können . Da hob Gretchen plötzlich den Kopf und sah ihn mit jenem Blick des inneren Gerichts , den er stets nur schwer , heute gar nicht aushalten konnte : „ Es ist nicht wahr — es kann nicht sein ! Vater — Du bist unschuldig — Du kannst das nicht getan haben ? “ „ Um aller Barmherzigkeit willen , Gretchen , sprich nicht so laut , “ bat Leuthold . „ Du zitterst , Du vermeidest meinen Blick ? Vater , wenn Du das auf Deine Seele geladen hättest — ich könnte nicht Dein Richter — aber ich würde Dein Gewissen sein . Keine Stunde ließe ich Dich froh werden , nicht schlafen ließ ’ ich Dich , bis Du zurückgegeben hättest , was nicht Dein ist . Hungers sterben würde ich vor Deinen Augen , ehe ich einen Bissen Brot genösse , der nicht ehrlich erworben ist . — Doch , was rede ich da — ich bin von Sinnen ! Es ist ja nicht möglich , nicht möglich ! So hilf mir doch mit einem einzigen Wort aus diesem Drangsal . Meine Seele ist in Nacht gehüllt , wirf nur einen Schimmer des Lichtes hinein . “ Sie umschlang inbrünstig seine Knie : „ Vater , schwöre mir , daß Du unschuldig bist — “ „ Mein Kind — “ Sie unterbrach ihn : „ Nein , keinen Schwur , keine Beteuerung — zwischen uns bedarf es dessen nicht , nur einfach — Ja oder Nein — und ich glaube Dir ! — Sieh mich an , Vater — o , nur einen Blick ! Sprich auch nicht , sag nicht einmal Ja oder Nein — laß mich Dir nur in die Augen sehen und jeder Zweifel wird schwinden . “ „ Gretchen ! “ flüsterte Leuthold und suchte sich loszumachen — „ Gretchen , höre mich ! “ „ Nein , Vater , nein — ich lasse Dich nicht . Ich will keine Erklärung , keine Rechenschaft . Hast Du das Verbrechen begangen , dann hilft kein Beschönigen — ich will nichts wissen , nichts hören , als : ob Du es getan — oder nicht ? “ Sie suchte in kindlicher Angst sein Auge , sie ließ seine Knie los , um seine Hände zu fassen und küssen , ein Strom von Tränen erleichterte ihr Herz . „ Ach , vergib , vergib , daß ich so zu Dir zu sprechen wage , ein Kind zu seinem Vater . Nein , nein — es ist Frevel , daß ein so furchtbarer Argwohn in mein Herz kommen konnte . O mein Gott , wie klein bin ich , wie unwürdig Deiner Liebe . Eine Anklage böser Menschen vermag es , mich irre zu machen an Dir und ich wage es noch , Dich zu fragen — ob Du unschuldig bist ? Verzeih — Du gütiger , langmütiger Vater , sieh , ich frage nicht mehr , will Dir nicht mehr forschend in die Augen schauen , nur die Berührung Deiner Hand , dieser treuen , schützenden Vaterhand hat hingereicht , mir das Vertrauen wiederzugeben , mich zurückzuführen in die Schranken meiner Kindespflicht ! “ Und sie legte ihr tränenfeuchtes Gesicht in seine Hände mit einer Demut , die ihn tiefer ergriff als die schwerste Anklage . „ Nun ist ’ s aber genug ! “ erscholl plötzlich hinter ihnen eine Stimme , die Leuthold das Blut in den Adern gerinnen ließ : „ Ich will Dich Deine Kindespflicht lehren ! “ Und aus der Tür des Nebenzimmers trat eine plumpe Frauengestalt und schritt entschlossen auf die Gruppe zu . „ Jesus — die Mutter ? “ schrie Gretchen und wich unwillkürlich vor ihr zurück . „ Gretel , “ sagte die Frau , „ vor Deiner Mutter schrickst Du zurück und vor dem Bösewicht da liegst Du auf den Knien ? “ Leuthold trat zwischen sie und das Kind : „ Bertha , “ sagte er , „ ich dächte , ich wäre