Ihrer Gesellschaft abzukürzen . Ich hoffe , daß Ihr Wagen bald wieder hergestellt ist , um das Vergnügen zu haben Sie in Berlin wieder zu sehen . « Die huldreichste Verneigung schloß mit einem Kopfnicken gegen die Fürstin : » Adieu , Gargazin , erkälten Sie sich nicht . « Noch einmal sah der Erlauchte vor dem Einsteigen sich um , und sein Blick galt der Baronin . » Glückselige Frau ! « sagte die Fürstin zur Eitelbach , während sie Beide am hohen Rand des See ' s auf und ab gingen , die Fürstin wieder in ihrem Zobel , den der Adjutant ihr aufgehoben . Sie zogen den Aufenthalt im Freien der überheizten Wirthsstube und der Gesellschaft darin vor , Beide vielleicht von einem inneren Feuer erwärmt , während der Novemberwind empfindlich kalt von Spandau her über die weite Fläche des Sees blies . » Warum glückselig jetzt ? « » In Rußland würde diese Frage eine Blasphemie sein . Die Schönheit , auf der das Auge der Majestät mit Wohlgefallen ruhte , wird glückselig gepriesen . - Aber wie kannten Sie ihn , und auch mein hoher Herr - « » I wissen Sie denn nicht ! Wie sich ' s in der Königsstraße stopfte , und sie halten mussten , gerade vor unserem Hause ? Und die ganze Zeit sah er nach meinem Fenster - fünf Minuten oder drei wenigstens kein Auge fort . Es hat uns Allen rechten Spaß gemacht . « » Spaß ! « Die Fürstin erschrak , es kam aber noch ein anderes Gefühl hinzu , wie konnte ihr das verborgen geblieben sein ! Niemand hatte es ihr hinterbracht . War sie so schlecht bedient ? Die Eitelbach konnte sich täuschen , aber hatte sie nicht selbst Alexanders Blicke beobachtet ? Sie kannte diesen Blick . » Ich begreife Sie nicht , so ruhig sprechen Sie das aus . In Rußland , nein in ganz Europa bliebe keine Frau gleichgültig , die der ritterlichste und liebenswürdigste Monarch so ausgezeichnet hat . « » Ach , Sie meinen mich ? Nein ich war ' s ja nicht . « » Wer denn ? « » Die Mamsell Alltag , die stand im Fenster neben mir . « » Adelheid Alltag ! « rief die Fürstin und blieb sinnend stehen , so im Sinnen , daß sie den herangaloppirenden Reiter nicht bemerkte , der sich zum zweiten Mal vom Pferde warf und an die Damen trat . Es war der Adjutant des Kaisers . » Seine Majestät haben mich zurückgeschickt , meine Damen , mit strengsten Befehl , Ihnen meine Gegenwart aufzudringen und nicht eher zu weichen , als bis ich ihm rapportiren kann , daß der Wagen und Alles , was Sie wünschen , zur Zufriedenheit der erlauchten Frauen hergestellt ist . « Die Fürstin musste nach dem eigenthümlichen und forschenden Blick , den sie ihm zuwarf zu schließen , in alter und sehr genauer Bekanntschaft mit dem Adjutanten stehen . » Berichten Sie , Prinz , Seiner Kaiserlichen Majestät , wie Sie uns sprachlos vor Rührung über diese außerordentliche Gnade gefunden haben . Um uns aber in unsern stummen Dankgefühlen nicht zu stören , bitten wir Sie , uns auf der Stelle auch noch zu vertrauen , warum Sie außerdem hergeschickt sind . « Der Adjutant , wie im Einverständniß mit der Art der Frage , verneigte sich vor der Baronin : » Außerdem wünschten Seine Majestät zu erfahren , wer das junge Mädchen war , die am Einzugstage neben der schönen Frau am Fenster stand . « » Wirklich ! « rief die Fürstin ; man glaubte unter dem Zobelpelz ihr Herz gegen die Brust schlagen zu hören , die matt gewordenen Züge ihres feinen Gesichts belebten sich und ihr schwarzes Auge strahlte von einem Glanz , der das graue Morgenlicht beschämte : » Berichten Sie Seiner Majestät , daß was wir wünschen , wenigstens was ich wünsche , zu meiner Zufriedenheit hergestellt sein wird . Vielleicht sage ich Ihnen dann unterwegs - Sie chaperonniren doch unsern Wagen ? wer das junge Mädchen ist , vielleicht