, mir in das Haus zu fallen . Er nahm an , daß ich stets wisse , was er in Gedanken hatte . » Wen ? « fragte ich . » Dilke . « » Ah ! Gesehen ? Wo ? Etwa hier ? « » Ja , hier . « » Wann ? « » Unterwegs . Weißt du , der Weg geht von unten an immer herüber und hinüber , bis man oben angekommen ist . Wenn man zum dritten Mal herüberkommt , da stehen vier oder fünf dichte Bäume , die auf arabisch jedenfalls anders heißen als chinesisch ; darum weiß ich beides nicht . Hinter diesen Bäumen saß Einer , den man nicht sehen sollte und der uns beobachtete . « » Und du denkst , daß es Dilke war ? « » Ja . « » Hast du ihn an irgend etwas erkannt ? « » Am Hut . Ich hätte es dir sogleich gesagt ; aber es waren zu viel Reiter zwischen mir und dir , und er sollte doch auch nicht bemerken , daß ich ihn gesehen hatte . Darum komme ich jetzt , um es dir zu sagen . « » Hm ! Es ist möglich , daß du dich nicht irrst , Omar . Willst du mir den Gefallen tun , aufzupassen ? « » Natürlich sehr gern , Sihdi ! Ich habe sogar schon daran gedacht , wie ich das mache . Ich schleiche mich nämlich wieder hinunter , aber bloß so weit , bis man zum vierten Male von unten herauf herüberkommt . Dort stehen noch mehr Bäume , die ich gar nicht kenne , und ich kann mich da also so gut verstecken , daß kein Mensch mich sieht . Wenn er dann kommt , so schleiche ich mich hinterher und melde es dir . « Das war eigentlich nicht sehr pfiffig ausgedacht ; aber soeben kam Tsi , der , wie es schien , es sehr eilig hatte , und so befahl ich dem Sejjid , daß er sich genau so verhalten solle , wie er es mir soeben vorgeschlagen habe . Als er hinaus war , sprach Tsi : » Sir , ich habe Euch in aller Schnelligkeit dreierlei zu sagen , wovon das Eine immer wichtiger als das Andere ist ! « » Nun , was ? « fragte ich , durch diese Einleitung wißbegierig gemacht . » Ich weiß nicht , ob Ihr wißt , daß die Mutter und der Oheim unserer Yin nach Peking an den Kaiserhof berufen worden sind , um dort über unsere Shen befragt zu werden . Sie sind mit den vortrefflichsten Botschaften ausgestattet worden und haben sich beeilt , noch heut hier einzutreffen , um sie uns an dem Fest-und Ehrentag der Menschlichkeit zu überbringen . Das ist das Eine . « » Wird man die Beiden heut noch sehen ? « erkundigte ich mich . » Ja ; doch später ; beim letzten Tee , nicht gleich beim Abendmahle . Sodann : Bitte , schaut mich an , ob ich vielleicht erröte ! « » Ich sehe nichts , gratuliere aber doch , und zwar von ganzem , ganzem Herzen ! « » Gratulieren ? Wieso ? « » Nun zur Verlobung ! « Da errötete er nun doch , schlug die Hände zusammen und rief : » Erraten , wirklich erraten ! Wie ist das möglich ? « » Hm ! Es wäre sogar eine große Kunst gewesen , es nicht zu erraten ! Sie erwarten doch nicht , daß ich viel schöne Worte sage , lieber Freund ; Sie wissen , wie gut ich es meine ! « » Still , still ! Je stiller Andere sind , desto lauter möchte ich jubeln . So ein Glück , so ein Glück ! Da ich nun endlich weiß , wer Sie sind , so weiß ich auch , daß Sie mich verstehen . Millionen haben keine Ahnung davon , was es heißt , daß in der Ehe Geist und Seele sich vereinen sollen , um Geist und Seele zu befreien ! Es war Alles so schön , so rein , so eigentümlich seltsam heut . Es kam im Sonnenglanz , wie aus der höchsten Sternenwelt hernieder , jede Silbe , jedes Wort , und auch Alles , was geschah ! Waller deklamierte Ihr ganzes Gedicht . Er kann sich nicht von ihm trennen . Es ist für ihn die Fahrt , die Leiter , mit deren Hilfe er sich aus dem Irrtum an die Wahrheit