genug gestraft — Du bedürftest nicht auch noch der Rache , mir das Herz meines Kindes zu entreißen , ein Herz , nach dem Dich selbst nie verlangte und das Du nie gewinnen wirst . Wenn noch ein Rest von Muttergefühl in Dir ist — so schone — nicht mich — sondern diesen reinen Engel ! Zerstöre nicht das höchste Gut einer jungen Seele , den Glauben an ihren Erzeuger . Bertha , Bertha , Du tust der Tochter Schlimmeres als dem Vater — höre Dein Mutterherz , das doch beim An ­ blick dieser holden Blüte höher pochen muß und er ­ spare mir einen Streich , der sie vernichten würde . “ Frau Bertha schlug die Arme übereinander und sah den Flehenden mit maßlosem Hohn an : „ So — also jetzt legst Du Dich aufs Bitten , jetzt bin ich wohl nicht mehr roh — bösartig und gemein und eine Bestie wie damals , da Du mich forttriebst , weil ich Dich bei Deiner Erbschleicherei zu ungeschickt gezeigt ? “ „ Bertha ! “ rief Leuthold und deutete auf Gretchen , die mit steigender Angst von einem zum andern blickte — ein Bild des tiefsten Jammers . „ Ja , ja , sie soll ’ s nur hören , sie soll ihren lieben Papa nur kennen lernen , soll ’ s nur erfahren , daß Du das Verbrechen begingst , von dem in der Zeitung steht . Warum solltest Du denn das nicht getan haben , während Du Ernestine schon als Kind um ihr Eigentum betrogst , da Du Dir ’ s vom alten Hartwich verschreiben ließest ? Du bist zu Allem fähig — das sage ich , Deine Frau , die Jahre an Deiner Seite verlebte ! Und Dein Kind soll Dich verfluchen , statt an Dir zu hängen wie an seinem Herrgott . Nicht wahr , das wäre so ein Geschäftchen , solch schönes Mädel mit nach Amerika zu nehmen und dort zu verschachern ? “ Das Mädchen stieß einen lauten Schrei aus bei diesen Worten . Bertha fuhr unaufhaltsam fort : „ Weil ich Muttergefühl genug habe , um meinem Kind das Beste zu wünschen , deshalb schiebe ich Dir einen Riegel vor , Du sollst das arme Ding nicht in Dein verruchtes Leben mit hineinziehen , so lange ich lebe , nicht ! ! “ „ Bertha , “ schrie Leuthold alle Vorsicht vergessend , „ schweig — oder es gibt ein Unglück . “ „ Was denn für eines ? Willst Du mich vielleicht wieder erwürgen wie damals , als Hartwich sein Ver ­ mögen der Ernestine vermachte statt Dir ? Versuch ’ s mir , mich zu berühren , unten im Korridor stehen schon die Polizeidiener , die mein Mann für Dich bestellt , weil er fürchtet , unsere Kellner konnten den feinen Herrn nicht gut genug bedienen . “ „ Heiliger Gott , “ stöhnte Gretchen und taumelte , wie von einem tödlichen Schlage getroffen . „ Das hättest Du getan — so tief wärst Du in Deiner elenden Rachgier gesunken ? “ sagte Leuthold noch ungläubig , , , Ich tat ’ s nicht , sondern mein Mann , der Dich von jeher auf dem Strich hatte , weil ich ihm , um Dich zu heiraten , untreu geworden war . Diesen Morgen kam ein Herr hier an , der mit dem Polizei-Kommissar in allen Hotels Nachforschungen hielt und den Auftrag gab , sowie Du Dich zeigtest , es ihm zu melden . Den hat mein Mann rufen lassen und zu mehrerer Sicherheit auch den Gerichtsdiener . — Ich wollte nur noch vorher mit dem armen betrogenen Gretel sprechen und es unter meinen Schutz nehmen , wenn ihm nun der Vater weggeholt wird . “ Sie näherte sich dem Mädchen , doch dieses floh wie ein aufgescheuchtes Wild in die entfernteste