Gottes , sah den Geistlichen während seines Vortrags mit unverwandten Augen an und zerfloß in Tränen ; auch gestand er , daß ihn diese Langmut Gottes während seines ruchlosen Lebens oft zu Tränen gerührt habe . Von dieser Zeit an schlug der Geistliche bloß diesen Weg ein und führte seine Aufgabe siegreich durch . Der stolze Wildling wollte auch von seinem Gott und dessen Dienern um die schwere Arbeit , die er auf sich nehmen sollte , manierlich angesprochen sein . Es läßt sich jedoch denken , und wird auch ausdrücklich erzählt , daß dieselbe nicht ohne Unterbrechung vonstatten ging , wobei besonders sein Stolz immer wieder den schwer zu brechenden Kopf erhob . Einst besuchten ihn , nach der Art der Zeit , welche äußerst neugierig auf Verbrecher war , zwei Fremde in seinem Gefängnis . Der eine betrachtete die berüchtigte Gestalt und fragte , ob er der Unglückliche sei , der so viele unglücklich gemacht habe ? » Meine Herren « , antwortete er , den mächtigen Kopf in den breiten Nacken werfend , » wer ist unglücklicher , Sie oder ich ? Sie , die vielleicht mitten in Ihren Sünden durch einen einzigen Schlag dahingerissen werden , oder ich , der ich durch das Blut Jesu mit Gott versöhnet bin ? « Indessen tat er gleich wieder Buße und sagte zu seinem Beichtvater : » Mein Gott , was bin ich für ein elender Mensch , daß ich nicht einmal diese einzige Rede habe erdulden können ! « Aber auch die lustigen Farben des Lebens störten ihm das ernste Gewebe , an dem er wirkte . Die unanständigen Witze und die Religionsspöttereien , die so oft den Beifall seiner Gesellen erregt hatten , kehrten manchmal wieder zu ihm zurück und verdarben ihm durch irgendeine unwillkürliche Gedankenverbindung das Gebet oder das Bibelwort , durch welches er den glimmenden Docht seiner Leuchte anzufachen , das zerstoßene Rohr seines Lebens aufzurichten suchte . » Ebensowenig « , sagt sein Geschichtschreiber , » verließ ihn seine rohe Lustigkeit . Ein Glas Wein und ein gutes Essen machte ihn auch in den letzten Tagen seines Lebens so lustig , daß er die ganze Gesellschaft , die bei ihm war , mit Scherzen unterhielt und Henker , Tod , Bekehrung , alles vergaß . « Desto größer aber war nachher immer wieder seine Zerknirschung , » so daß er einst , als er bei ziemlichem Durste mehr Verlangen nach einem Glase Wein als nach geistlichen Gesängen empfunden , aus Reue hierüber und aus Zorn über sich selbst das Gesangbuch auf den Boden warf , was ihm dann einen neuen ebenso großen Kummer verursachte . « Da im Menschenleben zwischen dem Kleinsten und Größten Gleichungspunkte sind , so drängt sich bei diesem Zuge von selbst die Erinnerung an die Kämpfe des großen Reformators auf , in dessen Geistesbande dieser schwierige Zögling sich gegeben hatte und dessen riesige Gestalt die Nachwelt oft mit lächelndem Munde bewundert . Gleichwie seine Kirchenänderung die leichtfertige Welt seiner Tage mit Umsturz und Zerstörung bedrohte , so geht auch der Lehrbegriff , den er von einem verwandten Geiste erbte , dem natürlichen Menschen revolutionär und terroristisch zu Leib . Die Lehre eines alten Kirchenvaters , der nach einem weltlich durchstürmten Leben durchgreifende Buße und Selbstentäußerung predigte , muß den Menschen erst an allen Gliedern brechen , um ihn neu aufbauen zu können . Hieraus ergibt sich von selbst , daß sie bei der Jugend und bei allen jenen weichen , freundlichen Gemütern , die in Übereinstimmung mit sich durch das Leben gehen , seine Widersprüche nicht empfinden oder beiseite zu schieben wissen , nur oberflächlich wirken kann . Wer aber durch Schuld und Not hindurchgegangen ist , wer sich in den Netzen des Lebens verstrickt und sich selbst