droben unter sonnenhellen Tagen , und du bist tief im Tal ! Sie kamen noch vor dem Volksfeste einer verspäteten Weinlese vorüber . Der Ritter erkundigte sich nach allem mit der Wißbegierde eines Weinhändlers und mit der Kenntnis eines Winzers . So botanisierte er überall auf der Erde nach jedem Gräschen und Kraut der Erkenntnis . Albano verwunderte sich darüber , da er bisher geglaubt , Gaspard suche und lange nach nichts als nach den Paris- und Hesperiden-Äpfeln der Kunst , weil er alle andre Früchte und ihr Fleisch und ihren Kern in seinem Stande weder zum Genießen noch zum Säen brauchen konnte . Sie versanken in die Tiefen der Tiroler Gebürge . Die Höhen standen schon ins feste weiße Leichentuch des Winters gehüllt , und durch die Täler ging nur der kalte Sturm lebendig hin und her . Albanos Sehnen nach dem milden Lande der Jugend wuchs zwischen den Stürmen und Alpen immer höher ; und Roms Bild breitete sich kolossalisch aus , je länger es sich ihm näherte . Gaspard ließ die Reise auf Flügeln gehen , um den Regenwolken des Herbstes vorzukommen . In einer dunkeln Reise-Nacht arbeiteten sie sich gleichsam durch das Gebürge hindurch , gleich ihrem Gefährten , dem Adigo-Strom , der einen Riesen-Felsen aufreißet und in die milde Ebene stürzt und darin sanft weitertaumelt . Die Sonne erschien und Italien . Es hatte geregnet , eine laue Luft flatterte von den Zypressenhügeln durch das Tal und durch die Wein-Gehenke der Maulbeerbäume her und hatte sich zwischen Blüten und den Früchten der Pomeranzen durchgedrängt - der Adigo schien wie eine geringelte Riesenschlange auf der vielfarbigen Landschaft an den Landhäusern und Olivenwäldern zu ruhen und Regenbogen aneinanderzusetzen . - Das Leben spielte im Äther- nur Sommervögel schweiften in dem leichten Blau - nur der Venuswagen der Freude rollte über die sanften Hügel . Albanos volle Seele ergoß sich gleichsam in das breite Bette , das ihn von der milden Ebene zu der prächtigen Roma führte ! - » Wenn wir rückwärts reisen , « ( sagte Gaspard ) » so erinnere dich an deinen Eintritt . « - Sie hielten in einem Dorfe mit großen steinernen Häusern . Albano sah das warme außerhäusliche Leben um sich an , den unbedeckten Kopf , die nackte Brust und die blitzenden Augen der Männer - das große Schaf mit Seidenwolle - das schwarze kleine muntre Schwein und den schwarzen Truthahn als er plötzlich vom Balkon herab einen deutschen Gruß und seinen Namen hörte . Es war die Fürstin , ihre Wagen standen seitwärts , Bouverot und Fraischdörfer bei ihr . Wie dringt es balsamisch durchs Herz , im fremden Lande , und sei es das schönste , den Bruder , die Schwester des rauhern wiederzufinden , gleichsam in der zweiten Welt den verwandten Erdensohn ! - Auch der Adigo , der vorher ihn im wilden Gebürge unter dem Namen Etsch begleitet hatte , folgte ihm mit dem schönern in die Ebene nach . Die Fürstin schien ihm , er wußte nicht warum , milder , jungfräulicher geworden in Gestalt und Blick , und er warf sich seinen frühern Irrtum vor . Aber er beging einen spätern : über ihre stark gezeichnete Physiognomie stiegen hinter Wien die welschen schärfern empor , und die schreienden Farben , worein sie sich gern kleidete , wurden von den italienischen überschrien . Ein fremder Boden ist ein Redouten- und Brunnensaal , wo nur menschliche Verhältnisse und keine politische walten , und in der Fremde ist man sich am wenigsten Fremdling - alles