lautem Gähnen : » Dies offenbar erscheinen muß Nur als Verwechselung . Spartakus ' Besieger ? Wenn er seine braven Muränen mit Sclaven gefüttert hätte So sähe ihm ähnlicher Das , ich wette ! « Des besten Sportsman Quadriga sie loben Und der Modelöwin sidonische Roben . Dann brachen sie auf von ihrem Wein Und ritten gen Rom im Dämmerschein . Und als sie den sieben Hügeln nahn Und die ewige Stadt von oben sahn , Um des Aelteren Lippen ein Lächeln schlich , Unheimlich war ' s und fürchterlich . » Leb ' wohl denn ! Daß wir uns wiedersehn , Verbürge ich , es wird geschehn . Ich bin ein Mann , von Vielen geehrt , Von Vielen gehaßt - wie ein ehernes Schwert , Das stets dem Freund zur Hülfe bereit , Doch den Feind bedräut in gerechtem Streit . Nie hab ich dem Feind meiner Sache verziehn , Stets hab ich dem Freunde Schutz verliehn . In meinem Herzen für immer ruht Die Erinnerung an Bös oder Gut . Wer Du auch seist , beherzige den Rath : Scheue nie zurück vor verzweifelter That ! Stets finde die Unbill blutigen Sold , Denn dem Wagenden ist die Klinge hold . Greift verwegene Hand in das Rad Deines Lebens , So rufe nach mir , nicht rufst Du vergebens : Ich zerbreche die Hand ! Wer verfolgt und gekränkt , Der komme zu mir , der für ihn lenkt Der Vergeltung Stahl und vollführt die Rache - Denn seine ist meine eigene Sache . Ich bin der Richter , ich bin der Rächer ! « Und grüßend er winkt mit dem Pfauenfächer , Den Mantel um Kinn und Mund er schlang , Seitab vom Hügel herniedersprang . An eine Schenke am Aventin , Als matt der Mond herniederschien , Klopfte ein Vermummter . Der Wache Am Thore gab er ein Pergament : » Bring ' es dem Führer , damit er erkennt , Daß ich der heimliche Freund der Sache . « Geräumig war der Berathungssaal . Und die Verschwörer allzumal Saßen um den Führer geschaart Mit schwarzem wallenden Haar und Bart Und Leichenblässe im Angesicht Und Augen , glühend unheimlich-licht . Ein Becher stand auf dem Marmortisch . Darin die rothe flüssige Glut , Ist ' s Chier , Falerner hell und frisch ? Der Fremde schauderte - es war Blut . » Die Fackeln hoch ! « Und Jeder da Erkennend dem Andern in ' s Auge sah . » Wir sehen uns nicht zum ersten Mal , Denkst Du der Schenke im Tiber-Thal ? « » Und Du bist Catilina ? « » Und Du Der junge Caesar ? Nun , nur zu ! « » Zur Sache ! « Sie beriethen lang . - - Doch Caesar denkt beim Heimwärtsgang : » Komm ' jemals ich zum Regiment , So wird zuerst vom Rumpf getrennt Mir dieser widerspänstige Kopf . « Und Catilina denkt daheim : » Da ist wohl mancher tücht ' ge Keim - Im Ganzen ist der Bursch ein Tropf , Der auch gefährlich werden mag . Und kommt der große Rechnungstag , Wenn ich mich freue , an allen vier Ecken Dies feile Rom in Brand zu stecken , Dann , Caesar , wird Dein Loos nicht besser : Du fällst von meinem eignen Messer . « Doch wie verlief die Sache später ? Der Catilina war ein Narr . Die Invektive machte ihn starr , Die Cicero ihm zugebrüllt : So rannte ins Netz er zornerfüllt Und gilt als schnöder Hochverräther . Doch Caesar , welcher sacht und stille Gewartet , was des Schicksals Wille , Der stets lavirt nach gutem Glück Und , ging ' s nicht vorwärts , ging zurück ? Der Zufall nur die Dinge lenkt . Des Werthes Prüfstein ist erschienen Stets der Erfolg . Doch Jeder denkt , Ihm werde dieser Prüfstein dienen . Genie und Thatkraft ? Zufall nur Uns leitet auf die rechte Spur . Das Autodafé . Und ein Mandat ward aufgesetzt : » Ihr lasset flugs Euch taufen . Wo nicht , Hebräerhunde , verschlingt Euch alle der Scheiterhaufen . « Der Rabbi zerraufte sich Haar und Kleid Und streute aufs Haupt sich Asche . Dann salbte er sich wie zum Fest Aus der heiligen Weihölflasche . Und als am Holzstoß alle vereint , Begannen sie alle zu tanzen , Wie Mirjam , als im Rothen Meer Ersoffen Pharaos Lanzen . Und als sie endlich ausgetobt Und als die geschmeidigen Weiber Wie die Weiden an Babylons Wassern schlaff Niedersenkten die Leiber , Und als die brünstige Raserei , Ermattet in starrem Krampfe - Da breitete über die Bühne sich schon Ein Schleier von bläulichem Dampfe . Die Henkersknechte in rothem Wamms Pechfackeln schwingen , vom Thurme Die Armesünderglocke klagt In unaufhörlichem Sturme . Und wie Numantias Bürgerschaft Sich wechselseitig getödtet , Die Väter und Gatten das Schwert vom Blut Der Weiber und Kinder geröthet - So geht es durch erstickenden Qualm Hinein ins Flammenbette , Die Stimmen vereinend im Rachepsalm , Die Arme verschlingend zur Kette . Es endet in einer Säule Rauch Der Feuersäulen Gewimmel , Wie Moloch ' s eherne Rechte schwarz Und glühend sich reckt zum Himmel . Gleich dem Flammensignal , das Israel Beim Exodus sah steigen , Aus der Aegypter Joch den Pfad Zum gelobten Lande zu zeigen . Als überm Leichenknochenrest Die letzte Garbe noch prasselt , Da wirbeln Fähnlein durch die Luft , Mailänder Harnisch rasselt . Der Herold tutet , der Marschall naht . Den hat der Kaiser gesendet , Auf daß von den Kämmerlingen des Reichs . Er das gräßliche Unheil wendet . Soll er die biedern Rathsherrn nun An ihrem Wanste spießen ? Der Ritter strich verlegen den Bart , Die Sach ' thät ihm verdrießen . Den Reisigen brummte er traulich zu , Die Denkerstirn beschaulich Auf seines Flambergs Knauf gestützt : » Die Aventür wird graulich ! « Klebers Ermordung in Aegypten . Dem Wunderkranze gleich in Ceylons Hain , Kreuzt Schwert mit Schwert sich hoch im Dämmerschein . Die Morgensonne lebenswarm umloht Des Helden Schläfe , aber der ist todt . Gleich denen , die der Zauberbann umflicht Von Ischmonie , so starr und leblos schauen Die Mörder , wie aus Marmor zugehauen . Zu streuen scheint der Fackel rothes Licht Auch Wundenmale auf ihr Angesicht . Wer war es , der mit schnöder Hand zerriß Dem Sieger hier von Heliopolis Den Lebensfaden ? Dieser Botschaft harrte Schon lange in Paris Herr Bonaparte . Das nennt sich Kampf ums Dasein ! Wenn der Dolch Den Helden traf , zum Drachen wächst der Molch . Caesar Borgia ermordet seinen Bruder . Des Mondes Strahl sich mischt dem ersten Morgenglimmern . In seinem Silberlicht wie eisgepanzert flimmern Die Felsen . Sickernd rauscht hier durch den Felsentrichter Das Wasser , wirbelnd sich im Kreis , ein Selbstvernichter . Doch wie gereinigt und geklärt vom Felsensieb , In welchem Schaum und Tang unlauter hängen blieb , Die Fluth dann klar und rein zum Tiber niederlief . Sie zimmert sich ein Bett im Passe hohl und tief . Hier würde jedes Boot , wo so vernichtungstoll Der Schaum in wildem Satz zum Abgrund niederschwoll , Wie vom Gebiß und Schlund des Nilpferds jäh zermalmt . Dort zog im Mondenschein , vom Wasserstaub umqualmt , Ein Reiter , schwarz vermummt , sein Haupt gesenkt , verdeckt . Und vorn am Sattel hing ein Mantel , drin versteckt Ein Etwas , das er schnell nun in den Strudel warf , Auflesend Steine noch am Strand und zielend scharf Nach jener Bürde , die noch manchmal aus dem Fluß Auftauchte - - jetzt der Leib wohl meerwärts rollen muß . Doch glaubet nicht , daß ich die Borgias verdamme ! In den Retorten , wo ihr Höllengift gebraut , Hat sichtbarlich geglüht der Weltenseele