Ecke des Zimmers . „ Lassen Sie mich , “ rief es an allen Gliedern zitternd . „ Berühren Sie mich nicht , Ihnen bleibt nichts mehr für mich zu tun , als mich zu töten , um die Qual zu enden , die Sie mir bereitet . “ Sie brach in ein herzzerreißendes Schluchzen aus . Niemand sah , daß die Tür sich leise öffnete und ein junger Mann auf der Schwelle erschien , der mit tiefem Mitleid auf das unglückliche Mädchen blickte . „ Mein Kind , “ sagte Leuthold schüchtern zu ihr tretend . „ Mein Kind , darf Dein unwürdiger Vater noch ein Wort zu Deinem Herzen sprechen ? “ „ Sprich nichts mehr , Vater , wozu soll es helfen ? Ich kann ja nicht mehr an Dich glauben , kann Dich nicht retten , mit meinem Herzblut nicht Deine Schuld abwaschen , wie gerne ich ’ s täte — ich kann nichts mehr als Dich beweinen ! “ „ Verzeihen Sie , wenn ein Unbekannter in das Heiligtum solchen Schmerzes eindringt , “ sprach jetzt der Fremde mit weicher , von Erschütterung gedämpfter Stimme : „ Der Augenblick treibt mich unbarmherzig weiter und läßt mich als Feind erscheinen , wo ich als Freund helfen , trösten möchte . “ Er wandte sich an Bertha — „ Dürfte ich Sie wohl bitten , uns einige Minuten allein zu lassen ? “ Sie ging murrend hinaus . „ Herr Gleißert , “ sprach er weiter , „ mein Name ist Hilsborn . Erschrecken Sie nicht ! Ich komme nicht als Rächer meines verstorbenen Vaters , der friedlich verklärte Geist des geliebten Toten fordert keine Sühne mehr , er hatte Ihnen noch bei seinem Leben verziehen . Ich komme nur im Auftrage meines Kollegen Möllner , der an das Lager Ihrer schwerkranken Nichte gefesselt ist , um an seiner Stelle hier die Sache Fräulein Ernestinens zu vertreten . Durch Frau Willmers erfuhren wir , daß Sie bereits einige Tage früher Ihre Effekten poste restante nach Hamburg geschickt hatten , daß Sie also Ihren Weg dahin nehmen mußten , wenn Sie Ihr Besitztum nicht im Stiche lassen wollten . Möllner forderte mich auf , Ihnen unverzüglich zu folgen und ich erklärte mich ohne Bedenken , aber auch ohne jede persönliche Rachsucht bereit , einem Freunde , dem ich viel verdanke , diesen Dienst zu leisten und Ihrer so schwer heimgesuchten Mündel zu ihrem Rechte zu verhelfen . Ich ahnte nicht , welch ein Opfer die Übernahme dieser Pflicht mich kosten würde : Denn die wenigen Minuten auf dieser Schwelle überzeugten mich , daß ich nicht nur gekommen bin , um Sie Ihrem Richter zu überliefern — sondern daß mir die furchtbare Aufgabe wurde , einer Tochter den Vater zu entreißen . “ „ Sie beschämen mich , mein Herr , durch eine so rücksichtsvolle Sprache in einem Augenblick , wo minder edle Naturen sich jede Rohheit gegen mich erlauben zu dürfen meinen . Ich danke Ihnen dafür umso mehr , als Sie vor Allen Grund hätten , mich zu hassen . Daß Sie auch Sinn haben für die menschliche Seite dieser traurigen Sache , beruhigt mich über das Schicksal meines unglücklichen Kindes , ich darf hoffen , daß Sie sich seiner ritterlich annehmen werden . “ „ Verlassen Sie sich darauf ! “ beteuerte Hilsborn . „ Und ich darf auch von Dir hoffen , mein Kind , daß Du den Schutz dieses edlen Mannes nicht verschmähst — er hat sich nichts gegen Deinen Vater vorzuwerfen , wenn er sich auch in seinem natürlichen Gerechtigkeitsgefühl zum Werkzeug der Hand hergab , die mich