen gewohnten Platz niederließ . Mutter und Tochter sprachen kein Wörtlein , und eine angstvolle Stille lagerte sich in der Stube , nur unterbrochen von dem Schluchzen Esthers , das manchmal laut wurde , und von dem näher und näher rauschenden Hochgewitter . Die Kienspäne flackerten traurig , und der Blitz der Wolken welcher von Zeit zu Zeit einen Strahl seines blendenden Lichtes in die Hütte warf , schien der armseligen Fichtenflamme zu spotten . Mit der Heftigkeit des Gewitters stieg die Beklommenheit des alten Weibes , das alle Überreste von Bußseufzern und Wettergebeten aus seinem Gedächtnisse hervorsuchte , um dieselben gedankenlos mit bebender Lippe abzuplärren . Die Alte sang bald , bald betete sie mit lauter Stimme ein Stücklein eines andern Betspruchs , bald grommelte sie zwischen den Zähnen Worte ohne Verstand und Zusammenhang . Dabei wurde ihre Angst immer mächtiger , und Judith , die das verzweiflungsvolle Treiben der Mutter ersah , trat endlich wieder zu ihr . - » Mutter ; « sagte sie zu ihr : » Nicht thuts Noth , Euern Leib zu peinigen , da doch die Seele nimmer gesunden will . Was sollen die Worte der Angst aus Eurem Munde , da doch das Herz nichts von ihnen weiß ? Warum zerschlagt Ihr die Brust , da doch nicht der Heiland darinnen seinen Tempel erbaut ? Ach Mutter , so Ihr nicht Euer Elend erkennt , wird Euch die Bitte auch nur zum Fluch . Aber auch nur ein Gedanke kann hinwiederum Euch retten ; ich besorge jedoch , er wird sich nicht einfinden in Euerm verstockten Gehirne , der Gedanke Eures entsetzlichen Jammers , erzeugt durch die Ruchlosigkeit Eures Wandels . Verdreht nicht die Augen , seufzt nicht , als ob ein Berg auf Eurer Brust läge , denn nicht Eure Schuld belastet Euch , sondern die Mahnung an das Ende . Stoßt mich nicht von Euch , denn wie bald werden nicht Eure zitternden Hände nach mir langen ? O Mutter , .. Mutter , die mich gesäugt hat zum elenden Daseyn ! Warum ist Dein Haar schon grau vom Schimmel des Alters ? Warum ist Dein Leib vertrocknet , und darinnen nicht minder Dein Herz ? Daß Du zum Kinde werden könntest , mit offenen Ohren und vertrauender Seele , und weichem Gefühl . Du würdest dann in jenem Donner der Höhe nicht den Schritt des zornigen Gottes vernehmen , sondern die Siegesklänge seiner Liebe ... Du würdest Dich sehnen hinaufzugehen zu ihm auf der Leiter seiner flammenden Blitze ; - aber nicht dem himmlischen Feuer ist Dein Leben verfallen , Unglückliche . « - Das Wort auffahrenden Zornes auf der Zunge der mitten in ihrer Angst erbitterten Mutter erstarb unter dem krachenden Gebrüll eines fürchterlichen Donnerschlags , welcher die Erde beben machte . Der Blitz , der mit ihm zugleich vom Himmel fiel , schien die Umgegend rings in Feuer zu setzen ; er war indessen schon lange erloschen , als seine falbe Helle noch von den geblendeten Augen der Weiber flatterte , die nun langsam sich weiter auftathen . Ihre Ohren summten aber noch lange den gräulichen Wetterschlag nach , der noch jetzt dumpf und langsam fortdröhnte , und sich wie in einen jammernden Schmerzruf aus der Ferne auflöste . Judith , die der armen Esther klagende Stimme zu vernehmen dachte , lehnte lauschend das Haupt an der Kammer Thür . Das Mädchen darinnen betete laut in hebräischer Sprache , eifrig und stark . Durch das Fenster jedoch , das Sturm und Wettergewalt aufgerissen hatte , drang durch den heftig niederströmenden Regen der vorige Schmerzruf in die Stube , und wollte nimmer verstummen , und erneute sich immer wieder , und wurde gräßlicher , je länger er währte , und schien der Hütte näher zu kommen . --