verschwiegene Zeugen einer Aneignung zu werden , die fast auf einen Raub hinauslief ... er sah sich da von einem Netz umstrickt , in dessen kunstvoller Anlage auch die kleine weiße knöcherne Hand und das rothe Haar Fritz Hackert ' s ihm plötzlich entgegenfuhren , er sah um sich Gestalten , die die Zähne fletschten , hörte ihr teuflisches Hohnlachen , fühlte den Boden unter sich wanken ... und faßte sich erst , als wieder die Thür aufging und Monsieur Louis zu Ackermann sagte : Mein Herr ! Der Prinz läßt Ihnen sagen , Sie wären ihm durch die Erinnerungen an Hohenberg und Dankmar Wildungen zu gut empfohlen , als daß er nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen sollte , das unglückliche Schicksal seines Erbes herzlich gern Ihnen anzuvertrauen . Sollte ich sterben , fügte der Fürst mit Standhaftigkeit hinzu , so wird die Seitenlinie unsres Hauses gewiß meinen Willen ehren , den ich die Herren Ärzte zu bezeugen bitte ... Die Herren Ärzte waren anwesend . Der Prinz hat darauf befohlen , daß Herr Schlurck die ganze Verwaltung der Güter Herrn Ackermann übergibt und an ihr nur noch als Vertreter der Ansprüche der noch unbefriedigten Gläubiger betheiligt bleibt . Über dies Alles wollen Sie , mein Herr , in diesen Tagen gerichtliche Akte nehmen lassen ! Die Ärzte sind Zeugen und ich selbst bin es , Louis Armand , gebürtig von Lyon . Die wiederzurückgekehrten Ärzte bestätigten diese Äußerung , die Schlurck mit unfreiwilligem Lächeln entgegennahm . Louis Armand war sogleich wieder in die dunklen Krankenzimmer zurückgekehrt . Er wird leben ! Der Prinz wird genesen ! rief Ackermann und eine Thräne trat in seine Augen , während Selmar die seinen verbarg , um nicht zu sehr zu verrathen , wie der Ausdruck seiner Empfindungen sie schon längst feuchtete ... Nachdem Schlurck mit einem schweren Seufzer sich noch kurz geäußert hatte , in seinem Bureau würde Herr Aktuar Bartusch zu jeder Zeit und wenn man wünschte , noch heute die nöthigen Aufklärungen ertheilen und auch die Akte aufsetzen , die man gerichtlich niederzulegen hätte , schritten Ackermann und Selmar , Vater und Sohn , langsam und schweigend , aus dem Zimmer . Der Stolz , verklärt vom Schmerz der Liebe , ist ein Weiheaugenblick des Menschen , wo er am größten erscheint , auch ohne äußerlich zu triumphiren . Ackermann war zu großmüthig , um auf Schlurck verächtlich herabzublicken . Florette Wandstabler aber trat zu Schlurck heran und flüsterte : Herr Justizrath , ist denn das Alles gut ? Ihr Vater , der phlegmatisch , weinerlich und halb berauscht , dieser Scene stehend beigewohnt hatte , trat gleichfalls , fast hinkend auf seinen eingeschlafenen dünnen Beinen , deren Schuhe und Strümpfe in lächerlichem Contraste zu der ganzen dicken soldatischen Figur und dem Schnurrbarte standen , zu dem Justizrath heran , der bisher ihrer Aller Schutz und Hort gewesen war und drückte Das , was er ungefähr fühlte , durch einen fragenden , tiefgezogenen Seufzer aus . Schlurck , sich zum Gehen wendend , sagte draußen unbelauscht von den Dienern , denen durch die französische Sprache diese aufgeregte Scene nicht ganz verständlich geworden war : Ja ! Ja , seufzt nur Leute ! Les jours de fête sont passés ... französisch sprechen kann ich auch ... Florette faßte draußen seine Hand und meinte noch besorglicher : Also es ist nicht gut ? Mit einem verzweifelten Versuche , seine alte Heiterkeit wieder zu gewinnen , antwortete Schlurck : Mädchen , macht , daß Ihr Männer kriegt ! Dem oben