große Kugel am Boden lag . Da sagtest Du : » Da liegt die Welt zu deinen Füßen , und doch liegst du mir zu Füßen . « - Ja , die Welt und ich , wir lagen zu Deinen Füßen , jene kalte Welt , über der erhaben Du standest , und ich , die zu Dir hinaufstrebte . So kam ' s auch : die Welt blieb liegen , und mich zogst Du ans Herz . An Deinem Herzen , mein Freund , das warm schlug , wer kann ermessen , wie selig das war . Herr ! Ist das alles wieder zu erwerben , mit süßem Bewußtsein noch einmal zu durchleben ? - O der falschen Welt , die uns trennte und mich wegführte , mich armes blindes Kind von meinem Herrn ! Was hab ich gesucht ? - Was hab ich gefunden ? - Wer hat mich freudig angelächelt ? - Wessen Umarmung hab ich ausgefüllt mit der liebenden Gewißheit , daß er nichts Seligeres umfassen könne ? - Du warst zufrieden mit mir . Dich freute es zu sehen , wie aus dem Kinderherzen die Quelle der Begeistrung für Dich hervorbrach , warum mußte diese Quelle versiegen ? - Konnte , sollte nicht der ganze Lebensstrom Deinem Lächeln , Deinem Grüßen und Nicken dahinfließen ? - Wo war es schön als nur bei Dir ? - Du kanntest die Grazien , ihr ferner Schritt schon gab den Rhythmus Deiner Begeisterung . - Das stille Feuer Deiner dunklen Augen , die Ruhe Deiner Glieder , Dein kindlich Lächeln zu meiner List im Erzählen , Deine gelehrige Andacht für meine Begeistrung . Ja , und Du senktest Dein heilig Haupt zu mir herab und sahst mich an , die ich geweiht war durch Deine Nähe . * * * An den Freund Vielleicht verscherz ich Dein bißchen Andacht zu mir , daß ich Dich so tief in den Schacht meines Herzens einsenke , wo es so wunderlich hergeht , daß die Leute sagen würden , es sei Narrheit . - Ja , Narrheit ist die rechte Scheidewand zwischen dem ewig Unsterblichen und dem zeitlich Vergänglichen . Es scheue keiner , die irdischen Gewande zu versehren am göttlichen Feuer . Du bist mein Freund , oder bist Du ' s auch nicht , ich weiß es nicht , immer muß ich Dich so annehmen , da Du mitten im Geheimnis meiner Brust stehst wie ein Pfeiler , an den ich mich anlehne , und wie der gewandte Schwimmer von gefährlicher Höhe sich in die Fluten stürzt vor solchen Augen , denen er seine Kühnheit bewähren möchte , so wage ich , weil Du mir Zeuge bist , diesen dämonischen Gewalten mich anheim zu geben , diese Tränenflut , in der ich spiele , diese Frühlingsbegeistrung meiner Liebeszeit zu Goethe und die Vorwürfe , die in mir aufsteigen würden , mir das Herz zerreißen , wenn ich nicht den Freund hätte , der zuhörte und nachempfände , was ich hier ausspreche . Der letzte Akt der Blütezeit ist , daß sie ihren befruchtenden Staub mit dem Samen in ihrem Kelch mische , dann tragen die Lüfte sich spielend mit ihren gelösten Blättern und gaukeln eine Weile mit dem Schmuck der Begeistrung . Bald sieht kein Auge mehr von ihrem Glanz , ihre Zeit ist vorüber ; der Same aber quillt und offenbart in der Frucht das Geheimnis der Erzeugung . Vielleicht , wenn diese Blätter der Begeistrung vom Stamme gelöst dahinwirbeln und wie jene kleinen Blütenkronen , nachdem sie ihren Duft ausgehaucht , vom irdischen Staub beschwert , flügellahm sich endlich unter die Erde betten , daß es dann in dem Herzen des Freundes , dem sie duften , auch quillt und der Segen dieser schönen Liebe zwischen dem Dichter und dem Kinde sich an seinem Geist bewähre und ihn zu der Schönheit befruchte , deren Abbild in seinen edlen Zügen sich malt . * * * An Goethe Wie begierig nach Liebe warst Du ! Wie begierig warst Du , geliebt zu sein ! - » Nicht wahr , du liebst mich ? Nicht wahr , es ist dein Ernst , du betrügst mich nicht ? « - so fragtest Du , und ich sah Dich an und schwieg . » Ich bin