scheinst . Das schneidet mir freilich fast das Herz ab und spricht allen meinen Wünschen ein Todesurteil , aber wenn sich die Welt dahin geändert hat , daß die Söhne eigenmächtig über ihr Schicksal entscheiden dürfen , nun , dann muß ich mich eben wohl oder übel fügen . Ein Rabenvater bin ich doch nicht , - das soll mir die Mutter noch abbitten . « Robert lachte zum erstenmal wieder . Er hatte es ja schon längst geahnt , daß die liebe alte Mutter dem starrköpfigen Mann solange zugesetzt hatte , bis er endlich mürbe geworden , in den langen Rock gefahren und davongeeilt war , dem zum zweitenmal flüchtigen Sohn nach . Nun hatte sich ja alles zum besten gewendet , und während der ganzen Fahrt berichtete Robert vom Vergangenen und Zukünftigen , erkundigte sich Meister Kroll nach allen Einzelheiten so genau und wurde so lebhaft gesprochen , daß den beiden die Fahrt wie im Flug verging . Die Mutter wachte noch , sie hatte heißen Kaffee gekocht und frische Semmeln herbeigeholt , auf dem Tisch stand Roberts Teller von früher her , seine Tasse , sein Besteck , - viele Worte wurden nicht gesprochen , aber es war wie Weihnachten bei den drei Menschen in dem kleinen Häuschen . Und dann mußte sich Robert in das Bett legen , in dem er als Kind geschlafen hatte , die beiden alten Leute aber schlichen leise auf den Zehenspitzen umher . Die Mutter hantierte geräuschlos in der Küche , als ob eine ganze hungrige Kompanie Soldaten bewirtet werden sollte , und Meister Kroll saß mit gekreuzten Beinen auf dem uralten Thron seiner Väter und nähte emsig . Das Maß zu dem neuen Anzug aber hatte er an den Kleidern seines Sohnes genommen . Und Robert selbst ? - - Er schlief , und im Traum erblickte er ein liebes , bekanntes Gesicht . Der Geisterseher von der Antje Marie beugte sich über ihn herab , aber jetzt nicht mehr ernst und trübsinnig wie früher , sondern lächelnd , heiter lächelnd . Nach wenigen Stunden wußte ganz Pinneberg , daß Robert Kroll wieder da sei . Man umdrängte ihn , er wurde der Held des Tages , man staunte und hörte zu mit allen Ohren , wenn er von seinen wunderbaren Erlebnissen sprach . Jetzt hatten alle diese guten Leute vorausgesehen , daß das so kommen mußte , niemand hatte je an dem Wiedererscheinen des Ausreißers und an seiner Tüchtigkeit gezweifelt , sondern jeder erinnerte sich , gerade dieses glückliche Ende mit Sicherheit vorausgesehen zu haben . Robert erhielt Einladungen über Einladungen , die er aber fast alle ablehnte , bis auf einen Besuch , den er wirklich gern machte . Als die Hamburger Polizeibehörde das für Robert bestimmte Päckchen des gestorbenen französischen Gefangenen nach Pinneberg weitergeleitet hatte , fand sich nicht allein das ganze Geld , sondern auch ein umfassendes , reumütiges Geständnis des ersten und zweiten Diebstahls , so daß Robert in den Augen seiner Eltern vollständig gerechtfertigt war . Es blieb nur die eigentliche Flucht und die Zwangsanleihe von sechzig Talern , die Robert niemals zu Gesicht bekommen hatte , - beides aber wurde ihm und war ihm längst von Herzen vergeben . Meister Kroll wickelte die Banknoten wieder in das Papier . » Da , mein Junge « , sagte er , » geh hin und bring das Geld den Eltern deines Freundes . Die alten Leute haben im Armenhause eine böse Zeit verlebt , so daß ihnen die Erlösung aus solchen Verhältnissen wohl zu gönnen ist . Wir können ' s ja tun , und