werdet Ihr keine Bäder machen und hübsche Schmetterlinge fangen . Maikäferchen fliege ! Schlaraffenland ist abgebrannt . Aber den Franzosen hätt ' ich mir ganz anders gedacht , sagte Florette ... Beißt wol nicht an , der Schwarzkopf ? erwiderte Schlurck . Alte Künstlerin , da müssen jüngere Hexen kommen ! Die Lore ist noch recht hübsch ... meinte doch Florette . Und in der That stand Lore Wandstabler unten und wartete mit Dore , der mittleren Schwester ... Sie hatten sich , da sie alle mager und schwarz waren , mit grellen Farben geschmückt .. und standen recht verfänglich da . Sie hatten das Schmiegsame und Hingebende so in der Übung , daß sie den Justizrath , wenn man sagen will , ebenso gut umstanden , wie schon umarmten .... Aber er hatte heute keinen Geschmack für ihre lacertenartige Zärtlichkeit . Katzen , sagte er halb scherzend , halb ärgerlich , laßt mich heute los ! Und überhaupt ... setzte er hinzu , als sie ihm für seine Stimmung doch zu schmiegsam wurden .. Ihr seid mir immer zu mager gewesen . Mit dieser Grobheit ließ er die erschrockene Familie Wandstabler in Erstaunen und großer Bekümmerniß zurück .. so unhold war er ja nie gewesen . Die Mädchen sahen sich fragend an , begleiteten ihn bis an das geöffnete Portal und staunten , welchem ruhigen , nachdenklichen Schlendergang sich heute der Justizrath ergab . Franz Schlurck , der sonst hüpfte und immer verrieth , daß die Welt eine Kugel ist , auf der sich Alles dreht und wendet ... schlich heute schneckenartig . Wir zweifeln fast , ob unser alter Freund sich jetzt noch beim Italiener Lippi zur griechischen Weinprobe einstellen wird . Es drückten ihn drei Widersprüche und eine Thatsache . Erstens : War Prinz Egon jener Dankmar Wildungen vom Heidekrug , der gegen seine Familie und vorzugsweise Melanie so liebenswürdig sich benommen hatte , wie kam er jetzt auf diese offenbare Feindseligkeit ? Zweitens : Welche Bewandtniß hatte es mit den Andeutungen , die er von Bartusch über die Abenteuer auf dem Heidekruge erhielt und von denen er sich so viel gemerkt hatte , daß er glaubte , ein dem Prinzen werthvolles Bild befände sich noch gegenwärtig in den Händen seiner Tochter ? Drittens : Was sollte er auf die leidenschaftliche Caprice bauen , die seine Tochter plötzlich für jenen Mann gefaßt hatte , den sie für den Prinzen Egon hielt und der von seinem gefundenen Schrein mit dem Kreuze sprechen konnte ? Das waren die Widersprüche . Die Thatsache aber hieß : Du hast die Administration des Fürstenthums Hohenberg verloren ! Er beeilte seine Schritte , um daheim für das Chaos der Widersprüche , in dem er sich befand , bei Melanien Licht , für Das aber , was unumstößliche Gewißheit war , heute einmal wieder seit lange bei der lebensfrohen Philosophie seines guten Hannchens Trost zu suchen . Sechstes Capitel Die Brüder Am Abend vor diesem Auftritte war die Freude groß gewesen , als Dankmar mit dem Einspänner und dem vergnügt bellenden , hin- und herwackelnden , fast tanzenden Bello sich im Pelikan wieder einfand . Der dicke Wirth - er hieß Hitzreuter - und Katharine Peters , geborene Bollweiler , waren noch auf . Peters , der gerade nicht daheim war , hatte einige Tage gelegen , war aber bereits von jener Gefahr für sein Bein befreit und hatte nur noch gelitten unter der Ungeduld , was sich aus Dankmar ' s Reise ergeben würde ... Das längere Ausbleiben Dankmar ' s störte die guten Leute nicht . Sie hielten es eher für ein gutes Zeichen . In dieser Ansicht hatte