mich der Knecht ? « schaltete Margarethe dringend ein : » Wo ist Dein Herr ? das will ich wissen . « - » Ich bin ja gleich zu Ende ; « erwiederte der Knecht gehorsam : » Wir waren gezwungen , in einer schlechten Winkelschenke einzukehren , nicht allzufern von hier , da der Rüdiger nicht weiter konnte , vor Frost und Hitze , und wenn man ihn auf ' s Pferd gebunden hätte . Und da es den sterbenden Mann drängte , meinem Herren zu vertrauen , was ihn quält , und mir , dem Knecht , nicht nöthig und ziemlich ist , davon zu wissen , so hat der Junker gesagt : Reit Du indessen gen Frankfurt , Vollbrecht , und sieh nur , wie ' s dorten steht , ob sich vielleicht durch Gottes und eines andern Biedermanns Hülfe die Schwester daselbst wieder eingefunden , und wie es mit dem lieben Vater steht , der Mutter und dem kleinen Hans . Vergiß jedoch nicht , vorerst auf dem Schellenhofe einzusprechen , und der wackern Frau Creszens meinen Gruß zu bringen , mit dem Vermelden : es stehe bis auf die getäuschte Hoffnung , wohl mit mir , und sie solle es nur weiter sagen . Sobald des Rüdigers Zustand es erlaubt , komme ich selbst . « - » Um Gotteswillen nicht ! « fiel hier Margarethe eifrig ein : » Fliege zurück zu ihm , und bringe ihm diese Kunde ! Nur gen Frankfurt nicht . Die Heimath wird sein Grab . Er bleibe fern , denn seine Feinde haben die tödtlichsten Pfeile auf ihn gerichtet . Die heimliche Acht hat ihn vorgeladen , und von ihren Schranken kehrt kein Gerechter wieder . « » Jesus Maria ! « seufzte die Beschließerin , und schlug ein großes Kreuz . Der lange Vollbrecht faltete erschrocken die Hände , und sprach kein Wort . - » Wenn ihm sein Leben , wenn ihm meine Ruhe lieb ist , so bleibe er fern , so verberge er sich in entlegnen Landen vor den Schöffen der Vehme ! « fuhr Margarethe bewegter fort : » Sage ihm , Vollbrecht , ich hätte gehört , daß der Kaiser allein die Vervehmten zu schützen vermöge . Er suche zu Sigmunds Füßen die Lossprechung von jener furchtbaren Ladung . Er fliehe zu den Füßen des heiligen Vaters , denn in Deutschland sollen Hunderttausend Dolche auf die Brust des Geächteten lauern . Doch , was rede ich ? « setzte sie sich besinnend bei : » ich sollte ihn wegscheuchen vom heimatlichen Boden , ohne ihm erst zu sagen , wie sich Alles gestaltet ? Nein , nein , nein ! Guter Vollbrecht ! vergib mir , wenn ich verwirrt rede , aber wiederhole ihm getreu meine Worte . Sie verrathen selbst in ihrer Verwirrung die Liebe , die dankbare Freundschaft , die ich für ihn empfinde . Er soll mir glauben , Vollbrecht , - nicht wähnen , als sey es Bosheit einer Stiefmutter , die den Sohn erster Ehe aus dem Vaterhause treiben möchte ! Ich bin ja selbst geächtet , ... selbst verstoßen ! Aber recht ! reden muß ich noch einmal zu ihm . Ich muß ihn sprechen , obgleich ich nicht weiß , ob ich morgen noch lebe ! Sage ihm , treuer Knecht , sage ihm , daß er morgen , um diese Stunde - hier erscheine - er würde mich finden , ihm Lebewohl zu sagen ; bis dahin möge er jedoch verborgen bleiben ; denn Alles sey gegen ihn verschworen . Und nun mache Dich zur Stelle auf , und eile von dannen . Vielleicht ist jetzt schon Rüdiger des Todes , oder genesen . Vielleicht geht jetzt schon der Sorglose , Unbefangne seinem Untergange entgegen , ohne Warnung , ohne Ahnung ! Geh ! geh ! guter Vollbrecht ! « - Um den schwankenden Entschluß des zögernden Burschen zu beschleunigen , drückte sie ihm ein Geldstück in die Hand , und diese Freigebigkeit , verbunden mit der aufrichtigsten Anhänglichkeit an seinen Herrn bestimmte den Knecht , sich alsobald auf zu machen . Frau Margarethen für ihr Geschenk das Kleid küssend , Crescenzien für das Nachtmahl dankbar die Hand schüttelnd , sprang er hinaus , warf sich auf den harrenden Gaul , und suchte auf gut Glück in dunkler Nacht den Weg , den er gekommen . Die Schaffnerin hatte kaum ihren Ohren getraut , als sie die Reden vernommen , die Margarethens Mund , wie vom Sturme beflügelt , gesprochen hatte . Es schien ihr noch immer , wie ein Traum , das ihre Meisterin jetzt , zu dieser Stunde in ihrem Gemache stehe , und eine ängstliche Neugierde bemächtigte sich ihrer , zu erfahren , was der seltne und verstörte Gast eigentlich hier begehre . Die Altbürgerin ließ diese Neugier nicht zu Worte kommen , denn auch sie wurde von der vorrückenden Nacht gemahnt , ihr Gewerbe hier zu Ende zu bringen . - - » Das Morgen wird kommen , « sagte sie ernst zu der Dienerin : » Ich werde vielleicht nicht wiederkehren , denn meines Lebens bin ich nicht sicher auf dem Wege , den ich heute gehen muß . Versprich mir aber , Crescenz , daß , wofern ich morgen in des Tages frühe nicht zurückkehrte , Du meinen Herrn aufsuchen wollest , und ihm melden : Ich hätte es nicht ferner tragen können , meine Unschuld für böse Schuld abgewogen zu sehen . Ich sey ihm immer treu gewesen und hold , - Dagobert sey rein , wie das Sonnenlicht , - ich hätte weder meinen Herrn und zu Ehewirth zu morden begehrt ; noch sein Herz zu zerreißen durch Wallradens Raub , den er mir ebenfalls zugeschrieben . Um ihn zu überzeugen , daß ich wahr und redlich gehandelt , sey ich heut hinausgegangen zum Sprünglinsteine , um dort zu verrichten , was Herr Diether , von Argwohn und Mißtrauen befangen , nicht unternehmen wollte . Er möchte mir daher vergeben , was ich vielleicht im Leichtsinn der Jugend an ihm gefrevelt . Böses habe mein Herz dabei nie im Schilde geführt . Er möge mir auch verzeihen , was ich Schwereres begangen , und mir nicht als Sünde zurechnen , was ein irre geleitetes Gefühl verbrach . Er möge endlich meiner in Frieden gedenken , und von dem kleinen Hans seine Hand nicht abziehen , wie auch die Dinge kommen sollten . Verstehst Du mich , gute Crescenz ? « Die Alte hatte zugehört , und immer aufmerksamer Auge wie Ohr geöffnet . Nun aber , da Margarethe zu reden aufgehört , starrte sie dieselbe unbeweglich an . » Ich werde ausrichten , was Ihr befehlt , ehrsame Frau , « sagte sie , in ihrer Bestürzung verharrend , - » aber ich will nicht getauft seyn , wenn ich begreife , was das Alles heißen soll ? Hat Euch denn der liebe Herrgott Euer Sterbestündlein offenbart ? oder welche Ursache habt Ihr dann , daß Ihr solche bedenkliche Reden führt ? Oder hätte Euer häuslich Kreuz Euren Verstand beschädigt ? Ich sollte Euch wahrlich nicht fortlassen in der dunklen Nacht . « - » Keine Widerrede : « befahl Margarethe herrisch , und Crescenz zog sich alsobald in die Schranke der Demuth zurück : » Höre noch das letzte : « setzte die Altbürgerin hinzu : » Athme ich morgen noch , so werde ich am Abend hier mit meinem Stiefsohne ein Wort des Abschieds reden , - in Gegenwart Deiner beiden Augen , unter der Obhut Deiner verschwiegenen Zunge . Hat jedoch der Herr des Lebens über mich geboten , so sage dem jungen , unglücklichen , durch mich unglücklich gewordnen jungen Manne : Bis zu meinem letzten Athemzuge sey er mir der theuerste Mensch auf Erden gewesen . Die Zeit , da ich ihn verstohlen liebte , wie ein unerreichbar höchstes Gut , sey meine glücklichste ; die Zeit in der ich ihn haßte in verirrter Leidenschaft , meine elendeste gewesen . Seine vergebende Freundschaft war Paradieseshauch in meinem häuslichen Jammer , sein Bild der Heilige zu dem ich betete . Bekenne ihm in meinem Namen , daß ich , die Unwürdige , glücklich war , in der Erinnerung an ihn , und daß , wenn es möglich ist , mein Geist sich von oben herabneigen wird , um über seine Schritte zu wachen , daß ich ihn aber bitte mit der verzweifelnden Liebe einer Mutter , sich selbst zu erhalten , und die Stätte zu meiden , wo öffentlich und heimlich die höchste Gefahr ihm droht , wo selbst der eigne Vater von schnöder Rachlust entbrannt ist gegen den Unschuldigen . Beschwöre ihn , « ... - hier hemmten Thränen die Worte Margarethens , und mit einem schmerzlichen : » Ich kann nicht mehr ; lebe wohl ! « stürzte sie aus dem Gemach . Die angstvolle Crescentia folgte ihr ermahnend , bittend und klagend . - Die Altbürgerin war unerbittlich gegen ihr Flehen ; - noch unter der Hausthüre mußte ihr die Alte in dem ungewissen Dunkel die Richtung bezeichnen , die sie gen Bergen zu nehmen hätte , und unter dem Gebell der wachbaren Hunde , entwich die kühne , auf ' s Äußerste gefaßte Frau den Augen der alten Dienerin . - Kopfschüttelnd sah ihr die Letztere nach , schob alsdann den Riegel vor , und sendete das Gesinde , das durch das Hundegebell aufgeschreckt worden war , wieder zum Lager zurück . Sie setzte sich hierauf in den Sorgenstuhl , und dachte im unruhigen Geist nach über die Begebenheiten des Abends . Nach allem Überlegen schien ihr endlich nichts klarer und gewisser zu seyn , als daß der angehäufte Gram und Unmuth Margarethens Verstand in Unordnung gebracht habe , und sie begann , sich die bittersten Vorwürfe zu machen , daß sie die Sinnverwirrte hinausgelassen in die einsame Finsterniß , wo ihr unstäter Fuß gar leicht in des Wassers Fluth gerathen , oder ein Blitz ihr Haupt zerschmettern konnte . Sie schalt sich einfältig , daß sie gar nicht bedacht , wie ungnädig Herr Diether ihr Betragen , - kam ' s zu Tage - aufnehmen würde , und bedauerte abwechselnd die arme Frau , sich selbst , und den guten Junker Dagobert , den die Botschaft , die Margarethe seinem Knechte aufgegeben , unbedingt zum Tode erschrecken müsse . - » Der biedre Junker ! « sagte sie vor sich hin , während sie ihr Nachtkleid überwarf : » Wie er Alles liebt , das ihm vertraut . Wie dankbar , gedenkt nicht sein die Stiefmutter , die ihn haßte ? Wie zart denkt er nicht Aller , deren er sich angenommen ! Wie werde ich das gute Judendirnlein morgen mit der Nachricht erquicken , daß er gesund und wohl ist . Der lange Knecht ließ sich ' s gewiß nicht träumen , daß der Gruß an die alte Crescenz auch noch jemand Anderm galt ! Wie aber