ganz wie aus Kocher am Fall wiedererkannte . Sie war nie in einer großen Stadt gewesen und übertrug jetzt fast auf den stehenden Charakter einer solchen die Möglichkeit , jedes Gesicht auf die Vermuthung hin betrachten zu müssen , daß es dem Mörder der Frau Hauptmännin von Buschbeck angehören könnte . An Trotz , Verwegenheit und Rücksichtslosigkeit jeder Art fehlte es auch nirgends und bald hatte sie in dem beengenden Eindruck des Ganzen ihre so genau angegeben gewesene Spur verloren . Sie stand rathlos an einer Ecke , wo mehrere Straßen einmündeten ... Da sah sie sich plötzlich von jemand gegrüßt und angeredet ! Es war ja ein alter Bekannter aus Kocher am Fall ! Herr Löb Seligmann , der vielgeliebte Bruder der Hasen-Jette ! Er , der seither noch immer nicht daheim gewesen war , der noch immer in Gütern schlachtete , noch immer bei Grafen und Baronen hüben und drüben die Vortheile des ihm geschenkten intimsten Vertrauens derselben genoß ! Den Todesfall der Frau Ley wußte Löb Seligmann durch die Briefe David Lippschützens , seines Neveus und Augapfels , für dessen Fortkommen durchs Leben bei » so schwachen Beinen « gerade er sparte , gerade er sich kein Geschäft verdrießen ließ , selbst die Lieferungen der Bettfedern und Decken für Kasernen und andere öffentliche Anstalten nicht ... Treudchen konnte im Augenblick gar kein besseres Geschick haben als diese Begegnung mit dem so artigen , so gefälligen kleinen Herrn Löb Seligmann , der vollkommen vergessen hatte , daß die böse kocherer Jugend einst hinter ihm her gesungen wie sie noch jetzt hinter seinem geliebten Adoptivsohn in übermüthig christlich-germanischer Nichtanerkennung orientalischer Schönheit sang : Hast nicht gesehen Schmulche ? Mit dem scheppe Muulche ? En Aagelche zu , En schlockrig Händelche dazu , En wacklig Beinche dazu ... ? Löb Seligmann war edle , erhabene und schöne Seele . Seine Gefühle glichen seinen Vatermördern , die wie bei Herrn Schnuphase immer in die höchste Höhe gingen . Sein Blick auf Treudchen , seine Rührung über ihre Freude , sein Andeuten : » er wisse alles « - er meinte den Tod der Mutter - sein Ausweis über die Lage des Waisenhauses - alles das war von einer so stummberedten Theilnahme , von einer so erdenleidverklärten Tröstung und allessagenden Prophezeiung für jedes , was die kleine Landsmännin , vielleicht Geld ausgenommen , von ihm begehren konnte , daß es nur an der Unruhe und dem Lärm der Straße lag , wenn Gertrud Ley nicht wieder alle ihre Wunden aufs neue aus Seligmann ' s und ihren eigenen Augen aufbrechen und fließen fühlte ... » Treudchen ! « ... Das eine Wort nur ... Löb Seligmann sprach es aber aus , wie den ganzen fünften Act eines Trauerspiels . Und bei alledem hatte doch jedermann , der nur in Kocher vom Wasser des Fall getauft oder nicht getauft war , einen Anflug von Heiterkeit , so oft er nur den Herrn Löb Seligmann sah . Er hatte wunderliche Eigenschaften . Ein nicht zu entfernter Verwandter der reichen Fulds , ob er gleich nur unten für das Comptoir derselben existirte und dort wie jeder andere Sensal vierten oder fünften Ranges betrachtet wurde , besaß er eine gewisse Vornehmheit . Von seinem Verkehr mit der großen Welt hatte er sogar die Manieren der Adeligen angenommen , soweit sie niemanden beleidigten ; wenigstens glaubte er selbst an eine höchst ersichtliche Vornehmheit seines Wesens . Im Oberkleide war er zwar einfach , aber desto gewählter in der Wäsche und vorzugsweise in der Weste . Aus dem manchmal etwas hohem Kragen der letztern und den zu steifen Vatermördern sah