sie auch Siegbert bestärkt , der jeden Tag wol zweimal kam , um etwas Beruhigendes zu vernehmen , vielleicht auch nur eine Botschaft von fremden Fuhrleuten . Von einem Briefe , den er aus Plessen vom Bruder erhalten haben sollte , wußte man im Pelikan noch nichts . Dankmar konnte sich leicht denken , daß das hier so sein würde wie es in solchen Fällen immer zu geschehen pflegt .. Er selbst kam vielleicht früher an als sein Brief . Das Beste , was Dankmar mitbringen konnte , war die Versicherung , daß Peters außer Sorge sein dürfte , da er es über den Schrein leidlich selber wäre . Das verlorne Gut hätte einen Herrn gefunden , bei dem er nach Allem , was sich für Dankmar jetzt an Melanie anknüpfte , in der Hauptsache geborgen war , mochte seine Verwandlung aus einem Prinzen in einen gewöhnlichen Sterblichen nun auch gern gesehen werden oder nicht , mochte Schlurck auch noch so von dem Funde selbst interessirt sein ; Dankmar traute sich die Kraft zu , Melanie ' s Unwillen in seinem ersten Ausbruche zu ertragen , ja hoffte , nach dem Grade seiner eignen Liebe , auch sie selbst zu überwinden und vielleicht dauernd das Interesse zu behaupten , das er doch wol auch durch seine Persönlichkeit ihr mußte eingeflößt haben . Denn wie bescheiden auch ein Mann denken mag , den Werth , den er im Auge einer Frau haben kann , schätzt er bald ab . Einige wenige Proben ihres Verhaltens gegen ihn genügen , ihn aufzuklären . Und die Proben , die ihm Melanie gewährt hatte , waren so außerordentlich gewesen , daß hier nur Liebe , oder wie er sich mit Schrecken als Menschenkenner gestehen mußte , Haß übrig bleiben konnte . Den ehrlichen Peters hätte Dankmar gern gesprochen , wär ' s auch nur gewesen , um ihm zu sagen , daß seine Verehrung vor den beiden Zecks auf geringere Erfahrung im Umgang mit Menschen deutete , als er ihm zugetraut hätte ... Auch die Umstände , die Peters über den Moment des Verschwindens seines Frachtgutes angeführt hatte , waren nach seiner nunmehrigen Übersicht dieses Vorfalles , so räthselhaft er ihm auch noch immer erscheinen mußte , doch höchst ungenau und fast flunkerhaft . Die Scherze , die er sich deshalb noch mit dem guten Peters erlauben wollte , versparte er auf ein andermal , streichelte das Pferd , dem die Fahrt unter seiner sorgsamen Hand durchaus nicht übel bekommen war , vereinigte sich mit dem Pelikanwirthe über eine Summe , die er ihn bat , bis auf Morgen schuldig bleiben zu dürfen - denn schon im Heidekrug hatte er den letzten Thaler gewechselt - und ging dann , der etwas verlegenen Kathrine und dem heute schweigsameren Wirth die Hand schüttelnd , Bello noch einmal am Ohr zupfend , sein Bild in ein Tuch gewickelt , zu Fuß in die Stadt . Es war schon spät . Es zog ihn zu dem geliebten Bruder ... Und doch hätte er noch gern in Lasally ' s Stalle nachgefragt , wie es mit dem Pferde aussah , das er einem so gefährlichen Menschen , wie Hackert , übergeben zu haben schwer bereute . Jetzt begriff er , wie Hackert , der ihm keineswegs unvermögend schien , sich aus Rachsucht an sie hatte andrängen und sogar eine Geldsumme wagen können , um nur Gelegenheit zu haben , seinem Feinde zu schaden ... Indessen dachte er , ist hier etwas Widerwärtiges vorgefallen , so erfährst du es zeitig genug und schon im Begriff nach der Ottokarstraße , in ein neues entlegenes Viertel , wo sich jener Stall befand , einzulenken , schlug er wieder den graden Weg zu seiner Wohnung ein , die in der sogenannten Neustraße lag . Auf