in aller Welt , kommt es , daß der biedre junge Herr vor die Vehme gerathen ist , von der ihm nur der Kaiser loshelfen mag ? « - » Ei ! « unterbrach sie sich , gegen das Fenster lauschend : » war mir ' s doch , als ob die Hunde sich wieder bewegten , und leise knurrten . ' sist aber wieder Alles stille . - Und dennoch , « setzte sie nach einer Pause hinzu : » dennoch regt sich draußen etwas , und ich höre die Hunde schnaufen und schmatzen , als ob sie etwas köstliches zu fressen erhalten , hätten . « - Schon griff die herzhafte Frau nach der Lampe , als eine behutsame Faust einigemal leise an den Laden klopfte . - » Da haben mir ' s ! « flüsterte die Alte vor sich : » Das ist ein frecher Dieb , der meinen Hunden mit Gift das Maul gestopft hat , und nun herein möchte . « - Sie erfaßte schnell eine Haue , die in der Ecke stand , öffnete das Fensterlein , und sprach durch die Ritze des Ladens hinaus : » Du diebischer , ungeschlachter Gesell , wer du auch seyst , - packe Dich fort , denn meine Leute sind beim ersten Schrei wach und hellmunter . Auch halte ich eine Haue in der Hand , die dir den Kopf zerschmettert , wenn Du in ' s Fenster einzubrechen wagst . Zieh darum ab . Ich bin ' ne arme Frau , und hier ist nichts zu holen , als ein blutiger Kopf . « - » Macht keinen Lärm ! « flüsterte es von draußen herein : » Ich bin kein Dieb , sondern ein ehrlicher Mann . Ich komme doch nur , um Euch zu warnen , Mütterlein . « - » Wofür ? Du Schalksgesell ? « fragte Crescenz , noch immer ungläubig . Der Fremde vor dem Fenster fuhr aber fort : » Man ist Ben David ' s Esterchen gekommen auf die Spur ; Du gutes Weiblein . Sie werden kommen , ehe vergeht eine Stunde , mit Spießen und Stangen , um die Jüdin zu fangen , und um Dich , als Hehlerin , zu setzen auf den Thurm bei Wasser und Brod . « - Crescentia ' s Herz klopfte heftig , - denn sie konnte nicht an dem guten Wissen des Klopfenden zweifeln . Sie öffnete scheu den Laden , obgleich nur halb , und beleuchtete vorsichtig Zodick ' s häßliches Antlitz , das sich herein bog . » Wer bist denn Du , Nachtläufer ? « fragte sie halb erschrocken . - » Kennst Du mich denn nicht , Mämme ! « sagte Zodick entgegen : » Bin ich doch gewesen der Knecht , der Dir so oft gebracht hat mildthätige Beisteuern von David , dem Sohne Jochai . Du mußt Dich noch besinnen auf meine Gestalt . « - » Ach ! Du bist ' s ? « rief die Alte erschreckt : » Weiche von dannen , Du Lügner , der seinen Herrn zum Tode bringt , durch seine blutige Bosheit ! « - » Ich bin nicht derselbe ; « hieß es entgegen : » Jener Zodick , der geklagt hat in Edom , ist nicht mehr , sondern ein reuiger Zodick lebt noch , und darum will er retten , die Tochter seines Herrn , die Einer aus Israel verrathen hat an den wollüstigen Schultheiß . « - » Um Gotteswillen ! « fiel die Alte kläglich ein : » Der Schultheiß ? das arme Kind ... wer war der Verräther ? « - » Joseph der Arzt ; « erwiederte Zodick leise : » Um die elfte Stunde kommen des Oberstrichters Trabanten heraus , und wehe Dir , wenn man die Dirne findet . Mir hat ' s gesagt der kleine Finger , und ich will holen das Estherchen , und es bringen zum Vater . « - » Zum Vater ? « fragte Crescentia mißtrauisch : » Faule Fische , rothköpfiger Jude . « - » Ich will