Flamme . Wer Darwins Lehre je mit festem Blick durchschaut , Der ehrt im Geier , der herabstößt auf die Beute , In dem unschuldigen Reh wie in der rohen Meute Denselben Kampfinstinkt rastloser Lebenstriebe . Gleichwerth sind durchaus dem Menschen Haß und Liebe . Zwischen zwei Polen liegt die wahre Weltbetrachtung : Willensverneinung und entschlossene Weltverachtung , Leben in der Idee , - oder die ungezähmte Willensentfesselung , die brünstig nie beschämte Weltlustanbetung . Ach , den Durst sie nimmer stillt , Wie nur mit wüstem Rausch Salzwassertrunk erfüllt Die dürstenden Matrosen , beim Sturm im Boot verschlagen , Bis cannibalisch sie sich hungernd selbst benagen . » Nein , das geht nun und nimmer an ! « brach Feichseler los . » Ist denn das noch Poesie ? Das ist gereimte Prosa . Wer das drucken lassen kann , ist kein Lyriker und auch kein Vollblutdichter . Das ist ein Mensch , der rastlos mit dem Verstande arbeitet ! « Unter allgemeinem Beifallsgemurmel ließ sich da wiederum Krastiniks Stimme vernehmen : » Ich bin andrer Ansicht , Herr Doktor . Mir ist diese gereimte Prosa lieber , als ganze Fuder Gelbveigelein-Lyrik . Auch glaube ich gar nicht , daß Leonhart ein Lyriker sein will . Solche historische Hieroglyphen wie diese kritzelt er so nebenbei tagebuchartig aufs Papier , wie ein Andrer seine Einnahmen und Ausgaben bucht . Er will damit gar nicht künstlerisch wirken , sondern schleudert nur so wie die Natur überflüssige Schlacken von sich ab , wie die Lawine aufs Schneefeld stürzt , um im Abgrund zu verdonnern . « » Er blendet Sie , mein lieber Herr Graf , « trumpfte Wurmb mit sauersüßer Miene ab . Der naseweise Lämmerschreyer aber meinte gewichtig : » Ein Sänger der Freiheit und der Noth des vierten Standes wie Anno Buchsbaum steht mir viel höher . « » Ach , dieser Brave ! « lachte Krastinik auf . » Dieser undankbare Streber ! Da hab ' ich nun zufällig bei Leonhart allerlei Dinge Schwarz auf Weiß gesehn . Schreibt dieser Mensch ein vernichtendes Schmähgedicht auf den Ghaselendichter X. und richtet nachher an diesen einflußreichen Würdegreis einen demüthigen Abbittebrief , worin er in ergreifenden Worten um Entschuldigung bat und schmerzlich beklagte , daß Herr Leonhart sich erfrecht habe , das Gedicht später bei einem Ausfall auf X. zu citiren , um seiner eigenen Gehässigkeit eine Würde dadurch zu geben ! ! Diese bodenlose Unverschämtheit , verbunden mit Feigheit und Perfidie , richtet sich selbst und möchte ich überhaupt meine Hände über diese jugendliche Clique in Unschuld waschen . « » Zu welcher Clique doch Leonhart selbst gehört , « fiel Feichseler ein . » Ach , Holbach , haben Sie endlich eingesehn , was eigentlich an diesen Kerls daran ist , sammt Ihrem Freund Leonhart ? « » Leider ja ! Ich überzeuge mich mehr und mehr ! « gestand Holbach mit einem tiefgefühlten Seufzer . Die Adern auf Krastiniks breiter Stirn schwollen bedenklich . » Wovon überzeugen Sie sich ? « fragte er scharf . » Wenn Sie sich einen Duz- und Busenfreund Leonharts nennen und denselben , wie Sie mir schon mehrmals sagten , so oft gegen seine Feinde vertheidigen , so sollten Sie doch am besten wissen , daß Leonhart jede nähere Gemeinschaft mit dieser Rotte ablehnt . « » Hm , Sie gehn denn doch etwas stark für meinen Freund Federigo ins Zeug . Er ist ja ein bedeutender Mensch - hm ! « Er machte eine Pause in der Hoffnung , daß Jemand widerspreche , um dann eiligst gehörige Einschränkungen zuzufügen . Es meldete sich aber Niemand . » Allein , er hat doch auch viel von einem Streber . « » Möglich . Ein Genie ohne eine gewisse Streberhaftigkeit ( ich erinnere an Richard Wagner ) ist ebenso undenkbar , wie ein großer Mann der That ohne Opportunismus und despotische Gesinnung . Dieser Naturtrieb wird zu einer Tugend . Denn das Genie fühlt instinktiv , daß es sich ja nicht zu dem , was es werden soll , entwickeln könne ohne äußeren Erfolg . Und seine Entwickelung scheint ihm identisch mit der Entwickelung seiner Kunst oder Wissenschaft . Daher glaube ich ebensowenig , wie an ein sogenanntes faules Genie ( Genie ist Fleiß ) , an ein Genie , das nicht in gewissem Sinne erfolgsüchtig ist , weit mehr als ruhmsüchtig . Denn der Ruhm im höheren Sinne des Wortes scheint ja dem Genie ohnehin erb- und eigenthümlich . « » Sie sagen immer Genie , Genies ! « warf Lämmerschreyer giftig ein . » Sie wollen doch wohl Leonhart kein Genie nennen ? Sieht der wie ein Genie , wie ein Goethe aus ? Dieser Knirps ! « Eine etwas unwillige Bewegung ging durch die Versammlung . Solche knabenhafte Dummdreistigkeit verwundete denn doch selbst die Anwesenden , zumal drei darunter selbst von unansehnlicher Gestalt waren . Krastinik lachte heiter auf : » Famos , lieber Herr ! Deswegen waren auch Napoleon , Cromwell , Friedrich , Byron , Luther , Richard Wagner , Michel Angelo , Mozart , Gambetta , Victor Hugo solche Hünengestalten , nicht wahr ? Machen Sie sich nicht lächerlich ! Jaja ! Sieht Er , mit solcher Kanaille muß Ich mich herumschlagen ! Aber der brave Pandur , der auf den Helden des Jahrhunderts die Flinte anlegte , sah nur einen gar kleinen Mann in schmutzigem Anzug mit Krückstock und Schnupftabaksdose . Kein Held ist ein Held für seinen Lakaien noch für Lakaien überhaupt . Aber bei wem die Schuld , beim Helden oder beim Lakaien ? « Eine betretene Pause folgte , welche Luckner mit dem Ausruf brach : » Ei , ei , Herr Graf , Sie treiben ja mit Leonhart die reine Carlyle ' sche Heroenverehrung ! « » Pardon , wenn ich etwas erregt sprach ! « entschuldigte sich der Graf gemessen . » Alles begreife ich . Aber die Keckheit , womit der Gewöhnliche über den Ungewöhnlichen urtheilt und an Ausnahmenaturen denselben Maßstab legt , wie an den Dutzendmenschen , ohne je die menschlichen Schwächen der Größe psychologisch zu begreifen - diese Keckheit allerdings verstehe ich nicht . Wenn man mir bewiese , Shakespeare habe gestohlen , so würde ich mich ehrerbietig jedes Urtheils enthalten . « Holbach zuckte die Achseln . » Sie ziehen aber so übertriebene Beispiele heran ! Was heißt Genie ! « » Ja , das frage ich Sie ! « erwiderte Krastinik kalt . » Wie nennt man heut Mittelmäßigkeit ? Reife . Was heißt Genie ? Sturm und Drang . Und was heißt heut überhaupt so Manches ! Was heißt Freundschaft ? « Er warf einen anzüglichen Seitenblick . » Die Fehler und Schwächen eines Menschen durch genauere Kenntniß desselben ausspähen . Was heißt Dankbarkeit ? Sich durch die Erinnerung empfangener Dienste belästigt fühlen . « » Ach , ich verstehe . Leonhart wird Ihnen da wieder allerlei vorgegaukelt haben ! « Wurmb schob nervös seine Brille zurecht . » Und er selbst - ich könnte Ihnen Wunderdinge - « » Ach , lieber nicht ! « wehrte Jener kühl ab . » Dergleichen kenne ich . O Gott , wenn künftige Goethe-Pfaffen mit ähnlicher Beharrlichkeit auch in modernsten Waschzetteln wühlen sollten ! Der Muthigste schaudere bei diesem Gedanken ! Was wird nicht alles zusammengeklatscht ! Denn das auszeichnendste Merkmal des Durchschnittsmenschen bilden Klatschsucht und Verlogenheit . Alles wird gelenkt von einem großen