Macht , seinem ersten Feuer das Gefühl , in seinem Arm zu liegen , seine Stimme zu hören , seinem Blick zu begegnen , seine Hand , seine Wange zu berühren , ihn zu lieben , von ihm geliebt zu werden – und damit die Hoffnung ein ganzes langes Leben an seiner Seite zuzubringen . Und dann erwachte ich . Dann erinnerte ich mich , wo ich war , und meiner Lage . Dann erhob ich mich von meinem einfachen Lager , zitternd und bebend . Und die stille , dunkle Nacht sah die Zuckungen der Verzweiflung , hörte den Jammer der Leidenschaft . Um neun Uhr am nächsten Morgen begann ich pünktlich mit der Schule ; ruhig , gefaßt , vorbereitet auf die ernsten Pflichten des Tages . Rosamond Oliver hielt ihr Versprechen , mich zu besuchen . Ihren Besuch in der Schule machte sie gewöhnlich zur Zeit ihres täglichen Morgenrittes . Sie pflegte an der Thür des Schulhauses vorzureiten , hinter ihr ein Livreediener ebenfalls zu Pferde . Man kann sich kaum einen lieblicheren Anblick denken , als ihre Erscheinung in ihrem dunkelroten Reitkleide , das Amazonenhütchen von schwarzem Sammet graziös auf ihre langen Locken gedrückt , die ihre Wangen umflossen und über ihre Schultern herabwallten ; so trat sie in das einfache , ländliche Gebäude und schwebte zwischen den Reihen der halbgeblendeten Dorfkinder auf und ab . Gewöhnlich kam sie um die Zeit , wo Mr. Rivers damit beschäftigt war , seinen täglichen Katechismusunterricht zu geben . Ich fürchte , daß das Auge der holden Besucherin das Herz des jungen Priesters schmerzlich durchbohrte . Eine Art von Instinkt schien ihm ihren Eintritt anzuzeigen , selbst wenn er ihn nicht mit eigenen Augen sah . Wenn er in der entgegengesetzten Richtung von der Thür blickte , sobald sie in derselben erschien , so wurden seine Wangen wie mit Glut übergossen und seine Züge – wie sehr er auch dagegen kämpfen mochte – veränderten sich in unbeschreiblicher Weise . Natürlich war sie sich ihrer Macht bewußt , und in der That , er verbarg es nicht vor ihr , weil er es nicht konnte . Trotz seines christlichen Stoicismus pflegte seine Hand zu zittern , sein Auge aufzuflammen , wenn sie auf ihn zuging und mit ihm sprach , und ihm fröhlich , ermunternd , ja sogar zärtlich ins Gesicht lächelte . Er schien mit seinem traurigen , entschlossenen Blicke zu sagen , wenn er es auch nicht aussprach : » Ich liebe dich und ich weiß , daß du mich lieb hast . Nicht weil ich am Erfolge zweifle , bleiben meine Lippen stumm . Ich glaube , daß du mein Herz annehmen würdest , wenn ich es dir darböte . Aber dieses Herz liegt bereits auf einem heiligen Altar , die Opferflamme brennt schon . Bald wird es nichts mehr sein , als die Asche des Opfers . « Und dann konnte sie schmollen wie ein zürnendes Kind ; eine nachdenkliche Wolke trübte ihre strahlende Munterkeit . Hastig entzog sie dann ihre Hand der seinen und wandte sich heftig und zornig von ihm ab , von ihm , der dastand , wie ein Held und Märtyrer zugleich . Ohne Zweifel würde St. John die Welt darum gegeben haben , hätte er ihr folgen , sie zurückrufen , zurückhalten können , wenn sie ihn so verließ ; aber er wollte kein Atom seiner Anwartschaft auf den Himmel aufgeben ; er wollte für das Elysium ihrer Liebe nicht eine einzige Hoffnung auf das wahre , ewige Paradies hingeben . Überdies konnte er nicht alles das , was in seinem innersten Sein schlummerte – den Wanderer , den Schwärmer , den Dichter , den Priester – in die engen Grenzen einer einzigen Leidenschaft schmieden . Er konnte nicht , er wollte nicht dem wilden Schlachtfelde der Mission für die Prachtsäle und den Frieden von Vale-Hall entsagen . Dies alles erfuhr ich von ihm selbst , durch einen Einfall , welchen ich trotz seiner Zurückhaltung eines Tages in sein Vertrauen zu machen den Mut hatte . Miß Oliver beehrte mich bereits mit häufigen Besuchen in meiner Hütte . Ich hatte ihren ganzen Charakter kennen gelernt , der weder Heimlichkeiten noch Verstellung kannte ; sie war kokett aber nicht herzlos ; herrisch aber nicht niedrig selbstsüchtig . Von ihrer Geburt an hatte man sie verwöhnt , aber nicht vollständig verzogen . Sie war vorschnell aber gutmütig ; eitel ( und das war nicht ihre Schuld , da doch jeder Blick in den Spiegel ihr ein solches Übermaß von Liebreiz zeigte ) aber nicht geziert ; freigebig , vollständig frei von dem Übermut , der gewöhnlich großen Reichtum begleitet ; ursprünglich ; hinreichend intelligent ; fröhlich , lebhaft und gedankenlos ; kurzum , sie war reizend selbst in den Augen einer kühlen Beobachterin , wie ich es war ; aber sie war nicht tief interessant oder besonders empfänglich . So war ihr Gemüt zum Beispiel himmelweit verschieden von dem der beiden Schwestern St. Johns . Und doch liebte ich sie ungefähr so , wie ich meine Schülerin Adele liebte ; nur mit dem Unterschiede , daß eine innigere Neigung für ein Kind entsteht , das wir behütet und belehrt haben , als wir sie für eine erwachsene Person hegen können , welche dieselben Vorzüge besitzt . Für mich hatte sie eine liebenswürdige Laune gefaßt . Sie sagte , ich sei Mr. Rivers ähnlich ( doch , fügte sie hinzu , nicht halb so hübsch , obgleich ich auch eine nette kleine Person sei ; er aber sei doch ein Engel ) . Indessen sei ich gut , klug , gesammelt , und charakterfest wie er . Ich sei ein lusus naturae , behauptete sie , ein Wunder von einer Dorfschullehrerin ; sie sei überzeugt , daß meine Lebensgeschichte , wenn man sie kennte , den schönsten Romanstoff geben würde . Eines Abends , als sie mit ihrer gewöhnlichen kindlichen Lebhaftigkeit und gedankenlosen jedoch harmlosen Neugierde den Schrank und die Schiebladen des Tisches in meiner kleinen Küche durchstöberte , entdeckte sie zuerst zwei französische Bücher , einen Band von Schillers Werken , eine deutsche Grammatik und ein Wörterbuch ; dann meine Zeichenutensilien , und einige Skizzen , einen mit Bleifeder gezeichneten Kopf eines hübschen , kleinen , engelgleichen Mädchens , eine meiner Schülerinnen , und verschiedene Zeichnungen nach der Natur , welche ich im Thal von Morton und auf den umliegenden Moorgründen aufgenommen hatte . Zuerst war sie stumm vor Erstaunen , dann elektrisiert vor Wonne . Ob ich diese Bilder gemalt ? Ob ich denn französisch und deutsch könne ? Welch eine Liebe – welch ein Wunder ich sei ! Ich zeichne ja viel besser als ihr Lehrer in dem ersten Institut von S – . Ob ich denn nicht eine Skizze von ihr machen wolle , um sie Papa zu zeigen ! » Mit Vergnügen , « entgegnete ich , und bei dem Gedanken , nach einem so vollkommenen und schönheitstrahlenden Modell malen zu dürfen , empfand ich etwas von dem Entzücken des Künstlers . Sie hatte gerade ein dunkelbraunes Seidenkleid an ; Arme und Nacken waren bloß ; ihr einziger Schmuck waren ihre kastanienbraunen Flechten , welche in wilder und