Gegenstand der Liebe , und das Schöne , eben darum , weil es nur durch eine bestimmte Form schön ist , nicht unendlich seyn kann . Nicht wenig trägt auch zu dieser täuschenden Vorstellung bei , daß man gewohnt ist , die Unbeständigkeit der Menschen im Lieben auf Rechnung der Liebe zu setzen , da sie doch bloß eine natürliche Folge theils der Unbeständigkeit der Dinge selbst , theils der organischen Einrichtung unsers Körpers ist ; denn es ist so sehr Natur der Liebe durch das Anschauen oder den reinen geistigen Genuß des Schönen befriedigt zu werden , daß jeder einzelne schöne Gegenstand , wofern er immer derselbe bliebe , und die Seele im reinen Genuß desselben nicht von außen her gestört würde , hinlänglich wäre , sie ewig fest zu halten und völlig zu befriedigen . Euphranor . Wenn ich als Künstler meine Meinung von der Sache sagen darf - Lais . Das war es eben , warum ich dich in diesem Augenblick bitten wollte . Euphranor . So sage ich , daß ich keinen Begriff davon habe , wie ein Maler oder Bildner es anfangen sollte , um den Platonischen Eros , den nichts als das selbstständige Urschöne befriedigen kann , symbolisch darzustellen : den Aristippischen hingegen getraue ich mir so gut zu malen , daß er keinen Zettel aus dem Munde nöthig haben soll , um für das , was er ist , erkannt zu werden . Ich würde ihn , fürs erste , als einen schönen , ewig jugendlichen Genius schildern : denn mit Platons Amor , der weder schön noch häßlich ist , mag ich als Maler nichts zu schaffen haben ; hingegen finde ich sehr schicklich , daß der Liebhaber der Schönheit selbst schön sey . Nur würde ich ihn so darzustellen suchen , daß es dem sinnigen Anschauer sogleich bemerklich würde , er empfange seinen schönsten Glanz von dem geliebten Gegenstand , und verschönere sich selbst im Anschauen desselben . Um dieß , so weit die Schranken der Kunst es verstatten , bewirken zu können , und zugleich anzudeuten , daß dieser Amor gleichsam vom bloßen Anschauen des Schönen lebe , und ohne alle Begierde sich völlig daran ersättige und darin ruhe , würde ich ihm die himmlische Venus nicht in einer mit mancherlei prächtigen und reizenden Gegenständen ausgeschmückten Gegend weder des Olympus noch der Erde , sondern in einem den ganzen Raum ausfüllenden leeren und dunkeln Gewölk erscheinen lassen ; so daß alles Licht allein von der Göttin ausginge , und den in ihrem Anschauen verlornen oder vielmehr sich selig fühlenden Genius dergestalt anstrahlte und verklärte , daß seine Schönheit bloß ein Widerschein der ihrigen zu seyn schiene . Dieß ist alles ( freilich wenig genug ) was ich von der Idee , die jetzt vor meiner Seele schwebt , anzudeuten vermögend bin ; ausgesprochen kann sie nur durch die wirkliche Darstellung werden - Lais . Und du getrauest dich dessen , sagtest du ? Ich werde dich beim Wort nehmen , Euphranor ! Euphranor . Und ich lasse mich dabei nehmen , wenn du mir dagegen dein Wort gibst , daß die schönste Sterbliche , die ich kenne , das Modell meiner Venus Urania seyn soll . Lais . Alles was ich dir versprechen kann , ist , daß die Schuld nicht an mir liegen soll , wenn dein Bild nicht zu Stande kommt . - Und so hätten wir denn Hoffnung , durch die That bewiesen zu sehen , daß die Kunst sich mit Aristipps Amor besser behelfen könne als mit dem Platonischen . Aber was die Realität betrifft , möchten sie einander wohl wenig vorzuwerfen haben . Denn eine Liebe ohne Begierde , eine Liebe die vom bloßen Anschauen lebt , und der Gegenliebe rein entbehren kann , möchte doch wohl in dieser untermondlichen Welt eben so gut ein