schien ihm entsetzlich ; dieser Schauplatz geselliger Lust , ohne Zweifel von allen und den verschiedensten Bewohnern zu diesem Zwecke benutzt , zeigte keine Spur mehr seines früheren Lebens . Die Sessel blieben unbesetzt , die Tische leer , und die ungeheuren Schränke verhüllten ihren Inhalt , zum Dienste jener Zeit gehörend . » O , « rief Reginald plötzlich unbewußt - » dies Schweigen ist unerträglich ! Besser , es belebte sich Alles mit den Gestalten der Vergangenheit ! « » So folge mir ! « rief eine hohle , ernste Stimme hinter ihm . Entsetzt wandte er sich und sah , daß er bei seinem Umherblicken die Richtung nach der verschlossenen Thür aufgegeben hatte , die jetzt geöffnet war ; von da her , das übersah er mit einem Blicke , war die Männergestalt gekommen , die diese Worte zu ihm sprach . Aber Reginald fühlte seinen Athem stocken ; und doch konnte er es nicht nachweisen , warum ihn eben diese Gestalt so entsetzte . Seine Züge waren nicht ganz zu erkennen ; ein spanischer Hut mit breiter Krempe , nur seitwärts mit einer Agraffe aufgeschlagen , beschattete sein Gesicht ; doch schien es Reginald gelb und bleich . Um seine Schultern hatte er einen kurzen , feuerfarbenen Mantel , der drei große Löcher auf der Brust zeigte ; übrigens schien er in schwarzem Sammet altspanisch gekleidet , und trug ein breites Schwert in reicher Scheide eng an sich gedrückt . Immer deutlicher trat es Reginald hervor - er hatte die ganze Gestalt , so wie sie jetzt vor ihm stand , noch so eben unter den Portaitfiguren auf dem Treppensaal erblickt ; dazwischen schien es ihm , er sähe Souvré ' s Züge , und die Gestalt nur widersprach in ihrer Größe dem flüchtigen Gedanken . - Und dieser Mann aus einem anderen Jahrhunderte forderte ihn auf , ihm zu folgen ; Reginald fühlte sich wie von einer unabweisbaren Autorität beherrscht ! Ohne es deutlich sehen zu können , glaubte er das stechende Auge des rothen Mannes zu fühlen ; er wandte sich ängstlich nach Ludwig um . Aber dieser war nicht allein schon erwacht , es schien sogar , er war früher aufgefordert worden , als er selbst ; denn er stand bereits eben so willfährig , als Reginald . » Gesellschaft sollt Ihr finden , « fuhr der rothe Mann fort - » und für zwei Grafen von Crecy , an deren Leben die Erhaltung des Hauses Crecy-Chabanne hängt , soll es passende , unterhaltende Gesellschaft sein ! Ihr fürchtet Euch doch nicht ? « setzte er höhnisch hinzu . Dies schreckte Reginald empor . Jetzt erst fühlte er den erstarrten Zorn sich in seiner Brust beleben . » Wer seid Ihr ? « rief er . » Welch ein Recht habt Ihr , in unserem Schlosse eine Einladung an uns zu richten , als wäret Ihr der Herr desselben ? « Eine Art Schnauben , wie es der Zorn zuweilen bei sehr wilden Menschen hören läßt , ging voran , dann folgte ein höhnendes Lachen . » Kind , halte ein mit Deiner Wichtigkeit , « rief dann der rothe Mann - » und hüte Dich , mich zu reizen , daß Du nicht gleich erfährst , welche Macht ich hier habe - eine solche , die in ihrem Alter und in ihrer Rechtmäßigkeit die Deinige überbieten könnte ! « Und Reginald - der kühne , hochherzige Jüngling - schwieg . Ihm war so fremd und erdrückt zu Muth ; als er sprach , fühlte er keine Kraft , seinen Worten Ton und Stärke zu geben ; sein Athem war so kurz , sein Kopf schien ihm nicht frei ; - nur die Nähe Ludwigs beruhigte ihn . An seiner Seite folgte er dem voran schreitenden , rothen Manne , willenlos - wie durch Zauber ihm