dieser Richtung lagen zwei Häuser , die für ihn jetzt eine große Bedeutung gewonnen hatten . Mitten in der Stadt , wo sich das Menschengewühl , trotzdem daß die Wächter schon die Stunden riefen , nicht ganz verloren hatte , ( die Theater waren eben beendet ) stand er an einem Hause still , das er längst als die Wohnung des Justizraths Schlurck kannte . Schlurck galt unter den jungen Juristen als ein Beispiel , das man oft anführte , um zu beweisen , wie gut sich ein Advocat stehen könne , der das allgemeine Vertrauen genösse . Er wußte dabei kaum mehr von ihm , als daß er in diesem alten Hause wohnte , mitten in der Stadt , dicht an dem ehrwürdigen Rathhause , umgeben von ganz in der Nähe befindlichen alterthümlichen Kirchen . Nie hatt ' er auf dieser belebten Passage sonst stillgestanden . Heute mußte er es . Heute erst entdeckte er , daß dies graue Haus in schöner , alterthümlicher Form gebaut war und mindestens zweihundert Jahre alt sein mußte . Die untern Fenster waren mit eisernen Gittern geschützt . Die obern waren hoch und mit Stukkaturen geziert .. An dem Thorweg hing eine große blankgeputzte messingne Klingel und auf dem daneben befindlichen Messingschilde las er ganz einfach die kräftig eingravirten Züge des unmelodischen häßlichen Namens : » Schlurck « . Ihm klang dieser Name wie Musik und wie der Name Melanie selbst , der ganz das Selige und Wonnige seiner Stimmung ausdrückte ... An den Fenstern des zweiten Stocks entdeckte er Licht . Vor wenigen Stunden erst konnte die Reisegesellschaft , die er nicht mehr hatte einholen können und auch nicht mögen , angekommen sein .. Daß ihm Melanie nicht zürnte , über nichts zürnen konnte , bewies sein erobertes Bild . Die Art freilich , wie sie es ihm gegeben hatte oder hatte geben lassen oder wie sie es ihn hatte finden lassen , war und blieb räthselhaft genug .. Er grübelte aber nicht darüber nach . Morgen , dachte er , klärt sich das Alles auf . Ich werde sie sehen und wenn sie zürnt , bedeck ' ich ihre schönen Hände mit meinen Küssen und flehe um ihre Vergebung ... Von Empfindungen so süßer Art war er durchschauert , als er mitten auf der Straße stand und zu den Fenstern hinaufsah . Er mußte den prächtigen Kutschen ausweichen , die an ihm vorüberrollten , und doch hätte er gern gelauscht , ob die Schatten , die ihm an den Vorhängen vorüberzuhuschen schienen , wol von Melanie kämen ? Sie verschwanden zu rasch ! .. Vielleicht löscht sie das Licht aus , dachte er , um sich auf ' s Lager zu werfen - und an mich zu denken ? setzte er wonnetrunken hinzu . Wie er noch so stand , bald hier einem Wagen , dort einem Fußgänger auswich , entdeckte er über der Hausthür einen aus Sandstein gehauenen Schild mit einem Wappen , das ihn wahrhaft überraschen mußte . Er traute seinen Augen nicht , als er dasselbe Kreuz , das auf dem Schrein aus Angerode stand , auch auf diesem Schilde wiederfand , mit denselben vier Rundungen an den Enden , wie auf jenem Deckel ... Wie , dachte er , ist das vielleicht eins jener alten Häuser , die entweder selbst noch aus jenen Zeiten herstammen , oder auf dem Grund und Boden gebaut wurden , der dem protestantisch gewordenen geistlichen Ritterorden gehörte , und ist es wol gar eins von denen , auf die ich nun selbst glaube Ansprüche machen zu können ? Fast ein leiser Schreck , ein dunkel ahnender leiser Schauer überlief ihn , wenn er dachte , daß Schlurck vielleicht dochwol zu dem Schrein , den er verloren , in einem andern Verhältnisse stehen