hervor , und einen wie weiten Weg habe ich noch vor mir , ehe ich ihn erreiche . Aber er hat Recht , mit Beschämung muß ich es eingestehen , der reiche Schatz seines Geistes und seines Herzens würde unerkannt von der Erde wieder verschwinden , wenn die Güter des Glücks nicht die Dollmetscher seiner edeln Seele würden . Mit solchen Gedanken beschäftigt erreichte der Graf Schloß Hohenthal , während sein Oheim sich immer weiter davon entfernte und die Residenz bald möglichst zu erreichen wünschte , wo er mit Sehnsucht erwartet wurde . Als der Graf seine Reise zurückgelegt hatte und in Berlin eingetroffen war , wurden ihm nach den ersten freudigen Begrüßungen und theilnehmenden Fragen mehrere während seiner Abwesenheit angekommene Briefe eingehändigt . Zwei von diesen Schreiben erregten seine besondere Aufmerksamkeit . Das eine von St. Julien , in dem er meldete , daß der Abschluß des Friedens täglich zu erwarten sei , und daß er alsdann leicht Urlaub erhalten könne , um sich mit den theuern Eltern und der zärtlich geliebten Braut wieder auf einige Zeit zu vereinigen . Der andere Brief war von einem Rechtsanwald aus München , der dem Grafen meldete , daß in den furchtbaren Schlachten bei Aspern und Wagram , in denen die Baiern für Napoleon fochten , mehrere entfernte Mitglieder seiner Familie geblieben wären , so daß von dem im südlichen Deutschland lebenden Zweige derselben Niemand mehr vorhanden sei , als eine Wittwe , die bei der durch die vielen Todesfälle eingetretenen Erbschaft gleiche Rechte mit ihm habe , und in deren Namen er sich der Theilung wegen an den Grafen wende . Der Nachlaß bestehe , wie der Rechtsgelehrte meldete , in einem am Rheine gelegenen Gute und einigem baaren Vermögen . Da aber die Miterbin als eine Wittwe sich bei den gegenwärtigen unruhigen Zeiten nicht gern mit einem Grundbesitz befassen wolle , so schlug ihr Rechtsfreund dem Grafen vor , nach billiger Uebereinkunft das Gut zu behalten , und lud ihn ein , entweder selbst zu diesem Behufe nach München zu kommen oder Jemandem seine Vollmacht in dieser Angelegenheit zu übersenden . Es ist furchtbar , seufzte der Graf , wie verheerend diese ewigen Kriege wirken , ganze Geschlechter werden ausgerottet . Er theilte seiner Gemahlin die empfangenen Nachrichten mit , und Beide entschieden sich , die Reise nach München anzutreten und den geliebten Sohn dorthin zu bescheiden , weil der Graf glaubte , daß er von dort , durch einen eng mit Napoleon befreundeten Hof , leichter Mittel finden würde , die Anerkennung des Namens Evremont für St. Julien zu bewirken , als von Berlin , wo er sich nicht mit einem Gesuche an die französischen Machthaber wenden durfte , ohne einen gehässigen Schein auf sich zu laden . Die Gräfin sah die Triftigkeit seiner Gründe ein ; ihr Herz schlug dem Sohne entgegen und aus Emiliens Augen leuchtete seliges Entzücken , als sie vernahm , wie bald sie St. Julien wieder zu sehen hoffen durfte ; und eine sanfte Rosengluth brannte verschönernd auf ihren Wangen , als der Graf bemerkte , daß doch dieser Frieden vielleicht so lange dauern würde , als unerläßlich nothwendig wäre , um zwei Liebende zu vereinigen . Sollen wir denn ewig vor der Erneuerung des Blutvergießens uns ängstigen ? fragte die Gräfin . Kann man einen Friedensschluß , wie er jetzt eintreten wird , anders als wie einen Waffenstillstand betrachten ? entgegnete der Graf . Die Frauen seufzten über die trüben Aussichten , aber dennoch wich der Kummer der gegenwärtigen freudigen Hoffnung . Der alte Dübois schien sich zu verjüngen . Mit Eifer wurden die Anstalten zur Reise