gewesen waren , kehrten schnell wieder um , weil sich jenseits der Höhen die Plätze befanden , wo ihre Pferde einstweilen untergebracht worden waren . Von dort aus war es ihnen leicht , im Osten hinabzukommen und die Umzingelung der Schatten zu verstärken . Es schien , als ob Jedermann von einer Art von Verfolgungsfieber ergriffen worden sei , ausgenommen die Leute des Schah-in-Schah , welche nun nach der Entfernung des Hauptmannes ein Najyh-y-Aewwäl105 kommandierte . Auch wir fühlten uns nicht berufen , wegen fliehender Schatten unsere Pferde anzustrengen ; wir blieben . Zudem wurden wir von dem Anblicke festgehalten , den der Ruinenplatz jetzt bot . Die Lawine war , wie bereits erwähnt , in zwei Hälften herabgestürzt . Die beiden hohen , gewaltigen Erd- und Steinhaufen , welche sich hierdurch gebildet hatten , lagen im Hintergrunde vereinigt , vorn aber nicht . Es gab da eine schmale Einbuchtung der Trümmer , durch welche die Tür zum Allerheiligsten freigelassen worden war . Dort hatte ein Teil der Massaban gestanden , um den geheimen Gang zu bewachen . Wie sich später herausstellte , war es ihnen gelungen , sich durch die Flucht zu retten und einstweilen zu verbergen . Und doch gab es Leute dort . Sie traten aus der Tür , Einer nach dem Andern , und zeigten durch ihre Bewegungen , wie sehr sie über den Anblick erschraken , der sich ihnen bot . Es folgten Mehrere , und als sie weiter nach vorn kamen , sahen wir , daß es unsere Leute waren , welche in dem Gang postiert gewesen waren , um die Ultra-Taki nicht hindurchzulassen . Sie hatten das Aufschlagen der Lawine und die erdbebenartige Erschütterung sehr deutlich gespürt und einen Kameraden herausgeschickt , um nachzusehen , was geschehen sei . Er meldete es ihnen , und nun kamen sie Alle , um sich zu retten . Sie wußten ja , daß die Säulen unter den Ruinen einzubrechen begannen , und waren überzeugt , daß die Decke die niedergestürzten Massen nicht zu tragen vermöge . Wenn sie einbrach , so mußte Jeder , der sich im bedrohten Teile des Ganges befand , verloren sein . Darum hatten sie sich geflüchtet und beeilten sich , in der schnellsten Weise herunter in den Duar zu kommen . Hinter ihnen erschienen die eingeschlossenen Taki , Allen voran der Selige , der Heilige , der Imam und die Generale . Sie waren sehr wohl bedacht gewesen , die Gefahr des Kampfes zu meiden , und aber nun in eine viel größere geraten . Wie behend sie klettern konnten ! Wie sie sprangen und rannten , ganz gegen alle früher gezeigte Würde ! Nur um den lieben , irdischen Leib in Sicherheit zu bringen ! Nach diesen drängten sich die Andern aus der Tür , alle die Feinde , die wir bei den Taki hatten . Sie schoben sich ; sie stießen sich ; sie trieben einander mit den Fäusten vorwärts . Ihre Zahl wuchs mehr und mehr . Und wie sie so dem Dunkel der Erde entquollen und schreiend , fluchend , stolpernd , über einander stürzend , in sinnloser Hast zu entrinnen und nur zu entrinnen suchten , kamen sie mir vor wie fliehende Ratten , welche von ihrem Schiffe nichts mehr wissen wollen , weil es zu sinken beginnt . Sie waren so voller Angst und so Hals über Kopf verwirrt und verschüchtert , daß sie sofort Alles , was sie an Waffen bei sich trugen , wegwarfen , als der Oberleutnant ihnen unten entgegentrat und sagte , daß er sie als Feinde gefangen zu nehmen habe . Trotz dieser Bereitwilligkeit aber erklärten der Selige , der Heilige , der Imam und die beiden