, goß sich etwas Eßbouquet mehr als gewöhnlich auf sein Batisttaschentuch und schritt leicht und frei durch die Thür , die ihm der Vielgewandte pflichtschuldigst öffnete . Auch die Baronin fühlte sich nicht wenig erleichtert , als sie im Laufe des Morgens keine Veränderung in Helenens Betragen oder auf ihrem Gesicht , in ihren großen Augen zu erblicken vermochte . Die Baronin war heute Morgen ganz besonders zuvorkommend gegen Helene . Indessen war das Mittagsmahl nichts weniger als belebt , obgleich Felix sein ganzes Unterhaltungstalent aufbot . Der alte Baron hatte sich persönlich nach Bruno ' s Befinden erkundigt und war ärgerlich , daß noch immer nicht nach dem Doctor geschickt war ; wenn auch heute Nachmittag ein Wagen in die Stadt führe , verschiedenes zu der großen Gesellschaft morgen Benöthigtes zu holen , so sei das kein Grund , weshalb nicht einer von den Leuten heute Morgen hätte hinreiten können . Die Baronin war verstimmt über diesen ihr in Gegenwart der Andern ausgesprochenen Tadel , und meinte , sie habe freilich nicht bedacht , daß es sich um Bruno handle , der allerdings größere Ansprüche machen dürfe , wie zum Beispiel sie selbst , die an einem sehr heftigen Kopfweh leide , oder Felix , der ebenfalls die ganze Nacht und den ganzen Vormittag unwohl gewesen sei . Helene hob die Augen kaum von ihrem Teller und öffnete kaum einmal den Mund ; und die Augen der kleinen Marguerite waren heute noch verweinter , als in den vorhergehenden Tagen . Felix und Malte sprachen sich nach und nach auch aus , und zuletzt war es so stumm um den Tisch her , daß die Diener nicht wußten , wie sie nur leise genug auftreten sollten . Die Baronin und Felix blieben nach Tische allein , da der Baron sich ausnahmsweise auf sein Zimmer zurückgezogen . Felix hatte während der Mahlzeit überlegt , ob er nicht doch besser thäte , das Ereigniß von gestern Abend - natürlich nach seiner Auffassung - zu erzählen , bevor Bruno Gelegenheit habe , sich gegen irgend Jemand , Oswald ausgenommen , darüber zu äußern . So benutzte er denn das tête-à-tête mit der Baronin , ihr mitzutheilen - versteht sich , lachend und mit der Bitte , die curiose Geschichte nicht weiter gelangen zu lassen - wie er gestern Abend durch den hellen Mondschein verlockt worden sei , noch etwas im Garten zu promeniren , wie er Bruno in einer höchst eingenthümlichen Weise um die Fenster Helenens habe schleichen sehen , wie er den Jungen zu Bett geschickt habe , darüber mit ihm in Streit gerathen , mit dem Fuße ausgeglitten , hingefallen und für einen Augenblick der Besiegte gewesen sei . Natürlich nur für einen Augenblick , dann habe Bruno die verdienten Schläge erhalten , und die würden wohl auch der Grund seiner heutigen Krankheit sein . Die Baronin fühlte sich durch diese humoristische Schilderung einer sehr ernsten Begegnung auf das unangenehmste berührt . Ihre Befürchtungen betreffs des Briefes regten sich wieder . Bruno zur Nachtzeit unter Helenens Fenster ? was hatte er da zu thun ? Der Umstand sah sehr verdächtig aus . Wenn Bruno den Brief gefunden hätte ! wenn er gestern Abend die Absicht gehabt hätte , ihn Helenen wieder zuzustellen ! Die Baronin stöhnte bei diesem entsetzlichen Gedanken . Was haben Sie , liebe Tante ? O nichts . Ich seufze nur über das Unglück , welches uns dieser Stein in ' s Haus brachte . Wenn ich etwas in meinem Leben bedaure , so ist es , den Menschen nicht am ersten Abend wieder fortgeschickt zu haben , wie