Hirngespenst seyn , als die Liebe zu einem Urschönen , das weder in den Begriff noch in die Sinne fällt . Praxagoras . Diesen Ausspruch , schöne Lais , erwartete ich billig von einem so hellen und richtigen Blick , wie der deinige , und unfehlbar hängt auch Aristipp nicht so fest an seinem idealischen Amor , daß er uns nicht ehrlich gestehen sollte , daß mit solchen , auf die Schneide einer mathematischen Linie getriebenen Abstractionen weiter nichts gewonnen wird , als die Gewißheit , daß es gar keine Liebe unter dem Monde gebe . Aristipp . Der Vorwurf des Praxagoras würde mich treffen , wofern ich sagte , ich kenne einen Menschen , der ein schönes Weib , oder auch nur eine schöne Bildsäule , einen schönen Wagen mit zwei milchweißen Thracischen Pferden , oder irgend ein schönes Ding in der Welt , sein Lebenlang vor sich sehen könnte , ohne jemals von der leisesten Begierde es zu besitzen angewandelt zu werden . Gewiß gibt es schwerlich einen solchen Sterblichen . Aber darauf wird bei Unterscheidung der Liebe von der Begier keine Rücksicht genommen ; denn da ist es bloß darum zu thun , jedem das Seinige zu geben , dem Eros was der Liebe , dem Pothos was der Begierde zukommt . Daß es etwas zwar nicht Unmögliches , aber gewiß sehr Seltenes unter den Sterblichen ist , jenen ohne diesen zu sehen , geb ' ich nicht nur zu , sondern find ' es der Natur sehr gemäß . Indessen ist doch eben so wenig zu läugnen , daß es von jeher unter Blutsverwandten , unter Freunden , ja sogar unter Liebenden in der engern Bedeutung des Worts , an Beispielen reiner uneigennütziger Liebe , selbst an solchen , wo der Freund dem Freunde , der Liebende dem Geliebten die größten Opfer ohne alle Rücksicht auf eigenen Vortheil oder Lohn zu bringen willig ist , nie gefehlt hat noch künftig fehlen wird : und wer so weit gehen wollte , das innerliche Vergnügen , das von dergleichen Gesinnungen und Handlungen unzertrennlich ist , für das geheime eigennützige Triebrad derselben zu erklären , da es ihm doch ewig unmöglich wäre , sein Vorgeben nach der Schärfe zu beweisen , würde mit ungleich besserm Fug zu tadeln seyn , als Plato , wenn er die Begriffe des Schönen , Wahren , Rechten u.s.f. durch Abscheidung von allem Fremdartigen zum höchsten Grade der Feinheit zu treiben sucht . Euphranor . Meine Kunstverwandten wußten bisher nur von Einem eigentlichen großen Amor , der Cyprischen Göttin Sohn , den sie gewöhnlich mit dem Bogen in der Hand , und einem Köcher voll starkbekielter Pfeile auf dem Rücken , bilden ; aber dafür stehen uns der kleinen Amorinen , seiner jüngern Brüder , so viele zu Diensten als wir gelegentlich nöthig haben . Sollte nicht , nach diesem Beispiel und einem Wink , den uns Aristipp bereits gegeben , zufolge , zur Erklärung aller der unzähligen Abartungen , Widersprüche mit sich selbst , Verwandlungen , Thorheiten und losen Streiche , die man dem armen Amor zur Last legt , das Bequemste seyn , statt eines einzigen Eros Pandemos oder Pothos ( der , um sich zu gleicher Zeit und an so vielen Orten in so mancherlei Gestalten zu zeigen , ein größerer Zauberer als der alte Proteus oder die Empuse unsrer Kinderwärterinnen seyn müßte ) , so viele kleine Liebesgötter anzunehmen , als es verschiedene Arten und Abarten der Liebe gibt , so daß eigentlich jedermann seinen eigenen hätte , und keiner von ihnen für die Narrheiten und Ausschweifungen eines andern verantwortlich gemacht werden dürfte ? Neokles . Der Einfall scheint mir glücklich ; nur möchte ich ohne Maßgabe vorschlagen , den Eros nie mit seinem Stiefbruder Pothos zu