leicht zu betrügen , mich kann jeder betrügen , betrüge mich nicht , mir ist lieber die Wahrheit , und wenn sie auch schmerzt , als daß ich umgangen werde . « Wenn ich dann aufgeregt durch solche Reden Dir mein Herz aussprach , da sagtest Du : » Ja , du bist wahr , so was kann nur die Liebe sagen . « - Goethe , hör mich an ! - Heute spricht auch die Liebe aus mir ; heute am dreißigsten März , acht Tage nach dem , welchen man als den Tag Deines Todes bezeichnet , seit welchem Tag alle Deine Rechte mir im Busen sich geltend machen , als läg ich noch zu Deinen Füßen ; heute will die Liebe Dir klagen : Du ! Oben - über den Wolken , nicht getrübt durch ihre Schwere , nicht gestört durch ihre Tränen ; können Klagen in Dein Ohr dringen ? - O löse meine Klagen auf und erlöse mich , mache mich frei von dieser Sehnsucht , erkannt zu werden , und daß man meiner auch bedürfen möge , - hast Du nicht mich erkannt ? - ja , mit prophetischer Stimme schlummernde Kräfte der Begeistrung in mir geweckt , die mir ewige Jugend zusagen , die mich weit über die Fähigkeit der Menschen , sich mir zu nähern , hinwegtragen ? Hast Du mir nicht reichlich ersetzt im ersten Einklang mit meinem Herzen alles , was je mir konnte entzogen werden ? Du , an den zu denken mir leises Gewittern im Herzen erregt , wo ' s gleich elektrisch schauert durch den Geist , wo gleich Schlummer befällt das äußere Leben - und keine Erkenntnis mehr von den Ansprüchen der äußeren Welt . - Wer hat je mein Herz gefragt ? - Wer hat sich geneigt zur Blume , um ihre Farbe zu erkennen und ihren Duft zu atmen ? - Wem hätte der Klang meiner Stimme ( von der Du sagtest : Du fühlest , was Echo fühlen müsse , wenn die Stimme eines Liebenden an ihrer Brust widerhalle ) eine Ahnung gegeben , welche Geheimnisse kraft Deiner dichterischen Segnungen sie auszusprechen vermöge ? O Goethe ! Du allein hast den Schemel Deiner Füße mir hingerückt und mir erlaubt , in Deiner Nähe meine Begeistrung auszuströmen . - Was jammere ich denn ? - Daß es so still ist um mich ? - Daß ich so einsam bin ? - Nun wohl ! - In dieser einsamen Weite , wenn es einen Widerhall meiner Gefühle gibt , kannst nur Du es sein ; wenn eine Tröstung mir zuweht aus freier Luft , so ist es der Atem Deines Geistes . Wer würde auch verstehen , was wir hier miteinander sprechen , wer würde sich feierlich fügen dem Gespräch Deines Geistes mit mir . - Goethe ! - Es ist nicht mehr süß , unser Zusammensein ! Es ist kein Kosen , kein Scherzen ; die Grazien räumen nicht mehr um Dich her auf und ordnen jede Liebeslaune , jede Spielerei des Witzes zu heiteren Gedichten . - Die Küsse , die Seufzer , Tränen und Lächeln jagen und necken einander nicht mehr , es ist feierliche Stille , es ist feierliche Wehmut , die mich ganz durchgreift . In meiner Brust ordnen sich die Harmonien , die Tonarten lösen sich voneinander , jede fühlt die Organe ihrer Verwandtschaften in sich mächtig , und was sie vermag . So ist es in meiner Brust , weil ich ' s wage , mich vor Dich zu stellen , mitten in Deinen Weg , den Du eilend durchjagst , und Dich zu fragen : Kennst Du mich noch ? - die außer Dir niemand kennt ? - Siehe , inmitten dieser Brust steht der reine Kelch der Liebe , gefüllt bis zum Rand mit herbem Trank , mit bitteren Tränen schmerzlichen Entbehrens . Wenn die Harmonien übergehen ineinander , dann wird der Kelch erschüttert , dann strömen die Tränen ; sie fließen Dir , der Du die Totenopfer liebst , der Du sagtest : » Unsterblich sein , um nach dem Tode tausendfach in jedem Busen zu erwachen . « Ja ! Damals wollte ich : allein in meinem Busen solltest Du erwachen ; und es ist wahr geworden , und dicht hinter mir und Dir ist das Leben