auch nicht . Je nachdem Sie sich aufführen . « Siebenundvierzigstes Kapitel . Von Magistratspersonen und ungerathenen Kindern . Die Geheimräthin Lupinus war am Rathhaus vorgefahren und hatte in die Hände des Magistrats eine Gabe von dreihundert Thalern als milden Beitrag zu den Kriegskosten des Staates niedergelegt . Der Magistrat hatte es für nöthig erachtet , durch eine confidentielle Deputation der Geheimräthin für diesen Beweis einer außerordentlichen patriotischen Gesinnung seinen besonderen Dank abzustatten . Sie hatte die Herren Büsching , Köls und Gerresheim mit Beschämung , wie sie sagte , empfangen , und ihre Verwunderung nicht zurückhalten können über einen so Aufsehen erregenden Schritt , und um eine Handlung , welche nach ihrer Meinung die Pflicht von Jedem fordere . » Aber Sie waren die Erste in Berlin , die das Beispiel gab , « hatte Büsching erwidert , » und vor diesem Beispiel verneigen wir uns . « » So wünsche ich , meine hochgeehrten Herren , daß das Beispiel von den Nachfolgern verdunkelt und meine obskure Person und die Kleinigkeit , die ich mitbrachte , bald vergessen werde über die großen Opfer , die andere Reichere auf dem Altar des Vaterlandes niederlegen . « » Eigentlich hat sie Recht , « sagte Gerresheim , als die Herren wieder in den Wagen stiegen . » Das schickt sich nicht für eine Korporation wie der Magistrat von Berlin . « » Was schickt sich denn , und was schickt sich nicht , « sagte Köls , » wenn das Vaterland in Gefahr ist ? Wir mussten aus den Provinzen täglich in den Zeitungen lesen , daß der und der Edelmann seine Rekruten ausstattet , und werthvolle Lieferungen verspricht , während in der Hauptstadt nicht das Geringste geschehen ist . Da war es Pflicht , den ersten Besten , der mit einer ansehnlichen Offerte hervortrat , zur Stimulation für die Andern zu honoriren . « » Das ist auch meine Ansicht , « schloß Büsching . » Es ist mit unserm Gemeindewesen überhaupt nicht , wie es sein sollte . Da muß man Manches dem Einzelnen überlassen , was eigentlich nicht an ihm wäre . « » Unser Räderwerk ist etwas verrostet , das ist richtig , « stimmte Gerresheim bei . Jener fuhr fort : » Können wir als Korporation etwas thun , um auf das Staatswohl einzuwirken ? Weder nach Oben , noch nach Unten haben wir Einfluß . « » Ist auch nicht unseres Amtes , Herr Kollege , « sagte Köls . » Und ich sollte meinen , es macht uns schon genug zu schaffen . « » Papierstöße in Aktenberge zu verarbeiten ! Meines Erachtens wäre in einem wohlgegliederten Staate die Aufgabe des Magistrats einer Stadt wie Berlin eine andere , als im Schlendrian zu vegitiren . « » Liebster , bester Kollege , keine Neuerungen ! Haben wir ' s nicht gesehen , wohin sie führen ? Wenn erst distinguirte Männer im Amt einen Penchant dazu bekommen - « » Neuerungen ! « fuhr Büsching dazwischen , » was so uralt ist , als es Städte in Deutschland gab . Der Bonaparte freilich macht in seinem neuen Reiche seine Bürgermeister zu Domestiken und den Magistrat zu Pagoden ; bei uns aber ist doch wenigstens noch die Fiktion , daß wir aus der Bürgerschaft hervorgegangen , daß wir ihre Interessen vertreten , oder , wie man jetzt sagt , sie repräsentiren . Traurig genug , daß es nur noch Fiktion ist . Meine Herren Kollegen , fühlen Sie denn nicht , daß es einer innigern , festern Gliederung zwischen oben und unten , zwischen allen Theilen , Gliedern und Ständen bedarf , um uns fest in uns selbst zu machen ? Wenn ein Feind in England einfiele und London nähme , wäre England nicht verloren , weil in jeder Grafschaft ein Theil des Ganzen lebt , der selbst Lebenskraft hat , weil die Gemeindevorstände aus der Gemeinde hervorgingen , mit ihr zusammenhängen , mit ihr , auf sie gestützt , handeln können . Da rettet sich ein Theil des Staates , der Nation , in die Städte , Grafschaften , von dort aus erhebt sich England wieder . Was aber wäre Preußen , wenn Berlin genommen ist , und der Sitz der Regierung , ehe man die Staatsmaschine retten konnte , mit Allem darum und daran , dem Feinde in die Hände fiel ? Wo sollte sich ein Widerstand organisiren , wo eine legale Autorität auftreten , wenn ein Schlag den Knoten zerhieb , in dem alle Fäden zusammen liefen , und sie hängen nun lose da . Die Einzelnen möchten zwar gern und sie sind bieder , gut , entschlossen ; aber wo ist ein Mann , ein Name , eine Institution , welche eine Kraft , einen Anspruch hat , die Einzelnen um sich zu sammeln . Wir haben keine Aristokratie , keine Magistrate , wie sie sein sollten , gar keine Korporationen mit Einfluß hinter sich , mit Untergebenen , die ihren Führern , wenn nicht aus Liebe folgen , doch aus Interesse sich zu ihnen schaaren . Wenn der Schlag fiele , sind wir zersplittert , eine zerstreute Heerde , von der jeder Nachbar , jeder Räuber , was ihm bequem liegt , an sich risse . « » Wir haben unsere Armee , « sagte Köls . » Und die Armee hat Disciplin , « setzte Gerresheim hinzu . » Mit Disciplin lässt sich Alles durchsetzen . « » Auch der Opfermuth , der festhält an einer verlornen Sache ? - Lassen Sie uns abbrechen , meine Kollegen , unsere Ansichten finden keine Vereinigung . Wir haben keine Korporationen , Stände , keine Gliederung im Staate , aber wir haben Menschen , gute , tüchtige Menschen , vielleicht Charaktere , die nur jetzt verborgen sind , und die Noth weckt noch mehr zur rechten Stunde . Das hoffen wir doch Alle , und lassen Sie uns an diesem Glauben festhalten . Darum - « » Wollen wir auch das Scherflein der Wittwe nicht verschmähen ; die dreihundert Thaler der Lupinus sind uns aber lieber , « fiel Köls ein . » Sie ist ein wenig fanatisch in ihrem Patriotismus , « sagte Büsching . » Und - « setzte Gerresheim hinzu und schwieg plötzlich , bis er die Bemerkung hinwarf : » Die Frau Geheimräthin admirirte vor kurzem noch den Bonaparte mit einiger Ostentation ; da ist das Changement doch auffällig . « Die drei Herren sahen sich an und mussten sich verstehen . » Es ist doch etwas eigenes mit der Weibernatur , « sagte Köls nachdenklich . » Wie weit sind sie uns oft vorauf , ich möchte sagen , wie der Blitz , der durch die Nacht leuchtet , und wir sehen den Weg vor uns . Aber dann , wenn wir den Weg einschlagen wollen , haben sie sich plötzlich verloren und wir haben Mühe sie mitzuziehen . « » Sie thut ' s auch jetzt nur , um von sich reden zu machen , « sprach Büsching . » Darüber hab ' ich mich keinen Augenblick getäuscht . Aber das dürfen wir um Gottes Willen nicht sagen . Hingenommen das Gold , und einen Heiligenschein daraus geschlagen . Zum Zweck ist ' s dasselbe . « » Es wird mit dem Schein manches Heiligen nicht besser sein , « assentirte Köls . » Was meinen Sie , Gerresheim ? « » Weiß der Geier , in der Frau ist etwas , was mich anzieht , und abstößt . Als ob ihr Auge mich aushöhlen wollte und ich fühle mich gedrungen , dann immer tiefer hineinzusehen , um sie wieder auszuholen . « » Ei , ei , Gerresheim , doch nicht wieder verliebt ? « » Das wäre denn nur wie der Inquirent in seinen Inkulpaten , den er zum Geständniß bringen will . Ich kann die Vorstellung nicht los werden , daß ich die Frau einmal vor mir sitzen hätte am grünen Tisch , in einem Glorienschein von erhabener Tugend und philosophischer Resignation . Da steht mir der kalte Schweiß auf der Stirn , wie sie auf meine Fragen antwortet . Sie redet sich aus und in mich drein , daß ich an mir irre werde . Glauben