Generale , sofort mit dem Ustad sprechen zu müssen . Weder sie noch die hier anwesenden Taki hätten je irgend Etwas gegen uns unternommen , und es sei also eine schreiende Ungerechtigkeit von uns , sie als Gefangene zu betrachten und zu behandeln . Als sie hörten , daß der Ustad hier oben am Beit-y-Chodeh sei , verlangten sie , hinaufgeführt zu werden , damit diese wichtige Sache sogleich entschieden werde . Er hielt es für keinen Fehler , auf dieses Verlangen einzugehen , und so sandte er uns die ganze Cohorte zu , von einer Anzahl Leibgardisten als Wache begleitet . Als sie oben anlangten , kamen sie alle in den Tempel herein und stellten sich hinter uns auf . Der Selige trat vor , um zum Ustad zu sprechen ; dieser aber forderte ihn auf , jetzt noch zu schweigen und hinüber nach den Ruinen zu sehen , wo soeben ein Anderer zu sprechen beginne , der über allen Seligen erhaben sei und dessen Rede man nicht nur zu hören , sondern auch zu sehen bekommen werde . Er hatte mit diesen Worten nicht zuviel gesagt , denn was sich jetzt da drüben vorbereitete , mußte Jeden , der es sah , mit Grauen erfüllen . Es war im Osten vollständig morgenrot geworden , und die Sonne stand dem Aufgange nahe . Die Alabasterkrone hoch oben lag bereits in vollster , goldiger Glut . Sie flimmerte wie von millionen Diamanten und Rubinen . Aber tief unter ihr war es unheimlich , denn da begann es , sich zu regen und zu bewegen , und man konnte doch nicht deutlich erkennen , wo und wie . Es war wie ein langsames Wiegen hin und her . Hier und hier und dort und da schütterte und verschwand der Boden in sich hinein , in die Tiefe , wie durch sich bildende Schächte . Wir hörten einen Knall , als ob die Erde von innen heraus auseinandergesprengt werde . Es folgte ein steinernes Knacken und Prasseln , wie von einem gigantischen Ungeheuer , welches Berge verzehrt und die Felsenknochen derselben mit den Zähnen zermalmt . Und da - da - - da tat sich vor unsern Augen da drüben ein furchtbarer Rachen auf , und begann , die Ruinen mitsamt den herabgestürzten Höhenmassen zu verschlingen ! Und während sie in diesem heißhungrigen , gefräßigen Schlund verschwanden , schoß ihm das emporgetriebene Wasser der Tiefe über die Lefzen und wurde zu gleicher Zeit mit einer solchen Gewalt aus dem Kanal in den See gepreßt , daß es sich wie ein beutegieriger , springender Leviathan über seine Fläche stürzte und erst weit draußen verendend niedersank . Wir aber achteten weder auf den jetzt plötzlich in hohen Wellen gehenden See , in den sich der ganze Inhalt der unterirdischen Bassins zu ergießen hatte , noch auf sonst etwas Anderes , sondern nur auf eine einzige Stelle , die unsere Aufmerksamkeit in fast wunderbarer Weise gefangen nahm . Wir sahen von den Ruinen nur noch die vordere Mauer . Alles , was hinter und über ihr gelegen hatte , war verschwunden , in ein vollständig ebenes Feld verwandelt , fast genau so , wie es von der Kirchenzeichnung des Ustad dargestellt wurde . Und grad da , wo auf dieser Zeichnung im Hintergrunde der Säulenhalle das leere Postament stand , leuchtete uns die herrliche Alabastergestalt des durch die Katastrophe nun endlich erlösten » verzauberten Gebetes « entgegen . Vom dunkeln Hintergrunde der Nische uns doppelt hell gezeigt , streckte es seine emporgehobenen Arme dem Aufgange der Sonne entgegen , um mit offenen Händen den Segen zu nehmen und zu spenden , in den der tausendjährige Fluch verwandelt