Gesetz der Lüge . Wer dem Trieb der Selbsterhaltung gehorcht , dämmt übersprudelnden Wahrheitsdrang . Müßte man nicht ein Engel oder ein - Esel sein , um stets zu sagen , was man denkt ? Leonhart ist zu nervös aufrichtig , allerdings . Jede Verstellung ist ihm fremd , jede lebenskluge Vorsicht liegt ihm fern und er selbst entfesselt meist die Verleumdung durch seine Unvorsichtigkeit . - Glauben Sie nicht , « fuhr der Graf nach einer Pause fort , » daß ich Incorrektheiten Leonharts bezweifele . Aber der eigentliche Kern seines Wesens ist hochherzig und edel . Seine Richtschnur wird ewig bleiben : Die Gerechtigkeit , und das ist die schwerste Tugend . Strebe am ersten nach ihr und alles andere wird Dir von selber zufallen ! Ja , diese strenge königliche Tugend schleicht auf Erden als Aschenbrödel umher . Niemand will sie . Lobt sie , war ' s nie genug ; tadelt sie , heißt sie gehässig . So kommt es , daß man den Gerechten am leichtesten der Widersprüche zeihen kann . Was schimpfen Sie über seine Herbheit und rücksichtslose Schärfe ! Seine strenge Schroffheit ist eine natürliche Folge gerechter Verbitterung . Haben seine lieben Mitmenschen nicht von der alles aufgeboten was in ihren Kräften stand , um das Aufstreben niederzuducken ? Müßte er nicht mit Fug und Recht allen heimzahlen , was man an ihm verbrach , wenn nicht seine Verachtung stets seinen Haß im Keim blickte ? « » Sie überschätzen ihn , Sie überschätzen ihn kolossal ! « sagte Wurmb erregt . » In vieler Beziehung tappt er umher wie ein unreifer Knabe . Man hört da kaum glaubliche Sachen von einem Verhältniß mit einem bemakelten Frauenzimmer in einer Weiberkneipe , die sich nichts aus mir macht und die er sogar heirathen wollte , um die bekannte Rettung an ihr zu verüben . Entweder ist dies eine männliche Sinnlichkeit oder kindische Sentimentalität . « » Wenn ... « Er brach plötzlich ab und erröthete , man wußte nicht warum . Drückte ihn vielleicht gerade auf der Brust ein Briefchen mit einer Freiherrnkrone , wo eine lustrümpfelnde » Adah Freiin von Geisenheim « , geborene » Freiin von Ratzko « ihm den Laufpaß gab , weil er ihr so wärmerisch anbot , mit ihr vor seiner Frau und seinen andern nach Amerika zu entfliehn ? Und sie hatte ihn doch bloß als Redacteur benutzen wollen , aus der Distance kokettirend ! » Ich gratulire Ihnen zu Ihrer Philosophie , « Krastinik daß sich auf die Lippen , um nicht hellaufzulachen . » Ich sah noch Keinen , der nicht die Leiden und Leidenschaften anderer recht mit philosophischer Geduld belächelt hätte , noch Keinen , der diese Geduld an sich selber erprobte . Uebrigens , die Mutter der Weisheit ist doch nun mal die Thorheit . Nur aus Most und Wein . « » O o ! Ich bitt ' Sie , wo bleibt aber da die Moral ? « zeterte Feichseler . » Wozu soll das fuhren ! Untergrabung aller altdeutschen Sittlichkeit , Abklatsch der Pariser Verhältnisse ! Schämt sich dieser Leonhart denn nicht , falls er wirklich so genial ist , die Gesellschaft verbuhlter Hetären zu frequentiren ? Warum gründet er sich nicht eine germanische Häuslichkeit mit einer gebildeten Jungfrau ? Ist es nicht eine wahre Schande , daß er die Geschöpfe der Straße litteraturfähig macht ? Will er etwa die sociale Frage lösen , indem er Arme Mädchen studirt wie Herr Lindau ? Pfui , pfui darüber ! « » Hm , « erwiderte der Vertheidiger trocken . » Warum er nicht heirathet , weiß ich nicht . Vermuthlich , weil er kein Geld dazu hat . Warum er ces dames studirt und in seine Bücher bringt , weiß ich . Das sind allen Ernstes nur dichterische