noch vor kurzem meinen vollen Lohn gegeben haben , zwölf Gulden vierundzwanzig Kreuzer . Nein , wenn der Mensch Geld kriegt , so muß er treu sein , wie ein Hund , und Häuser muß man auf ihn bauen können , und so lange wie der letzte Kreuzer vorhält , muß er an seinem Herrn halten , denn dafür ist er Bedienter , und ein Bedienter , der seinen Herrn verrät , der ihn ordentlich bezahlt , ist kein Bedienter nicht , sondern ein Schuft . « » Schweige ! « rief Münchhausen . » Rede nicht , sondern handle , Buttervogel . Es liegt mir jetzt alles daran , allein im Schlosse zu sein , aus dem mich der Alte forttreiben will . Locke daher das Fräulein ins Freie - « » Das wird nicht nötig sein « , fiel Karl Buttervogel ein , » denn sie hat sich selber schon , ganz blümerant aufgetakelt , ins Freie gelockt , ich habe sie eben mit einem großen Dinge unter der Schürze nach meinem Schneckenberge gehen sehen . « » Gut , das halbe Werk ist sonach getan . Locke denn also noch den Alten ins Freie . « » Ich will so tun , als ginge ich nach der Stadt in die Apotheke für Sie , um wieder Spezies zu holen fürs chemische Schmieren , und wenn ich an ihm im Hause vorbeigehe , so will ich munkeln : Ja , wenn ich sprechen dürfte - so wird er mir nachgegangen kommen , um mich auszufragen . « » Tue das , Karl , mache mir das Schloß rein von allem lästigen Personal , ich will daraus eine Festung für mich schaffen « , sprach der Freiherr von Münchhausen mit seiner ganzen ihm so eigentümlichen Würde . Auf dem Vogelherde saß also , verlockt von dem scheinbaren Stadtgange des Bedienten , der alte Baron , während Emerentia dieses nämlichen Bedienten , der für sie kein Bedienter war , mit einem leckeren Gerichte am Schneckenberge harrte . Der Schloßherr hatte seinen Plan entworfen . So geradezu jemand aus dem Schlosse zu bringen , der sich darauf versteift zu haben schien , bei ihm neun Monate , drei Tage und achtzehn Stunden mit den Wachpausen für Essen und Trinken abzuschlafen , konnte mißlich erscheinen . Der alte Baron wünschte daher nichts mehr , als irgendeinen Umstand zu erkunden , welcher ihn allenfalls berechtigte , die öffentliche Macht gegen den Propheten anzurufen , der ihm nun wie ein Tagedieb vorkam . Einen solchen Umstand hoffte er von dem Bedienten Karl Buttervogel herauszubringen , denn das Wort » Munkel « und die beständige Erwähnung von ungeheuren Geheimnissen , welche um die Persönlichkeit des Freiherrn nebelten , deutete nach seiner Meinung offenbar auf Verschuldungen oder wenigstens auf Verwickelungen hin , die ihm den Arm der Polizei , so hoffte er , wider den chronischen Schläfer willfährig machen sollten . Er hatte sich mit diesen Gedanken unter eine Vogelbeerstaude gesetzt und überlegte die Mittel , mit denen er Karl Buttervogeln plaudern machen wollte . Der Mensch hatte ihn immer so freundlich und gerührt , wir wissen weshalb ? seither angesehen , daß er hoffte , auf sein Gefühl wirken und seinen Mund durch Liebe und Dankbarkeit aufschließen zu können . Er nahm sich daher vor , ihn auf bewegliche Weise zu bewegen . Karl saß indessen , um seinen Stadtgang glaublich zu machen , eine halbe Stunde vom Vogelherde in einem Kruge und vertrank einen Teil des Lohnes , den ihm die diplomatischen Mißverständnisse zwischen dem Fräulein und seinem Herrn gespendet hatten . Dem alten Baron wurde darüber die Zeit lang und da er an seiner Kriegslist nichts mehr zu denken fand , so nahmen seine Vorstellungen eine andere Richtung , welche folgendes Selbstgespräch