verwechseln , sondern ihm ( da er doch nicht ohne Gegenliebe ausdauern kann ) bloß seinen Zwillingsbruder Anteros zum Gespielen zu geben ; die ganze Brut der Amorinen aber nicht für Brüder des Pothos , sondern für seine Kinder zu erklären , die er mit den Nymphen Aphrosyne137 , Aselgeia und andern ihres gleichen , zum Theil auch mit der Bettlerin Penia , welche von besonders fruchtbarer Natur seyn soll , in die Welt gesetzt haben könnte . Praxagoras . Darf ich , ohne der Freiheit und Willkürlichkeit eines symposischen Gesprächs zu nahe zu treten , meine Gedanken von dem unsrigen sagen ; so dünkt mich , Plato habe uns unvermerkt mit seinem Hang zum Symbolisiren und Allegorisiren angesteckt , und so sey es auch uns ergangen wie ihm , daß nämlich aus allen den schönen Sachen , die diesen Abend über die Liebe vorgebracht worden sind , zuletzt doch kein Resultat erfolgt , und wir aus einander gehen werden , ohne die wahre Auflösung des Problems gefunden zu haben . Wie , wenn mir erlaubt würde , die Sache bei einem andern Ende anzufassen , und - da wir doch alle wissen , daß die Liebe weder ein Gott noch ein Dämon , weder Uraniens , noch Polymniens noch Peniens Sohn , sondern eine menschliche Leidenschaft und die physische Wirkung gewisser Triebe und Neigungen unsrer aus Thier und Geist sonderbar genug zusammengesetzten Natur ist - zu sehen , was es aus diesem Gesichtspunkt für eine Bewandtniß mit ihr habe ? - Was von ihr auf Rechnung des sympathetischen Instincts der beiden Androgynischen Hälften zu setzen , was hingegen bloß aus dem unsrer edlern Natur wesentlichen reinen Wohlgefallen am materiellen , geistigen und sittlichen Schönen zu erklären sey ; und endlich , welche von den Symptomen und Wirkungen , die ihr zugeschrieben werden , auf die Verantwortung andrer selbstsüchtiger Leidenschaften kommen , die sich öfters zu ihr gesellen , und ( wie z.B. der Ehrgeiz oder die Eifersucht ) nicht nur ihre eigene Energie verstärken , sondern sogar ihre Natur dergestalt überwältigen , daß sie , aus der sanftesten , geschmeidigsten und humansten , die unbändigste und grausamste aller Leidenschaften wird . Auf diesem Wege , däucht mich - Lais ( ihm lächelnd ins Wort fallend ) . Würdest du uns , lieber Praxagoras , unfehlbar zu einer sehr gründlichen und vollständigen Philosophie der Liebe verhelfen ; aber für ein kleines anspruchloses Symposion , wie dieses , möchte , wie du selbst siehest , eine solche Operation fast zu ernsthaft und methodisch scheinen , zumal da die Nacht schon weit vorgerückt ist . Gefällt es euch , so will ich unsre bisherige Unterhaltung mit einem Milesischen Mährchen schließen , welches ich unmittelbar aus der Quelle selbst , nämlich aus dem Mund einer der mährenreichsten Ammen in Milet geschöpft habe , und woran ihr wenigstens - die Kürze sehr preiswürdig finden werdet . Mich ließ die Milesische Amme nicht so leicht davon kommen . Es war einmal ein König und eine Königin , ich weiß nicht in welchem Lande , weit von hier , die hatten eine Tochter , Psyche genannt , von so übermenschlicher Schönheit , daß Aphrodite selbst eifersüchtig auf sie ward , und , um einer so gefährlichen Rivalin je eher je lieber los zu werden , ihrem Sohn befahl , ihr mit dem giftigsten seiner Pfeile irgend eine hoffnungslose Liebe in die Leber zu schießen , von welcher sie in kurzer Zeit zu einem so hagern blaßgrünen Gespenst abgezehrt würde , daß ihr die Eitelkeit , sich mit der Göttin der Schönheit vergleichen zu lassen , wohl vergehen müßte . Amor schickte sich an , seiner Mutter Befehl zu vollziehen ; aber kaum