natürlicher Anmut auf ihre Schultern herabfielen . Ich nahm einen Bogen feinen Kartons und zeichnete mit großer Sorgfalt die Umrisse . Ich freute mich darauf , sie in Farben zu malen , und da es bereits spät geworden , sagte ich ihr , daß sie noch einmal kommen und mir zu dem Bilde sitzen müsse . Ihrem Vater erstattete sie einen solchen Bericht von mir , daß Mr. Oliver selbst sie am nächsten Abend begleitete – ein hoher , grauköpfiger Mann mit massiven Gesichtszügen in mittleren Jahren , an dessen Seite die liebliche Tochter aussah wie eine prächtige Blume neben einem eisgrauen Turm . Er schien ein schweigsamer , vielleicht auch ein hochmütiger Mann ; aber gegen mich war er gütig und freundlich . Die Skizze zu Rosamonds Porträt gefiel ihm außerordentlich ; er sagte , ich müsse ein fertiges Bild daraus machen . Er bestand auch darauf , daß ich am nächsten Tage nach Vale-Hall kommen müsse , um den Abend dort zuzubringen . Ich ging hin . Und ich fand einen großen , schönen Wohnsitz , welcher hinreichend Zeugnis von dem Reichtum seines Besitzers ablegte . Während der ganzen Zeit meines Aufenthalts war Rosamond voll Freude und Liebenswürdigkeit . Ihr Vater war freundlich , und als er nach dem Thee ein Gespräch mit mir anfing , gab er in starken Ausdrücken seine Zufriedenheit mit dem zu erkennen , was ich in Morton gethan hatte . Nur fürchte er , wie er sagte , daß ich zu gut für die Stelle sei nach allem was er gesehen und gehört habe , und sie wohl bald gegen eine bessere vertauschen würde . » In der That , « rief Rosamond aus , » sie ist gescheit genug , um Gouvernante in einer vornehmen Familie sein zu können , Papa . « Ich dachte , wieviel lieber ich bleiben möchte , wo ich war , als in irgend eine große Familie des Landes gehen ! Mr. Oliver sprach von Mr. Rivers und von der ganzen Familie Rivers mit größter Hochachtung . Er sagte , daß es der älteste Name in der ganzen Gegend sei ; daß die Vorfahren der Familie sehr reich gewesen seien ; daß ganz Morton einst ihnen gehört habe , und daß er der Ansicht sei , der einzige Repräsentant jenes Hauses könne noch jetzt eine Verbindung mit den ersten und größten Familien anstreben . Er meinte , es sei jammerschade , daß ein so schöner und talentvoller junger Mann den Plan gefaßt habe , Missionär zu werden ; das hieße wirklich , ein reiches , wertvolles Leben verschleudern . Es schien also , daß der Vater der Verbindung Rosamonds mit St. John durchaus kein Hindernis in den Weg legen würde . Mr. Oliver betrachtete also das gute Herkommen , den alten Namen und den frommen Beruf des jungen Geistlichen als hinreichenden Ersatz für den Mangel an Vermögen . Es war der fünfte November und ein Feiertag . Nachdem meine kleine Dienerin mir geholfen hatte das Haus zu reinigen , war sie fortgegangen , hoch beglückt durch das Geschenk eines Penny für ihre Dienstleistungen . Alles um mich her war glänzend rein und spiegelblank – gescheuerter Fußboden , polierter Herd , und reingewaschene Stühle . Auch mich selbst hatte ich geschmückt , und nun lag der Nachmittag vor mir , an dem ich beginnen konnte , was ich wollte . Die Übersetzung einiger Seiten Deutsch nahm eine Stunde in Anspruch . Dann nahm ich meine Palette und meine Stifte und begann mit der weit beruhigenderen , weil leichteren Arbeit , Rosamond Olivers Miniaturbild zu vollenden . Der Kopf war bereits fertig ; es fehlte nur noch die Andeutung