, nur dann könnten wir uns rühmen , hinreichende Rache geübt zu haben ! Deshalb müßten Adrians Töchter - Gottes Fluch auf sein Haupt , weil er keine hat - gleich jenen unglücklichen Ziehern , vier und zwanzig Stunden ohne Unterbrechung arbeiten und , damit ihnen der Schlaf nicht die Kräfte lähmte , von Viertelstunde zu Viertelstunde Nießwurz schnupfen . Das erhält wach und peinigt grausam das ganze Nervensystem so armer Kinder . Oder man ließ ihnen eiskaltes Wasser tropfenweis in kurzen Zwischenräumen auf den Kopf fallen1 , theils zur Abwechselung , theils zur Erfrischung , und mein Wort darauf , binnen zwei Jahren hätte man die gräfliche Nachkommenschaft in Grund und Boden ungesund , siech und elend gemacht ! « » Die eigene Noth , Martell , und die bittern Erfahrungen , die Du vor Kurzem gemacht hast , « meinte der besonnene Anton , » führen Dich auf Abwege und lassen Gedanken in Dir entstehen , die nichts gemein haben mit christlicher Milde . Du frevelst , Du versündigst Dich , wenn Du im Ernst solche Wünsche äußern kannst ! « Martell schoß flammende Blicke auf den zurechtweisenden Tadler . Der schnell genossene Branntwein war ihm schon zu Kopfe gestiegen , sein eingefallenes , bleiches Gesicht begann sich zu röthen . » Ein Hund , der vergibt , was mir geschehen ist ! « rief er aus . » Er soll verfaulen auf dem Schindanger ! Rache , sag ' ich , Rache , für das Unrecht , das wir erlitten haben ! Die Gläser voll , Elendsgenossen ! Ein langes Leben für Adrian ! Ein Leben voll Qual und Jammer und Armuth ! Der Bettelstab sei der Freund seines Alters ! « Jauchzend stießen die Unglücklichen ihre kleinen Gläschen zusammen und stürzten sie mit wilden Blicken , mit wuthgeröthteten Gesichtern aus . Mitten in diesem Taumel wüster Lust hörte Martell sich mit Namen rufen . » Wer fragt nach mir ? « sagte er und wendete sich unwirsch um , denn er besorgte , seine Frau möchte ihm nachgeschlichen sein und ihn heim holen wollen . Statt dessen sah er in die offenen , ernsten und doch so schalkhaft funkelnden kleinen Augen des Maulwurffängers . » Pink-Heinrich ! « sagte er lächelnd und reichte dem Greise die Hand . » Was treibt Euch in die Haide bei solchem Frost- und Schneewetter ? « » Die Sorge um Dich und Deine Familie , « sagte der Maulwurffänger mit ernstem Tone . Martell runzelte die Stirn und schlug die linke Hand in sein lockiges Haar . » Ich hielt Dich für einen starken Mann , und sehe nun , daß Du schwach bist wie ein Weib . Schäme Dich , Martell ! « » Rechte nicht mit mir , Heinrich , rechte mit der Verzweiflung , die in meinen Adern rast , rechte mit Gott , der mich verlassen hat ! « » Er hat Dich nicht verlassen , er ist mit Dir ! « » Gott mit mir ? Ha , ha , ha , ha ! Wenn Gott mit mir sein soll , so muß der Teufel eine Betschwester geworden sein ! - Heinrich , ich glaube , es gibt keinen Gott oder nur einen Gott für die Reichen ! « » Es gibt einen Gott für Arme und Reiche , für Gute und Böse , und dieser Gott ist mit Dir , Martell , mit Dir vor tausend Andern ! « Der Spinner sah den Maulwurffänger mit ungläubigem Auge an . » Ah so , « sagte er , ironisch lächelnd , » ich erinnere mich , daß heut Weihnachten ist ! Da willst Du vermuthlich den heiligen Christ spielen und mir ' was schenken . Knecht Ruprecht , lieber Alter , würde Dir aber jedenfalls besser zu Gesicht gestanden haben ! « » Bin ich auch nicht der heilige Christ , so betrachte ich mich doch als seinen auserwählten Boten . Ja , Martell , ich komme , Dir ein Weihnachtsgeschenk zu überreichen . Bist Du bereit , es in Empfang zu nehmen ? « » Ein armer Mann ist immer bereit zu nehmen . Pack ' also