hatte er einen Blick auf die schöne Psyche geworfen , die er im Garten ihres Vaters an einer murmelnden Quelle eingeschlummert fand , so verliebte er sich so heftig in sie , daß er von Stund an beschloß sich auf ewig mit ihr zu verbinden . Weil er aber seine Leidenschaft vor seiner Mutter auf alle Weise zu verbergen suchen mußte , bewog er seinen Freund und Spielgesellen , den Zephyr , durch vieles Bitten , sich seiner anzunehmen , und ( nachdem ihm dieser beim Styx zugeschworen hatte sich recht ehrbar aufzuführen ) die schlafende Psyche sanft aufzuheben , und auf einem gewissen Berg in einer menschenleeren Wildniß am Ende der Welt , wo niemand sie suchen würde , eben so sanft wieder niederzulegen . Psyche , die , während dieß mit ihr vorging , immer ruhig fortgeschlummert hatte , erwacht endlich und erstaunt nicht wenig , sich , ohne zu wissen wie , an einem Ort zu finden , wo ihr alles was sie sieht , neu und fremd ist . Mitten in einem unermeßlichen Lustgarten , der schon dem ersten Anblick alle Schönheiten der Natur in der reizendsten Vereinigung darstellt , erblickt sie einen herrlichen Palast , dessen offne Pforten sie einladen , hineinzugehen , wiewohl die tiefste Stille , die um und in demselben herrscht , sie vermuthen läßt , daß er ohne Bewohner sey . Amor ist ein so großer Zauberer , daß es ihn nur einen Wink gekostet hatte , diesen Palast aufzuführen , und mit allem nur Ersinnlichen zu versehen , was zur Einrichtung und Ausschmückung einer eben so bequemen als prachtvollen Wohnung gehört ; und da er in eigner Person , wiewohl unsichtbar , um seine junge Geliebte schwebte , vergaß er nicht , eine Art von Zauber auf sie zu legen , der die Schüchternheit vertrieb , von welcher sie natürlicherweise befangen seyn mußte . Um ihr noch mehr Muth zu machen , rief ihr eine liebliche Stimme aus der Luft herunter zu : sey getrost , schöne Psyche , dieser Palast und alles was du siehest , ist dein ; du bist hier unumschränkte Gebieterin ; unsichtbare Hände werden dich bedienen , deinen leisesten Wünschen zuvorzukommen suchen , und jeden deiner Winke aufs schleunigste vollziehen . Durch einen so schmeichelnden Zuruf beherzt gemacht , ging sie in den Palast hinein , und gerieth ganz außer sich vor Erstaunen und Freude , indem sie in den prächtigen Sälen und Zimmern umher irrte , in welchen alles von Silber und Gold und kostbaren Steinen dermaßen glänzte und funkelte , daß ihr die Augen davon übergingen . Unvermerkt befand sie sich in einem runden , auf Säulen von Jaspis ruhenden und mit großen Blumengewinden behangenen Saal , wo so eben in einer mit Elfenbein ausgelegten goldnen Kufe ein warmes Bad für sie zubereitet worden war . Sogleich wurde sie von schwanenweichen unsichtbaren Händen ausgekleidet , ins Bad gehoben , mit köstlichen Wassern begossen , mit Rosenöl eingerieben , abgetrocknet , wieder angekleidet und aufgeschmückt , alles mit einer Leichtigkeit und Zierlichkeit , daß sie von den Grazien selbst bedient zu seyn glaubte . Als sie aus dem Bade hervor ging , öffnete sich ihr ein Speisezimmer , wo ein wahres Göttermahl auf sie wartete . Sie setzte sich , und aß von den köstlich zubereiteten Speisen , die von den Unsichtbaren aufgesetzt und wieder abgetragen wurden , während die lieblichste Musik , von gleich unsichtbaren Sängerinnen und Saitenspielern aufgeführt , ihr Gemüth wechselsweise bald in eine fröhliche bald wollüstig schmachtende und unbekannte Freuden ahnende Stimmung setzte . Endlich da die Nacht hereingebrochen war , und ihre Augenlieder zu sinken begannen , wurde sie von den