Empfindungen , deren Ursprung in der Zivilisation ruhte , vielleicht hat sie kein kräftiger Mensch , der nicht auch seine Nervenspitzen bis zur Furcht und Artigkeit erzogen hat , und meine Empfindung fragt nicht danach , aus welchem Schoße das Weib stammt , welches mein Auge liebt , mein Arm begehrt . Was taten die alten Völker , wo es an Menschen fehlte ? Hatten sie solche Skrupel ? O nein , selbst die sanftesten nicht . Hat mein Herz nach den Listen und Tabellen der Übervölkerung zu fragen ? Die Griechen brandmarkten nur die Umarmung der eigenen Mutter , jedes Volk hatte seine individuelle Idiosynkrasie , ich , der ich keinem allgemeinen , also auch keinem Volke mich füge und keiner einzelnen Sitte eines solchen , ich empfinde keine Idiosynkrasie , was gehen mich Eure Formeln an ! Und ich glaube Lord Henry denkt ebenso . Morgen machen wir eine Tour zu Pferde durch die Provinz . Später . Gestern vormittag kamen wir an den Ausgang eines Eichenwaldes , die Sonne spaltete den Nebel , ein stattlich Schloß lag auf dem Hügel vor uns , aus der gotischen Bauweise stammend , aber glänzend erhalten , dahinter donnerte die Meeresbrandung . Lord Henry rief einem Reitknecht zu , vorauszujagen und einen Besuch des Lord Roldan zu melden . Dies ist Henrys Name nicht , ich sah ihn fragend an . » Die alte Lady da oben « , sagte er , » haßt meinen Namen und mich , ich höre es gern , wenn ein Todfeind von mir redet , ich sitze einem solchen gern einmal nahe , die Aussicht von der alten Abtei da oben soll entzückend sein , wir reiten eben vorüber , warum sollen wir nicht ein Stück Rindfleisch da oben essen ? Auch soll die Lady eine schöne Tochter haben , man sagt ' s , denn von uns hat sie niemand gesehen , die Alte kommt seit zehn Jahren nicht nach London . « Wir wurden in die große steinerne Halle zu Tisch geführt ; ich denke hier fortwährend Walter Scotts , man sieht durch hohe Bogenfenster weit ins Meer hinaus , seitwärts auf grünes oder waldiges Bergufer . Das Schloß ruht von dieser Seite auf einem Felsen , der senkrecht aus dem Meere aufsteigt , das Wogenbrausen ist eine Tafelmusik des ewigen Elements , dessen Wellen ab und zu gehen zwischen den Erdteilen dieses Planeten . Die alte Lady ist eine hohe , vornehme Frau , höflich wie ein Buch , nicht mehr sprechend , als die strengste Zensur einem Buche erlaubt hätte - sie kam allein , wie wir erwartet hatten ; wir waren sehr artig und bescheiden und sprachen über Walter Scott und dessen Romane . Es ist reizend , wieviel unbefangen romantisches Interesse in diesen Engländern lebt : jede erfundene Person einer Geschichte , jedes Wort , das diese spricht , jede Wendung , welche die Sache nimmt , alles findet hier den freundlichsten Boden , findet und weckt den Reiz einer Geschichte . Wie arm seid Ihr dagegen ! Wo nicht ein Lehrgedanke das Faktum , die Schilderung , die Begebenheit unterstützt oder gar rechtfertigt , da meint Ihr Unnützes zu treiben ; das Törichte nennt Ihr Romanhaftes , darum besitzt Ihr auch den reinen Roman nicht , Ihn seid verdorben für reine , bloße Bilder , die nichts sein wollen und sein sollen als Bilder . Wir wurden eingeladen , länger zu bleiben . Abends zum Tee erschien die Tochter : schlank , fein gefärbt wie der Pfirsich , mit langen Augenlidern und reichem Haare , zurückhaltend , aber naiv , ernsthaft , mit aus der Tiefe durchschlagender Lustigkeit , kalt , aber mit durchfliegenden Spuren tiefster Innigkeit , so ist Miß Anna . Später . Wir sind noch immer hier . Lord Henry , der hier Engländer ist vom Scheitel bis zur Sohle , gefällt der alten Lady sehr , und Anna gefällt uns beiden , dem Lord außerordentlich . Er sieht scheel dazu , daß ich sie gern habe , ich lache seine Lordschaft aus . Später . Hui ! wir haben erfahren , daß noch eine Dame hier ist . Gestern abend bei klarer Luft ließen wir uns auf dem Boote in der Brandung herumwerfen , wir sehen beide scharf wie Falken und entdeckten am Fenster eine schwarz gekleidete Figur , die nicht die Lady , nicht Anna war . Ohne weiteres sagten wir ' s , so harmlos wie möglich , bei unserer Rückkunft der Lady . Sie sagte ja , und des Abends erschien die schwarze Dame . - Henry fuhr vom Sessel auf ; Miß Mary schauerte zusammen , sie ist jene Jugendliebe . Die alte Lady scheint nichts Sicheres bemerkt zu haben bei dieser Szene . Dies schwarz gekleidete Mädchen macht einen wunderbaren Eindruck , sie ist bleich wie Schnee , kaum der Duft roten Blutes schimmert durch diese bleichen Wangen , durch diese weißen Hände . Dunkles Haar und dunkle Augen heben wie der lebendige Grundton eines kühnen Schmerzgesanges die in schwarzen Samt gehüllte Figur . Sie ist kein junges Mädchen mehr , feine Züge des Leids schweben hin und her durch das zarte Antlitz , aber sie erhöhen die vornehme Tragik der ganzen Erscheinung , ich möchte sagen : sie reizen wie das historische Kolorit eines Romans . Du weißt , wie sehr ich die Jugendfrische des Weibes allem späteren Reize vorziehe , welche gefülltes schönes Fleisch gewähren mögen , der Trieb ist mir ein Knabe , der das Wachstum noch vor Augen hat ; die Reife ist der letzte Schritt vor dem Welken , der Herbst ist magisch , des Winters Tod lauert ihm auf der Schulter ; aus des vollen Leibes lockender Haut seh ' ich die Falte lauschen , welche der nächste Erbe ist und nur von Unerfahrenen nicht gesehen wird . Nur die junge Form hat wirklich zeugende Kraft , gesunde Sehnsucht , echten Drang zeugende ; die erfüllte Form hat eine Mattigkeit des Beendeten . Dennoch sehe ich mit einem schönen Gefühle dies wunderbare Weib Miß Mary , ich erkenne , daß ein Zauber dahinter ruht , der so mächtig , vielleicht mächtiger sein kann , als der Zauber junger Sinneswelt , weil eine Atmosphäre darum webt , die etwas haben mag von Kraft des erfahrenen Herzens , von Kraft historischer Welt . Dessen ward ich deutlich inne , aber gefährlich ist sie mir doch nicht - Du würdest vielleicht sagen : Das ist eben dein Mangel . Miß Mary sprach bei jenem ersten Erscheinen sehr wenig , und ihre Stimme wankte wie eine unsicher angeschlagene Harfensaite - Henry , der beherrschte Engländer , konnte nur mühsam den erregten inneren Sturm niederhalten . Später . Die Zeit vergeht , es geschieht äußerst wenig , und doch ist das Wort Langeweile ganz unbekannt , wir sind alle tief und rastlos bewegt , es drängen und murmeln tiefe Meeresströme unter den innersten Räumen unserer Welt , wie sie in der Wirklichkeit unten am Felsenabhange wühlen . Wir sind alle wie im halben Somnambulismus : die Lady ahnt unklar Gefährliches , aber sie weiß nichts und wehrt in keiner Weise , und liebt Henry ; Anna liebt ihn wahrscheinlich auch , und über Miß Mary schweigt alle Sicherheit . Zuweilen sah ich eine plötzliche Röte ins bleiche Antlitz treten , und