und ästhetische Gründe : um die Leidenschaft und die Noth an der abgründigsten Wurzel bloß zulegen . Warum er persönlich an solchen Damen Gefallen findet ( so etwas kommt bei uns nicht vor , nicht wahr meine Herrschaften ? ) , weiß ich ebenfalls . Vermuthlich , weil er sie interessanter findet als die langweiligen und dabei prätentiösen Puten des Salons . Wen in aller Welt das Alles übrigens etwas angeht , weiß ich nicht Wohl aber weiß ich , wenn er wirklich irrsinnig genug war einem solchen Weibe seine Hand anzubieten , daß dies weder aus Sinnlichkeit noch aus Sentimentalität geschehen sein kann . Denn er ist mäßig sinnlich und gar nicht sentimental . Obschon ich ihn vermuthlich näher kenne , als die Leute , die über ihn schwatzen , so vermesse ich mich nicht , über seine Motive zu urtheilen . Jeder Mensch hat seine inneren Geheimnisse , die kein Anderer kennt ; sich da hineinzudrängen ist roh und dumm , gegenüber einem bedeutenden Menschen aber obendrein frech und infam . « » Aber ich bitte Sie , schon allein der Skandal , wenn er das Weib wirklich heirathete ! Dies schlechte Beispiel - « Feichseler brach ab und erröthete , man wußte warum . Denn die guten Freunde stießen sich bereits unterm Tische an . Behauptete doch der Stadtklatsch , Ottokar habe selbst die ideologische Narrethei begangen , eine Bemakelte zu retten und eine frühere femme entretenue zur Würde einer Frau von Feichseler zu erheben ! Natürlich aus rein ätherischem Idealismus , da die junonischen Reize der schönen Frau unmöglich einen Philosophen wie Feichseler hätten verblenden können ! » Nun , Leonhart scheint immerhin ein ungewöhnlicher Mensch und eine liebenswürdige Natur . Aber er ist allzu bissig und dann - auch noch etwas grün . Das heißt - « » Scheint mir auch , « ergänzte Gutmann bedächtig . » Ich kenne ihn ja auch . Er aß einige Mal bei uns . Noch vor einem halben Jahr machte er mir einen Gegenbesuch und aß etwas bei uns . Er erinnert mich an Aurelie von Fellmarch . Sie wissen : die so oft bei uns aß und nachher solche Bosheiten über mich , meine Frau und das Kind geschrieben hat ! Ja ja , der Leonhart wird noch älter werden . Wie wird er in zwölf Jahren an sich selber denken ! « » Ich kann mir nicht helfen , « warf jedoch Wurmb hin . » Ich halte Leonhart für einen unsrer gefährlichen Kujone . Ein furchtbarer Streber , der mit allen Mitteln vorwärts jagt und rücksichtslos niedertritt , was ihm den Weg versperrt . « Krastinik erhob sich mit ironischen Lächeln . Es wird spät und ich muß mich empfehlen . Nur möchte er zum Schluß dieser Debatte eins bemerken . Hören sie z.B. einen Schmoller , der Leonhart nur zu ewigem Thun verpflichtet wäre , so wird dieser Größenwahnsinnige sich weder über seinen großen Gönner in herablassendem Tage als von einem guten Kerl oder mit schimpfender Weise als von einem raffinirten despotischen Charakter redete . Und grade so theilen sich überhaupt die Urtheile der dummen Jungen über dies Phänomen . Sagt Ihnen nicht die Logik , daß Beides zugleich nicht so kann und daher keins von Beidem irgendwie der Wahrheit entspricht ? » Ueberhaupt , « setzte Krastinik nach einer Pause fort » gehört doch eine unglaubliche Unwissenheit dazu , ein Dichter , der berühmt war , ehe unsere heutigen Modegötter auftauchten , und nur wegen mangelnder Streberei im Hintertreffen gedrängt wurde , zu dem jüngstdeutschen Gesindel zu rechnen ! Nicht , als ob ich jenen jungen Leuten eine durchgängige Sprachvirtuosität und Formbemeisterten absprechen möchte . Nein , im Gegentheil erregt