durch ihn betrieben , und aus den Augen des Greises leuchtete ein Strahl der Freude bei dem Gedanken , daß er den jungen Grafen Evremont wiedersehen sollte , denn er erlaubte sich nie St. Julien anders zu nennen seit seiner Erkennung . Der Graf hatte St. Julien nach München beschieden . Die Gräfin hatte ihrer Adele den gefaßten Entschluß gemeldet . Dübois war mit den Vorbereitungen zur Reise fertig . Kein Theilnehmer an derselben ließ sich eine Verzögerung zu Schulden kommen , und so gelangte die Familie in kurzer Zeit nach München , wo bald nach ihnen Adele eintraf und wo man , um das Glück der Vereinigung vollkommen zu genießen , nur noch auf St. Julien hoffte , der Wien nicht ohne Urlaub verlassen durfte , den er mit höchster Ungeduld erwartete . Die Auseinandersetzung der Erbschaft wegen , welche die erste Veranlassung zur Reise nach München gegeben hatte , war in wenigen Tagen beendigt , weil bei der Denkungsart des Grafen jede Schwierigkeit leicht gehoben wurde , indem er weit davon entfernt war , seine Miterbin , eine nicht sehr bemittelte Wittwe , irgend bedrücken zu wollen . Es wurde ihrem Wunsche gemäß die Vereinigung getroffen , daß der Graf das Gut am Rheine behielt und ihr noch eine Summe zu dem baaren Nachlasse des gemeinschaftlichen Verwandten hinzuzuzahlen sich verpflichtete , sobald alle Rechtsformen beobachtet sein würden , die , um ihn in den Besitz zu setzen , erforderlich wären . Der Graf nahm sich vor , das neu erworbene Gut so bald als möglich in Augenschein zu nehmen und , wenn er die Lage so reizend fände , wie sie ihm beschrieben wurde , wenigstens einen Theil des Jahres dort zu wohnen . Eben hatte der Graf die letzten Geschäfte mit dem Anwalde seiner Miterbin abgeschlossen , und er nahm den Rückweg zu seiner Wohnung durch den Schloßgarten der Residenz , wo die warme Mittagssonne Lustwandelnde vereinigte , denn wenn München auch seiner hohen Lage und der Nachbarschaft der Gebirge wegen ein wechselndes , im Ganzen nicht angenehmes Klima hat , und man im frühen Herbst und späten Frühling Kälte und Schnee zuweilen ertragen muß , so macht doch seine südliche Lage , daß dafür oft im November noch so schöne warme Tage eintreten , daß man sich nach Italien versetzt glaubt . Ein solcher warmer Novembertag lockte den Grafen unter die hohen , unbelaubten alten Kastanienbäume des Schloßgartens , und er bemerkte , daß wie ihn auch viele Andere die warme Mittagssonne herbeigezogen hatte . Der Blick des Grafen schweifte über die verschiedenen lustwandelnden oder im Gespräch verweilenden Gruppen , und es machte einen betrübenden Eindruck auf ihn , daß er beinah Niemanden bemerkte , der nicht Trauer trug , wie sein Herz ihm sagte , um einen in den Schlachten des letzten Krieges gefallenen Verwandten . Die Wenigen , die nicht in Trauer gehüllt waren , machten keinen heiteren Eindruck , denn es waren verstümmelte , zum Theil noch schwer an ihren Wunden leidende Krieger , die hier in der warmen Herbstsonne Erquickung nach grausamen Leiden suchten . So haben nun wieder Deutsche gegen Deutsche gewüthet , dachte der Graf seufzend ; so vertilgen sie sich gegenseitig von der heimathlichen Erde und bringen Trauer über verwandte Geschlechter . Sein Schritt war , ohne daß er es bemerkte , langsam geworden und sein Blick senkte sich kummervoll zu Boden , als er plötzlich aufschrak , weil eine Hand von hinten sanft seine Schulter berührte . Er wendete sich und blickte in das ihm freundlich entgegen lächelnde Gesicht des General Clairmont . Der Graf war freudig überrascht , und nach den ersten herzlichen Begrüßungen