worden war . Und wie sie nun emporstieg , die ersehnte Sonne , so kam ihr Licht von der funkelnden Alabasterkrone hernieder , wie auf Engelsschwingen getragen , die sich hold und froh zur Erde senken . Sie küßte die Stirn , die Wangen , den Mund des genau unter dieser Krone stehenden Gebetes und floß dann über das ganze Tal , um zu verkünden , daß es bisher nur Morgen gewesen , nun aber endlich und wirklich Tag geworden sei . Der Ustad sprach kein Wort . Er hatte meine Hand ergriffen und drückte sie mir so , daß es allerdings keiner Worte bedurfte , ihn zu verstehen . Umso lauter waren die hinter uns Stehenden . Ihr Dogma zwang sie , die auf so rätselhafte Weise erschienene Figur als einen Greuel zu betrachten , denn Allah hat verboten , von beseelten Wesen Bilder anzufertigen . Wer vor Bildern betet , ist ein Götzendiener . Wer aber gar Bilder selbst beten läßt , der ist ein Gotteslästerer , wie es keinen größern geben kann . Sie sagten das ganz ungeniert und in so scharfen Ausdrücken , daß ich die Selbstbeherrschung des Ustad bewunderte , der sich zu ihnen umdrehte und sie fragte , was sie eigentlich hier an dieser Stelle zu suchen hätten . Da öffnete der Selige den Mund und hielt seine Rede , deren Grundgedanke die Behauptung war , daß kein Einziger von ihnen jemals daran gedacht habe , irgend etwas Feindseliges gegen die Dschamikun zu unternehmen . Sie seien keine Feinde und also augenblicklich freizulassen . Zur Bekräftigung gebe er im Namen Aller sein Ehrenwort , daß er die Wahrheit gesprochen habe . » Im Namen Aller ? Wirklich ? « fragte der Ustad , indem er sie anschaute und sein Auge auf jedem Einzelnen ruhen ließ . Da erhoben sie ihre Hände zum Zeichen der Bejahung , keiner von ihnen ausgenommen . Der Ustad nickte mir und Kara zu , ihm zu folgen . Er ging , ohne Antwort zu geben . Wir bestiegen unsere Pferde und ritten nach dem Duar . Unten angekommen , teilte er dem Oberleutnant mit , daß die Gefangenen frei seien , aber das Gebiet der Dschamikun sofort zu verlassen hätten . » Frei ? « rief Kara , der sich doch nicht halten konnte , fast zornig aus . » Sie haben ja bei ihrer Ehre gelogen , alle , alle ! Der Selige , der Heilige , der Imam , die Generale und sämtliche Taki , vom Ersten bis zum Letzten ! « » Das weiß ich ebenso gut , wie sie es selbst auch wissen , « antwortete der Ustad lächelnd . » Aber grad darum gebe ich sie frei , denn solche Ehrenmänner möchte ich nicht einmal als Gefangene bei mir haben ! Verstehst du mich nun ? « Das Erste , was wir nun taten , war , uns nach Ahriman Mirza und der Khanum Gul zu erkundigen . Denn daß die Katastrophe mit den Ruinen zugleich auch den Scheik ul Islam vernichtet hatte , das bedurfte ja keiner Frage . Der Oberleutnant sagte , daß wir im Hofe des Chodj-y-Dschuna die Antwort finden würden . Dort angekommen , sahen wir Beide . Die Khanum war tot , in den Säbel gestürzt . Der Mirza saß neben ihr , unbeschädigt am Körper , aber mit stumpfem Gesicht und leeren Augen . Er kannte uns nicht mehr . Er schien auch sich selbst nicht mehr zu kennen und leierte , wir mochten sagen , was wir wollten , nur immer und immer den Satz vor sich hin : » Ahriman Mirza ist der Fürst der Schatten , und wenn er stürzt , ist es mit ihnen aus . Ahriman Mirza ist der Fürst der Schatten , und wenn er stürzt , ist es mit ihnen aus - - - ! « Der Ustad hat es also erreicht : Ihn nur mit dem einen Worte » Chodem « , am richtigen Orte und