ich wirklich große Lust hatte . Es hat nicht leicht Jemand einen so unangenehmen Eindruck auf mich gemacht , wie dieser junge Mann . Aber Tante , so holen Sie doch nach , was Sie an jenem ersten Abende leider versäumten : jagen Sie ihn fort . Ich begreife wahrhaftig nicht , weshalb Sie so viel Umstände mit ihm machen . Die Baronin wollte nicht sagen , daß sie die tausend Thaler nicht verschmerzen würde , welche Oswald contractlich zu fordern hatte , wenn ihm im ersten Jahre seines Engagements gekündigt würde . Ehe sie indeß eine Antwort bereit hatte , ertönte auf dem Flur die quäkende Stimme des Pastor Jäger , der sich nach » der gnädigen Herrschaft « erkundigte . Einen Augenblick später trat seine Hochehrwürden an der Seite seiner Gemahlin in ' s Zimmer . Es bedurfte keines besonders scharfsinnigen Auges , um sofort zu sehen , daß etwas ganz Außerordentliches dem würdigen Paar begegnet sein mußte . Der Pastor trug den ganz neuen schwarzen Frack , den er nur bei den feierlichsten Gelegenheiten anzuziehen pflegte , und Primula hatte eine äußerst malerische Verzierung von Kornähren an ihrem gelben Strohhute , so daß sie heute noch eine Schattirung gelber aussah , wie gewöhnlich . Der Blick des Pastors suchte vergeblich die gewohnte Demuth zu heucheln ; die runden Brillengläser selbst glitzerten triumphirend ; und was Primula betrifft , so hatte sich ihr poetisches Gemüth jetzt von allem Erdenrest befreit ; sie durfte scheinen was sie war . Ich komme , gnädige Baronin , sagte der Pastor , Anna-Maria galant die Hand küssend , einmal , mich nach Ihrem und der lieben Ihrigen werthen Befinden pflichtschuldigst zu erkundigen , sodann , Ihnen die Mittheilung eines Ereignisses zu machen , das wir - ich darf ja wohl sagen wir , meine edle Gönnerin ? - schon lange freilich erwarteten , erhofften , will ich lieber sagen , dessen endliches Eintreffen uns indeß doch wohl Alle überrascht . Ich bin als Professor nach Grünwald berufen worden . Vorläufig extraordinarius , sagte Primula , aber der ordinarius wird wohl nicht lange auf sich warten lassen . Auch ist mir die Stelle eines Vormittags-Predigers an der Universitätskirche so gut wie gewiß . Warum nicht : gewiß ? Jäger ; sagte Primula ; ich dächte , das Schreiben des Professors Dunkelmann ließe nur eine Auslegung zu . Ei , das sind ja herrliche Nachrichten , meine lieben Freunde ; sagte die Baronin ; erlauben Sie , daß ich Ihnen meinen Neffen , Baron Felix , vorstelle - Herr und Frau Pastor , wollte sagen : Professor Jäger , lieber Felix - das sind ja herrliche Nachrichten . Also endlich ! Nun , ich habe es ja immer gesagt ; über kurz oder lang mußte es doch kommen ; freilich wir verlieren viel ; aber das Glück der Freunde muß uns theurer sein , als der eigene Vortheil . Nehmen Sie meinen herzlichsten Glückwunsch entgegen . Auch den meinigen , sagte Felix . Danke , meine gnädige Frau ; danke , Herr Baron , danke , danke ! sagte der Pastor , sich vergnügt die Hände reibend ; ja , ja ! unverhofft kommt oft , und gehofft kommt auch wohl einmal . Als meine letzte größere Schrift , in welcher ich den eigentlichen Wortlaut des Titels eines verloren gegangenen Werkes des Kirchenvaters Philochrysos bis zur Evidenz nachwies , in allen kritischen Journalen eine so - ich darf wohl sagen - außerordentliche Anerkennung fand , konnte ich den Erfolg mit ziemlicher Gewißheit zum voraus angeben . Wann werden Sie uns denn verlassen ? Nun zu Michaelis spätestens ; wahrscheinlich