nebenbei - - ich mag auch das einmal Gestohlene gar nicht besitzen . Der Georg war ein Spion , weiter nichts , er hatte sich mit Absicht zum Gefangenen machen lassen , um hier die Lage und Stärke der Armee auszukundschaften und dem Feinde zu hinterbringen . Mit solchen Dingen wollen wir nichts zu schaffen haben . « Robert nahm dankbar das Geld und ging hinaus vor den Ort , um es im Armenhause Gottliebs alten Eltern zu überreichen . Er sagte aber , daß es von ihrem Sohn komme , und sparte auf diese Weise den armen Leuten das schwere Wort des Dankes . Als er nach Hause zurückkam , fand er dort den Schein des Landwehrbezirkskommandos , der ihn sofort nach Kiel rief , um von dort aus mit einem für den Schutz der Handelsschiffe nach dem Mittelmeer bestimmten Dampfer an Bord des Kanonenbootes » Meteor « gebracht zu werden . Das Schiff lag im Hafen von Havanna , und sein Kommandant , Kapitänleutnant Knorr , hatte kürzlich telegraphisch um etwa zehn Mann Verstärkung gebeten , zu denen auch Robert gehören sollte . Der Abschied von den Eltern war zwar schwer , aber er war das , was man einen gesunden Schmerz nennt , und wurde deshalb leichter ertragen . Acht Tage später war Robert , von den Segenswünschen seiner Eltern begleitet , schon wieder auf hoher See . Auf dem » Meteor « An Deck des Kanonenbootes Meteor im Hafen von Havanna standen zehn Marinesoldaten und vor ihnen der Kommandant des kleinen Fahrzeuges , Kapitänleutnant Knorr . Er hatte besonders einen der Ankömmlinge ständig im Auge , und erst als die anderen neun nach ihren persönlichen Verhältnissen gefragt waren , wandte er sich an diesen letzten . » Sie wollen also als Freiwilliger eintreten ? « Robert - denn er war es - bemühte sich , eine möglichst militärische Haltung einzunehmen . » Nur kurze Zeit zu früh , Herr - « » Keine lange Rede ! « unterbrach ihn der Offizier etwas barsch . » Ja oder nein ? « Robert errötete bis unter die Haarwurzeln . Dieser Ton war keineswegs nach seinem Geschmack . » Ja ! « antwortete er mit erzwungener Ruhe . Über das wetterbraune Gesicht des Offiziers flog ein Lächeln . » Die Antwort heißt in diesem Fall künftig Zu Befehl ! « belehrte er und fuhr dann fort : » Welchen Grad haben Sie in der Handelsmarine erreicht ? « » Ich bin Leichtmatrose , Herr - « Die ungeduldige Hand hob sich mit dem Notizbuch schon wieder zu halber Nasenhöhe . » Bootsmann ! « rief der Offizier . Der Gerufene erschien in vorschriftsmäßiger Haltung . » Zu Befehl , Herr Kapitänleutnant . « Der Offizier begann auf und ab zu wandern . » Da schickt man uns von Kiel einen Freiwilligen « , sagte er halb seufzend . » Hole der - - « » Na , Bootsmann , nehmen Sie ihn mit und geben Sie ihn einem der Maaten zum Einpauken . Ist das ein - - hm , ich meine , daß die Reservebataillone an Land schon mit allem , was Freiwilliger heißt , ihre Not haben , aber auf See - - « Er hielt wieder inne , und ein neuer ärgerlicher Blick streifte den unwillkommenen Gast . » Die anderen Leute werden als Matrosen eingestellt « , fügte er hinzu . » Mit dem Freiwilligen müssen Sie mir bei allen Dienstmanövern ganz fortbleiben , Bootsmann , bis er wenigstens nichts mehr verdirbt und keinen Anstoß erregt . Sorgen . Sie dafür . « » Zu Befehl ! « antwortete der Bootsmann , und ein Wink seiner Hand beorderte die Ankömmlinge unter Deck . Die schon geschulten Matrosen konnten den Weg dorthin bereits