zur rechten Zeit angewendet , aus der » Schablone « herausgetrieben , die nichts und nichts als Lüge war ! Da hatten wir sie vor uns , nicht die seidene , sondern die eigentliche schwarze Larve des Aemir-y-Sillan . Und dieses psychologische Präparat wurde nun durch die Macht des Verhängnisses gezwungen , nichts und nichts weiter mehr zu tun , als die bisher so sorgfältig verhüllte Wahrheit ganz offen und nur immer und immer vor sich herzuleiern ! Als wir aus dem Hause traten , trafen wir auf Agha Sybil und die Seinen , welche vor dem Nahen der Schatten ihr vollständig ausverkauftes Zelt abgebrochen und sich hinauf zu uns geflüchtet hatten . Sie kehrten zu dem verlassenen Platz zurück . Auch kamen von allen Seiten die Angehörigen der Festgäste und die Frauen und Kinder unserer heimischen Dschamikun herbei . Sie hatten sich selbstverständlich zurückziehen müssen und nun aber die Nachricht erhalten , daß sie sich wieder einstellen könnten . Man kann sich das Erstaunen denken , als sie die Veränderung sahen , welche mit dem Ruinenplatze vor sich gegangen war . Wir warnten sie , die gern sogleich hinaufgestiegen wären . Ehe man dies wagen konnte , hatte sich die Masse erst noch zu beruhigen und zu senken . Zugleich langten diejenigen von unsern Leuten an , mit denen an der andern Seite des Berges der geheime Gang von außen besetzt worden war . Auch sie hatten die Detonationen gehört und die Erschütterung der Erde gespürt . Als sie dann später bemerkten , daß sich die Ultrataki gar nicht mehr in dem Gange befanden , hatten sie geglaubt , ihren Posten verlassen zu dürfen . Sie kamen eben von der einen Seite in den Duar , als die von ihnen eingeschlossen Gewesenen von der andern , der Seite des Tempelberges , sich näherten . Diese Letzteren gingen mit würdevoll abgemessenen Schritten und hochgetragenen Häuptern stolz zwischen den Dschamikun hindurch , um jenseits in der Schlucht des Baches zu verschwinden ! Den Ersteren aber sagte der Ustad , daß die nicht gebrauchten Signalflammen sich heut Abend in Freudenfeuer zu verwandeln hätten , wobei auch die verteilten Fackeln mit zu verwenden seien . Das brachte die schnellste Bewegung auch in die Menge der Frauen und Kinder . Man ging sofort an das Werk , alles vorhandene Brennmaterial zusammenzusuchen und die Zahl der Holzstöße zu vermehren , denn heut Abend müsse es im Tale so hell wie am Tage sein . Hierauf wurde beschlossen , einen Ritt um den See zu machen , um nach den gefallenen Schatten zu sehen . Sie lagen nur an den Stellen , welche von den Kanonen bestrichen worden waren . Wir fanden nicht nur den Vertrauten des Mirza , sondern auch sämtliche Pädäran , welche an jenem Sonntage des Gottesdienstes mit dem Mirza und dem Henker als Bluträcher zu uns gekommen waren . Der Ustad beschloß , diese Leichen alle den Ultra-Taki hinüberzuschicken , um nach dem von dem Scheik ul Islam vorgeschriebenen Dogma und Ritus begraben werden zu können . Das solle eine Todeskarawane werden , welche wirkliche Verstorbene , nicht aber Gewehre für Empörer transportiere . Als wir das andere Ende des Sees erreichten , stand das Zelt Ahrimans verlassen , gänzlich menschenleer . Wir gingen hinein . Es war fürstlich ausgestattet . An der hintern Wand stand zwischen einem Diwan und einem langen Speiseserir eine köstlich gearbeitete , verschlossene Truhe . Ueber ihr hing ein kleines Bild und ein vergoldeter Schlüssel dabei . Der Ustad trat hinzu , um