rettete . Noch ist er nicht ganz frei , doch hoffe ich , bis zur völligen Gesundung Alles fernhalten zu können , was ihn zurückzuwerfen vermöchte . Er sprach so viel von Ihnen , den er nun nicht nur achtet , sondern auch liebt . Dann fragte er , ob ein Geistlicher hier sei , und ich mußte ihm den Reverend Heartman holen . Wie dieser Mann auf ihn wirkte , kann ich kaum beschreiben . Diese innere und äußere Aehnlichkeit mit dem malajischen Priester brachte erst Schreck , dann Staunen und endlich ruhige Freude . Das Gespräch kam auch wieder auf das Paradies , und Waller bat , es sehen zu dürfen . Fang hatte nichts dagegen . So brachten wir ihn hinunter in die Halle , wo er sich noch befindet . Er sagt , er fühle sich ganz eigenartig wohl und könne sich von dem Anblick Christi nicht trennen , wie Yin ihn aufgefaßt und dargestellt habe . « Er sprach sehr schnell , ganz gegen seine sonstige Gewohnheit . Bald deutsch , bald englisch oder chinesisch . Das war das Glück ! Indem er zum zweiten Male errötete , fuhr er fort : » Er war so glücklich , so froh , so hoffnungsvoll , so lieb ! Vor uns das ergreifende Bild vom Paradiese ! Dieser Erlöser ! Diese Shen ! Und da begann er , zu uns zu sprechen , in gesenktem Tone , ruhig , warm , wenn auch noch nicht ganz klar . Es war zum Herzbrechen , und doch so gut , so gut . Wir weinten , erst Mary , dann auch ich , endlich alle drei . Wie kam es doch ? Wir sanken uns in die Arme . Er küßte erst sie , dann mich , und gab uns seinen Segen . Hierauf schloß er die Augen , lächelte wie ein Seliger und schlief ein - - - im Paradiese ! Durften wir ihn stören ? Nein . Er liegt noch dort ! Fang und Mary sind bei ihm . Ich aber wurde abberufen , geholt . Es sei Jemand da , der mich sprechen wolle . Könnt Ihr erraten , wer es war ? « » Robert Waller , genannt Dilke ? « » Ja , dieser . Und das ist das Dritte , was ich Euch zu sagen habe . Ich mußte ihn abweisen , natürlich ! Dieser Mann ist im höchsten Grade gefährlich ; er darf um keinen Preis mit seinem Onkel zusammen ! Ich war sehr kurz mit ihm , konnte ihn also nicht prüfen ; aber mir scheint , er gehöre in die Beobachtungsstation eines Irrenhauses . Habt Ihr den Sejjid gefragt ? « » Ja ; ich erfuhr Folgendes . « Ich erzählte ihm , was wir heut früh im Einkehrhause von Omar erfahren hatten . Da nickte er sehr ernst und sagte : » Also wirklich - - - ! Der Letzte seines Stammes - - - die Quersumme seiner Ahnen - - - ! Drücken wir es einstweilen in dieser Weise aus ; es ist aber noch viel anders ! Wißt Ihr , wovor wir stehen ? Vor einem geistigen Geburts- und einem geistigen Todesfalle . Sorgen wir dafür , daß die Geburt nicht auch eine Leiche ergibt ! « Das , was er mit diesen Worten meinte , war mir keineswegs unverständlich ; darum warnte ich ihn vor Dilke , der noch anwesend sei , aber von dem Sejjid beobachtet werde . » Beobachtet ? Nur beobachtet ? Das genügt mir nicht ! « erklärte er . » Ich werde sofort das Nötige selbst veranstalten . Bitte , habt die Güte , an meiner Stelle nach dem Paradiese zu gehen und Fang zu veranlassen , daß Waller entfernt werde , aber so leise , daß er nicht erwacht . Der Ho-Schang hat gebeten , es mit seinen Priestern noch vor dem Abendessen sehen zu dürfen . « Er ging , um seine Absicht auszuführen , und ich begab mich nach dem Gemäldesaal , den ich von einigen Bogenlampen erleuchtet fand , fast mehr als tageshell . Waller schlief nicht mehr ; er war soeben aufgewacht . Fang war nicht da ; er hatte sich entfernt , und ich konnte mich meines Auftrages an ihn also nicht entledigen . Wie lieb der Kranke mich empfing ! Ich mußte mich zu ihm setzen und ihm meine Hand geben . Er hielt sie lange , lange fest , ohne etwas zu sagen . Endlich mußte ich aber doch das Schweigen brechen und den Beiden sagen , daß Leute kommen würden , und wer sie seien . » Ein Ho-Schang ? « fragte er . » Mit seinen Unterpriestern ? Also Heiden - - - Heiden ! « » Darf ich dich nach deinem Zimmer tragen lassen , Vater ? « fragte Mary . » Nein , « antwortete er . » Ich bleibe ! Diese Heiden sollen mich hier auf meinem Posten finden ! Ich kenne meine Pflicht ! « » Um Gottes willen ! « rief sie erschrocken aus . » Vater , laß dich erbitten , mir - - - « » Sei still , mein Kind ; sei ruhig ! « unterbrach er sie . » Du hast nichts zu befürchten . Und wenn du glaubst , ich sei meiner Sache nicht gewiß , so erinnere mich nur schnell an deine Mutter ! Das , was sie mir auf Erden war , werde mir zum guten Geiste , der mich schützt ! « Da kam Fang wieder . Er hatte nichts dagegen , daß Waller blieb . Und wenn ich die hellen Augen und das stille , glückliche Lächeln des Patienten sah , dachte auch ich , keine Sorge haben zu dürfen . Er lag , halb aufrecht sitzend , in einem leichten Feldbette , unter prächtigen , seidenen Decken . Die Vorhänge waren von beiden Bildern weggezogen . Jetzt aber erschien ein Diener , welcher sie wieder vor sie zog , weil die Herrschaften in einigen Augenblicken erscheinen würden , sagte er . Und so war es allerdings . Es dauerte nicht lange , so traten sie herein , sie alle , alle , von Fu und John , den beiden Höchsten , an , bis herunter auf die letzten » Spitzen der hiesigen Gesellschaft « . Yin ging heut nicht nach hinten , um , wie bei mir , die Saiten erklingen zu lassen . Sie hatte andere Pflichten , die eine Chinesin sonst nicht zu haben pflegt ; nämlich man höre und staune : die » Pflichten der Repräsentation « ! Ich beeilte mich , Tsi mitzuteilen , warum Waller sich noch hier befand , und erfuhr sodann von ihm , daß weder der Sejjid noch Dilka zu finden gewesen seien . Das berunruhigte mich , doch war jetzt nichts zu machen . Ich setzte mich da , wo ich bisher gewesen war , nämlich an der Seite Wallers , wieder nieder . Dieser raunte mir zu : » Der Reverend hat mir die Sage auch erzählt , die er wahrscheinlich jetzt nun vorzutragen hat , vom Lande Ti und für das erste Bild . Für das zweite möchte dann ich Etwas sagen . Bitte , sorgt dafür , daß man mich höre ! Leider , leider spreche ich nur schlecht chinesisch , der beste Beweis , daß ich verrückt gewesen bin ; aber wenn ich langsam sprechen darf und nicht in Müdigkeit versinke , so wird es mir vielleicht gelingen , trotzdem verstanden zu werden . « Man war so rücksichtsvoll , den Kranken nicht zu belästigen ; es war , als ob er nicht vorhanden sei . Er hatte ganz richtig vermutet : Pfarrer Heartman erzählte als Einleitungsrede die Sage aus dem Lande Ti - ich bitte , sie nochmals durchzulesen - und gab sodann das Bild der einen Seite frei , die Darstellung des Sündenfalles , der Vertreibung des Menschengeistes und aller seiner Untertanen aus dem Paradiese . Es war still , man sagt » kirchenstill « , im ganzen , großen Raume . Niemand sprach ein Wort , kein Einziger ; aber man sah diesen buddhistischen Priestern allen an , wie tief , wie außerordentlich tief sie von der gewaltigen Predigt ergriffen wurden , die sie hier nicht hörten , sondern sahen . Und ebenso groß war die Wirkung auf die übrigen Chinesen . Einen der Untergebenen des Ho-Schang hatte die unwiderstehliche Kraft dieser Kunst derart gepackt , daß