der kleine Kopf mit der niedern , breiten Stirn und dem kurzgeschnittenen krausen Negerhaar etwa heraus wie eine Kirche , deren Dach höher ist als der Thurm . Löb Seligmann , bereits weitaus vierzigjährig und Garçon , war zudem durch Schmeicheleien verwöhnt , die zwar nur von Wenigen , aber von diesen desto enthusiastischer kamen , vorzugsweise von seiner Schwester , deren Einzigster sein Erbe sein sollte . Zu Kocher am Fall wohnte er im obern Stock des Hauses , in welchem einst der Mann der Hasen-Jette die Kundschaft der Leys ohne alle Böswilligkeit an sich gezogen hatte , sie leider nicht lange genießend . Löb Seligmann arbeitete nur für David . Er ließ ihn bilden , ließ ihn fein erziehen . Nur in der Musik schlug David noch nicht ganz nach dem Wunsch des Onkels ein , der in diesem Fache ein Kenner war . Löb Seligmann glaubte eine schöne Stimme zu besitzen . Wenn er in Kocher am Fall Toilette machte , sang er dazu am offenen Fenster . Wenn er sich an einem kleinen Spiegel der Lichtung des Fensters selbst rasirte , intonirte er mit einem schönen Tenor , der nur auf eine vielleicht etwas zu leichte und bequeme Weise in die Fistel überging , eine Opernarie nach der andern . Die Schwester stand indessen unten in der Hausthür und machte die Leute aufmerksam auf die wunderschönen Melodieen , die ihr Löb wieder aus den großen Städten mitgebracht hatte . Nie hat sich auch jemand mit mehr Behagen selbst rasirt , als Löb Seligmann . » So kannst du mich betrüben , Othello kannst du lieben ? « Jetzt die Seife eingestrichen . » Treibt der Champagner das Blut in die Kreise , da ist ' s ein Leben herrlich und frei ! « Das Messer wird geschärft . » Auf , singt die Barcarole ! « Erster Strich über die Oberlippe , während die linke Hand die Nase festgeklemmt hält ... jetzt läßt sie die Nase los und » Gnade , Gnade für die arme Seele ! « Zweiter Strich , die Nase wird wiederum festgeklemmt ; Luft und - » Mein Hüon , mein Gatte , Geliebter , wo weilst du ? « Jetzt ein großes Orchestersolo mit Pauken , mit Trompeten , mit Summen und Brummen , Pruhsten , Gurgeln , Zungenschnalzen oder - Lied ohne Worte ... sanft die Seife wieder aufgestrichen - Adagio - Schlummerarie - erneuter Ansatz zum Rasiren - und so fort mit dem auf der Reise arg verwilderten Barte eine Stunde lang . Immer dazwischen das kunstvollste Talent der musikalischen Reproduction und Paraphrase , das Messer am Streichriemen und in der Kehle die Arien sanft hinübergeschliffen . Ist dann die Bartabnahme vollendet , dann fällt eine Arie wild in die andere , Desdemona in die Klagen Rodrigo ' s , die Nachtwandlerin in die Verzweiflung Elwino ' s , » O welches Glück , Soldat zu sein ! « jodelt sich in » Gold ist nur Chimäre ! « hinüber - und alles das empfindet Löb Seligmann ebenso musikalisch wie moralisch nach , soweit der Text und die Situation es vorschreiben . Auch kritisch ist er mit ergriffen , soweit ihm nämlich alle größeren und kleineren Talente einfallen , die er schon in allen diesen Opern auf verschiedenen Stadttheatern hatte debutiren sehen . Löb ' s seelenvolle Erörterungen über die Vortrefflichkeit der Dahingeschiedenen , über die Bettdecken des Waisenhauses , das erstaunliche Glück , bei den Kattendyks zu dienen , unterbrach Treudchen mit der Erzählung von der Mordthat und dem nahen Zusammenhang derselben mit ihrem eigenen Lebensschicksal . Löb Seligmann wußte schon den Vorfall , konnte schon weitere Details über den Geiz der Ermordeten , nur über den Thäter nicht , geben , erstaunte über die unschuldige Betheiligung Treudchens