den Kuchen auf , reichte ihn herum und alle Drei aßen , tranken und waren fröhlich und guter Dinge . Nach einiger Zeit lehnte sich Madame Becker behaglich in ihren Stuhl zurück und spielte , anscheinend absichtslos , mit dem Paketchen , das sie neben sich hingelegt hatte . Es war dies ländlich , mit weißem Papier umwickelt und mit einer rothen Schnur zusammen geknüpft . Auf demselben stand eine Adresse mit einer festen , regelmäßigen Handschrift . » Einkäufe ? « fragte die Wittwe , deren Neugierde erregt war . » O nein , « entgegnete die Andere , » es ist ein Geschenk für meine Nichte Marie , die Tänzerin . Die bekommen so was immer anonym zugeschickt . Auf der Straße brachte es mir ein Bedienter , und da er mich erkannte , nahm ich es ihm gleich ab . « » Also die Marie hat ' s noch nicht gesehen ? « meinte Emilie . Madame Becker schüttelte gleichgiltig mit dem Kopfe . » Die sieht ' s morgen Früh noch bald genug , « sagte sie , » wenn sie es überhaupt zu sehen bekommt ; und das hängt ganz von ihrer Aufführung ab . « » Und was ist wohl darin ? « fragte Madame Wundel . Die Frau bog das Päckchen hin und her , und als sein Inhalt sich weich anfühlte und biegen ließ , antwortete sie : » Es werden Handschuhe sein . Doch können wir das ganz genau erfahren : wir machen es einfach auf und sehen nach . « Damit löste sie die rothe Schnur , machte das Papier aus einander , und Emilie erblickte mit leuchtenden Augen wenigstens zwei Dutzend seine Pariser Handschuhe von den verschiedensten Farben . » Ah ! die sind schon ! « sagte sie . » Die Marie ist doch ein glückliches Mädchen , daß sie solche Sachen bekommt . - Ja , so eine Tänzerin ! « » Sie sind wirklich hübsch , « meinte die Becker . » Gefallen sie Ihnen , Mamsell Emilie ? « » Wem sollen die nicht gefallen ! - Und das ist gerade meine Größe ; siehst du , Mutter , nicht ein Tüpfelchen länger und breiter könnte ich sie brauchen . « » So will ich Ihnen was sagen , thun Sie mir den Gefallen und nehmen ein halbes Dutzend von diesen Handschuhen von mir zum Weihnachtsgeschenke an . « » Ah ! das wäre zu viel , Madame Becker ! « rief Emilie . » Hast du gehört , Mutter , ich soll ein halbes Dutzend von diesen prächtigen Handschuhen haben . Wie mich das glücklich macht ! - Aber nein , ich kann ' s nicht annehmen , gewiß ich kann ' s nicht annehmen ; ich müßte mich schämen . « Madame Wundel , welche befürchtete , es könnte der noch nie da gewesene Fall wirklich eintreten , daß ihre Tochter Emilie sich einmal schämen würde , etwas anzunehmen , trat nun mit ihrer Autorität dazwischen und sprach mit Ruhe : » Wenn die gute Frau Becker dir ein halbes Dutzend Handschuhe zum Geschenk machen will , so wäre es von dir unschicklich , sie nicht dankbarlichst anzunehmen . « » Aber das ist zu viel , Mutter , - ein ganzes halbes Dutzend ! « » Possen ! « versetzte Madame Becker , die , wie der geneigte Leser wohl weiß , ihre guten Gründe hatte , sich die Familie verbindlich zu machen . - » Possen ! nicht der Rede werth ! - Hier sind sechs von allen Farben , und hier ist auch die Emballage und die Schnur . - Mädchen bleiben immer kleine Kinder ; man muß sie zu Allem zwingen . « Damit wickelte sie lachend die sechs Handschuhe in das weiße Papier , band noch zum Ueberfluß die rothe Schnur darum und überreichte sie mit einer graziös sein sollenden Handbewegung , wobei sie sagte : » Der Fräulein Emilie zum Weihnachtsabend . « » Prächtig ! prächtig ! « lachte Madame Wundel . » Wie das die Frau Becker alles zu machen versteht ! - Ja , ja ! man sieht gleich , daß Ihr vornehme Bekanntschaften