aber noch früher ; ich werde für das Wintersemester drei private Vorlesungen , eine publice und gratis , und endlich eine über die verloren gegangenen Schriften des Philochrysos , privatissime und gratis ankündigen . Du nimmst Dir zu viel vor , Jäger , zu viel ! hauchte Primula in zärtlichen Tönen : o diese Männer , diese Männer ! jeder ist ein Prometheus , der den Himmel stürmen möchte . Wer hat mich denn zu meinem kühnen Streben begeistert , wenn nicht Du ? sagte der Pastor , Primula dankbar die Hand drückend . Schießen Sie mit der Pistole ? fragte Felix , um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben . Nun , ein wenig ; ich will sagen : so viel wie gar nicht . Ich war wohl früher auf der Hasen- und Hühnerjagd nicht ganz unglücklich - omen in nomine , ha , ha , ha ! - aber seitdem das Consistorium sich sehr energisch gegen diese lärmenden Vergnügen ausgesprochen hat , liegt das Eisen müßig in der Halle - um mit dem Dichter zu sprechen . Du kannst jetzt in Deiner Eigenschaft als Professor der edlen Waidmannskunst wohl wieder obliegen , Jäger ; sagte Primula . Ha , ich denke es mir herrlich , so mit vorgestreckter Pistole einem Wildschweine gegenüberzutreten . Ich würde indessen Ihrem Herrn Gemahl rathen , sich zu dieser Jagd mit einer Büchsflinte , und wo möglich auch einem Hirschfänger zu versehen , sagte Felix lachend ; aber im Ernst , Herr Professor , wollen Sie ein wenig mit mir nach der Scheibe schießen ? Gewiß , gewiß ! rief der Pastor aufspringend ; ich stehe zu Ihren Diensten , zu Ihren Diensten . Der Pastor war blaß geworden ; aus seiner Aufregung zu schließen , hätte man glauben sollen , es handle sich um ein Duell auf Leben und Tod . Willst Du nicht doch lieber bleiben ? sagte Primula , welcher plötzlich die Sache in einem sehr bedenklichen Lichte erschien . Du bist heute nicht so ruhig wie sonst ; wenn Dir ein Unglück passirte , gerade jetzt , wo Du dem Ziel Deiner Wünsche so nahe bist ; Jäger , ich ertrüge es nicht ; und die Dichterin brach in Thränen aus und klammerte sich an ihren Gemahl an , dessen Anstrengungen , sich von der süßen Last zu befreien , keineswegs sehr energisch waren . Gustava , murmelte er ; liebes Gustchen , es ist weniger gefährlich , als Du denkst . Sind Ihre Pistolen mit einem Stecher versehen , Herr Baron ? Allerdings ; sagte Felix , den diese Scene nicht wenig amüsirte . Wenn sie gestochen sind , dürfen Sie nicht niesen , oder ich stehe für nichts . Bleibe , bleib ' , mein Jäger ; flehte Primula . Es wird nicht so gefährlich sein , sagte der Pastor mit bleichen Lippen . Das meinte neulich auch Kamerad von Schnabelsdorf , sagte Felix ; nehmen Sie sich in Acht , Schnabelsdorf , sagte ich . - Dummes Zeug , sagte Schnabelsdorf , und faßt die Pistole an der Mündung . Im nächsten Augenblick war er um einen Finger ärmer . Dies entscheidet ; sagte Primula , sich emporrichtend ; Jäger , Du bleibst , ich befehle es Dir . Befasse Dich nicht mit Dingen , die Du nicht verstehst . Pistolenschießen ist kein Kinderspiel . So triftigen Gründen wußte selbst ein so geistreicher Kopf , wie der des Pastors , nichts entgegenzusetzen . Er ließ sich wieder in seinen Stuhl sinken und sagte , sich den Schweiß mit dem Taschentuch von der Stirn wischend : Sie sehen , Herr Baron : Ehestand ist Wehestand . Wenn Sie einmal erst verheirathet sind , wird der glänzende Cavalier auch vor dem umsichtigen Hausvater zurücktreten müssen . Aber , wie ist mir denn , man