fragte sein Freund lächelnd : Was hat Dich so philosophisch gestimmt , daß Du , in tiefe , ernste Gedanken versenkt , Deine Freunde nicht bemerkst ? Ich ging bei Dir vorüber , ohne von Dir beachtet zu werden , und ich redete Dich nicht gleich an , weil ich einen Augenblick zweifelte , ob dieser sinnende Philosoph wohl mein Freund Hohenthal sein könne , den ich hier nicht erwartete . Es ist wohl natürlich , sagte der Graf , daß mich die Folgen Eurer Siege ernsthaft stimmen . Bemerke alle diese Trauerkleider um uns her , die ohne Zweifel um Verwandte getragen werden , die von deutschen Händen für Eure Sache fielen . So ist nun einmal der Krieg , erwiederte der General nachläßig . Doch was führt Dich aus Deinen anmuthigen Bergen hieher ? Etwa nur das Verlangen diese Betrachtungen anzustellen ? Ein nahe mit ihnen zusammenhängender Grund , sagte der Graf . In Euern Schlachten ist ein Verwandter von mir geblieben , der hier einheimisch war und dessen Erbe ich geworden bin . So führt das Ueble immer das Gute herbei , sagte der General leichtsinnig . Sein Freund wendete sich verletzt ab . Nun , sei mir nur nicht böse , fuhr der General lächelnd fort ; Du weißt , ich habe mich niemals zu Deiner sublimen Moral erheben können , und ich denke in meinem mir so oft von Dir vorgeworfenen Leichtsinn , daß es doch keine so gräßliche Sache sein kann , der Erbe eines Verwandten zu werden , den man vielleicht gar nicht oder doch nur wenig gekannt hat . Der Graf ließ das Gespräch über diesen Gegenstand fallen , denn er wußte , daß sein Freund seine Art zu denken in manchen Fällen , und so auch hier , nicht verstand . Es konnte nicht fehlen , daß die Unterhaltung bald eine Wendung nahm , wodurch sie die Begebenheiten der Zeit berührte und der General bemerkte bei dieser Gelegenheit : Jetzt hoffe ich , wird Dein Herz in sofern wenigstens sich kummerfreier fühlen , als nun nicht mehr Deutsche gegen Deutsche fechten werden , dieser Frieden stellt uns hierüber vollkommen sicher . Alle kleineren Staaten Deines Dir so theuern Vaterlandes sind mit Napoleon auf ' s Engste verbunden ; Preußen wird durch die Umstände dazu gezwungen , und Oesterreich wird sich jetzt aufrichtig mit uns vereinigen . Die Verbindungen der Staaten unter einander , erwiederte der Graf , können nie wie Privatfreundschaften betrachtet werden . Sie sind so lange aufrichtig , bis ein höheres Interesse andere Forderungen macht . Was willst Du damit sagen ? fragte der General . Weißt Du nicht , daß die Tochter des österreichischen Monarchen Kaiserin von Frankreich wird ? Auch Familienbande , antwortete der Graf , sichern dem Bunde der Staaten keine ewige Dauer . Erinnere Dich , als es Euer Ludwig der Vierzehnte durchsetzte , seinen Enkel auf Spaniens Thron zu erheben , da rief er auch in der Trunkenheit der Freude über das gelungene Werk : Jetzt giebt es keine Pyrenäen für Frankreich mehr . Nun , Du weißt , die Pyrenäen sind dessenungeachtet geblieben . Jetzt aber , sagte der General mit Stolz , jetzt ist diese Scheidewand für Frankreich gesunken . Spanien ist unser . Ihr kämpft aber doch in diesem Euern Spanien noch mit abwechselndem Glück , versetzte der Graf . Was folgt daraus ? rief sein Freund unmuthig . Daß sich die Pyrenäen dennoch wieder für Euch erheben können , sagte der Graf . Einen Augenblick flammte der Zorn in den Augen des Generals , indem er den Grafen anblickte , doch der scharf geklemmte Mund , der eben etwas Heftiges aussprechen wollte , schwieg . Die Spannung des Gesichts löste sich , die eben noch zornigen Augen begegneten freundlich dem edeln Blicke des