und Kirche aber sind nicht sichtbar . Ich horche eine Weile ; dann wend ' ich mich zu meinem Nachbar und frage : » Wo klingt das her ? « » Das ist die siebenzentnerige von Groß-Rade ; – mein besonderer Liebling . « » Was tausend « , fahr ' ich fort , » kennen Sie die Glocken hier herum so genau ? « » Ja , mein Herr , ich kenne sie alle . Viele davon sind meine eignen Kinder , und hat man selber erst Kinder , so kümmert man sich auch um die Kinder anderer Leute . « » Wie das ? Haben Sie denn die Glocken gegossen ? Sind Sie Gürtler oder Glockengießer ? Oder sind Sie ' s gewesen ? « » Ach , mein Herr , ich bin sehr vieles gewesen : Tischler , Korbmacher , dazwischen Soldat , dann Former , dann Glockengießer ; nun gieß ich Gips . Es hat mir alles nicht recht gefallen , aber das Glockengießen ist schön . « » Da wundert ' s mich doppelt , daß Sie vom Erz auf den Gips gekommen sind . « » Mich wundert es nicht , aber es tut mir leid . Wenn der › Zink ‹ nicht wäre , so göss ' ich noch Glocken bis diesen Tag . « » Wieso ? « » Seit der Zink da ist , ist es mit dem reellen Glockenguß vorbei . In alten Zeiten hieß es › Kupfer und Zinn ‹ , und waren ' s die rechten Leute , gab ' s auch wohl ein Stück Silber mit hinein . Damit ist ' s vorbei . Jetzt wird abgezwackt ; von Silber ist keine Rede mehr ; wer ' s billig macht , der hat ' s. Der Zink regiert die Welt und die Glocken dazu . Aber dafür klappern sie auch wie die Bunzlauer Töpfe . Ich kam bald zu kurz ; die Elle wurde länger als der Kram ; wer noch für Zinn ist , der kann nicht bestehen , denn Zinn ist teuer und Zink ist billig . « » Wie viel Glocken haben Sie wohlgegossen ? « » Nicht viele , aber doch sieben oder acht ; die Groß- Radener ist meine beste . « » Und alle für die Gegend hier ? « » Alle hier herum . Und wenn ich mir mal einen Feierabend machen will , da nehm ' ich ein Boot und rudere stromab , bis über Lebus hinaus . Wenn dann die Sonne untergeht und rechts und links die Glocken den Abend einläuten und meine Glocken dazwischen , dann vergess ' ich vieles , was mir im Leben schief gegangen ist , und vergess ' auch den › Turban ‹ da . « – Dabei zeigte er auf die runde , kissenartige Mütze , die die Gipsfigurenhändler zu tragen pflegen und die jetzt , in Ermangelung eines anderen Platzes , der Goethe-Schiller-Statue über die Köpfe gestülpt war . So plaudernd waren wir , eine Viertelstunde später , bis Lebus gekommen . Der Gipsfigurenmann verabschiedete sich hier und während das Boot anlegte , hatt ' ich Gelegenheit , die » alte Bischofsstadt « zu betrachten . Freilich erinnert hier nichts mehr an die Tage früheren Glanzes und Ruhmes . Die alte Kathedrale , das noch ältere Schloß , sie sind hin , und eines Lächelns kann man sich nicht erwehren , wenn man in alten Chroniken liest , daß um den Besitz von Lebus heiße Schlachten geschlagen wurden , daß hier die slawische und die germanische Welt , Polenkönige und thüringische Herzöge , in heißen Kämpfen zusammenstießen , und daß der Schlachtruf mehr als einmal lautete : » Lebus oder der Tod . « Unter allen aber , denen dieser Schlachtruf jetzt ein Lächeln abnötigt , stehen wohl die Lebuser selbst obenan . Ihr Stadtsiegel ist ein » Wolf mit einem Lamm im Rachen « ; die neue Zeit ist der Wolf und Lebus selbst ist das Lamm . Mitleidslos wird es verschlungen . Lebus , die Kathedralenstadt , ist hin , aber Lebus , das vor dreihundert Jahren einen fleißigen Weinbau trieb , das Lebus existiert noch . Wenigstens landschaftlich . Nicht daß es noch Wein an seinen Berglehnen zöge , nur eben der malerische Charakter eines Winzerstädtchens ist