und bat sie , zwei Minuten - » hier an diesem prächtigen Palais « - zu warten ... er käme sofort wieder zurück - er würde jedenfalls , das ließe er sich nicht nehmen , sie bis ans Waisenhaus begleiten - Da Treudchen einen Band- und Zwirnladen bemerkte und bei all ihrem Herzeleid doch ihrer Nadeln und ihres Fingerhutes eingedenk blieb , so nahm sie auf zwei Minuten um so lieber Abschied , als sie hier gelegentlich nützliche Einkäufe machen konnte . Statt nach zwei , nach zehn Minuten war sie mit ihrem Geschäft fertig und nach zwanzig kam Löb Seligmann wieder ... Er hatte hier in dem Comptoir seiner , wie er sagte , Vettern Moritz und Bernhard Fuld zwar keinen Zutritt zu den innern Gemächern , wo die Ritter der Ehrenlegion saßen , aber einige alte Buchhalter aus den Zeiten des seligen » Man weiß schon ! « hielten ihm denn doch Stand , wenn er sie um eine Prise bat und ihnen mittheilte , daß merkwürdigerweise ein Mädchen aus Kocher am Fall bei der heute Nacht ermordeten alten Dame » beinahe hätte können im Dienst gestanden haben « ... Es sind Vettern zu uns ! wiederholte er mehrmals von den Fulds und auf das Palais deutend ... Indem Löb Seligmann seine Vatermörder jetzt stolz über die durch beständige Reibung von ihnen gerötheten Ohrläppchen hinauszog , ergab sich seltsamerweise , daß ein riesengroßer , wunderbarer , schöner Bau , in dessen Nähe sie waren , schon die Kathedrale war und daß Treudchen ihre Commissionen im » steinernen Hause « jetzt hätte schon ausführen können , wenn nicht gerade nur um zehn Uhr die Sprechstunde im Waisenhause gewesen wäre . Aber nun war auch der Blumenmarkt ganz nahe ... derselbe Markt , der Löb Seligmann mit ähnlichen Empfindungen zu erfüllen schien , wie sie jetzt auf Treudchen ' s von allen diesen mächtigen Eindrücken bestürmtes Herz zuschossen ... Einen Augenblick , Mamsell Treudchen ! rief er und berechnete schon mit einer Gärtnersfrau , wie viel von Orangenblüten und Myrten in einen großen Blumenstrauß hineinkonnten , den er mit 71 / 2 Silbergroschen bezahlen wollte . Treudchen wunderte sich nicht über seine poetische Regung , da sie selbst von dieser Fülle von Eriken , Fuchsien , hochragenden Gummibäumen , buschigen Rhododendren und blühenden Myrten wie berauscht war . Auch sie würde sich sofort in ihren Einkauf eingelassen haben , wenn nicht von der Kathedrale herab drei mächtige Schläge den ganzen Domplatz , vorzugsweise aber sie selbst , erschüttert hätten . Schon drei Viertel auf zehn ! rief sie . Herr Seligmann , um Gottes willen , bitte ! Kommen Sie ! Ein einziger Rundblick rings auf die Häuser , wo Herr Maria Schnuphase wohnen konnte , der sie in einen so schlimmen Dienst hatte empfehlen wollen , eine blitzschnelle Musterung der Blumen , die sie wol hernach zu ihrem Bouquet für den Pfarrer von Asselyn wählen konnte , und nun fort nach der Richtung hin , die sie Herrn Löb Seligmann dringend bat , durch nichts mehr zu unterbrechen . Ich bitte Sie ! sagte sie . Ich habe noch so viel Commissionen ! Aber jetzt muß ich wissen , wie meine Geschwister die erste Nacht hier zugebracht haben ! Dann setzte sie , und fast neckend im Ton der kocherer Christenjugend , hinzu : Für wen ist denn aber der schöne Blumenstrauß , Herr Seligmann ? Wenn Sie im Waisenhause sind , - sagte Seligmann , hielt aber sinnend inne und wickelte sein Bouquet in eine Anzahl Theaterzettel , die er aus der Tasche zog , und summte dazu einige Noten aus dem im Spohr ' schen » Faust « irgendwo an einem Stadtthater eingelegt gewesenen » Liede an die Rose « - wenn Sie im Waisenhause