offenbarte . » Ich habe mich resigniert « , sagte er . » Der heutige Tag zeigt mir meine Lage im wahren Lichte . Münchhausen erscheint mir als das , was er ist , als ein großer Frevler . Vielleicht ist er der Vater von Kaspar Hauser . Möglich auch , daß er ein berüchtigter Giftmischer ist wegen der beständigen chemischen Experimente . Auf jeden Fall ein Mann , dem zu vertrauen bedenklich sein muß . Ein unnatürlicher Charakter , abnorm in jeder Beziehung . Welcher Mensch außer ihm , sammelt Schlaf von seiner Jugendzeit auf für neun Monate , drei Tage , achtzehn Stunden . Es ist zwar eine Klage manches Schulmanns , wie ich gelesen habe , daß auch die jetzt gar zu sehr angestrengte Jugend nachher schläfrig werde , aber dann schlafen sie mit offenen Augen , die Jungens werden rein dumm vom vielen Lernen , natürlichen Nachschlaf kriegen sie aber deshalb nicht . Dieser Nachschlaf ist folglich wieder ganz eine Veranstaltung à la Münchhausen . Ich traue ihm nicht mehr . Seit heute verlasse ich mich auf meine gesunden Sinne und nicht auf Flirren und Flausen . Luft ist Luft und wird mein Tage nicht Stein . Das ganze Projekt ist Windbeutelei und die Luftverdichtungsaktienkompanie nicht so viel wert . « Der alte Baron blies bei den letzten Worten über seine flache Hand hin , senkte dann tiefsinnig das Haupt und sprach nach einer Pause : » Wunderbar ! - Wie demjenigen , der eine große Wahrheit entdeckt , zugleich viele andere Wahrheiten mit einem Schlage aufzugehen pflegen , so zerstört die Zerstörung eines großen Irrtums auch seine Nachbarn . Seit ich nicht mehr an versteinerte Luft glaube , bin ich auch mißtrauisch geworden über die Rückkehr der alten Verhältnisse und meinen Eintritt in das höchste Gericht als geborener Geheimer Rat . Es ist zuviel Gras darüberhin gewachsen , meine Tage sind gezählt ; ich erlebe es nicht mehr , das fühle ich wohl . Und so wäre ich denn ein armer , alter , zerbrochener , abgebrauchter Mann ? - Nein ! Mitnichten . Schon regen sich neue Gedanken in mir , die jugendliche Kräfte aufwecken . Das ist eben der wunderbare Segen der Gegenwart , daß niemand untergehen kann , der sich mit rüstigem Arm und beherzter Brust in ihre Fluten wirft . Erlischt hier ein Licht , so flammt es da wieder auf , die unendliche Mannigfaltigkeit der Mittel , Gedanken und Anregungen macht jede welkende Hoffnung zu einem Phönix , der sich zwar bestattet , aber aus dem Feuergrabe immer wieder auflebt . Ich habe schon wieder Aussicht , Mut , eine Zukunft . Ich glaube nicht mehr an den geborenen Geheimen Rat , ich glaube nicht mehr an die Luftverdichtungskompanie ; ade Syndikat ! Ade ihr sechsmalhunderttausend Luftsteine , mit denen ich salariiert werden sollte - - Fahret wohl , ihr nichtigen Träume und Schäume und macht einem soliden Geschäfte Platz . - Das religiöse Bedürfnis ist mächtig erwacht in der Zeit und schmachtet nach der Herstellung der Hierarchie . Diesem Bedürfnisse zu genügen , muß ein großartiges Institut in das Leben gerufen werden . Ich werde Jesuiten auf Aktien kommen lassen . Schon morgen reise ich , um die nötige Protektion und Förderung mir zu verschaffen , wenn ich inzwischen Münchhausen loswerden kann , nach - « Der alte Baron gab nicht an , wohin er reisen wollte , denn es unterbrach ihn ein Geräusch unten auf der Straße . Er sah den Bedienten kommen und rief ihn an . Karl Buttervogel murmelte für sich , indem er dem Rufe auf den Vogelherd folgte : » Treu bin ich meinem Herrn bis fünf Taler , wenn er aber mehr geben