darf ja wohl gratuliren ? Und der Pastor ließ den Kopf erst auf die rechte Schulter sinken , um die Baronin anzulächeln ; sodann auf die linke , um Felix dieselbe Gunst zu erweisen . Fragen Sie in ein paar Tagen wieder nach ; erwiederte die Baronin ausweichend . Was ich sagen wollte : so ist ja jetzt durch Ihre Ernennung der Verlust , welchen die Universität durch Berger erlitten hat , mehr als ausgeglichen . Ihre Vocation steht doch mit jenem Ereigniß in keinem Zusammenhang ? In keinem directen wenigstens , sagte der Pastor , obgleich ich nicht in Abrede stellen will , daß Berger seinen Einfluß nicht zu meinen Gunsten angewendet haben würde , und somit immerhin seine Erkrankung für mich ein nicht ungünstiges Zusammentreffen der Umstände genannt zu werden verdient . Hat man denn gar keine Vermuthung , wie dies so plötzlich gekommen ist ? fragte die Baronin . Nun , meine Gnädigste , plötzlich können wir wohl so eigentlich nicht sagen ; erwiederte der Pastor , sein Gesicht in die ernstesten Falten legend und seine Mundwinkel herabziehend ; ich gestehe , daß mich dies Ende in keiner Weise überrascht hat und daß ich den Professor im Grunde stets für mindestens halb wahnsinnig gehalten habe . Wer mit Berger behauptet , daß alle sogenannten Beweise von dem Dasein Gottes , des allmächtigen Schöpfers Himmels und der Erden , auf einen Trugschluß , eine petitio principii hinausliefen , der ist schon wahnsinnig , auch wenn er noch scheinbar wie ein Vernünftiger spricht . Wer über die geheiligten Institutionen des Königthums von Gottes Gnaden und des Erbadels freventlich spotten , sie Ueberreste einer barbarischen Zeit , die hinter uns liegt , nennen kann , der ist schon toll , obgleich er Professor ist und Collegia vor einem überfüllten Auditorium liest . Ich weiß es wohl , daß geschrieben steht : richtet nicht , auf daß ihr nicht gerichtet werdet ; aber ich kann mich dennoch , diesen Fall erwägend , nicht entbrechen zu sagen : Dies ist der Finger des Herrn . Wie wär ' s mit einer Partie Kegel , Herr Pastor ? sagte Felix , der in der offenen Thür gestanden und nicht zugehört hatte . Mit Vergnügen , rief der Pastor , auf diese Kugeln verstehe ich mich . Ich war meiner Zeit in Grünwald ein famoser Kegelschütze . Nach dem Kaffee , lieber Felix , sagte die Baronin ; ich habe noch mit dem Pastor über einige ernste Dinge zu sprechen . - Ist es nicht entsetzlich , lieber Pastor Jäger , daß wir den Zögling eines so abscheulichen Menschen in unserem stillen Hause haben ? daß ich die unschuldige Seele meines Kindes solchen Händen anvertrauen soll ? Um Himmelswillen ! rathen Sie mir , wie werde ich den Menschen auf eine passende Weise wieder los ? Sie können ihn nicht ohne Weiteres fortschicken ? Wir haben uns gegenseitig auf vier Jahre verbindlich gemacht , und wenn wir nun also - Ich versteh ' , ich verstehe , sagte der Pastor , der Anna-Maria ' s Geiz sehr wohl kannte ; hm , hm ! wir müßten einen Grund haben , hm , hm ! es ist jetzt eine Verordnung vorbereitet , nach welcher die Hauslehrer ein Zeugniß des Pfarrers ihres betreffenden Kirchspiels über ihre Religiosität und Moralität beizubringen haben . Wir wollen es Herrn Doctor Stein schwer machen , ein solches beizubringen ; und der Pastor lächelte schlau . Wissen Sie schon das Neueste , meine Herrschaften , rief Felix , ein Billet , das ihm soeben von dem Bedienten , welcher das Kaffeeservice in die Laube trug , übergeben war , in der Hand haltend : Cloten