nachzusehen , was für ein Bild es sei . Kaum fiel sein Blick darauf , so stieß er einen Ruf der Ueberraschung aus . Er nahm es herab und ging zum Eigang , um besser sehen zu können . Dann öffnete er vorn sein Gewand und zog eine Perlenkette unter demselben hervor , an welcher auch ein Bild , von ganz derselben Form und Größe , hing . Er hielt beide neben einander , um sie zu vergleichen . War das seinige vielleicht dasselbe Bild , von welchem Pekala mir erzählt hatte , daß er es an einem einzigen Tage des Jahres auf seinem härenen Gewande trage ? Nach einiger Zeit kehrte er zur Truhe zurück und versuchte , ob der Schlüssel passe . Es war der richtige . Sie schien nur Papiere zu enthalten . Er griff hinein um zu sehen , was für welche . Er las , griff weiter und las wieder . Dann drehte er sich zu mir herum und sagte : » Befremdet es dich , wenn ich Euch bitte , mich jetzt zu verlassen ? Ich muß allein sein , muß suchen und lesen . An der Verfolgung der Schatten beteiligte ich mich nicht ; sie widerte mich an . Nach dem aber , was ich hier sehe , möchte ich , daß keiner von ihnen entkomme , kein einziger . Ich habe sie alle zu fassen , alle , und dem Beherrscher auszuliefern . Das Reich muß frei werden von ihnen , gänzlich frei ! Darum bitte ich Euch , reitet unsern Leuten nach , und sorgt dafür , daß man ja nicht nachsichtig oder gar sorglos verfahre ! Ich vermute , daß ich lange Stunden brauche , bis ich hier fertig bin ; für mich habt Ihr Euch also mit Eurer Rückkehr nicht zu beeilen . « So stiegen wir Drei also wieder auf und ritten nicht nach dem Duar zurück , sondern nach Osten , gegen die Pässe . Die dorthin führende Ebene lag frei . Kein Mensch war auf ihr zu sehen . Die sehr flüchtig berittenen Schatten hatten keine Nachzügler oder gar Marode zurückgelassen , und die Verfolger waren ebenso schnell hinterher gewesen . Als wir in der Nähe des Gebirgszuges angekommen waren , sahen wir , daß man sich geteilt hatte , um gleichzeitig durch beide Pässe zu gehen . Wir wählten den südlichen , den des Hasen , durch welchen Kara damals mit Tifl geritten war . Auf seiner Höhe angekommen , sahen wir die herrenlose , steppenähnliche Fläche unter uns liegen , auf welcher Kara den von den Bluträchern gejagten Scheik der Kalhuran und seine Frau gerettet hatte . Sie war die festgeschlossene Falle , in welcher sich die Sillan jetzt befanden . Sie bildete ein großes , von der Natur mit Bergeszügen abgeschlossenes Viereck , dessen Seiten folgendermaßen besetzt waren : Auf der Westseite , also grad unter uns , die Duardschamikun , die Gewappneten von Schohrd und die verbündeten Taki ; auf der Nordseite alle unsere männlichen Festgäste , welche zur rechten Zeit gekommen waren , mit eingreifen zu können ; im Osten die nördlichen Dschamikun und die Kalhuran , und im Süden die südlichen Dschamikun mit den Dinarun . Die Einschließung war also außerordentlich exakt und genau so ausgeführt worden , wie der Ustad sie entworfen hatte . Die Schatten befanden sich in der Mitte ; keiner fehlte . Sie kamen nicht auf den Gedanken , sich zu einer Phalanx zu vereinigen , um einen Durchbruch zu versuchen , denn dazu waren sie zu feig , sondern sie ritten in getrennten Trupps oder Rudels ganz ratlos hin und her und ließen sich immer enger zusammenschnüren . Unweit der Stelle , an welcher der Hasenpaß in die südwestliche Ecke der Falle mündete , hatten sich unsere sämtlichen Führer zu einer Beratung