abgeschlossen . Ach , ich bin Deiner heiligen Gegenwart nicht gewachsen , ich wage zu viel und stürze zusammen und sehne mich nach einer Brust , die lebt unter den Lebenden , die meine Geheimnisse aufnimmt und mich wärmt ; denn : vor Dir stehen gibt schauerliche Kälte ; und die Hände muß ich ringen , daß ich Deiner so verinnigt zu denken wage . Nein ! - Nicht Dich rufen ! - Nicht die Hände nach Dir ausstrecken , in dieser seltsamen schauerlichen Stunde nach Dir forschen über den Sternen , hinaufsehen , Deinen Namen rufen ? - Ich wage es nicht ! - O ich fürchte mich ! - Besser bescheiden den Blick senken auf das Grab , was Dich deckt ; Blumen sammeln , sie Dir hinstreuen ; ja , die süßen Blumen der Erinnerung , alle wollen wir sammeln , sie duften so geistig , mag sie einer bewahren zu Deinem und meinem Gedenken , oder mag sie der Zufall verwehen , einmal will ich die süßen Geschichten der Vergangenheit noch durchgehen . Heute erzähle ich Dir , wie Du mich in dunkler Nacht unbekannte Wege führtest , das war in Weimar auf dem Markt , als wir an eine Treppe kamen und Du zuerst niederstiegst und als ich unsicher zu folgen versuchte , mich in Deinen Mantel gehüllt dahin trugst ; Herr ! Ist es wahr ? - Hast mich in beiden Armen schwebend getragen ? Wie schön warst Du da , wie groß und edel , wie leuchtete Dein durchdringender Blick dunkel im Glanz der Sterne mich an . Da oben mit beiden Armen Dich umschlingend , wie war ich selig ! Wie lächeltest Du , daß ich so selig war , wie freute es Dich , daß Du mich hattest , über Dir schwebend mich trugst , wie freute ich mich , und dann schwang ich mich hinüber auf die rechte Schulter , um die linke nicht zu ermüden . Du ließt mich durch die erleuchteten Fenster sehen , eine Reihe friedlicher Abende von alt und jung , bei Lampenschein oder bei hellem Küchenfeuer , auch der kleine Hund und das Kätzchen waren dabei . Du sagtest : » Ist das nicht eine allerliebste Bildergalerie ? « - So kamen wir von einer Wohnung zur andern aus den finstern Straßen hervor unter die hohen Bäume , ich reichte an die Äste , da rauschten die Vögel auf , da freuten wir uns , wir beide , - Kinder , ich und Du . Und nun ? - Du ein Geist , aufgefahren zu den Himmeln , und ich ? - Unerleuchtet , unerfüllt , unerwartet , unverstanden , ungeliebt , ja sie könnten mich fragen : » Wer bist du und was willst du ? « Und wenn ich Antwort gäbe , würden sie sagen : » Wir verstehen dich nicht . « Du aber erkanntest mich und öffnetest mir die Arme und das Herz , und jede Frage war gelöst und jeder Schmerz beschwichtigt . - Dort im Park zu Weimar gingen wir Hand in Hand unter den dichtbelaubten Bäumen , das Mondlicht fiel ein , Du gabst mir viele süße Namen , es klingt noch in meinen Ohren : » Lieb Herz ! Mein artig Kind ! « Wie war ich erfreut zu wissen , wie ich Dir heiße ; dann führtest Du mich an die Quelle , sie kam mitten aus dem Rasen hervor , wie eine grüne kristallne Kugel , da standen wir eine Weile und hörten ihrem Getön zu . » Sie ruft der Nachtigall « , sagtest Du , » denn die heißt auf Persisch Bulbul , sie ruft dich , du bist meine Nachtigall , der ich gern zuhöre . « Dann gingen wir nach Hause , ich saß an Deiner Seite , da war ' s so stille , nah an Deinem Herzen ; ich hörte es klopfen , ich hörte Dich atmen , da lauschte ich und hatte keine Gedanken als bloß Deinem Leben zuzuhören . - O Du ! - Hier lang nach Mitternacht , allein mit Dir im Angedenken jener Stunde vor vielen Jahren , durchdrungen von Deiner Liebe , daß meine Tränen fließen ; und Du ! Nicht auf Erden , jenseits ! - Wo ich Dich nicht mehr erreiche . - Ja , Tränen ! - Alles umsonst . - So verging die Zeit an Deiner Brust , keine Ahnung , daß