sind , geh ' ich solange in die Nachbarschaft , auf die Rumpelgasse , wo mein Bruder Nathan Seligmann wohnt - Sie müssen sich sein Geschäft ansehen - alte Kleider , Möbel , Glaswaaren , Bilder , Masken , Theateranzüge - was Ihr Herz begehrt - die ganze Welt hat Nathan zum Verkauf oder zum Verleihen - nur muß sie alt und abgelegt sein ! Ist das die Judengasse ? sagte Treudchen unbefangen und eilends dahinschreitend und so laufend , daß Löb fast nicht mitkonnte . Was ? Denken Sie , daß wir hier noch in einer einzigen Gasse wohnen ? Haben Sie nicht das Palais von unsern Vettern gesehen ? Sind das die Vettern , um die der David immer sagt , er würde nur eine Prinzessin heirathen ? Das Kind ! betonte Seligmann ganz wie seine Schwester und vergaß vor Entzücken über David ' s naive Erklärung eine Antwort auf Treudchen ' s Frage . Diesen Blumenstrauß , fuhr er dann nach dem glückseligsten Sinnen über David ' s Geist und große Zukunft fort , will ich in seinem Namen an Tante Veilchen abgeben , an die er schon seit drei Jahren alle Vierteljahre einen französischen Brief schreibt . Sie werden bei Herrn Delring und bei Madame Kattendyk viele vornehme Damen kennen lernen , aber ich versichere Sie , wenn Sie wollen gebildet werden , liebes Kind , gehen Sie nur in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer , die meinem Bruder Nathan Seligmann , der ein Witwer und ohne Kinder ist , seit dreißig Jahren das Geschäft und die Wirthschaft führt . Sie ist schon fünfzig Jahre alt , aber ich könnte heute um ihre Hand freien , - so viel Schönheit hat sie - im Geist - und wenn ich nicht versprochen hätte , für den David zu sorgen . Ja , Treudchen , Sie sollten Veilchen Igelsheimer sehen ! Sie können viel Bücher lesen und Sie finden drin nicht gedruckt , was in Veilchen steht ! Treudchen ließ ihn so forterzählen und folgte nur immer seinen stumm gegebenen Winken über die Richtung , die sie einzuschlagen hatten ... Veilchen , fuhr der von seinen Familienbeziehungen nicht weniger wie seine Schwester bezauberte Mann fort , Veilchen hätte in einem Palais wohnen können , wie die jungen Fulds , wo der eine sich kürzlich verheirathet hat mit einer reichen und wunderschönen Dame aus Wien - ja Veilchen hätte Barone haben können und einen Grafen - aber da sie den nicht bekommen konnte , den sie allein gemocht - es war ihr Vetter - unser Onkel Doctor Leo Perl - da hat sie für ihr ganzes Leben gesagt : Ich entsage ! Und wäre Herr Löb Seligmann jetzt allein gewesen und etwa daheim , auf seiner Stube in Kocher am Fall und im Rasiren begriffen , so hätte er sich jetzt unfehlbar durch die wehmutherweckende Ideenverbindung dieser Mittheilungen bestimmen lassen , aus Bellini ' s » Unbekannter « oder dessen » Nachtwandlerin « ein schmelzendes Adagio zu intoniren ... Treudchen sah nur immer auf die Straßennamen an den Ecken , auf die Menschen , die Soldaten , die Fuhrwerke , die hohen Häuser , alten Kirchen und hörte um so mehr nur halb auf den freundlichen Begleiter , als er seine Mittheilungen auch seinerseits bald durch das Lesen eines Anschlagzettels , bald einer Firma , bald durch ein Stillstehen und Erklären einer städtischen Merkwürdigkeit unterbrach . Den heutigen Theaterzettel ließ er nach kurzem Anblick unbeachtet ... » Das letzte Mittel « ... » Tanz « ... Das war nichts für den Schmelz seiner Gefühle und seine nur im Meer der Töne sich wohlbefindende Seele . Auf Veilchen Igelsheimer , die Entsagende und jetzt in der Rumpelgasse das Geschäft seines Bruders Führende , kam er wieder zurück , als er vor einem