Unsichtbaren in ein anderes Gemach geleitet , ausgekleidet und in das weichste und prallste aller Betten gelegt , wozu jemals Schwanen ihren Flaum und Kolchische Lämmer ihre Wolle hergegeben . Sie war eben im Begriff einzuschlummern , als ein leises Getön die Furchtsame wieder aufschreckte ; aber in eben demselben Augenblick verlosch die Lampe , die von der Decke herab einen dämmernden Schein über das Schlafzimmer verbreitet hatte , und bald darauf blieb ihr keine Möglichkeit zu zweifeln , daß ein unbekanntes Wesen an ihrer Seite lag , und durch die zartesten Liebkosungen ihr zugleich seine Zuneigung , wiewohl stillschweigend , zu entdecken , und um ihre Gegengunst zu bitten schien . Wir wissen ungefähr alle , wie viel Bescheidenheit und Zurückhaltung sich unter solchen Umständen dem verwegensten aller Götter zutrauen läßt , und ob von der zitternden , zwischen Grauen und Erwartung wie an einem Haare schwebenden Psyche etwas anders als ein leidendes Verhalten zu erwarten war . Als sie des folgenden Tages gegen die Mittagsstunde aus den angenehmen Träumen , die ihr Amor zur Gesellschaft zurückgelassen hatte , erwachte , fand sie sich wieder allein , in einem Labyrinth von Gedanken und Erinnerungen verloren , aus welchem sie sich nicht zu helfen wußte . Endlich stand sie auf , die Unsichtbaren stellten sich wieder ein , sie ins Bad zu führen , und alles was die sorgfältigste Bedienung der Geliebten ihres Herrn erforderte , mit ihrer gewöhnlichen Zierlichkeit und Gewandtheit zu verrichten - kurz , der Tag ging unter mancherlei abwechselnden Vergnügungen unvermerkt vorüber ; die Nacht , die ihm folgte , glich in allem der vorigen ; und eben so war es mit einer Reihe folgender Tage und Nächte . Die unsichtbaren Dienerinnen wußten den Unterhaltungen , die sie ihr verschafften , immer den Reiz der Neuheit zu geben ; der unsichtbare Liebhaber wurde immer verliebter , und Psyche gewöhnte sich unvermerkt an das Wunderbare ihres Zustandes so gut , daß sie ihn mit keinem andern in der Welt vertauscht hätte . Und dennoch hatte sie kaum zehn Tage in diesem glücklichen Zustande zugebracht , als sie zu fühlen begann , es fehle ihr etwas , ohne welches sie nicht glücklich seyn könne . Mit jedem Tage , mit jeder Stunde wurde dieß Gefühl schmerzlicher ; es verbreitete Unruhe und Unbehaglichkeit über ihr ganzes Wesen ; die Unsichtbaren konnten ihr nichts mehr recht machen ; sie fand die artigsten kleinen Feste , die man ihr gab , geschmacklos und langweilig , und es währte nicht lange , so verriethen übel verhaltene Seufzer ihrem Gemahl selbst , sogar in den süßesten Augenblicken der Zärtlichkeit , daß ihr etwas schwer auf dem Herzen liege . Er sah sich genöthiget , sein bisheriges Schweigen zu unterbrechen , und , da er sie einsmals ungewöhnlich kalt und zurückhaltend fand , sagte er zu ihr : » Liebste Psyche , du bist mißmüthig , und fühlst dich unglücklich . Ich kenne die Ursache deiner Unzufriedenheit , denn ich lese in deiner Seele . Der Vorwitz zu wissen wer ich bin , plagt dich ; aber wenn du wüßtest , in welche Verlegenheit du mich durch die unglückliche Wißbegierde setzest , und welche Schmerzen du mir , welches Elend du dir selbst dadurch bereitest , du würdest sie mit Entsetzen und Abscheu aus deinem Gemüthe verbannen . Wisse also von dem Augenblick an , da du erfährst wer ich bin , hast du mich auf immer verloren , dein bisheriges Glück ist dahin , und Jammer und Leiden ohne Maß sind dein Loos , bis du dein unglückseliges Daseyn in Verzweiflung endigest . Glaube mir , liebe Psyche , und habe Mitleiden mit dir selbst ; denn wenn du mein Geheimniß entdeckt hast , so steht es nicht in meiner Macht , wie groß sie auch ist , dich zu retten . Du kannst nicht zweifeln , daß ich dich liebe ; ich thue alles Mögliche dich glücklich zu machen ; du würdest es seyn , wenn du dir genügen ließest , mich und alles was ich für dich thue ruhig zu genießen , ohne mehr wissen zu wollen als dir erlaubt ist ; und vielleicht ist dir noch ein viel herrlicheres Loos in der Zukunft aufbehalten , wenn du die Probe , worauf ich deine Mäßigung zu setzen genöthigt bin , weislich bestehest . Also nochmals , Geliebte , verbanne den Vorwitz mich genauer zu kennen , beruhige dich im Genuß meiner Liebe , und erspare mir den endlosen Schmerz , dich elend zu sehen , und dir nicht helfen zu können . « So sprach Amor mit einem leisen traurigen Vorgefühl , daß sein Zureden fruchtlos seyn würde . Die geschreckte Psyche fuhr ihm in die Arme und gelobte ihm heilig , seiner Warnung immer eingedenk zu seyn . Aber kaum sah sie sich wieder allein , so kehrte das unruhige Verlangen , sich durch ihre Augen nach der Beschaffenheit ihres Gemahls zu erkundigen , mit dreifacher Stärke in ihren Busen zurück . Sie hatte sich ihn bisher unter einer liebenswürdigen Gestalt vorgebildet ; jetzt regten seine eigenen Worte und die schrecklichen Drohungen , womit er sein Verbot begleitet hatte , tausend Zweifel in ihrer Seele auf , und es war ihr unmöglich den Gedanken los zu werden , daß er vielleicht in seiner wahren Gestalt ein häßlicher Zauberer oder sonst ein mißgeschaffner Unhold sey , der sie durch seine Unsichtbarkeit um ihre Liebe betrüge . Kurz , die Unglückliche faßte den Entschluß , die Qualen dieser Ungewißheit nicht länger zu ertragen , sondern noch in dieser Nacht zu erfahren , wer der Unsichtbare sey , dem sie bisher die Vorrechte und die Zuneigung , die einem Gemahl gebühren , so unbesonnen zugestanden ; und sie hielt sich selbst Wort . Um ihn desto sicherer zu machen , erwiederte sie in der nächsten Nacht seine Liebkosungen mit heuchlerischer Innigkeit : aber kaum merkte sie , daß er eingeschlafen war , so stand sie von seiner Seite auf , schlich sich mit bloßen Füßen in ein Vorzimmer , wo sie wußte , daß eine brennende Lampe stand , kam mit der Lampe in der Hand zurück , näherte sich dem Bette , und erblickte - den schlafenden Liebesgott in seiner ganzen ewig jugendlichen Schönheit . Mitten in ihrer Entzückung bei diesem unverhofften Anblick überfällt sie die Angst daß er erwachen möchte ; ihre Hand zittert , die Lampe schwankt , ein Tropfen heißes Oel fällt auf Amors schöne Brust ; er erwacht , wirft einen schmerzlich zürnenden Blick auf Psyche , und fliegt davon . Und hiermit , lieben Freunde , ist mein Mährchen zu Ende . Der Milesischen Amme ihres fing hier erst recht an ; aber was weiter folgt , gehört nicht zu meinem Zweck138 , und die Lehre aus meinem Mährchen zu ziehen , überlasse ich einem jeden selbst . Mit diesen Worten erhob sie sich von ihren Polstern , und die ganze Gesellschaft stand auf , sagte ihr viel Schönes über ihr Milesisches Mährchen , und wünschte ihr gute Nacht . Als die übrigen alle sich entfernten , blieb ich noch allein bei ihr zurück , um sie auf ihr Zimmer zu begleiten . Wir waren kaum angelangt , so wandte sie sich mit einer unbeschreiblich reizenden Miene gegen mich , und sagte in einem leise spottenden Tone : du glaubst also im Ernst , daß Liebe ohne Begierde möglich ist ? Da ich sie sogleich errieth ( was ich ohne Anspruch an eine große Scharfsinnigkeit oder Divinationsgabe gesagt haben will ) , so antwortete ich bescheiden