. « Die Koffer wurden gebracht und die Zimmer verteilt . Als der Graf in den Salon zurückkam , sagte er : » Es ist aber ein Zimmer zu wenig , Hyazinth ! Du hast wohl nicht auf Lili und ihre Bonne gerechnet . Wo Orest sein Unterkommen finden soll , weiß ich nicht . « Orest saß am Kamin und Felicitas auf seinen Knien . Mit einem Anflug von Verlegenheit sagte er : » Da diese Wohnung sehr hübsch ist und bequem liegt , so riet ich Hyazinth zu ihrer Wahl . Eine Stallung für meine Pferde hat sie aber nicht , und da ich diese nicht einzig und allein der Obhut eines englischen Jockeys überlassen kann , der zwar exzellent ist , doch kein anderes Wort spricht , als Yorkshire-Englisch : so hause ich mit ihnen im Hotel Meloni - ganz in der Nähe . « » Unbequeme Einrichtung ! « brummte der Graf ; » da muß immer ein Diener auf den Beinen sein , um mit Aufträgen , Anfragen etc. etc. hin und her zu laufen ! « Sein Mißmut würde zugenommen haben , wenn er gewußt hätte , daß das Hotel Meloni mit nichten in der Nähe lag , sondern an der Piazza del popolo und durch die ganze lange Straße del Condotti vom spanischen Platz getrennt . So hatte Orest es sich ausgedacht , um freier in seinen Bewegungen zu sein . Corona ahnte nichts Gutes aus dieser Einrichtung ; Orest aber sagte : » Du wirst für Dich und Lili gewiß mit dieser Wohnung zufrieden sein , Corona , denn davon abgesehen , daß sie eine angenehme und gesunde Lage hat , brauchst Du nur die sogenannte spanische Treppe hinaufzusteigen , so bist Du auf der herrlichen Promenade des Monte Pincio und stehst zugleich vor der Kirche Trinità dei Monti , welche den Damen vom Sacre Coeur gehört . « » Das ist gut ! « sagte sie , » das werden wir benutzen , das brauchen wir . « Es war etwas so Eisiges in Orest ' s Ton und Benehmen , daß sich ihr Herz erschauernd zusammenzog und daß sie , als ob ihre Seele prophetisch gewesen wäre , zu sich selbst sprach : Hier werd ' ich recht den Kreuzweg zu gehen haben ! Geheimnisvolles Vermögen des inneren Menschen , daß er zuweilen am Vorabend schwerer Geschicke oder auf dem Wendepunkt seines Schicksals Andeutungen vernimmt , die vielleicht sein Schutzengel zur Warnung oder zur Vorbereitung ihm gibt ! Hyazinth fragte viel nach Uriel und nach Onkel Levin und mußte viel von Rom erzählen und von allem , was man hier zu tun und zu sehen habe . Orest war einsilbig und fragte wenig . Noch weniger fragte man ihn , was er getrieben , wie und mit wem er am Genfersee und in Genua gelebt habe . Die Leidenschaft ist eine Mauer , welche den Menschen umgibt , vereinzelt , und allem unzugänglich macht , was nicht sie ist . Er fühlte sich elend zwischen denen , welche seinem Herzen die Nächsten - und dessen Glück und Freude hätten sein sollen ; ein Fremdling am häuslichen Herd , ohne Sympathie für das reine , friedliche und doch so reichhaltige Leben , welches ihn umblühte . Er langweilte sich bei diesen Gesprächen , bei diesen Fragen nach Personen und Dingen , die ihm , durch die fürchterliche Kälte , welche die Leidenschaft für alles äußert , was ihren Gegenstand nicht betrifft , tief gleichgiltig waren . Die Leidenschaft ist etwas Entsetzliches und doch verwechselt die Welt sie häufig mit der Liebe ! Leidenschaft ist der von Gott ab- und der Kreatur zugewendete Hunger des Herzens , ein unstillbarer , nagender , wütender Hunger , der , ähnlich dem physischen , den Menschen so entmenscht , daß er ihn fähig macht , wenn er den höchsten Grad erreicht hat , den Nächsten zu schlachten , den Bruder zu morden und von dessen Fleisch und Blut das Leben zu fristen . Dasselbe tut in der sittlichen Welt die Leidenschaft ; sie verlangt ihre Befriedigung , ohne zu achten auf die Tränen , auf das Herzeleid , auf den Jammer , welche sie denen bereitet , die ihr im Wege stehen und die sie gleichgiltig beseitigt ; ohne zu achten der Schmach , der Entwürdigung , der Entmenschung , welche ein solches Verfahren nach sich zieht . Sie ist eine Feuersbrunst : auf einem Punkt wilde , zügellose , gierige Flammen und rings umher Verwüstung und Elend , Klage und Trauer und zerstörtes Glück . Sie ist die vollkommenste Blüte des Egoismus ; sie isoliert den Menschen in seinem Ich - gegenüber der wundervollen Gemeinschaft der Liebe , die Gott gewollt und angeordnet hat , indem er den Seelen sein Ebenbild gab . Gott ist die Liebe : darum liebt die Seele ; darum ist Liebe - ihr Leben , ihr Wesen , ihr Zusammenhang mit Gott und durch ihn mit aller Kreatur , folglich ist sie der Leidenschaft geradezu entgegengesetzt . Die göttliche Liebe befriedigt in übernatürlicher Weise den Hunger des Herzens , das ein übernatürliches Ideal von Glück in sich trägt . Die göttliche Liebe entzündet in übernatürlicher Weise die Flamme des Herzens , das sich sehnt zu verlodern im heiligen Feuer des Opfers . Die göttliche Liebe entfaltet in übernatürlicher Weise die Kräfte und Neigungen des Herzens zu einer solchen Blüte , daß ein Paradies von Tugenden darin aufgeht . Und das ist nun das wunderbare Geheimnis , daß der von der Erbsünde angehauchte und von der eigenen Sünde befleckte Mensch dennoch aus freier Wahl der übernatürlichen Liebe sich zuwenden kann . Das Urgeheimnis von der Freiheit der Liebe , die im Paradiese an egoistische Leidenschaft sich gefangen gab , wird jedem Menschen zur Lösung vorgelegt . Um es richtig zu lösen - dazu hat der Mensch seinen Willen , der , wenn ' s ein guter Wille ist , von der göttlichen Gnade unterstützt wird . Nicht jeder löst es bei dem ersten Versuch zu seinem Heil . Auf einen Hyazinth , dem es gelang , von der Wiege an in dem leidenschaftslosen Frieden einer übernatürlichen Liebe zu wandeln - kommt mancher , ach mancher Uriel , der eine Welt braucht , mit ihren Bitterkeiten und Schmerzen , ihren Erfahrungen und Enttäuschungen , ihren Kämpfen und Stürmen , um sich zu besinnen auf das verlorene Gut der übernatürlichen Liebe , das den Hunger seines Herzens stillen kann . Und auf einen Uriel kommen viele , ach viele Orests , die es vergessen haben , daß die Liebe in der Leidenschaft ihnen verloren ging und daß es , um den Hunger des Herzens zu stillen , etwas anderes gibt , als die Speise im Trog der Tiere . Während Corona dachte , jetzt beginne ihr Kreuzweg , dachte Orest , jetzt sei der Augenblick gekommen , der durch einen kühnen Schritt seinem Leben eine glückliche Wendung geben könne . Als die Familie auseinander ging , war es noch nicht zu spät , um zu Judith zu eilen , die bis Mitternacht Menschen bei sich aus- und eingehen ließ . Es waren an diesem Abend ihrer so viele , daß er sich unmutig in das letzte Zimmer zurückzog , wo er um niemand sich zu kümmern brauchte und ziemlich