getrost aus ! « » So lerne einsehen , daß Gott mit Dir ist , Martell ! « erwiederte der Maulwurffänger feurig , » und daß er diejenigen züchtiget , die er lieb hat . Du weißt , daß Dein und jedes Rechtlichen Feind , Graf Adrian von Boberstein , krank darniederliegt ob des Schreckens , den der Abfall seines Bruders Aurel von ihm und seiner ungerechten Sache ihm verursacht hat ; Du weißt ferner , daß der gegen ihn angehängte Prozeß schwerlich zu seinen Gunsten entschieden werden kann ; Du weißt endlich , daß seine Besitzungen in andere Hände übergehen werden und ihm selbst vielleicht nur ein geringer Theil der großen Herrschaft zufällt ! Oder wußtest Du dies nicht ? « » Ich weiß es , « sagte Martell . » Und dennoch verzweifelst Du ? Dennoch wirfst Du Dich dem Laster des Trunkes in die Arme ? Dennoch sinnst Du auf kannibalische Rache ? « » Die Noth hat mein Herz verbrannt . Rache würde die Flammen kühlen , die ich in mir lohen fühle ! « » Ich bringe Dir Rache zum Weihnachtsgeschenk . « » Rache ? Ist Adrian todt oder wahnsinnig ? « » Adrian lebt und wird hoffentlich noch lange leben , Du aber Martell , Du bist - « Der Maulwurffänger hielt inne und heftete fest sein klares Auge auf den aufgeregten Spinner . » Ich bin ein armer Mann , « sagte Martell , » das weiß ich , das fühle ich in diesem Augenblick mehr als je ; mit einem Reichen würdet Ihr Euch keinen solchen Scherz erlauben . « Schwer fiel die Hand des Maulwurffängers auf Martells Schulter . Er schüttelte ihn heftig . » Ungestümer , « sprach er , » gleichst Du doch ihm , dem Du verwandt bist , in allen Dingen , nur nicht in der kalten Ruhe der Entschlossenheit ! Martell , die Stimme des Gerichts nennt Dich einen nahen Verwandten Paul Sloboda ' s und Adrians am Stein ! Zu Deinen Gunsten wird der Prozeß gewonnen ! « Bei diesen Worten fiel der bestürzte Arbeiter wie vom Schlage getroffen rückwärts auf seinen Schemel , sein Gesicht röthete sich , er röchelte krampfhaft und ein Strom schwarzen Blutes entströmte seinem Munde . » Ich dachte es , daß es ihn fürchterlich erschüttern würde , « murmelte der Maulwurffänger für sich , » Gott Lob , daß ich ihn nicht die volle Wahrheit sagte ! Sie hätte ihn getödtet . « Fußnoten 1 In den englischen Kattundruckereien wendet man wirklich diese grausamen Mittel an , um die Zieher , wozu selbst die kleinsten Kinder benutzt werden , während ihrer vier und zwanzigstündigen Arbeit wach zu erhalten . Zweites Kapitel . Ein Genesender . Adrian war schwer , doch nicht lebensgefährlich erkrankt . Er hatte sich von dem geistigen Schwindel , der ihn bei Herta ' s Ankunft befallen , nicht wieder vollständig erholt . Vermehrte Sorgen , gehäufte feindliche Bewegungen unter seinen nächsten Umgebungen , endlich ein heftiger erschütternder Zwist mit Aurel , dem ein vollkommener Bruch folgte , hatten seine an sich starke und elastische Natur doch untergraben . Ein Nervenfieber warf ihn nieder und hielt ihn noch jetzt ans Lager gefesselt . In der Zwischenzeit hatte der Maulwurffänger all seine Schlauheit aufgeboten , um für die Sache seiner Freunde festen Boden zu gewinnen . Er machte riesige Fortschritte , da Adrian nicht Gegenminen graben und den gefährlichen Feind in die Luft sprengen konnte . Etwas hätte der Leidende wohl thun können durch geschickte Bevollmächtigte , allein er nahm Anstand , in so verwickelten und delikaten Angelegenheiten einen Dritten für sich und in seinem Namen handeln zu lassen . Lieber wollte er den nunmehr unvermeidlichen Prozeß auf ungewisse Zeit hinaus verlängert sehen , als Familiengeheimnisse , die er nicht einmal selbst klar durchschaute , Andern rücksichtslos