nachgezogen , und an Ludwig dieselbe Gewalt wahrnehmend . Als sie die Schwelle der jetzt geöffneten , früher so fest verschlossenen Thür überschritten , blieb der rothe Mann stehen ; und indem er zurückschaute , sagte er : » Ihr hattet , denke ich , große Lust , diese Räume zu betreten ! Als ich Euch an den Schlössern hämmern hörte , konnte ich denken , wer es war . Ihr hattet Recht , hier Einlaß zu wünschen ; - nur kam es mir zu , Euch hier willkommen zu heißen ; denn es ist so recht eigentlich mein Bezirk . - Auch wartete ich schon längst auf Euch , Ihr Grafen von Crecy-Chabanne ! « Ein kurzes , feindliches Lachen folgte , und die erschütterten Jünglinge eilten ihm nach , der mit geräuschlosen Schritten über das dunkle Getäfel voranglitt . Sie fanden erleuchtete Räume , ohne den Moder der Zerstörung , doch in dem Geschmacke des Jahrhunderts eingerichtet , dem der Mann im rothen Mantel anzugehören schien . Sie kamen erst durch einige kleinere Wohnzimmer , durch ein Schlafzimmer mit einem großen Bette , gegen dessen verschlossene , schwersammetne Vorhänge ihr Führer wild drohend die Hand erhob - und wie glich er jetzt Souvré ! Dann öffneten sich weite Säle , und die Jünglinge erstaunten über die Ausdehnung des Schlosses und den Glanz der Ausstattung . Diese Räume wurden jedoch von einer Schaar geschäftiger Diener und Dienerinnen belebt , die in einer ungewöhnlichen Thätigkeit umhersausten ; doch ohne anderes Geräusch vernehmen zu lassen , als daß sie die Luft zu bewegen schienen , die oft schneidend und kalt an den Jünglingen vorüberstreifte , und auch die zahllosen Kerzen in einer beständig wehenden Bewegung erhielten . Der rothe Mann hatte mit Allen zu verkehren , und Beide behielten Zeit , das zahlreiche , wunderliche Personal zu betrachten , das , einig und in derselben Richtung wirkend , doch durch das Kostüm so getrennt erschien , als lägen zwischen den einzelnen Gruppen Jahrhunderte . Das Erstaunen Beider verschlang jede Frage ; sie waren im Sehen aufgelöst und von großer Beklemmung und einem nicht zu beherrschenden Grauen erfüllt ; denn diese wort- und geräuschlosen Geschöpfe änderten jeden Augenblick mit Blitzesschnelle ihre Plätze , und die abenteuerlichsten , längst vergessenen Kostüme , die , schwerfällig und beladen , jede Bewegung zu hindern drohten , wurden hier mit einer Leichtigkeit getragen , als wären es Gewänder , von Staub und Luft gewoben . Die Jünglinge wurden von Niemandem bemerkt , von Niemandem berührt ; obwol sie von der großen Anzahl immer umkreist waren und ihren kalten Lufthauch fühlten . Alle waren beschäftigt , eine Tafel zuzurichten ; von den alten Geschirren in den kostbarsten Metallen , die sie herbeischleppten und ordneten , waren einige kaum in ihrer Bestimmung zu erkennen , so fern mußte die Zeit ihres Gebrauches liegen ; dazwischen kamen neuere Gegenstände ; die köstlichsten Geschirre und Becher , zu deren vervielfältigten Modellen Benvenuto Cellini als Erfinder genannt wird . Dann das leichte , florartige Glas der Venetianer mit Wappen , Farben und Vergoldungen ; - jedes Jahrhundert , schien es , hatte seine Geschirre und seine ihm zugehörende Bedienung . Vergeblich rang Reginald mit der wahnsinnigen Verwirrung , in die er sich gestürzt fühlte ; die Dinge behielten ihre Gestalt und zogen ihn endlich in einem Maaße an , daß die Ueberlegung in ihm erstarb ; - nur Ludwig ' s Arm , sein antwortendes Auge , das er zuweilen suchte , gab ihm ein Gefühl von