sprudeln Gift und Galle ein Jahr lang , « betheuerte Zodick , » wenn es nicht ist wahr . Ich habe herausgebracht den Alten aus dem Thurm , und ihm versprochen , weil er selber ist krank und schwach , die Tochter zu retten aus den Klauen der haarigen Böcke . « » Ei , Du unverschämtes Lügenmaul ! « eiferte die Alte : » Du hälst mich für eine Schnattergans , daß Du solch Possenzeug mir weiß machen willst . Esther ist nicht hier , ist noch nie hier gewesen , magst Du wissen , Du schleichender Spürhund . Hier haußt eine andre Jungfer , die mit Euch Juden nichts gemein hat : weißt Du das ? Deine Mährlein von dem Oberstrichter und seinen Knechten trage nur anderwärts hin , hörst Du ? « - » Laßt doch das lächerliche Gedibber ; « versetzte Zodick unwillig : » Wer im Giebelstübchen wohnt , weiß ich gar wohl , so gut als der Prophet Elias . Ruf ' mir das Schickselchen herab , und ich führe sie zum Ärte , ehe noch die Gewalt kommt über Euch . « - » Wenn Du nicht alsobald gehst , « erwiederte die Alte derb , » so kommt die Gewalt meiner Haue und meiner Hunde über Dich ; wenn Du nicht die Letztern vergiftet hast , da ich keinen Laut von ihnen höre . « - » Ohne Sorgen , Mütterlein ; « sagte Zodick schmeichelnd : » sie leben , die Thiere ; aber thun werden sie mir nichts , denn ich verstehe das Handwerk , und habe ihnen gegeben Kuchen , besser als der Kuchen Levi in der Nacht des Passah . Du , laß mich aber hinein , daß nicht Unglück einzieht bei Dir und Estherchen frei werde , von Amaleks sündigen Richtern . « - » Nimmermehr ! « wiederholte Crescenz : » Ich traue Dir nicht , ich glaube Dir nicht , Du abtrünniger Mensch , dem ' s mit dem wahren Glauben eben so wenig Ernst ist , als mit dem falschen . Du bist ein Gezeichneter . Mache , daß Du von hinnen kömmst ! « - Ein blitzendes Messer züngelte wie ein Strahl durch die Öffnung des Ladens ; Creszens gewahrte jedoch noch zu rechter Zeit des meuchelmörderischen Versuchs , sprang zurück , und riß den Laden mit einer Gewalt zu , daß die Klinge zerbrach . - Der Mordbube fluchte draußen halblaut über des Weibes Klugheit , und den Verlust seines Gewehrs . Crescenz belferte ihm aber zu : » Rothhaariger Schuft ! wo Du nicht gleich Reißaus nimmst , rufe ich meine Leute , und Dein letztes Brod ist gebacken , Du Schurke . « - Eilig , wie ein rollender Kiesel , entsprang der Bösewicht , und die Hunde , wie von einem Zauberspruch betäubt , rührten sich nicht in ihren Hütten . Dreizehntes Kapitel . O , höret doch , wie sein Donner zürnet , und welch eherne Rede von seinem Munde ausgeht ! Er siehet unter allen Himmeln , und sein Blitz scheinet auf die Enden der Erde ! Hiob . Die gute Crescenz hatte nichts Eiligeres zu thun , als den Weg nach der Giebelkammer zu suchen , um die holde Esther , die kaum , von Thränen und Leid erschöpft , entschlummert gewesen , aus der süßen Ruhe zu wecken . Das Mädchen fuhr erschrocken empor , und ihr Schrecken verdoppelte sich , als ihre Pflegerin ihr in ' s Ohr rief : » Du bist verrathen , Mägdlein ! auf ! Dein Heil ist nur die schnellste Flucht ! « - » Verrathen ? « stammelte Esther : » woher wißt Ihr .... ? wer hat das gethan ? « - Crescenz säumte nicht , so schnell als ihre Zunge es gestattete , den Auftritt mit Zodick der staunenden Zühörerin