hat sich mit der kleinen Breesen verlobt ; hier schickt er mir , als seinem besten Freunde , die erste Karte ; die Anderen kriegen erst morgen welche . Ich kann Ihnen ein Paroli biegen , sagte der Pastor . Wer , denken Sie , gnädige Frau , daß seit gestern Abend wieder hier ist ? Nun ? Frau von Berkow . Nicht möglich ! Ich weiß es ganz genau . Sie hat , einem schon vor seiner Krankheit geäußerten Wunsch ihres Gemahls zufolge die Leiche desselben von Fichtenau hierher schaffen lassen . Der Sarg kommt noch in dieser Nacht , um morgen von mir auf dem Faschwitzer Kirchhof eingesegnet zu werden . Dann können wir die schöne Frau wohl nicht zu unserem Ball morgen einladen . Aber Felix ! sagte die Baronin mit einem vorwurfsvollen Blick . Der Kaffee steht in der Laube , meldete der Bediente . So kommen Sie , meine Lieben ! sagte die Baronin . Vierundfünfzigstes Capitel Unterdessen hatte Oswald an Bruno ' s Bette böse , angstvolle Stunden verlebt . Bruno ' s aufgeregtes Wesen in der letzten Zeit hatte ihn schon mehr als einmal ernstlich besorgt gemacht . Die Ausbrüche leidenschaftlicher Heftigkeit , wie Oswald sie an Bruno von den ersten Wochen ihres Zusammenlebens kannte und die dann eine Zeit lang fast gänzlich aufgehört hatten , waren jetzt häufiger und gewaltiger als je . Ein Widerspruch , das Mißlingen eines Unternehmens , einer Arbeit , eine verletzende Aeußerung über Tisch aus dem Munde der Baronin - waren hinreichend , die Dämonen in ihm zu entfesseln . Vergebens , daß Oswald ihn bat und beschwor , diese Heftigkeit abzulegen , durch die er sich seinen Feinden gegenüber so viel vergebe , die es seinen Freunden oft unmöglich mache , für ihn Partei zu ergreifen - ich kann nicht anders , war seine stete Antwort ; es kommt über mich mit einer Gewalt , der ich nicht zu widerstehen vermag . Es kocht in mir auf , es nagt an meinem Herzen , es hämmert in meinen Schläfen und dann weiß ich nicht mehr , was ich spreche oder thue . - Wenn dann Oswald sagte , er könne , wenn er nur wolle , so antwortete er trotzig : schilt mich nur auch , wie die Anderen ; mache nur gemeinschaftliche Sache mit den Anderen . Ich will keine halben Freunde ; wer nicht für mich ist , der ist wider mich . - Dann , wenn er sah , wie er Oswald durch diese und ähnliche Reden gekränkt hatte , warf er sich stürmisch in seine Arme und bat ihn unter heißen Thränen um Verzeihung . - Habe Mitleid mit mir , rief er . Du weißt nicht , wie grenzenlos unglücklich ich bin . - Vergebens , daß Oswald in ihn drang , zu sagen , ob er irgend etwas Besonderes auf dem Herzen habe ? ob die wilde Sehnsucht in die Ferne , von der er früher so gefoltert wurde , jetzt wieder in ihm übermächtig sei ? - Ich weiß es selbst nicht , sagte Bruno ; ja , ich möchte fort , weit , weit von hier , um nimmer wieder zu kehren ; und dann möchte ich doch auch wieder nicht fort , nein , nicht fort , nicht um Alles in der Welt ; ich weiß es nicht : ich glaube , ich möchte am liebsten sterben . Oswald rieth hin und her , was denn nur die Ursache dieses sonderbaren Zustandes sein möchte ; aber wie nahe er auch manchmal der Wahrheit kam , den eigentlichen Kern des Geheimnisses , das der Knabe in der tiefsten Tiefe seines Herzens vor Jedem , vielleicht vor sich selbst , scheu verbarg , entdeckte er doch nicht . Er tröstete sich mit dem Gedanken , daß ja die Zeit des Uebergangs aus dem Knaben- in das Jünglingsalter für Alle eine Periode innerer und äußerer Stürme zu sein