verfolgt . — Sie haben vermutlich für meine sofortige Verhaftung gesorgt ? “ „ Ja , Herr Gleißert , “ sagte Hilsborn leise , „ der Oberkellner des Hotels unterstützte mich darin . “ „ Nun so will ich keinen unnützen Aufenthalt veranlassen . Ich gehe der Untersuchung mit ruhigem Bewußtsein entgegen . “ Hilsborn legte sanft seine Hand auf Leutholds Arm : „ Herr Gleißert , wollen Sie einen wohlgemeinten Rat nicht verschmähen ? “ sprach er flüsternd , damit ihn Gretchen nicht verstehe , die unter Fieberschauern jedem Worte lauschte . „ Nun ? “ fragte Leuthold . „ Versuchen Sie , es nicht mehr zu leugnen . Sie würden Ihre Sache nur verschlimmern — die Beweise Ihrer Schuld sind vorhanden . “ „ Wie so ? “ fragte Leuthold ruhig , denn er war sich bewußt , jedes Blatt Papier , das ihn verraten konnte , vernichtet zu haben . „ Am Abend Ihrer Flucht traf ein Brief von dem ehemaligen Kammermädchen Ernestinens ein , welches mit Ihnen die italienische Reise machte und schleunige Übersendung des Jahrgeldes fordert , um das sie schon mehrmals vergebens geschrieben . Sie wirft Ihnen vor , was sie für Sie , Herr Gleißert , getan , wie sie sich Nächte hindurch im Nachschreiben von Ernestinens Hand geübt habe , bis sie soweit gewesen sei , um Ernestinens Namen vor dem Notar mit vollkommener Ähnlichkeit zu unterzeichnen . Kurz , der Brief enthüllte genügend , daß Sie auch den italienischen Notar täuschten , daß Sie die Person sowie die Schrift Ernestinens durch diese Kammerfrau nachahmen ließen , um die Urkunde aufzusetzen , derzufolge die Obervormundschaft das Vermögen des Fräuleins ausbezahlen mußte . “ Leuthold stand leichenblaß und stumm vor dem jungen Manne . Hilsborn sah , daß etwas Furchtbares in ihm vorgehen mußte . „ Ich sage Ihnen das nicht , um Sie zu beschämen oder Ihre Angst zu erhöhen , ich will Sie nur warnen , “ fuhr er fort , „ damit Sie nicht durch ein falsches Verteidigungssystem Zeit verlieren und vielleicht auch doch die Teilnahme der Geschworenen verscherzen , die nie fehlt , wo ein Mann von Ihrer Bildung ein reumütiges Bekenntnis ablegt . “ Um Leutholds Lippen zuckte es seltsam bei diesen wohlgemeinten Worten : „ Hat man etwa Schritte getan , sich der Person des Kammermädchens zu versichern ? “ fragte er in einem Tone , als wolle er fragen , „ Wie lange lebe ich noch ? “ „ Professor Möllner hat sogleich auf Fahndung angetragen und kurz vor meiner Abreise kam von O … , dem jetzigen Wohnorte des Mädchens , die telegraphische Anzeige von dessen Verhaftung . Auch an den Notar wird eine Zeugenvorladung ergehen . Seien Sie sicher , daß , wie Ihre Verfolgung nach allen Seiten mit größter Vorsicht eingeleitet worden ist , auch keine Maßregel versäumt werden wird , die Ihre Überweisung herbeiführen kann . Glauben Sie mir : Alles , was Ihnen bleibt , um Ihre Tage zu verbessern , ist , das Mitleid der Geschworenen zu gewinnen . “ „ Ich danke Ihnen ! “ sagte Leuthold . Gretchen hielt sich krampfhaft am Fensterkreuz . Sie hatte mehr verstanden , als Hilsborn wollte . — Da unten rauschte noch die Alster , funkelten die Lichter und in die fürchterliche Stille , die jetzt eingetreten war , tönten noch die Walzermelodien vom Pavillon herüber . War es denn möglich , daß da draußen Alles war wie vorher , und sie hatte doch ein Gefühl , als sei