Zinngießerladen still stand und behauptete , bei Herrn Xaver Klingelpeter eine Minute zu thun zu haben ... Nein , nein ! nein ! rief Treudchen ... Eine Minute , Treudchen ! Adieu , Herr Seligmann ! Zwei Worte ! Sehen Sie die wunderschönen Arbeiten am Fenster - Treudchen zog ihn von dem Schaufenster des Zinngießers weiter ... Herr Xaver Klingelpeter , sagte er dann , sich ergebend und nachstolpernd , ist ein ansehnlicher Mann , der sich ein Gütchen kaufen will , das ich ihm empfohlen habe ! Haben Sie wol die Herrlichkeiten in seinem Laden gesehen ? Alles nur von Zinn , aber so kunstvoll , wie von Gold und Silber ! Treudchen hatte den Eindruck der silbernen Monstranzen für arme Dorfkirchen , Patenen , Kelche , Crucifixe wohl empfangen , auch durch das Fenster einen Mönch erblickt , der drinnen im Laden mit dem Meister Zinngießer in lebhafter Demonstration begriffen schien , aber sie zog es vorwärts , vorwärts , und Seligmann mußte folgen ... Auch solche heilige Gefäße , fuhr er bei alledem fort , kommen im Geschäft meines Bruders vor ! Sie werden eingeschmolzen und manchmal mit sehr unheiligen Dingen zusammen ! Veilchen macht das alles wie ein Professor der Chemie . Ja , mein Bruder läßt sogar Münzen schlagen , aus Kupfer - es ist ein Artikel zum Spaß - Sie sollten sehen , wie Veilchen lateinische Inschriften macht und die Bilder dazu zeichnet - römische Könige und türkische Kaiser ! Veilchen könnte Bücher schreiben ! Ihr also bringen Sie den Blumenstrauß ? warf Treudchen in der Eile und nur so zerstreut dazwischen ... Sie macht sich aus nichts mehr im Leben was ! Sie liest blos , sie schreibt blos , sie führt blos das Geschäft ... Ach , ihr Kummer war zu groß ! Es war das schönste Mädchen - ein Bild - sie ist noch jetzt wie eine Wachskerze so weiß - aber der , den sie liebte , den bekam sie nicht - es war unser Oheim - ihr eigener Vetter - er taufte sich - katholisch - mehr - er wurde ein Priester ... Treudchen hörte nur halb . Aber sie kannte ja schon diese Klagen aus so vielen stillen Abendgesprächen der redseligen Hasen-Jette mit ihrer Mutter ! Leo Perl war für diese ganze Familie der verheißene Messias gewesen ! Als es aber dazu kam , sich als der Löwe vom Stamm Juda zu offenbaren , täuschte er alle , wurde zum Verräther , ging zum Feinde über und schien von alledem doch keinen Segen gehabt zu haben . Treudchen wußte sogar , daß regelmäßig zwei Männer genannt wurden , die Leo Perl ' s Seelenruhe auf dem Gewissen haben sollten , der gute Dechant zu Kocher am Fall und ein anderer vornehmer und großmächtiger Herr auf einem fernen Schloß bei Witoborn . Ihnen sollte der Doctor Leo Perl mit seinem Uebertritt , ja mit dem Entschluß , Priester zu werden - wider Willen sogar - ein geheimnißvolles und bis zur Stunde wenigstens selbst der Hasen-Jette noch unenträthseltes Opfer gebracht haben ... Endlich standen beide vor einem freundlichen , mit einer Inschrift gezierten Hause . Löb Seligmann versprach mit dem holdseligsten Nicken aus den Palissaden seiner Vatermörder und dem schwarzwolligen Wulst seines üppigen Haarwuchses und einem seit einigen Tagen nicht besonders gründlich rasirten Barte heraus , in spätestens einer Viertelstunde hier wieder an der Thür zu stehen und auf Treudchen ' s Rückkehr zu warten ... Er selbst zog die Klingel . Einem öffnenden Knaben trug er das Anliegen Treudchens vor . Er traf den Ton für alles , was sich hier schickte ; er kannte jeden Weg , wie er betreten werden und jede Thür , wie man an sie klopfen mußte . Selbst die deutsche Sprache handhabte er seiner