zu berichten , die sich hierauf in Danksagungen gegen sie erschöpfte . - » Ei , so laß Dank und glatte Worte bei Seite ! « schalt endlich die Alte : » was ich dabei gethan , ist gar keines Lobes würdig . Welcher Mensch in der Welt wird solch ein Galgengesicht gutwillig in ' s Haus und sich die Gurgel abschneiden lassen ? darauf hatte es der Schurke doch am Ende bei uns beiden abgesehen . Die Gefahr ist jedoch nicht vorbei , sondern sie kömmt erst heran . Entweder ist es wahr , was der Bursche behauptete , und der Judenarzt hat Dich an den Schultheiß verschwatzt , und in diesem Falle mußt Du schleunig fort ; oder , es ist nicht wahr , und der Schandbube gibt selber Dich an ; dann mußt Du auch fort . Darum kleide Dich , und laufe ; es blutet mir das Herz , daß ich Dich vor die Thüre stoßen muß , - aber überall wirst Du besser seyn , als in den Händen des lustgierigen Schultheißen . « - » Hochgelobter gepriesener Gott ! « seufzte Esther trostlos : » Kann Dein Vaterauge sehen solche Bedrängniß ohne zu helfen ? O , daß er fern seyn muß , auf den ich baute , wie auf einen Engel . « - Crescenz hätte gerne der Klagenden den Trost gegeben , daß Dagobert nicht mehr ferne sey , allein sie bedachte noch zu rechter Zeit , daß diese Kunde den Schmerz des Mädchens , und ihren Widerwillen gegen die plötzliche Trennung vom Schellenhof vermehren würde , und dennoch war , ihrer Meinung nach , kein bessres Mittel vorhanden , dem nahenden Unheil zu entgehen . Sie begnügte sich daher , der trauernden Esther aufzutragen , sich in Wald und Busch so lange verborgen zu halten , bis der nächste Abend herangekommen seyn würde , und alsdann fein vorsichtig auf dem Hofe sich wieder zu melden . Unnachsichtlich drängte sie indessen jetzo zum Abschiede , denn neben der Furcht , das Mädchen selbst in der Feinde Schlingen fallen zu sehen , beunruhigte sie das Loos gar sehr , das ihrer warten dürfte , ward ihre Theilnahme an dem heimlichen Handel bekannt . - Aber so sehr sie auch drängte und trieb , so sehr Esther sich beeilte , ihrem Willen folgsam zu seyn , und kaum sich die Zeit nahm , die schönen Locken mit Crescentia ' s eignem Miedertuche vor dem gegen die Fenster schwirrenden Regen zu schützen , - so waren doch Warnung und Vorsicht zu spät gekommen . Die Hunde , die sich bisher nicht geregt hatten , fuhren auf einmal mit wüthendem Toben aus ihren Hütten , und an ihrem kurz darauf folgenden erbärmlichen Geschrei war bald zu merken , daß einige derbe Schläge sie zur Ruhe verwiesen . Zugleich polterten mehrere Stöße gegen die Hausthüre , und barsche Stimmen , verlangten Einlaß . - » Herrgott ! schütze Deine Magd ! « stöhnte Crescenz , und löschte schnell die Lampe aus , die sie mit in die Kammer gebracht hatte . » Halte Dich ganz ruhig und still , Estherchen , « flüsterte sie derselben zu , die sich , an allen Gliedern bebend , in eine Ecke des Stübleins verkroch : » bis ich hinunterkomme und Licht mache , und dem Gesindel die Thüre öffne , fällt mir vielleicht ein Nothbehelf ein , und ich rette Dich vor der Nase dieser Spürhunde . « - Rasch , wie ein Mann im rüstigsten Alter , tappte die Alte die Treppen hinab , und begann durch das Schlüsselloch mit den Bewaffneten vor dem Hause zu unterhandeln . Diese waren jedoch keineswegs