er am ganzen Körper zitterte und es aber doch nicht vermochte , die Augen von dem Bilde abzuwenden . Während ich den aus dem Paradiese stürzenden Figuren mit meinem Blicke folgte , bis sie ganz draußen in der scheinbaren Ferne im schmutzig dichten Violett verschwanden , gewahrte ich , daß sich da hinten , zwischen den Bäumen der Orangerie , Etwas bewegte . Es gab jedenfalls einen Menschen dort , der aber so hinter den Zweigen stand , daß sein Körper nicht zu sehen war . Vielleicht waren es auch zwei . Ich dachte sogleich an Dilke , wies aber diesen Gedanken gleich wieder zurück . Warum sollte es grad dieser Mensch sein und nicht , was doch im höchsten Grade wahrscheinlich war , Jemand aus der Dienerschaft ! Jetzt ging der Reverend nach der Leitung , um auch das zweite Bild von dem Vorhange zu befreien . Waller bemerkte das . Er richtete sich schnell gerader auf und begann zu sprechen . Natürlich schauten alle Anwesenden sofort zu ihm her . Die Worte kamen ihm langsam , laut und vernehmlich , doch mit hörbarer Anstrengung von den Lippen . Man bemerkte deutlich , daß er zuweilen nach dem richtigen Ausdruck suchte : » Und in demselben Lande Ti , doch unten in der Hölle , wo alle Menschen Teufel sind , konnte man noch eine andere Sage hören . Auch sie war viele tausend Jahre alt und lautete folgendermaßen : Als der Menschengeist aus dem Paradies gestoßen worden war , begann er , zu erkennen , wie töricht er gehandelt hatte . Er klagte sich an und jammerte , doch immer so , daß es kein Teufel hörte . Da trat die Shen im Traume zu ihm hin und sprach : Die Reue ist der Engel der Gestürzten ; er führt mich her zu dir . Einst kommt der Herr , mich wieder aufzuwecken und Euch ins Paradies zurückzuführen . Dann seid Ihr wieder Menschen , doch nicht schon Selige . Das Paradies der Erde ist nicht das Himmelreich des Welterlösers , doch hat das Letztere zum Ersteren zu kommen . Wann wird das sein ? Sie schwieg für einen Augenblick , erhob das Auge wie in weite Ferne und fuhr dann fort : Wenn einst die Macht der » Menschlichkeit « im Herzen aller Welt so groß , so stark geworden ist , daß ein Christenpriester einen Heidenpriester segnen darf , ohne darob selbst verflucht zu werden , dann ist die Stunde da , in der das Paradies zum Himmelreiche wird , zum Reiche Gottes hier auf dieser Erde ! So sprach die Shen . Nun nehmt den Vorhang weg ! Ihr sollt nicht nur das Paradies , nein , auch den Himmel sehen ; denn jene ferne Stunde , von welcher meine Sage sprach , ist keine andere als die jetzige ! « Welch eine Lautlosigkeit im Saale jetzt ! Nur von hinten her klang es wie ein Räuspern . Ich schaute hin . Da stand der Sejjid , hinter Pflanzen , und zwar so , als ob er von irgend Jemand nicht gesehen sein wolle . Er hatte sich aber dennoch geräuspert , um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken . Er bemerkte , daß ich zu ihm herschaute . Da deutete er nach der Seite und hob den Finger , um mich zu bitten , aufmerksam zu sein . Natürlich wußte ich sogleich , woran ich war ; Dilke hatte sich viel eher in das Castle geschlichen , als wir vermutet hatten , und der Sejjid war ihm so heimlich gefolgt , daß weder der Eine noch der Andere von irgend Jemand gesehen worden war . Dem Ersteren kam es darauf an , seinen Oheim zu entdecken . Er kam an der offenstehenden , hintern Tür des Gemäldesaales vorüber , schaute herein und sah ihn da sitzen , sogar mit seiner Tochter , der Cousine . Da schlich er sich im Schutze der Orangerie herein , um zu erfahren , was es hier gebe . Hinter ihm war der Sejjid