Haltung und Ruhe . Jetzt winkte ihnen der rothe Mann , ihm zu folgen , und Beide traten mit ihm in den nächsten Saal , welcher glänzend erhellt und von großer Ausdehnung , aber mit einer Masse von Gestalten beinah ' überfüllt war . - Doch waren sie früher den Dienern begegnet , standen sie hier unverkennbar den Gebietern gegenüber . Wohin in dieser glänzenden Versammlung zuerst das Auge richten - wie den Reichthum fassen , der hier den Glanz aller erdenklichen Kleiderpracht mit dem Zauber von Schönheit und Jugend vereinigt zeigte ? - Die Jünglinge waren geblendet - ihre Phantasie war überboten ; sie fühlten eine schüchterne Hingebung und schienen sich kaum berechtigt , zu einer so anspruchsvollen Versammlung gehören zu wollen . Doch auch hier fiel Reginald bald die chronologische Folge auf , auch hier zeigten sich aus der Gesellschaft verschwundene Kostüme , oder solche , die nur noch in alten Bildwerken bewahrt wurden ; und bei ruhigerer Betrachtung sah er zwei Frauen , die wie schroff bezeichnete Zeitabschnitte sich gegenüber standen und einen ganzen Kreis ähnlicher Gestalten um sich versammelten . Es ist ein Maskenscherz , wollte Reginald denken ; aber er glaubte an dem Gedanken zu ersticken . Der Athem blieb ihm stehen , er wollte laut aufschreien , sich die Qual zu erleichtern ; - aber der Laut erstarb - die Lippen blieben tonlos . - Da trat der rothe Mann , der Alle wie seine Gäste zu leiten schien , zu ihnen ; er führte sie umher . Sie wurden vorgestellt - er hörte viele Namen - und sich und Ludwig immer gleich als Grafen Crecy bezeichnen ; doch schien es ihm , der rothe Mann spreche kein Wort , und hier , wie bei den Dienern , herrsche lautlose Stille . Dennoch wußte er , die blasse hagere Frau mit den tiefgesenkten Augenliedern , mit der ruhigen Stirn und dem Ernst einer Heiligen , sei Claudia von Bretagne . Sie trug den thurmhohen Bau eines steifleinenen Kopfputzes , jener Mode , woran radförmig Halskrause und Brustlatz liefen , die keine Ahnung einer menschlich weiblichen Gestalt zuließ . Von grobem aschfarbenen Wollenzeuge hingen die Gewänder in festgenähten Falten ohne Gürtel bis zum Boden ; nur die Hände sahen mit den Fingerspitzen aus den aufgeschlagenen Aermeln hervor ; sie waren schön und fein , doch gelblich weiß , und umschlossen ein schwarzes Kruzifix . Aus den Falten des Rockes hing ein Spindel nieder , und nur auf der höchsten Spitze des widrig steifen Kopfputzes saß die kleine Königskrone ; sie hatte aber einen Schein wie Sternenlicht , und so auch leuchtete ein Kreuz von Edelsteinen , was auf dem Brustlatze ruhte . Um sie standen junge , bleiche Frauenbilder in der entstellenden Tracht der Zeit , mit Angesichtern , so still , so mienenlos und kalt , als sei das Buch des Lebens mit seinem ganzen Inhalte vor ihnen verschlossen geblieben . Sie standen um die stille , unbewegliche Herrin , die ihrer nicht zu achten schien ; dazwischen sah man Ritter mit unbedecktem Haupte , Pagen in Wappenfarben , gleich Gerüsten dieser Abzeichen , geschmacklos überladen mit bunten Farben und ungefälligem Schnitte der Kleider . Klein jedoch nur war die die Zahl , die um die Königin kenntlich zu erblicken war ; denn nur die Bezeichneten traten deutlicher hervor . Hinter ihrem Stuhle schwirrte noch ein ganzer Knäuel verbundener Gestalten , die lebendig um einander glitten und bei dem unsicheren Lichte der wehenden Kerzen immer zu wechseln schienen . An einen großen , weitläufigen Kamin