ohne Mühe allein finden , während Robert , etwas enttäuscht und trotzig , stehen blieb und wartete , was man ihm weiter befehlen werde . Der Bootsmann schien es unter seiner Würde zu halten , den Freiwilligen besser zu bewillkommnen , als es der Kapitänleutnant selbst getan hatte . Er kümmerte sich um ihn weiter nicht mehr , sondern rief in den Raum des Zwischendecks hinein einen einzelnen Namen : » Gerber ! « Darauf erschien einer der Bootsmannsmaaten , dessen Gesicht Robert auf den ersten Blick bekannt vorkam . Er fragte sich , wo ihm diese gutmütigen blauen Augen schon einmal begegnet sein konnten . Er mußte den Mann kennen . » Gerber « , sagte der Bootsmann , » in Ihrer Backschaft fehlt ja ein Mann , seit wir die Cholera an Bord hatten , nicht wahr ? - Na gut , da haben Sie ihn , aber so wie er geht und steht . Den Kriegsschiffsmatrosen müssen Sie ihm erst beibringen . Soll tüchtig gezwiebelt werden und nicht mit an Deck , bis er die Sache versteht . « Der blonde Maat begnügte sich damit , zu nicken . » Komm hierher , mein Junge « , sagte er , » erst laß dir in der Kombüse deine Back füllen , und dann wollen wir weiter sehen . Sind ja alle einmal grüne Jungen gewesen , meine ich . « Und mit diesen , für Robert nicht gerade schmeichelhaften Worten führte er ihn zu dem Platz , wo künftig sein Kleidersack hängen sollte und wo er das angeschraubte flache Schränkchen erhielt , das mit 35 Zentimeter Länge und 25 Zentimeter Breite das ganze Eigentumsgebiet des einfachen Matrosen an Bord eines Kriegsschiffes darstellt . » Da hast du deine Nummer und deine Uniform « , sagte er , » hier die Reservestücke und hier die Waffen . So , das wäre das . Eigentlich müßte ich dich mit Sie anreden , die Instruktion will es so , aber das ist mir zu offiziell , und wenn wir außer Dienst sind , geht es keinen Deubel was an . So - du da , Röder , geh mal mit ihm , daß er seine Back gefüllt kriegt . Wie heißt du denn , mein Junge ? « Robert nannte seinen Namen und nahm sich vor , diesen gemütlichen Vorgesetzten demnächst zu fragen , wo er ihm früher schon begegnet sein könne , vor der Hand aber ließ er sich die gute und reichliche Mahlzeit des preußischen Marinesoldaten vom Koch verabfolgen , obwohl er nur wenig essen konnte . So ganz anders hatte er sich die Sache vorgestellt ! Er hatte geglaubt , daß jeder Freiwillige mit offenen Armen aufgenommen werde , und tatsächlich war die harmlose Äußerung des Maaten , daß ja doch am Ende jeder einmal ein grüner Junge gewesen sei , das Höchste , was man ihm zum Schutz gegen ein unverhülltes Mißfallen der Vorgesetzten überhaupt noch zugestand . Robert war einfach wie aus allen seinen Himmeln gefallen . Trotzdem aber mußte er ein ruhiges Gesicht zeigen . Die Dienstvorschrift an Bord erlaubte keinerlei Ausnahmen , das wußte er nur zu genau , und fort von hier konnte er jetzt unter keiner Bedingung . Seine Begeisterung war zwar keineswegs geringer geworden , aber er hatte sich eben alles so anders vorgestellt , wie es in Wirklichkeit war . Niemand dankte dem Freiwilligen , daß er gekommen war , sondern er wurde wie eine Art nicht zu vermeidende Belästigung mit guter Miene ertragen , mehr schienen die Leute nicht tun zu können . Als er gegessen hatte , näherte sich Robert seinem neuen Vorgesetzten . » Ist es vielleicht möglich , daß ich Sie schon früher einmal gesehen habe , Maat ? « fragte er . » Das kann schon sein , mein Junge . Wie heißt du doch gleich ? Ach ja , Kroll , ich weiß schon , ist mir aber leichter , wenn ich dich Nummer Acht nenne , das macht sich so gut und bleibt immer dasselbe , wenn auch der Mann einmal wechselt , wie es uns kürzlich in Venezuela passierte , als die Cholera an Bord kam . - Aber was wolltest du noch ? « » Wo ich Sie vielleicht schon einmal gesehen haben könnte , Maat ? « » Ja , Kerl , da besinne dich einmal . Leg dein Gehirn in die Weiche , wie wir bei uns zu Hause sagen . Ich bin in der halben Welt herumgekommen , auf Handelsschiffen und auf unserer Flotte . Vielleicht kennst du mich vom Blitz her . « Vom Blitz ! - Jetzt erinnerte sich Robert sofort , jetzt wußte er , wo ihm das gutmütige Gesicht schon früher begegnet war . » Maat « , rief er , » erinnern Sie sich noch an die Tage , als das Kanonenboot Blitz auf der Elbe vor Neumühlen ankerte ? Damals kam ein Junge zu Ihnen an Bord , wissen Sie es nicht mehr ? « Der Unteroffizier nahm die Tonpfeife aus dem Munde . » Oho , Nummer Acht , also das warst du ? Der Schneider , dem ich mein Schiff und mein Buch schenkte . Nun beichte nur gleich alles , du Tunichtgut , bist doch richtig durchgebrannt , nicht wahr ? « Robert nickte . » Ja , richtig durchgebrannt , aber ich habe auch dafür einstehen müssen und möchte das , was ich dabei erlebt habe , nicht noch einmal durchmachen . Jetzt ist die ganze Geschichte vergeben und vergessen , mein Vater hat mich für den Eintritt in die Armee mit Geld und Kleidung ausgerüstet und war auch von Herzen einverstanden , daß ich wieder zur See gehen wollte . « Der Unteroffizier legte zwei Finger an die Schläfe , als grüße er respektvoll . » Das mag ich leiden von dem Alten « , sagte er , » dein Vater ist ein ganzer Mann . Da kommst du wohl direkt von Hause , Nummer Acht ? « » Geradewegs , Maat , und ich soll nun hier meine Ausbildung nachholen . Bitte lassen Sie mich alles an Bord so rasch wie möglich kennen lernen , damit ich bei einem Gefecht schon mit dabei sein darf . « Der Unteroffizier berührte Roberts Brust mit der Spitze seiner Tonpfeife . » Du bist ein Wildfang erster Klasse . Aber tröste dich ! Wenn es zum Kampf kommt , so kannst du auch ohne Befehl und Kommando mit einspringen , das sage ich dir jetzt schon . « Roberts Herz klopfte schneller . » Haben wir dazu Aussichten , Maat ? « fragte er . » Hm , das kann man nicht wissen . Kommt uns ein französisches Schiff vor die Rohre , so greifen wir es an , dafür sind ja die Kanonen an Bord . « Robert lachte . » Zeigt sich denn keins hier in der Nähe ? « fragte er . » Nicht die Bohne , mein Junge . Aber warte nur ab , bis die Geschichte soweit ist . Ich muß dir ja erst beibringen , wie man ein Geschütz bedient oder mit dem Seitengewehr umgeht . Und das will ich dir nur gleich sagen , Nummer Acht , wenn ich beim Exerzieren mal ein bißchen ungemütlich werden sollte , dann mußt du dir dabei nicht das Geringste denken . Es ist so Gewohnheit und tut den Burschen gut . « Robert lachte wieder . » Wollen Sie gleich anfangen , Maat ? « fragte er . Der Unteroffizier schüttelte den Kopf . » Nee ! « erwiderte er gleichmütig . » Nee ! Bis zwei Uhr gehört uns die Mittagszeit , und davon beißt bei mir die Maus keinen Faden ab . Du wirst übrigens von der Geschichte bald genug haben , das verspreche ich dir . Jetzt aber laß uns eine Partie Dame spielen , um die Ehre natürlich , was dich aber nicht abhalten soll , wenn wir einmal zusammen an Land gehen , ein paar Knöpfe springen zu lassen . Karten sind an Bord verboten . « Robert fügte sich dem Wunsch des freundlichen Maaten , obwohl er selbst eigentlich lieber das Schiff und alle seine Einrichtungen einer genauen Besichtigung unterzogen hätte . Aber auch während der Partie konnte er einiges über seine neue Laufbahn erfahren . » Wo sind denn hier die Kojen der Mannschaft ? « fragte er . Der Maat überlegte rauchend , mit in der Luft schwebendem Arm , seinen nächsten Zug . » Die Kojen , mein Junge ? - Hierhin oder dorthin ? Hm ! Ich schlage dir zwei Mann , hast du ' s gesehen ? Und beim nächsten Zug springe ich bis in die Ecke und setze den dritten Stein übereinander , verstanden ? - Und von Kojen sprachst du ? Aber Junge , im ganzen Schiff ist keine einzige . « Robert sah zweifelnd hinüber . » Aber wo schläft man denn ? « fragte er . » In Hängematten , mein Sohn . Sie wird dir zugeteilt , wenn du Freiwache hast , und du mußt sie später sauber wieder aufrollen und an Deck in den Finkennetzkasten legen . Wird dir Schweiß genug kosten , alles zu lernen , und unser erster Leutnant ist noch dazu ein Scheuerteufel durch und durch , kann ich dir sagen , aber das bleibt unter uns . « Robert erschrak einigermaßen . » Scheuern « , wiederholte er , » tun das denn nicht die Schiffsjungen und Leichtmatrosen allein ? Ich denke , wer Soldat ist - - « Der Unteroffizier sah ihn mit einem sorgenvollen Blick an . » Du « , sagte er , » Nummer Acht , wenn du klug bist , so denkst du gar nicht , sondern hörst und tust , was man dir sagt . Scheuern müssen alle , und wenn sie - na , wenn sie - des Großmoguls Söhne wären . Übrigens schlage ich dir hier deinen vorletzten Mann . « Die Partie war demnach für Robert verloren , und auch bei der zweiten erging es ihm nicht besser . Dann aber begannen die Übungen mit den Handfeuerwaffen . Heute und abwechselnd auch an den folgenden Tagen sollte jedoch Robert ganz allein die ihm noch vollständig neuen Handgriffe nachholen , während die übrigen Matrosen aus Gerbers Abteilung auf die anderen Bootsmannsmaaten verteilt wurden und dort die längst bekannten Übungen wiederholten . Das waren für den leidenschaftlichen , ungestümen Robert zuerst sehr qualvolle Tage . Immer wieder dieselben gleichgültigen Handgriffe ausführen , immer wieder Einzelbewegungen machen wie ein Kind , das seine Glieder gebrauchen lernt , und dabei nicht sprechen , nicht das tun , was man wollte , ja , nicht einmal sich verteidigen , wenn der gemütliche Maat aus seiner urfreundlichen Stimmung gelegentlich ganz heraus und in einen Eifer hineingeriet , der sich durch einen Schwall aller erdenklichen Kraftausdrücke Bahn brach . Robert sträubte sich innerlich dagegen . Er war ein Freiwilliger , er diente aus Begeisterung für die gute Sache des Vaterlandes , und doch konnten Kapitänleutnant und Offiziere diese Behandlung , die er sich gefallen lassen mußte , mit anhören , ohne sich irgendwie in die Sache hineinzumischen . Das war unerhört und warf auf den Militärdienst , wie Robert meinte , einen höchst verdunkelnden Schatten . Zwang und persönliche Unterordnung haßte er als Feinde seiner freiheitsliebenden Natur . Nach und nach aber sah er die Sache auch wieder mit ganz andern Augen und konnte nicht umhin , ihr eine Art widerstrebender