Preis geben . An dem schon in den ersten Tagen nach Herta ' s Ankunft auf Boberstein ausbrechenden Bruderzwiste war Aurels herbe Geradheit Schuld . Adrian , bekannt mit seines Bruders schroffem und leicht erregbaren Charakter , schlug von Anfang an die glatten Wege sanft streichelnder und freundlich lächelnder Politik ein . Er glaubte Aurel durch gleißnerische Ueberredungskünste für seine Pläne gewinnen zu können . Auch gab er nur Andeutungen , nichts Ausgeführtes . Allein bei Aurel verfing Alles nicht . Er blieb mit seemännischer Festigkeit bei seinem Ausspruche : da man vor langen langen Jahren verübtes Unrecht entdeckt habe , sei es ihre Pflicht , dasselbe möglichst wieder gut zu machen . Man müsse daher nicht allein Tante Herta einen anmuthigen Wittwensitz geben , sondern allen denen , die rechtmäßige Forderungen an ihre Familie zu machen hätten , nach Kräften genügen . Zum Glück sei dies jetzt möglich , ohne daß sie selbst im strengen Sinne des Wortes zu leiden hätten . Ehe man jedoch einen solchen Schritt thue , sei es nöthig , durch öffentlichen Aufruf jedes etwa zerstreut oder verschollen im In- oder Auslande lebende Glied der gräflichen Familie Boberstein zu schleunigster Rückkehr in seine ursprüngliche Heimath aufzufordern . Nur so würde man jedem Prozeß entgehen und die Achtung des gesammten deutschen Publicums sich für immer erwerben . - Diese Vorschläge und Zumuthungen liefen nun freilich den eigennützigen Plänen Adrians schnurstracks entgegen . Ihm war daran gelegen , jede Spur seines Vaters , der ein Boberstein sich zu schämen oder richtiger die er zu fürchten hatte , für immer zu vertilgen , auf ewig in die Nacht der Vergessenheit zu stürzen . Er wollte die verstreuten Reste verhaßter Verwandten nur kennen lernen , um sie in der Stille , unvermerkt , ja , wenn es nöthig sein sollte , durch neue heimliche Verbrechen auszutilgen . In diesem Sinne hatte er den uns bekannten Brief an Aurel geschrieben ; diesem Zwecke entsprechend , hatte er in jeder Hinsicht gehandelt ; für die Nothwendigkeit dieses Verfahrens hatte er ohne Mühe seinen jüngsten Bruder Adalbert gewonnen . Seine Meinung aufgeben und Aurels rechtlichen Forderungen beitreten hieß den festen Unterbau seines kaum begründeten irdischen Glückes vernichten . Seiner Charakteranlage nach konnte er sich dazu nicht entschließen . Lieber würde er gestorben sein als Märtyrer des Gelderwerbes , der jedes andere Interesse bei ihm überwog , weil er im Besitz möglichst großen Reichthumes die mächtige gebietende Gewalt erkannte , welche die Welt beherrscht , leitet , regiert und knechtet . Mehrere Tage lang fielen unter den drei Brüdern viele harte Kämpfe vor , ohne daß Einer den Andern zum Uebertritt auf seine Seite bewegen konnte . Es war an Einigung , an friedliche Ausgleichung nicht zu denken , da sich fester Gerechtigkeitssinn und christlicher Humanismus an jesuitischer Schlauheit und aller sittlichen Unterlage gänzlich entbehrendem einseitig modernen Speculationsgeiste rieben . Unter keiner Bedingung wollte Adrian gestatten , daß Herta als Familienglied betrachtet werde . Er drang hartnäckig in Aurel , daß er die unheimliche Matrone mit einem tüchtigen Geldgeschenk , welches ihr ein sorgenfreies Leben gewähre , entlassen und ihr einen bestimmten Wohnort anweisen solle , mit der Bedingung , über ihre Vergangenheit gegen Jedermann unverbrüchlich zu schweigen . Diesem Verlangen trat Adalbert sehr energisch bei , indem er nachzuweisen suchte , daß die Ehre ihres Hauses ein solches an sich ganz ehrenwerthes und lobenswürdiges Verfahren erheische . Eine Menge Beispiele aus der Geschichte großer