Meinung nach in diesem Augenblick vollkommener als Treudchen , deren Rede er unterbrach und ihre Berechtigung , hier eingelassen zu werden , gleichsam in die Sprache übersetzte , die derjenige nicht kennen konnte , der noch nie aus Kocher am Fall so herausgekommen war , wie er . Der Knabe führte Treudchen zum Inspector ... der Inspector führte sie zu ihren drei Geschwistern , zwei Knaben und einem Mädchen ... Alle drei sprangen ihr herzlich und heiter entgegen ... Wie rasch entflieht dem Kindersinn ein herbes Leid ! Weckten wir es nicht durch unser eigenes Bedauern und fragten einen solchen kleinen Nachlaß : Weißt du auch , was du verloren hast und denkst daran und weißt wo deine Mutter ist ? solche nach Luft und Licht und Wachsthum strebenden Keime vergäßen bald nach unserm Gefühl zu antworten ... Wie tummelte sich das schon im Hof und lärmte und regierte schon die Welt im Soldatenspiel ... Und drüben bei den Mädchen war das ein Murmeln und Summen und Plaudern beim Stricken ... und wie bewährten sich die angebornen Gattungstriebe ! Liebe und Abneigung schon nach vierundzwanzig Stunden , Verschwörungen schon und Bundesgenossenschaften ... neckte die , so hatte sie an jener einen Widerpart und diese wieder eine Gegnerin an einer andern ... Nichts blieb ohne Angriff , nichts ohne Beistand ... Ja , Treudchen fand , daß die Geschwister in ihr neues Dasein schon wie eingeboren waren ... Läutete es , dann wußte jedes , was es bedeutete ... bald rief die Glocke zum Frühstück , bald zum Mittagessen , bald in die Kapelle , bald auf die Schulbank ... ein geregeltes und in sich begnügtes Leben das ! Lucinde sagte Treudchen und den Kindern gleich : » Bliebe es euch nur immer so , ihr Armen ! Und läge der Nachtheil der Waisenhauserziehung nicht gerade in der Unmöglichkeit , im Leben künftig dieselbe Regelmäßigkeit zu haben ! Dem Dasein gegenüber , wie es ist , ist sogar schon solche Ordnung eurer Jugend - ein vollständiger Luxus ! Wer auch nur alle Tage das hat , was er begehrt und bedarf , wird selbst bei Wasser und Brot wie ein Prinz erzogen ! ... « Lucinde gedachte ihrer verkommenen Brüder . Schon wollte Treudchen , da die Freistunde vorüber war , nach herzlichen Mahnungen und Danksagungen an den Herrn Inspector wieder gehen ... Da kam auf sie zu eine der Nonnen , die hier die Erziehung leiten helfen . Es war eine Karmeliterin in braunem Rock und schwarzem Ledergürtel . Sie war in mittlern Jahren , sehr sauber , sehr rührsam . Daß ihr Treudchen die Hand küßte , lehnte sie fast ab und ergriff theilnehmend die ihrige . Sahen Sie denn auch alles ? fragte sie und führte Treudchen in den Räumen auf und nieder und zeigte ihr die Plätze , wo die Kinder ihre mitgebrachten Habseligkeiten untergebracht hatten . Sie versicherte , daß diese Geschwister ihr schon fast die Liebsten wären und daß auch sie Mutter Beaten schon in ihre Herzen eingeschlossen hätten . » Mutter Beate « war der Name der Schwester ... Treudchen ' s Herz klopfte hörbar . Nach den Reden der Frau Delring überkam sie fast eine Furcht , sich offen auszusprechen oder zu lange im Gespräch zu verharren mit dieser so zuthulichen Klosterjungfrau ... Und wahrhaft überrascht war sie , als Schwester Beate von ihrem Dienst bei den Kattendyks und ihrer frühern Bestimmung für die Frau Hauptmännin von Buschbeck schon wußte . Diese Unglückliche , sagte sie , ist auf so ruchlose Weise ums Leben gekommen ! Aber die ewige Gerechtigkeit wird den Mörder gewiß schon der zeitlichen überliefern ! Sie wird den Elenden auffinden lassen , der auch den Armen und