sie verging , es war alles für die Ewigkeit eingerichtet . Dämmerung - die Lampe warf einen ungewissen Schein an die Decke , die Flamme knisterte und leuchtete auf , das weckte Dich aus Deinem tiefen Sinnen . - Du wendetest Dich nach mir und sahst mich lange an , dann lehntest Du mich sanft aus Deinen Armen und sagtest : » Ich will gehen , sieh , wie unsicher das Nachtlicht brennt , wie beweglich die Flamme an der Decke spielt , grade so unsicher brennt eine Flamme in meiner Brust , ich bin ihrer nicht gewiß , ob sie nicht auflodere und dich und mich versehre . « Du drücktest meine Hände , Du gingst , ohne mich zu küssen . Ich blieb allein ; erst , wie es sonderbar mit Liebenden ist , war ich ruhig , ich fühlte mich von Glanz umgeben und vom Glanz erfüllt , aber plötzlich durchdrang mich der Schmerz , daß Du gegangen warst . Wem sollte ich ' s klagen , daß ich Dich nicht mehr hatte ? Ich trat vor den Spiegel , da sah mein blasses Antlitz heraus , so schmerzlich sah das Auge mich an , daß ich vor Mitleid gegen mich selbst in Tränen ausbrach . * * * Dem Freund Es ist , als ob jeder Atemzug sich wieder aus der Vergangenheit erhebe , was ich vergessen zu haben glaubte , greift mit Macht in mich ein und erregt aufs neue das Feuer verhaltner Schmerzen . So weit habe ich in der Nacht geschrieben , heut am Tag schreibe ich noch als psychologische Merkwürdigkeit her , auf welche wunderbare Weise ich mich beschwichtigte , wie die geängstete , mit aller Willenskraft der Jugend ausgerüstete Seele sich half . - Auf dem Tisch vor dem Spiegel kniend , bei dem unsicheren Flackern der Nachtlampe , hilfesuchend im eignen Auge , das mir mit Tränen antwortete , die Lippen zuckten , die Hände so festgefaltet auf der Brust , die bedrängt , erfüllt war von Seufzern . Siehe da ! - Wie oft hatte ich gewünscht , auch einmal vor ihm seine eigne Dichtung aussprechen zu dürfen , plötzlich fielen mir die großen gewaltigen Eichen ein , wie die vor wenig Stunden im Mondlicht über uns gerauscht hatten , und zugleich der Monolog der Iphigenia auf Tauris , der so beginnt : » Heraus in eure Schatten , rege Wipfel des alten heiligen dichtbelaubten Haines . « - Ich stand aufrecht vor dem Spiegel , es war mir , als ob Goethe zuhöre , ich sagte den ganzen Monolog her , laut , mit einer gewiß zum höchsten Grad des Kunstgefühls gesteigerten Begeistrung . Oft mußte ich innehalten , das leise verhaltne Beben der Stimme gab mir die Pausen ein , die in diesem Monolog so wesentlich sind , weil unmöglich die nach allen Seiten sich scharfrichtenden Blicke auf Zukunft , Vergangenheit und Gegenwart , die seinen Inhalt ausmachen , alles in einem ununterbrochnen Lauf auffassen können . Meine Rührung , mein tief von Goethes Geist erschütterter Geist waren also Veranlassung , mein dramatisches Kunstgefühl zu steigern ; ich empfand deutlich die Begeistrung der Begeistrung . - Ich fühlte mich wie in einer Wolke gebettet aufwärts schwebend , eine göttliche Gewalt trieb diese Wolke entgegen dem Ersehnten und zwar in der Verklärung seines eignen Werkes , welche schönere Apotheose seiner Einwirkung auf mich war zu erleben ? - So waren denn alle Schmerzen der Sehnsucht gelöst in freudiges Flügelrauschen des Geistes . Wie ein junger Adler mit den Flügeln der Sonne zuwinkt , ohne sich emporzuschwingen , und im Gefühl seiner Kraft sie auf ihre Bahn zu verfolgen sich genügen läßt : so war ich heiter und froh . - Ich ging zu Bett und der Schlaf fiel über mich her wie ein erquickender Gewitterregen . So ist von jeher und bis auf die heutige Stunde alles unbefriedigte Begehren durch Kunstgefühl aufgelöst worden . Jedes in der heiligen Natur begründete sinnliche Gefühl , alle