konnte , als dem eines .. » ehrlichen Finders « .. Doch dachte er dieser trüben Vorstellung nicht weiter nach , sondern entfernte sich von dem Hause , das ihm nun erst recht bedeutungsvoll erschien , in dem guten Glauben , am folgenden Tage aller seiner Zweifel und Sorgen los und ledig zu werden . Seine Schritte wandten sich jetzt beschleunigter jener Gegend zu , wo die Wohnungen der Vornehmen an stolzen einsamen Plätzen lagen . Hier war es menschenleer und still . Dann und wann eine Schildwache , die ihm der unruhigen Zeiten und noch oft sich wiederholenden Tumulte wegen ein Werda ? zurief ... Die Laternen warfen ihre Lichter über kleine mit Rasen besetzte Beete . Springbrunnen plätscherten da und dort und bewässerten das Gras , das sonst in diesen freien Räumen , immer schattenlos der Sonne ausgesetzt , bald würde verdorrt gewesen sein . Hier lag auch das Palais des Fürsten von Hohenberg , einsam , still , dunkel , wie in Trauer gehüllt . Hier hätte er nun anhalten , klingeln , die Stille aufwecken , fragen mögen .. aber kein Licht im ganzen Gebäude .. Alles wie ausgestorben .. Wie er sein in ein Tuch gehülltes Bild an sich drückte und die Geschichte desselben mit dem großen , stolzen , stummen Palaste da vor sich verglich , kam er sich erst fast überfeierlich , dann aber doch plötzlich wie ein Thor , ja kindisch vor , schlug sich an die Stirn und rief : Bist du wahnsinnig ? Was ist mit dir ? War das Alles in Hohenberg nicht ein Traum , in dem dich tolle Geister geneckt haben ? Diese Abendstille , - dieser ruhig blinkende Sternenhorizont - fern die rollenden Wagen - die plätschernden kleinen Quellen - es war ihm , als sollt ' er das Bild nehmen und es wie einen zwecklosen Ballast in den Kanal werfen , der einige Schritte weiter sich durch dieses einsame Viertel zog . Dann weckte ihn aber von dieser verzagten Stimmung ein Wagen , der langsam um die Ecke des Palais von der Gegend herbog , wo dies mit einer hohen Gartenmauer begrenzt war .. Der Wagen stand eine Weile still .. fuhr dann langsam an ihm vorüber und hielt vor den Ketten , welche das Palais von der Straße absperrten . Sollte hier Jemand noch so spät am Abend aussteigen wollen ? Sollte es Egon sein ? Dankmar trat näher . Aus dem niedrigen Wagen blickte ein weiblicher Kopf , der zu den Fenstern hinauf sah ... Vorn saß neben dem Kutscher der Bediente , der keine Miene machte herabzuspringen und den Schlag zu öffnen . Dankmar sah nur , daß die Dame einen Strohhut mit dunklem Schleier trug . Er näherte sich . Die Dame zog sich zurück ... Wie er auf dem Trottoir an dem Wagen vorüberging , sah er , wie sie sich in die Ecke ihres Coupé ' s drückte und den Schleier übergeworfen hatte . Er ging vorüber und wandte sich doch , als der Wagen immer noch still stand . Du störst hier ein Stelldichein ? dachte er endlich und wollte nun gehen . Die Dame aber , die sich beobachtet fühlte , gab ohne Zweifel ihren Leuten rasch ein Zeichen und im Nu flog das kleine , elegante Fuhrwerk davon . Dankmar sah ihm lange nach . Einen Zusammenhang mit dem todtenstillen Palais und dieser nach den Fenstern hinaufforschenden eleganten verschleierten Dame konnte er sich nicht herstellen .... Aber noch etwas Anderes schien ihm abenteuerlich . Als er seine Schritte beschleunigend an der einsamen Gartenmauer des Palais entlang ging und bald an ihr vorüber war , um in sein Straßenviertel einzulenken , hörte er einen wunderschönen , männlichen Gesang vom Garten her . Er blieb stehen .... Der