Grafen , der Mund , der eben beleidigen wollte , lächelte anmuthig , und nachdem der General seinen Freund in dieser wohlwollenden Stimmung noch einen Augenblick betrachtet hatte , brach er in ein lautes Gelächter aus . Habe ich jemals einen Menschen unerschütterlich standhaft in seinen Ansichten gefunden , sagte er endlich , so bist Du es . Du wirst noch ein Märtyrer Deines Glaubens werden , fügte er ernsthaft hinzu . Ich weiß nicht , wie es geschieht , sagte der Graf ebenfalls lächelnd , ich habe mir sonst nie über diese Gegenstände Unbesonnenheiten vorzuwerfen , ich weiß meine Ansichten zurückzuhalten und zu verbergen ; so wie ich Dich aber erblicke , zolle ich der Thorheit diesen Tribut und bekämpfe Deine Ansichten unnützer Weise , indem ich die meinigen eben so zwecklos zu vertheidigen suche . Ich kann mir keinen Grund für diese Schwachheit angeben , fuhr er fort , wenn er nicht darin zu suchen ist , daß mir die Erinnerung der Jugend mit allen ihren Vorrechten und ihrem rücksichtslosen Vertrauen nahe tritt , wenn ich Dich erblicke , und ich mache eben diese Vorrechte geltend . Der General , der seinen Arm in den des Freundes gelegt hatte , drückte diesen leise als Zeichen freundlicher Erwiederung . Wirst Du lange in München bleiben ? fragte endlich der Graf , nachdem Beide eine Zeitlang geschwiegen hatten . Nein , erwiederte sein Freund . Ich komme jetzt von Paris , wohin ich mich nach dem Waffenstillstande gern senden ließ , und kehre nun nach Wien zurück , wohin ich mancherlei Nachrichten zu überbringen habe , und ich verweile auch hier nicht ohne Grund . Doch werde ich morgen reisen , und ich denke , sagte er freundschaftlich zum Grafen gewendet , wir trennen uns heut so wenig als möglich . Dem Grafen fiel plötzlich ein , daß sich ihm nicht leicht eine bessere Gelegenheit bieten würde , die Anerkennung des Namens Evremont für St. Julien zu bewirken , und doch machten manche Umstände es ihm schwer , dem General sein Anliegen zu vertrauen . Es war möglich , daß sich sein Freund , wenn er ihn damit bekannt machte , daß er mit der Wittwe des Grafen Evremont verbunden sei , sich der weiblichen Gestalt erinnerte , die er bei der Hinrichtung des unglücklichen Freundes erblickt hatte , und es lag so nahe , dann in dieser die Gemahlin des Grafen zu vermuthen . Alle diese Vorstellungen peinigten ihn , und er konnte zu keiner Entschließung kommen , und beide Freunde wandelten eine Zeitlang schweigend auf und ab . Ich erkenne Dich heute nicht wieder , fing endlich der General das Gespräch von Neuem an . Was hast Du nur , das Dich in so ernste , in so ungleiche Stimmungen versetzt ? Der Graf hatte indessen seine Zweifel bekämpft . Jedes Bedenken mußte aus Rücksicht für den geliebten Sohn überwunden werden , und er sagte deßhalb entschlossen : Ich wünschte , daß Du Dich in einer Angelegenheit , die mir sehr am Herzen liegt , bei Napoleon für mich verwenden möchtest , und ich weiß nicht recht , wie ich sie Dir vortragen soll . Aha ! rief der General lachend , muß sich Deine Spartaner-Tugend beugen ? Bedarfst Du der Gewaltigen der Erde ? Nun freilich kann ich mir denken , daß Du einen schweren Kampf mit Deinen Grundsätzen bestehen mußt , ehe Du solche Bekenntnisse ablegst . Es ist nicht das , sagte der Graf , aber um Dich in den Stand zu setzen mir beizustehen , muß ich Dich mit Einzelnheiten bekannt machen , die mich in mehr als einer Hinsicht schmerzlich berühren , und da dieß Mittheilungen sind , die sich nicht im Freien machen lassen , und ich Dich früher davon in Kenntniß zu setzen wünsche , ehe ich Dich in meine