ich meinte ein Wachtfeuer auflodern zu sehen , das den nahen Todfeind verkündet ; dann fliegt ein Schauer über den zarten Leib , wie eine kalte Luft rasch durch den heißen Mittag fliegt . Das ist ein dämonisches Verhältnis zu Henry : ich glaube , sie liebt ihn nicht , sie würde eher in meinem Arm weich und glücklich werden , so sagt es mir manchmal ein kleiner Strahl , der hinter ihrem Blicke ruht und selten von einem so geübten Auge wie das meine zu erkennen ist , so sagt es mir die elektrische Kraft , welche sich äußert , wenn ihr samtenes Kleid an mich streift , oder gar die schönen Finger wie ein Hauch an mich treffen . Ihre Hand ist wie ein prächtig Trauerlied voll melancholischer Lockung , das in weiße Seide , in köstlichen Stoff gebunden ist , ein wollüstiger Schmerz lockt aus dieser weißen Hand . Weißt Du es nicht , daß die ursprüngliche Neigung Hand und Locke des schamhaften Mädchens treibt , flüchtig wie ein Gedanke aber wirklich den Geliebten zu berühren ? Sie weiß es nicht , unbekannte Mächte tun es . Aber das dämonische Verhältnis zu Henry wird nach außen stärker sein , es schließt die starken Ketten immer fester um sie , sie schauert , aber sie kann sich nicht wehren , die Hände sinken , sie stürzt ihm in die Arme , von dem sie weiß , daß er ihr Verderber . Du wirst es sehen . Und Henry ! Demselben Dämon ist er unterworfen , und ein ebenso schlimmer , der englische Eigensinn , eine Macht über Tod und Möglichkeit hinaus , schließt sich an , und macht das tolle Verhältnis zum Verhängnis . Henry liebt offenbar mit aller sinnlichen Liebesneigung und Glut Miß Anna , er ist bezaubert von ihr , aber er schlägt die Faust darauf , daß es ihn selber zum Äußersten schmerzt , und - strebt nach Mary , durchaus nach Mary . Später . Es ist ganz so , wie ich sagte : er liebt Anna , aber er will Mary besitzen , durchaus , und sollte er sie aus den Wolken reißen . Wir saßen des Morgens an der Fenstertür des großen Saales , vor welcher ein schmaler steinerner Sitz überm Meere hängt und das tief tosende Element gleichsam verhöhnt . Mary sprach mehr als gewöhnlich , das heißt , sie sprach , denn sonst schweigt sie meistens ; das entzückte Anna , denn Anna liebt sie zärtlich , und verheißt in der Leidenschaftlichkeit , womit sie das zuweilen ausdrückt , dem geliebten Manne einen Himmel von Feuer und Hingebung . Sie umarmte Mary mehrmals und war viel lustiger als sonst , die alte , strenge Lady war auch nicht zugegen . Plötzlich stand Lord Roldan auf und führte mich auf die Seite , kühl und trocken also sprechend : » Mein Herr , Sie kokettieren mit den beiden Frauen , die mein sind , mein sein sollen - « » Beide ? « fragte ich lächelnd . » Herr , Sie erlauben sich meiner zu lächeln ? « Item , er forderte wich , und gegen Abend bestieg jeder von uns allein ein Boot , jeder nahm drei wohlgeladene Pistolen mit , jeder überließ sich der stürmischen Brandung . Verabredet war ' s also , daß wir aufeinander schießen wollten , so nahe als jeder imstande sei , mit Welle und Ruder dem Boote des anderen zu kommen . Die Sonne schien klar , aber die See ging hoch , die Wellen warfen uns bald nahe aneinander , bald trennten sie uns weit . Gleichzeitig blitzten die beiden ersten Schüsse , einen Knall hörte im Wogengebrause nur jeder von seinem eigenen Pistol - wer getroffen wurde und des Ruders nicht mächtig blieb , der war unrettbar