die Welt in Stücke gegangen ? Wieder öffnete sich die Tür und mehrere Gestalten wurden sichtbar . Gretchen verschwamm alles vor den Augen , ihr Herz pochte , als wäre jeder Schlag ein Todesstreich . Ein Kommissar trat ein . „ Sie verzeihen , “ sagte er zu Hilsborn , „ ich kann nicht länger warten . “ Leuthold blickte durch die Tür . Zwei Gerichtsdiener waren draußen . Auch der Oberkellner und Bertha . Aber was war das ? Immer mehr Gestalten tauchten auf in dem hellerleuchteten Vorplatze — es waren die Gäste des Hotels , neugierig , die Verhaftung zu sehen . Durch alle diese gaffenden , lachenden Menschen sollte er hindurch geführt werden ? Er , der sein ganzes Leben lang bei allen Verbrechen doch immer den Schein bewahrt hatte — er sollte jetzt im eigentlichen Sinne des Wortes an den Pranger gestellt werden , wie ein Dieb von Polizeidienern geführt den hellen Korridor entlang die Treppen hinabschreiten ? Und unten harrte seiner natürlich auch schon eine schaulustige Menge . Und wenn er in N * * ankam , wieder eine — er sollte nun keinen andern Weg mehr gehen , als durch Reihen neugieriger Gesichter , von Verhör zu Verhör , von Schande zu Schande geschleppt werden — er , der immer für einen anständigen Mann gegolten , — bis er endlich in die Zwangsjacke des Zuchthauses oder eines Irrenhauses hineingequält war ? Er überlegte nicht mehr , er wandte sich ein wenig um , nur ein wenig . Er zog ein kleines Pulver aus der Tasche — er brauchte nur einen Augenblick , Niemand bemerkte es . Was war es weiter ? Es war ja so leicht , ein Pulver zu nehmen — viel leichter , als da hinaus in den hellen Korridor unter die murmelnden , wartenden Menschen zu treten und von da weiter bis in den Gerichtssaal , bis zur Strafarbeit ! Noch eine Sekunde — das Pulver war geschluckt . — Es war sehr bitter , er mußte ein Glas Wasser trinken , um den entsetzlichen Geschmack von der Zunge zu bringen . Als dies geschehen , trat er zu Gretchen , die mit verhülltem Gesicht auf den Knien lag : „ Gretchen , “ sagte er dumpf — „ vergib Deinem unglücklichen Vater ! “ „ Vater ? Allmächtiger Gott , ich habe keinen Vater mehr ! “ brach es aus dem gemarterten Kinde hervor . Leuthold sah sie an mit brechendem Blick . „ Ich bin — gerichtet ! “ war Alles , was er sagen konnte . Dann wandte er sich an die Polizeibeamten : „ Meine Herren , in einem Augenblick wie dieser wird es wohl am Platze sein , daß ein Vater für die Zukunft seiner Hinterbliebenen sorgt . Ich bin kränklich und fühle mich als ein übernächtiger Mann ! — Für den Fall meines Ablebens bestimme ich daher vor allen diesen Zeugen Herrn Professor Hilsborn zum Vormund meiner Tochter , da meine mich überlebende Gattin sich in jeder Beziehung unwürdig gemacht hat , die Vormünderin dieses Kindes zu sein . Schon die Tatsache , daß sie dasselbe in den ersten Jahren seines Lebens verließ , ohne sich je wieder darum zu kümmern , wird Ihnen beweisen , daß ich die Wahrheit sage . Ich bitte Sie , meine Herren , diesem meinem letzten Willen Geltung zu verschaffen , wenn die Stunde kommen sollte . — Sie Alle werden mir bestätigen , daß ich bei vollem Bewußtsein war , da ich ihn aussprach . “ Die Anwesenden sahen ihn befremdet an . — Bertha wollte reden , doch der Oberkellner hielt sie zurück . Der Kommissar sagte kalt , aber