will , da kann der Mensch nicht widerstehen . « So kamen beide auf dem Vogelherde zusammen ; der Bediente mit der Absicht , sich um mehr als fünf Taler bestechen zu lassen , der Schloßherr in der Meinung , ihn durch Güte zu rühren , denn außer Güte hatte er nichts bei sich . » Er hat wohl auch von dem Wege viel Mühe gehabt bei der Wärme , mein Freund ? Setze Er sich mir da gegenüber unter die Rüster « - sagte der Schloßherr im gütigsten Tone . - » Ich kann schon stehen « , versetzte der Bediente , » ich würde unter der Rüster sitzen wie auf Kohlen und mir , mit Respekt zu melden , das Gesäß verbrennen , wenn ich in Gegenwart von einem so gnädigen Herren sitzen tun sollte . Jeder an seinem Platze und an seinem Orte , das ist so das beste , der Herr Baron sitzend und ich hier stehend in alle Ewigkeit . « » Es kommt mir so vor , als halte Er etwas auf mich « , sagte der alte Baron nach einer Pause , während welcher er vergeblich nach einem schicklichen Anknüpfungspunkte suchte . » O gnädiger Herr « , rief Karl Buttervogel erregt , beugte sich zu dem Schloßherrn nieder und küßte dessen Rock , » wie ich Sie liebe , das kann keine Menschenzunge aussprechen . Denn warum sollte ich Sie denn auch nicht lieben , da Wurst und Eier bis jetzt nicht gemangelt haben , und da ich gewiß fernerweit gute Verköstigung kriege , und der gnädige Herr so ein ehrwürdiges Ansehen haben und die ganze Positur so etwas Martialisches und da die nähere Verbindung bevorsteht , und Schwiegersöhne Schwiegerväter schon aus Pflicht lieben müssen , und da- « » Nun wohl , Buttervogel « , rief der alte Baron , » lass ' Er die vielen Gründe , die mir auch zum Teil dunkel sind , denn ich weiß nicht , was Er mit der Wurst und mit den Eiern und den Verbindungen und den Schwiegervätern und Schwiegersöhnen sagen will . Wenn Er wirklich auf mich etwas hält , so kann Er mir einen Gefallen tun , und ich ersuche Ihn darum . « » Tausend Gefallen für einen , gnädiger Herr ! « rief Karl Buttervogel . » Soll ich Ihnen den grünen Rock ausbürsten , oder an dem Schlafrock mit den Weinranken das Loch im Ärmel zunähen , oder - « » Nichts von allem dem . Sondern mich interessiert Sein Herr bis in die kleinsten Umstände seines Lebens und über manches möchte ich Aufschluß haben . Erinnere Er sich nun , wie gut ich an Euch gehandelt habe , sei Er dankbar für so viele Gastfreundschaft , erwäge Er , was Er mir für meine Güte schuldig ist , und wenn dadurch in Ihm ein richtiges Gefühl entstand , so sage Er mir , warum Sein Herr Seine Grobheiten vermischt mit geheimen Anspielungen duldet ? denn dahinter muß notwendig etwas stecken . « » Dahinter steckt auch etwas « , sagte Karl Buttervogel ernsthaft . » Und ich wollte mich wohl verführen lassen aus Liebe und Erkenntlichkeit zu dem gnädigen Herrn Baron und zum Delinquenten an meinem Herrn von Münchhausen werden , wenn nur ... « Er sah starr nach der Hosentasche des alten Barons . » Was , Karl ? Spreche Er Sich deutlich aus , mein Sohn . « Karl Buttervogel machte eine krumme Hand und sah den Schloßherrn dabei gerührt an . » Sie haben als Vater an uns gehandelt , und wer so ist , wie Sie , der macht mich weichherzig und da kenne ich gar keine Pflichten und lass ' meinen eigenen Bruder im Stich . Aber insofern ... « » Aber insofern ? - Stocke Er doch nicht so oft . Heraus mit der Sprache ! Was versteht Er unter dem Munkel , wie Er Seinen Herrn nennt , und unter den Geheimnissen der Erzeugung ? « Karl Buttervogel spuckte vor sich nieder , sah dann