Wirrsale der Welt wenig kümmernd . Da wurde mir eines Tages , es war gerade um zwölf Uhr mittags , die wunderbarste innere Erfahrung . Sie kam ungesucht , unvorbereitet , wohl recht , wie das Höchste erscheinen muß . Ich will mich nicht besser machen , als ich bin , will gestehn , daß auch nachmals mein Innres voll Schlacken geblieben ist , aber ich kann , wie Cromwell , von mir behaupten , daß ich einmal im Stande der Gnade gewesen bin , und deshalb nicht verlorengehn werde . Ich wanderte für mich eine grade , keinesweges zur Erhebung stimmende Landstraße hin , ruhig , ohne Bewegung des Gemüts , nur an eine ganz gewöhnliche Tagesobliegenheit denkend . Da , auf einmal , fühlte ich in mir die Existenz Gottes , und seine unmittelbarste Gegenwart in mir , so daß ich nun ganz bestimmt wußte : Er ist . Und zwar nicht als Begriff , Idee , sondern sein Dasein ist ein reelles . Der Sitz dieser Empfindung war der ganze Mensch zwar , jedoch hauptsächlich und vorzugsweise das Herz , in welchem sich dieselbe wie ein sanftes Wirbeln gestaltete , welches das Herz zugleich in den Mittelpunkt des Weltalls rückte , und es auf einen Zug begreifen lehrte , in welchen Gesetzen der Unschuld , Schönheit und Güte dieses ungeheure Ganze erbaut worden sei . Damals wußte ich auch sofort , daß wir nie Gott anschauen werden , daß vielmehr die Seligkeit darin bestehen soll einen solchen Moment für immer zu haben , und daß dann Gott , wie ein ewiges Pulsieren der Heiligkeit , in uns die Stelle des fleischlichen Herzens einnehmen wird . Alles dieses war keine Phantasie , keine Spekulation , sondern eine fast sinnliche Gewißheit . Es dauerte nur wenige Sekunden , auch kann ich den Moment nicht näher beschreiben , denn es würde doch nur auf schmückende Armseligkeiten hinauslaufen . Dantes Worte kommen ihm noch am nächsten , wenn er singt : All ' alta fantasia qui mancò possa ; Ma già volgeva il mio disiro , él velle , Siccome ruota , che igualmente è mossa , L ' amor , che muove l Sole e l ' altre stelle . Doch klingen auch sie nur wie Lallen von hoher Musik . Das Ganze aber war ein Gemütswunder , welches sich nachmals nicht hat wiederholen wollen , mir jedoch auch in seiner einzelnen und einzigen Erscheinung zur Beruhigung über einen höheren Zusammenhang der Dinge vollkommen genügt . Bin ich Ihnen in meinem Wesen umgestimmt erschienen , so ist es die Nachwirkung dieses Augenblicks gewesen . Als ich nach Hause kam , fand ich den Ruf zur Vorsteherschaft über die großen Anstalten in der Hauptstadt , mir höchst unerwartet und überraschend , da ich nicht geglaubt hatte , daß meinem Wirken anderwärts Aufmerksamkeit zuteil geworden wäre . Mein Entschluß konnte nicht zweifelhaft sein . Hier traf eine äußere Gunst genau mit einem inneren Glücke zusammen . Meine Verhältnisse hatten sich ausgelebt , und ich erkannte , daß es für mich an der Zeit sei , in neue , bedeutendere Kreise überzugehn . Man hatte mir den Auftrag erteilt , nach England und Frankreich zu reisen , dort verschiedne Beobachtungen zugunsten des Instituts anzustellen . So kam es , daß ich erst nach geraumer Zeit in * anlangte , wo ich denn die Frauen geheilt antraf , Johannen durch den alten , würdigen Kriegshelden , die Herzogin durch ihre jungen Mädchen . Daß auch bei dieser das Herz , freilich in sehr zarter Weise , die Herstellung vermittelt hat , ist Ihnen vielleicht nicht so bemerklich geworden . Der junge Lehrer , welcher nach dem Tode der Vorsteherin für die hut- und mutterlose Pension , welche er nicht gern untergehn lassen wollte , ihren Schutz anflehte , wirkte durch seine Persönlichkeit wohl