gelehnt , in dessen Heerd die jähe Flamme , in Regenbogenfarben spielend , nach allen Seiten züngelte - so nah , daß der Rand der reichen Gewänder in jedem Augenblicke von den hervor schlüpfenden Flammen besäumt ward , stand ein Weib von mächtiger Schönheit ! Sie hatte wohl die starre , kalte Weise der übrigen Frauen ; doch ihr , wie allen um sie versammelten Schönen glühte ein fremdartig , schimmerndes Roth auf den Wangen . Der Kopf war unbedeckt ; in vollen Ringeln floß das dunkle Haar bis auf die marmorbleichen Schultern ; auf der Mitte ihres Hauptes aber ruhte eine große , mächtige Krone von Brillanten ; - es war Katharina von Medicis ! - Sie schaute mit den glühenden Augen in die Ferne . Ihr Gewand war purpurrother Sammet ; es deckte um die volle Taille kaum die preisgegebene Schönheit ihrer Formen . So waren alle Frauen ihres Kreises schön und zum Erschrecken fast enthüllt . Dazwischen bewegten sich zahllose Männergestalten in den prachtvollen Kostümen der Valois zur Zeit der Medicäerin . - Die Namen der Geschichte wurden den beiden Jünglingen genannt , sie sahen ihre belebten Gestalten , es schien , als habe Alle , die nacheinander dieser Zeit gedient , ein Hoffest hier vereinigt . Es waren die Sitten , die damals geltenden , bewunderten Formen der Geselligkeit ; Alles diente , empfing , erwiederte ; und man sah Alle gruppenweis in gesellschaftlicher Beweglichkeit . Die Jünglinge wurden wie im Wirbel fortgetrieben ; ob es Sekunden , ob es Stunden waren , sie wurden sich dessen nicht mehr bewußt ; mit überspannter Neugierde ernteten sie mit ihren Augen die Wunder ein , die sich ihnen enthüllten . - Bald waren sie getrennt , bald waren sie vereint ; - doch Keiner sagte dem Anderen mehr ein Wort ; es schien , als verlören auch sie die Sprache . Denn , wie sehr auch Reginald sich mühte , klar zu werden , ob dieser glanzvolle Kreis durch Worte sich verständige , es gelang ihm nicht ; - er verlor den Gedanken daran ; oder die Anstrengung , ihn festzuhalten , verging in angstvoller Betäubung , die endlich in dem Anblick unterging , der so berauschend war . - Da ergriff sie plötzlich der rothe Mann , zog sie zum Kamin und stellte sie dicht vor die Königin ; - er nannte ihre Namen und starrte höhnend auf sie hin . Sie fuhr zusammen ; - einen Schrei des Schmerzes glaubten sie zu hören . Die Flammen des Kamins umzüngelten wie ein Saum das glänzende Gewand ; - sie sträubte sich und strich die Flammen mit den Händen ab . Da sah Reginald , wie ihre , Füße nackt und bis zum Knöchel roth gefärbt waren ; - sie wehrte die Jünglinge ab , der rothe Mann jedoch hielt sie vor ihr fest und forderte eine hohe , in Goldstoff gekleidete Gestalt , die hinter Katharina stand , heraus , hervorzutreten ; hohnneckend zeigte er ihr die Jünglinge , dann hob er den rothen Mantel auf und zählte die runden Löcher : eins - zwei - drei ; - da taumelte der Andere und sank zusammen . - Es war Theophim , Graf von Crecy ! Im nächsten Augenblicke wurden die glänzenden Tischchen von getriebenem Kupfer mit sammetnen Beuteln zum Spiele eingerichtet , herbeigerollt . Die verschiedensten Partieen wurden schnell geordnet . - Alles saß - die Königin Claudia ausgenommen ; sie hatte die Spindel los gemacht und zog die feinen Fäden , langsam durch die bunten Reihen wandelnd , als sei sie hier allein . Reginald erblickte Ludwig mit Katharinens schönen Frauen beim Brettspiele ; heftig erregt , suchte er zu ihm zu kommen ; aber die