pflege , und daß bei so mächtigen Naturen , wie Bruno , die Revolution verhältnißmäßig gewaltiger sein müsse . Er hatte oft mit Bruno über Verhältnisse gesprochen , die dem erschlossenen Auge nicht länger verborgen bleiben können , denn er hielt es für die heilige Pflicht eines Erziehers , gerade in diesem Punkte der wühlenden Neugier , dem grübelnden Scharfsinn des Neophyten entgegenzukommen , und ihm die Thür zum Heiligthum der Natur lieber zu erschließen , als zuzugeben , daß der Jünger durch Schuld zur Wahrheit gelange . Er wußte , daß Bruno ' s Sinn edel und sein Herz rein . Er war nach dieser Seite hin vollkommen ruhig ; er ahnte nicht , daß Bruno , edel und rein wie er war , mit allen Kräften seiner starken Seele , mit der ganzen Gluth der eben erst erwachten Sinnlichkeit , mit der stummen Verzweiflung einer ersten Leidenschaft , die keine Erwiederung findet und finden kann , seine schöne Cousine liebte . Er hatte Helene nie vorher gesehen . Als er vor drei Jahren etwa in das Haus seiner Verwandten kam , war das junge Mädchen schon in der Pension . Es wurde selten in der Familie von ihr gesprochen , und vielleicht erregte gerade dies und noch mehr der Umstand , daß , wenn man von ihr sprach , es meistens in sehr kühlen Ausdrücken geschah , Bruno ' s Aufmerksamkeit . Der Verlassene ahnte in der Verbannten eine Leidensgefährtin . Nach und nach gestaltete sich für ihn das sehr undeutliche Bild der Entfernten zu einer Art von Ideal , einem Inbegriff von allem Schönen und Herrlichen , das seine reiche Phantasie erträumte . Der Name Helene , in dessen weichem Klang er sich berauschen konnte , wie in dem Duft der Hyacinthe , trug nicht wenig dazu bei , ihm diese Gestalt seiner Einbildungskraft lieb und theuer zu machen . Dann waren auch Zeiten gekommen , wo er dem Cultus der schönen Unbekannten untreu geworden war , wo er in Tante Berkow den höchsten , vollendeten Ausdruck des » ewig Weiblichen « zu erkennen glaubte , wo er sich durch ein freundliches Wort Melitta ' s , für ein : Du lieber Junge ! für ein Streicheln seiner Haare von ihrer lieben weißen Hand unbedenklich in jede Todesgefahr gestürzt haben würde . Gerade in der ersten Zeit von Oswald ' s Anwesenheit in Grenwitz hatte seine Liebe zu Tante Berkow in der Blüthe gestanden . Melitta ' s um ein paar Jahre jüngeren Knaben hatte er ebenso wie einen jüngeren Bruder behandelt , wie ihm die jugendlich schöne Mutter oft nur wie eine ältere Schwester erschienen war . Da Melitta gerade in jener Zeit häufig nach Grenwitz herüberkam , und Bemperlein , um seinem Julius Gesellschaft zu verschaffen , den Umgang der Knaben auf ' s eifrigste protegirte , so fehlte es Bruno nicht an Gelegenheit , Tante Berkow zu sehen , ihr hundert kleine Pagendienste zu leisten , ihr in den Sattel zu helfen , Bella oder Brownlock eine halbe Stunde umher zu führen , mit der Reitpeitsche , dem Federhut und den Handschuhen hinter ihr zu stehen , wenn sie danach fragte . Tante Berkow war in dieser Zeit sein drittes Wort , und Oswald hatte es sich gern gefallen lassen , wenn ihm Bruno lange Geschichten erzählte , in denen Tante Berkow immer die erste Rolle spielte . Melitta hatte vielleicht nicht wenig dazu beigetragen , daß Bruno in Monaten ein Stadium der Entwickelung zurücklegte , zu welchem weniger feurige Naturen fast eben so viele Jahre brauchen . Sie hatte sich in ihrer Harmlosigkeit des Irrthums schuldig gemacht , zu glauben , daß sie einen Knaben , der