verloren . Das Meer schleuderte uns auseinander , keiner wußte , ob die Kugel das Ziel gefunden , ich war unverletzt . Es dauerte lange , eh ' wir uns deutlich wieder erblickten , Lord Henry griff nach dem Pistol und zielte wie ich . Die zweiten Schüsse fielen , ich sah , daß Lord Henry das Ruder entglitt und er in den Raum seines Bootes zurücksank , die hochgehende Woge faßte sein Fahrzeug und schleuderte es von dannen . Ich strengte alle Kräfte an , um es zu erreichen , damit er nicht das Opfer seines übermütigen Eigensinnes werde , denn bei aller feindseligen Betroffenheit davon liebe ich diese gewaltsame Natur , und ich setzte mein eigenes Leben daran , um sie nicht dem wilden Elemente als Beute zu lassen . Aber meine Kräfte erschöpften sich , jener Zustand der Schwäche , der mir so verhaßt , ist , trat ein , mein Geist schlug umsonst in den unmächtig werdenden Körper hinein - da beschämten mich die Wellen , sie warfen mir plötzlich Henrys Boot entgegen , ich sprang mit meinem Ruder hinein , und überließ meinen Kahn dem Meere . Lord Henry lag blutend am Boden ; ich band mein Taschentuch um die Wunde und legte ihn so , wie es am wenigsten schmerzhaft zu sein schien . Wir lachten beide auf - um ein Nichts , um eine Kaprice vernichtet der Mensch den anderen ! » Was soll mir aber das Leben , « rief Henry , » wenn ich nicht damit schalten kann , wie es mein wechselnder Wille eben heischt ; wer für das Leben sorgt , der lebt nicht , dem ists eine Bürde ; was ich bewachen muß , das ist nicht mein , und der eingeschränkte Besitz ist nur einer für die Knechte . « Wir waren nun aber weit ins Meer hinausgetrieben , und der Abend fiel dunkel herab , ich arbeitete , daß der Schweiß in Strömen über mich stürzte , die Sterne gingen auf , Henry ward totenstill , die Wunde mußte in der kalten Nachtluft heftig schmerzen , aber er verriet es nicht mit einem Laute . Ich brach zusammen , als ich das Boot endlich aus Ufer geworfen hatte , und es blieb mir doch noch die schwere Last Henrys , den ich bis ans Schloß zu tragen hatte . Er ließ es nicht geschehen , und schleppte sich , auf meine Schulter gestützt , mit eigener Kraft . Die Strenge der Umgangssitten in diesem Lande drückte schwer : Miß Anna verging vor Angst , den leidenden Henry nicht sehen , nicht pflegen zu können . Ich verließ sein Zimmer nicht , einem Machtlosen will ich nichts streitig machen , ich sah Miß Mary mit keinem Auge ; wir sprachen viel , sehr viel , besonders über die Schwäche der Menschen . Als er soweit wiederhergestellt war , um im Zimmer umherzugehen , ging ich zum ersten Male von ihm , um in freier , rascher Bewegung Luft zu schöpfen , ich ließ ein Pferd satteln und jagte umher bis tief in den Abend hinein . Das hatte die wildeste Eifersucht von neuem in ihm erweckt : sein Gedanke war , ich könnte bei Miß Mary sein , er ergreift eine Waffe und eilt nach den Zimmern der Meerseite , wo die Mädchen wohnen , er dringt unbemerkt bis an ihre Gemächer , er hört Anna und Mary sprechen ; sie sind allein ; beruhigt schleicht er zurück in den Saal , da hört er vom andern Eingange desselben die Lady kommen . Um keinen Preis der Welt will er gesehen sein ; die Tür nach den Zimmern der Mädchen hin ist noch offen , der Verdacht , die Indiskretion , dieser ganze Sittenbruch , ein Engländer empfindet ihn wie eine Todsünde . Aber es ist kein Ausweg übrig als durch die