des Hintergrundes und die Schattierung der Draperie ; ein Hauch Karmin mußte noch auf die vollen reifen Lippen gebracht werden – hie und da eine sanfte Welle auf das lockige Haar – eine tiefere Nüance auf die Wimper unter dem bläulichen Augenlid . Ich war in die Ausführung dieser hübschen Details vertieft , als nach einem kurzen , hastigen Klopfen meine Thür geöffnet wurde und St. John Rivers eintrat . » Ich komme um zu sehen , wie Sie Ihren Feiertag zubringen , « sagte er . » Nicht in Gedanken versunken , hoffe ich ? Nein , das ist gut . Wenn Sie malen , werden Sie sich nicht einsam fühlen . Sie sehen , ich mißtraue Ihnen noch immer , obgleich Sie sich bis jetzt wunderbar mutig gezeigt haben . Ich habe Ihnen ein Buch zum Trost für die Abendstunden gebracht , « und dabei legte er ein soeben erschienenes Werk auf den Tisch – ein Gedicht , eine jener genialen Produktionen , wie sie dem Publikum so oft vergönnt wurde in jenen Tagen , dem goldenen Zeitalter der modernen Literatur . Ach , die Leser unserer Zeit sind weniger begünstigt . Aber Mut ! Ich will mich nicht mit bereuen oder klagen aufhalten . Ich weiß , daß die Poesie noch nicht tot , das Genie noch nicht verloren ist ; auch hat der Mammon noch keine Macht über beide gewonnen ; er kann sie weder fesseln noch töten – eines Tages werden sie doch wieder ihr Dasein , ihre Gegenwart , ihre Freiheit und ihre Macht bethätigen . Mächtige Engel , die ihr dort oben im Himmel Sicherheit gefunden habt ! Ihr lächelt , wenn niedrige , schmutzige Seelen triumphieren , und schwache über ihre Zerstörung weinen . Die Poesie zerstört ? Das Genie verbannt ? Nein ! Mittelmäßigkeit laß den Neid dir nicht solche Gedanken eingeben ! Nein ! sie leben nicht nur , sondern sie herrschen ! sie erlösen ! Und ohne ihren göttlichen Einfluß , der überall hin dringt , würdest du in der Hölle sein – in der Hölle deiner eigenen Gemeinheit ! Während ich eifrig die hellen Seiten von Marmion ( denn das Buch war Marmion ) durchblätterte , beugte St. John sich nieder , um meine Zeichnung zu prüfen . Plötzlich schnellte seine schlanke Figur wieder empor – er sagte nichts . Ich sah zu ihm auf : er vermied meinen Blick . Ich kannte seine Gedanken gar wohl und konnte deutlich in seinem Herzen lesen ; in diesem Augenblick empfand ich klarer und ruhiger als er , ich war also momentan im Vorteil gegen ihn , und plötzlich kam mir der Wunsch , ihm etwas Liebes zu erweisen , wenn ich konnte . » Mit all seiner Festigkeit und Selbstbeherrschung legt er sich zu viel auf , « dachte ich , » er verschließt jede Empfindung , jeden Schmerz – verleiht keinem Gefühl Worte , bekennt nichts , teilt nichts mit . Ich bin überzeugt , es würde ihm gut thun , wenn er ein wenig über diese süße Rosamonde spräche , welche er nicht heiraten zu dürfen glaubt . Ich will ihn zum Reden bringen , « Zuerst sagte ich : » Nehmen Sie einen Stuhl , Mr. Rivers , « Aber er antwortete wie immer , daß er nicht bleiben könne . » Gut , « sagte ich dann in meinem Sinne , » bleiben Sie stehen , wenn es Ihnen beliebt , aber ich habe beschlossen , daß Sie nicht so schnell wieder fortkommen , denn die Einsamkeit ist Ihnen mindestens ebenso schädlich wie mir . Ich will doch versuchen , ob ich nicht die geheime Springfeder Ihres Vertrauens finden und eine Öffnung in dieser Marmorbrust zu entdecken vermag , durch welche ich einen Tropfen des Balsams der