darin verloren hat , bei wem jener Entäußerung die grenzenlose Selbstverachtung vorgearbeitet hat , die sich nicht mehr mit dem Splitter im Auge des Nebenmenschen zu entschuldigen vermag , und wer auf allen seinen Irrwegen zugleich , wenn auch nicht ein geistesstolzes Denken , doch ein geistiges Leben sich bewahrt hat , der ist reif , um jene Lehre mit ihrer ganzen übermenschlichen Gewalt in sich aufzunehmen . Auf diesem Wege sind vornehme und gemeine Sünder , deren Lebensgeschichten unentbehrliche Blätter in den Jahrbüchern des menschlichen Geistes bilden , zu einer Umwälzung gekommen , welche die Welt , die nach menschlichem Maße leben will , ja oft selbst die Kirchenwelt , mit Staunen , wie ein verzehrendes Feuer aufflammen sah . Sie haben Heil gestiftet , wo sie auf verwandten Boden säeten ; viele haben ihnen mit zerstörtem Lebensglück geflucht : denn ihr Werk war , sich selbst und alles , was sie vorher liebten , zu zerschmettern . An den Genossen eines verbundenen Lebens , wie es auch zugebracht worden sein mag , zum Verräter zu werden , ist ein Malzeichen , vor welchem selbst der Leichtfertigste ein wenig stutzt . Die Rechtfertigung dieser Tat wäre in dem Falle , der uns vorliegt , selbst für die natürliche Betrachtung gar nicht schwer ; denn einer Bande , die arglosen Menschen nachts in die Häuser bricht , die Bewohner aus den Betten reißt , mit glühenden Nadeln peinigt oder den Schlaf mordet , ist niemand die Treue schuldig , die sie der Menschheit und sich selbst nicht hält . Aber es handelt sich ja hier nicht darum , eine Art Vorbild in so günstiger Beleuchtung aufzustellen , daß der geschmeichelte Leser darin seine eigene Menschenvortrefflichkeit erkennt . Vielmehr soll dieses Menschenleben mit seinen Lichtern und Schatten , mit seinen Ehrenzeichen und Schandmalen ein Gleichnis sein , in welchem jeder sich als gut und bös erkennen mag . Denn fremd kann dem Menschen nichts bleiben , was menschlich ist . Die wilden Tiere , welche seine Mitwelt in diesem Menschen sah , sie hausen alle in unserer Brust , und alle haben wir am Bache des Ebers getrunken . Wir verabscheuen das Stehlen , Rauben und Morden , aber auch er hat es verabscheut , und nicht erst nach der Tat ; und , sei es in den Bußliedern frommer Zerknirschung oder in der Alltagssprache , müssen wir uns schuldig bekennen , daß wir oft unserm Nächsten das volle Lot , das ihm gebührte , nicht zugewogen , daß wir sein Menschenrecht gekränkt , sein Menschenherz verletzt haben . Wer die Buße dieses Verbrechers als einen Ausfluß der Geistesgröße bewundert , wird sich doch auch daraus die Wahrheit entnehmen , daß es besser ist , einen Lebensweg zu meiden , der mit Abfall oder gar Verrat an den Genossen enden muß ; und wer sie als die Schwäche eines in der Bildung verwahrlosten Geistes , den seine Zeit keinen Lessing werden ließ , ansieht , der mag sich sagen , daß auch der unabhängigste Denker im Vollgefühle seiner Freiheit über Begriffe straucheln kann , die er mit der Muttermilch eingesogen hat . Keiner steht so hoch , daß er nicht fallen kann , und das einfältige Wort der Menschenliebe und Menschenwürde in jenem Buche , worin sich die Sehnsucht des Morgenlandes mit dem Geiste unserer alten Sprache und Dichtung vermählt hat , ist höher als alle . Der Kampf des Sünders , von welchem seine Kirche eine werktätige Reue forderte , die sich nicht einmal um den Preis des eigenen Lebens abfinden durfte , war groß und schwer . Dieses zertrümmerte Lebensschiff hatte er mit raschem Entschlüsse preisgegeben , und doch kam ihn auch bei dieser Auslieferung das Aufzählen des Inhalts im einzelnen sauer an . Die großen Verbrechen , welche den Kopf kosteten , gingen