unbefriedigte Leidenschaft steigert sich schon hier zu der Sehnsucht , überzugehen in eine höhere Welt , wo das Sinnliche auch Geist wird . * * * Ich danke Dir , Freund , daß ich Dir alles sagen darf , unter allen Menschen weiß ich keinen zweiten , dem ich diese Blätter hätte vertrauen mögen , ich will nicht zweifeln , daß Du ihren Wert erkennst , sie enthalten das Heiligtum von Goethes Pietät , aus der sein unendlicher Genius hervorgegangen war , der den Feuergeist des Lieblings sanft zu lenken verstand , daß er sich stets glücklich fühlte und in vollkommner Harmonie mit ihm . Mein Freund ! - Dir ist ' s geschenkt , daß zutage komme , was sonst nie , nicht einmal in meinen einsamen Träumen sich wiederholt haben dürfte . Ich kann nicht über mich selbst entscheiden , was in mir vorgehe , ich fühle mich in einem magischen Kreis von Wunderwahrheiten eingeschlossen durch diese tiefen Erinnerungen , so daß ich sogar das Wehen der Luft von damals mit zu empfinden glaube , daß ich mich umsehe , als stände er hinter mir , und daß ich jeden Augenblick empfinde , wie durch die Berührung des irdischen Geistes von einem himmlischen überirdischen Geist alles Denken in mir entsteht . So will ich denn mein inniges Zutrauen zu Dir nicht verlieren und trotz schauerlichen Nachtgespenstern , die Du mir entgegenscheuchst , dennoch fortfahren , Dir mitzuteilen , wozu nur erprobte Treue berechtigt . * * * Von ungemeßner Höhe strömt das Licht der Sterne herab zur Erde , und die Erde ergrünt und blüht in tausend Blumen den Sternen entgegen . Der Geist der Liebe strömt auch aus ungemeßner göttlicher Höhe herab in die Brust , und diesem Geist entgegen lächeln auch die Liebkosungen eines blühenden Frühlings empor ! Du ! Wie sich ' s die Sterne gefallen lassen , daß ihr Widerschein am frisch begrünten Boden im goldnen Blumenfeld erblüht , so lasse auch Dir es gefallen , daß Dein höherer Geist Dir tausendfältige Blüten der Empfindung aus meiner Brust hervorrufe . Ewige Träume umspinnen die Brust , Träume sind Schäume , ja sie schäumen und brausen die Lebensflut himmelan . Sieh , er kommt ! - Ungeheure Stille in der weiten Natur , - es regt sich kein Lüftchen , es regt sich kein Gedanke ; willenlos zu seinen Füßen der ihm gebundne Geist . - Kann ich lieben , - ihn , der so erhaben über mir steht ? - Welt , wie bist Du enge ? - Nicht einmal dehnt der Geist die Flügel , so breitet er sie weit über Deine Grenze . Ich verlasse Wald und Aue , den Spielplatz seiner dichterischen Lust , ich glaube den Saum seines Gewandes zu berühren , - ich strecke die Hände aus nach ihm ! - Es war mir , als fühle ich seine Gegenwart im blendenden Schimmer , der sich zwischen Tränen malt . - Es ist ja ein so einfacher Weg zwischen den Wolken durch , warum soll ich ihn nicht kühn wandeln ? - Siehe , der Äther trägt mich so gut wie der Rasen , - ich eile ihm nach , wenn ich ihn auch nicht erreiche , kurz vor mir ist er diesen Wolkensteig gewandelt , sein Atem verträgt sich noch mit dem Luftstrom , mag ich ihn doch trinken . Nimm mich zurück , hilf mir herab , - das Herz bricht mir , ja das Herz ist nicht stark genug , die leidenschaftliche Gewalt , die sich über die Grenze bäumt , zu tragen . Führ mich zurück auf die Ebne , wo mein Genius mich ihm einst entgegenführte in der blühenden Zeit zwischen Kindheit und Jugend , wo sich der Augenstern zum erstenmal zum Licht erhob , und wo er mit vollen Strahlen mir den Blick einnahm und jedes andere Licht mir wegdunkelte . * * * O komm herein , wie Du zum erstenmal kamst vor das Antlitz des erblassenden , verstummten , dem Verhängnis der Liebe folgenden Kindes , wie es da zusammensank , da es das Richtschwert in Deinen Augen blitzen