Fürstengeschlechter sollten dem Kapitän beweisen , wie rechtmäßig oder doch wenigstens erlaubt und weltklug solche Handlungsweise sei . Aurel gab aber nur sarkastische und nichts weniger als beistimmende oder beruhigende Antworten . Je länger und lebhafter die Unterhandlungen gepflogen wurden , desto mehr überzeugte sich der schlichte Seemann von der tiefen Verderbtheit seiner Brüder . Gewohnt , seinen Gedanken Worte zu leihen , erklärte er sie für ehrlos , ihr Handeln für infam und kündigte ihnen Krieg auf Leben und Tod an . Der vornehme Adalbert wollte sich darauf mit dem rücksichtslosen Bruder schlagen , stand jedoch auf Adrians Zureden von seinem Vorhaben ab . Die Brüder trennten sich in größter Erbitterung und Aurel verließ sechs Tage nach seiner Heimkehr Boberstein , um sich unvermerkt mit Herta und Emma nebst Gilbert auf den Zeiselhof zu übersiedeln . Entschlossen , den feindlichen Brüdern die Spitze von jetzt an zu bieten , gab er seine Reise nach Amerika und Westindien auf , übertrug die Führung des bereits befrachteten Schiffes einem zuverlässigen ihm befreundeten Kapitän und suchte sich unverweilt mit denjenigen Personen in Verbindung zu setzen , die er von nun an als Freunde und Bundesgenossen begrüßen mußte . Das konnte ihm bei seiner Umsicht und erlangten Vorkenntniß nicht schwer fallen . Gilberts Gewandtheit unterstützte ihn außerdem vortrefflich und in Zeit von kaum acht Tagen war er in das Gewebe , welches der Maulwurffänger zu Adrians Verderben angezettelt hatte , so tief eingeweiht , daß er rüstig mit daran arbeiten und in verwandtem Sinne fortwirken konnte . So groß diese Störungen waren , einen sichtbaren Einfluß auf die Geschäftsthätigkeit in der Fabrik äußerten sie nicht . Hier blieben alle von Adrian getroffene Anordnungen in Kraft und erlitten während der ganzen Dauer seiner Krankheit nicht die geringste Abänderung . Ohne Vollbrechts milde Verwaltung und Oberaufsicht wäre diese kritische Zeit wohl kaum so gänlich ungestört vorübergegangen , doch diesem Manne gelang es durch väterliches Ermahnen und durch Hindeuten auf die nahe Zukunft die Murrenden immer wieder zu beschwichtigen . Aurel nebst seinen bäurischen Verbündeten mußte freilich an Aufrechthaltung der Ruhe und strengster Gesetzlichkeit jetzt Alles gelegen sein , wenn der Prozeß für alle daran Betheiligte einen glücklichen Ausgang haben sollte . Er fürchtete für seinen namenlos erbitterten , in allen Gefühlen tiefgekränkten natürlichen Bruder und doch wünschte er vor Allem gerade diesen gerettet , vor dem Gesetz gerechtfertigt zu sehen . Vollbrecht , auf dessen Verschwiegenheit man bauen konnte , ward in das Geheimniß gezogen und entledigte sich des schwierigen Auftrags zu Aller Zufriedenheit . Als er dennoch einen ungesetzlichen Schritt von Martell befürchtete und keinen Weg zur Beruhigung des bis zum Wahnwitz erbitterten Spinners mehr einzuschlagen wußte , meldete er diese bedenkliche Stimmung dem Kapitän , worauf dieser den vermittelnden und immer dienstbereiten Maulwurffänger abschickte , um durch Mittheilung des Geheimnisses , das man aus Vorsicht noch nicht laut aussprechen durfte , den unglücklichen Armen zu beruhigen und mit neuem Hoffnungsathem zu beleben . Wir haben gesehen , daß diese Vorsicht nicht unnöthig war , wenn Martell nicht geistig und körperlich untergehen , vielleicht gar in wilder Raserei , brennend und mordend , sterben sollte . Am Weihnachtsabende verließ Adrian zum ersten Male wieder sein Bett . Er war äußerst schwach geworden und konnte nur mit Hilfe zweier Diener über das Zimmer gehen . Gebückt , mit zitternden Gliedmaßen , hustend , bleichen