ihm erhalten geblieben . Die Stadt , so klein sie ist , zerfällt in eine Ober- und Unterstadt . Jene streckt sich , so scheint es , am First des Berges hin , diese zieht sich am Ufer entlang und folgt den Windungen von Fluß und Hügel . Zwischen beiden , am Abhang , und wie es heißt an selber Stelle , wo einst die alte Kathedrale stand , erhebt sich jetzt die Lebuser Kirche , ein Bau aus neuer Zeit . Die » Unterstadt « hat Höfe und Treppen , die an das Wasser führen ; die » Oberstadt « hat Zickzackwege und Schluchtenstraßen , die den Abhang bis an die Unterstadt herniedersteigen . Auf diesen Wegen und Straßen bewegt sich ein Teil des städtischen Lebens und Verkehrs . Gänse und Ziegen weiden dort unter Gras und Gestrüpp ; Frauengestalten , zum Teil in die malerische Tracht des Oderbruchs gekleidet , schreiten bergab ; den Zickzackweg hinauf aber steigt eben unser Freund der Gipsfigurenmann und seine » Aurora « schimmert im Morgenstrahl . Nun aber Kommandowort vom Radkasten aus und unser Dampfer schaufelt weiter . Lebus liegt zurück , und wir treten jetzt , auf etwa eine Meile hin , in jenes Terrain ein , wo Stadt und Dorf , zu beiden Seiten des Flusses , an die Tage mahnen , die jenem Kunersdorfer 12. August vorausgingen und ihm folgten . Es sind drei Namen vorzugsweise , denen wir hier begegnen : Reitwein , Göritz und Ötscher , alle drei mit der Geschichte jener Tage verwoben . In Reitwein erschien am 10. August die Avantgarde des Königs , um eine Schiffbrücke vom linken aufs rechte Oderufer zu schlagen . Man wählte dazu die Schmälung des Flusses , wo die alte Stadt Göritz , malerisch am Hügelabhang , dem Dorfe Reitwein gegenüberliegt . Am 10. abends erschien der König selbst und führte seine Bataillone ( sechzig an der Zahl ) ans andere Ufer ; die Kavallerie ging durch eine Furt . In Göritz aber blieb General Flemming mit sieben Bataillons zur Deckung der Schiffbrücke zurück . Zwei Tage später , am Abend des 12. , befanden sich die Trümmer der geschlagenen Armee an derselben Furt , an derselben Schiffbrücke . Aber das Spiel war vertauscht ; statt von links nach rechts , ging es jetzt von rechts nach links . Die Brücke , die am Abend des 10. von Reitwein nach Göritz vorwärts geführt hatte , führte jetzt , am Abend des 12. , von Göritz nach Reitwein zurück . Der König verbrachte die Nacht , eine Viertelmeile südlich von der Schiffbrücke , im Dorfe Ötscher ; er schlief auf Stroh in einer verödeten Bauernhütte . Auf dem Rücken Rittmeisters von Prittwitz , der ihn gerettet , schrieb er mit Bleistift die Worte an den Minister Finkenstein : » Alles ist verloren , retten Sie die Königliche Familie ; Adieu für immer . « Andern Tags nahm er Quartier in Reitwein , damals noch den Burgsdorfs gehörig . Hier war es , wo er die berühmte an den General Fink gerichtete Instruktion aufsetzte , in der er den Prinzen Heinrich zum Generalissimus ernannte und den Willen aussprach , daß die Armee seinem Neffen schwören sollte . An diesen Plätzen führt uns jetzt unsere Fahrt vorüber . Ötscher , wiewohl nahe gelegen , verbirgt sich hinter Hügeln , desto malerischer treten Reitwein und Göritz hervor . Schöner freilich muß der Anblick dieses Bildes gewesen sein , als die alte Göritzer Kirche , ein berühmter Wallfahrtsort , auf der Höhe des Hügels lag und sich mit der Kirche von Reitwein drüben begrüßte . Aber Göritz und seine Kirche sind in jedem Sinne von ihrer Höhe herabgestiegen . Keine Wallfahrer kommen mehr , und als sei es nicht länger mehr nötig , das berühmte Wallfahrtshaus , die Kirche , schon von weither sichtbar zu machen , hat man die neue Kirche ( nachdem die alte , kurz vor der Zorndorfer Schlacht , von den Russen zerstört worden war ) in der Tiefe wieder aufgebaut . Die Göritzer Kirche hat uns zu guter Zeit an die Russen und die Zorndorfer Schlacht gemahnt ; denn wir verlassen eben das Kunersdorfer Terrain , um in das von Zorndorf einzutreten . Was wir zunächst erblicken , ist Küstrin , turmlos , grau in dünne Nebel gehüllt , die alte neumärkische Hauptstadt , um deren Rettung es sich handelte , als am 21. August 1758 der König von Schlesien her am linken Oderufer erschien . Alle Namen zu beiden Seiten des Flusses erinnern auch hier an Tage bitterer Bedrängnis und schwer erkauften Siegs . Zuerst Gorgast am linken Oderufer . In Gorgast war es , wo der König seine chiffoniert aussehenden Truppen mit den glatt und wohlgenährt dastehenden Regimentern Dohnas vereinigte und sein Mißfallen in die Worte kleidete : » Meine sehen aus wie Grasteufel , aber sie beißen . « Weiter flußabwärts die Fähre von Güstebiese . Ein wenig poetischer Name , aber doch voll guten Klangs . Hier setzte der König seine Regimenter über , als er von Küstrin aus jenen glänzenden Bogenmarsch ausführte , der ihn , genau da , wo der Gegner einen Front angriff erwartete , plötzlich in den Rücken desselben führte . Rechts hin , fast am Ufer des Flusses entlang , dehnt sich die Drewitzer Heide , – ein grüner Schirm , der das eigentliche Schlachtfeld dem Auge des Vorüberfahrenden entzieht . Dahinter liegen die Dörfer und Stätten , deren Namen mit der Geschichte jenes blutigen Tages verwoben sind : die Neu-Dammsche Mühle , der Zaber- und Galgengrund , endlich Zorndorf selbst . Wir haben Küstrin passiert – ein scheuer Blick nur traf jenen halbverbauten Wallgang zwischen Bastion König und Bastion Brandenburg , wo am 6. November 1730 Kattes Haupt in den Sand rollte – auch das Schlachtfeld liegt bereits hinter uns , das achtundzwanzig Jahre später diesen Terrainabschnitt zu historischem Ansehen erhob , und wir fahren nun , als hätten sich die Flußufer vorgesetzt durch Kontraste zu wirken , in jene friedlich-fruchtbaren Gegenden ein , die , vor hundert oder hundertundfünfzig Jahren noch ein ödes , wertloses Sumpfland , seitdem so vielfach und mit so vielem Recht die Kornkammern unseres Landes genannt worden sind . Das Oderbruch dehnt sich auf Meilen hin zu unserer Linken aus . Der Anblick , den es , im Vorüberfahren , vom Fluß aus gewährt , ist weder schön und malerisch , noch verrät er eine besondere Fruchtbarkeit ; gegenteils , das Vorland , das sich dem Auge bietet , macht kaum den Eindruck eines gehegten Stück Wiesenlands , während die Raps- und Gerstenfelder , die sich golden dahinter ausdehnen , dem Auge durch endlose Damm- und Deichwindungen entzogen werden . Durch Damm und Deiche , die freilich , indem sie die Niederung gegen ihre früheren Überschwemmungen schützten , erst den Reichtum schufen , der sich jetzt hinter diesen Linien verbirgt . Der Reichtum dieser Gegenden offenbart sich uns nicht in seinen goldenen Feldern , aber wir erkennen ihn doch an seinen ersten und natürlichsten Folgen – an den Dörfern , die es geschaffen . Da gibt es kein Strohdach mehr , der rote Ziegel lacht überall aus dem Grün der Wiesen hervor , und statt der dürftig hölzernen Kirchtürme des vorigen Jahrhunderts , die kümmerlich wie ein Schilderhaus auf dem Kirchendach zu sitzen pflegten , wachsen jetzt in solidem Backsteinbau , – die Campanellen Italiens oft nicht unglücklich kopierend , – die Kirchtürme in die Luft . An diesem Reichtume nehmen die Dörfer des andern ( rechten ) Oderufers teil , und ansteigend an der Hügelkette