gedankenlos ein Album durchblätterte . Nach einiger Zeit gesellte sich Florentin zu ihm und fragte : » Weißt Du , daß Hyazinth hier ist ? « » Gewiß ! längst ! er studiert hier schon seit einem halben Jahr . « » Und was sagt er dazu , Dich in dieser Gesellschaft in Rom zu treffen ? « » Da er nicht Deine Insolenz hat , so schweigt er . « » O , « sagte Florentin , » Du und ich , wir sind Seelenbrüder - Du kannst mir sagen , was Du willst - ich nehme Dir nichts übel - und um so weniger , als ich Dich aufrichtig bedaure , denn Du verlierst bei der stolzen Judith Deine Zeit und Deine Mühe . « » Wer gibt Dir das Recht in diesem Tone zu mir zu sprechen ? « fuhr Orest mit brausendem Zorn auf . » Unsere alte Freundschaft , unsere gemeinsame Kindheit und erste Jugend , unsere frühere Vertraulichkeit . Wir hatten ja nie Geheimnisse vor einander . Freilich ist diese Vertraulichkeit geschwunden , seitdem Du mich bei Judith gefunden hast .... « - » Sage lieber , seitdem Du auf politischem Gebiet einen Weg betreten hast , den ich verabscheue und der mir jeden Gedanken an Vertraulichkeit in der Brust erstickt , « unterbrach ihn Orest . » O nein ! « erwiderte Florentin ; » damals in London lag es nur an mir , unsere alte Vertraulichkeit wieder anzuknüpfen . Doch waren meine Verhältnisse damals so , daß ich nicht Lust dazu hatte . « » Und jetzt hab ' ich keine Lust dazu ! « sagte Orest abbrechend ; denn es war ihm in der Tat äußerst unangenehm , gerade Florentin in Judith ' s nächster Umgebung sehen zu müssen ; teils weil er ihn zu genau kannte , um Florentins Umgang für irgend ein weibliches Wesen wünschenswert zu finden ; teils weil er sich durch Florentin jeden Augenblick an Windeck und an seine Familie erinnert fühlte . Die gemeinste aller Eigenschaften , der Neid , sprach dann auch noch ganz leise sein Wörtchen mit : Florentin war immer in Judiths Gesellschaft und er so selten . » Ich beklage Dich unaussprechlich ! « fuhr Florentin mit einem Ton fort , der keine Spur von Teilnahme durchklingen ließ . » Zwiefache Fesseln zu tragen - hier am Herzen , dort an der Hand : das muß mehr sein , als ein Mensch aushalten kann . « » Darin hast Du Recht , « sagte Orest dumpf ; » aber warum sprichst Du so ? « » Um Dich zu fragen , weshalb Du nicht die eine Fessel sprengst und dann der anderen ungehindert folgst ? « Orest entsetzte sich , seine geheimsten Absichten von Florentin erraten zu sehen - und schwieg . » Sieh ! « fuhr dieser fort , » Du bist nicht umsonst nach Rom gekommen . Bei der römischen Kurie ist mit Geld - alles möglich und dann auch wieder unmöglich zu machen . Laß Deine Ehe für null und nichtig erklären , so bist Du frei . Wie das zu bewerkstelligen ist , weiß ich natürlich nicht ; aber möglich ist ' s ! versteht sich für Geld . Du weißt , wie ich von jeher über die Ehe gedacht habe , daß sie nämlich nicht als ein äußerer Zwang , sobald die Weihe der Herzenszustimmung fehlt , haltbar sei . Ich wünsche sehr , daß Du meinen Grundsatz in Ausübung bringen mögest . Als ich heute zufällig an Hyazinth vorüberstreifte , schlug mein Haß gegen diese Vertreter der Finsternis einmal wieder in hellen Flammen auf . In der politischen Welt ist in diesem Augenblick nichts zu machen gegen das Nachteulengeschlecht . Tatlos muß man dasitzen und zusehen , wie sie Einfluß gewinnen