Angesichts und mit tiefen , noch krankhaft lodernden Augen ließ er sich von Sessel zu Sessel gängeln , bald ans Fenster tragen , um sein brennendes Auge an dem reinen silbergestickten Winterkleide zu laben , mit dem sich die Natur zum Feste geschmückt hatte , bald wieder zum Kamine geleiten , damit er die wohlthätige Wärme des stillglimmenden Kohlenfeuers einsaugen könne . » Hat Vollbrecht die Arbeiten einstellen lassen ? « fragte er matt . » Es ist mein Wille , daß alle Arbeiter die Feiertage über freie Zeit haben , damit sie sich erholen und Gott danken können für alles Gute , das er an ihnen gethan hat . « Obwohl Adrian seine abgemagerten Finger dabei faltete , zuckte doch ein flüchtiger Zug grausamen Hohnes um den eingekniffenen Mund , der Zeugniß gab von des Kranken zur Gewohnheit gewordenen Heuchelei . » Seit heut Morgen stehen die Maschinen still , gnädigster Herr , « versetzte der Kammerdiener . » Das ist Recht , das freut mich ! Wie zufrieden werden meine Arbeiter mit dieser Einrichtung sein ! « » Ew . Gnaden , « sagte der Bediente , unterbrach sich jedoch selbst , da ihn der Kammerdiener unsanft anstieß . » Nun ? « fragte Adrian , als er die Verlegenheit des jungen Menschen und sein Erröthen bemerkte . » Warum schweigst Du , wenn Du mir eine Mittheilung zu machen hast ? « » Es hat Zeit damit bis nach dem Feste , « bemerkte der Kammerdiener . » Ich will es aber jetzt , will es sogleich wissen und ohne Vorbehalt ! « fiel Adrian heftig ein , da ihn der , obwohl gutgemeinte , Widerspruch seines Kammerdieners ärgerte . » Rede oder ich jage Dich noch heute fort , ohne Lohn und Christbescheerung ! « Fragend sah der Diener seinen ältern Gefährten an und da ihm dieser achselzuckend zuwinkte , sagte er : » Ich wollte blos bemerken , Ew . Gnaden , daß die Mehrzahl der Spinner sehr traurige Feiertage halten wird , da wie Sie wissen , das Fest in die Woche fällt und auf Ihren ausdrücklichen Befehl die Lohnauszahlung erst am Tage nach Neujahr erfolgen soll . Die Meisten sind nun ohne Brod , ohne Holz , ohne Winterkleider und die Kälte ist seit heute Morgen um viele Grade gestiegen ! « Adrian bewegte theilnehmend und bejahend den Kopf , ohne , wie der Kammerdiener gefürchtet hatte , im Geringsten deshalb aufzubrausen , was doch in gesunden Tagen seine Art war . » Freilich , « sagte er , » das ist sehr schlimm für die guten Leute , allein es wird auch das Gute haben , sie in Zukunft vorsichtiger und sparsamer zu machen . Ich konnte es nicht wissen , daß sie die paar Groschen so gar nöthig brauchten , - ich phantasirte ja ! Vielleicht habe ich gar diesen Befehl in der Fieberhitze gegeben , denn ich kann mich durchaus nicht mehr auf ihn besinnen . « » Befehlen vielleicht Ew . Gnaden , daß Herr Vollbrecht jetzt noch - es ist sechs Uhr vorüber - « » Nein , nein , nein , keine Störung , kein Widerruf ! Ein Herrenwort muß heilig sein , sonst sinkt der Respect . Die guten Leute werden sich behelfen , wie sie können , werden einander borgen und recht sparsam leben . Sie verderben sich nicht die Magen im Christbrod , was sie gern thun , wenn sie ' s haben , und so stiftet mein Fieberbefehl noch eine gute That ! « Wieder flog jenes teuflische Hohnlächeln über die Züge des kraftlosen Kranken . Adrian wußte sehr wohl , was er gethan hatte . Er wollte keinen seiner Arbeiter entlassen , was nur möglich war , wenn er die Ablohnung verzögerte . Nach dem Neujahr waren sie abermals sein unter jeder Bedingung , denn bis dahin konnte das Ergebniß der Leipziger Messe ein Vorwand werden , den Lohn auf der bisher beliebten niedrigen Taxe zu erhalten . Und dies war Adrians Absicht . » Geh , « sagte er nach einer langen Pause zu seinem Kammerdiener , » geh und bitte Herrn Vollbrecht , wenn es ihm gefällig sei , mich bald mit seinem Besuche zu beehren . « Nach diesem Befehl legte sich der Kranke bequem in den Lehnstuhl zurück , schloß die Augen und schien zu schlafen . Der Bediente entfernte sich , um den Gebieter nicht zu stören , und so gewann dieser Zeit und Ruhe , im Stillen über die mancherlei wichtigen Angelegenheiten , die ihn beschäftigten , mit sich zu Rathe zu gehen . Nach Verlauf einer Viertelstunde , während dem Adrian kein Zeichen des Lebens von sich gegeben hatte , ließ sich Vollbrecht melden und ward angenommen . Nie hatte Herr am Stein seinen Buchhalter und Geschäftsführer mit größerer Innigkeit empfangen , als an diesem Abende . Von schnöder Entlassung , von rachsüchtigen Drohungen , wie Adrian sie vor wenig Wochen gegen den freimüthigen Mann ausgestoßen , war nicht mehr die Rede . Adrian hatte das entweder wirklich vergessen , oder ignorirte es aus geheimen Beweggründen geflissentlich . Daß er Vollbrecht fein volles Vertrauen noch immer schenken sollte , war bei seinem mißtrauischen und versteckten Charakter , der alles gerade Wesen haßte , nicht anzunehmen . Der Buchhalter beglückwünschte den Grafen kühl zu seiner Besserung und überreichte ihm zwei Briefe von Adalbert und dessen Gattin . Ein paar Packete , die zugleich mit angekommen waren , legte er auf den Tisch . » Mein lieber Herr Vollbrecht , « begann Adrian , mit den Briefen spielend , » ich habe Ihnen großes Unrecht abzubitten . Heut , wo ich mich zum ersten Male als einen zum Leben Erwachten ansehen darf , fühle ich mich unwiderstehlich zu solcher Abbitte gedrungen ; denn ich sehe wohl ein , daß ich nur Ihrer Umsicht , Vorsorge , Treue und Anstrengung den gesegneten Fortgang meines umfangreichen und verwickelten Geschäftes zu verdanken habe , und ganz allein durch Ihr ernstes und zugleich mildes Wesen , durch Ihre Anhänglichkeit an mich und Ihre Herablasung gegen die unruhige Masse der Arbeiter großer Gefahr entgangen bin . Sie haben mich gerettet , mich mir selbst erhalten und feurige Kohlen auf mein Haupt gesammelt . Empfangen Sie für so uneigennützige Liebesdienste den aufrichtigen Dank eines kranken Mannes , der Sie beleidigte , als er schon nicht mehr bei voller Besinnung war . « Vollbrecht konnte die dargebotene Hand nicht ausschlagen . Adrian drückte und schüttelte seine Rechte wie ein wahrer Freund . » Mit diesem Händedruck lassen Sie das Vorgefallene vergessen , für immer aus unserm Gedächtniß verschwunden sein ! « fuhr Adrian fort . » Gern möchte ich Ihnen meine Erkenntlichkeit an den Tag legen , allein ich weiß schon , daß Sie ein hartnäckig edelmüthiger Mann sind , dem schwer beizukommen ist . Sie nehmen keine Geschenke an , nicht einmal an Festen , wie das heutige , wo sich die halbe Welt beschenkt . Wie , Herr Vollbrecht , soll man es denn anfangen um es Ihnen zu beweisen , daß man Ihnen Dank schuldig ist ? Darf ich Ihnen eine Gehaltszulage anbieten , ohne Sie zu beleidigen ? « » Ich würde mich wahrhaft freuen , ja im Innersten beglückt fühlen , Herr am Stein , wenn Sie das Wohlwollen , welches Sie unverdienterweise mir schenken , auf Diejenigen übertragen wollten , die es in weit höherem Grade verdienen und dessen weit mehr bedürftig sind , als ich . « » Sie meinen die Arbeiter ? « » Ihre darbenden Arbeiter ! « Adrian schloß auf einige Secunden die Augen , dann sagte er : » Verurtheilen Sie mich nicht , lieber Herr Vollbrecht , der Schein trügt häufig und Handlungen , die ursprünglich von der edelsten Gesinnung dictirt werden , können sich , oberflächlich betrachtet , als verbrecherisch darstellen . Fast scheint es mir , als geschähe dies mit dem Verfahren , das ich seit längerer Zeit gegen meine Arbeiter beobachte . Läugnen will ich zwar nicht , daß ich von ihrer Aufsätzigkeit erbittert , einigemale härter mit ihnen umgegangen bin , als es vielleicht vom christlich-humanen Standpunkte aus erlaubt war , allein das muß man auf Rechnung der Gereiztheit setzen , wo auch der beste Mensch sich schlimmen Neigungen und bösen Einflüsterungen überläßt . Ich habe dies vielmals beklagt , um so mehr beklagt , als mich Klugheit und Selbsterhaltung nöthigen , mir keine Blöße zu geben . Das begreifen Sie so gut , wo nicht besser als ich , Sie wissen wie schwierig eine so große Menge immer zu übertriebenen Forderungen aufgelegter Arbeiter zu lenken und zu befriedigen ist . Die Güte des Arbeitgebers wird von solchen Leuten regelmäßig gemißbraucht , zuvorkommende Behandlung , freigebige Anerkennung ihrer Dienstleistungen nie dankbar aufgenommen . Das Herz des Arbeiters ist dem Arbeitgeber stets feindlich gesinnt , weil er sich immer bevortheilt und den Herrn im Vorzuge glaubt . Alle Fabrikbesitzer haben diese Erfahrungen gemacht und sind durch sie zur Erkenntniß sowohl ihres eignen wie des Vortheils ihrer Arbeiter gekommen . Hoher Lohn , mein lieber Herr Vollbrecht , verdirbt jeden , auch den allerbesten Arbeiter . Er macht ihn hochmüthig , üppig , verschwenderisch , ungehorsam und unverträglich . Statt zu sparen und auf die Zukunft zu denken , schwelgt , praßt , spielt und wettet er , und statt dem Herrn treu und ergeben zu bleiben , verleumdet er ihn und sinnt nur darauf , wie er sich in seinem Sinne noch verbessern kann . Nie , lieber Volbrecht , wird die Arbeit schlechter verrichtet , als wenn der Lohn ein verhältnißmäßig hoher , der Verdienst mithin ein leichter ist ! Dies erkennend , schlug ich einen andern Weg ein und gedenke diesen , mit Gottes Hilfe , auch fernerhin beizubehalten . Ein gewisser Grad von Dürftigkeit ist ein wahres Glück für den Arbeiter , wie für die Arbeit ! Jener wird williger , fleißiger und genügsamer , diese besser und mithin vom Käufer begehrter ! Wenn der Arbeiter sich abhängig fühlt , begründet er von selbst sei Glück ! Es ist also nicht Härte , nicht Grausamkeit und Eigennutz von mir , wenn ich die häufigen Klagen meiner Arbeiter nicht beachtete , vielmehr stellte ich mich hart und unerbittlich zu ihrem eignen Besten . Was ich ihnen an Ueberfluß abgehen ließ , behielt ich für sie und ihre Kinder zurück , damit ihnen im Fall der Noth , bei wirklich eintretendem Mangel und ausbrechender Theuerung ein Kapital gesichert bleiben möge . Freilich mußte das heimlich und ohne ihr Mitwissen geschehen , weil sie mich sonst auf der Stelle ermordet oder doch geplündert haben würden ; aber mein Testament wird dereinst Zeugniß ablegen von meiner Rechtlichkeit und väterlichen Fürsorge für Diejenigen , die ihr Leben meinem Dienst geweiht haben . Ihre Kinder werden mein Grab noch mit Thränen benetzen und die unverdienten Flüche und Verwünschungen damit auszulöschen suchen , die ihre kurzsichtigen Aeltern auf meinen Namen gehäuft haben in blindem Wüthen ! « Adrian verstand es vortrefflich , eine Rührung zu heucheln , von der sein Herz nichts wußte . Dennoch ward Vollbrecht von diesem scheinbar ehrlichen und offenen Bekenntnisse doch überrascht . Genau mit den Neigungen der Fabrikarbeiter vertraut , mußte er Adrian in vielen Behauptungen Recht geben ; tausend Beispiele bestätigten den Hang dieser Leute leicht und schnell Erworbenes eben so schnell wieder zu verwüsten ! Ihre Neigung zu sinnlich