Luft schien in schweren , hindernden Schichten zwischen ihnen zu liegen ; er konnte ihn nicht erreichen . Dagegen stand er mit einem Male zur Seite der Medicäerin ; sie spielte mit Theophim von Crecy ein mystisches Spiel mit goldenen und silbernen Figuren ; auf der kupfernen Platte des Tisches waren Bilder eingelassen , nach deren Zeichen sich die Spieler zu richten schienen . Schrecklich war ihm Theophim ' s Bild - bleich - das Gesicht mit grünen Flecken übersäet - die Hände mit goldgestickten Handschuhen bedeckt , die so grauenhaft schlotterten , als ob sie eine dürre Knochenhand bedeckten . Unruhig auch war der Königin Betragen , und schaudernd - zuckend - fuhr sie oft zusammen . Da sah Reginald mit Entsetzen , daß in den reichen Locken die rothen , schwarzgefleckten Würmer krochen , die den lebendigen Leib der Menschen fliehen und nur bei Todten hausen ; - er sah , wie aus den Falten des Sammtes , aus dem Juwelenplatze sie ihren Weg lustwandelnd über die reine Wölbung des schönen Halses nahmen - wie sie den runden Arm entlang bis zu den Fingerspitzen krochen - und wie die Königin ohne Weigern ihrem Treiben sich ergab . Doch schien es ihm , das Auge werde ihm stets klarer und deutlicher , die Gegenstände zu erfassen ; - die Frauen , so schön , so reizend und glänzend anfangs erscheinend - erstarrten plötzlich - sie hatten keinen Blick im Auge - sie glitten pfeilschnell ohne Schatten , ohne Schritt oder Bewegung über den Boden . - Claudia ging , als ob der Fußboden sich langsam mit ihr fortzöge . Keiner berührte den Anderen ; - seufzend , wie fernes Geheul , durchfuhr den ganzen Raum schneidender Zugwind ; - überhaupt wehte eine kalte und belastende Luft , die bis zum Herzen die Kraft zu hemmen drohte . Reginald erwartete immer bestimmter einen Hauptmoment , ein Entsetzliches - das alles Grauenhafte vor ihm überbot . Doch schien es auszubleiben ; - die Thüren öffneten sich , die Tafel war gerüstet , der Dienerschwarm eilte herein ; wie rollender Sand durchdrang er blitzschnell die jetzt fast ganz erstarrten Gruppen der stolzen Versammlung . Alles schob sich vor , die Herren und die Damen , wie getrieben , wie gejagt von dem sturmschnellen Dienertrosse . - Zwischen ihnen Beiden stand hohnlachend der rothe Mann am Eingange des Banketsaales , und ängstlich schaudernd drängten die Eindringenden sich zusammen , als ob sie seine Berührung fürchteten . Er aber zeigte mit dem langen , dürren Finger auf den Einen oder Anderen , bald Mann , bald Frau ; und jeder der Bezeichneten trug ein ähnliches Merkmal , als er selbst - ein Paar runde Löcher im Mantel oder Wamms , die Frauen in dem zarten Mieder . - O , wie gern hätte sich Reginald der Einen in Silberstoff , mit dem Halsbande von niedertropfenden Rubinen , genaht ! Es war Eudoxia Nemours ; - sie deckte mit der lilienweißen Hand die Stelle in dem Mieder , wohin der unerbittliche Rothmantel höhnend deutete . Doch kreiste die Besinnung wieder in Reginald , überwältigt von den Gegenständen und ihrem fabelhaften Gemische . - Er saß an der Tafel neben schönen starrblickenden Frauen ; er sah am oberen Ende derselben Ludwig an der Königin und Teophim ' s Seite sitzen und ward umsaust von der rastlosen Bedienung . Er wußte selbst nicht , ob man Speisen gab und nahm , ob die Becher leer oder gefüllt die Tafel umkreisten ; - immer qualvoller , immer bänger ward sein physischer Zustand - Todesangst hemmte jeden Pulsschlag - er glaubte Modergeruch