als er so unbeweglich blieb wie ein hölzerner Pfahl , griff sie nach seinem ergrauenden Bart , zupfte ein bißchen und fragte scherzend : » Du ? Bist du kein Mann ? « » Das bin ich mehr , als mir lieb ist . Ein Jahr lang hab ich hart gehungert . Jetzt ist alles in mir wie ein böses Feuer . Vom Hirn bis hinunter zu meinen Sohlen brennt ein siedender Durst nach Eurem Leib . « Sie fragte gleich einem verwunderten Kinde : » Warum nimmst du mich nicht ? « » Weil ein Mannsbild , das sein Blut nit in der Faust hat , minder ist als ein Vieh . « Seine Augen wurden ruhig . » Und weil ein deutscher Bauer seinen König nit verschimpft . « Erschrocken fuhr sie zurück und knirschte : » Wer hat dir verraten , wo du bist ? « Malimmes lachte leis . » Ui , mein , Frau Königin ! Ich bin doch kein heuriger Has nit . Ein Tüchl macht zwei gute Augen nit blind . Und Ohren hat man doch auch . Und man weiß , was echt und was falsch ist . Möget Ihr nit die fremden , wüsten Haar ein lützel heruntertun ? Bitt schön , Frau Königin , lasset einen armen Teufel anschaun , wie schön Ihr seid ! « Schweigend streifte sie den Schleierbund und die schwarze Perücke fort . Das kupferrote Geringel fiel ihr um das heiße Gesicht . Und als sie die Freude in seinen Augen sah , wurde sie verdrießlich und klagte in Zorn : » Du bist ein Narr ! Soll ich dir sagen , wo mein Gemahl sich belustigt ? In dieser Nacht ? « Gleich verstand er . » Das müßt Ihr ihm abgewöhnen , Frau Königin ! So was ist nit gesund . Und tut man ' s in der Nacht mit Lachen , so kommt am Morgen das Grausen . « Eine Weile standen die beiden stumm voreinander , bis Malimmes in Unbehagen sagte : » Jetzt darf ich wohl gehen ? Nit ? « Er schritt zur Türe . Rasch vertrat ihm Frau Barbara den Weg und sah ihn mit glänzenden Augen an . » Ich bin ein verdorbenes Geschöpf . Wären die Männer wie du , wir Frauen wären Heilige . « Sie hatte das so ernst gesagt , daß er lachen mußte . » Frau Königin , das glaub ich nit recht . « Heiß fragte sie : » Willst du mir dienen ? « Malimmes schüttelte den Kopf und sagte heiter : » Nit ums Leben ! Da könnt ' s noch schieche Sachen absetzen . « Er wurde ernst . » Ich bin schlechter dran als wie die andern . Jedweder Mensch hat einen doppelten Weg zur Wahl . Der eine geht zur Sonn und der ander zum Unrat . Ich hab bloß einen . Der Weg zur Sonn ist mir vermauert . Und im Unsauberen leidt ' s mich nit . Muß ich halt zwischendurch . « Nun hatte die Königin wieder ganz die Augen eines verwunderten Kindes , das ratlos ein unbegreifliches Ding betrachtet . Und schweigend und traurig stand sie , während Malimmes den Saum ihres seidenen Ärmels küßte und zur Türe ging . Bevor er die Klinke niederdrückte , sah er die kleine , zierliche Frau noch einmal an . Er hörte sie noch leise sagen : » Wir sehen uns wieder ! « Dann verließ er die reiche Stube . Draußen beugte er tief den Kopf herunter , um das Knüpfen der Tuchbinde zu erleichtern . » So ! Jetzt bin ich wieder ein blinder Ochs ! « Die Magd verließ mit ihm das Haus . Auf dem Haidplatz hörte Malimmes einem Arbeitslärm von vielen Menschen , das Hämmern , Sägen und Hobeln der Handwerksleute , die für das feierliche Friedensfest den Thronhimmel des Königs bauten , die Hochsitze für die Fürsten und die Schranken für das Volk . Man schanzte und schaffte da die ganze Nacht . Das Brettergerüst wurde beim Flackerschein der Fackeln mit rotem und gelbem Tuch beschlagen . Die Arbeitsleute , die ihren Bürgerschlaf für eine prunkvolle Bekundung des Friedens opferten , bekamen Freiwein und gerieten in schwatzlustige Stimmung . Sie machten unziemliche Scherze , als bei grauendem Morgen ein Häuflein lärmender Nachtschwärmer von Flötenbläsern und Lautenschlägern heimbegleitet wurde . Daß ein hochgewachsener Mann und eine taumelnde Zwergengestalt beim Gumbrechtischen Hause verschwanden , bemerkte niemand . Doch einen unfreundlichen Zusammenlauf der Arbeitsleute gab es beim hochtürmigen Hause der Weltenburger , wo man einen Mißgestalteten , der ein von Rotweinflecken verwüstetes Hofkleid trug und schwer betrunken war , gewaltsam zur Ruhe bringen mußte . Er hatte einen Anfall von Krämpfen , schlug mit den Fäusten um sich , und immer schrillte seine dünne Stimme : » Wenn ich Herzog bin - wenn ich Herzog bin - « Im ersten Weiß des Morgens bekamen die Gerüste , die man auf dem Haidplatz aufgeschlagen hatte , ein festliches Ansehen . Der Thron des Königs und die Hochsitze der Fürsten wurden mit Wappen behangen , mit Standarten und Laubgewinden geschmückt . Bei Aufgang der Sonne bezogen zwölf junge Ritter im Gumbrechtischen Hause die Ehrenwache vor den Zimmern des Königs und der Königin und vor der unruhigen Amtsstube des Kanzlers Schlick . Weil die zwölf aus dem Geleit aller Fürsten und Prälaten gewählt waren , die einander bekriegt hatten und sich heute versöhnen sollten , fanden sie für sich selbst den scherzhaften Namen : die zwölf Friedensengel . Für den heiligen Peter von Berchtesgaden war Lampert Someiner da . Er stand mit drei anderen bei der Türe des Königs , mit dem Ellbogen auf den Knauf des blanken Eisens gestützt . Für das leise Geplauder seiner Gesellen hatte er kein Ohr . Immer sah er in das flimmernde Sonnenband , das durch ein hohes Spitzbogenfenster in den gewölbten Treppengang hereinfiel . Draußen kam ein schöner und reiner Tag . Da funkelte wohl heut die gleiche milde Herbstsonne auch über den blauen Bergen seiner Heimat ? Und über der Straße von Salzburg nach Berchtesgaden ? Während Lampert in die Sonne guckte , sah er immer diese Straße und einen kleinen , eilig trabenden Reisezug von vierzehn Gäulen . Am verwichenen Abend mußte Jula zu Salzburg eingetroffen sein , auf ihrem Falben , mit dem Knechte , der den zärtlichen Ingolstädter ritt , und mit den zwölf Geleitsreitern , die Lampert zu München angeworben hatte . Durch das schwarze , kahlgebrannte Land von Plaien und über den Trümmerhaufen des Hallturms hatte er seine Jula nicht reisen lassen . Um dieses Grauenvolle nicht zu sehen , mußte sie den Umweg über Salzburg nehmen . Und weil der Morgen so klar und sonnig wurde , war sie wohl schon vor Tag von Salzburg aufgebrochen ? Da mußte sie um die siebente Morgenstunde nach Berchtesgaden kommen - um diese siebente Morgenstunde , vor der die abergläubisch gewordene Frau Marianne bei jedem Tageserwachen aufs neue zitterte . Lampert lachte vor sich hin . Die anderen , die mit ihm die Wache hielten , guckten ihn verwundert an . Das merkte er nicht . Immer sah er nur die schöne , von der Morgensonne umglänzte Straße zwischen der Gadnischen Ache und dem Untersberg . Sah diese schlanke Reiterin im graugrünen Reisemantel auf dem rasch und zierlich trabenden Falben . Sah die Türme und Firste von Berchtesgaden , sah den Marktplatz , auf dem viel weniger Menschen als im Sommer vor einem Jahr zur Messe gingen , und sah das stillgewordene Amtmannshaus mit den in der ersten Sonne blinkenden Erkerscheiben . Die Mutter ist schon wach . Frau Marianne ist eine fleißige Frühaufsteherin . Noch immer , obwohl das