Tagen kehre ich nach Athen zurück , mit einer Art von dunkelm Vorgefühl , daß ich - zum letztenmal in Aegina gewesen bin . 33. Aristipp an Eurybates . Du verlangst , edler Eurybates , einen ausführlichen Bericht über ein symposisches Gespräch , welches vor einigen Tagen bei der schönen Lais vorfiel , und wovon dir , wie du sagst , dein Verwandter Neokles , der dabei gegenwärtig war , gerade nur so viel habe sagen können , daß er dich nach einer vollständigern Erzählung lüstern gemacht . Da du selbst einer von den Unsrigen gewesen wärest , wenn die Pflichten der Würde , die du in diesem Jahre bekleidest , dich nicht an Athen gefesselt hätten , so ist es nicht mehr als billig , deinen Wünschen entgegen zu kommen , und ich freue mich , daß mir mein Gedächtniß treu genug ist , dir , was du ohne deine Schuld versäumtest , mit sehr wenigem Verlust ersetzen zu können . Erwarte aber ( was dir Neokles auch gesagt haben mag ) nichts , was mit Platons berühmtem Symposion auch nur von fern in einige Vergleichung kommen , geschweige für ein Gegenstück zu diesem weitglänzenden Prachtwerke gelten könnte . Platons Symposion ist eine Art von Poem , wozu alle Musen beigetragen haben , und worin der Verfasser die ganze Fülle seiner Phantasie , seines Witzes und Attischen Salzes , seiner Wohlredenheit und Darstellungskunst , wie aus Amaltheens128 unerschöpflichem Zauberhorn , auf seine Leser herabschüttet ; ein bei nächtlicher Lampe mit größtem Fleiß ausgemeißeltes , polirtes und vollendetes Werk , womit er uns zeigen wollte , daß es nur auf ihn ankomme , ob er unter den Rednern oder Dichtern , Sophisten oder Sehern seiner Zeit der Erste seyn wolle . Was ich hingegen dir mitzutheilen habe , ist ein zufälliges Tischgespräch unter einer kleinen Anzahl anspruchloser Freunde , denen es bloß um eine angenehme Unterhaltung , und ( was in Rücksicht einer Vergleichung mit Platons Gastmahl noch schlimmer ist ) nicht um Witzspiele , ironische Parodien , Milesische Mährchen , und Offenbarungen aus der Geister-und Götterwelt , sondern lediglich um schlichte nackte Wahrheit zu thun war . Du siehst also leicht , wie unermeßlich weit ich hinter dem begeisterten Dichter des Agathonischen Siegesmahls129 zurückbleiben müßte , wenn ich der verwegenen Anmaßung fähig wäre , mich mit ihm in einen Wettstreit einzulassen . Ich werde , im eigentlichsten Sinn , ein bloßer Erzähler dessen seyn , was an der Tafel unsrer Freundin , während eines ziemlich frugalen Mahls und bei sehr kleinen , aber freilich desto öfter geleerten Bechern , gesprochen wurde . Nimm also vorlieb mit dem was ich zu geben habe , und ersetze dir selbst , indem du dich in Gedanken an den Platz deines Neokles nahe an die schöne Wirthin legst , das Einzige , was meiner Erzählung fehlt , um sie so anmuthig zu machen , als das Gespräch selbst , dieses kleinen Umstandes wegen , dem jungen Neokles vorkommen mußte . Es traf sich damals eben glücklicherweise , daß die Gesellschaft viel kleiner war , als sie gewöhnlich bei unsrer gastfreien Freundin zu seyn pflegt . Außer ihr selbst und mir war niemand zugegen als Euphranor ( den du kennst ) , dein Neokles , mein Landsmann Antipater , und der Arzt Praxagoras , der auf seiner Rückreise von Aspendus sich eine Pflicht daraus machte , zu Aegina anzulanden , und der schönen Lais von dem guten Fortgang ihrer an dem jungen Chariton verrichteten berühmten Wundercur Nachricht zu ertheilen . Lais hatte , um uns Stoff zu einem kurzweiligen Tischgespräch zu verschaffen , Platons Gastmahl von einem trefflichen Anagnosten 130 , den sie in Diensten hat , vorlesen lassen . Sie hätte bei keiner andern Leserei ihre Absicht weniger