bedeutend auf ihren Entschluß , sich der Mädchen anzunehmen , die den Stamm aller nachherigen Zöglinge bildeten . Er gehört zu den jungfräulichen Männern , ist schamhaft , verschwiegen , bescheiden wie keiner . Nun wohnt er schon seit längerer Zeit im Hause der Herzogin , und man kann diese Neigung , obschon sie ganz unschuldig ist , und nur die Farbe des Dienstverhältnisses trägt , worin er zu ihr steht , kaum noch Freundschaft nennen . Ich hatte meine törichte Leidenschaft längst besiegt , und mochte daher dieses Wirken der Natur unbefangnen Sinnes anschaun . Freilich wurde mir dabei ihre Ironie klar , welche nirgends ausbleibt , und hier durch ein eheähnliches Verhältnis für Übertreibungen der Sitte und Sittlichkeit das Gleichgewicht herzustellen gesucht hat . Denn jenes Verhältnis war nach so vielen Gewissenszweifeln , Büßungen und Gebeten dennoch schon bei Lebzeiten des Herzogs eingeschritten . Der Arzt hat eine große Aufgabe in der Gegenwart zu lösen . Krankheiten , besonders die Nervenübel , wozu seit einer Reihe von Jahren das Menschengeschlecht vorzugsweise disponiert ist , sind das moderne Fatum . Was in frischeren , kürzer angebundnen Zeiten sich mit einem Dolchstoße , mit andern raschen Taten der Leidenschaft Luft machte , oder hinter die Mauern des Klosters flüchtete , das nagt jetzt inmitten scheinbar - erträglicher Zustände langsam an sich , untergräbt sich von innen aus , zehrt unbemerkt an seinen edelsten Lebenskräften , bis denn jene Leiden fertig und ausgebildet dastehn . Zwischen diese verlarvten Schicksale ist nun der Arzt gestellt . Er muß , will er seinen Beruf mit Weisheit erfüllen , ein Eingeweihter sein , Gott und die Welt im Busen tragen , er muß gewissermaßen das Amt eines Priesters und Hierophanten üben . Mittel und Wege hat er aufzufinden , wozu ihm die materia medica keine Anleitung gibt . Unsrer Wissenschaft steht überhaupt eine Umbildung bevor , und wenn es erlaubt ist , der Entwicklung der Dinge vorzugreifen , so möchte ich sagen : Wir werden uns der antiken Richtung wieder näher anschließen . Lange genug haben wir mit Pulvern und Pillen die Natur zu zwingen gewähnt , oder den lebendigen Leib an das Kreuz des Systems geschlagen , in Zukunft werden wir mehr beobachten . Selbst der Auswuchs der jetzigen Heilkunde , die Homöopathie , deutet schon diesen richtigeren Weg an , wenn sie verschmäht , die sogenannten inneren Ursachen analysierend sich zur Anschauung zu bringen , in welcher isolierten Analysis auch eigentlich nichts mehr vorhanden ist , was dem Arzte einen Fingerzeig geben könnte . XIII. Hermann So bewegte sich die Welt , worin unser Freund eine Zeitlang einheimisch und tätig gewesen war , gänzlich umgestaltet , in Erbaun und Verfall , Trost und Verzweiflung auf und ab , ohne daß er selbst von diesen Ereignissen etwas verstanden , oder an ihnen teilgenommen hätte . Mit schwerem Finger hatte ihn das Schicksal berührt , an ihm ein Zeichen gesetzt , welche Gefahren unsre Zeit den Jünglingen bereitet , die mit Empfindung und Geist ausgerüstet , ungebunden dahinleben zu können meinen . Nach der Rückkehr von meiner Reise war mein erster Gang zu Wilhelmi , den ich , durchaus verwandelt , das zweite Kind auf dem Schoße haltend , neben seiner muntern , artigen Frau antraf . Von den Gemälden und sonstigen Seltenheiten , als deren eifrige Sammlerin die nunmehrige Madame Wilhelmi bekannt gewesen war , erblickte ich nichts , vielmehr sah ich nur eine gewöhnliche elegante Einrichtung . Da meine Augen die verschwundnen Schätze suchten , erriet mich Wilhelmi , und ich wurde als alter Freund gleich in einen