Trauerjahr schon zu Ende gegangen , ist sie schwarz gekleidet . Aber Glockenschürze , Ärmelschoner und Morgenhäubchen machen sie ganz weiß . Wie an jedem Tage , so denkt sie auch heute , seit sie die Augen aufgetan , immer und immer an ihren Buben . Und bei der Frühsuppe , die sie einsam löffelt , guckt sie immer wieder mit ihrem Sorgenblick zu dieser schrecklichen Uhr hinauf , die sie lieb hat und hassen muß . Im alten , hohen Pendelkasten immer die gleiche Stimme : » Bau ! Bau ! Bau ! « Und gleich wird der Hammer schlagen , siebenmal . Und wie an jedem Morgen so denkt Frau Marianne auch jetzt in Zittern : Ob heut das Unglück kommen wird ? Um die siebente Morgenstund ? Vom groben Pflaster des Marktplatzes klingt das Gehämmer vieler Hufe herauf . Die Rosse halten vor des seligen Amtmanns Haus . Erschrocken springt Frau Marianne zum Erker , stößt das Schubfensterchen in die Höhe , fährt mit dem Kopf in die Morgensonne hinaus und schreit beklommen : » Jesus ! Was ist denn ? « Da drunten beugt eine Reiterin in graugrünem Mantel den Kopf zurück . Dichtes Haar quillt aus der dunklen Gugel heraus . Und zwischen den schwarzen Strähnen sieht Frau Marianne ein schmales , sonnverbranntes Mädchengesicht mit der Leidensschrift eines bösen Jahres in den strengen Zügen , mit scheuer Freude im Blau der großen Augen . Und eine linde , von der Aufregung ein bißchen zugeschnürte Stimme ruft von da drunten zum Erker herauf : » Gute Botschaft von Eurem Sohn ! « » Jesus ! « Das gleiche Wort , das vor wenigen Sekunden ein Laut des Schreckens war , ist jetzt der Schrei eines heißen Jubels . Und Frau Marianne - obwohl ihr das vergangene Jahr ein Bleigewicht auf alle Gelenke legte , fährt wie ein junges Mädel zur Stube hinaus und über die Treppe hinunter . Und drunten im Hausflur steht sie ratlos und starrt betroffen auf das schlanke Mädchen , das die Gugel des Reisemantels zurückstreift in den Nacken und leise sagt : » Kennet Ihr mich nimmer , Frau ? Ich bin der Bub gewesen , dem Ihr das Eisenhütl gegeben habt . Jetzt soll ich die Ehfrau Eures lieben Sohnes werden . « Frau Marianne steht noch immer stumm . Nun fängt sie zu lachen an . Und mit beiden Händen muß sie nach ihren Knien greifen , die befallen sind von einem heftigen Zittern . » Ich muß mich niederhocken ein lützel . « Sie taumelt zur Steinbank im Hausflur und wird umschlungen von einem jungen Arm , der zärtlich und stark ist . - - Klirrende Schritte im Treppenflur des Gumbrechtischen Hauses und zwei erregte Stimmen . Lampert Someiner war aufgerüttelt aus seinem Sonnentraum . Er straffte sich und machte mit dem blanken Eisen die höfische Reverenz vor dem Markgrafen von Brandenburg und dem Kanzler Schlick . Die beiden hatten gut ausgeschlafene Gesichter , doch Augen voll Sorge . Mit dem Morgen war böse Zeitung gekommen . Draußen vor dem Ostentor geschah , was die Stadtväter vor dem Kanzler nicht länger zu verschweigen wagten : Im Geläger der vierzigtausend , die trunken waren vom Freiwein des gütigen Königs , fielen die pestkranken Menschen um wie Fliegen nach einer kalten Nacht . Doch an solche Dinge war man gewöhnt seit vielen Jahrzehnten , seit der schwarze Tod ein seßhafter Bürger im Reich geworden . Das war die mindere Sorge . Was den Kanzler bewogen hatte , den Markgrafen aus der Morgenruhe aufzustören und zum König zu rufen , war eine schwere Kunde , die aus weiter Ferne gekommen - Botschaft von gewaltigen Rüstungen des türkischen Sultans Murad wider Siebenbürgen und Ungarn - und die Botschaft , daß