gelegen , die sich eine Meile unterhalb Küstrin am rechten Oderufer hinzuziehen beginnt , gesellen sich Schönheit und malerische Lage , viel mehr als man in diesen Gegenden erwartet , zu dem Eindruck des Reichtums und beinahe holländischer Sauberkeit . Nun sind wir über Amt Kienitz ( ein altes Dorf , vor zwei Jahrhunderten dem General Görtzke , dem » Paladin des großen Kurfürsten « gehörig ) und nun über Kloster Zellin hinaus ; der Fluß wird schmäler aber tiefer und das Landschaftsbild verändert sich . Der Barnim liegt hinter uns und wir fahren in die Uckermark hinein , wo sich uns Uferlandschaften erschließen , sehr ähnlich denen , wie sie die Stettiner Umgegend dem Auge bietet . Andere Namen , in nichts mehr an die triviale Komik von » Güstebiese « oder » Lietzegöricke « erinnernd , tauchen auf – Namen voll poetischem Klang und Schimmer : Hohensaathen , Raduhn und Hohen-Kränig . Der Fluß , bis dahin im wesentlichen in einem Bette fließend , fängt an , ein Netz von Kanälen durch die Landschaft zu ziehen ; hierhin , dorthin windet sich der Dampfer , aber eh ' es uns noch gelungen ist , uns in dem malerischen Wirrsal zurechtzufinden , tauchen plötzlich weiße Giebelwände , von Türmen und hohen Linden überragt , aus dem Landschaftsbilde auf . Noch eine Biegung und das übliche Hoi ho , das immer laut wird , wenn das Schiff sich einer Landungsstelle nähert , läßt sich aufs neue vernehmen . Eine alte Holzbrücke , mit hunderten von Menschen besetzt , sperrt uns den Weg ; ein Fangseil fliegt über unsere Köpfe weg , dem Brückengeländer zu ; der Dampfer legt an . Ein Drängen , ein Grüßen , dazwischen das Läuten der Glocke . Vom linken Ufer her aber wirft ein weitläufiger Bau , in Bäumen und Laubgängen halb versteckt , sein Spiegelbild in den Fluß . Es ist das alte Markgrafenschloß . Wir sind in Schwedt . Das Oderbruch 1. Wie es in alten Zeiten war 1. Wie es in alten Zeiten war Wasser , Wasser überall , Die Tiefe selbst verfaulte , Schlammtiere krabbeln zahllos rings Auf schlammiger Moderflut . Freiligrath , nach Samuel Taylor Coleridge Am Westufer der Oder , nach rechts hin vom Flusse selber begrenzt , nach links hin von den Abhängen des Barnim-Plateaus wie von einem gebogenen Arm umfaßt , liegt das Oderbruch . Es ist eine sieben Meilen lange und etwa zwei Meilen breite Niederung , die , ihrem Hauptbestandteile nach , in ein hohes und niederes Bruch , das Oberbruch und das Niederbruch zerfällt . An diese beiden schließt sich noch , nach Norden hin , also flußabwärts , das Mittelbruch . Diese Bezeichnung ist schlecht gewählt und wird die Ursache beständiger Verwechselungen . Als » Mittelbruch « vermutet man es im Zentrum , zwischen dem Ober- und Niederbruch gelegen , während es doch umgekehrt , am äußersten Flügel des Bruches liegt . Seinen Namen , der besser einem andern Platz machte , hat es wahrscheinlich daher , weil es inmitten zweier Oderarme sich ausbreitet . Neueren Arbeiten , namentlich einem vorzüglichen Aufsatze des Geheimen Rat Wehrmann » Die Eindeichung des Oderbruches « entnehme ich , daß man angefangen hat , diese schlechte Bezeichnung » Mittelbruch « in amtlichen Erlassen wenigstens ganz fallen zu lassen . Man spricht nur noch von einem Ober- und Niederbruch , und so ist es in der Ordnung . Das Bruch ist ein Bauernland , eine Art Dithmarschen 2 ; aber adlige Güter blicken rundum , wie von hoher Warte , in das schöne , fruchtbare Bruchland hinein . Eine ganze Anzahl dieser auf der Höhe gelegenen , altadligen Güter werden wir noch in ausführlicheren Schilderungen kennenlernen ; nur ihre Namen , sowie die Namen der alten , zum Teil ausgestorbenen Familien , die ihnen im Laufe der Jahrhunderte zu Ruhm und Ansehen verhalfen , mögen schon hier eine Stelle finden . Auch einem neuen Namen werden wir begegnen : Albrecht Thaer . Es wird dem Leser , mit bloßer Hilfe dieser Aufzählung , der Reichtum historischen Lebens entgegentreten , der sich hier , unmittelbar am Rande des Bruchs , auf dem Raum weniger Meilen zusammenfindet . Ich folge der Linie von Nord nach Süd . Hohen-Finow : Sparr . Schlick . 