große Fenstertür nach dem Meere , sie ist einige Ellen hoch von bergendem Holze , hinter welchem man sich niederkauern kann auf der schmalen Steinplatte , die draußen über dem Meere hängt ; die Nacht ist dunkel . Er ergreift hastig diesen Ausweg und zieht die Türe leise an sich , ohne sie ins Schloß zu werfen , denn wenn dies letztere geschieht , so ist er ausgesperrt , sie ist nur vom Saale aus zu öffnen . In dem peinlichen Momente , wo die Lady mit einem leuchtenden Diener den Saal entlang kommt , bemerkt er kaum die entsetzliche Situation , auf schmalem Raume , ohne Anhalt dicht über dem tiefen Abgrunde zu sein . Die Lady kommt bis an die Tür , schilt den Diener , daß man das oft Gebotene nicht beachte , hat die Tür nicht geschlossen sei , und drückt sie fest ins Schloß - der Rückweg ist ihm abgeschnitten . Die Lady geht in das Nebenzimmer , von neuem scheltend , daß auch dorthin die Tür offen sei ; der Diener beteuert , es sei niemand dagewesen . Das Nebenzimmer ist der Lady Schlafgemach , die Kammerfrau kommt , um die Herrin zu entkleiden , also auch die Hoffnung schwindet , ein Fenster der Tür einzubrechen und dadurch den Rückzug zu gewinnen : das Geräusch würde die Lady wecken ; mit Entsetzen wird er inne , daß auch die Kammerfrau in der Nähe schläft . Die Lady dürfte im äußersten Falle das Mißliche erfahren , niemals aber eine Dienerin . Es wird still im Schlosse , die Lichter verlöschen , aber dem reichen , stolzen Lord ergeht es hart : Wind und Regen machen sich auf vom Meere , sie überfallen ihn , der sich vor Frost kaum noch erhält . Unbeweglich muß er stehen - denn jetzt hat er sich wenigstens aufgerichtet - ein fester Anhalt ist nirgends , wie immer zieht die Gefahr wie eine Sirene , der ganze Körper will im wüsten Schwindel nach dem Abgrunde zu , er kommt aus dem Krankenzimmer und ist mit Leichtigkeit von Nachtluft , Regen und unbequemer Stellung vernichtet . - Er entschließt sich , lieber selbst hinabzuspringen : der stolze freche Lord , der sonst die dicksten Taue des Menschenverkehrs ohne weiteres zerreißt , er ist von diesem Spinnwebfaden der Ehrensitte dergestalt umrankt , daß er eher sich , als einen Schatten Anstand seiner Wirtin opfern will . Dies sind Geheimnisse spezieller Zivilisation . Ich kam spät nach Hause , und weil ich kein Licht in Henrys Zimmer sah , so meinte ich , er sei zu Bett ; es war mir willkommen , nun einmal nach mancher gestörten Nacht fest schlafen zu können , ich verriegle die Tür meines Gemachs und liege bald im tiefsten Schlummer . Henrys Reitknecht sagte mir am andern Morgen , er habe umsonst gepocht und gelärmt an meiner Türe , da er seinen Herrn vermißt und bei mir Rat gewollt habe . Ich erinnere mich nur , einen Augenblick erwacht zu sein und mich beglückwünscht zu haben , daß ich bei dem Sturm und Regen , der an die Fenster schlug , im Trockenen und Sicheren sei . Die Lust am Leben , welche allen Geschöpfen innewohnt und welche die größten Empfindungen gemacht hat , trieb Lord Henry endlich auch zu einem Entschlusse und Versuche - das Pistol , welches er von seinem Zimmer mitgenommen , lag neben ihm auf der Steinplatte , er unternahm noch einmal das Gefährliche , sich zu bücken , und mit erstarrter Hand danach zu greifen . Es gelang , und er zielte nun mitten ins Schloß der Tür hinein , um sie aufzusprengen , und mit einem tüchtigen Rucke in den Saal , und von dort