habt und viel mit guter Gesellschaft umgeht . « Die Andere schloß affektirt ihre Augen , zuckte gewaltig die Achseln und erwiderte mit einem tiefen Seufzer : » Ach ja , es ist wahr , ich sehe viel vornehme Herren und es thut Einem wohl , wenn man so von den respektablen reichen Leuten geachtet wird wie ich . Aber man hat viel mit ihnen durchzumachen , o erschrecklich viel ! « Emilie hatte sich entfernt , um ihre Handschuhe aufzuheben , und da sie vorderhand Punsch und Kuchen genug erhalten , so blieb sie im Nebenzimmer , vielleicht auch blos aus Taktgefühl , indem sie sich wohl denken mochte , daß die beiden Frauen etwas zusammen zu sprechen haben könnten , wobei ihre Gegenwart überflüssig sei . Madame Becker hatte auch diesen Augenblick benutzt , um die eben gehörten Klagen loszulassen . - » Ja schrecklich viel ! « wiederholte sie jetzt . » S-o-o ? « fragte Madame Wundel . » Aber Ihr seid doch die Frau dazu , allen Anforderungen zu entsprechen . « » O nicht immer , nicht immer . Ich stehe so allein in der Welt und habe Niemand , dem ich mich so recht anvertrauen kann , was ich zuweilen thun würde . « » Seht Ihr , wie Unrecht es von Euch ist , « sagte die Wundel mit einem Anflug von Rührung , » daß Ihr so wenig zu mir kommt . Haben wir nicht immer vortrefflich zu einander gepaßt , und haben wir uns nicht manchen guten Rath gegenseitig gegeben ? « » Ja , das ist wahr , Wundel , « erwiderte die Andere , » und als ich heute so über Manches nachdachte , und zu mir selber sprach : mit wem könntest du wohl Dieses oder Jenes überlegen ? da standet Ihr auf einmal vor mir , ja ich sah Euch leibhaftig und es rief ordentlich : du hast ja die Wundel , die alte treue Seele ! - Die Wundel , die immer offen und brav gegen dich war und die du schon als Kind gekannt . - Wißt Ihr noch , wie wir damals zusammen getanzt ? - Ach Gott ! wenn ich an die Zeit denke , so wird es mir ganz traurig zu Muth . - Und darauf kamen wir so weit auseinander , Ihr heirathetet den seligen Wundel und ich meinen seligen Becker , und Ihr wißt wohl , daß die Beiden sich nie leiden konnten . - Du lieber Gott ! ich will es euch nur gestehen , der Wundel machte mir einmal ein wenig die Cour und da wurde der gute Becker eifersüchtig . - Nun , so sind einmal die Mannsbilder ! Aber es waren Beide ein paar brave Narren , und Gott weiß , wie es mich immer noch betrübt , daß sie dahin sind . « Auch Madame Wundel schien dies nachträglich noch sehr zu betrüben , denn als sie sah , daß die Becker sich ihre Wangen wischte , bemühte auch sie sich unter Beihilfe des starken Punsches ein paar Thränen ihren trockenen Augen zu entpressen . » Also an Euch dachte ich , « fuhr die Andere fort , nachdem sich die Rührung gelegt , » und sagte zu mir : noch heute gehst du dahin und fragst bei der rechtschaffenen Wundel an , ob sie auch noch was von der früheren Freundschaft gegen dich im Busen fühlt . « » Gewiß , Beckere , « entgegnete die Wundel mit einem unverkennbaren Schluchzen . » Wirklich , Wundel , nun das freut mich . « » Ich habe so oft an Euch gedacht . « » Und ich erst ! « » In alter Freundschaft . « Dabei erhoben die Weiber ihre frisch aufgefüllten Gläser , stießen auf ein gegenseitiges Wohl an und tranken darauf den warmen Punsch mit solcher Standhaftigkeit , daß ihre Köpfe ganz roth davon wurden . » Ja , ja , « sagte die Becker nach einigem Stillschweigen , » es kommen mir oft Sachen vor , bei denen ich den Rath einer verständigen und gescheidten Frau brauchen könnte . « » So laßt mich zum Beispiel hören , « sprach Madame Wundel mit vieler Bescheidenheit . » Ich habe da gerade eine Sache im Kopfe , die Euch aber nicht interessiren kann , da Ihr die Personen nicht kennt ; aber die Verhältnisse könnte ich Euch mittheilen . « » So laßt hören . « » Da ist ein gewisser Staiger , - ich glaube so eine Art von Literat . - Aber was macht Ihr für ein sonderbares Gesicht ? « » Ah ! den kenne ich ja ! « » Den kennt Ihr ? « rief Madame Becker mit einem erkünstelten , aber gut gemachten Erstaunen . - » Ihr kennt den Staiger ? - Nun , dann hat die Sache doppeltes Interesse für Euch . - Na , seht , das freut mich ! « » Er wohnt ja mir gerade gegenüber auf demselben Boden . « » Das trifft sich prächtig ! - Ist die Möglichkeit ! - Da kennt Ihr auch wohl seine Tochter ? « » Die Tänzerin ? - Puh ! « » Wie so puh ? « » Ein Fratz , ein hochmüthiger Aff ! « » Was der Tausend ! - Das müßt Ihr mir später näher erzählen . - Hat sie Liebschaften ? « » Bis vor Kurzem gar nichts dergleichen . « » Und jetzt - ? « fragte die Becker besorgt . » Seit einiger Zeit , « erwiderte Madame Wundel , » zeigt sich hie und da so was im Haus , ein junger Mensch , recht gut aussehend , - er hat freilich mit dem Alten Geschäfte , aber uns macht man nichts weiß ; wir kennen das . « » Ja , wir kennen das , « sagte die Andere nachdenkend . - » Und wer ist der junge Mensch ? « » Seinen Namen weiß ich nicht , aber auf alle Fälle was Reiches oder Vornehmes . « » Wohl ein Offizier ? « » Das glaube ich nicht ; nein , nein ! auf alle Fälle Civilist . Oft fährt er in einer Droschke an . « » Und das Mädel ? « » Ich weiß nicht , wie weit sie was mit ihm hat . Wißt Ihr , ich komme mit den Leuten selten in Berührung ; die Clara kommt wohl zuweilen herüber - « » So , sie kommt zuweilen ? « fragte die Becker aufmerksam . » Freilich ; aber ich spreche natürlicherweise nie mit ihr etwas dergleichen , bekümmere mich auch um die ganze Wirthschaft nicht , meine Emilie aber - für die Mädchen ist so was interessant - hat ein paarmal scharf aufgepaßt und sie an der Treppe gesehen , wie sie Abschied nahmen . « » Nun ? « » Und dabei bemerkt , daß etwas im Spiele ist . « » Und ging das Abschiednehmen recht innig vor sich ? « » Das nun gerade nicht ; ein einziges Mal habe er sie auf die Stirne geküßt , und da habe sie sich losgerissen und sei hastig in ' s Zimmer zurückgeeilt . Gewöhnlich blieb es beim Küssen der Hände . « » Ei , sie sind noch am Händeküssen , « sagte bedenklich Madame Becker . » Das ist mir nicht lieb , da hält sie ihn gewaltig in Respekt und hat tiefe Absichten . « » Ja , die hat freilich Absichten . - Wie ich Euch schon sagte , ein hochmüthiger Fratz . Ich glaube , wenn der ein Prinz die Cour machte , so bildete sie sich ein , er würde sie heirathen . « » Das thun die meisten , « versetzte lächelnd Madame Becker . » Ich versichere Euch , die Hoffnung , mit der so ein Mädchen erfüllt ist , und die Leichtgläubigkeit , mit der sie in ihrer Einbildung die unüberwindlichsten Hindernisse wegräumt , das ist ganz erstaunlich . - - Aber Ihr wißt nicht , wer dieser junge Mensch ist ? « » Nein , ich kann ' s nicht sagen ; Emilie meint , es sei ein Künstler , wißt Ihr , kein so armer Schlucker , sondern was Ordentliches . « » Das Mädchen ist schön ? « » Das kann man nicht leugnen . « » Und nachsagen kann man ihr eigentlich auch nichts ? « » Bis jetzt nicht das Geringste . « » Schlimm ! schlimm ! « seufzte Madame Becker und versank in tiefes Nachdenken , während sie , unhörbar für die Andere , zu sich selber sprach : » Die Kommission soll der Teufel holen . - Aber ich habe es mir gleich gedacht , bin ja schon ein