die Hussiten mit zahllosen Heerschwärmen verwüstend aus den böhmischen Wäldern herausbrachen in die oberpfälzischen Lande . Sie äscherten Städte und Dörfer nieder , zerstörten Kirchen und Klöster , verbrannten die Priester , die sie fingen , erwürgten die Herren , die in ihre Hände fielen , predigten dem Volk alle Freiheit und sprachen es los von der Pflicht des Gehorsams gegen Papst und Fürsten . Friedrich von Zollern und der Kanzler betraten die königlichen Gemächer . Durch einen prunkvollen Raum , in dem der Haarkräusler des Königs seine wohlriechenden Siebensachen aus einer Tasche kramte , kamen die beiden in die große Schlafstube . Hier stand eine neue , kupferne Badewanne , in der das heiße Wasser qualmte . Das große Himmelbett war in die Mitte der Stube gerückt , und auf den roten Seidenkissen lag entblößt der König , dem zwei weißgekleidete Badmägde die Gelenke kneteten . Um das mit Salbe belegte Gesicht war ein dicker Bausch von heißer , dampfender Leinwand herumgebunden . Unter diesen Tüchern fragte Sigismund mit erloschener Stimme : » Schlick ? Bringst du ihn ? « Statt des Kanzlers antwortete Fritz von Zollern : » Ich stehe vor der Majestät . « » Was sagst du zur üblen Zeitung dieses Morgens ? « » Man hat gesät . Da müssen die Ähren kommen , wie der Same war . « Der König machte eine mißmutige Bewegung . Dann befahl er den Mägden : » Hebt Uns in die Wanne ! Und verlaßt Uns ! « Die Mägde schoben ihm ihre roten Arme unter Rücken und Knie , trugen die Majestät zur Wanne , hoben sie vorsichtig in das duftende , mit Rosenessenz gefärbte Wasser und erneuerten noch den Dunstumschlag auf dem Gesicht ; dann verschwanden sie . Die Haltung des Badenden war sehr anmutsvoll . Doch weil das Wasser immer schwankte , schien der schöne Mannskörper , der nur wenige Spuren des beginnenden Alters zeigte , unablässig in weiße , rotgeränderte Stücke zerrissen zu werden . Und der gesichtslose Kopf , um dessen dampfenden Leinwandbausch die verwüsteten Braunlocken wirr herumhingen , hatte etwas Unheimliches . Fritz von Zollern betrachtete in stummer Trauer den Beherrscher des Heiligen Römischen Reichs . » Unsere Geduld ist erschöpft « , sagte der König unter den dunstenden Tüchern . » Wir gedenken dieser böhmischen Tollheit ein rasches Ende zu bereiten . « » Wenn das so schnell geschehen könnte , wie es gesagt wird ! « » Wir mußten Lehrgeld bezahlen . « Sigismund lachte . » Jetzt kennt man ihre neue Art , zu fechten . « Während er so redete , spielten seine schönen Hände mit dem rosigen Wasser . » Wir stellen hundertzwanzigtausend Helme ins Feld , die Wir deiner bewährten Führung anvertrauen . « Der Markgraf schob die Lippen vor und schwieg . Unwillig fragte die Majestät : » Besinnst du dich ? « » Ein wenig , ja . Sichere Hiebe sind kein erquicklich Ding . « Da hob der König rasch den Kopf mit der augenlosen Leinwand . » Du ? Der immer Starke , immer Gläubige ? Seit wann bist du ein Ängstlicher geworden ? « » Das bin ich nicht . Aber eh zwei Kräfte sich messen sollen , muß man sie wägen . Die Schalen stehen ungleich . Bei uns ist Zerwürfnis , Hader und Widerspruch , ein zerrissener Leib und eine versumpfte Seele . Die Gegner haben ein Ziel , nach dem sie brennen , einen führenden Gedanken und einen reinen , unerschütterlichen Glauben , der ihre Kräfte in Stahl verwandelt . « » Fritz ! « Die augenlose Majestät tauchte bis über die halbe Brust aus dem rosigen Wasser . » Bist du ketzerisch angekränkelt von der böhmischen Luft ? « » Ich ? Nein . Oder jedes