rasch , ehe jemand in den Weg treten könne , auf den Gang , nach seinem Zimmer zu kommen . Der Schuß versagte - Henry zwang seinen Sinn vor sich selbst zur Ruhe , zum Gleichmut , zog das Gewehr noch einmal langsam auf , drückte noch einmal ab , es knallte und krachte ; es gelang . Natürlich geriet da oben alles in Bewegung , man stürzte hinzu , man fand das Unerklärliche , man mutmaßte nach allen Richtungen - Henry , um alledem eine andere Wendung zu geben , warb am nächsten Morgen um die Hand der Miß Anna , entdeckte der Lady seinen wahren Namen . Bestürzt und erfreut trieb sie zur augenblicklichen Reise nach London , damit dort die Hochzeit gehalten würde . Bestürzt war sie um Marys willen , die einst just vor Henry zu ihr gerettet worden war , erfreut war sie , weil Anna in glühender Liebe für den Lord brannte , weil ihr selbst der Schwiegersohn wohlgefiel . Es war noch nicht Mittag , da fuhren wir alle gen London , ich mußte Harrys Bitten weichen , ich mußte mit ; denn Mary blieb zurück , weder er noch ich hatte sie wieder gesehen . Später . Seit der Zeit sind Wochen vergangen , das Ehepaar schwelgt in den Flitterwochen , ich konnte das charaktervolle Bild Marys nicht vergessen und ihre verzauberte Einsamkeit auf der Abtei ; in einer Stunde des Gedankens daran warf ich mich aufs Pferd und ritt Tag und Nacht , hinaus nach dem Felsenschlosse . Jm Walde vor dem Hügel ließ ich das Pferd meinem Burschen , und eilte hinauf , niemand begegnete mir , ich kam in den Saal , Mary saß am Fenster und schaute ins Meer hinaus ; das dunkle Haar hing aufgelöst über den bloßen Nacken und das schwarze Samtkleid herab , sie glich einer Balladenkönigin , und hob staunenden Rufs ihre Arme , da sie mich sah . Das Kleid war schwarz , der Leib war weiß , Die Hand war kalt , das Herz war heiß ; Sie wehrte , rang und küßte - Es gibt Dämonen , die ihre Krallen tief herein strecken in die Welt , glaub ' mir ' s. Sie schüttelten dies Weib selbst in meinen Armen , sie gönnten ihr keine Ruhe , kein Glück , in den Träumen rang sie mit Henry . Und diesem erging es ebenso : von der Seite des liebenden und geliebten Weibes ward er zur Nachtzeit getrieben , und er flog nach der Abtei , und als ich nach einem Jagdausfluge von zwei Tagen zurückkehrte , da stand Mary hinter der offenen Fenstertür des Saales , auf der Steinschwelle , die über dem Meere hängt , ihr Samtkleid hing zerrissen an der einen Schulter , das Haar flog aufgelöst im Winde , sie sang Liederverse Opheliens , und mich kannte sie nicht mehr . Es war grausig , und ich entfloh zum zweiten Male . Lord Henry ist nicht wieder gesehen worden in Altengland . Ich habe sonst ein fatumhartes Wesen , ich kann arge Dinge sehen , wie sie die Menschen Unglück nennen , und sehr unbefangen dabei bleiben ; für mich hat die Welt starke Nerven , weil sie ihr meiner Meinung nach notwendig sind . Wir sind wie Tiere in den Wald gesetzt und haben uns unserer Haut zu wehren . Aber es schauerte mich , als ich am Eingange des Eichenwaldes mich noch einmal umwendete , und die verödete Abtei da oben sah , das zürnende Meer dahinter hörte . Wie lag sie damals sonnenfröhlich da ! Wir haben unsern Fuß hineingesetzt , und der Dämon ist auf unsern Schultern gekommen - jetzt ist sie verwüstet . Ich muß der Welt nicht mehr Gesicht zu Gesicht gegenüberstehen , denn wo ich hinblicke , richt ' ich Unglück an , oder