verfehlen können . Neokles und Euphranor eiferten ordentlich in die Wette mit ihr , wer es dem andern in Lobpreisung der Schönheiten dieses Meisterstücks zuvorthun könnte ; und es wurden eine Menge feiner Sachen gesagt , die ich dir nicht vorenthalten würde , wenn sie nicht , durch den Verlust des lebendigen Vortrags im Moment , auch zugleich ihre Grazie , und mit dieser ihren größten Werth verlieren würden . Unter andern wollte Lais , daß jedes von uns auf einem kleinen Täfelchen bemerken sollte , welches von den Stücken , woraus das Ganze , gleich einer großen Tapezerei , zusammengesetzt ist , ihm in Rücksicht auf die Kunst der Ausarbeitung am besten gefalle . Euphranor erklärte sich für die Rede des Aristophanes , in welcher er alle Züge , die den eigenen Charakter der Muse dieses komischen Dichters ausmachen , mit der feinen Schalkheit einer allenthalben durchschimmernden Ironie , so meisterlich nachgeahmt zu finden glaubte , daß Aristophanes selbst es schwerlich besser hätte machen können . Praxagoras stimmte für die Rede des Agathon , als die urbanste und launigste Verspottung der Manier des berühmten Rhetors Gorgias , welchen Agathon zum Muster genommen zu haben schien . Neokles war für den Pausanias , Lais für die Hierophantin Diotima , Antipater für den Alcibiades . Ich , um sicher zu seyn , daß ich mit keinem andern zusammenträfe , gab meine Stimme dem Eryximachus ; mit der Einschränkung , daß ich seine Rede , in Ansehung des reichhaltigern und solidern Stoffes allen übrigen vorziehe , wiewohl ich gestehen müßte , daß sie der gezwungen witzigen Einkleidung und des flachen Ausdrucks wegen die schlechteste von allen sey . Jedes von uns hatte dieß und das zu Behauptung seiner Meinung vorzubringen , bis wir uns endlich alle vereinigten dem Antipater Recht zu geben , und den letzten Act , wo der Sohn des Klinias , mit einem lärmenden Gefolge von lockern Zechgesellen , trunken und mit Blumenkränzen und Bändern behangen in den Saal hereingestürmt kommt , und alles was darauf folgt , bei weitem für das Beste am ganzen Werke zu erklären . Von dem Augenblick an , sagte Antipater , da Alcibiades auftritt , weht sein Genius durch den Rest des Dialogs ; alles ist freie zwanglose Natur , Feuer , Jugendkraft und üppige Lebensfülle ; auch halt ' ich es für unmöglich , von diesem außerordentlichen Jüngling , wie er wirklich war , und ( nach allem , was wir von ihm wissen ) gewesen seyn muß , ein Bild aufzustellen , das mit so viel Freiheit und Leichtigkeit richtiger und fester gezeichnet , lebhafter gefärbt , zärter schattiert und leichter gehalten wäre ; wenn ich anders in Gegenwart eines Künstlers mich so kunstmäßig ausdrücken darf . Das darfst du , versetzte Euphranor , indem er ihm traulich die Hand schüttelte ; und wenn du hinzusetztest : diese Darstellung des Alcibiades verdiene der Kanon aller künftigen Dichter zu seyn , welche die Menschen , wie sie sind , schildern , und doch dem Gesetz der Schönheit , das alle Künstler bindet , nichts dabei vergeben wollen ; so würde ich ohne Bedenken behaupten , daß du die Wahrheit gesagt hättest . Lais . Indessen ist nicht zu läugnen , daß die Alcibiades und ihresgleichen durch diese künstliche und aufs feinste in einander verflößte Mischung der auffallendsten Unarten und Untugenden mit den schimmerndsten Naturgaben , ja sogar mit allem was das liebenswürdigste und schätzbarste am Menschen ist , und durch diese unwiderstehliche Grazie , die ihren Lastern selbst etwas Gefälliges und Liebreizendes gibt , zu den gefährlichsten aller Menschen würden . Wofern uns also jemand einwendete : wenn die Dichter durch das Gesetz der Schönheit