Wohnung einlade , so bitte ich Dich , mich in die Deine zu führen . Der General war bereit dazu , und beide Freunde wollten den Schloßgarten verlassen , als der Blick des Generals auf einen Krieger fiel , der eine Dame , die er am Arme führte , los ließ und die Hand an den Hut legte , um den General militärisch zu begrüßen . Dieser Krieger mochte einige vierzig Jahre zählen ; seiner Haltung mangelte die französische Zierlichkeit einigermaßen ; sein stark gebräuntes , mageres Gesicht deutete auf viele überstandene Beschwerden , und wenn seine Kleidung eher beschränkte Umstände als Ueberfluß erkennen ließ , so war das Kreuz der Ehrenlegion auf seiner Brust ein Beweis seines Muthes . Die Dame , die sich in seiner Begleitung befand , mochte schön gewesen sein , aber die erschlafften Gesichtszüge bewiesen eben so wie der freche Blick , daß sie das Leben zu sehr benutzt hatte ; die hoch aufgetragene Schminke konnte den Schein blühender Jugend nicht mehr hervorrufen , so wie der auffallende Putz nicht Wohlhabenheit lügen konnte . Die beschmutzten Bänder und verblichenen Blumen , mit denen die schwarzen Locken überladen waren , verkündigten wohl die Ansprüche , die noch gemacht wurden , aber zeigten auch deutlich , daß sie nicht mehr befriedigt werden konnten . Wie geht es , Kapitän ? redete der General den Krieger an . Sind Sie von Ihren Wunden wieder hergestellt ? Dem Himmel sei Dank , erwiederte der Angeredete , ich kann bald wieder eintreten in die Reihen der Braven . Der Kaiser wird Sie belohnen , sagte der Genral , ich kann das beste Zeugniß Ihres Muthes bei Landshut ablegen , und ich hoffe Sie bald als Obristen zu begrüßen , denn leider sind sehr viele brave Kameraden geblieben . Nur Ihnen , mein General , verdanke ich es , erwiederte der Kapitän , daß ich meine Laufbahn nicht als Sergeant beschlossen habe , denn die Zeiten sind auch bei uns vorüber , wo man sich ohne Beschützer empor arbeiten konnte . Sind Sie vermählt ? fragte halb leise der General , der schon ein paar Mal den Blick zu der Dame hatte hinüber streifen lassen , die in des Kapitäns Begleitung gekommen war , und die nun sichtlich verdrüßlich darüber , daß Niemand ihre Gegenwart zu berücksichtigen schien , seitwärts stand . Sie begreifen , mein General , sagte der Kapitän verlegen lächelnd . Madame übernahm es , mich während meiner langen Krankheit zu verpflegen , und sie ist so gütig , sich meines Namens zu bedienen , weil - weil dieß in vielen Fällen für zwei in Freundschaft lebende Personen bequem ist . Sie verstehen wohl , wie ich das meine ? Vollkommen , entgegnete der General mit spöttischem Lächeln , indem er sich eben von seinem Kriegsgefährten trennen wollte , als die vernachlässigte Schöne , die ihren Zorn nicht länger unterdrücken konnte , ihm näher trat und , indem sie ihm mit großer Dreistigkeit in die Augen blickte , sagte : Sie wissen aus eigener Erfahrung , General , wie liebevoll ich einen Leidenden zu verpflegen verstehe , und ob meine Sorgfalt nicht Dank und Anerkennung verdient . Gewiß , gewiß , sagte der General , ohne den spöttischen Ausdruck des Gesichts zu mildern . Ich habe den Werth Ihrer Zuneigung vollkommen würdigen gelernt , und vor Allem hat mich die zarte Schonung überrascht , die mir den Schmerz des Abschiedes ersparte und zugleich alle Hindernisse des leichteren Fortkommens mir aus dem Wege räumte . So groß die Frechheit der Tochter des alten Lorenz auch war , die sich in der Begleiterin des Kapitäns nicht mehr verkennen ließ , so schwieg sie doch einen Augenblick bestürzt und sagte dann mit weniger dreister Stimme : Ich