Sie mir , das könnte die Frau in solcher Lage , mit ihrem züngelnden Blicke , voll Sanftmuth und doch in die Seele bohrend , mit ihrem feinen Lächeln , mit der unendlichen Milde , die um ihre blassen Todtenlippen schwebt Sie bedauert mich , sich , die ganze Welt , und Gott weiß was hinter dem Bedauern lauert , Hohn und Haß , Gift und Tod . « » Gerresheim , ich bitte Sie , ein Mann wie Sie , ein Richter , Kriminalist , und solche Phantasieen ! « » Ich weiß es , es ist unrecht , aber wer kann dafür ! Sie ist die reputabelste Frau in Berlin , und doch - « » Was steckt dahinter ? « » Nichts weiter , Büsching , als die Warnung , daß man die Leute nicht zu klug werden lassen darf . Stellen Sie sich das Elend vor , wenn jeder Dieb so fein , gewitzigt , gelehrt und gebildet wäre wie die Geheimräthin Lupinus ! Da möchte der Teufel Richter bleiben . « Während dieses Gesprächs stand Diejenige , von welcher die Rede war , am Fenster und hatte der fortrollenden Kutsche nachgesehen . Das Fenster war geschlossen und die Scheiben belegten sich vom Hauche ihres Mundes . Sie konnte nichts mehr sehen , und nach den Gesetzen der Natur , die wir kennen , nichts hören , als das Fortrollen der Räder . Wer aber ihr Physiognomiespiel beobachtet , hätte glauben mögen , daß sie das Gespräch im Wagen angehört . In ihren Augen stand geschrieben : ich weiß , was Ihr über mich denkt ! Ich kann ' s nicht ändern , aber Ihr könnt und sollt mich nicht anders machen als ich bin . Dann flog ein eigenthümliches Lächeln über die Lippen , welche die Magistratsperson so treffend gemalt hatte . » Der Herr Legationsrath von Wandel lassen ihren Respekt vermelden ! « sprach der eintretende Diener , nachdem ein Zug an der Thürglocke sie aus ihren Gedanken aufgeschreckt . » Ich lasse dem Herrn Legationsrath für seine unerwartete Attention danken . « Der Bediente ging aber noch nicht , obgleich die Dienerschaft gewöhnt worden zu schweigen , wenn die Geheimräthin mit einer ihrer scharfen Bemerkung eine Rede abschnitt . Es hatte sich manches in dem Hause verändert , die Geheimräthin schnitt viel öfter , rascher die Reden ab ; sie sprach am liebsten mit sich , und man sah ihr an , daß sie in der Unterhaltung den mit ihr Redenden nur äußerlich Aufmerksamkeit schenkte , während ihre Gedanken andere Wege gingen . » Ist ' s noch etwas , Heinrich ? « fragte sie , als der Bediente nicht ging . Er hieß eigentlich Johann , hatte aber beim Eintritt in den Dienst diesen Namen ablegen müssen . » Herr Legationsrath - « sagte der Bediente und stockte vor dem Blick der Geheimräthin . » Hat mir seinen Respekt durch seinen Bedienten vermelden lassen , « wiederholte sie rasch . » Weiter hat Er mir doch nichts zu sagen ? « » Sie lassen der Frau Geheimräthin sagen , Frau Geheimräthin möchten doch heute Abend ja nicht versäumen in die Komödie zu kommen . Es wäre nämlich was los . Es wäre nicht um der Komödianten willen , sagte der Mensch , sondern weil die Herren Garde du Corps und von den Gensd ' armen die Logen gemiethet , und man wüsste nicht , was draus werden könnte . Frau Geheimräthin möchten aber ja nichts zu Andern von sagen , denn es sollte es nicht Jeder wissen . « » Das sagte Ihm alles der Mensch ? Vermuthlich schrie er es Ihm von der Treppe zu . « » Nein , Frau Geheimräthin , der Mensch des Herrn Legationsraths waren nur sehr eilig , weil er ' s noch vielen ansagen sollte . Sie standen Alle auf einer Liste . Darum - « Die Geheimräthin schnitt diesmal das Gespräch nicht durch ein Wort , sondern durch einen Blick ab . Aber der Blick war schärfer als das Wort . Sie hatte sich auf das Kanapé gelehnt , aber sie saß nicht allein . Einst hatte sie aufgeschrieen , als sie kleine Schlangen