zusammengefunden , zu welcher sich soeben auch der Scheik der Kalhuran von dem entferntesten Punkte unserer Aufstellung einstellte . Wir ritten hinab . Es war aber ein sehr steiler Weg , und wir schonten unsere Pferde . Darum kamen wir erst unten an , als diese kurze Besprechung soeben zu Ende war . Der Scheik der Kalhuran , der die Gegend genau kannte , hatte einen Vorschlag gemacht , welcher einstimmig angenommen worden war . Es handelte sich um die beste Art und Weise , in welcher die Schatten schnell zu entwaffnen und dann leicht zu bewachen seien . Ich fügte da nachträglich den Befehl des Ustad hinzu , ja Niemand entkommen zu lassen . Nun gab es drüben an der nördlichen Seite eine große , weite Felsenkluft , deren Wände so steil und so hoch waren , daß kein Mensch an ihr emporsteigen konnte . Sie war nur durch einen schmalen Riß zugänglich , welcher hier heraus auf unsere Ebene mündete . Die Schatten mußten nach diesem Risse getrieben und dort entwaffnet werden . Waren sie dann in der Kluft , so gab es für keinen Einzigen ein Entrinnen . Die Anführer kehrten infolge dieses Beschlusses an ihre Plätze zurück , um der Aufstellung die erforderliche neue Gestalt zu geben , was sehr schnell geschehen konnte , weil mehr als genug Platz zu den erforderlichen Bewegungen vorhanden war . Unser bisheriges Viereck verwandelte sich in ein Dreieck , dessen offene Spitze nach der Kluft führte . Als dies geschehen war , wurde der Feind auf diese Spitze zugedrängt . Wir sahen , daß er zögerte , diesem Stoße zu folgen . Es schien , daß er endlich nun einmal den Mut fasse wenigstens so zu tun , als ob er die Absicht habe , sich zur Wehr stellen zu wollen . Da machte der energische Scheik von Schohrd kurzen Prozeß . Er gebot seinen Gewappneten , blank zu ziehen , setzte sich mit entblößtem Schwerte an ihre Spitze , ritt mit ihnen bis ganz an die Schatten heran und begann , zu sprechen . Wir konnten nicht hören , was er sagte , aber es hatte den beabsichtigten Erfolg : Die Hinteren drängten unwiderstehlich nach vorn , und die Vorderen rückten weiter . Da auf der Flucht die vorn Befindlichen niemals die Mutigen sind , so sahen sie sehr vernünftiger Weise ein , wie überlegen wir ihnen waren und daß Widerstand nichts als nur Dummheit sei . Sie stiegen ab , lieferten ihre Waffen und Pferde aus und verschwanden dann in der Kluft . Das Beispiel wirkt , und was der Eine kann , das kann der Andere auch ! Während wir von den andern Seiten immerfort nachdrängten , gab es auf der Ostseite mehr als vollauf zu tun , die erbeuteten Waffen und Rosse aus der Linie zu bringen . Aber der einzige Zugang zu dem Massengefängnisse war so schmal , daß die Unterbringung der Schatten viel langsamer vor sich ging , als wir es wünschten . Uebrigens nahmen sie ihr Schicksal nicht sehr tragisch auf . Schatten denken ja heut so und morgen so ! Als es ihnen mit der Zeit im Sattel zu unbequem wurde , stiegen sie ab und machten es sich auf der Erde gemütlicher . Und wenn dann unsere Leute kamen , um die Pferde wegzunehmen , so bekamen sie die Gewehre , Pistolen und Messer ganz ohne Widerrede obendrein . So kam es , daß wir die Beute schon alle beisammen hatten , als noch fast die Hälfte der Schatten im Freien saßen und darauf warteten , untergebracht zu werden . Was diese Beute betraf , so hatte der Ustad im Namen sämtlicher Dschamikun auf sie verzichtet . Sie sollte nur unsern Verbündeten zufallen , und diese ernannten