aber zuversichtlich : allerdings , und desto gewisser , je schöner der Gegenstand ist . Lais . Auch dann , wenn er unmittelbar vor uns steht ? Ich . Auch dann . Lais . Auch wenn Zeit und Ort und alle übrigen Umstände sich vereinigen den schlummernden Pothos zu wecken ? Ich . Allerdings . Lais ( schalkhaft lächelnd ) . Wir reden , denk ' ich , im Ernst , Aristipp ? Der arme Pothos könnte freilich auch aus Erschöpfung schlummern ! Ich . Es versteht sich , daß dieß nicht der Fall seyn darf . Lais schwieg , und fing an eine Nadel , womit ein Theil ihres in kleine Zöpfe geflochtnen Haars zusammengesteckt war , heraus zu ziehen , die Perlenschnur um ihren Hals abzunehmen , und sich , so sorglos unbefangen als ob sie allein wäre , der Binde , die ihren Busen fesselte , zu entledigen ; kehrte sich dann wieder zu mir und sagte : ich glaube wirklich , Sokrates hätte die Probe unfehlbar ausgehalten ; meinst du nicht ? O Lais , Lais , rief ich in einer unfreiwilligen Bewegung aus , welch ein himmlischer Anblick würde dieser Busen einem einzigen Auserkornen seyn , wenn er die mütterliche Ruhestatt eines kleinen menschlichen Amorino wäre ! Grillenhafter Mensch ! sagte sie , indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter gab . Aber es ist Zeit zum Schlafengehen ; gute Nacht , Aristipp ! - und mit diesem Wort entschlüpfte sie in ihr Schlafgemach und zog die Thür sanft hinter sich nach . Ob sie auch den Riegel vorschob , weiß ich nicht ; denn gleich darauf hörte ich etliche von ihren Mädchen , die zu ihr hereinkamen , und begab mich weg ; unzufrieden mit mir selbst , daß es mir gleichwohl einige Anstrengung kostete , mich von dieser allzu liebenswürdigen Sirene zu entfernen . 34. Antipater an Kleonidas . Ich befinde mich seit Anfang des Munychions mit Aristipp und dem schönen Kleophron , einem Schüler Platons und Geliebten seines Neffen Speusippus , zu Aegina : Kleophron auf einem Landgute des Eurybates von Athen , Aristipp und ich bei der berühmten Lais , deren prächtiger Landsitz dir ohne Zweifel noch wohl erinnerlich seyn wird . So klein diese Insel ist , so reich ist sie an Merkwürdigkeiten . Unter andern habe ich bereits sieben , an den großen Panegyrischen Spielen Griechenlands gekrönte Athleten gesehen , von welchen einer , dessen Rücken neunundachtzig Jahre nicht zu krümmen vermochten , sich rühmen kann , daß sein Sieg noch von Pindar selbst besungen wurde . Das Außerordentlichste indessen , was Aegina dermalen besitzt , ist unläugbar die Gebieterin des Hauses , worin ich als dein und Aristipps Freund aufgenommen bin , und mit ausgezeichnetem Wohlwollen behandelt werde . Ihre Schönheit ist so weit über alles , was man zu sehen gewohnt ist , erhoben , daß mir eine geraume Zeit lang bei ihrem Anblick nicht anders zu Muthe war , als mir ( wie ich glaube ) seyn müßte , wenn ich eine elfenbeinerne Liebesgöttin von Phidias oder Alkamenes wie lebendig vor meinen Augen herumwandeln sähe . Ich betrachtete sie mit immer neuer Bewunderung , ich hätte sie anbeten mögen ; aber wie ein Mensch sich unterfangen könne sie zu lieben , oder hoffen könne von ihr geliebt zu werden , war mir unbegreiflich . Dieses seltsame Gefühl war vielleicht die Ursache , warum die besondere Aufmerksamkeit und Herablassung , deren sie mich , nach den ersten acht oder zehn Tagen zu würdigen schien , eine wunderliche Art von Scheu , oder wie soll ich es nennen ? bei mir erregte , die mir das Ansehen eines kalten gefühllosen Menschen geben mochte , und um so auffallender seyn mußte , weil sie in eben dem Verhältniß zunahm , wie