wahrzunehmen - er schauderte , die starren Weibergestalten mit den schönen , leblosen Armen und Händen , die dicht neben den seinigen auf der Tafel ruhten , sich bewegen , ihn berühren zu sehen - er wollte aufspringen , Ludwig aus dieser Gesellschaft reißen , mit ihm entfliehen ! Er schaute nach ihm hin - er fehlte . Jetzt schien das Maaß gefüllt . Er sprang mit Riesenkräften , die er nöthig hatte , auf - er stand vor dem Manne im rothen Mantel mit Souvré ' s Zügen . » Bleib ' ! « rief dieser - und lähmte so die Kraft des Jünglings . » Die Zeit der Rache ist gekommen , erloschen in diesem Augenblicke das Geschlecht der Crecy-Chabanne ; - denn so Du lebst , blüht es in Dir nicht weiter . - Ich bin Spinola ! Der von Deinem Ahnherrn Theophim beraubte und ermordete Spinola ; - - und ich lebe fort in Souvré , dessen Mutter eine Spinola und meine Enkelin war ! Hier hast Du den letzten Grafen Crecy-Chabanne ! « - Er schlug den Mantel zurück - im Arme trug er Ludwig ' s bleiches , blutiges Haupt ! Ein Schrei der Wuth rang sich aus Reginald ' s Brust ; - er fühlte mit Entzücken das Pistol in seiner Hand - er hob es auf - der Schuß fiel . - In demselben Augenblicke zerstob Alles um ihn her ; - tiefe Dunkelheit umgab ihn - er fühlte , er war erwacht . - Traum war das entsetzliche Erlebniß ! - Keuchend hob sich noch die Brust , der Angstschweiß floß von seiner Stirn , die Besinnung schien ihm noch zu mangeln ; noch glaubte er leises Gewimmer - Todesröcheln zu vernehmen , sein Körper schien ihm steif und gelähmt - doch meinte er , der Schuß sei gefallen ; denn er erwachte , wie seine Hand mit dem Pistole noch in der Luft schwebte . Jetzt hörte er eine Thüre sich öffnen - er hörte Schritte - Lichtschein drang ein - mehrere Personen standen vor ihm - der Schein der Kerzen traf ihr Gesicht . - Es war der Marquis de Souvré , bleich , entstellt durch Sturm und Regen - von vielen Dienern gefolgt . » Ha , « rief Reginald - » Du bist der Rachegeist des Spinola ! « - Souvré sprang entsetzt zurück ; - Reginald glich einem Wahnsinnigen . » Fort ! « schrie Reginald , wild den Marquis bedrohend - » Du hinderst mich nicht mehr , mein Werk ist gethan , die ewige Gerechtigkeit wird siegen , mein Bruder ist Ludwig ! « - Alles fuhr zurück - er stürzte vor nach Ludwig ' s Stuhle - jeder Blick folgte ihm . - » Ungeheuer , « schrie Souvré - » was hast Du gethan ? Mörder ! Mörder ! « Das Licht beleuchtete so eben scharf , ohne Täuschung Ludwig ' s erbleichtes , im Todeskampfe zuckendes Gesicht . Der Schuß hatte ihn getroffen . Aus der tiefen Wunde seiner Brust floß das Blut in vollen Strömen dahin ; - röchelnd hob sich der nur selten noch wiederkehrende Athem - es war vorbei - der letzte Augenblick hing über ihm ! Starr blickte Reginald - versteinert in dies geliebte Antlitz . Er hatte eben so Entsetzliches erfahren - es war gewichen ; zum zweiten Male sagte ihm eine Stimme : kannst Du träumen - es wird nicht sein ! Umsonst , die Wahrheit trägt eine andere Farbe - sie überzeugt uns schnell ! » Bösewicht , « schrie Souvré - » bekenne - gleich hier bekenne - Du bist sein Mörder ! « » Ich bin ' s ! « rief Reginald mit schrecklichen , erschütternden Lauten . - » Ich bin Dein Mörder , Ludwig ! Mein Bruder - Ludwig - höre mich ! stirb nicht ! erwache ! sieh ' mich an ! - Mein Bruder , ich habe Dich gemordet ! « Es war , als ob der Sterbende auffuhr - Reginald war über ihn gestürzt - sein Blut überströmte ihn - Ludwig rang mit dem