eben so geschrieben : Ich bringe euch nicht den Frieden , sondern den Krieg ! Und wie ich für mein Theil danach getrachtet habe , den Frieden hier zu Lande nicht zu stören , so vermag ich vor meinem Gewissen den jüngeren Streiter nicht darob zu tadeln , daß er von heiliger Stätte die Gemeinde warnte , daß er ihr die Gefahren zeigte , welche ihr drohen , daß er verkündet hat , was ihm sein Herz geboten ! Es kommt für Jeden einmal der Tag , an dem er mit unserem Martin Luther rufen muß : Hier stehe ich ! Ich kann nicht anders ! Gott helfe mir ! Amen ! Der Pfarrer hatte die Hände gefaltet , er war sehr gerührt . Seit Jahren hatte er sich mit dem Gedanken getragen , daß es ihm einmal beschieden sein könne , nach dem Vorbilde des herrlichen Paul Gerhard von Heimath und Amt vertrieben zu werden ; jetzt fühlte er sich dem Augenblicke nahe , und seine Erschütterung würde zu jeder anderen Stunde auf seinen Patron ihre Wirkung nicht verfehlt haben , denn des Freiherrn Herz war leicht bewegt und die kirchlichen Streitigkeiten waren ihm bei seiner religiösen Gleichgültigkeit im Grunde sehr verhaßt . Aber er sah auch in dieser ganzen Angelegenheit nur eine Auflehnung gegen seine gutsherrliche Macht , und bitter , wie sein Ton es gegen den Pfarrer heute von Anfang an gewesen war , sagte er : Lassen Sie die Beispiele und die Bibel-Citate ! Was ich mit Ihnen abzumachen habe , dazu finde ich den Ausdruck in mir selbst , und wenn denn einmal durchaus die Bibel die Belege liefern soll , so mag das Wort Ihnen und der Gemeinde zur Richtschnur dienen , daß Jedermann der Obrigkeit unterthan sein soll , die Gewalt über ihn hat ! - Er machte eine kurze Pause und sprach danach : Ich bin Herr auf Richten , in Rothenfeld und in Neudorf ! Die Kirche in Neudorf ist mein ! Sie haben Ihr Amt von mir , Sie wohnen in meinem Hause , auf meinem Grund und Boden , unter meiner Jurisdiction ; die Leute , welche Ihre Gemeinde bilden , sind von mir abhängig , zum großen Theile mir hörig - bedenken Sie das wohl ! - Ich hindere Sie in Ihrem lutherischen Bekenntnisse nicht ; beten Sie , singen Sie , predigen Sie , wie Sie wollen - das ist Ihnen und meinen Leuten von den Staatsgesetzen gewährleistet ! Aber merken Sie es sich : wo Sie es sich beikommen lassen , etwa auch einmal als Glaubensstreiter , von Ihrem Gewissen getrieben , meine religiöse Freiheit auf meinem Grund und Boden anzutasten , da hört Ihre religiöse Freiheit auf , da beginnt meine gutsherrliche Machtvollkommenheit , und - der Freiherr wurde roth vor Zorn - daß der Gotthard sich nicht unterfängt , sich jemals wieder innerhalb meiner Grenzen blicken zu lassen .... Herr Baron ! fiel der Pastor ihm in die Rede , Herr Baron ! - Die Stimme versagte ihm , und wie der Zorn des Freiherrn Wange geröthet , hatte der Schrecken das Antlitz des Greises entfärbt . Aber er nahm sich zusammen , und mit ruhiger Würde an den Freiherrn herantretend , sagte er : Es ist ein Amt des Friedens , das der Herr in meine Hand gelegt hat . Ich habe es bis hieher verwaltet nach bestem Wissen und Gewissen , und ich hatte fest gehofft , in demselben fortarbeiten zu können bis an meinen Tod . Indeß Gott hat es anders beschlossen . - Er hielt aufs Neue inne , und mit bebender Stimme , aber dem Freiherrn ruhig in das Auge sehend , sprach er : Menschenfurcht soll die letzten Tage meines Lebens nicht entehren . Ich werde meinen Sohn nicht abweisen von der Thür seines Vaterhauses , auch wenn er irrte und sein heiliger Eifer ihn zu weit geführt hat ; ich werde ihm und mir nicht Schweigen auferlegen , wo der mir anvertrauten Heerde Gefahr zu drohen scheint , und - bin ich doch der Einzige nicht , dessen Bleiben hier fürder nicht mehr ist ! Er verneigte sich tief und wollte sich zum Gehen wenden . Der Freiherr hielt ihn nicht zurück . Thun Sie ganz nach Ihrer Ueberzeugung , sprach er , aber verlassen Sie sich darauf , daß ich mir hier Ordnung und Gehorsam schaffen werde ! Der Pfarrer ging still hinweg . Der Freiherr sah ihm mit kaltem Auge nach . Meine Läßlichkeit hat es verschuldet ; sie fühlen sich alle hier als Herren ! Es war Zeit , ein Ende damit zu machen und die Zügel in die eigene Hand zu nehmen , sagte er zu sich selber , während er nach der Uhr sah . Dann klingelte er und befahl , das Abendbrod herzurichten und die Frau Herzogin zu benachrichtigen , wenn es geschehen sein würde . Der Pfarrer aber fuhr , als er vom Schlosse kam , im Amthofe vor . Er wollte Fassung gewinnen , ehe er seine greise Lebensgefährtin wiedersah ; er mußte auch einen Menschen haben , zu dem er sprechen konnte , denn in sich zu verschließen , was ihn bestürmte und bedrängte , bis er nach Neudorf kam , das , fürchtete er , würde über seine Kräfte gehen . Und der Adam hatte es ja auch erlebt . Und offene Arme , offene Herzen , und ein volles Mitgefühl empfingen den schwer gekränkten Mann . Man hatte die Heimkehr des Freiherrn gescheut , man hatte es mit Besorgniß angesehen , daß er so plötzlich und unangemeldet eingetroffen , und doch kam Allen unerwartet , was geschehen war . Sie waren im Amte dem Gotthard eben nicht freund ; sie gönnten es ihm , daß sein Hochmuth eine gründliche Lection erhielt ; aber den Pfarrer , den Greis , den sie zu verehren gelernt von Kindesbeinen an , so herzzerrissen zu sehen , das betraf sie selber tief . Sie mochten ihn nicht allein in die Pfarre zurückkehren lassen , denn allerdings , der Amtmann wußte , was es heißt , die Schwelle eines heimathlichen Hauses zu betreten , das man bald für immer meiden soll . Man ließ den Knecht , welcher den Pastor gefahren , zu Fuße gehen , man rückte zusammen , und Alle fuhren sie , so spät es war , mit dem Pastor : der Amtmann , die Eva und der Architekt . Die Pfarrerin hatte , die Minuten zählend , am Fenster gestanden , seit ihr Mann durch die Botschaft des Freiherrn abgerufen worden war . Sie wußte nicht , was sie denken sollte , als der Wagen voll Gäste vor ihrer Thüre hielt ; sie konnte nicht fassen , was geschehen war , als man es ihr meldete . Sie weinte , sie klagte , sie schalt den Sohn , sie tadelte ihren Gatten , daß sie sich nicht fügsamer gezeigt , und nannte doch gleich darauf den abwesenden Sohn ihres Lebens Stolz und Freude , und dankte Gott , daß er ihrem Manne Kraft verliehen , als sein Streiter auszuharren bis zum Ende . Der Pfarrer setzte sich nieder , seine Gedanken zu sammeln . Er wollte dem Sohne schreiben , seine Meldung an das Consistorium machen , aber ihm fehlte noch die Ruhe für solch ein Thun , und Adam hielt ihn auch davon zurück . Warten Sie , Herr Pfarrer , warten Sie bis morgen , bat er . Es war ein Anderes zwischen dem Freiherrn und zwischen mir ; ich stand für mich allein , Sie stehen für Ihr Amt ; ich konnte gehen , Sie