Achtung entgegenzubringen . Alles so sauber geordnet , so bis ins Kleinste hinein durchdacht und danach eingerichtet , das entsprach zu sehr seinen eigenen Neigungen , um nicht bei vorurteilsloser Betrachtung auch von ihm gewürdigt zu werden . Nur daß der Einzelne kaum atmen durfte wie er wollte , sondern fast völlig Maschine war , das störte ihn immer noch äußerst empfindlich . Wenn Robert hörte , daß Deckoffiziere oder Kadetten den Offizieren mit » Zu Befehl ! « antworteten , dann empörte ihn das innerlich . Ein » Ja « oder » Nein « hätte auch genügt , meinte er , und wäre eines Mannes würdiger gewesen . Erst nachdem einige Wochen vergangen und Roberts aufrührerische Empfindungen ein wenig in das gewohnte Gleis zurückgekehrt waren , gewann er soviel geistige Freiheit , um sich nach einem Ausflug in die Umgegend zu sehnen . Nur etwa drei Stunden weit entfernt lag ja die Insel , auf der er sein erstes Abenteuer bestanden hatte , wo er so nahe am Tode vorbeigegangen war und wo unter den hohen Mangobäumen sein alter Freund den letzten Ruheplatz gefunden hatte . Er wollte Mohrs Grab sehen , bevor vielleicht der » Meteor « plötzlich durch irgendein Ereignis von hier abgerufen wurde , und zu diesem Zweck fragte er eines Tages seinen Vorgesetzten , ob es nicht möglich sei , auf kurze Zeit Urlaub zu bekommen . Der blonde Maat pfiff durch die Zhäne . » Das wird schwer halten ! « meinte er . » Aber ich bin doch ein Freiwilliger ! « rief Robert , » ich könnte morgen die Sache wieder aufgeben , wenn ich wollte ! « » Hui ! Wie das in die Wolken hineinfliegt ! Könnte morgen die Sache wieder aufgeben ! Daß du die Nase im Gesicht behältst , mein Junge ! Ich sage dir , du stehst unter dem Kriegsgesetz so gut wie jeder andere Soldat und kannst das einmal Abgemachte nicht wieder umstoßen . Ein Wort , ein Mann , du unruhiger Geist ! « Robert errötete . » Ich denke ja auch nicht daran « , erwiderte er hastig . » Aber was könnte es denn schaden , wenn ich einmal mit der Barkasse auf sechs bis acht Stunden nicht an Bord wäre ? « Der Unteroffizier schob vor Schreck die Mütze in den Nacken . » Das ist nicht schlecht , wahrhaftig ! Also auch die Barkasse sollte das Vergnügen mitmachen ! Da müßtest du ja wenigstens sechs Mann zur Bedienung haben ! « » Die will ich im Hafen schon auftreiben und bezahlen . Kleinere Boote sind für den Weg durch Klippen und Strudel nicht so recht zu brauchen . In der Nähe der Insel , die ich besuchen möchte , liegt ein unterseeisches , sehr gefährliches Korallenriff auf dem damals mein Schiff strandete , überhaupt führt ja der Weg dorthin über das offene Meer . « Gerber schüttelte den Kopf . » Das schlag dir gänzlich aus dem Kopf , Nummer Acht « , sagte er . » Dafür wirst du nie die Erlaubnis erhalten . « » Aber warum denn nicht ? Ich bitte Sie , warum nicht ? « Der Unteroffizier wiegte seinen ganzen Oberkörper hin und her . » Weil das eine Unmöglichkeit wäre , Nummer Acht , weil das - na - ich sage , es geht nicht . Wenn du mit der Barkasse spazieren fährst , so möchte ein anderer vielleicht an Bord eine Gesellschaft geben und der dritte sonst irgend etwas Ausgefallenes anstellen . Wer Soldat ist , der darf an solche Dinge nicht mehr denken . « Robert schwieg , aber der Gedanke ließ ihn nicht mehr los . Von den Franzosen zeigte sich nichts , an den täglichen Übungen nahm er jetzt zusammen mit den andern