ihm ohne Widerstreben über die Zunge ; aber die kleineren Vergehen suchte er solange als möglich zurückzuhalten , aus Furcht vor einer schwereren Todesstrafe , wie er nachher behaupten wollte , in Wahrheit aber aus Stolz und Scham , weil die Gemeinheit dieser kleinen Diebstähle und Einbrüche ihm unauslöschlich auf der Seele brannte . Doch warf er endlich auch diesen Stolz als ein verwerfliches Überbleibsel seines alten Herzens weg . Der Oberamtmann , der die weiche Seite dieses Herzens kennengelernt hatte , unterstützte ihn mit gutem Bedacht ; » er ehrte ihn durch den offen kundgegebenen Glauben an seine Aufrichtigkeit und Besserung , drückte ihm seine Freude aus , ihn nicht durch Drohungen , Schimpf und gewaltsame Mittel zwingen zu müssen , sprach auch mitunter von anderen Gegenständen mit ihm , hörte seine Meinung und ließ die Inquisition den Ton einer vertraulichen Unterredung annehmen « , wovon freilich das Protokoll nichts enthält . Zugleich schickte er ihm Essen und Trinken ins Gefängnis , und daß er für diese freundliche Gabe in mehr als einem Sinne empfänglich war , wissen wir bereits . Die Stadt ahmte das Beispiel ihres Oberbeamten nach . Die Wächter ließen sich ' s gleichfalls gesagt sein , ihn menschlich zu behandeln ; » sie gingen ganz vertraulich mit ihm um und lachten und beteten abwechselnd mit ihm . « Wieviel diese guten Tage dazu beigetragen , ihn auf dem eingeschlagenen Wege zu erhalten , läßt sich nicht unterscheiden ; wohl aber ist nicht zu leugnen , daß den reinsten Gesinnungen immer menschliche Schwäche anklebt . Indessen hatte die Güte ihr strenges Maß . Er war gleich anfangs so hart geschlossen worden , daß er gar keine Bewegung machen konnte , und vier Männer mußten beständig in seinem Zimmer , vier außerhalb desselben wachen . Allein die Handlungsweise des Oberamtmanns , der das Menschliche mit dem Amtlichen zu verbinden wußte , gewann den Räuber völlig . » Mit Tränen erklärte er « - und der Gewährsmann fügt ausdrücklich hinzu , daß dies seine eigenen Worte seien - » der Oberamtmann habe durch seine Güte mehr aus ihm herausgebracht , als tausend Foltern nicht hätten erpressen können . Er erklärte , er danke der Vorsehung , daß sie ihm gerade in dieser Stadt seinen Tod bestimmt , und er möchte um keinen Preis , auch wenn er könnte , mehr entwischen . Weil er sich aber selbst nicht traute , so wünschte er , bat sogar , man möchte ihn wie den ärgsten Bösewicht bewachen . Er nannte die Arten des Schließens , die allein mit Sicherheit bei ihm angewendet werden könnten , und zeigte andere , deren Nutzlosigkeit er bewies . Besonders erinnerte er , daß man an Markttagen wachsam sein solle , weil da gewiß einige seiner Kameraden sich einschleichen würden , um ihn zu retten . « Infolge dieser Angaben mußte die standhafte Erwartung des Volkes , daß der Schützling des Teufels , wie in Hohentwiel und anderen festen Orten , eines Tages durch Rauchfang oder Schlüsselloch verschwinden werde , unerfüllt bleiben . Dagegen rief der Tod des Amtsdieners , der plötzlich während der Untersuchung starb , die noch jetzt im Munde des Volkes lebende Sage hervor , die verzweifelten Spießgesellen des Gefangenen haben , um seine gefährlichen Geständnisse , die sich wie ein Lauffeuer in alle Lande verbreiteten , abzuschneiden , ihm heimlich vergiftetes Backwerk zuzustecken versucht , und die Konfiskation desselben sei dem Diener des Gesetzes übel bekommen . Während aber im Volke sich geschäftig eine Art Heldensage über ihn bildete , stand er demütig vor seinem Richter und bekannte sich für den » Verworfensten aller Sterblichen « . Die strenge Folgerichtigkeit der Buße verlangte aber mehr von ihm . Die schon in