paarmal tüchtig bei dem Mädel angelaufen , und jetzt , wo sie eine kleine Liebschaft angefangen hat , eine Liebschaft , welche die schlaue Theaterprinzeß recht ausbeuten zu wollen scheint , da ist nichts zu machen . - Schlimm ! schlimm ! - Würde mir auch wahrhaftig kein graues Haar darüber wachsen lassen , wenn nicht das verfluchte Siegel auf dem Brief gestanden wäre : vor ihm muß ich mich in Acht nehmen . - Aber ich sehe da keine Möglichkeit . « Während Madame Becker so gedankenvoll dasaß , hatte sich die Andere mit einem neuen Glase Punsch gestärkt und auch das ihres Gastes wieder angefüllt und diesem hingeschoben . - » Na , Beckere , « sagte sie dabei , » was hat Sie denn auf dem Herzen ? - Warum so verschlossen ? - bin denn ich nicht Eure gute Freundin ? Wenn Euch was quält , sagt mir ' s doch ; vielleicht weiß ich irgend eine Hilfe . « Madame Becker schüttelte den Kopf und sprach , indem sie nach einem tiefen Seufzer das Punschglas ausschlürfte : » Sieht Sie , Wundel , das betrifft eine von meinen geheimnißvollen Geschichten , das ist was aus vornehmer Gesellschaft , eine der schwierigen Kommissionen , mit denen ich arme Frau immer geplagt bin . Und dazu gehört Verstand , sehr viel Verstand ; und auch der hilft zuweilen nichts . « » Ja , wenn der Verstand allein helfen würde , « sprach die Wittwe mit einer unterthänigen und ehrerbietigen Miene , » da würde es Euch niemals fehlen , davon bin ich überzeugt . Gewiß , ich bewundere Euch oft , wie Ihr alle die Geschichten so allein ausmachen könnt . « » Uebung , « erwiderte Madame Becker , augenscheinlich von diesem Lobe geschmeichelt - » Uebung und ein wenig Umsicht . Aber hier habe ich eine Geschichte , bei der hilft alles das nicht . « - Sie seufzte abermals tief auf . » Nun , so laßt mich ' s hören ; eine unbedeutende Person , wie ich bin , weiß auch zuweilen Rath ! « schmeichelte die Wundel , welche sehr neugierig auf die Geschichte war . Da nun auch der Punsch die Zunge der anderen würdigen Frau sehr gelöst hatte , so erzählte sie denn , was der geneigte Leser bereits weiß , von einem Brief , den sie erhalten von Jemand , der die Bekanntschaft der Tänzerin machen wollte . Natürlicherweise nannte sie keinen Namen . - » Man ist dergleichen thörichte Wünsche von den jungen Herren schon gewöhnt , « fuhr sie fort , » und wenn es nicht geht , so schüttelt man kein Ohr darnach . Aber hier ist ein besonderer Fall , ich habe meine dringenden Gründe , Allem aufzubieten , um jenem Herrn gefällig sein zu können . - Da habt Ihr die ganze Sache ! Ihr kennt nun besser als ich die Jungfer Klara , und könnt selbst beurtheilen , daß da nichts zu machen ist , und ich wohl Ursache habe , verdrießlich zu sein . - Schade ! schade ! es wäre ein so schönes Geschäft geworden . « » Wirklich ein schönes Geschäft ? « fuhr Madame Wundel , indem sie sich so weit als möglich über den Tisch hinüber zu ihrer Freundin beugte . » Also wäre was Tüchtiges dabei zu verdienen gewesen ? « Madame Becker schnalzte statt aller Antwort mit der Zunge und blickte nachdenkend an die Zimmerdecke . » Ja , ja , « fuhr nun Madame Wundel eifrig fort , » zu überreden ist die da drüben nicht ; ich bin überzeugt , wenn man nur ein Wort von so was spräche , sie käme außer sich . « » Das weiß ich . « » Und jetzt , wo sie die dumme Liebschaft angefangen hat , ist gar nichts zu machen ; wenn man die beiden nur auseinander bringen könnte ! Sollte man ihn nicht vielleicht eifersüchtig machen ? « Die Andere zuckte mit den Achseln . » Das erfordert viel Zeit , « sagte sie , » und nutzt am Ende doch nichts . - Schade ! schade ! da wären für jeden Helfer ein paar Karolin herausgesprungen . « » Für jeden Helfer ? « fragte gierig Madame Wundel . » Aber könnte man mit List nichts anfangen ? « » Wie so mit List ? « » Nun , ich spekulirte zum Beispiel einmal aus , wenn drüben Alles fortgegangen und sie allein zu Hause ist , was zuweilen vorkommt . « » Und dann ? « » Dann benachrichtigt man ihn davon , und er soll sein Glück versuchen . Am Ende kann man doch mit so einem Mädel fertig werden . « » Geht nicht ! « erwiderte die Becker kopfschüttelnd . » Dazu ist jener Herr zu anständig , wißt Ihr , auch zu vornehm . - Und dann , wie könnte man hier so was riskiren . - Ja , wenn ich sie in meiner Kaserne hätte , « fuhr sie lächelnd fort , » rechts und links , oben und unten leere Zimmer , und wo man schon gewöhnt ist , auf ein bischen Geschrei nicht zu achten , da ginge so was . - Aber hier ; wo denkt Ihr hin ? « » Und zu Euch läßt sich die nicht hinlocken ? « » Eher zum Teufel ! - Nein , ich gebe die ganze Sache dran ; man kann sich da auch garstig die Finger verbrennen . « » Aber der Gewinn ! « sagte seufzend Madame Wundel . » Ich hätte gern was für Euch herausgeschlagen , und da wäre es , wie schon gesagt , auf ein paar Karolin nicht angekommen . « Madame Wundel versank in tiefes Nachsinnen , während sich die Andere ein Stück Kuchen herunter schnitt und langsam verzehrte . Dabei sahen die Züge der Hauswirthin nachdenkend und finster aus , und sie fuhr sich zuweilen mit der Hand über die Stirne , woraus man wohl entnehmen konnte , daß sie ihren Kopf abmarterte , um einen Weg zu den verheißenen Goldstücken zu finden . Nachdem die Weiber so einige Minuten lang stumm einander gegenüber gesessen hatten , schienen die tiefen Betrachtungen der Wundel von einem Erfolge gekrönt zu werden ; ihre Augenbrauen hoben sich in die Höhe , ihr Mund zog sich in die Breite , endlich patschte sie mit der Hand schwer auf den Tisch , so daß ihr Gegenüber erschrocken auffuhr , und sagte mit triumphirendem Tone : » Beckere , ich hab ' s ! Seht Ihr , es war doch klug , daß Ihr Euch an mich gewendet habt . « » Nun , was habt Ihr denn ? « fragte erstaunt die Andere . » Ich unternehme die Geschichte . « » Wie so ? « » Ich unternehme sie ganz allein ; ich liefere Euch das Mädel , wohin Ihr sie haben wollt . « » Ah ! geht mir weg , Wundel ! Ich glaube , der Punsch war zu stark . - Macht doch keine Flausen . « » Nichts von Flausen ; wollt Ihr mir freie Hand lassen und - denn das versteht sich ganz von selbst , - etwas Ordentliches vom Profit versprechen ? « » Aber so sagt mir erst - « » Sagen kann ich nichts , « entgegnete die Andere , indem sie sich die Hände rieb ; » mir ist auf einmal ein Licht aufgegangen , und so kann es gehen . Wie gesagt , seid froh , daß Ihr zu mir gekommen . Mir ist der Weg , den wir einschlagen müssen , jetzt ganz klar . Wißt Ihr , wenn man so lange in einem Hause zusammen wohnt , wie ich und die Staiger ' s , da lernt man sich genau kennen ; und wenn es Einem auch nicht gleich einfällt , mit ein bischen Nachdenken kommt man doch schon an einen Haken , wo man anbandeln kann . - Aber , « fügte sie mit emporgezogenen Augenbrauen hinzu , » etwas Geld brauche ich . Ihr sollt zu Eurem Zweck kommen , müßt aber nicht knickerig sein . « » Wenn ich zu meinem Zweck komme , « entgegnete Madame Becker nicht ohne einen Anflug von Mißtrauen , » so kommt es mir auf ein paar Thaler mehr oder weniger nicht an . Aber Ihr solltet mir doch sagen , wie Ihr das anstellen wollt ; ich bin auch in der Praxis ziemlich bewandert , aber im