höflich : „ Ihre Anordnungen werden im betreffenden Falle berücksichtigt werden . Verlassen Sie sich darauf . “ „ Sie haben nichts dagegen einzuwenden ? “ fragte Leuthold Hilsborn . „ Ihr Wunsch soll mir heilig sein ! “ beteuerte dieser . „ Und nun , mein Herr , bitte ich Sie um eine große Gunst , “ flüsterte Leuthold dem Kommissar ins Ohr : „ Gönnen Sie mir noch eine halbe Stunde Frist ! “ „ Ich bedaure — ich habe mich schon zu lange versäumt . “ „ Mein Herr , aus Barmherzigkeit — eine halbe — eine Viertelstunde , “ flehte Leuthold . Das Gift , begann zu wirken . Die Knie schlotterten ihm , die grauen Augen traten ihm gläsern aus den Höhlen , seine Züge wurden immer starrer . „ Nicht eine Minute mehr ! “ sagte ungeduldig der Beamte und winkte den Polizisten einzutreten . „ Aus Erbarmen — “ raunte der Gefolterte Hilsborn zu : „ Ich habe Gift — sind Sie ein Mensch , so machen Sie , daß man mich hier — bei meinem Kinde sterben läßt . “ „ Heiliger Gott , “ fuhr Hilsborn entsetzt auf . „ Da muß Hilfe — “ Leuthold drückte ihm den Arm und grinste ihn mit dem Lächeln des Todes an : „ Strychnin — mein Freund ! “ Hilsborn war wie vom Donner gerührt . „ Herr Kommissar — ich vereine meine Bitten mit denen des Herrn Gleißert — “ sagte er . „ Gestatten Sie ihm , nur so lange hier zu bleiben , bis ich mit Ihrem Vorgesetzten gesprochen habe . “ „ Wenn der Herr unschuldig verhaftet ist , wird er auch aus dem Gefängnis entlassen . Das geht mich dann nichts an . Ich habe einfach meine Instruktion zu befolgen ! “ Hilsborn flüsterte dem Beamten etwas ins Ohr . Dieser zuckte die Achseln . „ Das könnte Jeder sagen . Übrigens werde ich im Vorbeifahren gleich den Gerichtsarzt mitnehmen , damit nichts versäumt wird . Das geht wenigstens nicht gegen meine Instruktion . Also vorwärts ! “ Die Polizeidiener traten heran . Hilsborn flüsterte Leuthold zu : „ Ich eile voraus und suche mir Gegengift zu verschaffen . Ich hoffe , Sie werden es nehmen aus Liebe zu Ihrem Kind ! Gott möge sich Ihrer erbarmen ! “ Leuthold wollte erwidern . Ein Kieferkrampf verhinderte ihn daran . Hilsborn sah , daß das Gift sich bereits dem Blute mitgeteilt und alle Hilfe zu spät käme . Dennoch wollte er nicht zögern , seine Pflicht zu tun . Im Vorbeischreiten berührte er Gretchens Schulter : „ Mein Fräulein ! Ihr Herr Vater geht — gönnen Sie ihm noch ein Wort ! “ Gretchen fuhr auf wie aus einer Betäubung , sie sah sich um , sah Leuthold zwischen den Häschern : „ Vater , “ schrie sie und stürzte auf ihn zu . Sie umschlang ihn mit beiden Armen , drückte ihre Lippen auf seinen bläulichen Mund , auf seine Brust . „ Vater ! “ rang sich ’ s wieder aus ihrem brechenden Herzen hervor , daß der Schrei den Umstehenden durch Mark und Bein drang und Bertha hinwegeilte , um ihn nicht mehr hören zu müssen . „ Vater , “ schluchzte Gretchen . „ Ich nehme mein Wort zurück — ich hätte keinen Vater mehr — ich fühl ’ s in diesem Augenblick , wo ich Dich verlieren soll , daß ich nie von Dir lassen kann ! “ Leuthold wand sich im furchtbarsten Schmerz in Gretchens Umarmung . Aber noch einmal kehrte ihm die Sprache zurück : „ Mein Kind , “ stöhnte er mit erlahmender Zunge : „ Wenn es einen Gott gibt , so segne er Dich . Und hörst Du , daß Dein Vater sich das Leben genommen , so denke nur : „ Vermögen , Freiheit und Ehre konnte er nicht mehr retten , aber er hat wenigstens durch diese Tat — den Anstand gewährt . “ Gretchen starrte ihn sprachlos an — sie wollte reden , sie brachte keinen Laut mehr hervor . Sie fühlte nur noch , daß man sie von rückwärts umfaßte und wegbringen wollte , sie klammerte sich mit aller Kraft an den Vater an . Man riß ihre Arme von ihm los , ihre Hand hielt noch ein Stück von seinem Rock noch , es wurde den geschlossenen Fingern entwunden . Jetzt wurde sie mit Gewalt zurückgezogen , sie hörte sich entfernende Schritte vieler Menschen — eine Tür fiel zu . — Jetzt wurde es still um sie her — und still in ihr — sie wußte nichts mehr von sich . — Aber nur wenige Minuten lag sie so in wohltätiger Betäubung , da brachte sie ein neues Geräusch zum Bewußtsein . Was war das , kamen die Schritte wieder ? Ja , sie nahten sich langsam ihrem Zimmer . Welch seltsames Gemurmel begleitete sie ? Sie hob zwischen Furcht und Hoffnung den müden Kopf . Die Tür ward aufgemacht , weit , so weit es ging . Zwei Männer traten rückwärts gehend herein — träumte sie oder war sie wahnsinnig ? Sie schleppten einen schweren Körper , zwei andere folgten , die Füße der starren Gestalt tragend , eine Menge Menschen drangen nach — so brachten sie ihr den Vater wieder ! — Sie legten ihn auf das Bett nieder . — Gretchen stürzte sich wimmernd über ihn hin , er wehrte sie mit einer konvulsivischen Bewegung von sich ab , denn es ist eine der grausamen Wirkungen des Strychnin , daß der Vergiftete keine Berührung mehr erträgt . So wurden in seinem letzten Augenblick die Arme der Tochter glühende Zangen für ihn — und er verschmachtete nach einem Kuß der süßen Lippen , deren leisen Druck er doch nicht mehr aushielt . — Er wollte noch etwas sagen , aber er brachte die Kiefer nicht mehr auseinander . Der Kopf bog sich zurück , der Leib bäumte sich auf wie im Bogen , man mußte ihn halten , damit es ihn nicht aus dem Bette schleuderte . Endlich trat Erschlaffung ein . Man glaubte , er habe es überstanden . Doch der Anfall kehrte wieder . Schwere Erstickungskrämpfe zogen ihm allmählich den Hals zu , er wurde gleichsam erwürgt von den eigenen Muskeln . Die zähe Natur wehrte sich furchtbar . Dreimal schien er den letzten Seufzer verhaucht zu haben — dreimal wachte er wieder auf , um von Neuem zu sterben . Endlich reckte der Tod die zuckenden Glieder . Er hatte geendet als ein — „ anständiger Mann ! “ Aber der einzige Richter , den er auf Erden über sich erkannt : sein Kind , lag vernichtet zu seinen Füßen und büßte die Schuld des Gerichteten . Zweites Kapitel Die Waise . Der Tag spiegelte sich bereits lachend in dem Alsterbassin . Lautes , munteres Leben regte sich auf den Straßen . Das Plappern und Lärmen der Kinder , die zur Schule gingen , der eintönige Schrei der Bierhändler , die ihre Ware ausriefen , das Gerassel schwerer Wagen tönte schon herauf in das stille Zimmer , wo Leuthold gestorben war — und noch lag Gretchen vor seinem Bette auf den Knien und einzelne , regelmäßig wiederkehrende Tränenstöße zeigten , daß die lange Nacht nicht hingereicht hatte , die Tränen zu erschöpfen , die in der Tiefe ihres Herzens angesammelt waren . Ihr Kopf lag auf dem Bettrand , ihre Arme waren über die leere Matratze hingestreckt , denn der Wirt hatte darauf