ihr ehrliches technisches Verskönnen kopfschüttelndes Staunen . « » Auch eine Gedankenfülle schmerzlichen Lebensernstes und ein selbstständiges Lebensgefühl , welches der Erde Bitterniß voll durchkostete und sich in weihevollem Schmerze läutert ! « dekretirte der stets in philosophischer Schönrednerei schwelgende Dondershausen und blies die Backen auf . » Doch auch viel tautologisches Phrasen-Gefüllsel , « fiel Luckner ein . » Ja , mag das alles nun sein , wie es will , jedenfalls ahnen diese jungen Lyriker in glücklicher Unschuld gar wenig von dem düstern heroischen Kampf , den das eigentliche Originalgenie wie Leonhart durchzuleiden hat , ehe es endlich seine wogende Ideenwelt in die konventionellen Stereotypformen der Litteratur zwängen lernt . « » Mein Gott , « rief Gutmann achselzuckend . » Sie thun ja gerade so , als ob zwischen Ihrem Abgott und allen andern lebenden Dichtern eine Kluft gähnte , als ob er nicht nur der Erste wäre , sondern gleichsam allein auf einer Insel säße und das übrige Völkchen weitab von ihm . « » So ist es auch , « bekräftigte Krastinik halblaut . » Wenigstens ist etwas Wahres daran . « » Ja , lieber Herr Graf , « Ottokar und Dondershausen schüttelten den Kopf , » man hört Sie ja ruhig an , man läßt Sie ausreden . Aber man weiß wirklich nicht .. man versteht kein Wort .. es schwindelt Einem .. « » Einer muß jedenfalls verrückt sein , « brummte Holbach . » Ich begreife ja Ihre Begeisterung , allein .. « Er zuckte vielsagend die Achseln . » Ich kenne ihn ja doch auch am Ende , « hob Gutmann an und warf sich in die Brust , » und schätze ihm als einen näheren Bekannten . Noch zuletzt als ich ihm sprach ( er aß etwas bei mir ) , sagte ich ihm : Leonhart Sie sind noch unerfahren . Sie vermöbeln zwar In-und Ausland , allein jene berühmte Kneipe , wo Sie als neuer Shakespeare mit Ihren Gebrüdern Green , Dekker und Heywood zusammensaßen , ist das Symbol jener Lächerlichkeit .. « » Ach so , das wollten Sie ihm sagen ? « schnitt ihm Krastinik weitere Fanfaronaden ironisch ab . » Hören Sie auf , lieber Herr ! Das würden Sie halt wagen , ihm an den Kopf zu werfen ! O Jesus Maria ! « » Nun , um ad rem zurückzukommen , worin unterscheidet sich der erlauchte Dingsda denn von uns andern ? « Dondershausen schnitt eine verzerrte Grimasse , wie eine Affe , der in einen sauren Apfel beißt , während Feichseler süßlich lächelte . Holbach , dieser hanseatische Vikinger , der wie Leonhart als Federfuchser seinen Beruf verfehlte , sah mit einem starren Blick ins Leere . Sein blonder angelsächsischer Pferdekopf , der das Roßwappen Hengists und Horsas hätte schmücken können , ähnelte im Ausdruck auffallend einzelnen Zügen Leonharts . Wie dieser schob er die Unterlippe vor und preßte die Lippen fest aufeinander , während die Augenbrauen sich weit vortreten zusammenzogen . Gutmann machte ein dummes Gesicht , das jedoch einer gewissen Bosheit nicht entbehrte . Luckner fummelte allerlei unzusammenhängende Redensarten dazwischen . Leonhart verstehe nichts von dem einzig wahren Urborn der Poesie , der Germaniestik . ( Er sprach dies Wort immer mit einem langen I. ) Ein Mensch , der nicht Jakob Grimm studirt habe und über Scheffel , den größten deutschen Dichter nach Goethe , herablassend urtheile , er sei nur ein reizender Idylliker ! Neulich noch habe Leonhart sich darüber mokirt , daß Scheffel ins Irrenhaus gewandert sei , weil ihm die dargebrachten Huldigungen der undankbaren deutschen Nation nicht genügten , und daß der biedere Dichter die 46.