glaube , meine Aufopferung für Sie hätte eine bessere Belohnung verdient . Ich zweifle nicht , erwiederte der General lächelnd , daß ich dieß selbst würde geglaubt haben ; da es Ihnen aber gefiel , den Werth dieser Aufopferung selbst zu bestimmen , so habe ich Ihr Urtheil für richtiger als das meine gehalten . Nach einer leichten Verbeugung faßte der General von Neuem den Arm des Grafen , um sich eilig mit ihm zu entfernen . Der Kapitän schien sein Verhältniß zu seiner Freundin selbst zu leicht zu nehmen , als daß er durch die Art , wie der General mit ihr sprach , hätte beleidigt sein sollen . Im Gegentheil blickte er diesem mit wohlwollendem Lächeln nach , als er sich entfernte , und sagte , indem er seiner Begleiterin den Arm bot : Ein braver Mann der General , ein wahrer Ehrenmann , ohne auf den Zorn zu achten , der in den Augen seiner Freundin funkelte . Als die beiden Freunde die Wohnung des Generals erreicht hatten , sagte dieser : Vor allen Dingen mußt Du mir nun versprechen , diesen Mittag mein Gast zu sein . Gern , erwiederte der Graf , wenn Du mir erlaubst , meine Damen davon zu benachrichtigen , damit ich nicht vergeblich erwartet werde . Ist Deine Gemahlin mit Dir in München ? fragte der General , nicht angenehm überrascht , denn sein Zusammentreffen mit der Tochter des alten Lorenz erinnerte ihn daran , wie er mit dieser auf Schloß Hohenthal erschienen war , und er mußte es sich gestehen , daß er dadurch unmöglich die Achtung der Gräfin gewonnen haben könne . Der Graf hatte die Frage des Freundes bejahend beantwortet und der Gräfin einige Worte geschrieben . Der General zog die Klingel , auf deren Ruf ein Bedienter in übertrieben reicher Livree erschien , der zum Ueberbringer des Blatts bestimmt wurde . Der Graf sah dem davon eilenden Boten gedankenvoll lächelnd nach , und der General , der einen Tadel seines Geschmacks in Bezug auf die zu reiche Livree fürchtete , fragte etwas gespannt : Was fällt Dir an dem Burschen so auf ? Der Wechsel der Dinge , antwortete der Graf . Ich weiß die Zeit , wo eine so reiche Livree dem Herrn dieses Burschen als einem entschiedenen Aristokraten zur Guillotine geholfen hätte . Tempi passati , sagte der General gähnend . Von Menschenrechten ist nicht mehr die Rede . Der Ruhm , der Glanz der französischen Nation , das ist jetzt der Gedanke , der Alle mit Begeisterung erfüllt . Es ist eine eigene Ideenverbindung , bemerkte der Graf lächelnd , daß Du an die Menschenrechte denkst , wenn ich die Guillotine erwähne . Nun , Du mußt doch zugeben , erwiederte sein Freund , daß die verruchte Maschine zu der Zeit am thätigsten war , wo am Meisten von den Menschenrechten geredet wurde . Doch laß uns nicht wieder in die Politik gerathen ; laß uns , wie in vergangenen Zeiten , in harmloser Heiterkeit uns zu Tische setzen , und dann theile mir Dein Verlangen mit . Der Graf hatte gegen diese Anordnung seines Freundes nichts einzuwenden und er folgte ihm zur Tafel , wo der General einer schwelgerischen Mahlzeit alle Gerechtigkeit widerfahren ließ und über die Mäßigkeit des Grafen mit in dem Grade erhöhter Munterkeit scherzte , wie der reichlich genossene Wein seine Lebensgeister immer mehr anregte . Endlich , als der Pfropfen der Champagnerflasche sprang und der schäumende Wein in den Gläsern perlte , sagte er : Nun , alter Freund , sprich es aus , was begehrst Du , was soll ich für Dich bei unserm Kaiser auswirken ? Es ist mir unmöglich , sagte der Graf , Dir meine Wünsche bei der Flasche mitzutheilen , denn ich muß Dich , damit Du mir gefällig sein kannst , mit zu ernsthaften Gegenständen