Sympathie einträufeln kann . « » Ist das Porträt ähnlich ? « fragte ich geradezu . » Ähnlich ? Wem ähnlich ? Ich habe es nicht so genau angesehen . « » Das thaten Sie doch , Mr. Rivers . « Er schrak förmlich zusammen über meine plötzliche und seltsame Rauheit : dann blickte er mich erstaunt an . » O , das ist noch gar nichts , « murmelte ich vor mich hin . » Diese Kälte und Steifheit Ihrerseits soll mich durchaus nicht zurückschrecken ; ich bin entschlossen , noch viel weiter zu gehen . « Dann fuhr ich fort : » Sie haben das Bild genau und deutlich angesehen , aber ich habe nichts dagegen , daß Sie es noch einmal ansehen , « und damit stand ich auf und reichte es ihm hin , » Ein gut gemaltes Bild , « sagte er , » sehr zartes , klares Kolorit ; sehr anmutige und korrekte Zeichnung . « » Ja , ja . Das weiß ich alles . Aber was sagen Sie zu der Ähnlichkeit ? Wem ist es ähnlich ? « Nach kurzem Zögern entgegnete er : » Miß Oliver , vermute ich ? « » Natürlich . Und jetzt , Sir , um Sie zu belehren , weil Sie so trefflich geraten haben , will ich versprechen , Ihnen ein sorgfältiges und getreues Duplikat dieses Bildes zu malen , vorausgesetzt nämlich , daß diese Gabe Ihnen angenehm ist . Ich will doch meine Zeit und Mühe nicht an eine Arbeit verschwenden , die für Sie keinen Wert hat . « Er fuhr fort , das Bild anzublicken ; je länger er es ansah , desto fester hielt er es , desto inniger schien er danach zu verlangen . » Es ist ähnlich , « murmelte er , » es ist sehr ähnlich ! Das Auge ist prächtig getroffen ; Farbe , Licht und Ausdruck sind ausgezeichnet , ganz vollkommen ! Es lächelt ! « » Würde es Sie trösten oder würde es Sie verletzen , das gleiche Bild zu besitzen ? Sagen Sie mir das . Wenn Sie auf Madagaskar oder am Cap oder in Indien sind , würde es Ihnen da einen Trost gewähren , dieses Andenken in Ihrem Besitz zu haben , oder würde sein Anblick Erinnerungen heraufbeschwören , welche nur dazu angethan sind , Sie traurig und mutlos zu machen ? « Jetzt blickte er flüchtig auf . Er sah mich an , unentschlossen , erregt ; dann heftete er das Auge wieder auf das Bild . » Daß ich es gern besitzen möchte , ist gewiß . Ob es aber klug und ratsam wäre – das ist eine andere Frage . « Seitdem ich mich vergewissert hatte , daß Rosamond ihn wirklich lieb hatte , und daß ihr Vater wahrscheinlich keine Einwendung gegen die Heirat machen werde , hatte ich – die ich weniger exaltiert war als St. John – in meinem stillen Sinne beschlossen , ihre Verbindung zu fördern . Mich dünkte , daß , wenn er eines Tages der Besitzer von Mr. Olivers großem Vermögen werden würde , er ebensoviel Gutes stiften könne , als wenn er hinaus ginge in die weite Welt , wo sein Genie unter einer tropischen Sonne dahinwelken , seine Kraft vergeudet werden würde . Und mit dieser Überzeugung antwortete ich jetzt : » So weit ich die Dinge begreife , wäre es weiser und ratsamer , wenn Sie das Original mit sich nähmen . « Inzwischen hatte er sich gesetzt ; er hatte das Bild vor sich auf den Tisch gelegt , und den Kopf in beide Hände gestützt , betrachtete er es mit zärtlichen Blicken . Jetzt merkte ich , daß meine Dreistigkeit ihn weder verletzt noch erzürnt hatte . Ich bemerkte sogar , daß er es wie eine Art neuer Freude empfand , wie eine unverhoffte Erleichterung , daß man mit ihm offen über einen Gegenstand sprach , den er bis jetzt für unnahbar gehalten hatte . Zurückhaltende Menschen bedürfen der offenen Besprechung ihrer Kümmernisse und Empfindungen in der That oft mehr , als die mitteilsamen . Schließlich ist der starrste Stoiker doch auch nur ein Mensch ; und oft ist es die größte Wohlthat , die man ihm erweisen kann , wenn man sich mit Mut und Kühnheit und Wohlwollen in die stille See seiner Seele stürzt . » Sie hegt große Neigung für Sie , dessen bin ich gewiß , « sagte ich , wie ich hinter seinem Stuhle stand , » und ihr Vater achtet Sie . Außerdem ist sie ein süßes Mädchen – ein wenig gedankenlos ; aber Sie würden ja hinreichend Gedanken für sich selbst und sie haben . Sie sollten sie wirklich heiraten . « » Liebt sie mich ? « fragte er . » Gewiß , Mehr als irgend einen anderen Menschen . Sie spricht unaufhörlich von Ihnen ; es giebt kein Thema , das ihr so lieb wäre oder das sie so oft berührte . « » Es ist sehr wohlthuend , dies zu hören , « sagte er , » sehr . Bitte , fahren Sie noch eine Viertelstunde so fort , « Und in der That zog er seine Uhr aus der Tasche und legte sie vor sich auf den Tisch , um die Zeit zu bemessen . » Aber was nützt es fortzufahren , « fragte ich , » wenn Sie so dasitzen und wahrscheinlich irgend einen eisernen Faustschlag des Widerspruchs und der Widerlegung vorbereiten oder eine neue Kette schmieden , um sie Ihrem armen Herzen anzulegen ? « » Bilden Sie sich doch nicht solche fürchterliche Dinge ein . Denken Sie lieber , ich gäbe nach und schmölze dahin , wie ich es in Wirklichkeit thue . Irdische Liebe sprudelt wie ein frischer Quell in meiner Seele und überschwemmt mit ihrem süßen Rieseln das ganze Feld , das ich so sorgsam so mühselig bereitet , so fleißig mit der Saat guter Vorsätze , selbstverleugnender Pläne angebaut hatte . Und jetzt überschwemmt es eine Flut wie himmlischer Nektar – die jungen Keime werden ertränkt , süßes Gift macht sie faulen . Jetzt sehe ich mich auf einer Ottomane in Vale-Hall , zu den Füßen meiner Braut Rosamond Oliver , sie spricht zu mir in ihrer melodischen Stimme – blickt auf mich herab mit jenen Augen , die Sie so geschickt gemalt haben – lächelt mich an mit jenen Korallenlippen . Sie gehört mir – ich gehöre ihr – dies irdische Leben , diese wandelbare Welt genügt mir ! Still ! still ! sagen Sie nichts – mein Herz ist voll Wonne – meine Sinne sind bezaubert , – lassen Sie diese Viertelstunde wenigstens in Frieden vorübergehen . « Ich that ihm den Willen . Die Uhr tickte weiter . Er atmete schnell und leise . Ich stand schweigend neben ihm . Und in dieser Stille ging die Viertelstunde vorüber . Dann schob er die Uhr wieder in die Tasche , legte das Bild hin , erhob sich und stand vor dem Kamin . » Nun , « sagte er , » diese kurze Spanne Zeit war der Phantasie und der Illusion gegönnt . Ich lehnte meine Wange an den Busen der Versuchung und beugte meinen Nacken freiwillig unter ihr Blumenjoch ; ich kostete von ihrem Becher . Das Polster brannte ; in dem Blumenkranze ist eine Wespe verborgen ; der Wein schmeckt bitter ; ihre Versprechungen sind hohl – ihre Gelübde sind falsch – dies alles weiß ich und sehe ich . « Erstaunt blickte ich ihn an . » Es ist seltsam , « fuhr er fort , » daß ich , während ich Rosamond Oliver so grenzenlos , so wild , mit der ganzen Glut einer ersten Leidenschaft liebe , deren Gegenstand so unendlich schön , anmutig und bezaubernd ist – dennoch zu gleicher Zeit das ruhige , klare