Lais ihre Bemühung , mir Muth und Zutrauen einzuflößen , verdoppelte . Da ich mir selbst lächerlich gewesen wäre , wenn ich mir auch nur im Traume mit der Liebe dieser Königin der Weiber hätte schmeicheln wollen , so gebärdete ich mich nun desto seltsamer , je mehr ich zu fühlen anfing , daß ich von so verführerischen Anlockungen nur zu leicht getäuscht und unvermerkt in eine hoffnungslose Leidenschaft verstrickt werden könnte . Ich unterließ nichts , was sie in der Meinung bestärken mußte , daß der junge Antipater von Cyrene der einzige Sterbliche sey , an welchem ihre Reize die gewohnte Macht verlören . Ich glaubte zu meiner eigenen Sicherheit um so mehr dazu genöthiget zu seyn , weil ich in ihrem immer gefälligern und einnehmendern Betragen gegen mich nicht die mindeste Spur von Mißvergnügen oder Unwillen bemerken konnte : denn ich legte ihr dieß als einen planmäßigen Anschlag aus , der mit dem Vorsatz verbunden sey , wenn sie ihre Absicht erreicht haben würde , mich desto empfindlicher für meine Vermessenheit zu züchtigen . In dieser nicht sehr natürlichen , und , die Wahrheit zu sagen , peinvollen Lage befand ich mich , als gegen Ende des Monats mein Freund Speusippus in einen Sklaven verkleidet anlangte , um , seinem Vorgeben nach , den jungen Kleophron , den Sohn seines Herrn , eilends nach Sicyon abzuholen . Aber der wahre Zweck seiner Herüberkunft war , nachdem die nöthigen Vorkehrungen getroffen worden , daß die Sache allen andern , außer Lais , Aristipp , mir und den vertrautern Hausgenossen , ein Geheimniß bleiben mußte , den schönen Kleophron spät in der Nacht nach einer kleinen durch Gebüsche und Bäume verborgenen Wohnung abzuführen , die in einem abgesonderten Theil des an die Gärten der Lais stoßenden Lustwaldes liegt , und wozu sie allein den Schlüssel hat . Hier ereignete sich ein paar Tage darauf ein natürliches Wunder , wovon gleichwohl niemand von denen , die um die geheime Entführung wußten , überrascht zu werden schien ; der schöne Kleophron beschenkte nämlich seinen Platonischen Liebhaber mit - einem wunderschönen Knäblein , dem zu einem kleinen Amor nichts als die Flügel fehlten , und verwandelte sich selbst , um die Rolle der Mutter mit desto besserm Anstand zu spielen , wieder in die zärtliche Lasthenia , eine von Lais erzogene junge Person , welche , vor geraumer Zeit , von einer gleich heftigen Leidenschaft für Platons Philosophie und für seinen Neffen nach Athen gezogen worden war , in männlicher Verkleidung die Akademie besucht hatte , und dort für den Sohn eines Sicyonischen Bildhauers galt . Lais , die sich mir bei dieser Gelegenheit von einer sehr liebenswürdigen Seite zeigte , übernahm die Vorsorge für Mutter und Kind , und Speusipp kehrte , eben so geheimnißvoll als er gekommen war , nach Athen zurück , um von Zeit zu Zeit , bald in dieser bald in jener Gestalt wieder zu kommen , und im Genuß der Vaterfreuden die Beschämung zu ersticken , der Lehre seines Oheims und Meisters durch die Liebe zu - einem Mädchen ungetreu geworden zu seyn . Diese Begebenheit hatte Folgen für mich , lieber Kleonidas , die ich dir nicht verhehlen kann noch will . Die Schönheit des kleinen Speusippides , und die Scenen des menschlichsten und süßesten aller natürlichen Gefühle , wovon ich mehr als einmal Zeuge war , weckten das Verlangen , auch Vater eines so holdseligen Geschöpfs zu werden , mit solcher Macht in mir auf , daß ich mich nicht entbrechen konnte , mein Anliegen einer jungen Dirne zu entdecken , die ich öfters auf einem an unsern Wald angelehnten Hügel , neben den Schafen die sie