bekannt machen . So laß uns denn ernste Gegenstände ernst behandeln , sagte der General , indem er sich mit dem Freunde von der Tafel erhob und ihn in ein anderes Zimmer führte . Es wurde dem Grafen schwer , die nöthige Mittheilung zu beginnen , weil er bei einem ihm an sich peinlichen Gegenstande die Weinlaune des Freundes fürchtete . Aber diese Besorgniß war ungegründet , denn so wie der Graf den Namen Evremont nannte , war jede Spur der ausgelassenen Heiterkeit verschwunden , die der General bei Tafel gezeigt hatte , und er hörte alles , was der Graf ihm mittheilte , mit der ernstesten Aufmerksamkeit und innigsten Theilnahme an . Was Du wünschest , sagte er endlich , als der Graf schwieg , ist eine Kleinigkeit , die der Kaiser ohne Frage sogleich gewähren wird . Dafür könnte ich mich verbürgen , aber Du wirst es mir vergeben , daß das Erstaunen über das wunderbare Schicksal , das Dich zum Gemahl von Evremonts Wittwe machte , alle meine Sinne fesselt . Armer Evremont ! rief er klagend , und doch , fuhr er erheitert fort , habe ich Recht , jedes Böse bringt sein Gutes . Unser unglücklicher Freund wurde eigentlich das Opfer seines Vaters , das kannst Du nicht läugnen , bei aller Liebe , die der alte Herr für ihn hatte ; aber dieß Unglück hat Dein Glück herbeigeführt durch die Verbindung mit seiner liebenswürdigen Wittwe , und daß Du ihren Sohn ganz als den Deinen betrachten willst , daran thust Du recht , und nur Gewinn wird Dir dabei zu Theil , denn ich sage Dir , er ist einer der bravsten Offiziere in der Armee und Du kannst noch die Ehre erleben , Dich den Vater eines Marschalls von Frankreich zu nennen . Der Graf bemühte sich nicht seinem Freunde auseinander zu setzen , weßhalb er diese Ehre nicht zu genießen wünschte . Er begnügte sich , ihm für das bestimmte Versprechen zu danken , welches er gegeben hatte , diesem geliebten Sohne die Rechte seines wahren Namens wieder zu verschaffen , und lud ihn nun ein , den Abend bei ihm zuzubringen und ihm zu erlauben , ihn mit der Gräfin bekannt zu machen . Mißverstehe mich nicht , sagte der General zögernd , wenn ich Dich bitte , diese Ehre zu verschieben , bis ich sie länger genießen kann , als es dieß Mal möglich wäre . Du weißt , in welcher Begleitung ich auf der Burg Deiner Väter erschien . Unter Männern hat dieß nichts zu sagen , bei Feinden auch nicht , wo man wie ein Ungewitter vorüberzieht und keine Achtung erwecken , kein wohlwollendes Andenken zurücklassen will . Aber bei der Gemahlin meines Freundes ist dieß eine andere Sache . Kann ich mich künftig des Umganges in Deinem Hause länger erfreuen und durch ein fortgesetztes anständiges Betragen die übeln Eindrücke wieder auslöschen , so wirst Du mich dankbar Deiner Einladung folgen sehen . Aber jetzt auf eine halbe Stunde hinzugehen , gleichsam um die Frau Gräfin mit dreister Stirn daran zu erinnern : Hier ist der Mann , der sich in Ihrem Hause so unklug aufführte , und mich dann gleich wieder zu empfehlen , nein , verzeih , das geht über meine Kräfte . Der Graf bekämpfte die Gründe seines Freundes nicht mehr , als es die Höflichkeit forderte . Ihm selbst war es angenehm , ihn der Gräfin nicht , ohne sie darauf vorbereitet zu haben , vorzustellen , denn mit welcher Dankbarkeit er es auch anerkannte , daß sein Freund mit der Feinheit eines Mannes von Welt es nicht auf die fernste Weise bemerken ließ , daß er errathe , die weibliche Gestalt , die er bei der Hinrichtung Evremonts bemerkt habe , möge die Gräfin gewesen sein , so würde doch schon jeder neugierige Blick , den vielleicht , sich unbeachtet glaubend , der General auf seine Gemahlin gerichtet hätte , den Grafen tief verwundet haben . Er folgte also der Einladung des Generals , noch einige Stunden der Freundschaft zu weihen , bis diesen Geschäfte abriefen , die er noch mit den Ministern vor seiner Abreise nach Wien hatte . Beide Freunde fühlten durch diesen mit einander verlebten Tag die Gefühle ihrer Jugend neu belebt und trennten sich mit herzlicher gegenseitiger Zuneigung . VIII Es waren mehr als zwei Jahre verflossen , seit der Graf mit seinem Freunde Clairmont in München zusammen getroffen war ; längst war dessen Versprechen erfüllt , St. Julien war als Evremont anerkannt und führte schon lange diesen Namen . Das Glück , den geliebten Sohn zu umarmen , war genossen und schon lange wieder entschwunden . Napoleons heftig bewegte Seele gestattete seinen Kriegern keine lange Waffenruhe , und es hatte die Verbindung der Liebenden beschleunigt werden müssen , wenn sie nicht die Qual der Trennung von Neuem erdulden sollten . Die reizende Emilie war in München mit dem schönen Sohne der Gräfin vereinigt worden , und wenige Tage darauf mußte der Graf , schmerzlich seufzend , das beglückte Paar entlassen , und die bittersten Thränen benetzten von Neuem die Wangen der einsamen Mutter . Die Gräfin erkannte jetzt erst , wie viel ihr Emilie gewesen war , als sich auch diese von ihrem Herzen losriß , um dem geliebten Gemahle zu folgen , der neuen Gefahren entgegen eilte , denn seine Bestimmung war , sich mit den Truppen zu vereinigen , die noch immer auf Spaniens Boden kämpften und den ungestörten Besitz des schönen Landes der neuen Dynastie nicht erringen konnten . Die schüchterne Emilie folgte den Truppen , soweit es sich thun ließ , um so viel als möglich in der Nähe des geliebten Gemahls zu bleiben . Nur selten wurden die Eltern durch Nachrichten erfreut , weil die ewigen Bewegungen der Heere keinen regelmäßigen Briefwechsel gestatteten , und die Phantasie war geschäftig , Bilder von tausend möglichen Gefahren zu erzeugen , und oft schon wurde Evremont verzweiflungsvoll als ein Gestorbener beweint . Da die Stimmung der Gräfin sie bewog , die Gesellschaft zu meiden , so hatte der Graf sein neues Erbe , das Gut am Rhein , bezogen , damit die ängstliche , kummervolle Mutter in der schönen Natur den Trost fände , den ihr die Gesellschaft nicht gewähren konnte . Nach langem Schweigen waren endlich wieder sehr verspätete Briefe von Evremont und seiner Gattin eingetroffen . Beide meldeten den zärtlichen Eltern ihr neues Glück , und Evremont konnte nicht Worte finden , sein Entzücken auszudrücken . Emilie , die angebetete Emilie hatte ihm einen Sohn geboren und alle Gefahren glücklich überstanden , die ein Leben jedes Mal bedrohen , wenn ein anderes aus ihm sich entwickeln soll . Er selbst hatte neue Lorbeeren ohne Wunden errungen und konnte sich des ungetrübtesten häuslichen Glückes erfreuen . Emilie selbst schrieb wenig , weil jede Bewegung des Gemüths noch vermieden werden mußte ; aber die wenigen Worte ihrer Hand zeigten , wie ganz selig sie sich als Mutter fühlte und wie zärtlich liebend ihre Seele sich an den beglückten Gatten schloß . Lange fand in dem Herzen des Grafen und seiner Gemahlin keine andere Empfindung Raum , als eine zärtliche , wehmüthige Freude über ihr erhöhtes Glück , und besonders empfand die Gräfin eine schmerzliche Sehnsucht nach dem Anblick des neugebornen Kindes . Man berechnete , daß es nun schon einige Monate alt sein müsse , weil die Briefe , die sein Dasein meldeten , lange zurückgehalten worden waren , ehe sie ihre Bestimmung erreicht hatten