-49 . Auflage seines » Ekkehard « mit großem Kostenaufwand selbst aufgekauft habe , um die 50. Jubiliäumsauflage zu ermöglichen . Auch sei die Fühlung des jungen Poeten zu dem Altmeister und dem » Ring der Nibelungen « nur gering . Das war für Luckner entscheidend . Nach dem Grundsatz , der heut die Welt regiert : Richard Wagner est asylum ignorantiae , versenkte sich der harmlose Knirps-Pimper ( wie Leonhart , dessen Verachtung stets drollige Naturlaute fand , ihn zu nennen pflegte ) in Musikkennerschaft , um sich über seine Dichterlähmung zu trösten . Für ihn schien das Welträthsel in Bayreuth gelöst . Wie der Bayreuther Meister des Größenwahns keinen Gott neben sich erkannte , so betrachtet auch die Wagner-Gemeinde jeden , der nicht auf ihre lächerliche Einseitigkeit schwört , als eine Art Heiden , und wer noch an die Möglichkeit anderer Weltpropheten glaubt , als Verbrecher . Der Richard Wagner-Humbug bildet ja gleichsam die symbolische Spitze für alle Großmannssucht unserer Zeit . Krastinik überlegte wie es schien , und sammelte vielleicht Erinnerungen an Aussprüche seines Meisters . Dann erwiderte er gemessen auf Dondershausens Frage : » Bei den Anderen , deren Schaffen trotz aller äußeren Geschlossenheit als innerlich zerstückelt wirkt , stehn wir immer in enge Kreise gebannt , mit beiden Füßen auf der Erde - das heißt auf den Brettern , welche die Welt bedeuten . Nie wird man bei ihnen die Empfindung des bloßen Theaterspielens los . Kombinirt Leonhart dramatische Gegensätze , so gehen sie stets in symbolische Tiefen hinab , während sich bei Anderen die Leute ganz handgreiflich-plump mit ihrem schrecklichen Edelmuth wie mit einer moralischen Ohrfeige drohen . Leonhart ' s Vorbild scheint offenbar Shakespeare , welcher auch in seinen realistischen Dramen überall Durchblicke ins Ewige eröffnet . So die Villegiatura von Belmonte im Kaufmann von Venedig . Dort zerreißt der Vorhang hinter dem Saal des Dogenpalastes , wo man über weltliches Recht und Unrecht streitet , und man erschaut das Ewige in der Mondnacht , wo Lorenzo mit Jessica träumt : Auch nicht der kleinste Stern , den Du da siehst , der nicht im Schwunge wie ein Engel singt . Was also ist dieser ganze kleine Erdball , mahnt uns der Dichter , dieser Stern unter größeren Sternen ! Ist aller irdische Streit nicht müßig ? « » Aber ich bitt ' Sie ! Shakespeare ! Ja , wer möchte den Herkules preisen , den Niemand tadelt - sagt ein lateinisches Sprüchwort . Shakespeare und Leonhart ! Wo liegt da der Zusammenhang ! Alle Achtung vor dessen Leistungen , aber - « » Was er ist und kann , können wir jetzt immer noch nicht beurtheilen , so großartig er auch schon als Gesammterscheinung sich darstellt . Denn er , der eigentliche deutschnationale Dichterrealismus , ringt augenblicklich noch mit sich selber , hat sich noch nicht zur letzten Lösung durchgerungen . Er thürmt Cyklopenmauern , hinter denen ein Riese seine Waffen thürmt . « Die verbündeten Eklektiker sahen den Grafen so dämlich an , wie die Ochsen vor ' m neuen Thor , so daß dieser sich jetzt eilig empfahl . Nur Holbach nickte langsam vor sich hin , indem er mit seltsam düsterem Ausdruck wieder ins Leere starrte . Seine löwenhafte Reckennatur verseuchte sich zwar durch und durch mit füchsischer Balancir-Verlogenheit eines Weltlings ; er repräsentirte gleichsam als Typus die Welt , also die Lüge . Aber das wirkliche Wohlwollen , das ehrliche breite Herz , das unter all der schwindelhaften Schauspielerei in seiner breiten Brust schlug , errieth intuitiv Manches und fühlte instinktive