verpflichtet wären , die lasterhaften und hassenswürdigen Personen , die sie uns darstellen , immer so zu schildern , daß es uns unmöglich wäre , ihnen nicht , mehr oder weniger , gut zu seyn - wie der Fall wirklich beim Alcibiades des Plato ist so würden ihre Werke , je vortrefflicher sie in Ansicht der Kunst wären , desto verderblicher für die Sitten , und also , in Rücksicht auf das allgemeine Beste , desto verwerflicher werden ; was könnten wir ihm antworten ? Praxagoras . Ich sollte denken , es wäre eben so möglich als der Humanität gemäß , das Laster , als das allein Hassenswürdige , von der Person , die als Mensch immer liebenswürdig ist , so zu trennen , daß die Liebe zur Tugend nichts dabei verlöre , wenn wir gleich ( was ehmals der Fall des Sokrates war ) sogar einen Alcibiades liebten . Aristipp . Diese Trennung mag in der Speculation leicht genug seyn ; aber ich zweifle daß im wirklichen Leben die Liebe zur Person uns nicht immer geneigt machen werde , ihre Untugenden zu übersehen , oder , wenn wir sie auch gewahr werden , zu entschuldigen ; bis wir nach und nach so weit kommen , sie mit ihren guten Eigenschaften zu vermengen , oder für bloße Schattirungen derselben anzusehen , und unter dem Schleier der Grazie zuletzt sogar liebenswürdig zu finden . Wenn dieß wirklich der Fall wäre , möchte es wohl kaum möglich seyn , daß unser Abscheu vor der Untugend selbst sich nicht eben so allmählich verminderte , oder wenigstens daß die Nachsicht gegen die Untugenden der geliebten Person uns eben so duldsam gegen unsre eigenen machte . Neokles . Die Liebe wäre also nicht immer , wie Plato sagt , Liebe des Schönen , wofern es möglich wäre , auch das Häßliche an der geliebten Person zu lieben ? Aristipp . So scheint es , und ich denke nicht daß Platons Ansehen hier in Betrachtung kommen kann ; denn es herrscht durch sein ganzes Symposion eine so auffallende Vieldeutigkeit in dem Sinne , worin er die Wörter Liebe und lieben gebraucht , daß es schwer ist , sich seiner wahren Meinung gewiß zu machen . Diese Rede schien allen Anwesenden aufzufallen , und sie brachte uns unvermerkt auf die Frage : was denn eigentlich der Zweck des philosophischen Dichters des Symposions bei diesem aus so seltsam contrastirenden Theilen zusammengesetzten Werke gewesen seyn könne ? Der Versuch diese Frage zu beantworten , führte eine etwas genauere Zergliederung desselben herbei , die uns beinahe das einhellige Geständniß abdrang : daß diese so allgemein bewunderte Composition mehr einem bunten morgenröthlichen Duftgebilde als einem festen und bewohnbaren Gebäude ähnlich sey . Da wir das Symposion diesen Abend - ( vermuthlich nicht zum erstenmale ) gehört und also noch ganz frisch im Gedächtniß haben , sagte Praxagoras , so laßt uns , jedes sich selbst , ehrlich und offenherzig gestehen , wie viel oder wenig Wahres , eine schärfere Prüfung Bestehendes und im Leben Brauchbares wir darin gefunden ? Ob uns alle diese Lobreden , Hypothesen und Allegorien auf und über den vorgeblichen Gott oder Dämon Eros , die uns in diesem Gastmahl131 in so mancherlei Tonarten vordeclamirt , vorgescherzt und vorprophetisirt werden , wirklich befriedigende Aufschlüsse über die Natur , die Eigenschaften und die Wirkungen der allgemeinsten und gewaltigsten , wohlthätigsten und verderblichsten , tragischsten und komischsten aller Leidenschaften geben ? Ja , ob sich überall irgend ein aus dem Ganzen hervorgehendes Resultat , welches als der Zweck des Verfassers betrachtet werden könne , darin entdecken lasse ? Laßt mich in dieser Rücksicht einen Versuch machen , ob ich diesen großen reich und zierlich gestickten Peplos132 unter einen