berührte sich freundlich , wie fremde Hände sich suchen und fassen unter dem Steigen von Bergen . Wie verehrend sah Albano die Fürstin an ! Denn er dachte : » Sie wollte die Erblaßte mitnehmen in das heilende Eden . - O die Heilige würde ja an diesem Morgen glücklich sein und weinen mit dem blauen Auge vor Seligkeit . « - Dann tat es seines , aber nicht vor Seligkeit ; und so sind die Feuerwerke des Lebens , wie die andern , immer an und auf Wasser gebauet . Da wurde in ihm der Schwur feierlich vor dem schönen Totenhaupte Lianens abgelegt : » Ich will der Freund ihrer Freundin recht sein ! « - Eine neue Rolle des Lebens spielt der Mensch am wärmsten und besten ; über unsern Antrittspredigten schwebt der heilige Geist brütend mit Taubenflügeln - nur später liegen die Eier kalt . Albano , noch in keine Freundschaft eingeweiht als in die männliche , betete die weibliche an wie ein aufsteigendes Gestirn , und für diese fand er , wie für die männliche , weit mehr Opfer-Kräfte in seiner warmen Seele aufbewahrt als für die Liebe . In der Freundschaft ist der Mann wie in der Liebe die Frau - und umgekehrt - ; nämlich mehr den Gegenstand suchend als die Empfindung für ihn . Mit neuen vollen Segeln und Wimpeln - in geschmückten singenden Schiffen - mit günstigen Seitenwinden - flog die muntere Fahrt durch Städte und Auen . Nichts hängt über einen langen Reise-Korso eine schönere Frucht- und Blumenschnur hin - für einen Wagen , der vorausgeht - als ein paar Wagen , die nachkommen . Welche Gemeinschaft der Freude und Gefahr im Nachtquartier ! Welches Besprechen der Marschroute ! Welche Freude über die nach- und vorfahrenden Avanturen , nämlich über die Berichte davon ! Und wie liebt einer den andern ! Nur gegen Bouverot bewies Albano eine feste Kälte ; aber der Ritter war freundlich . Albano , mehr unter Büchern als unter Menschen aufgewachsen , wunderte sich oft , daß ihm in jenen die Verschiedenheit der Meinungen so leicht vorüberging , die ihn unter diesen so scharf anfiel . Am Ende fragt ' ihn einmal sein Vater : » Warum benimmst du dich gegen Herrn v. Bouverot so fremd ? Nichts erbittert mehr als ein besonnenes stilles Hassen , das leidenschaftlichste weit weniger . « - » Weil es mein Gesetz ist , « ( antwortete er ) » die ewige Unwahrheit der Menschen in ihren Verbindungen zu fliehen und zu hassen . Aus bloßer Humanität sich Ungleichen gleichstellen , einem irgendeiner Absicht wegen ein freundliches Gesicht machen , so sein gegen jemand , daß man es ihm nicht auf der Stelle heraussagen darf , das ist wohl ganze Knechtschaft und verwirrt den Reinsten . « - » Wer nichts lieben will als sein Ebenbild , « ( versetzte Gaspard ) » hat außer sich nichts zu lieben . Von Bouverot « ( setzt ' er lachend hinzu ) » ist doch ein braver Wirt und Reise-Kompagnon . « - Albano , der sogar Menschen widerstehen konnte , die er verehrte , fragte nichts nach seinem Vater , sondern fand den deutschen Herrn nur desto verächtlicher . Dieser , ganz zu Hader und Handel geboren , hatte sich nämlich tiefe Fußstapfen im Schnee des Ritters und der Fürstin welche beide , wie alle lange Reisende , ungemein geizig waren dadurch gebahnt , daß er alle Wirte und Welsche , das Patto berichtigend , übersah und überlistete , und daß er sogar die Kunst verstand , zur rechten Zeit tief-grob zu sein , indes er , vom Wirte sich umkehrend , gegen die Fürstin wieder ein Mann von Welt war wie