wieder nach der Hosentasche des alten Barons , machte den Gestus des Geldzählens und fuhr darauf plötzlich , als der Schloßherr diesen Gebärden stumm und verwundert und ohne auf den Sinn ihrer Forderung einzugehen , zusah , mit der Frage heraus : » Haben Sie wohl über fünf Taler bei sich ? « » Nein « , versetzte der alte Baron etwas verlegen . » Ich trage kein Geld bei mir . « » So bleibt auch das Geheimnis bei mir « , sagte Karl Buttervogel . Der alte Baron rief entrüstet : » Also aus Liebe zu mir will Er mir nichts sagen , aber für Geld würde Er Seinen Herrn verraten ! « » Ja « , rief der Bediente , » für Geld kann man alles kriegen , denn die Zeiten sind teuer und ohne Nebenverdienst geht es einmal nicht in der Welt , und weil es in der Freundschaft bliebe , so wäre es auch kein Verrat , und die Liebe zu Ihnen ist zu groß , und Sie könnten es mir gewissermaßen befehlen von wegen der kindlichen Ehrfurcht , die ich gegen Sie haben tun muß , und warum fängt mein Herr solche Sachen an und ich würde es auch nicht für ein paar Groschen tun , denn das wäre schimpflich , aber fünf Taler machen einen Unterschied , und das Hemde ist mir näher als der Rock , und Bestechung ist nur ein Vorurteil , aber ohne Geld und Gaben bin ich meinem Herrn so treu wie Gold , und keine Menschenmacht soll mich von meiner Schuldigkeit abwendig machen , und das können Sie mir auch gar nicht verdenken , denn Sie würden sich auch so einen ehrlichen Kerl zum Bedienten wünschen , der alles mit sich in die Sterbegrube nähme , wenn Sie sich chemisch schmieren müßten , weil nämlich - « » Schweige Er ! « rief der alte Baron , welcher befürchtete , daß Karl Buttervogel sich in ein neues Meer von Gründen stürzen würde . Verdrießlich riß er Blätter von den Stauden , zwischen denen er saß , und zerpflückte sie . Karl Buttervogel entfernte sich gleichfalls verstimmt über die unverletzte Treue , die er seinen Grundsätzen gemäß dem Herrn bewahrt hatte , von dem Vogelherde . Fünftes Kapitel Wofür Semilasso von dem Ehinger Spitzenkrämer angesehen wird . - Der alte Baron rennt nach einem Bürgermeister und a public character im braunen Oberrock tritt auf , dessen Erscheinung die wenigsten Leser vermuten mögen Das türkische Fahrzeug war langsam bis an den Fuß des Schloßberges oder -hügels gediehen , konnte jedoch dort nicht weiter auf der holprichten Straße vordringen . Semilasso sah sich daher genötigt , abzusteigen und zu Fuß bergan zu gehen . Der Ehinger Spitzenkrämer holte ihn ein und gab sich mit ihm in ein vertrauliches Gespräch , weil er ihn wegen der fremdartigen Kleidung , worin der berühmte Reisende sich zeigte , für seinesgleichen oder vielmehr für etwas noch Geringeres , als er selbst war , hielt , nämlich für einen Kunstreiter oder für den Inhaber einer Tierbude . Denn zwischen diesen beiden Vermutungen schwankte der Ehinger in seinen Gedanken . Semilasso hielt es bei seinem freien Weltblicke nicht unter sich , mit den verschiedenartigsten Leuten ohne Zwang zu verkehren . Er gab daher der Ansprache des Ehingers leichte und natürliche Erwiderung , redete mit ihm über die Spitzenklöppeleien in dem Distrikte , woher der Ehinger gebürtig war und die er auf seinen Reisen besucht hatte . Den Standesunterschied bewahrte er nur insofern , daß er nicht auf der Seite des Weges gehen mochte , den die Füße des Spitzenkrämers traten . Vielmehr wollte er gern die ganze Breite der Straße zwischen sich und dem Ehinger sehen . Kam daher dieser zu ihm hinüber , so kreuzte Semilasso