verschwenderischem Leben , zu hochmüthiger und prunkvoller Tracht ließ sich nicht verleugnen , und daß sie die Herren gern tyrannisirten , wenn sie die Macht dazu besaßen , war einer der häßlichsten Züge in ihrem Charakter . Eine gewisse Beschränkung konnte daher wirklich nöthig und zu ihrer sittlichen Veredlung dienlich sein , nur durfte eine solche nicht die äußersten Grenzen des Erlaubten überschreiten und den freien Menschen zu einem nach Brod winselnden Hunde herabwürdigen ! So weit aber hatte Adrian urkundlich sein sogenanntes Wohlwollen und seine väterliche Fürsorge getrieben . Vollbrecht selbst glaubte übrigens nicht an die Versicherungen des Grafen , er hielt sie nur für eine neue , zu völligem Verderben der Wehrlosen lockend ausgeworfene Schlinge . » Wenn dies wirklich Ihre höchst ehrenwerthe Absicht ist , Herr am Stein , « versetzte der Buchhalter , » so würden Sie sich mit einemmale die Herzen aller Ihrer Arbeiter gewinnen durch ein Weihnachtsgeschenk , das Sie ihnen verabreichen ließen . Sie dürfen nicht besorgen , daß ein solches Ihre Untergebenen übermüthig machen würde ! Dazu besitzen sie sammt und sonders zu wenig ; wohl aber würde es viele Thränen trocknen , viele Gemüther beruhigen und einer Bevölkerung von einigen Tausenden den Uebergang aus einem alten Jahre in ein neues versüßen . « » So glauben Sie in Ihrer Menschenfreundlichkeit , lieber Vollbrecht , « entgegnete Adrian , » ich aber weiß , daß der Eindruck einer solchen Handlung gerade jetzt ganz andere Folgen haben würde ! Das Sprüchwort vom Löwen , der , wenn er Blut geleckt hat , lüstern wird nach dem Fleische , würde sich in erschreckende Wahrheit verwandeln ! Ein solches Geschenk sagte diesen unersättlichen , mir feindlich gesinnten Menschen , daß meine Behauptung von geringer Einnahme nicht streng wahr gewesen sei , sie würden gierig mehr verlangen , und im Weigerungsfalle voll Wuth und Raserei mein Besitzthum überfallen . Damit dies unterbleibe , ich selbst aber die Feiertage ruhig verleben und mich etwas erholen kann , mögen sie noch bis Neujahr schmale Kost genießen . Sie sind daran gewöhnt und werden also nicht sehr davon belästigt werden , am wenigsten aber verhungern . Meinen Sie dies nicht auch , Herr Vollbrecht ? « » Ihre Maßregeln zu beurtheilen , gnädiger Herr , erlaube ich mir nicht , da ich Sie in Ihren Entschließungen so fest und unwandelbar finde . « » Das heißt mit andern Worten : Sie mißbilligen mein Verfahren . « » Ich billige es nicht , Herr am Stein ! « » Aus Philanthropismus ? « » Auch aus Klugheit . « » Fürchten Sie neue Ausbrüche der Unzufriedenheit ? « » Das nicht , Herr am Stein . Es gibt keine Unzufriedenen mehr , es gibt blos noch Verzweifelnde und diese verlangen keine Unterredungen . « » Sondern ? Sie verheimlichen mir noch einen Gedanken ! « » Wenn ich es thue , so geschieht es aus Schonung und Rücksicht für Ihren Gesundheitszustand , Herr am Stein . « » Dennoch bitte ich Sie , ehrlich mit mir zu verfahren , wie ich es mit Ihnen gethan habe ! Was fürchten Sie ? « » Den Wahnsinn Martells ! « » Wahnsinn ? « wiederholte Adrian und sein Auge loderte heftiger auf . » Martell ist wahnsinnig ? Wahnsinnig über den Tod seines Kindes ? « » Man besorgt allgemein , daß seine Vernunft dem namenlosen Seelenschmerz und der grenzenlosen Noth , die in seiner Familie herrscht , ehestens unterliegen wird . Die Folgen eines solchen Unglücks wage ich nicht voraus zu bestimmen . « » Hat Martell die Arbeit eingestellt ? « » Immer bis auf den heutigen Tag war er der Erste an der Maschine und der Letzte , welcher den Saal verließ . Er arbeitete stets unverdrossen , aber mit einem