Fontenelle oder irgendein Franzose , der in solchen Fällen länger rechnet und flucht als zehrt . Der Vliesritter , der , wie er gestand , nie so wohlfeil gereiset , bedeckte ihn daher mit dem Lorbeer , der hier überall wuchs , und sah so heiter aus wie niemals . Nur dem Sohne war der kalte , zornige , grobe Mensch ein Vulkan , der Schlamm und Wasser auswirft . Reitet einem gekrönten Haupte oder einem klassischen Autor , der auch eines ist , eine Meile vor und überhaupt Leuten , die Geld haben und nicht schonen , und erkargt ihnen nur täglich einige Goldstücke : nie werdet ihr beide Häupter froher oder dankbarer gesehen haben als in diesem Fall ! Überall wollte Albano aussteigen und in große Ruinen und in den Glanz der entfallnen Kleinodien treten , welche den Welteroberern auf dem Wege nach Rom von den Triumphwagen verloren gegangen . Aber der Ritter riet ihm an , seine Augen und Begeisterung zu sparen und aufzuheben für Rom . Wie schlug sein Herz , als sie endlich in der wüsten Campagna , die voll Lava-Würfe um den Horst der römischen Adler , dieser über die Welt getriebnen Sturmvögel , lag , auf der Flaminischen Straße rollten ! - Aber er und Gaspard fühlten sich wunderbar beklommen - den stehenden See einer schwülen Schwefelluft glaubt ' man zu durchwaten , die sein Vater den Schwefelhütten zu Baccano zuschrieb er lechzete nach dem Schnee auf den fernen Bergen - der Himmel war schwarzblau und still - einzelne hohe Wolken flogen pfeilschnell durch die stille Wüste - ein Mann in der Ferne setzte eine ausgegrabene Urne wieder hin und betete , ängstlich gen Himmel blickend , seinen Rosenkranz - Albano wandte sich nach den Gebürgen , denen die Abendsonne , wie aufgelöset in stechendem Glanz , zusank . - Auf einmal ließ der Ritter den Postillon halten , der heftig die Arme , da es unter dem Wagen noch fortrollte , gen Himmel warf und rief : » Heilige Mutter Gottes , ein Erdbeben ! « Aber Gaspard berührte den sonnentrunknen Sohn und sagte zeigend : » Ecco Roma ! « - Albano blickte hin und sah in tiefer Ferne die Kuppel der Peterskirche im Sonnenglanz . Die Sonne ging unter , die Erde bebte noch einmal , aber in seinem Geiste war nichts als Rom . 103 . Zykel Eine halbe Stunde nach dem Erdstoße wickelte sich der Himmel in Meere ein und warf sie stück- und stromweise herunter . Die nackte Campagna und Heide verdeckte der Regenmantel - Gaspard war still - der Himmel schwarz - der große Gedanke stand einsam in Albano , daß er dem Blut- und Throngerüst der Menschheit , dem Herzen einer erkalteten Helden-Welt , der ewigen Roma zueile ; und als er auf dem Ponte molle hörte , daß er jetzt über die Tiber gehe : so war ihm , als sei die Vergangenheit von den Toten auferstanden und er schiffe im zurücklaufenden Strome der Zeit ; unter den Strömen des Himmels hört ' er die alten sieben Bergströme rauschen , die einst von Roms Hügeln kamen und mit sieben Armen die Welt aus dem Boden aufhoben . Endlich rückte das breitstehende Sternbild der Bergstadt Gottes in Nächte auseinander , Städte mit sparsamen Lichtern lagen hinauf und hinab , und die Glocken ( für ihn Sturmglocken ) schlugen vier Uhr172 , als der Wagen durch das Triumphtor der Stadt , die Porta del Popolo , rollte : so riß der Mond seinen schwarzen Himmel auf und goß aus der Wolken-Kluft den Glanz eines ganzen Himmels hernieder ; da stand der ägyptische Obeliskus des Tors wolkenhoch in der Nacht , und drei