letzten Seufzer - seine Leiche sank über ihm zusammen . - Souvré riß Reginald schnaubend vor Wuth in die Höhe . Dieser hatte das Bewußtsein verloren ; er schleuderte ihn zu Boden , er wagte es , ihn mit seinen Füßen fortzustoßen . Sein Haß , seine Wuth brach aus allen Schranken hervor . » Bindet ihn - weckt das Dorf - ruft den Richter herbei ! « rief er wie rasend . Seine Natur trieb ihn an , früher an Reginald ' s Bestrafung , wie an Ludwig ' s mögliche Rettung zu denken . Doch die Diener der beiden jungen Leute , innig von der entsetzlichen Begebenheit ergriffen , versahen das Werk der Menschlichkeit . Der Kammerdiener Ludwig ' s riß ihm die Kleider auf , er wusch das Blut von der Wunde ; doch ein Blick reichte bin , von jedem Rettungsversuche abzustehen . - Mit der größten Sorgfalt hätte der beste Schütze sein Ziel nicht sicherer treffen können , als Reginald ' s im Schlaf abgeschossenes Pistol , das mitten durch das Herz traf ! Als die treuen Diener diese traurige Ueberzeugung erlangt hatten , legten sie die heiß beweinte Leiche ihres jungen Herrn auf die große Tafel des Banketsaales und beschäftigten sich nun mit Reginald , der noch immer leblos auf dem Boden lag ; denn Niemand theilte die Meinung des Marquis - Niemand hielt den jungen , verehrten Herrn des Mordes fähig ! Souvré war indessen zu den gewaltsamen Mitteln geschritten , die seinem Grolle zusagten . Er ließ von seinen Leuten die Thüre bewachen und Andere schickte er nach dem Flecken , die Gerichtspersonen zu holen . Was indessen in ihm vorgehen mochte , als er den alten Saal , den Schauplatz so vieler Schrecken , auf und nieder wandelte , werden wir begreifen , wenn wir denken , daß er , sobald die Abreise der jungen Leute der Marschallin bekannt ward , dieser das erlauschte Gespräch seines Kammerdieners mittheilte , woraus hervorging , daß Beide den Weg nach Ste . Roche genommen hatten , von welchem Orte Reginald , wie aus dem mit Ludwig geführten Gespräche sich ersehen ließ , wichtige Mittheilungen mußte erhalten haben . Diese Reise wollte die Marschallin um jeden Preis hindern , und Souvré , dem Jünglinge so bitter zürnend , entschlossen , ihm jeden Vortheil zu rauben , war schnell erbötig , sie einzuholen , und dann entweder ihre Rückkehr zu erzwingen , oder Ludwig allein nach Paris zu führen . Der Vorsprung , den Beide hatten , ihre jugendliche Eile , das böse Wetter , welches den Marquis noch heftiger getroffen , verzögerte seine Ankunft bis wenige Augenblicke vor der entsetzlichen Katastrophe , die das Lebensglück so Vieler entschied . Schon brach der Morgen mit seinem fahlen Lichte an ; der sturmdurchwühlte Himmel sandte einen verwirrenden Wechsel von Licht und Dunkelheit ; die Kerzen verglommen . Reginald regte sich ; der Unglückliche sollte erwachen ! Nicht lange blieb sein Bewußtsein aus . Betäubt - seufzend blickte er die treuen Diener an , die sich weinend um ihn bemühten ; er richtete sich auf , und mit dem ersten Blick umher , stieß er einen wilden Schrei aus , der selbst Souvré durch alle Nerven drang . » Ludwig , Ludwig ! « rief er , halb ahnend , halb fragend , und ergriff krampfhaft die Arme der mitleidigen Diener , die ihn halten wollten . » Laßt ihn nicht entfliehen ! « rief Souvré , als sie vor dem hastig Vorschreitenden zurücktraten , » der Bösewicht muß in Ketten gelegt werden ! « Aber Reginald hörte und verstand ihn nicht , ja , er erkannte ihn wohl kaum ; denn der schwächliche Marquis flog wie