aufrichtige Wort ist Ketzerei . Man braucht kein Gärtner zu sein , um zu wissen , was gesunder Kohl ist . Und man kann auch ein Christ bleiben und dennoch der Meinung sein , daß im Garten Petri viel übles Unkraut wuchert . Man liebt es , die Böhmen kranke Köpfe zu nennen . Aber Fieber ist keine Krankheit , nur Wirkung einer Ursach . Die müßte man heilen . Die Hussiten bekehrt man nimmer . Will man sie nicht zu verstehen suchen , so muß man sie alle totschlagen . Und schlägt man sie alle tot , so wachsen neue nach , mit anderen Worten und mit frischen Zungen , die gegen die kranke Ursach reden . « Der König , mit einer völlig veränderten Stimme , sagte heiter : » Wir waren töricht in dieser Nacht . Ein schwerer Kopf ist undankbar für große Weisheiten . Wir verstehen nicht , was du meinst . « » Das läßt sich sagen mit einem kurzen Wort . Ich will die Fahne wider die Böhmen führen , wenn ich nur zu schlagen brauche im Notfall und unbeschränkte Vollmacht habe , mit den Hussiten zu verhandeln . « » Verhandeln ? « Sigismund schien nachdenklich zu werden . » Was soll bei solchem Handel zutage kommen ? « Mit schwerem Ernst beugte sich der Markgraf gegen das blinde Gesicht des Königs : » Vielleicht ein Weg , auf dem wir in Deutschland die Kirche deutsch und einig machen . « Ein langes Schweigen . Nun ein leichtes Geplätscher in der Wanne . Und belustigt sagte Sigismund : » Mancher wird heute Ursach haben , saure Fische zu essen . Du wirst beichten müssen . « Dem Markgrafen ging es heiß über die Stirne . Doch ruhig sagte er : » Ich fühle mein Gewissen nicht beschwert . Die Majestät möge meinen Rat bedenken . Jetzt kommen die Böhmen . Hinter ihnen die Türken und Heiden . Sie niederzuwerfen , wäre für die eingeborene Kraft des Reiches ein Kinderspiel . Aber der deutsche Riese hat viele Nächte voll ungesunder Torheit hinter sich . Saure Fische helfen ihm nimmer . Soll er vor den Dingen , die kommen , nicht in Schwäche zittern , so muß man ihm die Stirn mit Feuer salben , die Augen sehend machen und den erschöpften Leib in erfrischenden Gedanken baden . « Nach kurzem Schweigen schob der König mit einer anmutsvollen Armbewegung den Leinenbausch über die Stirne hinauf . Sein edles Gesicht war ohne Runzeln und hatte rosige Farben . » Hochgeborener Herr Markgraf ! « Er lächelte . » Euch verdanken Wir viel . Unser Dank hat Euch emporgehoben zum Mut dieser Stunde . Manches mögen wir Euch gestatten . Nicht alles ! « Mit beiden Händen faßte Sigismund die Kanten der Kupferwanne . » Wo sind die Mägde ? Unser Bad ist kühl geworden . « Fritz von Zollern öffnete die Tür und rief in den anstoßenden Raum hinaus : » Ihr ! Heda ! Flink ! Die Majestät muß frieren . « Die zwei Mägde und der Haarkräusler waren rasch zur Hand , sorgten für neue Wärme und wuschen dem König die von einer törichten Nacht verwüsteten Locken . - Gegen die neunte Morgenstunde begannen alle Glocken der Stadt zu läuten , um den jungen Frieden der bayerischen Lande zu grüßen , den diese Stunde gebären sollte . Die Fürsten und Prälaten , mit ihnen die Bürgermeister der freien Städte und der herzoglichen Residenzen , kamen zum Gumbrechtischen Hause , um die Majestät in feierlichem Zuge nach dem Stadthaus zu geleiten . Mancher von den edlen Herren sah sehr ungemütlich drein , nicht aus politischen Gründen . Der kleine Herzog von Bayern-Landshut hatte ein Gesicht , das einer grünen Olive glich ; er litt , obwohl er nicht unmäßig getrunken hatte , an einem Katzenjammer , bei dem er jedes Haar auf seinem