der Freiheit versuchten Enthüllungen über die mordbrennerischen Pläne der überrheinischen Zigeuner konnten ihm nicht besonders schwer werden , denn dieses Gesindel ging ihn nicht näher an . Aber wenn seine Beichte vollständig sein sollte , so mußte er nähere Genossen , mußte er seine Nächsten in das Verderben , wenigstens in das zeitliche , mit hineinreißen . Nach seiner ganzen Beschaffenheit mußte ihn dies einen Kampf kosten , über dessen Schwere man sich durch die bei dem Naturmenschen in jeder Lage des Lebens möglichen Augenblicke der Lustigkeit nicht täuschen lassen darf . Die beiden Haupttriebräder seiner ganzen Lebensentwickelung , Liebe und Stolz , mußten in diesem Kampfe überwunden werden . Er war sein Leben lang seinen Freunden ein treuer Freund nicht bloß gewesen , sondern zur vollsten Befriedigung seines Selbstgefühls , als solcher auch stets von ihnen anerkannt worden : und nun sollte er diesen einzigen , letzten Ruhm , an dem er sich im Eisgange der Selbstverachtung noch aufrecht gehalten , von sich werfen , sollte auch noch den Seinen verächtlich werden , wie er der übrigen Welt verächtlich war . Aber er war dem Buß- und Besserungsplan , welchen das weltliche und geistliche Amt zusammen entwarfen , schon in seinem ersten Verhör vorausgeeilt , in welchem er erklärt hatte , er wolle seiner Mitschuldigen so wenig wie seiner selbst verschonen , und hatte damals schon auf die Gefangenen in Stein , unter welchen seine zweite Christine war , hingewiesen . Nur fand er bald , daß die Ausführung eines Entschlusses nicht so leicht ist wie der Entschluß selbst , und in den nächsten Verhören begann er zugunsten seiner beiden Weiber zu lügen , so sehr , daß er in der Erzählung von der Zusammenkunft im Walde bei Wäschenbeuren eine Katharina statt der schwarzen Christine nannte . Er hatte beide mit der ganzen Kraft seines Herzens geliebt . Wenn er sie aber liebte , so mußte er ihnen ja die gleiche bittersüße Arznei reichen , der er seine Genesung zu verdanken bekannte . Er entschloß sich dazu , und daß dieser Entschluß der äußersten Selbstüberwindung aus redlicher Überzeugung floß , das haben ihm nicht bloß seine weltlichen Richter und geistlichen Tröster bezeugt , das bezeugt ihm nicht bloß sein Geschichtschreiber , welcher versichert , daß er mit der unabänderlich gleichen Gesinnung auf der Lippe gestorben sei , sondern die menschliche Natur selbst bezeugt es ihm , welche weiß , daß ein Mensch wie dieser nicht mit einer Lüge aus dem Leben gehen kann . Die Folge seiner Geständnisse war , daß beide Christinen an den Sitz des Gerichts geholt wurden , die eine aus ihrer Gefangenschaft , die andere aus der Dunkelheit ihres Dienstes , in welchem sie sich , wie ihr Geschichtschreiber sagt , ordentlich aufgeführt hatte . Die schwarze Christine , die ihn durch und durch kannte und sich ohne Zweifel sagte , daß sie verloren sei , wenn es der Oberamtmann verstanden habe , ihn an seiner schwachen Seite zu fassen , leugnete hartnäckig , schalt über Ungerechtigkeit und drohte - aber der Oberamtmann hatte sein gezähmtes Wild bei der Hand und wußte es zum Fang des ungezähmten zu gebrauchen . Er hatte seinen Gefangenen hinter einer spanischen Wand verborgen und ließ ihn , da sie einen Sonnenwirtle jemals gesehen zu haben leugnete , plötzlich auf ein gegebenes Zeichen hervortreten . » Seine ganze Seele « , erzählt der Geschichtschreiber , » ward bei ihrem Anblick bewegt , er zerfloß in Tränen der Liebe und des Schmerzes . Auch sie war bei seinem unerwarteten Anblick erschüttert , doch faßte sie sich plötzlich wieder und nahm die gleichgültigste Miene , wie gegen einen unbekannten oder kaum einmal gesehenen Menschen an . Schwan ließ sich nicht abschrecken . Er näherte sich ihr mit den zärtlichsten Liebkosungen , die um so rührender waren , da sie sich zum erstenmal in einer so traurigen Lage und unter noch traurigeren Aussichten wiedersahen . Aber sie verschmähte mit Unwillen seine Zärtlichkeit und beschwerte sich über die Vertraulichkeiten eines Unbekannten , da er noch überdies allem Anschein nach ein großer Bösewicht sei und sie selbst in diesen Verdacht bringen wolle . Noch ließ er nicht nach . Er erklärte ihr , daß das Leugnen ihrer Verbrechen nun zu spät sei , daß er längst alles gestanden und daß sie selbst auch durch viele Umstände sich schon verraten habe . Er versicherte sie , daß nun das Ende ihrer Freveltaten gewiß gekommen , daß er aber seinen gegenwärtigen Zustand , wo er in Ketten und Banden schmachte und keine weitere Aussicht als den Tod habe , dennoch für viel glücklicher halte als jenen , da er in der höchsten Freiheit Gottes und der Menschen gespottet . Nichts rührte das boshafte und verhärtete Weib ; sie antwortete ihm nur mit Unwillen und Verachtung . Nun konnte sich Schwan nimmer halten . Seine beiden großen Leidenschaften , Zorn und Rachsucht , brachen plötzlich hervor , er tobte , raste , fluchte und wünschte nichts mehr als die Verruchte mit eigener Hand ermorden zu können . Doch auf diesen Ausbruch erfolgte sogleich wieder Ergießung sanfter Liebe und Zärtlichkeit ; er bat , flehte , weinte ; aber auch seiner Bitten und seiner Tränen spottete sie , bis er aufs neue in Wut ausbrach und so wechselweise jetzt der Wut , jetzt der Zärtlichkeit sich überließ . « So erzählt der Sohn des Oberamtmanns , der jenen Vorgängen nahestand . Der spätere Sammler der Vaihinger Überlieferungen fügt aus unbekannter Quelle hinzu , die württembergische Behörde habe es für zweckdienlich gefunden , ihr den neunwöchigen Säugling wegzunehmen , den sie im badischen Gefängnisse geboren und gestillt , worüber sie in eine solche Raserei geraten sei , daß sie sich das Gesicht zerfleischt , das Holz des Fußbodens mit den Nägeln aufgerissen und tage- und nächtelang mit gräßlichem Geheul nach ihrem Kinde verlangt habe , bis ihre Stimme in einem heisern Stöhnen untergegangen sei ; hierauf sei sie in eine bedenkliche Krankheit verfallen , von der sie sich erst nach fünf Wochen wieder erholt habe . Freilich hatte ihr Mitschuldiger seinem Richter vorausgesagt , daß er einen schweren Stand mit ihrem verstockten Herzen haben werde , da sie oft erklärt habe , daß sie sich lieber auf den Tod foltern , als zum Spektakel der Welt durch den Henker hinrichten lassen wolle . Auch ließ er sie durch die Wächter bitten , zu gestehen und nicht sich und ihm nutzlos die Leiden der Gefangenschaft zu verlängern . Sie ließ sich endlich zum Geständnis der leichteren Fälle herbei , die sie ihrer Jugend und der Verführung ihres Mannes zuschrieb ; aber als sie zu gestehen begann , war sie bereits längst überwiesen , und die Waagschale ihrer Verbrechen sank unter dem Druck der gebrochenen Urfehde , welche das christliche Gesetz seinem heimatlosen Feinde bei dessen erster Betretung und Ausweisung aufzuerlegen pflegte , um ihn bei der Wiederbetretung , die ihn ja dann des Meineides schuldig zeigte , desto fester fassen und nötigenfalls am Leben strafen zu können . Auch die blonde Christine ergab sich nicht gutwillig in das Schicksal , das ihr umgewandelter Geliebter ihr bereitete . Der Sohn des Oberamtmanns beschreibt das verhängnisvolle gerichtliche Wiedersehen dieser beiden in seiner Weise so : » Müllerin war seine erste Liebe , lange war er bis zur Raserei in sie verliebt , und auch sie hing mit einem solchen Feuer an ihm , daß sie Ehre , Freiheit und alles