gelaunt , Scherz oder Zögerung mit sich treiben zu lassen , und drohten , Thür und Fenster in Stücken zu hauen , wofern nicht alsogleich aufgethan würde . Da sich nun Crescenz entschuldigte mit Mangel an Licht , so erboten sich die Belagerer , ihre eignen Laternen herzugeben , um das Haus zu durchsuchen . Wie sie dann nun immer heftiger wurden , und ohne Aufhören im Namen des Oberstrichters die Öffnung begehrten , auch indessen das Gesinde zusammengelaufen war , und sich wunderte über den muthwilligen Verzug der Schaffnerin , so blieb der Letztern nichts übrig , als in Gottesnamen dem rohen Söldnerhaufen Einlaß zu geben . Der Anführer der grimmigen Schaar fuhr sogleich mit Donnerstimme über die Alte her : » Den Judenbalg gib heraus , den Du in Deinem Hause versteckt hältst ! heraus ! ohne Widerstand und Ausflucht . Du bist des Todes , wenn Du nicht blitzschnell thust , was wir begehren ! « - Crescenz spielte die Überraschte , die Unwissende , aber ihr linkisches Läugnen machte die Herren noch dringender , die gar nicht übel unterrichtet zu seyn schienen . - » Lüge , daß Du erstickst ! « schrie der Führer : » Wir werden doch wissen , welch Nestlein wir hier auszuheben haben ! Spare also Deine Winkelzüge , und freue Dich auf den Pranger , alte Kupplerin , welche Söhne von ehrlichen Bürgern verführt zur Gemeinschaft mit nichtswürdigen Jüdinnen . Mach ' Dich fertig , und steige voran . Wir wollen schon finden , was unser ist . « - Je näher die Gefahr rückte , je trotziger wurde indessen die Alte , und hätte sich beinahe verleiten lassen , eine Betheuerung darauf abzulegen , daß die gesuchte Jüdin sich nicht im Hofe befinde . Indem drängte sich eine neue Figur in den Kreis , und der häßliche Zodick stand wieder frech und leibhaftig wie vor einer halben Stunde vor dem zankenden Weibe . » Glaubt nicht der Hexe ! « rief er den Söldnern zu : » Die Dirne ist nicht gekommen aus dem Hause . Ganz Mokum1 will sie an der Nase führen , daß sie selbst komme davon mit ganzen Ohren . Doch ich will Euch sagen , was sie nicht will schmusen . Das Vögelein steckt oben im Nest . So Ihr erklimmt die Stiege , hört Ihr ' s schon piepen und flattern . « - » Der Jude hat eine Nase wie der Teufel ! « schwor der Anführer der Häscher , welche lärmend , gegen die Treppe vordrangen . Vergebens suchte Crescenz den grinsenden Zodick Lügen zu strafen , vergebens gegen ihn selbst eine schwerere Anklage zu richten ; sie wurde nicht gehört , ihr Geschrei übertäubt , und der andrängende Haufe riß sie in seinem Wirbel mit fort . Den schlagendsten Beweis , daß sie mit Ränken umgehe , schien obendrein das Erscheinen einer Dirne zu liefern , die oben auf dem ersten Treppenabsatz sich sehen ließ , gehüllt in unordentlich übergeworfene Nachtkleider , und mit ängstlicher Stimme herunterschrie : » Aber Frau , Frau , um Alles in der Welt ! was soll das Getöse ? was gibt es denn ? « - » Das ist sie ! « rief Zodick dem Häscheranführer in ' s Ohr . » Das ist sie ! « donnerte der ganze Haufe , und zwanzig Hände streckten sich nach der Dirne aus die - ersehend , daß es auf sie gemünzt sey , mit jämmerlichem Geschrei : » Mein Kind ! mein Kind ! Hülfe ! Hülfe ! « zurücksprang , und eine schwere Thüre hinter sich in ' s Schloß warf . - » Siehst Du , alte