müssen zu bleiben trachten , oder wollen Sie sich freiwillig einen Nachfolger hieher setzen lassen , der sich dem Willen der Herrschaft besser fügt , der Herrendienst dem Gottesdienst voranstellt ? Die Pfarrerin trat schnell auf Adam ' s Seite . Sie hoffte , der Freiherr werde in sich gehen , die gütige Baronin werde wiederkehren und vermitteln ; sie meinte , Gotthard könne , auch ohne seinem Gewissen etwas zu vergeben , sich einlenkend an den Freiherrn wenden . Sie wollte von dem Amtmanne , von Herbert , von Eva und von ihrem Manne Zuspruch haben ; aber sie hatten sich alle über den Freiherrn zu beschweren , und wie vermochte man ihm beizukommen , was hatte man noch weiter mit ihm zu befahren ? Man konnte zu keinem befriedigenden Abschlusse gelangen , und es war schon spät , als man sich trennte . Das Gewitter war vorüber , die Wolken hatten sich zertheilt , der Mond stand hell am Himmel und goß sein volles Licht über die blühenden und duftenden Lindenbäume vor des Pfarrers Thüre , von denen unter dem leisen Windhauche die Regentropfen niederfielen . Die Nachtigall , welche in den Büschen rechts vom Hause nistete , lockte und flötete in langen Tönen durch die stille Nacht , man sah die Falter langsam schweben , die Mondesstrahlen glänzten und zitterten in dem leicht bewegten Teiche , von dem der Nebel silbern in die Höhe stieg . Der Pfarrer und seine Frau begleiteten ihre Gäste vor das Haus hinaus . Nach dem Unwetter und neben ihrer Aufregung wirkte die friedensvolle Schönheit der Natur doppelt stark auf sie . Der Greis sah mit stillem Blicke um sich her . Dann nahm er sein Käppchen von dem weißen Haar , und seiner Frau Hand in seine gefalteten Hände schließend , sprach er , an die Dichtung seines Vorbildes Paul Gerhard denkend , fromm und gläubig , während es feucht in seinen Augen schimmerte : Der Sonne , Mond und Winden Weist ihre eig ' ne Bahn , Der wird auch Wege finden , Da mein Fuß wandeln kann ! Eilftes Capitel Wie es herumgekommen , das wäre nicht leicht zu sagen gewesen , aber am folgenden Morgen um die Frühstückszeit wußten sie es in allen drei Dörfern , was geschehen war , und wer es etwa noch nicht erfahren hatte , der konnte doch an den finstern und sorgenvollen Mienen der Leute sehen , daß sich etwas Schlimmes ereignet hatte und Schlimmes zu befürchten war . Es hatte den Freiherrn nicht schlafen lassen in der Nacht , und wider seine Gewohnheit war er früh am Morgen nicht zur Herzogin gegangen , sondern hatte sich gleich an die Geschäfte gemacht . Der Justitiarius war lange bei ihm gewesen und dann in das Amt gegangen . Er wollte dem Adam erzählen , daß der Freiherr selbst der Gerichtsverhandlung beizuwohnen denke , was er sonst nie gethan , und daß er die Sitzung schon auf morgen anberaumt habe . Sie schüttelten beide die Köpfe dazu , aber sie sprachen wenig ; es ging ihnen zu nahe . Während dessen war der Freiherr nach Rothenfeld gefahren , um jetzt , bei ruhigem Wetter , den dort angerichteten Schaden in Augenschein zu nehmen . Er wollte die Statue hergestellt haben , ehe die Berka ' s kämen , und wünschte diesen Besuch auch nicht allzu weit hinausgeschoben zu sehen , eben weil er ihm lästig war . Es drängte sich so Vieles zusammen , was geordnet und abgethan werden mußte , und wie er sich auch vorsetzte , sich davon nicht beunruhigen zu lassen , gab es ihm doch etwas Hastiges , das seinen Leuten auffiel und das mit seiner schönen , würdigen Gestalt gar nicht zusammenstimmte . Als er in Rothenfeld vor der Kirche seinen Wagen verließ , sah er Herbert mit dessen jungem Gehülfen aus dem Portale derselben heraustreten . Dieses zufällige Zusammentreffen war grade , wie er es sich wünschte , und leicht den Hut lüftend , während die beiden ihm entgegen kamen , sagte er : Sehen Sie diesen Vandalismus ! Ich erwarte in Nächstem die Baronin zurück , habe auf den Besuch ihrer Familie zu rechnen und mag der Heimkehrenden und den Gästen den Anblick dieser wüsten Zerstörung nicht bereiten . Wie ist da Rath zu schaffen ? Herbert , welcher wie der Freiherr auch erst am vorigen Tage , und zwar wie dieser kurz vor dem Ausbruche des Unwetters in Rothenfeld eingetroffen war , hatte gleich am Morgen , noch ehe er die Arbeit in der Kirche in Augenschein genommen , die Gruppe besichtigt und die Stücke , welche man abgeschlagen , hereinbringen lassen , um zu untersuchen , ob man sie anzupassen und so die Gruppe herzustellen hoffen dürfe . Glücklicher Weise hatte Adam gleich nach geschehener That die abgeschlagenen Stücke bis auf die Splitter zusammensuchen lassen , und da Herbert sich aus Neigung viel mit plastischen Entwürfen beschäftigt hatte und obenein der Modelleur noch anwesend war , welcher die Stuckverzierungen über dem Altare angebracht , so waren , noch ehe der Freiherr gekommen , schon die nöthigen Verabredungen getroffen worden , und dieser durfte sich also der Aussicht hingeben , wenigstens diesen Schaden so gut als möglich ausgeglichen zu sehen . Das heiterte ihn auf ; er nahm selbst die Fragmente zur Hand , paßte sie an einander , ertheilte Rathschläge wegen der Politur der Stellen , an denen die Restaurationen gemacht werden mußten , trat dann in die Kirche ein , und ihr Anblick befriedigte ihn , ja er übertraf seine Erwartungen . Man hatte innen wie außen die letzten Gerüste fortgenommen , der weite , hohe Raum zeigte sich frei und schön . Die Pfeiler strebten kräftig und doch leicht in die Höhe und trugen das Dach , dessen fein gegliederte Wölbung dem Auge , ohne es zu drücken , eine wohlthätige Schranke setzte . Ueberall waren die Verhältnisse so richtig eingehalten , das gebotene Material so geschickt benutzt , daß des Freiherrn Kennerblick sich mit sichtlichem Vergnügen in dem bis auf unbedeutende Ausschmückungen nun fast vollendeten Baue erging . Schön , sehr schön ! rief er mehrmals aus ; ich muß Sie loben , Herbert ! Sie verstehen Ihr Fach ; ich bin zufrieden ! - Nun nur schnell die letzte Hand ans Werk gelegt ! Wann meinen Sie , daß wir die Kirche weihen können ? Wenn der Holzschnitzer uns den Beichtstuhl liefert , wie er versprochen hat , und die übrigen Arbeiter ihre Zeit einhalten , so denke ich Ihnen heute in drei Wochen die Schlüssel des Baues überliefern zu können , sagte Herbert nach kurzem Besinnen . Gut , gut ! rief der Freiherr abermals , und plötzlich nachdenkend , fügte er hinzu : Wir haben heute den zehnten des Monats . In drei Wochen wollen Sie fertig sein . Lassen Sie uns , den störenden Zufälligkeiten ihren Raum gewährend , die Uebergabe des Baues , der Sicherheit wegen , erst am Schlusse der vierten Woche erwarten , so sind wir dem dreizehnten des Juli nicht allzu fern und mögen , die Weihung der Kirche auf diesen Tag verlegend - welcher der Namenstag