und Herrschaft an sich reißen . Da nahm ich mir vor , mit erneutem Eifer auf jedem Gebiet sie zu bekämpfen , wo ich ihre Gesetze finden würde . Und wo findet das mehr statt und wo sprechen sie der menschlichen Freiheit mehr Hohn , als in der Ehe . Das Wörtchen muß sollte eigentlich gar nicht existieren im Wörterbuch der civilisierten Menschheit . In Verbindung gesetzt mit der Herzensneigung , ist es ein Widersinn ; denn die Neigung hängt nicht von uns ab , ist durchaus unwillkürlich und schaudert heimlich vor der Vorstellung zurück , gerade nur diese eine Frau , diesen einen Mann bis zum letzten Atemzug ausschließlich lieben zu müssen . « » Und doch gibt es ein muß in der Liebe ! « sagte Orest . » Man ist nicht darauf ausgegangen , diese oder jene Person zu lieben ; allein sie besitzt den Zauber - und man muß sie lieben . Von der Cleopatra wird erzählt , sie habe einen orientalischen Talisman besessen , der die Wirkung hatte , daß man sie lieben mußte und nie vergessen konnte . « » Dieses Muß ist ein anderes ! « rief Florentin ; » es entspringt aus einer inneren Nötigung , aber nicht aus einem äußeren Zwang . « So redeten sie sich immer tiefer in die Verkehrtheit hinein , ohne zu bedenken , daß allerdings das Erwachen einer Neigung unwillkürlich - hingegen ganz dem Willen anheim gegeben ist , ihr zu folgen oder ihr zu widerstehen - und daß der Widerstand deshalb so selten mit aller Kraft erfolgt , weil die Neigung den Gelüsten der verderbten Natur schmeichelt . Florentin verfolgte seine Theorie . Orest seine Wünsche ; und obgleich Orest sonst bei jeder Gelegenheit Florentins Ansichten mit Spott und Geringschätzung abfertigte und seine Theorien zuweilen lächerlich und immer unhaltbar fand , so hörte er ihm doch jetzt mit Wohlgefallen zu , weil Florentin im Sinn seiner Leidenschaft sprach und seinen Gedanken Worte lieh . Endlich wurde es still im Salon ; die Stimmen verhallten , die Türen öffneten und schlossen sich ; Orest stand auf und sagte zu Florentin : » Heute Abend ist mein Schwiegervater gekommen .... mit Corona . « » Und Du bist hier ! « rief Florentin staunend . » Ja , ich habe noch mit Judith zu sprechen . « Da trat sie ein und sagte : » Hier ist sie ! was wünscht Graf Orestes ? Ach , ich bin recht froh , noch ein paar stille Augenblicke mit Ihnen zu sprechen . Man wird so betäubt von all dem leeren sinnlosen Gerede , daß der Kopf schmerzt und schwindelt . « » Auch der Ruhm hat seine Bürden , « sagte Florentin , » und die Lorbeerkränze , die , von Tausenden gesucht und nicht errungen , Ihre schöne Stirne krönen , sind Ihnen zur Last . Sie sollten fortan nur Rosenkronen tragen , Signora . « » Als ob die Rosen keine Dornen hätten ! « sagte Judith schwermütig lächelnd und nickte ihm freundlich zu , als er das Zimmer verließ . Dann sprach sie : » Nun , Graf Orestes , was haben Sie mir zu sagen ? Sie sehen bewegt aus . Ist ' s Leid , ist ' s Freude ? « Sie behandelte ihn ganz anders , als an jenem Abend in der Villa Diodati ; traulicher , inniger und doch mit edler Zurückhaltung . Sie wollte eben Gräfin Windeck werden und glaubte seiner sicher genug zu sein , um nicht mehr nötig zu haben , ihn durch den Wechsel von Abstoßen und Anziehen zu fesseln . Orest schöpfte tief Atem und sagte : » Judith , ich muß mit Ihnen über die Zukunft reden - die Ihre und