3 Vernezobre . Cöthen und Falkenberg : von Jena . Freienwalde : Uchtenhagen . Ranft : von Marschall . Möglin : Albrecht Thaer . Batzlow : Barfus . Ihlow : Ihlow oder Illo . 4 Ringenwalde : Bredow . Cunersdorf und Friedland : Lestwitz und Itzenplitz . Buckow : von Pfuel . von Flemming . Quilitz : Prittwitz . Hardenberg . Gusow : Derfflinger . Friedersdorf : Görtzke . Marwitz . Lietzen : Johanniter-Komthurei . Hohen-Jesar : Burgsdorf . Reitwein : Finckenstein . Von allen diesen Punkten , selbst von Buckow aus , das am meisten zurückgelegen liegt , ermöglicht sich ein Blick in die fruchtbare Tiefe ; dabei wechselt der Charakter der Landschaft so oft und so anmutig , daß jeder , der am Rande des Plateaus , etwa von Freienwalde bis Seelow , oder selbst bis Frankfurt hin , diese Fahrt zu machen gedenkt , einer langen Reihe der mannigfachsten und anziehendsten Bilder begegnen wird . Eine solche Fahrt auf der Höhe hin werden wir mehrfach zu machen haben , und manche dieser Fahrten ( z.B. der Weg von Falkenberg bis Freienwalde ) wird uns Gelegenheit zu dem Versuch eines Landschaftsbildes geben ; heute jedoch ist es das Bruch selbst , das in der Tiefe gelegene Bauernland , das uns beschäftigen soll , und wir werden erst bei den alten Zuständen dieses Sumpflandes , dann bei seiner Eindeichung und Entwässerung , endlich bei seiner Kolonisierung zu verweilen haben . Alle noch vorhandenen Nachrichten stimmen darin überein , daß das Oderbruch vor seiner Urbarmachung eine wüste und wilde Fläche war , die , sehr wahrscheinlich unserem Spreewalde verwandt , von einer unzähligen Menge größerer und kleinerer Oderarme durchschnitten wurde . Viele dieser Arme breiteten sich aus und gestalteten sich zu Seen , deren manche , wie der Liepesche bei Liepe , der Kietzer- und der Kloster-See bei Friedland , noch jetzt , wenn auch in sehr veränderter Gestalt , vorhanden sind . Das Ganze hatte , dem entsprechend , mehr einen Bruch- als einen Waldcharakter , obwohl ein großer Teil des Sumpfes mit Eichen bestanden war . Alle Jahre stand das Bruch zweimal unter Wasser , nämlich im Frühjahr um die Fastenzeit , nach der Schneeschmelze an Ort und Stelle , und um Johanni , wenn der Schnee in den Sudeten schmolz und Gewitterregen das Wasser verstärkten . Dann glich die ganze Niederung einem gewaltigen Landsee , aus welchem nur die höher gelegenen Teile hervorragten ; ja selbst diese wurden bei hohem Wasser überschwemmt . Wasser und Sumpf in diesen Bruchgegenden beherbergten natürlich eine eigene Tierwelt , deren Reichtum , über den die Tradition berichtet , allen Glauben übersteigen würde , wenn nicht urkundliche Belege diese Traditionen unterstützten . In den Gewässern fand man : Zander , Fluß- und Kaulbarsche , Aale , Hechte , Karpfen , Bleie , Aland , Zärten , Barben , Schleie , Neunaugen , Welse und Quappen . Letztere waren so zahlreich ( z.B. bei Quappendorf ) , daß man die fettesten in schmale Streifen zerschnitt , trocknete und statt des Kiens zum Leuchten verbrauchte . Die Gewässer wimmelten im strengsten Sinne des Worts von Fischen , und ohne viele Mühe , mit bloßen Handnetzen , wurden