vorliegenden Fall geht mir der Faden aus . « » Ihr traut mir nicht recht , « bemerkte lächelnd Madame Wundel , die den forschenden Blick ihrer Freundin wohl verstanden . - » Aber was habt Ihr dabei zu riskiren ? Höchstens ein paar lumpige Thaler , die ich zur Einleitung des Geschäfts brauche ; die Hauptsache zahlt Ihr mir , wenn Alles vorüber ist . « » Das läßt sich allenfalls hören . « » Und wie viel bekomme ich alsdann später ? « » Nun , was meint Ihr zu zwei Karolin , wie ich vorhin sagte ? « » Und vorher ein paar Thaler , die ich nothwendig brauche . « » Meinetwegen auch . - Und wie viel denn ? « » Nun , ich denke vier Thaler , die ich aber dann sogleich brauche , damit ich morgen an ' s Geschäft gehen kann . « » Ihr seid ein merkwürdiges Weib , « sprach vergnügt lächelnd Madame Becker ; » wenn Ihr haltet , was Ihr versprecht , so habe ich eine große Achtung vor Euch . - Aber seht Euch vor , daß Ihr in keine Ungelegenheit kommt ; und etwas bitte ich mir aus : mein Name darf nicht genannt werden , denn wißt Ihr , wenn ich eine Sache nicht selbst in der Hand behalte , so kann ich auch nicht dafür einstehen . « » Das versteht sich ; seid unbesorgt . Unser Vertrag ist ganz einfach ; ich bekomme heute die vier Thaler , ich lasse Euch in einigen Tagen sagen : Alles ist fertig , Ihr könnt um die und die Stunde den Wagen schicken , Ihr thut so , ich besorge sie hinein , und dann hat er nach Eurer Anweisung zu fahren , wohin er soll . Läuft Alles glücklich ab , so erhalte ich am andern Tag meine zwei Karolin . - Ist ' s so recht ? « » Dagegen kann ich nichts einwenden , « erwiderte Madame Becker . » Und damit Ihr seht , wie bereitwillig ich bin , den Kontrakt einzugehen , so habt ihr hier die vier Thaler . « Sie zog bei diesen Worten eine kleine Börse aus der Tasche und legte das Geld in vier Stücken hin , welche Madame Wundel vorher genau auf beiden Seiten besah , ehe sie dieselben still lächelnd in ihre Tasche steckte . Hiermit nahm die Unterredung ein plötzliches Ende , denn erstens war die Sache abgemacht , und zweitens kam Emilie , vor welcher Madame Becker überhaupt nicht gerne mit der Sprache heraus gegangen wäre , wieder aus dem Nebenzimmer zurück . Da es auch mittlerweile spät geworden war und sie ihren Zweck erreicht zu haben glaubte , so affektirte sie etwas Müdigkeit und stand nach einigem vergeblichen Nöthigen der Hauswirthin , doch noch dableiben zu wollen , mit einem unterdrückten Gähnen auf und versicherte , es sei endlich Zeit , daß sie nach ihrem Hauswesen sehe . - » Marie wird von einer Bekannten , bei der sie den Abend zugebracht , schon lange nach Haus zurückgekehrt sein und nicht wissen , wo ich eigentlich bleibe . « - - Da sie nun auf keine Weise zu bestimmen war , noch länger in der , wie sie sagte , so angenehmen Gesellschaft ihrer guten Freundin zu verharren , so wickelte sie die noch übrigen Handschuhe in ein Stück Druckpapier ein , das auf dem Tische lag ; Emilie Wundel zündete ein Licht an und begleitete den Gast bis auf die untere Treppe , wo beide von einander einen recht freundlichen Abschied nahmen . Madame Wundel hatte die vier Geldstücke wieder aus ihrer Tasche heraus genommen , sie vor sich hingelegt und mit einem triumphirenden Lächeln angesehen . Sie wollte augenscheinlich ihre Tochter damit überraschen , denn sie war eine gute Mutter , die mit ihren Kindern so weit als möglich Alles gemeinschaftlich genoß und namentlich vor ihrer Aeltesten keine Geheimnisse hatte . Deßhalb zeigte sie auch , als Emilie wieder in ' s Zimmer trat , freundlich lachend auf die vier Thalerstücke , indem sie sagte : » Nun , was meinst du dazu ? - Verstehe ich es , Jemand was auszupressen ? - He ! « » Und das hast du von der Becker ? « fragte verwundert die Tochter . » Was der heute überfahren ist , begreife ich nicht ; geht da her und schenkt mir ein halbes Dutzend neue Handschuhe . Ist dir je so was vorgekommen ? « » Und mir vier Thaler ! « » Auch geschenkt ? « » Eigentlich nicht : ich will sie redlich verdienen . « Emilie sah ihre Mutter fragend an . » Schließ ' die Thüre , « fuhr diese fort , » und setze dich daher ; ich will dir was mittheilen , aber natürlicherweise halte mir reinen Mund , das ist ein Geheimniß ; sprich auch mit der Louise nicht darüber . « » Mit der am allerwenigsten , « antwortete Emilie mit geringschätzender Miene . Damit schloß sie die Thüre und setzte sich zu ihrer Mutter hin , welche sich noch ein neues Glas Punsch gemacht hatte und als eine ökonomische Frau den , welchen Madame Becker hatte stehen lassen , in das Glas ihrer Tochter goß . » Apropos ! « sagte sie darauf , während sie ihre Hände behaglich über einander legte , » du kennst doch von den Mädchen der Putzmacherin an der Ecke der Kastellstraße die hübsche schlanke mit dem dunklen Haar ? - Sie ist meistens im Laden . Weißt du ? « » Ach ja , ich erinnere mich . « » Wenn du die siehst , fällt dir da nichts ein ? « » Was soll mir da einfallen ? « erwiderte Emilie nachdenkend . » Nun ich meine , erinnert sie dich mit ihrer Figur und ihrem Gesicht nicht an Jemand ? - Besinne dich , es ist mir das von großer Wichtigkeit . « » O , da brauche ich mich nicht lange zu besinnen , « sagte die Tochter , die einigermaßen verwundert war über die seltsamen Fragen ihrer Mutter ; » die gleicht der Clara Staiger , und das auf merkwürdige Art. « » Nicht wahr ? « rief Madame Wundel . » Sind die beiden nicht zum Verwechseln ? « » Gewiß , für Jemand , der sie nicht ganz genau kennt , « erwiderte Emilie . - » Aber was willst du damit ? « » Nun , ich will die Beiden auch verwechseln , « entgegnete lachend die Mutter . Worauf sie ihrer Tochter mit kurzen Worten die Verlegenheit aus einander setzte , in welcher sich ihre würdige Freundin , die Madame Becker , befand . » Daß nun , « sagte sie schließlich , » mit dem hochmüthigen Fratz da drüben nichts zu machen ist , das weißt du so gut wie ich . - Aber zwei Karolin sind auch kein Spaß , und obendrein setze ich mich bei der Becker in großen Respekt und kann noch öfters ein Geschäft mit ihr machen . « » Vielleicht können wir noch öfters mit ihr Geschäfte machen , « versetzte nachdenkend die Tochter . » Nun , siehst du also , « fuhr Madame Wundel fort , » die Putzmacherin kenne ich ; die ist zu Allem bereit ; ich theile ihr so viel mit , als sie zu wissen braucht , natürlicherweise nicht , daß sie für eine Andere gilt . Man läßt sie an dem bezeichneten Abend hieher kommen , und von unserer Hausthüre fährt sie weg . Wenn es möglich wäre , daß man unter irgend einem Vorwand von der Clara da drüben ihr Umschlagtuch für den Abend entlehnen könnte , so wäre es außerordentlich gut . « » Das läßt sich wohl machen ; wir müssen die Louise hinüber schicken , der thut sie schon was zu Gefallen . « » Dann schärft man ihr ein , daß sie dicht verschleiert bleibt und ein ziemlich dunkles Zimmer verlangt , dann kann sie sich entschleiern , soll aber nicht viel sprechen . « » Und du glaubst , daß das gelingen wird ? « » Gewiß ! Er kennt sie wahrscheinlich nicht genau ; und dann die Überraschung , die Freude , was weiß ich Alles ? Ich glaube nicht , daß man was merkt . Und wenn er auch am andern Tage