sah , die über das Sopha ihres Arztes züngelten und um seinen Arm sich ringelnd ihm an den Hals glitten . » Fürchten Sie sich nicht , Frau Geheimräthin , « hatte Heim gerufen , ohne Anstalt zu machen , der fast Ohnmächtigen beizuspringen . » Die Schlangen thun Niemand was . Es hat aber andre , die zischen und sind giftig , und Niemand sieht sie ! « Diese Schlangen schienen jetzt neben ihr auf den Kissen zu spielen , um ihren Hals sich zu schlingen und durch ihre immer engere Umklammerung die scheu schielenden Blicke ihrer Augen zu erpressen . Fuhren sie auch zuweilen mit einem nagenden Stich in ihr Herz , so kann man wohl daher das plötzliche Aufzucken , das krampfhafte Athmen , das sie sich selbst zu verbergen suchte , indem sie ihre Hand unwillkürlich an ihre Brust führte . » Er hat Recht , « sagte sie , mit Anstrengung sich wieder vom Sopha erhebend , während sie sich doch noch an die Lehne hielt . Aber dann zwang sie sich mit aller Muskelkraft , die dem starken Willen zu Gebote steht , aufrecht zu stehen . » Er hat Recht , « wiederholte sie . » Das Leben ist und bleibt ein Krieg Aller gegen Alle , und nur Der steht fest , der sich zuletzt auf Niemand verlässt , als auf sich -Niemand « - setzte sie mit Nachdruck hinzu . » Denn der beste Bundesgenosse wird der gefährlichste Feind , wenn die Bande zerrissen sind , die ihn an uns fesselten . Und was sind denn diese Bande , wenn wir sie näher betrachten ? Der Leim , der die spröden Fäden schmeidigt und bindet , ist das Interesse , weiter nichts ! Die süßeste Liebe , der eifrigste Wissensdrang , wenn wir sie zersetzen , es bleibt nur das Gelüste , das allerfeinste , nach Genuß und Vortheil . Die Vaterlandsliebe , was ist sie , auf ihre Grundstoffe zerlegt ? Ein grober Egoismus ! Und dieser Patriotismus , den wir uns vorlügen , Jeder sich selbst , in noch stärkerer Dosis dem Andern , und der giebt ihn uns wieder zurück , aufgeschwollen , bis das grauenhafte Phantom fertig ist , das Wolkenbild , das unsre Sinne verwirrt , unsre Vernunft uns raubt . Und was bleibt dann ? - « In der Kinderstube war es laut geworden , keine ungewöhnliche Erscheinung . Die Kinder verübten , wenn sie kaum sich etwas erholt , allerhand Schabernack . Sie neckten , zankten , schlugen sich , und es war mehr als einmal passirt , daß sie in unbewachten Augenblicken wieder einen frischen Trunk aus dem Quell des Uebels gethan , von dem sie geheilt werden sollten . Charlotte kam aus der Stube , die Enveloppe umgethan zum Fortgehen . Sie weinte . » Haben die Kinder Sie wieder nicht in Ruhe gelassen ? « » Ach , Frau Geheimräthin , wenn da der liebe Gott nicht hilft , dann weiß ich nicht , wer helfen soll . « » Warum hilft Sie sich nicht selbst ? « » Ich knuffe sie auch , Frau Geheimräthin , aber Wechselbälger sind gar nicht so schlimm . Nein , seit sie doch in dem Hause sind ! Ein vernünftiger Mensch soll doch auch nicht in Rage kommen , denn wer in Rage ist , hat keine Vernunft , ja sonst - ich frage mich immer , womit hat ' s die liebe gute Frau Geheimräthin verdient , nämlich die selige , die hatte ja ein Herz wie Zucker , das konnte keine Fliege leiden sehen , und der Fritz , wenn er den Maikäfern die Flügel ausreißt , das ist sein größtes Plaisir . Malwinchen ist stiller , aber die hat ' s dick hinter den Ohren . Glauben Sie mir ' s , Frau Geheimräthin , die war ' s , die hat die Medizinpulle in die Mehlspeise gegossen . O Gott , ich kenne sie ja ; der Fritz , ja mit reingepolkt hat er in die Speise , aber Fritz ist viel zu wild ; der hätte nicht nachher die Pelle , mit Respekt zu sagen , so wieder rüber gepellt , daß man ' s nicht merken that . Und daß so was in einem so reputirlichen Hause vorkommen