teil und hatte überhaupt das neue Leben an Bord des Kriegsschiffes etwas besser begriffen und sich hineingelebt , daher plagte ihn die Langeweile ebensosehr , wie es seinen Trotz herausforderte , so vollständig ohne eigene Tatkraft zu sein . Auf hoher See wäre noch alles anders gewesen , aber im Hafen stillzuliegen , täglich mit dem ungeladenen Gewehr zu exerzieren und in den Freistunden auch noch einer strengen , militärischen Disziplin unterworfen sein , das war gräßlich . Eines Tages , als Robert zur Steuerbordwache gehörte und wie gewöhnlich abends um acht Uhr seine Hängematte erhielt , hatte er seinen Plan fertig und in allen Einzelheiten vorbereitet . Der Mond schien fast taghell , das Meer lag ruhig und glatt wie ein Spiegel , - kurz , es lockte ihn unwiderstehlich hinaus . Er schlief nicht , obwohl es seine nächsten Nachbarn glauben mußten , sondern erwartete mit pochendem Herzen den Augenblick , wo das Trillern der Bootsmannspfeife im Zwischendeck ertönen und der Ruf Ronde ! Ruhe im Schiff ! auch das letzte Wort unter der Mannschaft ersticken würde . Endlich war es soweit , er drehte geschickt die Kleider seines Nebenmannes so , daß der Schimmer der großen Sicherheitslaterne nicht direkt auf seine Hängematte traf , und dann stand er behutsam auf . Die Ronde war vorüber und die Wache verteilt , - tiefe Stille herrschte im ganzen Schiff . Robert fuhr geräuschlos in die Kleider und kroch an Deck , ohne bemerkt zu werden . Hier oben war er geborgen , obgleich eigentlich jetzt das Schwierige seines Unternehmens erst begann . Aber er hatte vorgesorgt . Der Mann , der am Bug Wache hielt , war auch ein Holsteiner , ein naher Landsmann und sehr arm , er sah also für einige Taler gerade zufällig nach der andern Seite , als Robert über Bord kletterte , da wo die Jolle bereitlag , ihn an ein größeres Fischerboot zu bringen , das häufig zwischen dem Hafen und den Inseln kreuzte . Ebenso sollte der Holsteiner , wenn um zwölf Uhr nachts die neue Wache mit Namen aufgerufen wurde , für seinen Landsmann antworten , - Gerber tat nichts , um die Geschichte laut werden zu lassen , das wußte Robert , und davon war auch der andere überzeugt , sonst hätte er sich wohl gehütet , auf den gefährlichen Handel einzugehen . Der gemütliche Maat würde zwar in aller Stille Donner und Wetter fluchen , den Ausreißer noch Spießruten laufen und kielholen lassen , aber dabei doch die ganze Geschichte bis an die letzten Grenzen des Möglichen vertuschen , dafür kannten ihn alle . Und Robert dachte nicht einmal so weit . Er wollte nur erreichen , was ihm auf dienstlichem Wege nicht erlaubt wurde , und schlug zu diesem Zweck die Folgen gänzlich in den Wind . Wie er am vorhergehenden Tage den Fischer hierher beordert hatte , so sprang er jetzt in die Jolle , nur mit weißem Leinenzeug bekleidet , das Herz voll froher Hoffnung , unbekümmert um das , was daraus entstehen konnte . Er atmete förmlich auf , als das leichte Fahrzeug unter ihm tanzte und der Wind ihm spielend durch die Haare fuhr . Nach kurzer Fahrt stieg er von der Jolle in das größere Segelboot über , und nun ging es mit dem Wind aus dem Hafen hinaus . Der Fischer kannte den Weg , den er nehmen mußte , ganz genau , also war nach kaum zwei Stunden das Eiland , das Robert früher bewohnt hatte , in Sicht . Noch wenige Minuten , dann stießen sie auf das sandige Ufer , und Robert konnte den