Ehekrieg eingeweiht . Die Kunstkennerin hatte seit ihrer Vermählung allen Geschmack an den Antiquitäten verloren , sie , Wilhelmis Einreden ungeachtet , nach entlegnen Kammern verwiesen , und wollte dieses ganze Besitztum gern losschlagen , wozu aber der Gatte seine Zustimmung beharrlich versagte . Seine Neigung war die nämliche geblieben . Er suchte die verwiesenen Lieblinge in den engen Räumen so gut als möglich unterzubringen . Alles dieses erfuhr ich in der ersten halben Stunde durch halb ernste , halb scherzhafte Gespräche , welche jedoch von vollkommner gegenseitiger Zufriedenheit zeugten . Bald wurde aber die häusliche Szene durch eine Figur gestört , bei deren Erscheinung die Gatten mitleidig und betrübt ihre Blicke niederschlugen . Der Eintretende wollte sich , da er einen Fremden sah , alsobald entfernen , Wilhelmi hielt ihn indessen zurück , führte ihn mir entgegen , und sagte : » Erkenne ihn nur , Hermann , es ist unser alter Freund , der Doktor . « Hermann gab mir die Hand , lächelte mich wie ein Kind an , und sagte : » Hippokrates war der berühmteste griechische Arzt , von der Insel Kos gebürtig , und brachte zuerst die Lehre von den kritischen Tagen auf . « - Dann setzte er sich neben Wilhelmis Frau , und warf von Zeit zu Zeit historische oder philosophische Bemerkungen hin , welche alle richtig waren , nur freilich nicht die mindeste Beziehung zu der Umgebung hatten . Es ist schrecklich , unvorbereitet den Tod eines Bekannten zu erfahren , aber es erschüttert Mark und Bein , ihn plötzlich lebendig , so wiederzusehn . Niemand hatte mir noch etwas von dieser traurigen Veränderung gesagt . Ich war meiner ganzen ärztlichen Fassung benötigt , um nicht in Tränen bei dem Anblicke des Unglücklichen auszubrechen , der mit blassem Antlitze , erloschnen Augen und einem steten Lächeln , sonst aber unentstellt , dasaß . Unter einem Vorwande nahm ich Wilhelmi beiseite und begehrte draußen Aufschluß von ihm . Ich hörte darauf die Begebenheiten , welche nun , da ich Ihre Bücher gelesen , mir nicht mehr dunkel sind , damals aber mir völlig rätselhaft vorkommen mußten . Wilhelmi erzählte mir , daß Hermann mit den Gebärden eines Verzweifelnden von Flämmchens Landhause fortgestürmt sei . Die Landleute hätten ihn in der Gegend mit zerrißnen Kleidern , scheu wie das Wild ihnen ausweichend , umherirren gesehn . » Wir Zurückgebliebnen « , sagte er , » die wir erfuhren , daß Johanna nach dem Schlosse abgereiset war , wurden über das Ausbleiben Hermanns sehr bestürzt . Ich schrieb an ihn , und da der Brief unbestellt wieder in meine Hände gelangte , so reiste ich selbst nach der Gegend , wo ich denn jene Vorfälle hörte . Er war verschwunden , trat jedoch nach mehreren Monaten , während welcher Korrespondenz , Nachfrage , öffentliche Bekanntmachungen vergeblich angewendet worden waren , seinen Aufenthaltsort zu ermitteln , eines Abends , da es dämmerte , in mein Zimmer , fiel mir weinend um den Hals , sagte , daß er da und dort gewesen sei , aber nirgends Ruhe finde , daß ich ihm ein Plätzchen bei mir gönnen möge , wo er sterben könne . Meinen Schreck werden Sie ermessen . Ich sprach mit meiner Frau , die sich kaum zusammennehmen konnte , da sie ihn so außer sich sah , und verstört . Wir brachten ihn darauf in einem stillen Gartenzimmer bei uns unter , baten ihn , sich zu schonen , seine Sinne zu sammeln , dann werde sich ja alles finden , was auch vorgefallen sein möge . Er ließ sich diese Obsorge gefallen , und saß einige Tage vor sich hin . Als ich glaubte , er sei so weit beruhigt , daß man mit ihm reden könne , suchte ich zu erforschen , was sein Innres so gewaltsam aufgeregt hatte . Ich bekam jedoch keine andern Antworten von ihm , als , daß er der verworfenste aller Menschen sei , daß nichts auf Erden sich mit seinem Elende vergleichen lasse ; ob ich den Ödipus kenne ? - Da ich sah , daß ihn mein Andringen schwer leiden machte , so gab ich es auf und habe auch nachmals nicht versucht , sein Geheimnis zu entdecken . Nur so viel ist mir aus unwillkürlichen Äußerungen klargeworden , daß das Bewußtsein einer Schuld , die furchtbar gewesen sein muß , seine Brust zerfrißt , daß sich auf dem Landhause Flämmchens das Schlimme begeben haben mag , und daß dieses wahrscheinlich einen Zusammenhang mit dem Inhalte der Brieftasche hat , welche ihm von seinem Vater vererbt worden ist . Ich glaubte , Beschäftigung werde ihn am ersten wieder zum Gefühle seiner selbst bringen , und äußerte ihm diese Meinung . Er ergriff sie mit Leidenschaft und rief : Du hast das Wahre getroffen . Beschäftigung mangelt mir . Gibt es nicht manches , was einem die bösen Träume verscheuchen mag : Philosophie , Religion , Kunst , Staatswissenschaft ? Versuchen wir es mit diesen erhabnen Mächten und Geistern der Zeit , deren einer uns gewiß hülfreich sein wird ! Ich hatte leider mit meinem wohlgemeinten Worte nur den Punkt berührt , der die Krisis zum Ausbruch bringen mußte . Es begann eine Zeit , an welche ich mich nicht gern erinnre , denn ich mußte in ihr wahrnehmen , ohne helfen zu können , wie die Seele eines Freundes sich jammervoll auflöste . Er eilte in die Kirchen , schrieb Predigten nach , saß zu den Füßen des Philosophen und las in dessen Büchern bis spät in die Nacht . Er durchstrich die Säle der Galerie ; studierte Kunstgeschichte , ging die Staatsmänner seiner Bekanntschaft um praktische Arbeiten an , die sie ihm auch , seinen Zustand bemitleidend , wenigstens zum Schein gewährten . Aber alle diese religiösen , philosophischen , ästhetischen und praktischen Aufspannungen , welche mit einer stürmischen Hast , ja mit Wut betrieben wurden , konnten dem Geängstigten , Versinkenden keinen Anhalt geben . Noch sind Zettel von ihm aus jener Periode übrig , worin er die rührendsten und zerreißendsten Klagen dem Papiere vertraut . Ach , ruft er in einer dieser Ergießungen aus , dem befleckten Gemüte steht alles fern ! Gott und die Natur , Schönheit und Wahrheit , Staat und Menschenwohl schweben dem ausgeleerten , öden Geiste , wie dünne Schatten vorbei , welche er nicht zu fassen , an denen er sich nicht anzuklammern vermag ! So sich abarbeitend , die Kräfte gegeneinander treibend , verfiel er nach und nach in den Zustand , wo nun alles ruht und tot ist , den wir trauernd anschaun , worin wir ihn duldend unter uns wandern lassen , und von dem wohl keine Heilung zu erwarten ist . « Nachdem Wilhelmi mir diese Eröffnungen gemacht hatte , beobachtete ich den Unglücklichen in allen Stunden , welche meine öffentlichen Geschäfte mir frei ließen . Hier wurde mir die seltenste und bedauernswerteste Geisteskrankheit sichtbar , die ich je wahrgenommen habe . Hermann war körperlich gesund . Die Blässe seines Antlitzes , die Mattigkeit seiner Augen hinderte nicht , daß alle Lebensfunktionen bei ihm den natürlichen , regelrechten Gang nahmen . Er aß und trank hinreichend , seine Füße trugen ihn auf meilenlangen Wandrungen , die er in der Umgegend anzustellen pflegte , ohne daß bei der Heimkehr eine Erschöpfung an ihm zu verspüren gewesen wäre ; er schlummerte tief und ruhig . Auch war er keinesweges wahn - oder blödsinnig ; er las viel , hörte Gesprächen von allgemeinerem Interesse gern zu , und ließ seine Bemerkungen vernehmen , die immer verständig , zuweilen scharfsinnig , hin und wieder selbst tief waren . So gab er einst , da wir viel über Schicksal und Selbstbestimmung geredet hatten , den Begriff der Freiheit dahin an , daß sie die Form der Notwendigkeit sei , und führte diesen Satz auf eine Weise durch , welche uns alle in Erstaunen setzte . Dennoch war er im Kerne des Seins gestört , ja getötet . Das Leben , welches in Freude und Leid , in Begehren und Verabscheuen , in Liebe und Haß , in den Wechselbeziehungen zu unsern Nebenmenschen besteht , war in ihm durch eine schreckliche Erinnrung ausgelöscht . Er weinte und lachte über nichts , ein stehendes gleichgültiges Lächeln machte seine Züge zur Maske . Er wollte nichts , und wendete sich von nichts hinweg , er hatte keinen Freund und keinen Feind , die besondern Verhältnisse andrer waren für ihn so wenig vorhanden , als seine eigenen , mit einem Worte : Das Individuum schien in ihm völlig untergegangen zu sein . Nur allgemeine Gedanken und Vorstellungen nahm diese Seele , wie ein leeres Gefäß noch auf , ohne die Federkraft zu besitzen , sie in ihr Eigentum zu verarbeiten , und daraus die Nahrung zu Entschlüssen zu saugen . So lebte er , scheinbar ein Mensch , aber ohne Anteil , und in der Tat den Kreisen , welche unser Dasein umschließen , entrückt , seine Tage hin . Die Zeit war für ihn keine Zeit , denn er empfand den Wechsel der Begebenheiten nicht , der Ort kein Ort , denn keine Sympathie fesselte ihn mehr an eine Stätte . Es war der Zustand der Pflanze , er vegetierte . Daß in einer so vernichteten Seele dennoch richtige Anschauungen , ja Ideen einkehren konnten , bestätigte meine alte Überzeugung von der Natur der menschlichen Seele überhaupt . Wir sind weit mehr Depots des geistigen Fluidums , welches durch das Universum streicht , als daß wir es selbsttätig erzeugten . Auch hier sind die Volksredensarten von den Gedanken , die einem Gott , und denen , die einem der Teufel eingegeben , wohl zu beachten und tiefen Sinnes . Nie hätte ich freilich gewünscht , den Beweis für meine Hypothese durch einen Menschen zu erhalten , dessen Los mir naheging . Meine Abneigung gegen ihn war schon früher verschwunden gewesen , ich hatte mir seine guten Seiten klargemacht , und seine jetzige Krankheit schnitt mir durch das Herz . Ich sah ein , daß in diesem Falle am allerwenigsten positiv zu verfahren sein werde , daß man treu aufmerkend neben dem Leidenden stehen und irgendein günstiges Ereignis abwarten müsse , was zur Heilung benutzt werden könne . Am erwünschtesten wäre mir gewesen , wenn ich der verborgnen Quelle des Kummers hätte auf die Spur kommen können , allein in dieser Beziehung scheiterten alle meine Versuche . Der Unglückliche verschloß die Ursache seiner Schmerzen in tiefster Brust , und auch die Brieftasche war verschwunden . Wir durchsuchten in seiner Abwesenheit alle Winkel des Zimmers , ließen Schränke und Kommoden öffnen ; umsonst ! sie war nicht zu finden . Eine Geschäftsreise führte mich in die Nähe von Flämmchens Landhause . Ich machte einen Abstecher dorthin , weil ich glaubte , ich würde vielleicht da einige Aufklärungen über diese dunkle Geschichte erhalten . Das Haus war unter Sequestration , welche die Verwandten des Domherrn ausgebracht hatten . Das Witwenkind hatte man mit der Alten ausgetrieben , da binnen der gesetzlichen Zeit kein Leibeserbe hatte erscheinen wollen . Neue Leute befanden sich im Hause , welche mir nichts , was mir diente , sagen konnten . Als ich nach * zurückkehrte , war Johanna an der Hand des Generals soeben aus ihrer Dunkelheit