der Herzogin , der Margaretha-Tag ist - , unserem Gäste eine Ehre damit erweisen und ihr Andenken dauernd mit unserem Baue verknüpfen . Er sah sich danach noch einmal in allen Theilen der Kirche um , betrachtete den Taufstein in der Sacristei , ließ sich das Gewölbe öffnen , welches man zur Familiengruft bestimmt , stieg die Treppe zum Thurme hinauf und oben um sich schauend , sagte er , als er den auf der Birkenhöhe errichteten Freundschaftstempel ebenfalls vollendet sah : Sehr brav ! In der That , Herbert , Sie haben sich wacker daran gehalten ! Die Freude , ein großes Unternehmen so wohlgelungen seinem Ende nahe zu sehen , ließ ihn vergessen , mit welchen Opfern dies erkauft war , und gab ihm plötzlich seine freie , vornehme Sorglosigkeit zurück . Er hatte sonst nichts so sehr geliebt , als heitere Gesichter um sich zu haben und Zufriedenheit um sich her zu verbreiten . Diese alte , schöne Neigung wallte auch jetzt wieder in ihm auf . Es fiel ihm ein , daß er ein Mittel habe , Herbert , wie er es wünschte , zu vergelten , ja , daß er ein Unrecht , eine Uebereilung und , was ihm schlimmer als dies Alles dünkte , einen Verstoß gegen die Klugheit ungeschehen machen könne , wenn er sich dieses Mittels richtig zu bedienen wisse . Er ging von einer Seite des Thurmes nach der anderen , bis er abermals der Birkenhöhe gegenüber stand , und dorthin schauend , wiederholte er : Sehr gut , sehr gut ! Sie haben mich in der That durchaus befriedigt und , fügte er mit leichtem Lächeln hinzu , es wird mir lieb sein , Sie gleichfalls zufrieden zu stellen . Herbert verneigte sich und sagte ablehnend : Herr Baron , ich habe nur gethan , was meine Pflicht war , was jeder Andere an meiner Stelle auch gethan hätte ! Wie bescheiden ! scherzte der Freiherr ; aber wir sprechen mehr davon . Sie können mich heute um fünf Uhr dort drüben erwarten , wo ich Sie hoffentlich wie hier zu loben haben werde . Herbert , der nicht gewillt war , sich von dem Manne , welcher ihm so schwer zu nahe getreten , als Gunst gewähren zu lassen , was Eva ' s freier Wille ihm in wenig Monaten zugestehen konnte , bedauerte , daß er auf die Ehre verzichten müsse , den Freiherrn auf die Höhe zu begleiten , und erst jetzt schien dieser es zu bemerken , wie kühl der Baumeister seine Lobsprüche aufgenommen , wie gemessen und wortkarg er ihm geantwortet hatte . Er sah ihn mit schnellem und prüfendem Blicke an und fragte dann : Was hindert Sie , mich drüben im Tempel zu erwarten ? Ich reise noch vor Mittag ab , gnädiger Herr ! Sie gehen nach der Stadt ? Nein , Herr Baron ! Der Freiherr zauderte , dann sagte er mit schlecht verhehltem Argwohn : Sie haben doch von der Krankheit der Baronin und von ihrem Aufenthalte im Flies ' schen Hause Nachricht ? Ja , Herr Baron , und eben deßhalb habe ich meine Zimmer dem Herrn Caplan zur Verfügung gestellt , da ich , so lange er dort weilt , nicht dahin zurückzukehren gedenke ! Der Freiherr verstand ihn . Wie ein Cavalier gehandelt ! dachte er ; aber es war ihm unangenehm , Herbert dieses Zugeständniß nicht versagen zu können , und noch widerwärtiger war ihm die Vorstellung , daß jener es für nöthig erachtete , die Baronin durch seine Zurückhaltung vor dem eifersüchtigen Verdachte ihres Gatten zu schützen . Ueberall , wohin er blickte , gewahrte er jene Annäherung des bürgerlichen Standes an den Adel , die sich nicht