Straßen liefen glänzend auseinander . So bist du ( sagte sich Albano , als sie im langen Corso nach der zehnten Region fuhren ) wirklich im Lager des Kriegsgottes ; hier , wo er das Heft des ungeheuern Kriegsschwertes faßte und mit der Spitze die drei Wunden in drei Weltteile machte . - Guß und Glanz durchflogen die weiten , breiten Straßen - zuweilen kam er plötzlich vor Gärten vorbei und in breite Stadtwüsten und Marktplätze der Vergangenheit . - Das Rollen der Wagen unter dem Rauschen des Regens glich dem Donner , dessen Tage dieser Heldenstadt sonst heilig waren , gleichsam der donnernde Himmel der donnernden Erde - eingemummte Gestalten mit kleinen Lichtern schlichen durch die finstern Straßen - oft stand ein langer Palast mit Säulen-Reihen im Feuer des Mondes , oft eine graue einsame Säule , oft eine einzelne hohe Fichte , oder eine Statue hinter Zypressen . Einmal , da weder Regen noch Mondlicht war , ging der Wagen um die Ecke eines großen Hauses , auf dessen Dache eine blühende lange Jungfrau , mit einem aufblickenden Kinde an der Hand , eine kleine Handleuchte bald gegen eine weiße Statue , bald gegen das Kind selber richtete und so wechselnd die ganze Gruppe beleuchtete . Mitten in das erhobene Gemüt drang die freundliche Gesellschaft und brachte ihm manche Erinnerungen mit ; besonders war ihm ein römisches Kind eine ganz neue und mächtige Idee . Sie stiegen endlich aus bei dem Fürsten di Lauria , Gaspards Schwiegervater und altem Freund . Nah ' an seinem Palast lag der Campo vaccino ( das alte Forum ) , und auf die breiten Treppen und die drei Wunder-Gebäude des Kapitols schien der helle Mond ; in der Ferne stand das Coliseo . Zögernd ging Albano in das erleuchtete Haus , wovor der Wagen der Fürstin stand , und wandte schwer das Auge von diesen Höhen der Welt , wovon einst ein leichtes Wort wie eine Schneeflocke lange rollte und ewig wuchs , bis es in einem fremden Lande eine Stadt erdrückte mit der Schlaglauwine . Die Fürstin mit ihrer Gesellschaft sah erfreuet die neue kommen . Der alte Fürst Lauria empfing höflich und zurückhaltend seinen Enkel . Seine unzähligen Bedienten redeten fast alle Sprachen Europas durcheinander . Albano fragte sogleich den Ritter nach seinem Lehrer Dian , diesem auf den Römer geimpften Griechen ; aber gerade an das Menschlichste hatte , wie immer die Großen , Gaspard nicht gedacht . Man schickte in dessen nahe Wohnung ; er war nicht zu Hause . Man speisete . Der Fürst bewirtete sogleich mit seinem Lieblings-Schaugericht , mit dem politischen Weltlauf , und gab das Neueste von der französischen Revolution . Zeitungen waren ihm Ewigkeiten , Nouvellen Antiken ; er hielt alle Blätter Europas und daher zu jedem den deutschen , den russischen , den englischen , den polnischen Bedienten , der es ihm übersetzte . Bei seiner satirischen Kälte gegen alle Menschen und Sachen erschien der politische und welsche Eifer stärker , womit er gegen den Ritter die Franzosen beschirmte , der sie gelassen verachtete und , sich nach seiner Weise sogar in schlechten Wortspielen auslassend , den alten Römern das Forum und den neuern das Campo vaccino , und ebenso den alten Galliern das Marsfeld und den neuern ein Märzfeld eingab . Albano glaubte , so nah ' am Forum geb ' es keinen Scherz und jedes Wort müsse groß sein in dieser Stadt . Der kalte Lauria sprach warm für Gallien , wie ein Minister nur Völker , nicht Individuen achtend , und seine Meinung gefiel dem Jüngling . Da lenkte die Fürstin den Strom auf Roms hohe Kunst . Fraischdörfer zerlegte den Koloß in Glieder und wog sie auf der engsten Waage . Bouverot stach den Riesen in historisches Kupfer . Die Fürstin sprach mit vieler Wärme , aber ohne Bedeutung . Gaspard schmolz alle ein , gleichsam zu einem korinthischen Erz , und umfaßte alle , ohne gefasset zu werden . Auf seiner kalt , aber stark aufdringenden Lebensquelle ließ er die Welt wie eine Kugel spielen und schweben . Albano bewahrte , mit allen unzufrieden , seine Begeisterung , den unterirdischen Göttern der Vergangenheit um ihn her nach alter Sitte opfernd , nämlich mit Schweigen . Wohl hätt ' er reden wollen und können , aber anders , in Oden , mit dem ganzen Menschen , mit Strömen , die aufwärts stiegen und wüchsen . Immer sehnsüchtiger sah er an die Fenster nach dem Mond im reinen Regenblau und nach einzelnen Säulen des Forums ; draußen glänzte ihm die größte Welt . - Endlich stand er zürnend und schmachtend auf und schlich hinunter in die dämmernde Herrlichkeit und trat vor das Forum ; aber die Mondnacht , die Dekorationsmalerin , die mit unförmlichen Strichen arbeitet , macht ' ihm fast die Bühne unkenntlich . Welch ' eine öde , weite Ebene , hoch von Ruinen , Gärten , Tempeln umgeben , mit gestürzten Säulen-Häuptern und mit aufrechten einsamen Säulen und mit Bäumen und einer stummen Wüste bedeckt ! Der aufgewühlte Schutt aus dem ausgegossenen Aschenkrug der Zeit - und die Scherben einer großen Welt umhergeworfen ! Er ging vor drei Tempel-Säulen173 , die die Erde bis an die Brust hinuntergezogen hatte , vorbei und durch den breiten Triumph-Bogen des Septimius Severus hindurch ; rechts standen verbundne Säulen ohne ihren Tempel , links an einer Christen-Kirche die tief in den Bodensatz der Zeit getauchte Säulenreihe eines alten Heidentempels , am Ende der Siegesbogen des Titus und vor ihm in der öden waldigen Mitte ein Springwasser , in ein Granitbecken sich gießend . Er ging dieser Quelle zu , um die Ebene zu überschauen , aus welcher sonst die Donnermonate der Erde aufzogen ; aber wie über eine ausgebrannte Sonne ging er darüber , welche finstere tote Erden umhängen . O der Mensch , der Mensch-Traum ! riefs unaufhörlich um ihn . Er stand an der Granitschale , gegen das Coliseo gekehrt , dessen Gebürgsrücken hoch in Mondlicht stand , mit den tiefen Klüften , die ihm die Sense der Zeit eingehauen scharf standen die zerrissenen Bogen von Neros goldnem Hause wie mörderische Hauer darneben . - Der palatinische Berg grünte voll Gärten , und auf zerbrochnen Tempel-Dächern nagte der blühende Totenkranz aus Efeu , und noch glühten lebendige Ranunkeln um eingesenkte Kapitäler . - Die Quelle murmelte geschwätzig und ewig , und die Sterne schaueten fest herunter mit unvergänglichen Strahlen auf die stille Walstatt , worüber der Winter der Zeit gegangen , ohne einen Frühling nachzuführen die feurige Weltseele war aufgeflogen , und der kalte zerstückte Riese lag umher , auseinandergerissen waren die Riesen-Speichen des Schwungrads , das einmal der Strom der Zeiten selber trieb . Und noch dazu goß der Mond sein Licht wie ätzendes Silberwasser auf die nackten Säulen und wollte das Coliseo und die Tempel und alles auflösen in ihre eignen Schatten ! Da streckte Albano die Arme in die Lüfte , als könnt ' er damit umfassen und zerfließen wie mit Armen eines Stroms , und