sah , wie Du es auffingst in Deinen Armen , die seit Jahren gesteigerte Sehnsucht nach Dir mit einem Male lösend . Der Friede , der mich überkam an Deiner Brust ! Der süße Schlaf , einen Augenblick , oder war ' s Betäubung ? - Das weiß ich nicht . Es war tiefe Ruhe , wie Du den Kopf über mich beugtest , als wolltest Du mich in seinem Schatten bergen , und wie ich erwachte , sagtest Du : » Du hast geschlafen ! « » Lange ? « - fragte ich . » Nun , Saiten , die lange nicht in meinem Herzen geklungen haben , fühlt ich berührt , so ist mir die Zeit schnell genug vergangen . « Wie sahst Du mich so mild an ! - Wie war mir alles so neu ! - Ein menschlich Antlitz zum erstenmal erkannt , angestaunt in der Liebe . Dein Antlitz , o Goethe , das keinem andern vergleichbar war , zum erstenmal mir in die Seele leuchtend . - O , Herrlicher ! - Noch einmal knie ich hier zu Deinen Füßen , ich weiß , Deine Lippen träufeln Tau auf mich herab aus den Wolken , ich fühle mich wie belastet mit Früchten der Seligkeit , die all Dein Feuergeist in mir gezeitigt , ja , ich fühl ' s , Du siehst auf mich herab aus himmlischen Höhen , lasse mich bewußtlos sein , denn ich vertrag ' s nicht , Du hast mich aus den Angeln gehoben , wo steh ich fest ? - Der Boden wankt , schweben soll ich fortan , denn weil ich mich nicht mehr auf Erden fühle ; keinen kenne ich mehr , keine Neigung , keinen Zweck , als nur schlafen , schlafen auf Wolken gebettet an den Stufen Deines himmlischen Thrones , Dein Auge Feuerwache haltend über mir , Dein allbeherrschender Geist sich über mich beugend im Blütenrausch der Liebeslieder . Du ! Säuselnd über mir , Nachtigall flötend : das Gestöhn meiner Sehnsucht . - Du ! Stürmend über mir , wetterbrausend : die Raserei meiner Leidenschaft . Du ! - Aufjauchzend , himmelandringend die ewigen Hymnen beglückender Liebe , daß der Widerhall ans Herz schmettert , ja , zu Deinen Füßen will ich schlafen , Gewaltiger ! Dichter ! Fürst ! Über den Wolken , während Du die Harmonien ausbreitest , deren Keime zuerst Wurzel faßten in meinem Herzen . * * * Dem Freund Gebete steigen gen Himmel , was ist er , der auch himmelan steigt ? - Er ist auch Gebet , gereift unter dem Schutz der Musen . - Eros , der himmlische , leuchtet vorauf und teilt ihm die Wolken , - ich aber kann ' s nicht sehen , ich muß mich verbergen . Sein Stolz ! - Sein heiliger Stolz in seiner Schönheit . Heute sagte jemand , das sei nicht möglich , er sei sechzig Jahre alt gewesen , wie ich ihn zum erstenmal gesehen , und ich eine frische Rose . O , es ist ein Unterschied zwischen Frische der Jugend und der Schönheit , die der göttliche Geist den menschlichen Zügen einprägt , Schönheit ist ein von der Gemeinheit abgeschloßnes Dasein , sie verwelkt nicht , sie löst sich nur von dem Stamm , der ihre Blüte trug , aber ihre Blüte sinkt nicht in den Staub , sie ist beflügelt und steigt himmelan . Goethe , Du bist schön ! Ich will Dich nicht zum zweitenmal in Versuchung führen , wie damals in der Bibliothek , Deiner Büste gegenüber , die in Deinem vierzigsten Jahr das vollkommne Ebenmaß Deiner höchsten Schönheit ausdrückte ; da standst Du im grünen Mantel gewickelt an den Pfeiler gelehnt , forschend , ob ich doch endlich in diesen verjüngten Zügen den gegenwärtigen Freund erkenne , ich aber tat nicht dergleichen , ach , Scherz und geheime Lust ließen mir ' s nicht über die Lippen . » Nun ? « - fragte er ungeduldig . » Der muß ein schöner Mann gewesen sein , « sagte ich . - » Ja wahrlich ! Dieser konnte wohl sagen zu seiner Zeit , er sei ein schöner Mann , « sagte er erzürnt ; ich wollte an ihn herangehen , er wies mich ab , einen Augenblick war ich betroffen ; - » halte stand