ihm aufopferte , und was für ihn vielleicht das wichtigste war , sie war die Mutter seiner Kinder . Seit zwei Jahren waren sie gänzlich getrennt . Sie war die erste Ursache seines Schicksals , und er des ihrigen . Alle diese Empfindungen wachten in dem Augenblick des ersten Wiedersehens auf . Er zerfloß in Tränen , sobald er sie sah , und erst lange stumm , fragte er sie endlich aufs zärtlichste nach ihrem Schicksal , nach ihren Kindern und Verwandten , bat sie um Verzeihung , daß er sie unglücklich gemacht , und versicherte sie seiner heftigsten Reue . Müllerin ward durch seinen Anblick und seine Rede in die sonderbarsten Empfindungen gesetzt : innigste Rührung und Begierde ungerührt zu scheinen , kämpften in ihr , sie ließ jetzt , wie man aus ihrer Miene schloß , ihren Empfindungen freien Lauf , jetzt zwang sie sich , eingedenk der Folgen , sie zurückzuhalten . « Lange hatte er sich gegen das Bekenntnis der Vergehen gesträubt , an welchen die Genossin seines fruchtlosen Kampfes mit der Gesellschaft in der Halbheit ihres Umher seh Wankens zwischen Rat und Tat Anteil genommen ; aber seiner wachsenden Aufrichtigkeit kam der natürliche Verlauf der Dinge zu Hilfe : denn nachdem das Gericht einmal seinen Namen wußte , kannte es auch einen guten Teil seiner Geschichte und wurde durch Mitteilungen aus seiner Heimat in den Stand gesetzt , die einschlagenden Fragen an ihn zu stellen , welchen er in der Gemütsverfassung , die wir kennen , nicht länger auszuweichen vermochte . Nun begann er unumwunden und rücksichtlos zu gestehen , und die Arbeit der Überwindung , die er auf seine Weiber ausdehnte , wiederholte sich in jedem gemeinschaftlichen Verhör . » Er redete ihnen zuerst sehr sanft und freundlich zu , geriet dann in Wut , tobte und drohte , klagte , daß er nie ein Wort um seinet- , sondern nur um ihretwillen gelogen und daß die Verruchten es ihm so vergelten , bat sie dann wieder um Verzeihung und flehte sie liebreich an , ihre und seine Schuld vor Gott und den Menschen nicht noch schwerer zu machen . « Die blonde Christine ließ sich endlich erweichen , erklärte aber gleich nachher wieder , daß sie , durch sein schmeichelhaftes Zureden , wie sie sich ausdrückte , bewogen , viel zu viel eingestanden habe . Auch sagte sie , nicht aus Bußfertigkeit , sondern aus kleinlicher Rache auf ihn aus , er habe einmal , wie sie wisse , ein paar Sägen gestohlen . Bei dieser Gelegenheit konnte der Inquirent das Wesen seines Inquisiten an einem neuen Zuge kennenlernen . Derselbe Mann , der seine todbringenden Geständnisse so willig und todesfreudig gemacht hatte , leugnete den kleinen Diebstahl aufs hartnäckigste , so daß der Richter an ihm irre wurde . Als er endlich überwiesen war und keinen Ausweg mehr finden konnte , so gestand er das Vergehen und zugleich die Ursache seines Leugnens : er habe , sagte er , die Sägen an einen ehrlichen , gewissenhaften Mann verkauft , der sich lange nicht dazu bequemen wollte , bis er ihn versichert , sie seien nicht gestohlen , und sich auf Seel und Seligkeit vermessen habe , daß ihm sein Lebtag nichts über den Handel aus seinem Munde kommen solle , weswegen er auch so gewiß als etwas von der Welt wisse , daß er seiner Christine nichts davon gesagt habe . Nun fand sich der Richter wieder in ihm zurecht und schenkte ihm nach und nach so vollen Glauben , daß , wie sich aus dem Protokoll ergibt , der Unschuldsbeweis hinsichtlich des an dem Schützen zu Ebersbach begangenen Mordes lediglich auf seine eigene Aussage gegründet ist . Das Urteil wurde hierdurch freilich in nichts abgeändert , doch blieb dieser angebliche Meuchelmord , den ihm die Ebersbacher aufbürdeten , aus der im Urteil