mehr zurückdrängen ließ , weil die fortgeschrittene Bildung die Kluft bereits ausgefüllt hatte , welche sonst die Stände von einander geschieden . Nur um es nicht errathen zu lassen , daß ihm in Herbert ' s Antworten etwas mißfallen habe , verlangte er zu wissen , wohin er gehe . Herbert versetzte , daß er bis morgen in Marienau beschäftigt sei . Das gefiel dem Freiherrn auch nicht . Was machen Sie dort ? rief er spöttisch . Hat Steinert in dem Schlosse denn nicht Platz genug ? Im Gegentheil , er findet es , wie die meisten Schlösser , weit größer , als das Gut es tragen kann ! gab Herbert , der seinen Unmuth und seinen beleidigten Stolz vor dem Freiherrn immer nur mühsam in Schranken hielt , ihm in gleichem Tone zur Antwort . Wir haben die Flügel des ruinenhaften Schlosses eingerissen , um einen Schafstall und eine Brennerei daraus zu bauen . Herbert sagte das mit sichtlichem Vergnügen , weil er wußte , daß es seinem Hörer nicht genehm war . Und schon wieder hatte dieser es vor Augen , wie der Bürgerstand sich in den Rittergütern einnistete , wie das Gewerbe sich ausbreitete , wo sonst ein Edelmann frei und stolz auf seinem Erbe saß , und wie Herbert sich mit voller Sicherheit schon zu den Steinerts rechnete . Um des Freiherrn gute Laune war es nun gethan . Er wiederholte kurz zusammenfassend seine Anordnungen und Befehle , hieß den Gehülfen sich am Nachmittage nach der Höhe begeben , und schied von Herbert mit der Bemerkung , daß er ihn bei der Abnahme des Baues noch sehen werde . Als er in das Schloß zurückkehrte , sagte man ihm , daß der Amtmann da sei , nach des Herrn Befehlen zu fragen . Es war das immer so gehalten worden , wenn der Freiherr längere Zeit von Richten entfernt gewesen war , aber dieses Mal handelte es sich um mehr als eine alte Sitte . Was bringt Er ? rief der Freiherr dem Amtmanne entgegen , da dieser die Anrede desselben abgewartet hatte . Adam trat näher an ihn heran und sagte mit einem sorgenvollen Ausdrucke : Ich habe nichts Neues zu bringen , gnädiger Herr , denn was hier geschehen ist , haben Sie durch den Herrn Caplan erfahren , und es ist nicht der Art , daß man es wiederholen mag . Aber - er zögerte , schien die rechte Form nicht gleich zu finden , und sagte dann mit Ueberwindung : Ich komme mit einer Bitte , gnädiger Herr ! Ah , rief der Freiherr , dem die demüthige Haltung des sonst so straffen Mannes nicht entging , sie haben Ihn abgesandt ! Der Amtmann schüttelte das Haupt . Es hat mich Niemand abgesendet und Niemand weiß davon . Ich komme auch nicht um meinetwillen , aber ich wollte Sie bitten , gnädiger Herr - halten Sie morgen nicht selbst Gericht ! Es war ihm sauer geworden , dies auszusprechen ; der Freiherr hatte offenbar auch eine ganz andere Bitte zu hören erwartet . Rathschläge , und nun gar unerbetene Rathschläge von seinen Untergebenen anzunehmen , war niemals seine Sache gewesen , und der Gedanke , daß Adam sich die Freiheit , ihn unaufgefordert zu berathen , nur gestatte , weil er bald aus seinem Dienste scheide , machte ihm die Warnung , denn auf eine solche hatte Adam es ja abgesehen , nicht willkommen . Er war eben daran , sie hart zurückzuweisen , aber der Ausdruck von anhänglicher Sorge , mit welchem der Amtmann auf ihn blickte , ließ den Freiherrn innehalten ; und erst nach einer Weile warf er die Frage auf : Wie kommt Er auf den Einfall , mir abzurathen ? Die bloße Frage gab dem Amtmanne Zuversicht , und aus fester Ueberzeugung sprechend , sagte er : Das ist kein Einfall , gnädiger Herr , denn ich würde mir nicht erlauben , Ihnen mit meinen bloßen Einfällen beschwerlich zu fallen . Aber der gnädige Herr kommen nicht so unter die Leute , wie ich , und können nicht wissen , wie es unter ihnen aussieht und was in ihren Köpfen spukt . Nun , mich dünkt , davon hätten sie mir jetzt den schlagendsten Beweis geliefert , rief der Freiherr , und eben deßhalb sollen sie dieses Mal die verdiente Antwort von mir selber haben ! Thun Sie das nicht , gnädiger Herr ! bat Adam dringender . Sie , gnädiger Herr , sind besser als unser Einer unterrichtet von dem , was draußen in der Welt geschieht ; aber es ist , als ob es durch die Luft verbreitet würde , denn dem ärmsten Käthner und Einlieger geht es im Kopfe herum , daß es anders und besser für ihn werden müsse . Er weiß , daß die Hörigkeit vieler Orten aufgehoben wird - er hat von Ablösungen und hat auch von schlimmen Dingen gehört , die auf einigen Gütern geschehen sind .... Und die Elenden würden geneigt sein , sich ein Beispiel daran zu nehmen , meint Er ? - Nun , versuch ' Er ' s - halte Er ihnen das gute Beispiel vor ! Dem Amtmanne stieg das Blut zu Kopfe , aber er biß die Zähne zusammen , damit das Wort des Zornes nicht über seine Lippen ginge , und mit erzwungener Gelassenheit sprach er : Wir Steinerts sind geringe Leute gewesen , gnädiger Herr , als der Herr Baron Erasmus Einen von uns zu seinem Verwalter gemacht hat , und wir sind auf dieser Herrschaft zu Etwas geworden und auf unsere Weise vorwärts gekommen . Das dürfen und werden wir nie vergessen ! Darum eben habe ich meine Dankespflicht erfüllen und - fügte er mit einer Weichheit hinzu , die dem kräftigen Manne sehr wohl anstand - meine Anhänglichkeit an den gnädigen Herrn , die auch nicht gleich zu Ende ist , weil man von einander geht , beweisen wollen , als ich heute herkam . Ich , gnädiger Herr , habe hier nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren , als Ihre gute Meinung , und nichts zu thun , als daß ich mein Gewissen wahre ! Die Rechtschaffenheit , die Treue und Herzensgüte des Amtmanns sprachen so unverkennbar aus jedem Worte , daß selbst die Voreingenommenheit des Freiherrn davor nicht Stich hielt , und wider seinen Willen bewegt , sagte er : Ich will es glauben , Er meint es gut ! Ja , bei Gott , ich meine es gut , und wir Alle haben es immer gut gemeint ! rief Adam . Aber gerade darum , gerade darum bitte ich Sie , lassen Sie es hier beim Alten . Es ist ein Segen , wenn der Arbeiter , auf dem die Lasten schwerer liegen als es gut ist , sich sagen kann : Wenn der Herr es wüßte - er würde helfen ! Es ist ein anderer Segen , wenn der Missethäter , dem das Gesetz gerecht wird , die Hoffnung hegen mag , der Herr werde Gnade walten lassen , wo der Richter nur die Strenge des Gesetzes auszuüben hat . Der Justitiarius und ich hatten uns schon erlaubt , dem Herrn Caplan an ' s Herz zu legen , daß er um Gnade für die Leute bitten möge . Zwischen dem Herrn , der die Macht hat , und dem Arbeiter und Hörigen , der die Lasten trägt , muß eine Schutzwehr sein für beide Theile , und dazu sind wir da . Auf uns , auf den Justitiarius und auf den Amtmann , sind seit allen Zeiten die Klagen und Beschwerden gefallen , und wir