Gesichtspunkt bringen könne , aus welchem er sich , wo nicht auf Einen Blick übersehen , doch wenigstens in der Vorstellung leichter zusammenfassen und beurtheilen lasse . - Alle nickten ihm ihre Einstimmung zu , und er begann folgendermaßen : » Eine bei dem Dichter Agathon versammelte Gesellschaft , in welcher Sokrates ( wie in allen Platonischen Dialogen ) die Hauptfigur vorstellt , ist übereingekommen , eine von Rednern und Dichtern bisher vernachlässigte Lücke auszufüllen , und dem Liebesgott , Mann vor Mann , nach Vermögen eine Lobrede zu halten . Die Rede des schönen Phädrus , der den Reihen anführt , ist beim Tageslichte besehen , nichts als eine spielerhafte rhetorische Schulübung , deren Tendenz noch zum Ueberfluß unsittlich ist , da sie lediglich darauf ausgeht , die Päderastie nur nicht gar zum höchsten Gute des Menschen , und die Willfährigkeit des Geliebten gegen den Liebhaber zu einer in den Augen der Götter selbst höchst verdienstlichen Sache zu machen . Der auf Phädrus folgende Pausanias scheint durch Unterscheidung eines zwiefachen Amors etwas Vernünftigeres auf die Bahn bringen zu wollen als sein Vorgänger ; aber seine Rede dreht sich größtentheils um schwankende Begriffe . Auch ihm ist die Päderastie so sehr die einzig rechtmäßige Art von Liebe , daß er es seinem gemeinen Amor ( Eros Pandemos ) sogar zum Vorwurf macht , daß die Verehrer desselben Weiber nicht weniger als Männer liebten ; und wenn er gleich - zu Hebung des anscheinenden Widerspruchs zwischen dem Gesetz und Herkommen , welche bei den Athenern den Knabenliebhaber auf alle Weise begünstigen , und der Sitte , die es dem Geliebten zur Schande macht dem Liebhaber zu willfahren - mit gutem Fug behauptet , die Liebe sey an sich weder gut und ehrsam , noch bös ' und schändlich , sondern werde jenes bloß durch eine edle , dieses durch eine schändliche Art zu lieben : so verderbt er doch alles wieder , indem er will , daß die geliebten Jünglinge zwar nur tugendhaften Liebhabern willfahren sollen , aber ihnen dafür dieses Willfahren zu einer ordentlichen Pflicht macht , und also einen an sich selbst verwerflichen Mißbrauch zu veredeln , und sogar zu einer Belohnung der Tugend oder des Verdienstes zu machen sucht . Die hierauf folgende Rede , worin der Arzt Eryximachus die Theorie des Pausanias von dem zwiefachen Eros mit vieler Spitzfindigkeit generalisirt , und überall , sowohl in der Natur als in den Künsten , sogar in der Arzneikunst , den Kampf und Sieg des himmlischen Amors oder der Liebe der Muse Urania über den gemeinen , oder die Liebe der Muse Polymnia , zur wirkenden Ursache alles Schönen und Guten macht , diese ganze Rede ist von Anfang bis zu Ende ein gezwungenes Witzspiel mit doppelsinnigen Worten und Metaphern , wodurch nichts weder klar gemacht noch bewiesen wird . Man sieht nicht , womit die arme Muse Polymnia ( die er eigenmächtig mit der Aphrodite Pandemos verwechselt ) es verschuldet hat , daß er sie ich weiß nicht ob zur Mutter oder zur Buhlin seines Allerweltamors herabwürdigt ; und wiewohl der redselige Arzt eine Menge bunter Luftblasen zu Lob und Ehren seines Uranischen Eros platzen läßt , so trägt doch auch er kein Bedenken , die Lehre seines Vormanns von der schuldigen Willfährigkeit des Geliebten gegen einen artigen und wohlgesitteten Liebhaber zu einer moralischen Maxime zu erheben ; ja die geliebten Jünglinge haben , seiner Meinung nach , ihrer Pflicht schon genug gethan , wenn sie nur die Absicht hegen , die Liebhaber durch ihre Gefälligkeit tugendhafter zu machen . An dem possierlich läppischen und nicht sehr züchtigen Mährchen von den ursprünglichen Doppelmenschen einerlei