hervorgegangen . Wie sie sich bis dahin fast menschenscheu abgeschlossen hatte , so verspürte sie nun das Bedürfnis , mit ihren alten Freunden aufs neue anzuknüpfen . So besuchte sie denn auch Wilhelmis Haus , und erfuhr dort Hermanns Schicksal . Ihr Mitleid war grenzenlos . Mir machte sie die bittersten Vorwürfe , daß ich ihr die Sache verborgen , wozu ich meine guten Gründe gehabt hatte . Sie verlangte von mir die Erlaubnis , den Kranken zu sehn , zu sprechen , ich weigerte mich auf das bestimmteste , dieselbe zu erteilen , da alle Aufregungen mir in seinem Zustande bedenklich zu sein schienen . Indessen , wie die Frauen sind , die zuweilen hartnäckig auf ihrem Sinne bestehn , sie gibt das Vorhaben nicht auf , dessen Ausführung die mächtigsten Gefühle ihrer Brust heischen . Im stillen erforscht sie , daß zu dem Gartenzimmer , worin er wohnt , ein besondrer Zugang über den Hof führt , und macht sich eines Morgens allein und heimlich auf , ihn zu besuchen . Der Kranke saß , da sie eintrat , mit dem Rücken gegen die Türe gekehrt . Liebreich begrüßt sie ihn , er wendet sich , und starrt , regungslos wie eine Bildsäule , sie an . Sie will ihm die Hand reichen , er aber zieht mit den Worten : » Wir sind nicht in Griechenland , wo die Greuel erlaubt waren ! « einen Dolch aus dem Busen , und zückt ihn mit schrecklicher Gebärde auf sie , die vor Entsetzen in die Knie zu sinken meint . Dann läßt er das Mordgewehr fallen , wirft auf sie einen Blick des Abscheues , der sich tiefer in sie einbohrt , als dem Dolche möglich gewesen wäre , schlägt die Hände vor das Gesicht , stößt ein Jammergeschrei aus , daß Wilhelmi es im Vorderhause hört , und springt an ihr vorbei aus dem Zimmer . Wilhelmi kam , außer sich vor Bestürzung , zu mir . Wir fanden Johannen ohnmächtig , die uns nur langsam , von der fürchterlichen Szene bis zum Sterben erschüttert , das Vorgefallne entdecken konnte . Wir suchten nach dem Unglücklichen ; er war verschwunden . Durch Gärten , an unbewohnten Hintergebäuden vorbei , mußte er seine Flucht genommen haben . Alle Erkundigungen nach ihm an den Toren , in den Umgebungen der Stadt waren fruchtlos . XIV. Der Herausgeber an den Arzt So sehen wir die Männer der Nichtigkeit oder dem Tode entgegengehn , denn auch der Oheim seufzt unter der Last seiner Besitztümer die letzten Hauche eines ersterbenden Lebens . Nur die Frauen , die Schwächsten , und die am verlorensten zu sein schienen , sind beschwichtigt . Eine sentimentale , genußsüchtige Vergangenheit hat heimliche Irrungen aufgehäuft , an welchen die schuldlosen Enkel sich zu plagen haben . Die Verhältnisse sind verschoben , die Menschen voneinander entfernt , sich halb fremd geworden , der Held ist kindisch , und nur die Maschinen des Oheims arbeiten , wie von je , in toter , dumpfer Tätigkeit fort . Aber die Gegenwart ist im Besitze unendlicher Heilungs- und Herstellungskräfte , und ich wüßte diese unsre brieflichen Unterhaltungen , welche etwas chaotisch sind , wie ihr Gegenstand , die Zeitfolge aufheben , und zuweilen in spätere Tage vorausgreifen , nicht besser abzuschließen , als mit den Worten Lamartines , wenn er sagt : » Ich sehe kein Zeichen des Verfalls im menschlichen Geiste , kein Symptom der Ermüdung oder Veraltung . Zwar sehe ich morsch gewordne Einrichtungen , die dahinstürzen , aber ich erblicke ein verjüngtes Geschlecht , welches der Atem des Lebens beunruhigt und in jedem Sinne vorwärts stößt . Dieses wird nach einem unbekannten Plane das unendliche Werk wieder aufbaun , dessen stete Erschaffung und Herstellung Gott dem Menschen anvertraut hat : sein