gesalbten Haupte wie einen giftigen Nadelstich empfand . Der Haidpiatz war erfüllt von einer drängenden Volksmenge , die den freundlich grüßenden König mit stürmischer Zärtlichkeit umjubelte . Und immer war das Stadthaus von Stimmengewirr umgeben , während im großen Ratszimmer hinter verschlossenen Türen um den Frieden gehandelt wurde . Es ging da drinnen sehr lärmvoll zu , und die erregten Stimmen wuchsen immer kräftiger , während im Vorraum die Tische zu einem Erquickungsmahl gedeckt und mit leichten Weinen , mit gesäuerten Getränken , geräucherten Saiblingen , gesulzten Renken und mit Bratwürstchen auf Sauerkraut bestellt wurden . Das alles duftete sehr einladend , und mancher von den edlen Herren kam schon aus dem Ratszimmer heraus , noch ehe der erste Teil der Verhandlung erledigt war : die Schlichtung des persönlichen Streites zwischen den Herzögen Heinrich und Ludwig wegen des Konstanzer Überfalles . Der Ingolstädter war im Zorn der Stunde wie ein gereizter Tiger und stellte maßloße Forderungen : » Man soll den fahrigen Mörder Heinrich aller Ehren und Würden entkleiden und soll ihn richten nach dem Spruche : Aug um Auge , Zahn um Zahn ! Man soll ihm sieben Wunden an seinen Leib machen , darunter zwei auf den Tod . Und man soll ihm die Hand abhacken , mit der er nach unserem fürstlichen Leib gestochen . « Herr Heinrich , in der Bitterkeit seines hämmernden Katzenjammers , antwortete klagend : » Unser edler Vetter Loys verlangt der gerechten Dinge so viel , daß wir in Sorge um sein kostbares Dasein geraten . Menschen , die des Guten auf Erden zu viel begehren , leben nicht lange . « Mit diesen Worten brachte er die Lacher auf seine Seite , nachdem der Ingolstädter durch das Übermaß seiner Forderungen die Herren gröblich verstimmt hatte . Der König entschied unter dem Beifall des Fürstenrates : Herzog Heinrich soll zur Sühne seiner unvetterlichen Tat sechshundert Helme wider die Hussiten stellen , einen Kriegszug gegen die Heiden unternehmen , eine bußfertige Wallfahrt nach Rom machen , drei ewige Messen stiften , dem Vetter Loys alle Kurkosten ersetzen und ihn vor König , Fürsten und Volk um Gottes und unserer lieben Gottesmutter willen demütig um Verzeihung bitten . Der kleine Herzog beeilte sich , zu erklären : » Wir beugen uns dem Urteil der weisen Majestät . « Herzog Ludwig schrie mit einem Auflachen seines Hohnes in den Saal : » Man ehrt mich über Gebühr und hält mich für kostbarer als unseren Herren Christum . Der ward um dreißig Silberlinge verraten . Mich verkauft man um dreißigtausend Dukaten . « Bei dem Lärm , den der Aufbruch zum Frühstück verursachte , schien niemand diesen Zornschrei zu hören . Alle schwere Stimmung war plötzlich verwandelt in schwatzende Heiterkeit . Während im Vorraum die Tische sich füllten , standen die Herzöge von München mit dem Brandenburger abseits in ernstem Gespräch . Im Ratszimmer war nur Herzog Ludwig mit seinem getreuen Kaspar Törring zurückgeblieben , der in Zorn die irdische Gerechtigkeit eine feile Metze schalt und die Welt als würdig eines baldigen Untergangs erklärte . Um alle Folgen der törichten Nacht zu dämpfen , frühstückte die Majestät sehr reichlich . Herzog Heinrich , der außerhalb seines Schlosses zu Burghausen niemals ohne Vorkoster speiste , berührte den Imbiß nicht , obwohl eine heftige Sehnsucht nach sauren Dingen in seinen Augen war . Sehr aufmerksam betrachtete er den König , dem die duftenden Würstchen trefflich zu munden schienen . Und leise fragte der kleine Herzog : » Fürchtet