und beiderlei Geschlechts , und ihrem Uebermuth gegen die Götter , und dem glücklichen Einfall Jupiters sie in der Mitte von einander zu spalten , mit der Bedrohung , wenn sie noch nicht gut thun wollten , sie noch einmal zu spalten , so daß sie alle nur auf Einem Beine herum hinken müßten u.s.w. , an dieser Posse , sage ich , ist schwerlich etwas anders zu rühmen , als daß sie ( nebst der daraus abgeleiteten witzelnden Erklärung der verschiedenen Phänomene der Liebe , in der niedrigsten Bedeutung dieses Wortes ) mit vieler Schicklichkeit dem Aristophanes in den Mund gelegt wird ; wiewohl wir nicht die mindeste Ursache haben , dem Plato die Ehre der Erfindung abzusprechen . Jedes ernsthafte Wort , das ich über diesen symposischen Spaß verlieren wollte , wäre zu viel ; als Spaß mag er indessen bei einem Trinkgelag und unter lauter Männern von Athen , d.i. ( nach der Behauptung des Aristophanischen Adikos Logos 133 ) unter lauter Euryprokten134 , an seinen Ort gestellt bleiben . Bei dem prosaischen Lobgesang , welchen der Dichter und Gastmahlgeber Agathon nunmehr dem Liebesgott zu Ehren anstimmt , kann Plato schwerlich eine andere Absicht gehabt haben , als den Sophisten Gorgias durch eine bis zur Carricatur ( wiewohl von der feinern Art ) getriebene Nachahmung seiner Manier lächerlich zu machen ; und daß er diese Absicht wirklich hatte , läßt das ironische Lob , welches Sokrates der so zierlich gedrechselten und prächtig herausgeputzten Puppe ertheilt , nicht bezweifeln . Dieser , nachdem er seine Bedingungen mit den übrigen Symposiasten gemacht hat , nimmt nun das Wort , und verwandelt den ganzen , mit so schwärmerischem Beifall aufgenommenen Agathonischen Päan auf einmal in Rauch und Dampf , indem er ihm beweist , daß an allen den Tugenden , die er seinem Eros , als dem schönsten , gerechtesten , tapfersten , weisesten und besten aller Götter , nachgerühmt habe , kein wahres Wort sey . Denn Eros sey weder schön , noch gut , noch tapfer , noch weise , noch ein Gott , sondern ein bloßer Dämon , den seine Mutter Penia ( eine von Plato erschaffene Göttin der Dürftigkeit ) im Drang des Bedürfnisses von dem nektartrunknen Gott der Betriebsamkeit Poros im Göttergarten aufgelesen ; der , vermöge dieser Abstammung , alle guten und schlimmen Eigenschaften seiner Erzeuger in sich vereinige , und an welchem noch das Beste sey , daß er , von einem unwiderstehlichen Trieb zum Schönen und Guten hingerissen , weder Rast noch Ruhe habe , bis er sich mit demselben vereinige , und dadurch hinwieder der Erzeuger von schönen und guten Kindern , nämlich edeln Gesinnungen , Thaten und Bestrebungen , werde . Plato scheint sehr gut gefühlt zu haben , daß es sich nicht wohl geziemt hätte , einen Mann wie Sokrates diese schönen Dinge , zu deren Kenntniß ein Sterblicher mit bloßer Hülfe seiner fünf Sinne und seiner Vernunft nicht gelangen kann , in seiner eigenen Person vorbringen zu lassen . Er machte also , mit eben dem feinen Sinn für das Schickliche , womit er die komische Hypothese von den Doppelmenschen dem Aristophanes beilegt , den Sokrates zum bloßen Erzähler einiger zwischen ihm und einer gewissen Seherin Diotima vorgefallener Gespräche über die wahre Natur der Liebe , und die Art und Weise , wie dieser Dämon die Seelen auf der Leiter des materiellen Schönen zum Wissenschaftlichen und Sittlichen , und von diesem zum bloß Intelligibeln emporführe ; denn das Meiste , was er diese Diotima ( als seine vorgebliche Lehrmeisterin in Erotischen Dingen ) vorbringen läßt , konnte mit Wahrscheinlichkeit und Füglichkeit keiner andern Person als einer Enthusiastin , die an übernatürliche Kenntnisse der