zuweilen in Quilitz an einem Tage über 500 Tonnen gefangen . In den Jahren 1693 , 1701 und 1715 gab es bei Wriezen der Hechte , die sich als Raubfische diesen Reichtum zunutze machten , so viele , daß man sie mit Keschern fing und selbst mit Händen greifen konnte . Die Folge davon war , daß in Wriezen und Freienwalde eine eigene Zunft der Hechtreißer existierte . An den Markttagen fanden sich aus den Bruchdörfern hunderte von Kähnen in Wriezen ein und verkauften ihren Vorrat an Fischen und Krebsen an die dort versammelten Händler . Ein bedeutender Handel wurde getrieben und der Fischertrag des Oderbruchs ging bis Böhmen , Bayern , Hamburg , ja die geräucherten Aale bis nach Italien . Kein Wunder deshalb , daß in diesen Gegenden unter allem Haus-und Küchengerät der Fischkessel obenan stand und so sehr als wichtigstes Stück der Ausstattung betrachtet wurde , daß er , nach gesetzlicher Anordnung , beim Todesfalle der Frau , wenn anderes Erbe zur Verteilung kam , dem überlebenden Gatten verblieb . In großer Fülle lieferte die Bruchgegend Krebse , die zuzeiten in solchem Überfluß vorhanden waren , daß man zu Colerus Zeiten , Ausgangs des sechzehnten Jahrhunderts , sechs Schock schöne große Krebse für sechs Pfennige meißnerischer Währung kaufte . Zu Küstrin wurde von 100 Schock durchgehender Krebse ein Schock als Zoll abgegeben , bei welcher Gelegenheit der vorerwähnte Colerus versichert , daß dieser Zoll in einem Jahre 325000 Schock Krebse eingetragen habe . Danach wären denn bloß in dieser einen Stadt in einem Jahre 32 1 / 2 Millionen Schock Krebse versteuert worden . Im Jahre 1719 war das Wasser der Oder , bei der großen Dürre , ungewöhnlich klein geworden ; Fische und Krebse suchten die größten Tiefen auf und diese wimmelten davon . Da das Wasser aber von der Hitze zu warm wurde , krochen die Krebse aufs Land ins Gras oder wo sie sonst Kühlung erwarteten , selbst auf die Bäume , um sich unter das Laub zu bergen , von welchen sie dann wie Obst herabgeschüttelt wurden . Auch die gemeine Flußschildkröte war im Bruch so häufig , daß sie von Wriezen fuhrenweise nach Böhmen und Schlesien versendet oder vielmehr abgeholt wurde . Ein so lebendiges Gewimmel im Wasser mußte notwendig sehr vielen anderen Geschöpfen eine mächtige Lockspeise sein . Schwärme von wilden Gänsen bedeckten im Frühjahr die Gewässer , ebenso Tausende von Enten , unter welchen letzteren sich vorzugsweise die Löffelente , die Quackente und die Krickente befanden . Zuweilen wurden in einer Nacht so viele erlegt , daß man ganze Kahnladungen voll nach Hause brachte . Wasserhühner verschiedener Art , besonders das Bleßhuhn , Schwäne und mancherlei andere Schwimmvögel belebten die tieferen Gewässer , während in den Sümpfen Reiher , Kraniche , Rohrdommeln , Störche und Kiebitze in ungeheurer Zahl fischten und Jagd machten . Im Dorfe Letschin trug jedes Haus drei , auch vier Storchnester . Rings um das Bruch und in den Gebüschen und Horsten im Innern desselben fand man Trappen , Schnepfen , Ortolane und andre zum Teil selten gewordene Vögel ; über dem allem aber schwebte , an stillen Sommerabenden , ein unermeßlicher Mückenschwarm , der besonders die Gegenden von Freienwalde und Küstrin in Verruf brachte . » Sie schwärmten – so erzählt Bekmann – in solcher Menge , daß man in der Luft dicke Säulen von Mücken beobachtete , und gaben ein solches Getöse von sich , daß es , wenn man nicht scharf darauf achtete , klang , als würden in der Ferne die Trommeln gerührt . « Biber und Fischottern bauten sich zahlreich an den Ufern an und wurden die ersteren als große Zerstörer der später