ein Zweig , den man zurückschlägt , von seiner Hand bei Seite , als er ihm in den Weg treten wollte . Wie ein Gespenst , mit Blut überdeckt , bleich und entstellt , eilte der unglückliche Jüngling vor und suchte den Bruder . Noch war seine Vorstellung nicht klar , nur wie von einer dunkeln , schweren Last fühlte er sich niedergebeugt und suchte ahnungsvoll den Bruder , damit Erklärung erwartend . Er erblickte den Kamin , an dem Beide gesessen ; aber indem er darauf zustürzen wollte , streifte er die Tafel , worauf der Entseelte ruhte . Er stürzte wildschreiend darauf hin - er rief mit allen Tönen der Verzweiflung seinen Namen , er ergriff seine Hände , sein Haupt und verwechselte den entsetzlichen Traum mit der Wirklichkeit . An Ludwig ' s Tod begann er zu glauben ; - aber wie es geschehen , konnte er nicht fassen . Hände ringend blickte er Alle an . » Wer - wer - hat das gethan ? « rief er mit erschütterndem Jammer . » Spinola ? Das Ungeheuer , unter seinem Mantel trug er das Haupt ! - Aber - Ludwig ' s Haupt liegt nicht getrennt - aus der Brust fließt das Blut - sagt , sagt , habe ich geschossen ? Ja , ich hatte das Pistol ! - Ich - ich habe den Schuß gehört ! Spinola , Spinola , Du hast meine Hand geführt ! Du - Du bist sein Mörder ! « Außer sich stürzte er auf Souvré zu , der in demselben Augenblicke mit den Gerichtspersonen des Fleckens Ste . Roche näher trat . Wüthend faßte er den Marquis : » Gestehe , gestehe , Deine Mutter war eine Spinola ! Rache , Rache hat Dich geleitet - Du hast den Erben der Crecy-Chabanne getödtet - Du wolltest dies unschuldige Geschlecht ausrotten , dem Ahnherrn zur Sühne ! Doch zittere , zittere ! Ich lebe - ich bin der älteste Graf Crecy-Chabanne - ich werde ihn rächen , Ludwig - Ludwig meinen theuern Bruder ! « Hier tauchte sein Gefühl in dem tiefsten Schmerz unter ; er stürzte aufs neue über Ludwig ' s Leiche , und krampfhaftes Schluchzen erstickte jedes weitere Wort . » Mein Herr , « sagte der Richter von Ste . Roche zu dem Marquis de Souvré , der von Reginald ' s letzter Rede wie vom Blitze getroffen stand - » soll das der mir bezeichnete Mörder sein ? « » Ich glaube , « sagte Souvré zerstreut und kaum hörbar . Fennimor ' s Sohn hatte aufs neue den Schleier von seinem Inneren weggerissen , den er sich selbst kaum zu lüften gewagt . Zwei Mal , unter demselben Dache , von der Mutter und dem Sohne , ward der jähe Blitz der Wahrheit in seine schwarze Seele geschleudert , daß er sie erkennen mußte ! - Ja , seine Mutter war eine Spinola , die Enkelin des hier gemordeten Spinola ; oft hatte sie dem Sohne die Geschichte des Ahnherrn erzählt , oft ihr Eigenthumsrecht über das Besitzthum der Crecy ausgesprochen , und in Souvré ' s Herzen hatte sich mit der Begierde zum Reichthume und der Unmöglichkeit , ihn in Rechtsanspruch zu nehmen , der finstere Groll genährt gegen dieses ihn beraubende Geschlecht . Doch überdeckt von der gesellschaftlichen Bequemlichkeit , die dies zu Glanz und Ehre erhobene Haus gewährte , hatte schon die Mutter ihm die Anweisung zur Verstellung gegeben , die er lauernd , Böses schürend , zu benutzen wußte , wie wir es erfahren haben . - Doch woher wußte der Jüngling dies ? Souvré hatte den zufälligen Streit vergessen , der zwischen ihm und Fenelon in Gegenwart der Jünglinge einst vorfiel , und worin er , von seinem Hasse überrascht , sich seiner Anrechte auf das von Ste . Roche stammende Vermögen gerühmt ; er aber glaubte überall die