hereingekommen , sehr leise , von ihm unbeachtet . Sie beide waren es , die ich schon vorhin bemerkt hatte , ohne zu wissen , wer sie seien . Während ich diese Bemerkungen machte , ließ der Reverend den Vorhang sich von dem zweiten Gemälde entfernen , und Waller rief , sich an die Gruppe der Budhisten wendend , dem Oberpriester zu : » Komm her zu mir , Ho-Schang ! Ich sage dir , daß ich ein Priester bin . Heut soll das Zeichen in Erfüllung gehen , das unsere Shen dem Menschengeiste sagte : Ich will dich segnen , ich , der Christ , den Heiden ! Auf diesem Bilde hier ist nur der Weg zum Paradies zu sehen ; ich aber zeige Euch das Himmelreich , das höher steht , als alle Erdenparadiese . Ich wiederhole es : Komm her zu mir , Ho-Schang , daß ich dich segne ! « Der Angeredete kam auch wirklich näher , Schritt um Schritt , fast wie im Traume ; denn was er hier sah und was er hier hörte , das war , als ob es irgendwo anders geschähe , nicht hier in diesem Leben . » Ich bin bereits gesegnet , « sagte er . » Von wem ? « fragte Waller . » Von Heartman , dem Reverend , vorhin , als er uns unten am Flammenbild der Shen begrüßte . Da segnete er mich wohl mehr als zu dreien Malen ! « » Also war das Himmelreich schon da , schon hier , noch ehe ich es wußte , und es ist mir darum leicht begreiflich , daß ich nun plötzlich benedeien will , wo ich , der frühere Eiferer , nur maledeien konnte . Doch immer komm ! Ich segne dich trotzdem , nicht um etwas zu erfüllen , was schon erfüllt worden ist , sondern wegen - - - meiner selbst ! « Schon streckte er seine beiden Hände aus , da erklang von hinten her eine laute , zornige Stimme : » Halt ein , Abtrünniger ! Du willst segnen , wo Elias einst ohne alle Gnade schlachtete ! Bist du toll - - - ? Verrückt geworden - - - ? Apostat - - - ? Dann gehst du ein zur Hölle - - - unbedingt ! « Es war Dilke . Er schritt heran , hoch aufgerichtet , stolz , den Kopf im Nacken , mit zusammengekniffenen Lippen und funkelnden Drohaugen , wie Einer , der sich naht , um schreckliches Gericht zu halten ! Ohne daß er es merkte , folgte ihm der Sejjid , der ihn nicht aus dem Auge ließ , um bei vorkommender Ursache schnell bei der Hand zu sein . Wie sah dieser Dilke aus ! Genau wie das verkörperte Gegenteil von seinen hochtrabenden Worten ! Er kam nicht ganz heran . Wohl über zehn Schritte von Waller entfernt , blieb er stehen und sagte , indem er eine verächtliche , wegwerfende Handbewegung machte : » Da liegt es nun , das ganze , ganze Christentum der Wallerschen Familie ! Eine Schande für Alle , die sich die Mühe gaben , es zu errichten , und dann im Stolz auf dies ihr Werk als Heilige sich in die Grube legten ! Ich schaue hin und schäme mich des Namens , den ich trage . Dieses Angesicht , das hier vor mir - - - mir - - - mir - - - « Das Wort erstarb ihm auf den Lippen , langsam , immer schwächer werdend . Von dem Hintergrunde des Saales aus hatte er seinen Oheim nur von Weitem gesehen . Jetzt richtete er sein Auge aus der Nähe auf ihn , und da war es , als ob ihm bei diesem Anblicke die Sprache verloren gehen wolle und mit ihr noch vieles , vieles Andere . Sein Gesicht veränderte sich . Seine Augen wurden starr . Sein Mund öffnete sich , wie bei Jemand , der im Ohre taub ist und doch etwas hören will . Seine Hände fielen nach unten und spreizten die Finger aus - - - aber ich konnte ihn nicht weiter beobachten , weil nun Waller meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm . Tsi und Fang , die beiden Aerzte , waren sofort zu ihrem Patienten herangetreten , als sie