die meine . Bleiben Sie bei Ihrem Wort : alles für alles ? « » Ich bleibe dabei . « » Werden Sie mir angehören , wenn ich in voller Freiheit um das Glück werbe , Sie zu besitzen ? « » Als Gräfin Windeck - ja ! « » Werden Sie nicht zurückschrecken vor Kämpfen , Stürmen , Widerwärtigkeiten , Quälereien , peinlichen Auftritten ... « » Aber warum das alles ! « unterbrach sie ihn . » Weil meine Ehe gelöst werden muß und weil meine Frau jetzt hier ist . « » Sein Sie unbesorgt , « entgegnete sie lächelnd ; » ich habe Mut und Beharrlichkeit , wenn das Ziel es wert ist . Ich erschrecke nicht vor Unannehmlichkeiten und Hindernisse zu überwinden ist ein Sporn des Willens . Ich will auch einmal glücklich sein ! ich will nicht umsonst gelebt haben ! ich bin dieser Existenz hinter Schminke und Lampen und unter stupidem Beifallsgetöse satt und übersatt ! ich habe sie nicht zu meinem Vergnügen gewählt , bin nicht für sie erzogen worden , habe nur durch sie Kindespflicht erfüllen wollen und habe nie - aber auch nie ! eine wahre Befriedigung in ihr gefunden . Die Eitelkeit feierte ihre Triumphe ; die Huldigungen , die mich in Wolken von Weihrauch hüllten , gaben mir zuweilen eine süße Berauschung ; allein es war und blieb - ein Rausch und er ließ eine Leere zurück , die mein Herz tief und immer tiefer durchgräbt und meine Sehnsucht nach Glück mehr und mehr steigert . Und fragen Sie mich , Orest : Was ist das - Dein Glück ? so antworte ich Ihnen : Es ist der ruhige und ungestörte Besitz eines treuen Herzens . Ihres Herzens , Orest ! Sie sind treu ! Sie zwingen mich , diese Zuversicht zu Ihnen zu fassen . Wer Jahre lang so um Liebe geworben hat , wie Sie - und jetzt so bereit ist , alles wegzuwerfen , was sie vom Ziel zurückhält , der ist nicht flatterhaft , nicht leichtsinnig , nicht schwankend . Der ist treuer Liebe fähig und die findet immer Gegenliebe . « Nie hatte Judith so zu Orest gesprochen ; aber sie erkannte , der Augenblick sei nun da , der über ihre Zukunft entscheide und Orest müsse , nicht bloß von seiner , sondern auch von ihrer Liebe getrieben , seine Ketten brechen . Als er zu ihren Füßen niedersank und keine Worte fand , um die Wonne auszusprechen , die ihn überströmte , sagte sie zärtlich : » Stehen Sie auf , Orest ! ich müßte Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergebung bitten , daß ich so lange Sie gequält und in Ungewißheit gehalten - daß ich scheinbar ein kokettes Spiel mit Ihnen getrieben habe . Allein jetzt bin ich vor Ihnen gerechtfertigt , nicht wahr ? und Sie selbst werden diese Prüfung , die Ihnen oft weh getan hat , jetzt billigen , nicht wahr ? Überdas , « setzte sie lächelnd hinzu , » ist es besser , die allgemeine Regel inne zu halten , daß die Herren den Damen zu Füßen liegen . Weicht man von ihr ab , kommt selten ein glückliches Verhältnis dabei heraus . « Unwillkürlich tauchte jener Moment in seinem Gedächtnis auf , als Corona mit der Liebe der Engel vor ihm gekniet und ihn gebeten hatte , seine Seele zu retten . Diese Erinnerung kam zu höchst ungelegener Zeit , denn Orest war längst über den Punkt hinweg , wo noch ein Kampf zwischen dem Guten und Bösen geführt wird und wo folglich eine heilsame Erinnerung die gute Sache kräftigen kann . Jetzt störte sie ihn nur und er rief : » Wie sehr verstehen Sie sich auf weibliche