Boden betreten , der einst für ihn fast zum Grab geworden wäre . Taghell schien der Mond , ein frischer Wind fuhr durch die Zweige , und Robert lief am Ufer entlang , um zuerst das Grab des alten Matrosen aufzusuchen . So bekannt war das alles , so unverändert , er hätte den Weg auch ohne den Mond gefunden . Aber hier unter den Bäume , wo der Geisterseher schlief , war es in der Tat dunkel ! Die Wellen spielten in der stillen Bucht , die uralten Mangos neigten ihre Zweige bis auf den Wasserspiegel herab , und ringsumher wuchs es in üppiger Fülle . Robert ließ ein Streichholz aufflammen , entzündete die schon dafür mitgebrachte Wachskerze und schützte das Licht mit der Hand . Hunderte von Blumen blühten dort , wo Mohr begraben lag , und der Wind spielte leise in den dichten Blättern . Wo war die Blüte , die Robert vor zwei Jahren zum Abschied hier gepflückt hatte ? - Er dachte mit Grauen an den Augenblick , der sie vernichtete , als ihn hoch oben am Nordkap die Eismassen und das spritzende , halberstarrte Wasser auf den Strand warfen . » Lieber alter Geisterseher , wüßtest du , was dein Freund , der kleine Schiffsjunge , inzwischen alles erlebt hat , seit er hier an dieser Stelle dir dein letztes Bett grub ! « Die Nähnadel aus Fischgräten lag jetzt in Pinneberg und war heimlich Meister Krolls kostbarstes Besitztum , eine Art Reliquie , die zugleich zeigte , was für ein tüchtiger Kerl sein Sohn und welch ein unentbehrliches Gerät die kleine Nähnadel war - aber die Blume , die Robert getrocknet hatte , ging damals verloren . Heute steckte er in den kleinen Brustbeutel des Spaniers eine frische , schöne Blüte , ehe er noch einmal mit langem Abschiedsblick das Grab überflog . Die Zeit drängte , er wollte ja auch noch die andere Insel wiedersehen , wo er unter Räubern und Mördern gelebt hatte , obwohl ihm der Fischer abriet , dort an Land zu gehen . Die Piraten bewohnten noch immer ihren Schlupfwinkel , und man konnte doch nicht voraussagen , ob sie ihn als Verräter betrachten und zulassen würden , daß er lebend zum zweitenmal die Insel verließ . Aber wiedersehen wollte er das Dach , unter dem er einstmals Schutz gefunden hatte . Das Fischerboot nahm seinen Kurs wieder auf , es glitt durch die engen Wasserstraßen zwischen den einzelnen kleinen Inseln und kam auch bis an die flache Küste , wo Rafaeles Fahrzeuge lagen , wo von weitem sein Wohnhaus unter den Bäumen zu erkennen war und die Hunde ein lautes Gebell erhoben , als sich das fremde Boot dem Strande näherte . Auch hier war alles , wie es Robert verlassen hatte , damals , am Tage des Messerkampfes zwischen den beiden Räuberbanden , als das französische Schiff für ihn zur Rettung wurde . Wie sich doch die Verhältnisse geändert hatten ! - Jetzt hätte kein Fahrzeug der Grande Nation wagen dürfen , den Weg des » Meteor « zu kreuzen , es wäre sofort angegriffen worden . Wie sehnten sich die preußischen Blaujacken danach , wie hofften sie an jedem Morgen , daß auch sie endlich zum Kampf kommen würden . Und Robert selbst war ja der Ungeduldigste , gerade er konnte am allerwenigsten den Augenblick erwarten , wo es » losgehen « würde , er freute sich maßlos auf das erste Gefecht . Aber dazu schien ja noch immer keine Aussicht . Der » Meteor « lag tatenlos an seinen Ankerketten , während die Landarmee Sieg auf Sieg erfocht . Alle paar Tage kamen Zeitungen an Bord , man las mit