die Straße nach der anderen Seite zu . Da aber der Ehinger die geheime Absicht dieser ausweichenden Bewegungen nicht kannte und am liebsten dicht neben seinen Reisebegleitern gehen mochte , so folgte er dem vornehmen Türken überallhin und beide waren daher die Schloßstraße hinauf in einer beständigen Zickzack- und Schlängelwanderung begriffen . Oben stand Semilasso still und wischte sich mit einem Taschentuche von feinem Batist den Schweiß von der Stirn . Der Ehinger zog eine Branntweinflasche aus dem Ränzel , nahm einen derben Schluck und bot seinem Genossen , dessen Eigenschaften ihm so unbekannt waren , die Flasche gleichfalls dar . Semilasso wies aber mit einem Zuge des innigsten Widerwillens in dem feinen blassen Gesichte den Schnaps zurück und schien überhaupt nachgerade den Ehinger lästig zu finden . Seine Neigung zu dem Manne stieg nicht , als dieser mit der Frage sich an ihn wandte : » Sagt mir , Landsmann , wo Ihr Eure Bude stehen habt ? « und als er durch verwunderungsvolle Erkundigung von ihm herausbrachte , wofür er angesehen wurde . » Voilà ce qui est bien drôle ! « sagte er mit einer süßsäuerlichen Mischung im Tone der Stimme und suchte dem Ehinger zu entkommen , der ihn aber mit wiederholentlichen Fragen nach der Bude bis vor die Türe des Schlosses verfolgte . Denn er hatte viel Geld gelöst und wollte sich nun auch in der Tier- oder Bereiterbude ein Vergnügen machen . An der Schloßtüre nahm jedoch die Verrammelung derselben die Aufmerksamkeit beider Wanderer statt alles anderen in Anspruch . Sie riefen , sie pochten , sie rüttelten , aber im Innern des vereinsamten Schlosses antwortete niemand , niemand kam von innen an die Türe , sondern es schnarchte da drinnen nur taub und gefühllos weiter . Zuletzt mußten sie sich wie die übrigen an der Türe Gewesenen auch von der Notwendigkeit des Wartens überzeugen . Zufällig hatten sie einander von dem Zwecke ihrer Wanderung nichts mitgeteilt , sie gingen auch jetzt ohne nähere Erklärung nach verschiedenen Seiten ab . Semilasso schlug , da der Ehinger mit ihm wieder die Schloßstraße hinunterwandern wollte , einen Nebenweg in das Gebüsch ein , um nur von diesem Plebejer sich loszumachen . Er brauchte dabei einen wahrscheinlichen Vorwand ; die Geschichte hat ihn aber vergessen oder Scheu getragen , ihn aufzuzeichnen . Der Ehinger stellte sich dagegen unten am Fuße des Hügels zu dem türkischen Fahrzeuge und suchte sich die Zeit , so gut es gehen wollte , mit den Affen und Papageien zu vertreiben . Auch mit dem jungen Neger sprach er . Dieser redete gebrochen Deutsch und antwortete auf die Frage , wo sein Herr die Bude stehen habe ? nachdem er ihren Sinn gefaßt hatte : » Kein Herr mein Bud ' halten - wollt ' sagen - Mein Herr kein Bud ' halten - Furst sein - heißen - nicht aussprechen kann den Namen schwierig . « Über diese Auskunft wollte sich der Ehinger des Todes verwundern , lachte aus vollem Halse und rief : » O , was für ein Ansehen sich so ein Volk geben kann ! Der Junge lügt wahrhaftig schon wie gedruckt und wenn ich den Herrn nach seinem Stand ' frag ' , ist er ein König wenigstens . « In diesem Augenblicke ging der alte Baron rasch an dem Gefähr vorüber . Er war so verdrießlich , daß ihm selbst der fremdartige Anblick des Fahrzeuges keinen Blick abnötigte , er stieg vielmehr , ohne sich umzusehen , die Schloßstraße empor . - » Landsmann « , rief der Ehinger , der alle Völker der Erde für seine Kompatrioten hielt , dem Alten nach , » Euer Laufen hilft Euch nit , Ihr