schon beinahe Jüngling war , noch als Kind behandeln dürfe , daß sie sich mit ihm kleine Freiheiten erlauben könne , die schon in ganz kurzer Zeit ganz große Freiheiten gewesen sein würden . Sie hatte nicht bedacht , daß die Sinnlichkeit in dieser Zeit ein Schlaf in der Morgendämmerung ist , den die leiseste Störung verscheuchen kann ; daß die Begierde in dieser Periode wie ein Feuer ist , das in grünem Holze langsam fortglüht und bei dem geringsten Windstoß in heller Lohe emporflammt . Sie würde außer sich gewesen sein , wenn man ihr gesagt hätte , daß sie in aller Unschuld einer Unschuld gefährlich gewesen sei . Und doch war es der Fall . Melitta selbst sah zuletzt ein , daß sie Bruno nicht länger , wie sie es bisher gethan , mit Julius oder auch nur mit Malte auf eine Stufe stellen dürfe ; und wenn sie jetzt » von den Knaben « sprach , so meinte sie damit vorzüglich die beiden letzteren . Sie hatte angefangen , Bruno wie einen Freund , wie einen jungen Bruder zu behandeln , wie einen Pagen , den man noch halbe Frauendienste thun läßt , von dem man aber weiß , daß man sich im Fall der Noth auf sein muthiges Herz und seinen starken Arm verlassen könnte . Und in der That , ein Kenner würde in einem Ringkampf , in irgend einer athletischen Uebung unbedingt auf Bruno gegen viel ältere und scheinbar gefährlichere Gegner gewettet haben . Die classische Statue eines Merkur , oder jugendlichen Bacchus konnte nicht zarter gegliedert , nicht ebenmäßiger geformt sein , als Bruno ' s schlanker und bei aller Schlankheit starker Körper . Für Oswald war es schon eine Lust , den Knaben nur gehen zu sehen . Er war entzückt , wenn er Bruno beim Baden am Strande des Meeres beobachten durfte , wie der Knabe von einem Felsblock zum andern sprang , mit einer Sicherheit , die das Gefühl der Furcht gar nicht aufkommen ließ , bis er den am weitesten hinausliegenden erreichte , von dem er sich kopfüber in die Wellen stürzte . Dabei war für Bruno eine Gefahr nicht vorhanden , oder vielmehr : er wollte nicht , daß dergleichen für ihn existire . Wenn es irgend etwas auszuführen gab , das Andere auszuführen Anstand nahmen : ein durchgehendes Pferd aufzuhalten , eine Kirsche von dem obersten Gipfel eines hohen Baumes zu holen , über einen Graben zu springen , der ohne Brücke nicht passirbar schien , - Bruno mußte das Wagstück unternehmen ; er zitterte vor Verlangen , seine Wange glühte , er warf einen bittenden Blick auf die , welche er lieb hatte , und man mußte ihn gewähren lassen und ließ ihn gewähren , weil man sich sagte : er kann mehr als die Uebrigen . So war Bruno : ein Jüngling mehr , wie ein Knabe , mit einem Herzen , an dessen Feuer sich eine todte Welt hätte beleben können . So sah er Helenen . Und alle Melodien , die in ihm geschlummert hatten , erklangen , und Alles , was er bisher Schönstes und Lieblichstes geträumt hatte , stand wahr und wirklich , verkörpert vor ihm . Der Knabe traute seinen Augen kaum ; er war wie geblendet , wie trunken ; er war wie Jemand , der aus einem schönen Traum zur schöneren Wirklichkeit erwacht und nicht zu sprechen , ja kaum zu athmen wagt , um das , was er noch immer halb und halb für eine Sinnestäuschung hält , nicht zu verscheuchen . So ging er in den ersten Tagen nach der Rückkehr der Familie wie im Traum umher , gegen die Gewohnheit mild und freundlich gegen Alle . Dann aber verschwand die Traumesseligkeit und das Entzücken über die köstliche Wirklichkeit wurde zum Schmerz . Ruhe hatte er nie gehabt , und leicht war sein Herz nie gewesen ; aber jetzt folterte ihn eine Unrast , die ihm Schlaf und Hunger und Durst verscheuchte , die wie ein wildes Fieber in ihm brannte , und sein armes Herz war wie ein Mann , der , was er Liebstes und Theuerstes hat , auf seinen Schultern vor dem verfolgenden Feinde davonträgt und schaudernd dem Augenblick entgegensieht , wo er unter der Last zusammenbrechen wird . Er wagte Helenens Namen nicht mehr auszusprechen , aus Furcht , sein Geheimniß zu verrathen ; er wagte nicht mehr , die Augen zu ihr aufzuschlagen . Und dennoch sah er Alles , was um ihn her vorging , und der Plan der Baronin blieb für ihn nicht lange ein Geheimniß . Sein Haß gegen Felix kannte keine Grenzen , und er gab sich wenig Mühe , diesen Haß zu verbergen . Er forderte den Roué bei jeder Gelegenheit durch höhnische und satyrische Bemerkungen heraus , immer in der Hoffnung , Felix werde doch endlich einmal den hingeworfenen Handschuh aufheben ; aber dieser ließ sich , wie Alle , welche im Grunde sich und die ganze Welt verachten , sehr viel gefallen und erwiederte des Knaben grausame Sarkasmen mit mehr oder weniger guten Witzen , so daß er die Lacher meistens auf seiner Seite behielt . Und dann hatte er auf der andern Seite doch auch wieder eine viel zu gute Meinung von sich , um sich mit einem Gegner , den er so tief unter sich glaubte , in einen ernstlichen Streit einzulassen . Wäre er gestern nicht auf Bruno , der ihm sein Rendezvous gestört hatte , nicht so ärgerlich gewesen und hätte Bruno sich nur ein wenig glimpflicher ausgedrückt , es wäre auch selbst jetzt noch nicht zum Aeußersten gekommen . Und Felix konnte von Glück sagen , daß der Kampf keinen schlimmeren Ausgang für ihn genommen hatte . Er war dem Tode näher gewesen , als er wohl selber glaubte . Bruno ' s Haß war durch die Vorgänge des Tages zur Raserei geworden , und Felix ' brutale thätliche Beleidigung machte das Gefäß des Zornes und Hasses überlaufen . Und nun , nachdem der Lavastrom den Krater durchbrochen - was konnte ihn in seinem vernichtenden Laufe aufhalten ? Daß Felix von seiner Hand sterben müsse , daß ihn Gott in seine Hände geliefert habe , damit er , koste es , was es wolle , das Weib , das er anbetete , von dem Scheusal , das er so glühend haßte , befreie , - das war in den kurzen und doch so langen Minuten , wo er mit Felix rang und auf Felix ' Brust kniete , der einzig blutigrothe Lichtschein in der Nacht seiner Seele . Wenige Secunden nur - und Felix stand nicht wieder auf . Da war Bruno durch einen Schrei dicht neben ihm von seiner fürchterlichen Arbeit aufgeschreckt worden . Emporblickend , hatte er flüchtig eine weibliche Gestalt gesehen , die er im ersten Augenblick für Helene hielt . Er hatte sein Opfer losgelassen und war aufgesprungen . Die Gestalt hatte sich eilig entfernt , er war ein paar Schritte gefolgt , bis jene in der Richtung nach dem Leutehause verschwunden war und er seinen Irrthum eingesehen hatte . Sich wieder über seine Beute stürzen , nachdem er einmal weggescheucht war , war ihm unmöglich ; er sah , wie Felix nach einigen vergeblichen Versuchen sich in die Höhe richtete . Das war ihm genug gewesen ; er konnte sich in seine Kammer und in sein Bett stehlen , ohne einen Mord auf dem Gewissen zu haben . Und doch war er kaum weniger erregt . Sein Herz hämmerte , seine Pulse flogen ; glühende Hitze und Fieberfrost wechselten mit einander ab . Das verworren