die Majestät nicht , vergiftet zu werden ? « » Nein ! Unsere Brüder sind tot . « Der König lachte . » Auch sind Wir unempfindlich gegen Gift geworden . Übung gewöhnt den Körper an alle Dinge . « Heiter erzählte er von mannigfachen Giften , die man ihm schon verabreicht hatte , und von der scharfsinnigen Kur eines schwäbischen Arztes . Der hatte den im Lager vor Znaym vergifteten König durch vierundzwanzig Stunden bei den Füßen aufhängen lassen , bis das genossene Gift durch Mund und Nase völlig abfließen konnte ! » Das war nicht lieblich . Aber hilfreich . « Nach dieser Erzählung sprach die Majestät sehr fleißig wieder dem Sauerkraut und den Würstchen zu . Aber vielen an des Königs Tafel war die Lust zum Essen vergangen . Unter dem betretenen Schweigen , das am Tische herrschte , sagte plötzlich ein Regensburger Ratsherr : » Eure Majestät schneiden die Würstlein in die Quere . Das ist nicht empfehlenswert . Ist das Würstlein in die Quer gebröckelt , so beißt man beim Speisen auf die Haut und hat den minderen Geschmack . Man muß es nach der Länge schneiden und mit dem Fleisch auf die Zunge legen . « Am Tisch erwachte ein heiteres Lachen . Alle griffen von neuem zu , versuchten die ratsame Sache , nickten zustimmend mit den Köpfen , und die Majestät sagte freundlich : » Wir danken Euch , Ehrenfester ! Unser Dasein ist um eine köstliche Weisheit bereichert . Ihr seid ein Meister in der Kunst zu leben . « Während dieses Frühmahls erfuhr der Propst des heiligen Zeno , Herr Konrad Otmar Scherchofer , eine kleine Überraschung . Der Kanzler Schlick beschenkte ihn mit einem schön und zierlich beschriebenen Pergament . Es war ein Brief , in dem sich Franzikopus Weiß bei Sigismund um einen Bischofsstab bewarb und sich erbötig machte , das Zenonische Land und Volk der Hausmacht des Königs anzugliedern . » Das wäre ein schlechter Handel « , sagte Herr Konrad Otmar , » von meinem Volk und Land ist weniger übrig geblieben , als von aufgespeisten Fischen zu bleiben pflegt . « Er besah den Brief und wurde heiter . » Dieser Heilige riecht nicht gut . Ich will ihn mit Wohlgerüchen waschen lassen . « Die Majestät erhob sich und gab das Zeichen zum Neubeginn des Fürstenrates . Während die edlen Herren sich schon im Ratszimmer zu sammeln begannen , trat der schwere Bürgermeister von Landshut auf den kleinen Herzog Heinrich zu , und um die Treue der guten Stadt zu erweisen , erbot er sich , dem gnädigen Herrn die Wallfahrt nach Rom abzunehmen , mit zwölf angesehenen Bürgern durch Italien bis zur Peterskirche zu reiten , dort inbrünstig zu beten und kostbare Spenden zu Füßen des heiligen Apostels niederzulegen . » Nein ! « Herr Heinrich preßte die Hand an den schmerzenden Hinterkopf . » Das kostet schweres Geld . Laßt unser Geld im Lande bleiben ! Warum wollt ihr ' s nach Rom tragen ? Beten kann man in Landshut auch . Die Wallfahrt nach Rom - weil es schon sein muß - soll einer machen . Einer , der nichts versäumt . Der muß sich durchbetteln . Sonst wäre das kein frommes Werk , das wohlgefällig vor Gottes Augen ist . Stiftungen macht man vor dem Gelingen . Nach dem Gelingen behält man , was Gott so wollen hat . « Im Fürstenzimmer begann schon wieder der gleiche aufgeregte Lärm , wie er vor dem Imbiß geherrscht hatte . Kaspar Törring wollte bei König und Reich um seiner erschlagenen Hunde willen Klage führen . Man mußte dem Erbitterten bedeuten , daß die Sache der erschlagenen Menschen den Vorrang hätte und daß man die noch Lebenden durch einen raschen Frieden