rief aus : » O ihr großen Schatten , die ihr einst hier strittet und lebtet , ihr blickt herab vom Himmel , aber verachtend , nicht trauernd , denn euer großes Vaterland ist euch nachgestorben ! Ach , hätt ' ich auf der nichtigen Erde voll alter Ewigkeit , die ihr groß gemacht , nur eine Tat eurer wert getan ! Dann wär ' es mir süß und erlaubt , mein Herz zu öffnen durch eine Wunde und zu vermischen das irdische Blut mit dem geheiligten Boden und aus der Gräber-Welt wegzueilen zu euch Ewigen und Unvergänglichen ! Aber ich bin es nicht wert ! « Hier kam plötzlich auf der via sacra ein langer , tief in den Mantel gewickelter Mann daher an die Fontäne , warf , ohne umzublicken , den Hut hin und hielt den pechschwarzen , lockigen , fast steilrechten Hinterkopf unter den Wasserstrahl . Aber kaum erblickte er , sich aufwärts kehrend , das Profil des in seine Bilder versunknen Albano : so fuhr er tropfend auf- starrte den Grafen an staunte - warf die Arme hoch in die Luft - sagte : » Amico ? « - Albano sah ihn an . - Der Fremde sagte : » Albano ! « - » Mein Dian ! « rief Albano ; sie nahmen sich heftig und weinten vor Liebe . Dian begriff es gar nicht ; er sagte italienisch : » Ihr seid es aber ja nicht , Ihr sehet alt aus . « - Er glaubte so lange deutsch zu sprechen , bis er hörte , daß Albano italienisch antwortete . Beide taten und bekamen nur Fragen . Albano fand den Baumeister bloß bräuner , aber den Blitz der Augen und jede Kraft im alten Glanz . Mit drei Worten erzählt ' er ihm die Reise und die Begleitung . » Wie bekommt Euch Rom ? « fragte Dian heiter . » Wie das Leben , « ( versetzte sehr ernsthaft Albano ) » es macht zu weich und zu hart . - Ich erkenne hier gar nichts wieder , « ( fuhr er fort ) » gehören jene Säulen dem herrlichen Friedenstempel ? « - » Nein , « ( sagte Dian ) » dem Konkordientempel , von jenem steht dort nichts als das Gewölbe . « - » Wo ist Saturnus ' Tempel ? « fragte Albano . » In der St. Adrians-Kirche begraben « , sagte Dian und setzte eilend hinzu : » Nebenan stehen die zehn Säulen von Antonins Tempel - drüben Titus ' Thermen - hinter uns der palatinische Berg und so weiter . Nun erzählt mir ! « Sie gingen das Forum auf und ab , zwischen den Bogen des Titus und Severus . Albano war - zumal neben dem Lehrer , der ihn in der Kinderzeit so oft hieher geführt - noch voll vom Strome , der über die Welt gezogen war , und das alles bedeckende Wasser sank nur langsam . Er fuhr fort und sagte : » heute , als er den Obeliskus erblickt , sei ihm der leise , zarte Schein des Mondes ordentlich unpassend für die Riesenstadt erschienen ; eine Sonne hätt ' er lieber auf ihrer weiten Fahne blitzen sehen ; aber jetzt sei der Mond die rechte Leichenfackel neben dem Alexander , der zusammenfällt , nur angerührt . « - » Mit dergleichen Gefühlen kommt der Künstler nicht weit , « ( sagte Dian ) » auf ewige Schönheiten schau ' er , rechts und links . « - » Wo ist « ( fragte Albano fort ) » der alte Curtius-See - die Rednerbühne - die pila horatia - der Tempel der Vesta - der Venus und aller jener einsamen Säulen ? « - » Und wo ist das marmorne Forum selber ? « ( sagte Dian ) » Dreißig Spannen tief liegts unter dem Fuß . « - » Wo ist das große freie Volk , der Senat aus Königen , die Stimme der Redner , der Zug auf das Kapitolium ? Begraben unter den Scherbenberg . O Dian , wie kann ein Mensch , der in Rom einen Vater , eine Geliebte