wie dies Bild , « rief ich , » so will ich Dich wieder sanft schmeicheln , willst Du nicht ? - Nun , so laß ich den Lebenden und küsse den Stein so lange , bis Du eifersüchtig wirst . « - Ich umfaßte die Büste und küßte diese erhabene Stirn und diese Marmorlippen , ich lehnte Wang an Wange , da hob er mich plötzlich weg und hielt mich hoch in seinen Armen über seiner Brust , dieser Mann von sechzig Jahren sah an mir hinauf und gab mir süße Namen und sagte die schönen Worte : » Liebstes Kind , du liegst in der Wiege meiner Brust « 14 , dann ließ er mich an die Erde , er wickelte meinen Arm in seinen Mantel und hielt mir die Hand an sein klopfend Herz und so gingen wir langsamen Schrittes nach Haus ; ich sagte : wie schlägt Dein Herz ! - » Die Sekunden , die mit solchem Klopfen mir an die Brust stürmen , « sagte er , » sie stürzen mit übereilter Leidenschaft dir zu , auch du jagst mir die unwiederbringliche Zeit vorwärts . « - So schön fing er die Bewegung seines Herzens in süßen Worten ein , der heilige unwidersprechliche Dichter . - Mein Freund , ich sage Dir gute Nacht . Weine mit mir einen Augenblick - schon ist Mitternacht vorüber , die Mitternacht , die ihn weggenommen hat . * * * Gestern hab ich noch viel an Goethe gedacht , nein , nicht gedacht : mit ihm verkehrt . Schmerz ist bei mir , nicht Empfinden , es ist Denken , ich werde nicht berührt , ich werde erregt . Ich fühle mich nicht schmerzlich behandelt , ich handle selbst schmerzlich . - Das hat also weh getan , wie ich gestern mit ihm war . - Ich hab auch von ihm geträumt . - Er führte mich längs dem Ufer eines Flusses schweigend und ruhig und bedeutsam , ich weiß auch , daß er sprach , einzelne Worte , aber nicht was . Die Dämmerung schwärmte wie vom Wind gejagte zerrissene Nebelwolken , ich sah das zitternde Blinken der Sterne im Wasser , mein gleichmäßiger Schritt an seiner Hand machte mir das Bewegte , Irrende in der Natur um so fühlbarer , das rührte mich und berührt mich jetzt , während ich schreibe . Was ist Rührung ? - Ist das nicht göttliche Gewalt , die eingeht durch meine Seele wie durch eine Pforte in meinem Geist , eindringt , sich mischt und verbindet mit einer Natur , die vorher unberührt war , mit ihr neue Gefühle , neue Gedanken , neue Fähigkeiten erzeugt ! - Ist es nicht auch ein Traum , der den grünen Teppich unter Deinen Füßen ausbreitet und ihn mit goldnen Blumen stickt ? - Und alle Schönheit , die Dich rührt , ist sie nicht Traum ? Alles , was Du haben möchtest , träumst Du nicht gleich Dich in seinen Besitz ? - Ach , und wenn Du so geträumt hast , mußt Du dann es nicht wahr machen oder sterben vor Sehnsucht ? - Und ist der Traum im Traum nicht jene freie Willkür unseres Geistes , die alles gibt , was die Seele fordert ? Der Spiegel dem Spiegel gegenüber , die Seele inmitten , er zeigt ihre Unendlichkeit in ewiger Verklärung . * * * Dem Freund Du willst , ich soll Dir mehr noch von ihm sagen , alles ? - Wie kann ich ' s ? - Gar zu schmerzlich wär ' s , von ihm getrennt , alle Liebe zu wiederholen ; nein ! Wenn mir ' s wird , daß ich ihn selbst seh und spreche , wie mir ' s in diesen beiden Tagen erging , wenn ich zu ihm bitten kann wie sonst , wenn ich hoffen kann , daß er mir wieder die ewige heilige Rede seines Blickes zuwendet , dann will ich die Erinnerungen , die aus diesem Blick mir zuwinken , Dir mitteilen . So wird ' s auch kommen : es ist nicht möglich , daß , bloß weil die leichte Hülle von ihm gesunken , dies alles nicht mehr sein oder sich ändern sollte . Ich will vertrauen , und was andre für unmöglich halten , das soll mir möglich werden . Was wär die Liebe , wenn sie nichts anders wär , als was die unregsame Menschheit