Würde und auf die richtige Behandlung des männlichen Charakters ! Sie sind geschaffen , um angebetet zu werden und deshalb ist es mir eine quälende Vorstellung , Sie durch meine unglücklichen Verhältnisse in eine Menge von Verdrießlichkeiten zu stürzen . « » Was steht mir denn eigentlich bevor ? « fragte sie . » Nun , zuerst und auf jeden Fall müssen Sie sich taufen lassen , arme Judith . Dem höchsten Wesen , das von uns verehrt wird , ist es selbstverständlich äußerst gleichgültig , in welcher Religionsform der Mensch diese Verehrung kund gibt . Da aber in Europa die christliche so vorherrschend ist , daß sich die bürgerliche Gesetzgebung großenteils auf dem Boden ihrer Gesetze entfaltet hat : so sind gewisse Bedingungen für gewisse Verhältnisse unumgänglich zu erfüllen , um diese giltig zu machen ; und dazu gehört , daß die Ehe von Christen eingegangen werde . « » Orest ! « sagte Judith finster , » es ist mir in meinem Leben noch kein Christ vorgekommen , der besser , edler , reiner gewesen wäre , als ein Jude . Ich nehme Ernest aus . Muß ich also eine christliche Religionsform annehmen : so wünsche ich , daß es die katholische sei , denn er war Katholik . « » Das muß sich nach den Umständen richten , teure Judith . Die katholische könnte uns Verlegenheit bereiten . Es wird sich herausstellen , was Sie zu wählen haben : ohne Taufe geht es nicht ! « » Wohlan , Orest ! Sie bringen Ihre Opfer und ich werde das meine bringen . Aber es ruft in mir eine fürchterliche Erinnerung wach . Ich hatte eine ältere Schwester , ein so schönes , liebenswürdiges , talentreiches , gutes und kluges Mädchen , daß sie ihren königlichen Namen Esther zu tragen verdiente . Es war in Paris und ich damals noch zu jung , um in die Welt zu gehen . Ein junger Mann aus einer vornehmen Familie faßte eine heftige Neigung zu ihr , die sie leider ! erwiderte . Da er von seiner Verbindung mit ihr sprach , so erklärte er , es könne nicht mit einer Jüdin geschehen und sie müsse sich taufen lassen und Christin werden . Esther und meine Eltern willigten ein . Esther wurde Christin ; aber die Ehe fand nicht statt ! ich habe nie dies traurige Geheimnis ergründet ; aber ich weiß , daß der Christ sich von Esther zurückzog , sich auf eine diplomatische Mission begab und daß Esther am gebrochenen Herzen starb , während einige Herren und Damen dann und wann bei ihr erschienen , welche sich um ihre Taufe und um den Unterricht , der dabei stattfinden mußte , bekümmert hatten - und welche ihr immer die Bibel empfahlen . Die müsse sie lesen und glauben müsse sie , daß sie durch den Tod Christi vor Gott gerechtfertigt sei . Und wenn die arme Esther versicherte : das glaube sie sehr gern und von ganzem Herzen ; aber sie sterbe vor Gram und ein Buch könne sie nicht trösten , nicht beruhigen ; so gab man ihr zur Antwort , dann fehle ihr der rechte Glaube und sie möge nur Sonntags in die Predigt gehen . Sie tats einige Male ; aber sie kam stets traurig zurück und sagte mir zuweilen : Ach Judith ! das ist keine Religion für ein schwaches leidendes Mädchenherz ! da ist kein Stab , um es zu stützen , da ist keine Kraft , die ihm überwinden hilft , da ist kein Balsam , der seine Wunden heilt ! Nun , sie grämte sich zu Tode , die arme , geliebte Esther ! bei neunzehn Jahren sank sie in ' s Grab - ganz das , was die