beglücken müßte . Nach gereizten Reden und Gegenreden entschied die Majestät , es solle Friede sein ; die Not der Zeit verlange , daß man sich gegen die äußeren Feinde wende , statt sich selbst zu zerfleischen ; dem lieben Oheim zu Ingolstadt wäre der Vorwurf nicht zu ersparen , daß er wider Gott , König und Reich gesündigt und vor bayerischen Bäumen den deutschen Wald nicht mehr gesehen hätte ; Bayern , das Herz der deutschen Lande , müsse deutscher sein als deutsch ; des lieben Oheims großer Ahnherr Ludwig hätte die richtige Glocke aufgehangen ; doch sein Enkel hätte ihr mit Hader und Zwist wider die friedlichen Vettern den hallenden Schwengel ausgerissen , daß sie zu einer tauben Schelle wurde ; der frevelhaft begonnene Krieg müßte gesühnt werden nach irdischer Gerechtigkeit und nach billigem Anspruch der Sieger ; wer sich dem Spruch der Majestät und den Bedingungen des von ihr gebotenen Friedens widersetze , bliebe dem Kirchenbann und der Acht des Reiches verfallen . Sehr feierlich bekräftigte der päpstliche Legat die Worte des Königs . Dann verlas der Kanzler Schlick die Bedingungen des Friedens : » Alle Gegner sollen sich vor König und Volk zu christlicher Versöhnung umarmen . Die Gefangenen werden ausgelöst , die noch nicht bezahlten Lösegelder von beiden Seiten erlassen . Was Herzog Ludwig im Kampfe verlor - sechs Städte , achtzehn Burgen , sieben Marktflecken und hundertzweiunddreißig Dörfer - soll im Besitz der siegreichen Gegner bleiben . Alles übrige Land von Bayern-Ingolstadt soll an den König übergeben werden . Herzog Ludwig soll als Fürst ohne Land und Diener dem König nach Ungarn folgen und unter den Augen der Majestät wider Ketzer und Heiden fechten . Als Verweser des fürstenlos gewordenen Landes bestellt die Majestät den Prinzen Ludwig unter Aufsicht des Ingolstädtischen Hofmeisters Brunorio von der Leiter . « Die Augen der Herren suchten bei diesem Spruch den mißgestalteten Knaben , der zum Hüter über die Lande seines Vaters gesetzt wurde . Er war nicht im Saal . Durch den Stimmenlärm , der sich zu erheben begann , schrillten die wütenden Worte des Kaspar Törring : » Ei , wie klug ! Ei , wie klug ! Meine totgeschlagenen Hunde , wenn sie noch lebendig wären , hätten es klüger gemacht . « Herzog Heinrich , dessen Katzenjammer sich zu mildern schien , sagte lachend zu dem Erbitterten : » Mein guter Kaspar ! Es ist von aller Klugheit die beste : Glück haben ! Deine gescheiten Hunde litten unter einem unverständlichen Mißerfolg . « Während Törring allen Zorn seiner ehrlichen Jägerseele über den kleinen Herzog ausschüttete , stand Herr Ludwig stumm und bleich inmitten der erregten Fürsten . Langsam streckte sich sein stolzer Körper . Eine wunderliche Heiterkeit erwachte in seinen heißen Augen . Und plötzlich rief er lachend über alle Köpfe hin : » Ihr lieben Kinder ! Gehabt euch wohl ! « Er wandte sich und verließ den Saal . Drunten auf der Gasse mußte er sich durch ein dickes Gedräng des Volkes wühlen , um sein Quartier , das Haus der Weltenburger auf dem Haidplatz zu erreichen . In der großen , fremden Stube , die er betrat , sprangen ihm die zwei braun und weiß gefleckten Törringer Bracken entgegen und hoben sich unter täppischen Zärtlichkeiten zu seiner Brust hinauf . Mit den Armen umschlang er ihre Köpfe und preßte sie an sich : » Ihr Treuen ! Wir bleiben beisammen . « Er setzte sich auf das Bett . Die Hunde sprangen an seine Seite und schmiegten sich unter seine Arme . So saß Herr Ludwig unbeweglich fast eine Stunde . Unter den