Nothleidenden eine Freundin raubte ! Ei ! Wie können Sie sagen , Kind , daß es ein Glück war , daß der Himmel Ihnen eine andere Bestimmung gab ! Vielleicht hätte Ihre Anwesenheit die That ungeschehen gemacht ! Verlassen von aller Welt , mußte die Aermste wol ein Opfer der Habsucht und Mordlust werden ! Kind , Kind , fürchten Sie sich denn vor einer Gefahr , die im Gefolge einer Pflicht liegt ? Treudchen sah verwirrt zur Erde . Ihre Wangen erglühten . Sie , die schon im Leben so viel erduldet , stand jetzt , wie sie gleich heute früh geahnt hatte , wie ein Wesen da , das nur an ihre eigene Sicherheit zu denken vermochte . Es war ein Feuerbrand in ihr Herz geworfen , sich sagen zu müssen : Wärst du weniger furchtsam gewesen , weniger gläubig den Versicherungen deiner Gönnerin Lucinde gefolgt , diese unglückliche Frau lebte vielleicht noch ! Freundlicher jedoch geworden , als sie die Wirkung ihrer harten Worte bemerkte , unterhielt sich Schwester Beate jetzt wieder im Wandeln mit Treudchen , fragte nach ihren sonstigen Lebensverhältnissen und vervollständigte das , was sie alles sonderbarerweise bereits wußte . Als Treudchen schon gehen wollte und die Hand der Nonne ergriff , sie aufs neue zu küssen , forderte Schwester Beate sie auf , in ihrem Kloster sie zu besuchen ... es läge dicht am Waisenhaus nebenan und wäre mit ihm durch einen geschlossenen Gang verbunden und sähe mit der Vorderfronte der zum Kloster gehörigen Kirche auf den Römerweg hinaus . Treudchen gedachte an ihre Herrin , wie sie vorhin den Namen einer gewissen Straße gesucht hatte ... Wir haben gerade morgen einen Geburtstag ! sagte die Nonne . Kommen Sie doch morgen Nachmittag ! Ich weiß nicht ... Ihre Herrin erlaubt es ... In ein Kloster läßt eine gläubige Seele jeden gehen ! Einen Geburtstag ? ... fragte Treudchen bebend und ausweichend ... Ein Geburtstag ist ein Einkleidungstag ! Die Nonne blickte auf das Ende eines Corridors , in welchem eine zweite Nonne erschien . Sie schwieg , bis diese herangekommen und mit einem freundlichen Gruße vorübergegangen war . Dies war eine fast vornehme Erscheinung gewesen ... Das war das Geburtstagkind ! sagte Schwester Beate mit einem Lächeln , bei welchem eine ihr Antlitz entstellende Zahnlücke zum Vorschein kam . Schwester Therese ist heute sozusagen drei Jahre alt ! Vor drei Jahren nahm sie den Schleier und wurde eine Braut des Himmels ! Sie ist sehr vornehmer Abkunft ! Ein Freifräulein Therese von Seefelden ! Schon hatte sie einen Grafen zum Verlobten , der aber sein ganzes Vermögen lieber zu einem wohlthätigen Zwecke bestimmte und ins Kloster gehen wollte ! Er ist im Franciscaner-Kloster Himmelpfort bei Witoborn ; leider wurde er krank und hat , der Aermste , seinen Verstand verloren ! Fräulein von Seefelden nahm nun auch den Schleier und wurde Karmeliterin ! Ich bin nicht so hoher Abkunft . Mir ging es wie Ihnen , Kind ! Hat man keine Aeltern und Verwandte mehr , keine Freunde und muß sich mühsam durchs Leben schlagen und immer in Gefahr leben , an seiner Seele beschädigt zu werden , so ist das Kloster die beste Versorgung ! Niemand hat da noch eine Entbehrung , als nur für anderer Wohl ! Wir kümmern uns nicht : Was wird aus uns ? Was essen , was trinken wir ? Unsere Kleidung , unser Unterhalt sind da - so leben wir nur mit unserm Innern beschäftigt . Kommen Sie morgen , liebes Kind ! Wir feiern unsere Geburtstage immer so froh , wie nur irgend erlaubt ist ! Es fehlt an Gebacknem nicht , nicht an Blumen , Sie sollen sehen , wir sind sogar ganz guter Dinge und können lachen wie