musste ! Mein Cousine , die Frau Hoflackir , als sie ' s hörte , schlug die Hände über den Kopf zusammen , und sagte : Charlotte , Du mein Jemine ! die Leute hätten ja denken können , sie wären vergiftet und vergeben worden . « » Das ist ein albernes Gerede . « » Das sagte ich ja auch . Erstens , das waren vornehme Gäste und die nennt man nicht Leute , Cousine . Nun Sie müssen wissen , meine Cousine ist jetzt eine sehr respektable Frau , aber sie hat nicht die Bildung gehabt . Da muß man ihr schon etwas zu Gute halten . Aber dann sagte ich ihr : Aber , Cousine , wie kannst Du so was nur denken ! Gemeine Leute sind rachsüchtig , und da hat schon Mancher seiner Frau auf den Kopf geschlagen , und in den Büchern steht ' s von mancher Frau , die ihren Mann vergeben hat in der Suppe , daß sie ihn unter die Erde kriegte , und hinter der Thür stand schon ein anderer . Aber unter honetten Leuten kommt so was nicht vor , die wissen sich anders zu helfen . Und wenn ' s einmal , so macht man auch nicht so viel Geschrei davon , denn da wär ' s ja gethan um allen Respekt und die Moralität . Nein , alles , was Recht ist , und mein guter Herr , der Geheimrath , in der Seele hat er mir weh gethan , daß er dabei sein musste . « » Wie war nur das Kind in die Küche gekommen ? « » Du lieber Gutt , sie hat einen guten Geruch . Da ging sie denn der Mamsell Adelheidchen so lange um den Bart - das heißt , sie streichelte mit ihren Händchen die blonden Locken , o Malwinchen ist ein Filou , und da müsste Mamsell Adelheid früher aufstehen , wenn sie ' s merken wollte . « » Adelheid hat nichts davon gesagt . « » Ach , Frau Geheimräthin , wie wird man Ihnen denn alles sagen , was in Ihrem Hause passirt ! Sie haben auch gesagt , der Herr Geheimrath soll Kaffee haben vom zweiten Aufguß , weil ' s ihn echauffirt ; Mamsell Adelheidchen aber lässt ihm vom ersten geben , weil sie gemerkt hat , daß es ihm besser schmeckt . Und der Herr Geheimerath , der nichts merkt , merkt ' s recht gut , und ist still zu . Warum sollte er ' s auch laut machen ; er denkt , dann kann ' s anders werden . Es geht in jedem Hauswesen so zu , und wer der Klügste ist , soll sich nicht einbilden , daß nicht Einer ist , der ihm auf die Sprünge kommt . Jedes Schloß hat ein Loch und jede Mauer eine Ritze , man sieht sie nur nicht , und wer noch so verdämelt aussieht , zuweilen schießt ' s in ihn . Das sage ich meinem Geheimrath auch . Will sich manchmal um Alles kümmern , meine Marktrechnungen nachrechen . Lieber Herr Geheimrath , sage ich ihm , wenn ich Sie übers Ohr hauen wollte , dann wären Sie der letzte , der ' s merkt . Er hat auch gemerkt , daß es Malwinchen gewesen war ; aber er that nur so , sonst hätte er ja losfahren müssen - und vorm Braten schon , und am Ende hätten Sie ihn die Kinder gleich einpacken lassen . Na , das käme ihm jetzt bequem . Es ist ja auch nicht das erste Mal , bei uns haben sie ' s schon mal so gemacht . Die Himbeersauce rein ausgeleckt , derweil wir asserviren . Was thun sie , damit wir ' s nicht merken sollen ? Sie gießen das große Tintenfaß aus der Registratur ' rein . Ich sah ' s nicht mal , denn wir hatten Eine zur Aushülfe , so ein Schlesisches Puddel , die schrie : Herr Je - die Tunke ist ja schwarz ! Na , die schwarze Brühe merkten wir denn bald . - Und nu ' s einmal ' raus , soll auch alles ' raus . Das Achtgroschenstück , warum der Hausknecht seinen Jungen so gottesjämmerlich prügelte , der Gottlieb hatte es nicht in die Gosse fallen lassen - das sagte der Junge nur aus Pfiffigkeit , daß er mit den Patschen drin wühlen konnte , und wer half ihm nicht , und derweil er heulte und wühlte , dachte er , kommt ' ne mildthätige Seele , und schenkt