göttlichen Dinge Anspruch machte , in den Mund gelegt werden . Schade nur , daß wir in dem Unterricht , den diese Mystagogin 135 ihrem gelehrigen Schüler ertheilt , eben denselben Doppelsinn wieder finden , worin ( wie Aristipp bereits bemerkt hat ) die Wörter Eros und erân in diesem ganzen Dialog zwischen den zwei sehr heterogenen Bedeutungen der reinen Liebe und des bloßen Begehrens immer hin und her schwanken ; ein Doppelsinn , wodurch alles Wahre und Praktische , was sie uns zu lehren scheint , indem wir es erfassen wollen , uns unvermerkt wieder durch die Finger schlüpft . Das allerschlimmste indessen ist , daß nachdem die Seherin , die so viel sieht was sonst niemand sehen kann , uns zu Erwartung der herrlichsten Offenbarungen über das selbstständige Urschöne berechtigt hat , - zu welchem wir von einer ganz neuen Art von idealischer Päderastie , als der untersten Stufe , durch die ganze materielle und intellektuelle Welt emporsteigen sollen , - uns gleichwohl am Ende nichts geoffenbaret wird , als daß dieses Urschöne ( welches Diotima doch für den eigentlichen Gegenstand und das höchste Ziel der Liebe ausgibt ) weder mehr noch weniger als das Parmenideische Eins und All , das Platonische Wirklichwirkliche , der Hermetische Cirkel , dessen Mittelpunkt überall , und dessen Umkreis nirgends ist , mit Einem Worte , das Unendliche sey ; welches aber erstens , da es keine Form hat , eben so wenig das Urschöne als der Urcirkel oder das Urdreieck seyn kann ; und zweitens , da es ( ihrem eigenen ehrlichen Geständniß nach ) weder von den Sinnen erfaßt , noch von der Einbildungskraft dargestellt , noch vom Verstande begriffen werden kann , gänzlich außer unserm Gesichtskreise liegt , und also für uns eben so viel ist als ob es gar nicht wäre . « » Ich will es nun euerm eigenen Scharfsinn und Urtheil überlassen , setzte Praxagoras hinzu , was für einen Zweck der göttliche Plato mit diesem geistigen Gastmahl beabsichtigt haben könne , und ob ihm großes Unrecht geschähe , wenn man es mit einem Zaubermahl vergliche , wo die Gäste , nachdem sie ihre Kinnbacken ein paar Stunden lang weidlich spielen ließen , und von einer Menge der köstlichsten Schüsseln gesättigt zu seyn glaubten , am Ende die Entdeckung machen , daß sie nichts als Luft gegessen haben , und hungriger von der prächtigen Tafel aufstehen , als sie sich um dieselbe gelagert hatten . « Wenn dem so ist , wie ich selbst zu besorgen anfange sagte Lais lächelnd , so hätte der Zauberer wohl verdient , daß wir eine kleine Rache an ihm nähmen . Wie wenn wir unser heutiges Symposion zu einem Gegenstück des seinigen machten , und anstatt dem leidigen Amor Lobreden zu halten , uns vereinigten , ihm der Reihe nach alles Böse nachzusagen , was sich , ohne ihm das kleinste Unrecht zu thun , von ihm sagen läßt ? Was meinst du , Euphranor ? Euphranor . Es hieße , däucht mich , die Rache , anstatt an Plato , an dem armen Amor nehmen , der eine so unfreundliche Behandlung am Ende doch weder an dir , schöne Lais , noch ( wie ich hoffen will ) an irgend einem von uns andern verschuldet hat . Lais . Wie , Euphranor ? Wenn nun auch wir für unsre Person uns nicht über ihn zu beklagen hätten , sollen wir so selbstsüchtig seyn , ihm alles tragische Unheil und Elend zu verzeihen , das er seit dem Trojanischen Kriege , und lange vorher , da wir arme sterbliche Weiber noch so viel von den Nachstellungen und Gewaltthätigkeiten der Götter auszustehen hatten , im Himmel und auf Erden angerichtet hat ? Neokles . Dafür legen wir alles Gute , Schöne , Angenehme , Fröhliche , Komische und Possierliche , wovon er ebenfalls von jeher der Urheber und Anstifter war , in die andere Wagschale , so wird sie , wenn auch das Uebergewicht nicht auf dieser Seite seyn sollte , allem Unheil , das die schöne Lais so sehr zu Herzen nimmt , wenigstens das Gegengewicht halten . Und rechnest du die vielen herrlichen Tragödien für nichts , die wir noch nebenher damit gewonnen haben ? Antipater . Auch ohne dieß ist ja schon Platons Pausanias allen fernern Beschwerden und Wehklagen über die Liebe durch die glückliche Entdeckung zuvorgekommen , daß es , so wie zweierlei Aphroditen , auch zweierlei Amorn gebe . Alles Tragische und Komische , was der Liebe nachgesagt werden kann , kommt auf Rechnung des Eros Pandemos und seiner Mutter der Muse Polymnia ; beide hat uns Plato selbst schon preisgegeben , und das Böse , was sich von ihnen sagen läßt , würde weder neu noch angenehm zu hören , noch von irgend einem Nutzen seyn . Lais . Das käme auf eine Probe an , mein junger Freund . Von dir selbst mag was du sagst immerhin gelten ; denn in der That scheint dir weder der himmlische noch der Allerwelts-Amor , noch irgend ein anderer wofern es ihrer noch mehrere gibt , bisher weder eine Stunde von deinem Schlaf , noch eine Rose von deinen Wangen gestohlen zu haben . - Antipater erröthete , und schien ein wenig verlegen ; ich mußte ihm also zu Hülfe kommen . Aristipp . Mich däucht , schöne Lais , du hast ein Wort gesprochen , das uns über die Liebe auf einmal ins Klare und dich selbst außer aller Gefahr setzt , für undankbar gehalten zu werden , wenn du etwa Lust hättest , eine Schmachrede auf sie zu halten . Lais . Diese Lust hat mir dein junger Landsmann schon vertrieben , Aristipp ; und ich bin ihm Dank dafür schuldig . Denn meine Schmachrede würde am Ende doch schwerlich viel anders ausgefallen seyn als Agathons Lobrede ; und da hättest du mir im Namen deines Sokrates eben denselben Vorwurf machen können , den er dem Agathon macht ; nämlich , daß wir beide , nach Art der Sophisten und Rhetorn , gelobt und gescholten hätten , ohne uns zu bekümmern , wie viel oder wenig Wahres an unsern Declamationen sey . - Aber , welches ist das glückliche Wort , das mir unversehens entwischt ist , und , wie du sagst , so viel Licht über den vielgestaltigen Stoff unsers Gespräches verbreitet ? Aristipp . » Wenn es noch mehrere Amorn gibt , « sagtest du , und konntest damit nichts anders sagen wollen , als daß es ihrer wirklich nicht nur viele , sondern unzählige gibt , für welche man , wenn jemals die Erotik136 zu einer vollständigen Wissenschaft erwachsen sollte , eben so viele besondere Namen erfinden müßte . Lais . Die gute Diotima käme also mit ihrem einzigen aus lauter Widersprüchen , Negationen und bloßen Tendenzen zusammengesetzten Dämon-Amor übel zu kurz , - und das ist mir , die Wahrheit zu sagen , leid . Denn ich kann mich nicht erwehren , diesem Amor , der so leer wie eine zusammengeschrumpfte Blase , und so dünn wie eine verhungerte Cicade ist , wegen seiner allgemeinen Liebe zu allem Schönen , seiner beständigen Unbeständigkeit , und hauptsächlich seines unersättlichen Hungers wegen , gut zu seyn , den , nachdem er alles was auf und zwischen und in und über Erde und Himmel ist , verschlungen hat , nichts als das Unendliche selbst ersättigen kann . Es ist etwas so sublim Ungeheures in dieser Idee , daß man , in eben dem Augenblick , da man laut über sie auflachen möchte , sich ich weiß nicht wie zurückgehalten und gezwungen fühlt , Respect vor ihr zu haben . Aristipp . Da hast du schon wieder ein herrliches Wort gesagt , schöne Lais . Lais . Wundert dich das ? Als ob es mir so selten begegnete , etwas zu sagen das ich selbst nicht recht verstehe . Aristipp . Wenn in