verliert , eine einzige Träne vergießen und bestürzt um sich sehen , wenn er hierhertritt , vor dieses Schlachtfeld der Zeit , und hineinschauet ins Gebeinhaus der Völker ? - Dian , hier wünschte man ein eisernes Herz , denn das Schicksal hat eine eiserne Hand ! « Dian , der sich nirgends ungerner als auf solchen tragischen , gleichsam ins Meer der Ewigkeit hineinhängenden Klippen aufhielt , sprang immer mit einem Scherze davon ; wie die Griechen mischte er Tänze ins Trauerspiel : » Manches konserviert sich , Freund ! « ( sagt ' er ) » dort in der Adrians-Kirche werden Euch noch von drei Männern die Knochen gewiesen , die im Feuer gewesen . « - » Das ist eben « ( versetzte Albano ) » das fürchterliche Spiel des Schicksals , daß es mit den zu Sklaven geschornen Mönchen die Höhen der alten Großen besetzt . « » Neue Räder treibt der Strom der Zeit , « ( sagte Dian ) » dort liegt Raffael zweimal begraben.174 Was macht Chariton und die Kinder ? « - » Sie blühen fort « , sagte Albano , aber in traurigem Ton . » Himmel ! « ( rief Dian mit allem Vater-Schrecken ) » es ist doch so ? « - » Wahrhaftig , Dian ! « sagte Albano sanft . » Kommt noch « ( sagte Dian ) » Liane oft zu Chariton ? Und was macht denn die Holde ? « - Leise versetzte Albano : » Sie ist tot . « - » Was , tot ? - Unmöglich ! Froulays Tochter , Albano ? Die Gold-Rose ? O sprecht ! « rief er . Albano nickte bejahend . - » Nun du gutes Mädchen , « ( klagt ' er mit Tränen in den schwarzen Augen ) » so freundlich , so liebreizend , so feine Zeichnerin ! Wie gings aber zu ? Habt Ihr denn das holde Kind gar nicht gekannt ? « - » Einen Frühling lang « ( sagte schnell Albano ) - » Mein guter Dian , ich will jetzt zum Vater zurück und antworte nicht mehr . « - » O meinetwegen ! - Ich muß aber mehr erfahren « , beschloß Dian . Und so stiegen sie schweigend und eilend über Schutt und Säulentorsos , und keiner gab auf die große Rührung des andern acht . Siebenundzwanzigste Jobelperiode Peterskirche - Rotonda - Coliseo - Brief an Schoppe - der Krieg - Gaspard - der Korse - Verwicklung mit der Fürstin - die Krankheit - Gaspards Bruder- Peterskuppel und Abschied 104 . Zykel Rom ist wie die Schöpfung ein ganzes Wunder , das sich allmählich in neue Wunder zergliedert , in das Coliseo , in das Pantheon , die Peterskirche , in Raffael u.s.w. Mit dem Durchgang durch die Peterskirche fing der Ritter den schönen Lauf durch die Unsterblichkeit an . Die Fürstin ließ sich von der Kunst mit dem Männer-Kreise verbinden . Da Albano mehr von Gebäuden als von jedem andern Kunstwerk ergriffen wurde : so sah er mit heiligem Herzen von weiten das lange Kunst-Gebürg , das wieder Hügel trug - so trat er vor die Ebene , um welche zwei ungeheuere Kolonnaden wie Korsos laufen , ein Volk von Statuen tragend ; in der Mitte steigt der Obeliskus und zu seiner Rechten und Linken ein ewiges Wasser auf , und von den hohen Stufen schauet die stolze Kirche der Welt , innen mit Kirchen besetzt , auf sich einen Tempel gen Himmel reichend , auf die Erde herunter . - Aber wie waren in der Nähe ihre Säulen und ihre Felsenwand ungeheuer aufgestiegen und flohen den Blick ! Er trat in die Zauberkirche , die der Welt Segen , Fluch , Könige und Päpste gab , - mit dem Bewußtsein , daß sie wie das Weltgebäude sich immer mehr erweitere und entferne , je länger man in ihr ist . Auf zwei Kinder von weißem Marmor , die eine Weih-Muschel von gelbem hielten , gingen sie hin ; die Kinder wuchsen durch das Nahen , bis sie Riesen waren . Endlich standen sie am Hauptaltar und dessen hundert ewigen Lampen - welch eine Stelle ! - Über sich das Himmelsgewölbe der Kuppel , auf vier innern Türmen ruhend , um sich eine überwölbte Stadt von vier Straßen , worin Kirchen standen . - Am größesten wurde der Tempel durch Gehen ; und wenn sie um eine Säule traten , so lag ein neuer vor ihnen , und heilige Riesen schaueten ernst herab . Hier wurde dem Jüngling nach langer Zeit das große Herz gefüllt : » In keiner Kunst « ( sagt ' er zu seinem Vater ) » wird die Seele so gewaltig vom Erhabnen angefasset als in der Baukunst ; in jeder andern steht der Riese in ihr und in den Tiefen der Seele , aber hier steht er außer und dicht vor ihr . « - Dian , dem alle Bilder deutlicher waren als abstrakte Ideen , sagte : » Er hat vollkommen recht . « - Fraischdörfer versetzte : » das Erhabene stecke auch hier nur im Kopfe , denn die ganze Kirche stehe doch in etwas Größerem , nämlich in Rom und unter dem Himmel , wobei wir ja nichts empfänden . « Auch klagt ' er , » daß dem Erhabnen der Platz in seinem Kopfe sehr verengt werde durch die unzähligen Schnörkel und Monumente , die der Tempel zugleich mit sich in ihn hineintreibe « Gaspard sagte , alles mit einem großen Sinne nehmend : » Steht nur einmal das Erhabne wirklich da , so verschlingt und vertilgt es eben seiner Natur nach alle kleinen Zierden um sich her . « Er führte zum Beweise den Münsterturm und die Natur selber an , die durch ihre Gräser und Dörfer nicht kleiner werde . Die Fürstin genoß unter so vielen Kunstverständigen schweigend . Das Ersteigen der Kuppel riet Gaspard einem regen- und wolkenlosen Tage aufzuheben , um die Welt-Königin Roma auf und von dem rechten Throne zu schauen ; er schlug dafür sehr eifrig den Besuch des Pantheons vor , weil er es gern schnell hinter den Eindrücken der Peterskirche wollte folgen lassen . Sie gingen dahin . Wie einfach und groß tut sich die Halle auf ! Acht gelbe Säulen tragen ihre Stirn , und majestätisch wie das Haupt des Homerischen Jupiters wölbt sich sein Tempel ! Es ist die Rotonda oder das Pantheon . - » O der Niedrigen , « ( rief Albano ) » die uns neue Tempel geben wollen ! Hebt die alten aus dem Schutte höher , so habt ihr genug gebauet . « 175 - Sie traten hinein ; da wölbte sich ein heiliges , einfaches , freies Weltgebäude mit seinen hinaufstrebenden Himmelsbogen um sie , ein Odeum der Sphärentöne , eine Welt in der Welt ! - Und oben176 leuchtete die Augenhöhle des Lichts und des Himmels herab , und das ferne Flug-Gewölk schien die hohe Wölbung zu berühren , über die es wegschoß ! Und um sie her standen nichts als die Tempel-Träger , die Säulen ! Der Tempel aller Götter vertrug und verbarg die kleinlichen Altäre der spätern . Gaspard befragte Albano über sein Gefühl . Dieser zog die größere Peterskirche vor . Der Ritter billigte es und sagte , » daß überall der Jüngling gleich den Völkern das Erhabene besser empfinde und leichter finde als das Schöne , und daß der Geist des Jünglings vom Starken zum Schönen reife , wie der Körper desselben vom Schönen zum Starken ; indes zieh ' er selber das Pantheon vor . « - » Wie könnten auch Neuere « ( sagte der Kunstrat Fraischdörfer ) » etwas bauen , außer einige Berninische Türmlein ? « - » Dafür « ( sagte der verletzte Land-Baumeister Dian , der den Kunstrat verachtete , weil