bestanden , daß die Leiche noch in der Nacht aus dem Hause geschafft werde . Gretchen war aber dennoch nicht von dem verödeten Lager wegzubringen gewesen . Da sie der entseelten Hülle des Vaters nicht hatte folgen dürfen , wollte sie ihr Haupt nirgend betten , als an der Stätte seines Todes . Jede Annäherung der Mutter hatte sie zurückgewiesen . Als alle die fürchterlichen Maßregeln , welche die Polizei in solchen Fällen trifft , vorüber waren und die Tür sich hinter den Trägern geschlossen hatte , die den Vater in das Leichenhaus abgeholt , schob sie den Riegel vor und dankte Gott , daß sie allein war mit ihrem Elend — allein bei des Vaters Sterbebett . Welch menschliches Auge vermochte in die Wandlungen eines jungen Herzens zu blicken , das von einem solchen Schmerz zerfleischt wird ? Was da in der Seele vorgeht und wie das Wesen da mit seinem Schöpfer ringt , das ist das große Geheimnis , das fast Jeder weiß , aber Keiner verraten kann , denn was in Augenblicken der höchsten Not Gott mit uns spricht , das können wir nicht in menschlichen Worten wiedererzählen . Drum muß es Jeder erleben — und wer es erlebt hat , der nickt in wehmütigem Einverständnis dem Gefährten zu : „ Ich weiß , wie ’ s ist , “ bevor Jener noch ein Wort gesprochen . Dann drücken sich die beiden Unglücklichen die Hand wie Mitglieder eines geheimen Bundes , sie wissen , was sie mit einander gemein haben und wissen , daß sie zusammengehören . So war es mit Gretchen und Hilsborn , als dieser am Morgen durch sein leises Klopfen das Mädchen aus seinem Schluchzen aufstörte und von ihr eingelassen wurde . — Sie legte still die Hand in seine dargebotene Rechte und blickte ihm zuversichtlich in die blauen ernsten Augen . „ Sie waren nicht zu Bette , mein liebes Fräulein , “ sagte er . „ Ich sehe es Ihnen an . “ „ Wie hätte ich wohl ruhen können ? “ sagte sie . , „ Ach , es war mir ja nicht einmal vergönnt , bei seiner Leiche zu bleiben . So wollte ich wenigstens hier für ihn wachen und beten , wo er den letzten Atemzug tat . Nie furchtbar , daß solch eine geliebte Hülle in dem öden Leichenhausfe liegen muß und kein treues Auge , so lange sie noch über der Erde ist , auf ihr weilen darf ! 109 Wenn er nun gar nicht tot gewesen , wenn noch einmal ein letzter Funke Leben erglommen wäre und es wäre Niemand dagewesen , um ihn sorglich zu neuer Flamme anzufachen ? Er hätte vielleicht die Lider geöffnet , um sich in einem Leichenhause auf dem harten Schragen110 zu erblicken , und wäre dann erst in hilfloser Verzweiflung gestorben ! O — dieser Gedanke könnte mich um den Verstand bringen . “ „ Mein Fräulein , “ sagte Hilsborn bescheiden , „ ich kann Ihnen die Versicherung geben , daß Ihr Vater ruhig schläft . Ich habe für Sie getan , was Ihnen versagt war : Ich brachte die Nacht bei seiner Leiche zu . “ „ Das hätten Sie getan für den Mann , den Sie so tief verachten müssen ? “ rief Gretchen . „ Für Sie , mein liebes Fräulein , tat ich es . Weil ich mich in Ihre Seele hineindachte und wußte , es würde Ihnen ein Trost sein , wenn Ihnen heute Jemand die letzten Nachrichten von Ihrem Vater brächte . “ „ O , mein Herr , wie soll ich Ihnen danken ? Ich bin ein kindisches , unbedeutendes Ding — das keinen Lohn für Sie hat ! Ich weiß nicht , was ich sagen soll , es möchte mir das Herz