helfe es anrichten . Und wo kein Glück mehr ist , da ist der Tod , Glück ist eben das richtige Verhältnis . Ich hab ' s verloren - pah ! ich muß doch weiter . Mit welcher Mühe entrinn ' ich der alten Lady , der verzweifelnden , über ungewisse Verlassenheit hinstarrenden Anna ! So jung , so rot , so lebenswarm , so vertrauend , so hingebend , so schön , so gut , so lieb und so vernichtet ! Wenn ' s mich rührt , Valerius , wie muß es sein ! Geht ' s nicht auch mit mir zu Ende ? Ich erschrecke , ich fliehe , ich bedauere - wie will das in mein Leben passen ? Sie verfolgen mich , diese unglücklichen Weiber , ich soll ihnen Auskunft geben , oder mit ihnen nach Auskunft suchen über Lord Henry . Die stolzen , schweigsamen Ladys , diese schwarz gebundenen Velinbücher , welche die Sitte mit goldenen Spangen verschließt , mit nördlichem Reife behaucht , und in denen morgenländisch glühende Märchen ruhen , sie betrachten mich kalt und scheu und neugierig . Diese Vereinigung im Blicke ist echt englisch . Um solcher Welt der Untersuchung zu entgehen , schließ ' ich mich an die Genossen tollen Lebens , ich brauche eine kräftigere Bewegung , als sie das Nachdenken über unabänderlich Geschehenes bietet - manche Nacht sprangen wir durch die gaslichten Straßen hinaus in die Nacht , um ein Landhaus zu besuchen , wo eine fröhliche Wirtschaft gedeiht . Mädchen aus Afrika , Bajaderen aus Ostindien , verschlossene Amerikanerinnen , verschleierte Ladys , verlarvte Kinder begegnen uns dort , Prinz Heinz hat reizloser liederlich gelebt . Es ist ein Mädchen dort , von allen die Perle genannt , die mich wunderbar fesselt , obwohl sie mir niemals ihr Antlitz zeigt ; sie kleidet sich frei und prächtig wie eine Indierin , sie tanzt mit dem Tamburin zum Entzücken , alle übrigen haben ihr Antlitz gesehen und nennen sie schön zum Erstaunen , alle übrigen haben mit ihr geredet und finden sie liebenswürdig zum Berauschen - mir nur zeigt sie ihr Antlitz nicht , mir nur gönnt sie kein Wort ; aber sie sucht mich , sie hört mich , sie verständigt sich mir durch die reizendste Pantomime . Perle , du reizest mich zum Äußersten , erhöre mich auch , erfülle den Reiz ! Sie schüttelt mit dem Kopfe . Ich jagte heut allein hinaus und fand » die Perle « in einem mystisch beleuchteten Zimmer , wie es die deutschen Romanschreiber gern für Liebesabenteuer schildern . Umsonst drohte ich , bat ich , flehte ich sie , den verhüllenden Schleier vom Gesicht zu ziehen , ein Wort zu sprechen , umsonst . Aber übrigens war sie sanft , war sie hingebend , wiegte mich in süße Verlangnisse , überschüttete jene Neugier mit Wollust . Als ich darein verloren war und sie verloren glaubte , raffte ich mich auf und riß ihr den Schleier vom Haupte - wen erblickt ' ich und was erfuhr ich ! Nur ein Moment blieb mir Freiheit , Margaritens schönes , aber tödlich drohendes Antlitz zu sehen , im nächsten Augenblicke hatte ich mit aller Anstrengung um mein Leben zu kämpfen . Sie hatte behend wie eine Schlange den leichten Schal ihres Halses um meinen Nacken geschürzt , sie schnürte ihn mit aller Kraft zusammen , um mich zu erdrosseln - es war ein Ringen um Leben und Tod mit einem starken , wütenden Mädchen . Als ich sie mühsam überwältigt und nach Luft geschöpft hatte , lag sie zitternd am Boden , zitternd von der gewaltsamen Anstrengung und vor Wut - » Du hast mich zur Bajadere gemacht , « sagte