konnten sie tragen , denn wir forderten , richteten und straften nicht für uns . Wir hatten an den Herren einen Rückhalt , die Herren hatten in unserer Strenge und Gewissenhaftigkeit eine Entschuldigung , wenn man sich beschwerte , und die Leute hatten ihre Hoffnung auf der Herren Nachsicht und gnädiges Gewähren . So ist es gegangen all die Jahre her , wir sind fertig geworden mit den Leuten und die Leute haben in Liebe zu den Herrschaften hinaufgesehen , fast wie zum lieben Herrgott , denn wie zu diesem konnten sie zu jenen persönlich nicht so leicht heran . Lassen Sie es dabei , gnädiger Herr , stellen Sie sich nicht den Leuten selber gegenüber , es ist nicht gut für alle Theile , und wie die Leute nun hier einmal wider die neue Kirche und auch sonsten aufgeregt sind .... Er brach ab und sagte kurz : Thun Sie es nicht , gnädiger Herr , es kann ein Unglück geben ! Adam hatte nie zuvor seine Meinung in solcher Weise vor seinem Herrn auszusprechen gewagt und dieser nie eine ähnliche Auseinandersetzung von einem seiner Untergebenen angehört . Er ließ Adam eine Weile , ohne ihm zu antworten , stehen , sei es , daß dessen Worte doch mehr Eindruck auf ihn gemacht hatten , als er zu zeigen für gut befand , oder daß er mit sich nur über den Bescheid zu Rathe ging , den er Adam geben wollte ; dann sagte er : Er hat mir Seine Ergebenheit beweisen wollen , und das lobe ich . Ich danke Ihm dafür , und wenn Er mich künftig einmal brauchen sollte , werde auch ich mich daran erinnern , daß die Steinerts lange in unseren Diensten gewesen sind . Im Uebrigen beurtheilt Er die Dinge , wie Er sie versteht , und Er hat ' s ja selber eingestanden , daß ich sie besser verstehen und also anders ansehen muß , als Er . Eben daß die Leute immer von Einem an den Anderen appellirten , hat das ganze Regiment gelockert . Es hat Jeder drein geredet - zuletzt sogar der Gotthard . Habe ich das Regiment , und ich denke es in die Hand zu nehmen ganz und gar , da hat ' s mit dem Hin und Her ein Ende , und das thut endlich Noth ! Er setzte sich nach diesen Worten an den Schreibtisch nieder , so daß er Adam den Rücken zudrehte , wandte sich dann noch einmal zu ihm zurück , um ihm einen Auftrag an den Gärtner zu geben , der auf dem Kirchenplatze einige Aenderungen machen sollte , fragte nach dem Ertrage der Heuernte und ob Adam im Stande sein würde , zu einem bestimmten Zeitpunkte gewisse Zahlungen zu leisten ; dann entließ er ihn . Sie wollen nicht hören , sie wollen sich nicht helfen lassen ! dachte Adam , aber es that ihm wohl , daß er sich das Herz erleichtert und das Seinige gethan hatte . Von dem Pfarrer zu reden , für ihn eine Fürbitte um der Gemeinde willen einzulegen , wie er es vorgehabt hatte , dazu war er gar nicht gekommen . Indeß wie Alle , die ein gutes Ziel im Auge haben , gab er seine Hoffnung nicht leicht auf , und es war nun die Ankunft des Caplans , auf die er sich vertröstete . Konnte der auch nichts ausrichten , ließ der Freiherr sich gar nicht bedeuten , dem greisen Pfarrer den Weg der einlenkenden Verständigung zu eröffnen , mußten die alten Leute wirklich von Neudorf fort , nun , so hatte Eva Recht , so gab es in dem Hause zu Marienau Raum genug , den greisen Freunden der verstorbenen Eltern ein warmes Plätzchen zu bereiten und die alten Leute durchzuhalten , bis Gotthard sie einmal in seine Pfarre führte . Für