dem , was du sagtest , ein so tiefer Sinn liegt , als ich zu glauben versucht bin , so ist Plato auf einmal gerechtfertiget , und wir haben ihn durch die schmähliche Vermuthung , daß er keinen festen Zweck bei dem vollkommensten seiner Werke gehabt habe , großes Unrecht gethan . Alles in seinem Symposion wäre dann sehr verständig und absichtlich zusammengeordnet ; die Reden des Phädrus , Pausanias , Eryximachus , Aristophanes und Agathon hätten dann , außer den bereits berührten Nebenzwecken , zur Absicht , die gemeinen Begriffe von der Liebe , die bei den Griechen von Alters her im Schwange gehen , in verschiedenem Lichte von verschiedenen Seiten aufzustellen und zu berichtigen , und die gewöhnlichsten Erscheinungen und Wirkungen dieser Leidenschaft zu erklären ; sie selbst aber dienten dem Gespräch des Sokrates und der Diotima bloß als heraushebende Schattenmassen , und der große Zweck des Symposions wäre , uns mit der Theorie einer von aller gröbern Sinnlichkeit und Leidenschaft gereinigten geistigen Liebe zu beschenken ; einer Liebe , welche eben darum , weil sie bloß das vollkommenste Schöne zum Gegenstand hat , durch nichts Geringeres als das ewige , unwandelbare , unbegreifliche , unendliche Selbstständigschöne befriedigt werden kann . Lais . Weißt du auch , daß ich dich wenn der leidige Tisch nicht zwischen uns stände , für diese großmüthige Rechtfertigung meines Lieblingsschriftstellers küssen möchte ? Denn ich gestehe , daß ich es schmerzlich empfunden hätte , wenn der häßliche Vorwurf der Zwecklosigkeit auf ihm sitzen geblieben wäre . Aristipp . Und doch darf ich mir noch nicht schmeicheln , die schöne Belohnung , die du mir in Gedanken geben wolltest , schon verdient zu haben . Denn wiewohl ich einen allerdings erheblichen Vorwurf von deinem Günstling abzulehnen suchte , so kann ich dir doch nicht verbergen , daß mir das Mährchen von Porus und Penia , und der Dämon-Eros , den die Bettelnymphe dem berauschten Gott hinter einer Hecke des Göttergartens im Schlaf abgeschlichen haben soll , und sein unersättlicher Heißhunger nach einem gestaltlosen Urschönen , das allenthalben und nirgend ist , ungeachtet der naiven Unbefangenheit , womit Diotima das alles vorbringt , um keinen Splitter eines Strohhalms ehrwürdiger ist , als die Androgynen des muthwilligen Aristophanes . Lieber wollte ich mir noch die zweierlei Amorn des Pausanias gefallen lassen , wiewohl mich dünkt , daß der eine , den er Pandemos zubenennt , unter dem Namen Pothos ( der seine Natur viel deutlicher bezeichnet ) schon bekannt genug ist , um eine neue Benamsung überflüssig zu machen . Den eigentlichen Unterschied zwischen Eros und Pothos würde ich darein setzen : daß Pothos alles Schöne bloß des Genusses wegen begehrt , oder noch eigentlicher , daß die Schönheit einer Sache , von welcher er sich einen den Sinnen schmeichelnden Genuß verspricht , für ihn nur ein stärkerer Anreiz ist , sich in den Besitz derselben zu setzen : da hingegen Eros das Schöne oder Schöngute ( was im Grund einerlei ist ) ohne einen Blick auf sich selbst , bloß weil es schön ist , liebt , d.i. inniges Wohlgefallen daran hat , und daher im bloßen Anschauen desselben , ja sogar in dem bloßen Gedanken daß es ist , schon Nahrung genug findet , um ewig dabei ausdauern zu können ; so wie die Götter ihre Unsterblichkeit zu unterhalten keiner andern Speise als Ambrosia bedürfen . Was uns Diotima von der Unersättlichkeit dieses Amors sagt , ist ein täuschendes Spiel mit den abgezogenen und daher unbestimmten formlosen Begriffen des Unendlichen , wobei die gute Seherin vergessen hat , daß ein abgezogener Begriff , als eine leere Hülse , kein