sie halb erstickter Stimme , » mache mich auch zur Leiche , oder ich werde dich verfolgen , bis ich dich erwürgt habe . « Ich eilte von dannen . Dies schreib ' ich auf einem amerikanischen Schiffe , das auf Wind harrt , um die Anker , zu lichten . Am Strande , von wo ich ins Boot sprang , sah ich von neuem Margarita , sie war es sicherlich , obwohl ein dichter Mantel und Schleier sie verhüllten , wer könnte sonst die Worte sprechen , die ich deutlich bis auf die kleinste Silbe vernahm : » Wo du auch hingehst , meine Rache wird neben dir sein . « Versuch ' s , rachlustig Mädchen , durch den Ozean zu schwimmen . Leb ' wohl , sanfter Deutscher ! 13. Valerius an Hippolyt . Unsere Naturen schieden sich für immer : Du gibst auf eine grob sinnliche Weise so ganz und gar jedem Gelüste fraglos nach , daß Dir am Ende gar kein Unterschied mehr übrig bleibt von dem bloß Animalischen . Wenn die Bildung nicht eine gemeinschaftliche Natur wird mit dem , was Sinn und Körper heischt und was der einschränkende und ordnende Geist zuläßt oder gebietet , wenn sich nicht eine Ehe geordneter Art zwischen Leib und Seele bewerkstelligen läßt , dann hinaus mit dem Menschen unter die Tiere des Waldes oder der Wüste , er überhebt sich ihrer in keiner andern Weise , als daß seine Sinne vielleicht noch raffinieren . Möge hie und da ein einzelner Mensch Deiner Gattung übrig bleiben , wie man für Wissenschaft und Kunst eine Urpflanze , ein Urgeschöpf aufbewahrt , um stets ein echtes Bild vor sich zu haben , wonach die Ausbildung geregelt werde ; möge einem Geiste wie dem meinigen noch oft eine Erquickung , ein Spekulationswecker aufstehen in einem Menschen wie Du , in einem teilnahmsvollen Verhältnisse , wie zwischen uns - aber die zivilisierte Welt muß Dich vernichten , wie ganze Gegenden ausziehen , um einen Wolf zu erlegen . Fahre wohl ! Ich werde Deiner gedenken , und zwar mit einer Liebe , wie ich sie vielleicht allein auf der Welt für Dich haben kann , weil ich allein Deine innerlichste Menschenbedeutung erkenne . Wundere Dich nicht , beklage Dich nicht ! Wer keine Beschränkung duldet , der duldet auch keine Liebe ; Du vereinsamst Dich für Deine Lust , und so wirst Du auch vereinsamt und vogelfrei für jeden Schützen , der auf Dich zielen will , so vereinsamst Du Dich auch zum Tode . Fahre wohl ! Ich sehe Dich einsam erschlagen am Meeresstrande eines fernen Weltteils liegen ; Deine zornige Seele ringt sich mühevoll vom starken , widerspenstigen Leibe und stürzt drohend ins All hinaus , um ihre Verbindung mit der Gottheit zu suchen , ihre unmittelbare Verbindung . Armer Hippolytos ! Das ist eben der tragische Mensch , daß er nur mittelbar der Gottheit sich bemächtigen kann , und es ist wenig Aussicht vorhanden , daß die Unmittelbarkeit gleich nach diesem Leben eintreten werde ! Armer Hippolytos ! Jawohl , jawohl , wir haben uns einst alle erhoben für die Freiheit , aber die Freiheit für Zivilisierte ist nur ein freies Gesetz ; ja wohl haben wir uns erhoben für den wahrhaften , echten Verkehr zwischen den Geschlechtern und gegen die lügenhafte Ehe , aber nur gegen die lügenhafte ; wo in Wahrheit zwei Wesen in eines aufgehen , da ist eine Erfüllung des Menschentums gewonnen . Was mir eine Geliebte zurief , das bezeichnet für mich den wahren Standpunkt , sie sagte , den verehelichten Personen gelte der Kampf , nicht der Ehe . Haltet die Ehe