Bewußtsein hege , daß sie mir keine gute Gattin sein würde ; daß sie nicht die Lebensgefährtin ist , welche zu mir passt ; daß ich dies schon innerhalb eines Jahres nach unserer Heirat empfinden würde , und daß auf die Seligkeit eines einzigen Jahres das Elend und die Reue eines ganzen langen Lebens folgen würden . Dies weiß ich . « » Seltsam , in der That ! « konnte ich nicht umhin auszurufen . » Während etwas in mir krankhaft empfänglich für ihre Reize und Vorzüge ist , « fuhr er fort , » so ist ein anderes Etwas ebenso tief verletzt durch ihre Mängel und Fehler . Und diese letzteren sind derart , daß sie in allem , was ich anstrebe , nicht mit mir sympathisieren könnte – mir in keiner Sache , die ich unternähme , zur Seite stehen würde . Rosamond eine Dulderin , eine Arbeiterin , ein weiblicher Apostel ? Rosamond , das Weib eines Missionärs ? Nein , nein , nein ! « » Aber Sie brauchten doch nicht Missionär zu werden ! Sie würden diesen Plan dann aufgeben . « » Aufgeben ? ! Was ? Meinen Beruf ? Mein großes Werk ? Den Grundstein , welchen ich auf Erden für eine Wohnung im Himmel gelegt habe ? Meine Hoffnung , einst zu der Zahl derer gerechnet zu werden , welche allen Ehrgeiz von sich gestreift haben , um des größeren willen , das Menschengeschlecht besser gemacht zu haben – Kenntnisse und Belehrung in das Reich der Unwissenheit getragen zu haben – Frieden an die Stelle des Krieges gestellt zu haben – Freiheit für Knechtschaft – Religion für Aberglauben – die Hoffnung auf das ewige Leben für die Furcht der Hölle eingetauscht zu haben ? Das soll ich aufgeben ? Es ist mir teurer als das Blut in meinen Adern . Es ist das , worauf ich hoffe , wofür ich lebe ! « Nach langem Schweigen sagte ich : » Und Miß Oliver ? Bedeuten ihr Kummer und ihre Enttäuschung Ihnen denn gar nichts ? « » Miß Oliver ist stets von Bewerbern und Schmeichlern umgeben . In weniger als einem Monat ist mein Bild aus ihrem Herzen gelöscht , sie wird mich vergessen , und wahrscheinlich einen Mann heiraten , der sie viel glücklicher machen wird , als ich es vermöchte « » Sie sprechen sehr kühl und ruhig ; aber Sie leiden in diesem Kampfe . Sie reiben sich auf . « » Nein , wenn ich vielleicht etwas schmächtiger werde , so kommt das durch die Angst um meine Zukunft , die so wenig gesichert – durch die Unruhe , welche meine fortwährend hinausgeschobene Abreise mir verursacht . Erst heute morgen habe ich die Nachricht erhalten , daß der Nachfolger , dessen Ankunft ich schon solange erwarte , mich erst nach Ablauf von drei Monaten ersetzen kann . Und aus diesen drei Monaten werden vielleicht noch sechs . « » Sie zittern und erröten , sobald Miß Oliver in das Schuhlzimmer tritt . « Wiederum zeigte der erstaunte Ausdruck sich auf seinem Gesicht . Er hatte nicht geglaubt , daß ein Weib so zu einem Manne reden könne . Was mich anbetraf , so fühlte ich mich ganz heimisch in dieser Art von Gesprächen . Ich konnte mich in dem Verkehr mit starken , diskreten , feinfühligen Geistern nie ganz zufrieden geben , bis ich über die Außenwerke konventioneller Zurückhaltung fortgekommen , die Schwelle des Vertrauens überschritten und einen Platz in dem innersten Winkel ihres Herzens erobert hatte . So erging es mir sowohl mit Frauen wie mit Männern . » Sie sind originell , « sagte er , » und durchaus nicht blöde . Es liegt etwas Tapferes in Ihrem Geiste und etwas Durchdringendes in