errichteten Dämme , die anderen als große Fischverzehrer fleißig gejagt . Jeder konnte auf sie Jagd machen , wodurch sie gänzlich ausgerottet wurden . Die Vegetation stand natürlich mit dem ganzen Charakter dieser Gegenden in Einklang : alle Wasser-und Sumpfpflanzen kamen reichlich vor , breite Gürtel von Schilf und Rohr faßten die Ränder ein , und Eichen und Elsen überragten das Ganze . Im Spätsommer , wenn sich die Wasser endlich verlaufen hatten , traten für den Rest des Jahres fruchtbare Wiesen zutage , und diese Wiesen , die ein vortreffliches Futter gaben , sicherten , nebst dem Fischreichtum dieser Gegenden , den Bewohnern des Bruchs ihre Existenz . Darüber hinaus ging es nicht , vielleicht deshalb nicht , weil der enorme Reichtum an Fischen und Heu beides halb wertlos machte . Einzelne benachbarte Kavallerieregimenter zogen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von diesem Heureichtum mehr Vorteil als die Bruchbewohner selbst . Es war damals noch im Schwange , daß die Eskadronschefs selber für die Unterhaltung der Pferde Sorge tragen mußten . Daher bestrebten sich viele der in den Nachbarstädten , auch in der Residenz selbst garnisonierenden Rittmeister resp . Oberstwachtmeister , ihre Pferde in den Bruchdörfern auf Grasung zu geben . Zu dem Ende wurden dieselben auf Flößen und zusammengebundenen Kähnen übergeführt . Hauptsächlich waren es drei Regimenter , die Nutzen davon zogen , nämlich das Zietensche , später Göckingsche Husarenregiment , sowie die Gensdarmen und die Pfalzbayern-Dragoner . Zuweilen lag in einem Dorfe eine ganze Eskadron . Doch hatten die Dorfbewohner , wie schon angedeutet , wenig Vorteil von solcher Einquartierung , da monatlich im Durchschnitt nur ein Taler Futtergeld pro Pferd gezahlt wurde . 2. Die Verwallung 2. Die Verwallung Graben und Wall Haben bezwungen das Element , Und nun blüht es von End ' zu End ' All überall Fische und Heu hatten Jahrhunderte lang den einzigen Reichtum der Oderbruchgegenden gebildet ; die Bewohner hatten davon gelebt , indessen , im großen und ganzen , selbst in guten Jahren kärglich genug . Gute Jahre gab es aber nicht immer . Gab es statt dessen ein Wasserjahr , so daß die Überschwemmungen weitergingen oder länger andauerten als gewöhnlich , so war Not und Elend an allen Enden . Zwar wurden schon im sechzehnten Jahrhundert Versuche gemacht , der Wassersnot durch Eindeichung des linken Oderufers , namentlich auf der Straße von Frankfurt bis Küstrin , ein Ziel zu setzen , aber alle diese Arbeiten waren teils auf kleinere Strecken beschränkt , teils mangelhaft in sich . Schon unter der Regierung des Kurfürsten Johann Georg , etwa um 1593 , hatte man mit solchen Verwallungen den Anfang gemacht und Arbeiter aus Holland , Brabant , Schlesien herbeigerufen ; die aufgeführten Dämme zwischen Reitwein und dem Küstriner Kietz bewährten sich aber schlecht , und 1613 brach die Oder von neuem durch . Auch der Große Kurfürst zog Holländer und Bewohner der unteren Elbufer , also Leute , die sich auf Damm- und Deichwirtschaft verstanden , ins Oderbruch hinein , ihre sehr beschränkten Mittel indessen reichten nicht aus , eine viele Meilen lange Schutzmauer aufzuführen , ohne welche die Anstrengungen des einzelnen in den meisten Fällen nutzlos bleiben mußten . Nur einige wenige Dominien , die durch kleine Höhenzüge eines natürlichen Schutzes genossen und vielleicht nur an einer schmalen Stelle noch eines Damms bedurften , waren glücklicher und brachten es dahin , sich zu einer Art Festung zu machen , in die das Wasser nicht hinein konnte . Eine solche kleine Festung , die den