sogleich an Ort und Stelle eine Kommission , welche die einzelnen Stücke zu taxieren und gerecht zu verteilen hatte . Das geschah denn auch , und grad als der letzte Schatten in der Ritze der Kluft verschwunden war , hatte auch das letzte ihrer Pferde seinen neuen Herrn bekommen und die letzte ihrer Waffen ihre neue Stelle gefunden . Da war es nun aber auch beinahe Abend . Die Bewachung der Gefangenen wurde den Kalhuran anvertraut , von deren Scheik man sicher sein konnte , daß er dieser seiner Pflicht genügen werde . Was hier nun noch zu geschehen hatte , konnte mir gleichgültig sein . Darum beschloß ich , heimzureiten , und Dschafar Mirza gesellte sich zu demselben Zweck zu uns . Da sahen wir weit draußen im Osten einen Kamelreiter kommen . Sein Tier war kein gewöhnliches . Es entwickelte eine Schnelligkeit , welche Dschafar zu dem Ausrufe veranlaßte : » Das kann nur ein Eilbote sein ! Vielleicht wieder vom Schah-in-Schah ! « Er hatte ganz richtig vermutet . Wir ritten so , daß der Mann auf uns treffen mußte , und erfuhren da , daß er vom Beherrscher komme und je einen Brief an Dschafar Mirza und an den Ustad der Dschamikun habe . Der Erstere bekam seinen Brief und las ihn sofort . Es war ein langer , schmaler , starkbesiegelter Zettel dabei . Dschafar lächelte , sagte aber jetzt noch nichts . Wir ritten weiter , mit dem Kuriere Schritt haltend . Aber meinem Syrr schien der Geruch des Kamels unangenehm zu sein . Er schüttelte den Kopf wie gegen einen lästigen Mückenschwarm und drängte seitwärts ab . Das half nicht genug . Da bäumte er sich unwillig auf und setzte sich dann in einen Galopp , der mich weit , weit eher als die Andern vor das Zelt Ahriman Mirzas brachte . Der Ustad war noch da . Er sagte , daß er soeben erst mit dem Lesen fertig geworden sei und mir erst morgen mitteilen werde , was er hier so ganz unerwartet gefunden habe . Ich erzählte ihm , in welcher Weise die Schatten entwaffnet und untergebracht worden waren , und dann kam der Kurier , welcher das Schreiben abgab . Es war inzwischen so dunkel geworden , daß wir im Zelte Licht anbrannten , damit der Ustad es lesen könne . Es enthielt zwei Bogen , beide mit dem Siegel und der eigenhändigen Unterschrift des Beherrschers . Den einen gab er mir mit dem Bemerken , davon Gebrauch zu machen , sobald es mir beliebe . Es war - - - die volle , bedingungslose Begnadigung des Aschyk . Den andern steckte er ein , ohne jetzt schon über seinen Inhalt zu sprechen . Es war ihm zunächst um den Transport der Truhe zu tun , die er unmöglich hierlassen könne . Es sei nicht nur Wahnsinn , sondern geradezu Verrücktheit , derartige Papiere nicht besser aufzubewahren als der Prinz . Da erbot sich der Kurier , die Truhe mit auf sein Kamel zu nehmen . Er mußte ja mit nach dem Duar , um dort zu warten , bis der Bericht des Ustad und die Antwort Dschafars fertig waren . Sie wurde ihm hinaufgegeben und oben festgebunden , und dann ritten wir heim . Heim ! Ja , es ist Heimatsgefühl , welches mir dieses Wort aus der Feder fließen läßt . Wer sich bei guten Menschen nicht daheim fühlt , für den gibt es überhaupt keine Heimat , weder hier noch dort . Er hat sie sich erst zu - - - ersühnen ! Und wer da nicht weiß , daß es auch geistige und seelische Stätten gibt , welche köstlicher und heiliger sind , als jedes irdische Vaterhaus , der ist ärmer als selbst der Bettler , dem die kleinste Herberge einen Platz zum Ruhen gewährt . Zu so einer