Vettel ! « donnerte der bestürzten Schaffnerin , die vergebens eine Erklärung versuchte , der Anführer zu , und gab ihr einen groben Rippenstoß : » da ist das Geschöpf , das wir suchen . Nicht die Dirne , noch ihr Junges soll uns entkommen , und brennen sollen sie beide ! Sperr ' auf die Thüre . « - Crescenz , von tödtlichem Schreck erkältet , suchte zähneklappernd einen Schlüssel nach dem andern in das Schlüsselloch zu passen ; da jedoch die Angst den rechten ihr nicht finden ließ , so machten die Bewaffneten kürzere Wirthschaft , und rannten die Thüre ein . Wie ein Knaul von Wahnsinnigen stürzte der helle Haufe in das Gemach , und erwischte die schreiende Dirne , da sie eben , besinnungslos vor Entsetzen , mit einem Kinde im Arme , zum hohen Fenster hinausspringen wollte . Während nun Crescenz in der Mitte des Getümmels umsonst ihre Lunge anstrengte , um zu beweisen , daß die Gefangene nicht diejenige sey , die man suchte , während die Gefangene selbst in Thränen zerfloß , und das Kind jammerte , - während die Häscher Stricke und Riemen hervorsuchten , um nicht nur allein die muthmaßliche Esther , sondern auch die Schaffnerin und ihr Hausgesinde zu binden , hatte Zodick , seinen Vortheil ersehend , einem gaffenden Knechte die Leuchte aus der Hand gerissen , und war damit unter dem allgemeinen Getöse verschwunden , um den obern Theil des Hauses zu durchsuchen . Wild klopfte sein Herz , als er die Stufen zum Giebelstübchen erstieg , denn er dachte an die Möglichkeit , daß Esther bereits seiner Wuth entgangen seyn möchte ; aber , so wie er die Kammer öffnete , und mit gierigem Auge in das Dunkel leuchtete , so machte sein ahnender Zorn , hohnlachender Freude Platz . Die arme Esther hatte in ihrer Unruhe , gequält von banger Furcht , nicht an die Flucht gedacht , und sich wie ein Opferlamm in das gräßliche Schicksal ergeben . Nicht die Thüre hatte sie verriegelt , und lag betend , aber ohne zu wissen , was die Lippen beteten , in dem Winkel auf ihren Knien . Hier ergriff sie die Faust des siegenden Feindes ; hier raunte ihr seine entsetzliche Stimme in die Ohren : » Du bist mein , Estherchen ! Gedenkst Du meiner Worte ? Der Vollmond ist da , und ich komme , Dich zu holen heim . Zögre nicht , zaudre nicht , kleine Spinne ! Komm , daß ich Dich führe vom Berge Seir ! « - » Abscheulicher ! « versetzte Esther , mit verachtender Würde sich erhebend : » Hier sind meine Hände , fessle sie , aber höre auf zu mißhandeln die Frau , die mich hat gepflegt wie der Rabe der Wüste . Ihr Geschrei dringt herauf zu mir , Unhold . Laß es verstummen . « - » Alles verstummt unter den Füßen des Herrn ! « entgegnete Zodick höhnisch : » Auch Deine Schmähung wird verstummen , Weib . Mag ich Dir seyn wie Gabriel , der Fürst der Barmherzigkeit , oder wie Sammael , der Fürst der finstern Wildniß ; gleichviel . Folge mir , und schweige wie in der Neumondnacht , die unsers Lebens Dauer uns kund thut . « - Behutsam löschte er die Leuchte aus ; packte Ester ' s rechte Hand fest in die seinige , und stieg vorsichtig mit ihr die Treppe hinab . Noch dauerte das Getöse in der Stube des ersten Stockwerks ; da der Bösewicht dieses hörte , zwang er auf einmal seine Beute , geschwinder zu entlaufen , stülpte ihr seine weite Mütze über Kopf