Ihrem Auge . Aber gestatten Sie mir , Sie zu versichern , daß Sie meine Empfindungen teilweise falsch deuten . Sie halten sie für tiefer und mächtiger als sie sind . Sie lassen mir einen größeren Anteil von Sympathie zu teil werden als ich gerechterweise beanspruchen darf . Wenn ich vor Miß Oliver erröte oder erbebe , so bemitleide ich mich nicht selbst . Ich verachte diese Schwäche . Ich weiß , sie ist unedel ; nichts als ein Fieber des Fleisches , wahrlich nicht ein Erbeben der Seele , das versichere ich Sie . Diese ist so fest , wie ein Felsen , der in den tiefsten Tiefen des tobenden Meeres wurzelt . Erkennen Sie mich als das , was ich bin – ein kalter , harter Mann ! « Ich lächelte ungläubig . » Sie haben mein Vertrauen im Sturm erobert , « fuhr er fort , » und jetzt steht es Ihnen gänzlich zu Diensten . Wenn man mir das blutgetränkte Gewand herabreißt , mit welchem das Christentum menschliche Schwächen und Gebrechen bedeckt , so bin ich einfach nichts als ein harter , kalter , ehrgeiziger Mann . Von allen Gefühlen hat nur die Liebe , welche die Natur uns ins Herz gelegt , dauernde Macht über mich . Vernunft , und nicht Gefühl , ist meine Leiterin . Mein Ehrgeiz kennt keine Grenzen ; meine Begierde höher zu steigen , mehr zu thun als die anderen Menschen ist unersättlich . Ich ehre die Duldung , die Ausdauer , den Fleiß , das Talent , weil diese die Mittel sind , durch welche Menschen große Zwecke erreichen und zu schwindelnder Höhe emporsteigen . Ich beobachte Ihre Carriere mit Interesse , weil ich Sie für das Beispiel eines fleißigen , ordentlichen , energischen Weibes halte : nicht weil ich tiefes Mitgefühl für das hege , was Sie durchgemacht haben oder was Sie noch leiden . « » Sie möchten sich selbst wie einen heidnischen Philosophen hinstellen , « sagte ich . » Nein . Zwischen mir und deistischen Philosophen giebt es einen Unterschied : ich glaube und ich glaube an das Evangelium . Sie wandten eine falsche Bezeichnung an . Ich bin nicht ein heidnischer , sondern ein christlicher Philosoph – ein Nachfolger der Sekte des Jesus Christus . Als sein Schüler nehme auch ich seine reinen , barmherzigen , milden Lehrsätze an . Ich streite für sie . Ich habe geschworen , sie zu verbreiten . Schon in der Jugend habe ich mich der Religion geweiht , und sie hat meine angeborenen Eigenschaften so veredelt : aus dem kleinen Keime der natürlichen Liebe hat sie den großen , schattenreichen Baum der Menschenliebe gezogen . Aus der wilden , zähen Wurzel menschlicher Rechtschaffenheit hat sie ein richtiges Gefühl der göttlichen Gerechtigkeit gezeitigt . Aus dem Ehrgeiz , Macht und Ruhm für mein elendes Selbst zu gewinnen , hat sie den Ehrgeiz gebildet , das Reich meines Herrn zu verbreiten , Siege für die Standarte des Kreuzes zu erringen . So viel hat die Religion für mich gethan . Sie hat die ursprünglichen Anlagen auf das beste verwendet ; sie hat die Natur gezogen und veredelt . Aber sie konnte die Natur nicht ausrotten ; und sie kann nicht ausgerottet werden , als bis dieser Sterbliche das Gewand der Unsterblichkeit anlegt . « Nachdem er dies gesagt hatte , nahm er seinen Hut , welcher auf einem Tische neben meiner Palette lag . Noch einmal blickte er das Porträt an . » Sie ist wahrhaftig lieblich , « murmelte er , » Sie trägt ihren Namen » Rose der Welt « mit Recht ! « » Und soll ich nicht ein zweites für Sie malen ? « » Cui