heiligen Stätte war mir das Haus des Ustad geworden , und der Duar hier im Tal zu einem Wohnsitz von lieben Verwandten . Darum war der Tag ihrer Befreiung von Schatten und Schemen nicht bloß für sie , sondern auch für mich ein Freudentag , und ich horchte froh auf , als jetzt ganz da vorn eine krachende Salve von allen Kanonen ertönte und mit ihrem Donner die Feuer der Höhen erweckte . Wir ritten langsameren Schrittes , um den sich entwickelnden Anblick hastlos zu genießen . Da stiegen zuerst drüben am Beit-y-Chodeh die Flammen auf , als ob dort ein Jesaias stehe , der sein » Mache dich auf , und werde Licht ! « in Feuergluten erschallen lasse . Und das ganze Tal gehorchte ; die Berge » machten sich auf « , und auf allen Höhen » wurde Licht « . Und hoch über diesen Bergen zündete auch das Firmament jetzt seine Leuchten an und ließ das » Licht von oben « niedersteigen . Die Alabasterkrone erschien , uns im Sternenscheine gezeigt , als ob sie der Erde vom Himmel entgegengestreckt werde , weit hinaus in das Dunkel der Bergestiefe ragend . Da machte sich auch dieses Dunkel auf , gehorsam zu sein . Es begannen Fackeln zu leuchten , von fröhlichen Kindern im Duar herumgetragen . Hierauf strebten auf der stehengebliebenen , vordern Cyklopenmauer , zu beiden Seiten des heut entstandenen Kirchenplatzes , zwei gewaltige Flambeaus in die Höhe , von mächtigen Holzstößen erzeugt , welche Schakara hier hatte aufhäufen lassen , um den Bereich der Vernichtung zu illuminieren . Das gab eine solche Fülle von Licht und tagesähnlicher Helle , daß die Finsternis enteilte und , sich in ängstlich zitternde Schatten auflösend , an der Bergwand emporkletterte . Und mitten aus diesem häßlichen , zappelnden Schreck trat in erhabener Schönheit und imponierender Ruhe die makellose , herrliche Gestalt des Gebetes hervor , einer Offenbarung gleich , einer Manifestation der frohlockenden Menschheitsseele . Der Eindruck dieser Erscheinung war so unmittelbar packend und so unwiderstehlich , daß der Ustad sein Pferd anhielt , auch dem meinigen in den Halfter griff und , aber nur leise , sagte : » Halt - - warte ! Laß die Andern fort ; sie stören ! « Sie ritten weiter . Wir aber stiegen ab und standen lange , lange , in die Gedanken versunken , oder richtiger , die Gedanken förmlich atmend , mit denen uns die Seele des aus dem Fluche erlösten Segens überflutete . » Mein liebes , kleines , längst gewünschtes Kirchlein ! « unterbrach der Ustad endlich und tief aufatmend unser Schweigen . » Nun kann und darf ich dich wohl endlich bauen ! Ich habe nichts , gar nichts hinwegzuräumen vom Platze , den ich mir dachte ; ein Anderer tat es für mich . Die Wasser der Bassins sind in den See gewichen und werden dort verbleiben . Die versunkenen Quader geben mir den allerbesten Grund . Die riesigen Würfel und Rundstücke zu den Pfosten und Säulen der Halle sind zwar aus dem Neuen herzustellen , doch ist hier überall das reichste Material dazu vorhanden . Aufs leere Postament wird dieses Bild gehoben , und wenn dann meine Dschamikun begreifen , daß Beten eine Kunst , und zwar die allerhöchste ist auf Erden , obgleich Natur sie schon den Kindern lehrt , so ist die Einsicht und Erkenntnis da , selbst mit dem kleinsten Kirchlein gern fürlieb zu nehmen . Schon sehe ich den Ort der Andacht ragen , der zeigen soll , wie groß , wie groß der Herr , wie aber winzig , winzig klein das arme Menschlein ist . Schon höre ich dort am