eignes Geschick . « Neuntes Buch Cornelie - 1828-1829 Über allem Zauber Liebe ! Erstes Kapitel Cornelie stützte das Haupt des Oheims . » Ist dir diese Lage recht ? « fragte sie ihn mit sanfter Stimme . » Ja , mein liebes Kind « , versetzte der Alte . » Wie wohl tut mir der Atem deiner Sorgfalt ! Es ist recht schön von dir , daß du von der grünen Wiese hereingekommen bist , einen hinsterbenden Greis zu pflegen . « » Du wirst dich erholen , Vater « , sagte Cornelie . » Nein , meine Tochter « , antwortete der Oheim , » wir werden bald voneinandergehn . Ein arbeitsames Leben zehrt auf ; es ist ein sonderbares Gefühl , deutlich das Kapital seiner Kräfte überschlagen zu können , aus deren nicht zu berechnendem Reichtume man in der Jugend mit so verschwenderischen Händen schöpfte . Ich habe diese Empfindung jetzt oft . « Der Dirigent einer Abteilung des Gewerbebetriebs trat ein , um die Meinung des Prinzipals über eine neue Anlage einzuholen . » Verfahren Sie hierin ganz nach eigner Einsicht « , erwiderte der Oheim , nachdem er sich die Sache hatte vortragen lassen . » Sie müssen sich nach und nach gewöhnen , selbständig zu handeln . « » Welche Besorgnisse Ihnen auch Ihre Gesundheitsumstände einflößen « , sagte der Mann nicht ohne Rührung , » Besorgnisse , die , will es Gott , sich als ungegründet ausweisen werden , so seien Sie überzeugt , daß Ihre Weisheit unsre unverbrüchliche Richtschnur immerdar bleibt , daß keiner von uns an eine Zukunft nach Ihnen denkt . « Eine andre Türe ward gewaltsam aufgerissen , Ferdinand stürmte herein , die Jagdtasche an der Seite , die Flinte über den Rücken geworfen . Er warf ein paar Feldhühner Cornelien zu Füßen , und rief : » Da hast du einen Braten in die Küche ! « - Dann entfernte er sich ebenso laut , wie er gekommen war , ohne von dem Kranken Notiz zu nehmen . Dieser schickte ihm einen kummervollen Blick nach ; der Geschäftsmann sah seufzend vor sich nieder , Cornelie weinte still in einer Ecke des Zimmers . » Fürchten Sie nichts « , sagte der Kommerzienrat zu seinem Freunde . » Ich werde Verfügungen treffen , daß die Schöpfungen unsrer redlichen Mühe , die Anstalten , zu deren Begründung sich Kenntnisse , Fleiß und gegenseitiges Zutraun so vieler Männer verbinden mußten , nicht zusammenstürzen , wenn zwei Augen sich schließen , daß sie wenigstens nie von den Launen eines unbändigen Jungen abhangen sollen . « Als jener das Zimmer verlassen hatte , sagte Cornelie : » Er wird gewiß noch anders und besser , Vater . « » Nein « , erwiderte der Kranke , » ich täusche mich nicht mehr mit leerer Hoffnung . Die wilden , verderbten Neigungen sind zu tief bei ihm eingewurzelt , ich muß ihn aufgeben und seinen Weg ziehen lassen , denn es ist fruchtlos , gegen des Menschen Natur anzugehn . Liederlich wird der Bube nun auch , ich habe das leider erfahren . Großer Gott , wie war es möglich , daß zwei stille , einfache Menschen , wie meine Frau und ich , ein solches unstetes Wesen erzeugen konnten ? « Cornelie suchte den Leidenden zu beruhigen , und der Abend ging in Gesprächen mit dem Prediger , der sich , als es dunkel geworden war , wie gewöhnlich einfand , friedlich hin . Der Oheim hatte , als er die Abnahme seiner Kräfte merklicher werden sah , von manchen seiner Eigenheiten abgelassen ; sein Wesen war von Tage zu Tage gütiger und milder geworden . Die Geschäfte ruhten schon seit einiger Zeit fast ganz in den Händen der Untergebnen , und wenn ihm auch die Erhaltung des Ganzen am Herzen lag , so nahm er doch an dem Einzelbetriebe und an dem merkantilischen Resultate wenig Anteil mehr . Dagegen hatte sich seine