kommt oben nit ein , die Zugäng ' sind verbollwerkt . « - Der Baron wandte sich um , fragte , was das bedeuten sollte ? und erfuhr zu seinem größten Ärger , was wir schon wissen . » Nein ! « rief der alte Baron knirschend vor Zorn , » was zu arg ist , ist zu arg ! Ich füttere den Hasenfuß , er verrückt uns allen die Köpfe und zum Beschluß und zur Krönung der Schandtaten treibt er die rechtmäßigen Eigentümer aus dem Hause und setzt sich darin fest . Das ist offenbare Gewalt , Friedensbruch und Beschädigung mit gemeiner Gefahr , und auf der Stelle laufe ich zum Bürgermeister , denn jetzt , jetzt tut Polizeihülfe not . « - Mit einer Schnelligkeit , die man seinem Alter nicht hätte zutrauen sollen , lief der Schloßherr zurück und bog in den Weg , der nach dem Dorfe führte , worin der Bürgermeister wohnte . Als er aber rasch um eine Hecke schwenkte und nichts im Sinn und Auge hatte , als den ihm nun so verhaßt gewordenen Duzbruder , rannte er heftig mit einem andern zusammen . Dieser andere war ein Mann , der in entgegengesetzter Richtung dahergeschritten kam und wegen seiner Kurzsichtigkeit oder aus Zerstreuung auf den alten Baron nicht geachtet hatte . Da er auch sehr rasch ging , so war das Zusammenprallen , wie gesagt , ein heftiges , der Schloßherr verlor seine Seehundskappe vom Haupte , der Mann im braunen Oberrock ( denn einen solchen trug der zweite ) den Strohhut . Nachdem beide ihre Kopfbedeckungen aufgerafft hatten , machten sie einander gegenseitige Entschuldigungen , denen der im braunen Oberrock die ironische Bemerkung hinzufügte , daß diese Art Bekanntschaften zu knüpfen die glücklichste sei , weil sie mit dem Gefühle beginne , daß einer dem anderen etwas nachzusehen habe , der erste Moment derselben daher sich von aller Überspannung in den Erwartungen fernhalte . » Mit wem habe ich die Ehre ... ? « fragte der alte Baron . » Ach « , versetzte der im braunen Oberrock , » lassen wir meinen Namen unausgesprochen ! - Durch eine seltsame Laune des Schicksals , deren es mehrere an mir übte , ist mir auch ein Name zuteil geworden , der mehr versprach , als meine geringe Persönlichkeit zu halten imstande gewesen ist . Aber vergönnen Sie mir dagegen eine Frage : Wissen Sie nicht , ob sich ein gewisser Freiherr von Münchhausen hier herum in der Nähe aufhält ? « Der alte Baron sah den Fremden groß an . » Haben Sie auch durch ihn gelitten ? Können Sie mir irgendeinen haltbaren Verdacht wider ihn liefern , mittelst welches ich ihn vor die Gerichte bringe ? « fragte er darauf mit Eifer . » Mein Herr « , versetzte der andere , » was denken Sie von mir ? Ich habe mit diesem Freiherrn von Münchhausen ganz eigene und zarte Beziehungen , die mir die Lippen über ihn versiegeln würden , selbst wenn ich etwas Schlechtes von ihm wüßte . - Sonach kann ich nur meine Frage wiederholen : Hält sich dieser Mann hier in der Nähe auf ? « » In meinem Schlosse sitzt der Spitzbube und hat sich verbarrikadiert ! « rief der alte Baron . » Dort geht die Straße hinauf , und ich bin in diesem Augenblicke auf dem Wege , die Polizei wider ihn zu Hülfe zu rufen . « - Er lief eilig seine Straße nach dem Dorfe weiter . » Halten Sie an ! « rief der Fremde mit starker Stimme dem Davoneilenden nach . » Der Freiherr ist zwar ein großer Schalk , gehört aber doch nicht in die Kategorie der Spitzbuben und ist über die Angriffe der Polizei erhaben . « - Der alte Baron hörte aber nicht auf ihn , sondern rannte spornstreichs seinen Weg . - » O der Unselige , in welche