Dichter nennen : eine geknickte Rose . Mir aber hat ihr Schicksal etwas Hartes gegeben , Eisen ums Herz . Ich trat nach zwei Jahren in die Welt ein , mit Haß und Groll gegen eine Welt , in welcher für ein Wesen wie Esther kein Platz war ; mit Haß und Groll gegen die Christen , von denen einer ihren Tod auf dem Gewissen - und keiner sie getröstet hatte . Was sind das für Diener und Lehrer einer Religion , die damit trösten wollen , daß sie sprechen : Lies die Bibel ! Sei sie geschrieben von Gott und seinen Heiligen - ich wills glauben ! aber jeder Leser macht die Deutung , die Anwendung nach dem Maß seines Geistes und trägt folglich seine Leidenschaften , seine Neigungen , ja sein ganzes Ich in deren Verständnis hinein ; und was hat er dann gewonnen ? Vielleicht die Wahrheiten , die er eben finden will . Aber ist das die Wahrheit , welche die Offenbarung verkündet ? Ach , es wäre mir entsetzlich , wenn ich protestantisch werden müßte , jetzt , da die Erinnerung an Esther mir so lebendig geworden ist ! Ach , Orest , dies ist eine schlimme Vorbedeutung ! Auch ich werde unglücklich werden und trostlos dahin schmachten ! « Tränen standen in Judiths Augen und die tiefste Bewegung malte sich in ihren Zügen . So gewaltig war die Erschütterung , die ihr junges Herz durch das Schicksal der Schwester erfahren hatte , daß sie noch jetzt , nach mehr als zehn Jahren in die schmerzlichste Aufregung geriet . Orest aber , der nie eine Träne in ihren diamantenen Augen gesehen hatte , war davon so ergriffen , daß er es sich als eine Grausamkeit vorwarf , diesen edlen Charakter , dies große schöne Herz mit den Formalitäten der christlichen Religion belästigen zu müssen . Er rief : » O Judith , ist Ihre Abneigung gegen den Protestantismus so groß , daß Sie davon traurig werden , so lassen Sie sich katholisch taufen ! aber hüten Sie sich , Ihre Ansichten und Ihre Handlungsweise von irgend einem Priester abhängig zu machen ! Verbannen Sie alle schwermütige Furcht und fassen Sie das Vertrauen zu mir , daß ich für Ihr dauerndes Glück einstehe . Wenn Sie an mir zweifeln , woher soll mir die Kraft kommen , das Meer von Hindernissen zu durchschwimmen , welches sich vor mir ausdehnt . Lächeln Sie Judith ! lächle , Du schwarzes Sonnenauge , ich bedarf Deines Lichtes . « Er kniete vor ihr und nahm ihre Rechte in seine Hände . Sie legte die Linke leicht und leise auf sein Haupt und sagte lächelnd und lieblich : » Welche Torheit von mir ! auf diesen bösen Kopf setz ' ich all mein Glück . « Stille Dornen Coronas erster Ausgang am anderen Morgen war die spanische Treppe hinauf zur Messe in der Kirche Trinità del Monte . Mehr denn je fühlte sie sich machtlos ihren Verhältnissen gegenüber und gedrückt durch die Verstimmung zwischen ihrem Vater und ihrem Mann , die hier aufs peinlichste zum Vorschein kommen mußte , wo beide , auf längere Zeit und durch die Fremde mehr als sonst an einander gewiesen , zusammen leben mußten . Und was konnte sie tun , um die beständige Reibung zu verhüten ? sich aufreiben lassen ; sonst nichts . Sie bat Gott um Kraft zum vollkommenen Opfer und um himmlische Klugheit , um in jedem Augenblick das Richtige zu erkennen , zu sagen , zu tun . Als sie nach beendeter Messe die Kirche verließ , fand sie draußen Orest , der vor derselben auf- und niederging und sagte : » Ich war schon bei Dir und erfuhr von Justine , daß Du hieher gegangen wärest . Komm nun , ich bitte Dich , mit mir ins Hotel Meloni , in meine Wohnung . Ich habe an Justine gesagt , Du würdest bei mir frühstücken . Lili schlief noch . « Er gab ihr den Arm und sie gingen den Monte Pincio entlang und dann die prächtigen Rampen hinunter zur Piazza del Popolo , an welchem das Hotel Meloni liegt . Sie sprachen von der Peterskirche , die sich dem Monte Pincio gegenüber in gigantischer Großartigkeit erhebt - ein Felsendom , die ewige Stadt so weit überragend , wie diese alle Städte der Welt - und wenn sie ihre Einwohner nach Millionen zählen - an Großartigkeit weit überragt ; ein Felsendom , sinnbildend den Felsen Petri , in dem die Kirche Christi , göttlicher Verheißung gemäß , unerschütterlich wider die Pforten der Hölle gegründet ist . Von An- und Aussichten , von Palästen , Kirchen und Ruinen sprachen Orest und Corona so gleichgültig , als ob sie nicht zwei Monate getrennt gewesen wären . Aber hinter dem gleichgültigen Ton klopften unruhige Herzen , und Orest war in so fiebernder Aufregung , daß er kaum sein Zimmer betrat , als er sich auf ein Sofa fallen ließ und sagte : » Corona , Du mußt mich retten ! « Sie legte ihre Hände wie zum Gebet vor der Brust zusammen und sagte innig : » Gott wolle mir diese Gnade geben . « » Ja , Du mußt mich retten , Corona ! « fuhr Orest fort ; » Du kannst , Du wirst es ! meine ganze Hoffnung ruhet auf Dir . Sage , daß Du es auch willst ! « » Lieber Orest , « erwiderte sie traurig , » hättest Du nur die leiseste Ahnung von den Sorgen , die ich um Dich trage , so würdest Du mich nicht fragen , ob ich Dich retten wolle . Überdas ist es ja meine Pflicht , alles für Dich zu tun , so weit meine Kräfte reichen . Also sprich ! ich sehe ja , daß Du leidest . « » Ich werde Dir wehe tun ! « rief er in äußerster Aufregung , und ging heftig im Zimmer hin und her . » O daran bin ich gewöhnt , « antwortete sie ruhig , wie jemand , der nicht den geringsten Anspruch an eine andere Behandlung hat . » Sprich nur ohne Scheu . « » Wohlan , Corona ! « sagte Orest , indem er vor ihr stehen blieb , » sei barmherzig und gib mir meine Freiheit . « Sie schlug erstaunt die Augen zu ihm auf und fragte : » Hab ' ich je versucht , Deine Freiheit zu beschränken ? « » Nein , nein ! in Kleinigkeiten nie ! aber meine Freiheit ist im Ganzen verloren , weil Du meine Frau bist . « Corona legte mit einem Ausdruck von stillem , namenlosem Schmerz die Hand über ihre Augen und sagte : » Nur ein paar Jahre noch , lieber Orest , und ich denke - dann bist Du frei . « » Ach , nur nicht solche unsinnige Todesgedanken ! davon ist keine Rede ! Du sollst ja nicht sterben , sondern nur meine Freiheit mir geben . « » Und was verstehst Du darunter ? « fragte sie . » Daß unsere Ehe für ungiltig erklärt werde , indem Du erklärst , Du seiest zu derselben gezwungen worden . Ich habe mir sagen lassen , auf den nachweislichen Grund des Zwanges hin könne eine Ungiltigkeitserklärung bewirkt werden , so daß beide Teile zu ihrer vollkommenen ungeschmälerten Freiheit gelangen und eine andere Ehe eingehen dürfen . Da nun wirklich eine Art von Zwang bei Dir stattgefunden hat , so mache davon Gebrauch zu meinen Gunsten und gönne mir das Glück - eine Frau glücklich zu machen , die ich seit