andere auch ! Der Schall einer Glocke rief die Schwester Beate ab in die Säle , wo sie die weiblichen Handarbeiten leitete . Treudchen fühlte , daß sie morgen an dem Geburtstag der Schwester Therese nicht fehlen durfte . Ja es war ihr fast , als würden es ihre Geschwister zu entgelten haben , wenn sie einer so ausdrücklichen Einladung nicht Folge leistete ... Dennoch überfiel sie ein unaussprechliches Bangen ... Sie verließ das Waisenhaus zitternd , wie wenn sie in Lüften schwebte . Ihre Pulse flogen . Es war ihr , als sähe sie immer die Augen der Nonne sie anlächeln , sie durchbohren mit einer Freundlichkeit , die keine natürliche war , sondern dem Blicke der Schlange glich , die ihr Opfer erst erstarren macht ... Ach und dazu läuteten Glocken draußen und in ihrem Innern ! Allen ihren Leiden , zu denen Beängstigungen kamen , wie sogar solche , die in der Erinnerung an Piter lagen , bot sich eine himmlische Tröstung und ein Ausweg . Auch zu einem Geistlichen flog sie ja jetzt , der ewig entsagen mußte , der nur sich grüßen lassen durfte mit Blumen , die die Verehrung brachte und die nichts dafür begehrende Liebe ... Auf der Straße , wo sie sich wieder befand , hätte sie unter allen Menschen wie über eine Ahnung laut aufweinen mögen ... Wenn nur Löb Seligmann da war - sein Plaudern hoffte sie , würde ihr Beruhigung geben ! Sie fand ihn aber nicht und sie konnte kaum auf ihn warten . Auch konnte er vielleicht schon fort sein , denn sie war fast eine halbe Stunde geblieben . Dennoch suchte sie und suchte und stand und ging und ging und stand - Eins konnte ihr Auge nicht fortbannen : Die beiden Nonnen - und Schwester Therese und ihr feierlich ernstes Dahinwandeln und das braune wollene Kleid , das beide trugen und den groben Ledergürtel - und ihr Geliebter wurde Mönch , angethan wie der , den sie vorhin gesehen in dem Laden des Meisters Zinngießer ! Fast war sie im Auf- und Niedergehen schon dicht an diesem Laden angekommen . Sie sah ihn in der Ferne , sie sah , daß sie sich auf dem Rückwege zur Kathedrale leicht zurecht finden würde . Doch kehrte sie wieder zum Waisenhause um ... Nirgends fand sich aber Löb Seligmann ... Jetzt schlug es von den Thürmen halb elf Uhr ... Wie durfte sie länger zögern ! Frau Delring wird ihre Toilette machen wollen ! sagte sie sich . Sie eilte von dannen und geradeswegs der Kathedrale zu . Nach einer Viertelstunde war auch diese erreicht und mit ihr der Blumenmarkt . Rasch erhandelte sie zwei große Bouquets von Georginen , Levkoien , Nelken . Seligmann ' s Beispiel ermuthigte sie , sich einbinden zu lassen , was ihr nur irgend noch von den andern Vorräthen gefiel , vor allem Orangenblüten . Damit eilte sie dann zu dem Laden des Herrn Maria hinüber . Ein Schaufenster mit den auch nach außen sichtbaren innern Herrlichkeiten , die hier verkauft wurden , fehlte . Ja selbst im innern Laden , so groß und geräumig er war , hatte alles ein Ansehen , wie wenn diese Schränke und Kisten und Kasten nur zum Privatgebrauche einer hier für immer wohnenden Familie bestimmt waren . Herrn Maria ' s feiner Takt bewährte sich in diesem Geheimnißvollen des Verkehrs mit heiligen Dingen . Selbst die Lebkuchen ziemte sich nicht so offen neben den Meßgewändern liegen zu lassen ... Treudchen sah sich aber kaum um . In Eile sagte sie zu einer von einem versteckten Stehpult fragend aufblickenden nicht mehr in erster Jugendblüte befindlichen , aber doch durch Haltung und eine gewählte Toilette wol noch Jugendlichkeit in Anspruch nehmenden Dame : Eine Empfehlung von Madame Delring ! Ob