erkannten , daß ihm jetzt nun die befürchtete innere Aufregung nicht mehr erspart werden könne . Warum sahen sie beide so streng , fast wie unerbittlich aus ? Warum hielt besonders Tsi beide Fäuste geballt ? So entschlossen sieht nur Derjenige aus , dem ein Kampf auf Leben und Tod bevorsteht ! Ich ahnte es . Es galt geistiges Leben und geistigen Tod ! Und auch die Andern alle traten dem Eingedrungenen gegenüber zusammen , als ob sie deutlich fühlten , daß ihnen von ihm aus schwerer , innerlicher Schaden drohe . Waller war vorher in guter Stimmung und ganz wohl gewesen . Dann hatte ihn jedenfalls das laute und längere Sprechen etwas angegriffen gehabt . Jetzt nun schien ein doppelter Einfluß über ihn zu kommen , ein stärkender und ein schwächender , einer , der ihn heben und einer , der ihn niederdrücken wollte . Sein Gesicht fiel plötzlich zusammen , so daß er aussah wie in den schlimmsten Tagen seiner Krankheit . Seine Augen wurden stier ; sein Mund öffnete sich , und seine Hände und Finger spreizten sich genau wie bei Dilke . Aber mit kräftiger Stimme und in entschlossenem Tone sagte er : » Ich muß mich aufrichten - - - ich muß stehen - - - selbst wenn ich wieder zusammenbrechen müßte - - - ! Ich bin kein Waller mehr - - - ! Haltet mich - - - ich bitte Euch ! « Ich warf einen fragenden Blick auf Fang und Tsi . Beide nickten zustimmend . Da nahm ich Waller unter den Armen , hob ihn vom Lager , stellte ihn aufrecht hin und lehnte ihn an mich fest . Mary schob schnell ihren Sitz heran und schlang ihre Arme ebenso um den Vater . So stand er aufrecht , ohne daß er fallen konnte ; Beide nun einander gegenüber . Das war eine eigenartige , beängstigende , für den Psychologen freilich hochinteressante Situation ! Der Eine hatte beinahe denselben Gesichtsausdruck wie der Andere . Das geistig Bewußte trat zurück , fast zusehends , möchte ich sagen ; die Sicherheit wich aus den Blicken , und die Stimme Wallers klang ungewiß und doch und doch auch energisch , als er jetzt in unterdrücktem Tone sagte : » Es soll mich Jemand verlassen und will doch nicht ! Ich werde schwächer - - - . Wer steht da drüben , wer ? Ich fühle , daß ich es war - - - und dennoch bin ich hier ! « Und drüben sprach der Andere mit grinsendem Gesicht : » Da nimmt er alle Kraft zusammen und wird doch nur von Andern aufgerafft ! Aber wer - - - wer - - - wer ist - - - wer spricht - - - holla ! Ich bin ja doch nicht er ! Bin ich es etwa , der nun am Boden liegt , weil der da drüben aufgestanden ist ? « Das Letztere hatte er laut , sehr laut gesagt . Da rief ihm Waller ebenso laut zu : » Wer bist du ? Sag es ! Der Neffe oder der Oheim ? « Da antwortete Tsi schnell an des Gefragten Stelle , fest , bestimmt und scharf , jede Widerrede abschneidend : » Beides ist er , Beides ! Die beiden einzigen Waller , die es hier gibt , das ist er ! Er allein ! « Als ich diese Worte hörte , ging es mir durch und durch . Ich hatte beinahe dasselbe Gefühl wie damals , als mein Hadschi Halef Omar bei den Dschamikun im Sterben lag und der Ustad die bereits fliehende Seele dadurch festhielt , daß er ihn , genau so laut , bestimmt und nachdrücklich wie hier , bei allen seinen Namen und auch nach seinem Titel nannte66 . Wie sonderbar ! Hier in China ganz dieselbe Ansicht über Geist und Seele des Menschen wie damals dort in Persien . Die Wirkung war eine sofortige . Drüben erscholl ein Schrei und auch hüben erscholl ein Schrei . Dann starrten sie einander an , ohne Ausdruck in den Gesichtern und ohne Worte . Das war der Augenblick , der entscheidende , der fürchterliche , entsetzliche ! Sie standen einander gegenüber , beide : der aus der geistigen Nacht Kommende und der in die geistige Nacht Gehende ! Konnten sie aneinander vorüber ? War es möglich , den schon fast Geheilten wieder mit hinabzuzerren ? » Vater , lieber Vater , « bat Mary voller Angst , indem sie sich fest an ihn drückte . » Erlaubst du , daß ich Mutter rufe ? Bleib hier ; bleib hier ! « Da suchte seine Hand nach ihr . Sie ergriff sie und drückte sie in wiederholtem Kuß an ihre Lippen . Das erlöste ihn von den Augen seines Gegenübers . Er konnte den Blick von ihm losreißen und auf seine Tochter richten . » Mein Kind , mein liebes , liebes Kind ! « hauchte er , tief , tief Atem holend . » Das war grad noch zur rechten Zeit ; ich hörte dich kaum mehr , so weit war ich schon fort , wieder fort , in die Heidentempel hinein . Schon hörte ich es wieder knistern und brennen . Da riefst du mich zurück , du Seele deiner Mutter ! Ich bin wieder da , bei dir . Aber es packt mich Jemand an . Es ist wie eine Faust , die mir im Kopfe wühlt , um meine Gedanken , die richtig sind , mit falschen zu vertauschen ! Ein fremder , und mir aber doch nur zu gut bekannter Geist ! « Er sprach die letzten Sätze lauter als die ersten . Dilke hörte sie und rief ihm zu : » Ein Geist ? Du Narr ! Der Glaube ist es , der Glaube , den deine Ahnen dir hinterlassen haben , damit die Heidenwelt durch ihn bezwungen werde . Bist du ein Mann , und hast du Mut , so bekenne ihn . Ich frage dich : Bist du ein Waller oder nicht ? Leben oder Tod - - - ? Seligkeit oder Verdammnis - - - ? Wähle ! « » Ich bin ein Mann , « antwortete Waller . » Ich fürchte mich nicht - - nicht vor dir und will - - will - - - will - - - « Er wurde irr . Er vergaß , was er hatte sagen wollen . Das war der entscheidende Augenblick . Von drüben schauten zwei scharfe , stechende , diabolisch funkelnde Augen zu ihm herüber , die ihn wieder packen und fassen sollten , um ihn festzuhalten , fest ! Da kam die Rettung : Tsi flüsterte ihm zu : » Gebt Liebe nur , gebt Liebe nur allein ! Besinnt Euch , Sir ; besinnt Euch ! Wißt Ihr es noch , wie das beginnt ? « » Ja - - ja - - ich weiß es - - weiß , weiß es noch ! Eben , eben kommt es mir ! « antwortete Waller , indem sein Gesicht wieder Seele , wieder Spur von Geist , wieder selbständigen Ausdruck bekam . » Der Anfang ist : Tragt Euer Evangelium hinaus ! « Da forderte ihn Tsi mit lauter Stimme auf : » So werft es ihm doch hinüber ! Schleudert ihm diesen Felsen zu , damit er ihn zerschmettere ! « Da richtete Dilke sich so hoch wie möglich empor , breitete die Arme aus , ballte die Fäuste und schrie herüber : » Ja , wirf , du Knirps , du Sklave deiner Shen , die nichts als quieken kann , wenn starke Geister sprechen ! Wirf zu , wirf zu ; dann aber faß ich dich ! « Da griff Waller mit der Linken nach der Hand seiner Tochter , breitete die Rechte aus , zum Zeichen , daß er sprechen werde , und begann : » Tragt Euer Evangelium hinaus , Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden , Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus , So stehe es für Euch im Völkerfrieden . Gebt , was Ihr bringt , doch bringt nur Liebe mit ; Das Andre alles sei daheim geblieben . Grad weil sie einst für Euch den Tod erlitt , Will sie durch Euch nun ewig weiter lieben . « Er hatte fast schüchtern und mit unsicherer Stimme begonnen , doch nach und nach klang es immer bestimmter und klarer . Und das war es ja , was Tsi bezweckte . Grad an der Hand dieser Strophen hatte Waller sich während seiner langen