Verwickelungen hat er sich gebracht ! « sagte der Fremde . - » Ich muß sehen , wie ich ihn rette « , setzte er murmelnd hinzu und lief die Schloßstraße hinauf . Denn auch er lief mehr als er ging , was einen ziemlichen Kontrast mit seiner Figur abgab , die man schon zu den korpulenten zählen konnte . Es war ein breitschulteriger untersetzter Mann , dieser Fremde im braunen Oberrock , der seinen Wanderstock bei jedem Schritte mit Energie auf die Erde stieß . Er besaß eine große Nase , eine markierte Stirn , deren Protuberanzen jedoch mehr Charakter als Talent anzeigten und einen feingespaltenen Mund , um den sich ironische Falten wie junge spielende Schlangen gelagert hatten , die jedoch nicht zu den giftigen gehörten . Seine Augen wurden in den Reisepässen gewöhnlich als graue bezeichnet . Sie lagen auch wirklich wie hellgraue Perlhühner in ihren Höhlen unter Brauen eingewühlt , die trockenem gelbbräunlichem Reisig glichen . Mehrere Damen seiner Bekanntschaft aber , die ihm wohlwollten , behaupteten , diese Augen hätten einen angenehmen blauen Ausdruck , und seit der Zeit glaubte er selbst an ihre Bläue . Nicht allein in dem Antlitze dieses Mannes , der nach seinem Habitus ein Vierziger zu sein schien , sondern überhaupt in seinem gesamten Wesen war eine eigene Mischung von Stärke , selbst Schroffheit , mit Weichheit , die hin und wieder in das Weichliche überging , sichtbar . » Es wäre ja traurig , wenn dieser merkwürdige Charakter in einem elenden Abenteuer umkäme , man muß sehen , man muß sehen ... « flüsterte der braune korpulente Laufende , als er die beiden Wappenlöwen erreicht hatte . Da die Absicht der gegenwärtigen Geschichten nicht sein kann , den Leser beizeiten über jenen Fremden zu unterrichten ... Brief des Herausgebers an den Buchbinder Hiebei , lieber Herr Buchbinder , Manuskript des » Münchhausen « , soweit ich geschrieben habe . Nicht wahr , hier wäre wieder so ein Ort , über den Braunen eine ungemeine Spannung zu stiften ? Geheimnisvoll ... dunkel ... Andeutungen usw. Sie verstehen mich . Ich wollte doch aber nicht ohne Ihren Rat verfahren . Der ich mit aller Achtung usw. Antwort des Buchbinders Ew . Wohlgeboren ! Beileibe jetzt keine Spannung mehr . Spannung genug durch Semilasso , den Jäger , die drei Unbefriedigten , den Ehinger Spitzenmann und den alten Herrn Baron , der zum Bürgermeister läuft . Zuviel Spannung überspannt ; die Leser möchten Ihnen am Ende gar abgespannt werden . Nein , jetzt durch eine tüchtige Entdeckung Effekt gemacht , je unerwarteter , desto besser . Mit besonderer Hochachtung usw. Fortsetzung der Erzählung Da die Absicht der gegenwärtigen Geschichten nur sein kann , den Leser beizeiten über jenen Fremden zu unterrichten , indem die Folter längst abgeschafft ist und nur noch in englischen Romanen durch dreibändelange Spannung mißbräuchlicherweise angewendet wird , so ist hier zu sagen , daß der korpulente Mann im braunen Oberrock niemand anders als der bekannte Schriftsteller Immermann war . Er befand sich auf einer seiner jährlichen Ferienreisen , während welcher die eine Hälfte seiner Düsseldorfer Freunde ihn da , die andere dort versorgt . Er kommt aber immer wieder nach Düsseldorf zurück , weil - - - - So kommt er denn immer wieder von diesen Kreuz-und Querzügen durch Deutschland zurück , nachdem er durch Berge , Täler , Höhlen und Klüfte , Hütten , Paläste , Kirchen und Gräber geschweift ist , ein weltdurstiger und weltfroher Odysseus , den keine Kalypso zurückzuhalten für gut fand . Gegenwärtig befand er sich auf einer Wanderung nach den Extersteinen , die er noch nicht gesehen hatte . In der Nähe der Stadt , worin der Diakonus wohnt , bog er jedoch von der geraden Straße ab , um den Helden dieser Geschichten aufzusuchen , mit welchem er wirklich Beziehungen der eigensten Art hatte , und dem er wichtige Mitteilungen machen wollte , entscheidende Mitteilungen für seines Schützlinges Geschick . Denn in diesem Verhältnisse stand Münchhausen zu Immermann . Immermann übte eine Art von Kuratel über den Freiherrn aus . Sechstes Kapitel Der bekannte Schriftsteller Immermann führt eine sehr ernste Unterredung mit dem Freiherrn von Münchhausen . Karlos der Schmetterling entschließt sich , bewogen durch den Anblick eines Sauerbratens und die Zuredungen seiner Geliebten , endlich die Maske abzuwerfen Der Schriftsteller lief , als er den Schloßhof erreicht hatte , gerade auf das Haus zu , indem er fortwährend für sich murmelte : » Hätte ich ihn nur erst aus dieser Klemme ! Sich so zu verfahren und zu versteigen , gerade in dem Augenblicke , wo ich ihm ein anständiges und sicheres Brot verschaffen kann ! Wenn sie mein Wort nur gelten lassen ! « - Er drückte an der Klinke der Türe . Da sie sich aber so nicht öffnen lassen wollte , so stemmte er sich mit der ganzen Gewalt seiner Schultern gegen sie , und da ihn die Natur mit einer ziemlichen Leibeskraft ausgestattet hatte , gelang ihm , was Semilasson und den drei Unbefriedigten so wenig , als dem Jäger möglich gewesen war . Die morsche Türe wich nämlich aus den Angeln , einige innen vorgesetzte Tonnen und Kisten fielen um , die Türe fiel auf sie und in das Innere des Flurs , der Schriftsteller fiel auf die Türe , wenigstens halb , und solchergestalt , fast mit der Türe in das Haus fallend , eröffnete er gewaltsam den Zugang zu dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr , dessen Inneres ohne seine Dazwischenkunft vielleicht lange unzugänglich geblieben wäre . Einen Augenblick sich erholend und im Flure stehenbleibend hörte er oben das heftige Schnarchen . - » Der Schäker ! Was hat er nun da vor ! « rief der Schriftsteller lachend und eilte die Treppe hinauf . In Münchhausens Zimmer standen mehrere Fläschchen und Gläserchen mit den seltsamschillernden Feuchtigkeiten , deren schon einmal Erwähnung geschehen ist , gefüllt , auf dem Tische . Der Inhalt war hin und wieder verschüttet und ein scharfer mineralischer Dunst würzte die Luft . Nahe bei dem Tische schlief aber der Freiherr auf einem Stuhle , das Haupt zur Seite hängend , den festesten und gesundesten Schlaf , obgleich der Apparat auf dem Tische anzudeuten schien , daß er noch wenige Minuten zuvor gewacht haben müsse . Ganz überaus schnarchte er und lächelte wirklich , wie Karl Buttervogel gesagt hatte , gleich einem Engel in seinem Schlummer . Der Schriftsteller überblickte einige Augenblicke schweigend und ironisch schmunzelnd den Schläfer und die chemischen Zurüstungen , dann setzte er seine Brille auf , wie er immer vor wichtigen Momenten zu tun pflegt , schlich sich auf den Zehen zu dem Freiherrn , schlug ihm auf die Schulter und flüsterte ihm in das Ohr : » Keine Verstellung gegen mich , alter Freund ! « Das hangende Haupt des Freiherrn fuhr rasch empor , so daß er gegen die Nase des Schriftstellers anstieß und die Brille aus ihrer richtigen Stellung brachte , die Augen Münchhausens öffneten sich weit , starrten mit dem Ausdrucke eines unglaublich freudigen Erstaunens den Besuch an und schienen zu sagen :