aufgestellten Reihe seiner Verbrechen weg . Der kleinliche Groll , dem die blonde Christine in ihrem der Schwachheit ausgesetzten Gemüte Zugang verstauet hatte , schwand wieder , denn sie kannte sein Herz und glaubte an die Aufrichtigkeit seiner Zerknirschung , die ihm nicht anders zu handeln erlaubte , obgleich sie sich die Rechnung machen konnte , daß sie dieselbe , nachdem es ihr geglückt war , aus dem Zuchthaus in einem Dienst unterzukommen , mit einer abermaligen Zuchthausstrafe zu bezahlen haben werde . Allerdings ein harter Lohn für so viel Liebe und Aufopferung , die in dem Protokoll mit dem amtlichen Kunstausdruck praematurus concubitus abgefertigt wird ! In zwei brandmarkenden Worten die Geschichte eines siebenjährigen Kampfes voll Weh und Treue erschöpft ! Und dabei war der Oberamtmann noch billiger als das Gesetz , das ein ohne elterliche Einwilligung geschlossenes Liebesband mit einem noch härteren Ausdrucke brandmarkte . Sein Angeklagter muß ihm in jenen Stunden , wo die Inquisition » einen vertraulichen Ton annahm « , ergreifende Eröffnungen gemacht haben , die freilich nicht im Protokoll zu lesen sind , auf die man aber daraus schließen darf , daß das Protokoll , daß ja nicht die Geschichte seines Schicksalsganges , sondern nur die Geschichte seiner Verbrechen enthalten sollte , die Anklage gegen Stiefmutter , Vater , Pfarrer und Amtmann , zwar kurz und dürr , aber doch in wenigen Worten vollständig aufgenommen hat , die Anklage : » nachdem er sich ehlich mit seiner Geliebten versprochen und seine Minderjährigkeit bei der Regierung wegsuppliziert , habe sein Vater , weil sie ihm nicht reich genug gewesen , durchaus nicht darein willigen wollen , und es bei dem Pfarrer und Amtmann dahin zu bringen gewußt , daß ihm aller Umgang mit derselben verboten worden , ob man sie schon zum drittenmal miteinander ausgerufen gehabt , und daß hieraus die Exzesse entstanden seien , die ihn nach und nach auf den Weg des Verderbens geführt . « Auch die Weigerung des geistlichen Hirten , seinen Schafen einen unentgeltlichen Dienst zu leisten , hat der Oberamtmann , ohne Zweifel von dem stummen Gefühl des Ehrenmannes geleitet , gewissenhaft in sein Protokoll eingetragen . Aber die Rachsucht , mit welcher der Unglückliche so oft über diesen Erinnerungen gebrütet hatte , war mit seinem Stolze gebrochen . » Er selbst « , erzählt der Sohn des Oberamtmanns , » hielt die abgeschlagene Heirat mit Müllerin für die Ursache seines Unglücks , und brannte daher während seines ganzen Lebens von Wut und Rache gegen seinen Vater . Dennoch redete er zuletzt mit großer Mäßigung von ihm . Er hätte können anders mit mir verfahren , sagte er einst : doch es ist auch wahr , daß mein Eigenwille allzu groß war ; ich selbst habe das Gute verworfen und das Böse erwählet . Ich will dahero gern alle Schuld auf mich allein nehmen . Aber wenn er ja auch schuld sein sollte , so gedenke doch Gott seiner Sünden nicht . Er hat auf dieser Welt Trübsal genug an mir erlebt . Der arme Mann , fuhr er ein andermal fort , mein Vater dauert mich . Ich will ihm keine Vorwürfe machen . Ich wünschte mir noch seinen Segen . Der Eltern Segen baut der Kinder Häuser . Das schickt sich nun freilich nimmer auf mich . Aber sein Segen würde mir doch erquickend sein . Oh , daß Gott seine Sünden vergeben wollte , wie er mir die meinigen vergeben hat ! « Diesem Hauche des Friedens entsprechend malt der Geschichtschreiber seine ganze übrige Gemütsstimmung . » Nichts aber « , sagt er , an das Vorige anknüpfend , » war jetzt so lebhaft , als die niemals ganz verbannten Empfindungen der Liebe . Sein ganzes Herz hing an seinen beiden Frauen , und vorzüglich an seinem Kind . Man schickte ihm nichts zu essen , von dem er nicht diesen mitteilte . Besonders aber war er für ihren Seelenzustand so bekümmert , daß er ihnen , wo er nur konnte , auf das nachdrücklichste zusprach , daß er stets sich nach ihren Gesinnungen erkundigte und sowohl dem Oberamtmann als den Geistlichen die Methode anzugeben suchte , wie man ihren Herzen am besten beikommen könnte . Eine solche Gemütsverfassung gab ihm Mut in Augenblicken und unter Umständen , in denen sich sonst Verzweiflung auch der Stärksten bemächtigt ; ja er erhob sich durch dieselbe bis zu einem solchen Grad der Freudigkeit , die ihm selbst bewunderungswürdig vorkam und die bisweilen so weit ging , daß er selbst befürchtete , ob sie nicht bloßer Leichtsinn sein möchte . « Unter allen diesen Stimmungen aber ging die Arbeit ununterbrochen fort , nicht bloß jene Arbeit der Buße , sondern die geistige Arbeit einer treuen Zeichnung der Welt , in der er gelebt hatte . Diese Zeichnung ist in den Untersuchungsakten niedergelegt . Wohl selten ist ein so dickes Protokoll in der Zeit von so wenigen Monaten vollendet worden . So hohe Anerkennung man dem Fleiße und der Berufstreue des Beamten schuldet , der der Verwaltung und Rechtspflege seines Bezirks zugleich vorzustehen hatte , mit der Person seines Gefangenen eine in halb Süddeutschland verzweigte Untersuchung in die Hände bekam , und neben den fortdauernden Verhören einen durch diese veranlaß ten sehr ausgebreiteten Verkehr mit einheimischen und auswärtigen Behörden führen mußte - so enthüllt sich doch zugleich aus diesen Akten das Bild eines Angeklagten , der ungezwungen und in rasch fließendem Vortrage , gleichsam als die leitende Seele der Untersuchung , seine Angaben diktiert , so daß der Richter sich zusammennehmen muß , um mit dem Geiste und mit der Feder zu folgen . Für den prüfenden Leser zerfällt das Protokoll somit in zwei Bestandteile von nicht ganz gleichem Gehalte : der eine gehört - sagen wir nicht dem Oberamtmann , sondern dem Lebenskreise , dem er angehörte , und der Urlieber des anderen ist der begabte Verbrecher selbst . Besonders verdient die lebendige Kraft hervorgehoben zu werden , mit welcher er die Masse von Personen , um die sich seine Aussagen drehen , zu schildern wußte : mit wenigen Worten , die wie breite Pinselstriche wirkten , entwirft er ein Bild nach Gestalt und Tracht , daß die geschilderte Person in anschaulicher Leibhaftigkeit aus dem Protokoll vor das Auge springt und ebensogut dem Richter zu einem Steckbrief , als dem Dichter , soweit dieser Lust hat unter die Räuber zu gehen , zu einem Gemälde in Lebensgröße dient . Und damit man nicht glaube , daß einem ungebildeten Menschen aus dem Volke hiermit des Guten gar zu viel geschehe , so möge an dieser Stelle in andern Worten und anderer Auffassung die Bürgschaft des jüngsten Bearbeiters der Geschichte des » Sonnenwirts « eintreten , der ihn nur aus dem Vaihinger Inquisitionsprotokoll , also von seiner schwärzesten Seite kennt , und gleichwohl den Eindruck , den ihm die Persönlichkeit des Inquisiten in den Akten machte , so wiedergibt : » Die Bekenntnisse des Verbrechers drängten sich völlig frei und ungezwungen und in solcher Masse dem Verhörrichter entgegen , daß der Bedarf inquisitorischen Scharfsinns zu ihrer Erhebung sich ungleich geringer herausstellte , als der Aufwand an Zeit und Mühe für die juristische Digestion des reichen Materials . Die Sprache , die er vor Gericht führte , war gewogen , anständig , zuweilen edel , und zeugte im allgemeinen von einem nicht geringen Maße natürlichen Verstandes , namentlich aber wenn es galt , dem untersuchenden Beamten das Unlogische mancher Unterstellungen verweisend