ihm was . Sie haben ihm auch was geschenkt , aber die Prügel waren das Meiste . Nein , aus der Tasche hat er sich ' s stehlen lassen . Und wer hat ' s ihm stibitzt ? - Ich weiß es . « Ihre Hände mussten ihre Thränen nicht fassen können , die aus Charlottens Augen stürzten , auch das blaue Tuch , was sie davor hielt , ward in allen Wendungen naß , und ihr Schluchzen schallte von den Wänden zurück . » Wäre es möglich , Charlotte ! « » ' s ist gewiß , Frau Geheimräthin . Es schoß mir gleich was durch den Sinn . Und nachher , wie ich im Stroh suchte unter seinem Bett , da fand ich ' s - das Achtgroschenstück . « » Sie hat es dem Hausknecht wieder gegeben ! « » Ich wollte es auch , aber da kriegt mich der Fritz zu packen . Sage ich Ihnen , wie ein Kobold , er kniff mir in die Waden und biß mir in die Finger , und schrie und weinte - nu man hat doch auch ein Herz im Leibe - wer will denn seiner Herrschaft Kinder an den Galgen liefern ! - Dem Gottlieb thut man ' s wieder gut . Die Prügel hat er doch mal weg ; schaden ihm auch nichts . Aber von dem Achtgroschenstück , davon ist ' s ja eben . Zum Kuchenbäcker um die Ecke . Sein ganz Schnupftuch voll brachte er mit , husch unters Bett , und nun stopften sie . Daran liegen sie ja jetzt wieder . Nein , sage ich doch , das steckt im Blute . « » Meint Sie ? « » O Du himmlischer Vater , wenn da nicht Einer hilft , der wird mal ' ne Räuberbande , wie ' s zu lesen steht in den Büchern bei Herrn Vieweg - blutig duster im Walde , und am Ende schleppen sie ihn in Ketten . Na , wenn das mein Herr erlebte ! « » Im Blute , sagt Sie , steckt es ! « » Wer ' s zu verantworten hat , weiß ich auch , Frau Geheimräthin . Nein , da sind Sie nicht dran schuld . Im Blute , sagt der Herr Prediger , steckt die Sünde , der Frühprediger meine ich , wo die russische Fürstin allemal hinkutschirt . Ach , Frau Geheimräthin , haben Sie den mal gehört ? Das ist gar kein Prediger wie die andern , der donnert von der Kanzel , daß es Einem brühsiedend heiß wird , und ' s ist Einem , als ob das liebe Fleisch von den Knochen abginge . Der sagt ' s uns raus , daß die ganze Menschheit in Grund und Boden nichts taugt und keinen Schuß Pulver nicht werth ist . Und das kommt aber nicht von uns , sondern weil wir uns von der Erbsünde losgesagt haben , darum alles das und noch viel mehr . Herr Jesus , Frau Geheimräthin , wie malt der Mann das alles , man sieht ' s ordentlich . Man möchte von Keinem mehr ein Stück Brot nehmen , so sind sie versunken und verpestet in Eitelkeit und Habsucht und Wollust und Hoffart . Und das wird auch nicht besser werden , denn die Kinder werden noch immer schlechter als die Eltern , von wegen daß sie ' s von ihnen lernen , bis der Herr in seinem Zorne wieder eine Sündfluth schickt , oder ein großes Feuer , oder wie er sagt eine Bluttaufe , denn vernichtet müsste das ganze gottlose Geschlecht werden , sagt er , das abgefallen ist vom rechten Glauben an die Erbsünde und darum wären wir schwächlich und diebisch und neidisch und verredeten , und vergeben einen den andern , und wollten besser scheinen , als wie wir sind . Und dann streckt er die Arme aus und ruft zum Herrn der himmlischen Heerschaaren , daß er die Kindlein fortnehmen möge in seinem Erbarmen , und er möchte Thränen weinen , daß sie ein Meer würden , sagt der Herr Prediger , und die unschuldigen Kleinen alle darin versöffen , damit sie nicht lernten die Sünden der Eltern , sondern ' rein kämen in den Himmel , wie neugefallener Schnee . Das war nur ein Schluchzen in der ganzen Kirche und ich dachte , o Gott , wenn doch der Himmel so unser Malwinchen und Fritzchen zu sich nehmen wollte . - Und daß nun einmal alles rein aufgewaschen wird ,