Sänger mußte dicht unter den Fenstern des Palais , die nach hinten gingen , seinen Stand haben , so entfernt klangen die Töne und doch war es ihm , als unterschiede er deutlich , daß dies Lied nicht deutsch war . Es quoll aus tiefer Brust und hatte etwas Melancholisches und dabei wieder Scherzendes , wie alle Volkslieder , selbst die der Franzosen . Denn französisch schien ihm die Weise . Nicht lange hatte der Gesang gedauert , als an dem wie ausgestorbenen Palais ein Lichtschimmer sichtbar wurde . Er beobachtete dies Alles durch ein Gitter , mit dem hier , wie an manchen Stellen , die Mauer unterbrochen war ... Ein Fenster hinterwärts erhellte sich . Die Bäume aber verhinderten ihn , zu sehen , wer es vielleicht öffnete oder an ihm erschien hinter den Vorhängen ... Bald verstummte der Gesang und bald erlosch das Licht . Es war wieder so still und finster wie vorher ... Zögernd machte sich Dankmar auf den Weg , nun wo möglich noch gespannter auf die Enthüllungen des folgenden Tages . Daheim endlich mußte er stark klingeln , bis ihm geöffnet wurde . Es war ein großes , von vielen Familien bewohntes , neues Haus , wo er seit längerer Zeit schon bei armen Vermiethern wohnte , die ihre ganze Habe in die Ausstattung zweier Zimmer mit zwei » Cabineten « verwandt hatten . Nach vielem Pochen und Klingeln erschien endlich seine Wirthin und sagte schon drinnen im Thorweg : Sie haben ja Ihren Schlüssel mit , Herr Wildungen ! Ich den Schlüssel ? dachte Dankmar . Aha ! Mein Herr Bruder wird gemeint sein . Sieh , sieh , der wäre noch nicht daheim ? So war es auch . Als die große Hausthür aufging , traute die Wirthin ihren Augen nicht , den jüngeren Bruder zu finden und nicht den Maler . Sind Sie ' s denn ? So spät ! rief sie , indem sie die Hausthür wieder zuschloß - Kaum angekommen , wieder wie weggeblasen ! Dankmar beschränkte sich auf die einfache Thatsache : Sehen Sie , Frau Schievelbein , nun bin ich wieder da , unter Ihrem Schutz , Ihrer liebenswürdigen Obhut . Was haben wir auf Sie gepaßt , sagte Frau Schievelbein , die eigentlich vor Dankmar immer Furcht hatte und mit Siegberten zutraulicher stand ; wir glaubten Wunder , was Ihnen widerfahren ist ! Ja , ja , Frau Schievelbein , sagte Dankmar , Wunder sind mir auch widerfahren ! Ist mein Bruder nicht zu Hause ? So spät ? Wo steckt er noch ? Damit waren sie erst eine Treppe hinauf . Seit Sie fort sind , Herr Dankmar , sagte Frau Schievelbein , sind Herr Siegbert fast jeden Abend aus - Sollt ' er sich fürchten , daß Hackert das Geld reclamirt ! dachte Dankmar für sich . Kein Geld angekommen ? sagte er dann laut ; kein Brief aus Angerode ? Keine Besuche ? Für Sie nichts , antwortete die Wirthin , die mit einer Nadel etwas den Docht ihrer Lampe heraufzog ; ein Brief für Herrn Siegbert liegt oben . Aha ! Wahrscheinlich der meinige aus Plessen ! dachte Dankmar . Aber Geld wird kommen , fuhr Frau Schievelbein fort , Geld wird viel kommen ; wissen Sie ' s denn noch nicht , das Bild ist ja verkauft ! Das Bild ist verkauft ? sagte Dankmar freudig . Gott sei Dank ! Wenn ' s nur wahr ist ! Daß Frau Schievelbein es bestätigte für ganz wahr und gewiß , konnte Dankmarn auch deswegen lieb sein , weil es ihm Muth gab , sich jetzt an die dritte Treppe zu machen ; denn auch die zweite führte noch nicht zum Ziele . Wer hat es denn gekauft , Frau Schievelbein ? fragte Dankmar . Der Verein , Herr Wildungen , ja , ja , der Herr , der so schlimm sein soll , der Herr Kunst - ich kann immer den