Anprall des Wassers glücklich abgeschlagen hatte , lernte König Friedrich Wilhelm I. kennen , als ihn eine Reiherbeize , die er bekanntlich sehr liebte , in dem großen Überschwemmungsjahre 1736 in diese Gegenden führte . Der König sah die Verheerungen , die das Oderwasser angerichtet hatte , sah aber auch zu gleicher Zeit , daß die geschickt eingedeichten Besitzungen seines Staatsministers von Marschall auf Ranft von diesen Verheerungen wenig oder gar nicht betroffen worden waren . Was er in Ranft im kleinen so glücklich ausgeführt sah , mußte bei größeren Mitteln und Anstrengungen auf der ganzen Strecke des Oderbruches , zwischen Frankfurt und Oderberg , möglich sein , und energisch wie er ans Werk gegangen war , das große havelländische Luch trockenzulegen , war er jetzt nicht minder entschlossen , auch das Oderbruch zu einem nutzbaren Fleck Landes zu machen . Er nahm die Sache persönlich in Angriff und beauftragte seinen Kriegsrat Haerlem , einen Holländer , der sich schon durch ähnliche Wasserbauarbeiten ausgezeichnet hatte , ihm ein Gutachten einzureichen , ob das Oderbruch auf seiner ganzen Strecke eingedämmt und gegen Überschwemmungen gesichert werden könne . Haerlems Gutachten lautete dahin : » daß das allerdings geschehen könne ; daß die Arbeit aber schwierig , weit aussehend und kostspielig sei . « Dem König schien dies einleuchtend , und so vertagte er ein Unternehmen , dessen Wichtigkeit er sehr wohl erkannte , mit den Worten : » Ich bin schon zu alt und will es meinem Sohn überlassen . « Es ist anzunehmen , daß Friedrich II. von dieser Äußerung seines Vaters Kenntnis erhielt und Veranlassung daraus nahm , bald nach seinem Regierungsantritt , einesteils zur Entwässerung , andererseits zur Eindeichung des Bruchs Veranstaltungen zu treffen . Dies geschah nach Beendigung des zweiten Schlesischen Krieges . Der Plan zur Ausführung des Werkes wurde sehr wahrscheinlich von demselben Manne , Kriegsrat von Haerlem , entworfen , der schon unter Friedrich Wilhelm I. sein Gutachten in dieser Angelegenheit abgegeben hatte ; um aber bei einem Unternehmen von solchem Umfange möglichst sicherzugehen , wurde von seiten des Königs noch eine besondere Kommission zur örtlichen Besichtigung und zur Begutachtung des Unternehmens ernannt . Es war dabei der ausdrückliche Befehl des Königs , daß der berühmte Mathematiker Leonhard Euler , dazumal anwesendes Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften , an den Beratungen dieser Kommission teilnehmen solle . Der König hatte guten Grund , nach Möglichkeit Autoritäten und berühmte Namen in diese Kommission hineinzuziehen , da er im voraus von dem Widerstande überzeugt war , dem er , wie immer in solchen Fällen , bei den Anwohnern des Bruchs , den adligen und den bäuerlichen , begegnen würde . Etwas von der Opposition , die später , und zwar namentlich von 1748 – 1752 , der am Rande des Oderbruchs reichbegüterte Markgraf Karl machte , mochte schon damals zu Ohren des Königs gedrungen sein . Die Kommission ging ans Werk und stattete ihren Bericht ab . Dieser Bericht , von Schmettau , Haerlem und Euler unterzeichnet , ist umfangreich , aber in Erwägung der Schwierigkeit und Wichtigkeit der Materie verhältnismäßig kurz gefaßt , und läuft , hinsichtlich seiner Vorschläge , auf drei Hauptpunkte hinaus : 1. der Oder einen schnellen Abfluß zu verschaffen , 2. die Oder mit tüchtigen Dämmen einzufassen 3. das Binnenwasser aufzufangen und abzuführen . Alle drei Aufgaben sind im wesentlichen gelöst worden . Ad 1. Um der Oder einen schnelleren Abfluß zu verschaffen , wurde ihr auf der Strecke von