Neigung für die Pflanzen zu einer wahren Zärtlichkeit gesteigert , und eine andre Jugendrichtung , die Liebe zur Chemie , stellte sich ebenfalls wieder ein . Dieser verdankte er die erste glückliche Wendung seines Schicksals . Er hatte als junger Mensch eine große Schiffslast für völlig verdorben gehaltner Ware an sich gebracht , und sie durch eine geschickte Behandlung in verkäuflichen Zustand gesetzt , dadurch aber in wenigen Wochen einen Gewinn von vielen Tausenden gemacht . Nun , in seinen letzten Lebenstagen , saß er wieder , wie damals , sooft es seine Umstände erlaubten , im Laboratorio vor dem Ofen , glühte und schied , ohne einen weiteren Zweck , als die Vermehrung seiner Kenntnisse dabei zu verfolgen . Besonders eifrig untersuchte er die Mischungen der Bodenfläche seiner Besitzungen , da er , wie er scherzend sagte , doch zu wissen wünsche , welchen Elementen sein Staub sich dermaleinst verbinden werde . Eines Tages ließ er den Prediger , diesem sehr unerwartet , rufen . Nach einigen vorbereitenden Reden eröffnete er demselben , daß er seinen Umgang und Zuspruch wünsche , da er das Herannahen des Todes fühle . Der Prediger , ein verständiger Mann , welcher einen Rückkehrenden von der konsequentesten Denkungsart , welcher sich von jeher allem Kirchlichen so ferngehalten , vor sich sah , begriff wohl , daß er auf die gewöhnliche Weise hier nicht einwirken dürfe , daß er vielmehr vor allen Dingen den eigentlichen Zustand des Kranken zu erforschen habe . Er tat daher einige geschickte Fragen , welche den Oheim auch wirklich dahin brachten , sich über sein Innres ohne Rückhalt auszusprechen . » Zuvörderst muß ich Ihnen versichern « , sagte er , » daß ich mich vor dem Tode durchaus nicht fürchte . Nur für den Müßiggänger kann dieser Rechnungsabschluß beschwerlich sein ; wer es sich immerdar hat sauer werden lassen , empfindet gewiß endlich ein Bedürfnis , auszuruhn . Weder Gewissensbisse , noch Angst vor dem Unbekannten da drüben treiben mich zu Ihnen . Aber es ist so natürlich , daß , wenn die eine Art der Beziehungen zu verschwinden anfängt , und eine andre beginnt , man sich über diese aufzuklären wünscht . Diese Aufklärung suche ich nicht unter Heulen und Zähnklappern , sondern mit einem stillen Verlangen , dessen Befriedigung mir so das Liebste wäre , was mir hier noch begegnen könnte . « Der Prediger sah wohl ein , daß eine solche Stimmung mit der eigentlichen christlichen Sehnsucht nichts gemein habe . Gleichwohl durfte er , in seinem Amte angesprochen , sich dem Suchenden nicht versagen . Er wählte daher den Weg der historischen Belehrung , und schlug dem Oheim vor , sich zuvörderst davon zu unterrichten , wie Lehre und Dogma seit ihrem Entstehen von den Menschen aufgefaßt worden seien , und unter ihnen gewirkt haben . Dem Oheim war dies ganz genehm , und so brachte denn der Prediger von da an in jeder Woche mehrere Abendstunden bei seinem Patrone zu , ihm aus einem Handbuche der Kirchengeschichte vorlesend und seine Erläutrungen hinzufügend . Mit großem Interesse verfolgte der alte Mann die Entwicklungen der christlichen Kirche , und wies oft mit vielem Scharfsinne die Verwandtschaft unter den verschiednen Lehrmeinungen und Sekten nach . Sehr bald hatte er ausgefunden , daß das eigentümliche Leben des christlichen Geistes sich in den drei ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung erschöpft , und daß alles Spätere doch nur mehr in Wiederholung und Modifikation einer schon früher dagewesenen Entfaltung bestanden habe . Bei den Gesprächen über diesen Gegenstand erwähnte der Prediger einst des Umstandes