Namen von dem Herrn nicht behalten . Aha , Herr Kunstverein , bei dem man einen Vetter haben muß , wenn er ein armes Talent in Nahrung setzen soll ! Derselbe ! Für Dreihundert Thaler hat ' s der Herr Bruder jetzt rundweg losgeschlagen - Für Dreihundert Thaler ! Arme Seele , die du ein Jahr über diesem Stoff geschmachtet hast , drei Vorskizzen machtest , einen Carton , doppelte Untermalung , zehn Übermalungen - gewiß , wir leben im Periklëischen Zeitalter . Dankmar mußte einen Augenblick stehen bleiben . Die geringe Summe that ihm doch weh , und - die dritte Treppe war noch nicht die letzte . Es gab noch eine vierte und diese führte nicht etwa auf den Boden , sondern wirklich erst in die bescheidene Wohnung der Brüder Wildungen . Freilich konnte Dankmar den Freunden und Bekannten , die bei ihren Besuchen über die vier Treppen fluchten und wetterten , immer sagen : Ich liebe meinen Bruder Siegbert zu sehr , als daß ich mich von ihm trennen könnte und mein Bruder ist ein Maler und Maler müssen gutes Licht haben ! Aber ebenso oft fühlte er doch selbst , daß hier aus der Nothwendigkeit eine Tugend gemacht wurde und im Stillen machte er schon lange gegen Frau Schievelbein das Complot , ob nicht auch mindestens drei Stiegen hoch irgendwo ein gutes Malerlicht aufzufinden wäre . War doch jetzt der Contrast seiner ebengespielten Prinzenrolle zu dieser bescheidenen Existenz im vierten Stock auch gar zu jäh und abspringend ! Die vierte Treppe hatte das Gute , daß sie zwar sehr schmal , aber auch sehr kurz war . Dankmar betrat sein Zimmer und das seines Bruders . Siegbert war ausgeflogen und die Wirthin versicherte , er käme seit Dankmar ' s letzter Abwesenheit fast jede Nacht erst gegen zwölf Uhr nach Hause .. Diese Stunde wartet heute meine brüderliche Liebe nicht ab , ich gehe zu Bette ! sagte er . Frau Schievelbein , einen Gruß an Siegbert , wenn Sie ihn heute noch oder morgen früher als ich sehen . Für heute gute Nacht ! Damit legte er schlaftrunken das Bild auf seinen Tisch , enthüllte es , betrachtete noch einmal die freundlichen , etwas vornehmen Züge der weiland jungen Fürstin Amanda , tastete an dem hintern Holze , das ihm verdächtig genug vorkam , noch etwas hin und her , ohne das Glas heftig zu drücken , sah auf dem Tische des Bruders wirklich seinen Brief aus Plessen , eben frisch angekommen , mit dem Siegel der Krone , entkleidete sich , löschte das Licht , das ihm Frau Schievelbein angezündet hatte , und warf sich auf sein Lager in einem Alkoven , der jedoch auf dem Miethzettel der Frau Schievelbein an der Hausthür als » Cabinet « paradirte . Das angenehme Gefühl , bei allem Merkwürdigen , das er erlebt hatte , nun doch wieder in seiner eigenen Behausung zu sein und auf einem Bett zu ruhen , das ihm selbst gehörte - die Mutter hatte es ihm aus Angerode geschickt - erfüllte ihn bald mit jenem traulich sichern Behagen , ohne das man sanft und stärkend nicht entschlummern kann . Es war heller , lichter Morgen , als Dankmar erwachte und im Erwachen fast erschrak , erschrak über Siegbert , der mit seinen reinen , klaren Augen eben über ihm in die seinen blickte . Siegbert hatte sich über den Schläfer gebeugt und ihn vielleicht mit dem Athem seiner sorgsamen Liebe aufgeweckt . Seine blonden Locken ringelten sich fast auf Dankmars frische , schlaferquickte Wange herab . Nun da ist er ja , der Furioso der , sagte Siegbert zum Gruß , er der mir anräth , den Ariost zu lesen , um mich auf seine Abenteuer vorzubereiten ! Schöne Dinge müssen Das gewesen sein , daß man so alle Liebe vergessen und sich hinsetzen kann , einem armen verlassenen Bruder dermaßen bittre Dinge über die Kunst und seine besten Einbildungen zu schreiben . Wart ! Jetzt sollt ' ich dir das Bett über die Ohren ziehen oder hier die Kanne frischen Wassers nehmen , die schon auf dich wartet , und sie dir über den Pelz gießen ! Damit ergriff Siegbert wirklich das Wasser und jagte damit den Bruder , der sich vor einem solchen unfreiwilligen Bade schützen wollte , aus dem Bett . Dankmar besann sich jetzt erst auf die bittern Wahrheiten , die er in seiner übermüthigen Laune dem Bruder geschrieben hatte , um im Scherz ihm diejenige Überzeugung von seinen artistischen Irrwegen beizubringen , die er im Ernst hatte . Siegbert hielt in der einen Hand den Brief , in der andern die Kanne und stand in drohender Stellung . Dankmar mit einer geschickten Seitenwendung griff nach dem Briefe , eroberte ihn wirklich und wollte ihn zum Zeichen seiner Reue zerreißen . Halt ! rief Siegbert . Er hat mich mein ehrliches Porto gekostet . Der Beweis deiner Unbrüderlichkeit ist nun mein und ich will mich bemühen , das Wahre davon herauszufinden und danke dir für die Anwendung des corpus juris auf die Ästhetik . Abscheulicher Verräther du ! Doch lassen wir jetzt unsere Fehde und nun gebeichtet , was hast du Alles erlebt ? Wo geschwärmt ? Was getrieben ? Ich sehe dir an , daß du so voller Schnurren , Brummkäfer und Schmetterlinge steckst , wie Faust ' s alter Mantel , als ihn Mephistopheles im zweiten Theil ausschüttelt . Jetzt schüttle dich von selbst , wenn ich dich denn doch nicht schütteln soll ! Lieber Junge , sagte Dankmar , indem er rasch die nöthigsten Kleider anzog , das Fenster seines Zimmers aufriß , frische Luft schöpfte und sich wusch , lieber Junge , fürs Erste gleich ' ich Faustens altem Mantel darin , daß mein Magen so schlaff ist , wie ungekrämptes Tuch . Was hast du zu frühstücken ? Mit gewöhnlichen Schievelbein ' -schen Portionen bin ich heut ' nicht zu befriedigen . Das dacht ' ich schon , sagte Siegbert , du sollst deine Ankunft nach Gebühr gefeiert sehen . Ich hoffe , daß du mir die Ehre anthust , heute einmal in der Akademie und nicht in der Aula zu frühstücken . Wenn deine Farben nicht zu sehr nach Öl duften , lieber Bruder , sagte Dankmar , du kennst meine Antipathie gegen Eure Mischungen und wenn ich bei Raphael frühstücken sollte ... ich ... ich dächte , wir blieben doch lieber in der Aula . Nein , nein , sagte Siegbert , in der Akademie ! Verdirb mir meine Freude nicht ! Die Farben sind eingetrocknet . Seit drei Tagen hab ' ich zu Hause keinen Pinsel berührt .... Damit zog Siegbert seinen Bruder durch dessen Zimmer in das seinige . Sie nannten das Zimmer Dankmar ' s die Aula und das von Siegbert bewohnte die Akademie . Die Akademie hatte gleichfalls ein » Cabinet . « In der Akademie fand Dankmar in der That eine sehr festliche Zurüstung . Der runde Tisch , der vor einem mit Haartuch überzogenen , mit gelben Knöpfen beschlagenen Sopha stand , war zur Hälfte mit einer weißen Serviette bedeckt . In der Mitte stand ein Glas mit den frischesten , heute schon vom Früh-Markte gekommenen Blumen . Daneben der Kaffee und die Milch in einer Maschine , in der sich die Brüder ihre Morgenstärkung selber brauten . Ein weit größeres Quantum von frischem Weißbrot , als gewöhnlich , lag aufgehäuft in einem Korbe , von dem zwar hier und da der Lack schon abgesprungen war , welcher Mangel