und rosigen Freundinnen . Die Mädchen waren in der gehobenen Stimmung , in der sie sich eigentlich alle Tage befanden , ganz besonders aber , wenn sie zusammentrafen , und das geschah ebenfalls täglich — zum mindesten ein Mal . Darum bekamen ihre Unterhaltungen auch nachgerade eine gewisse ungenierte Zutraulichkeit . “ Wirst Du aber stark , Eugenie ! Zeig ' mal her ! Wahrhaftig Kinder — alles echt ! ” Die junge Dame mit der neidenswerten Büste ließ sich in siegessicherer Ruhe auf Agathes Kretonnesofa nieder . “ Roggenmehlsuppe mit Eiern zum Frühstück — nachmittags einen Teller voll Griesbrei — da , nun wißt Ihr ' s. ” “ Das möcht ' ich nicht , ” rief die blasse Lisbeth Wendhagen und knabberte an einem Makronenstückchen . “ Man muß sich doch auf den Kampf des Lebens vorbereiten , ” bemerkte Eugenie weise . “ Pfui Genie ! ” “ Die keusche Agathe errötet , ” sagte Eugenie , sich behaglich mit Kuchen versorgend . “ Das hat sich das gute Kind immer noch nicht abgewöhnt ! ” “ Ach , es ist schrecklich ! ” Agathes Wangen erglühten bei dieser ärgerlichen Entschuldigung noch feuriger . “ Du wirst wohl überhaupt nicht mehr rot ? ” fragte bissig ein älteres Mädchen aus dem Kreise . “ O doch — aber nur wenn ich will ! Den Atem anhalten ! Seht mal her ! ” Mit Bewunderung und viel Gelächter wurde das Kunststück beobachtet . “ Ich werde mir auch Griesbrei kochen lassen , ” überlegte Fräulein von Henning , welche die ganze Zeit in ernster Betrachtung vor dem Spiegel gestanden hatte . Sie bedachte dabei , ob ihre Mutter wohl die Extraausgabe gestatten würde ? Es war doch gemein , sich so einrichten zu müssen ! “ Exzellenz Wimpffen hat gesagt , Gries wäre sehr schädlich für den Teint ! ” “ Wieso denn ? ” “ Na — die Grieskörner lassen sich , glaube ich , nicht gut verdauen und kriechen dann irgendwie im Körper herum . ” “ Doch ! Exzellenz Wimpffen hat zu Mama gesagt : in Rußland essen die jungen Mädchen niemals Gries , weil sich die Grieskörner unter der Haut festsetzen und entzünden , daher kommt die Gänsehaut und Pickel und alles mögliche ! ” Es trat eine Stille ein . Das klang ernsthaft ! “ Ich glaube nicht daran , ” sagte Agathes ruhige Stimme . “ Jeder will heutzutage etwas wissen ! Pfauenfedern sollen auch schädlich sein ! ” “ Das glaubst Du wohl auch nicht ? ” fragte Lisbeth Wendhagen wichtig . “ Mein alter Onkel . . . ” “ Mit Pfauenfedern , das weiß ich nicht , ” rief die Tochter des Oberpräsidenten — ” aber Seerosen . . . ! das habe ich selber erlebt , das kann mir keiner abstreiten ! Als ich voriges Jahr bei meiner Tante in Potsdam war , schleppte meine Cousine von einer Kahnpartie einen ganzen Arm voll nach Haus . Mehrere Damen warnten sie noch , die Dinger brächten Unglück — aber sie wollte ja nicht hören ! Richtig — am andern Morgen bekommt sie Diphtheritis — wäre beinahe dran gestorben ! Ne , ne — vor Wasserrosen habe ich allen Respekt ! ” — Trotz der Gefahren , die dem Leben und der Schönheit der jungen Geschöpfe von allen Seiten geheimnisvoll drohten , besaßen sie doch Leichtsinn genug , die bevorstehenden Ball-Aussichten eifrig zu besprechen . Wutrows wollten tanzen lassen ! Und dann der große Juristenball ! Agathe hatte eine entzückende Toilette bekommen : echte Pariser Heckenrosen — schrecklich teuer — von Onkel Gustav . “ Sag ' mal — Dein Onkel Gustav hat wohl Geld , daß er so lebt , ohne was zu thun ? Das wäre am Ende eine ganz gute Partie ? ” “ Ach nein — Geld hat er keins ! Das heißt , er sagt immer , wenn seine Erfindung glückt , könnte er Millionär werden ! ” “ Ach , der Jugendborn ! ” Ein unendliches Gekicher erscholl um den Kaffeetisch , man schien Onkel Gustavs Erfindung trotz ihres poetischen Namens , nicht eben ernst zu nehmen . “ Dein Onkel ist kostbar ! Bei uns heißt er die Kirschblüte wegen seiner schönen , weißen Sommeranzüge ! Agathe , Du heiratest ihn am Ende doch noch ! ” Agathe lachte laut und lustig und alle stimmten aufs neue ein . “ Du — gestehe ! — Hat er Dich schon mal geküßt ? ” “ Ach , Unsinn , — nur bei Geburtstagen ! ” “ Ich küsse meine Onkels und Vettern immer , ” ließ sich das hohe Stimmchen eines niedlichen Schwarzkopfes vernehmen . “ Wozu hat man sie denn sonst ? ” “ In unserer Familie ist ' s nicht Sitte , ” sagte Agathe hochmütig . “ Das ist wahr ! ” rief Eugenie . “ Bei Euch gehts haarsträubend solide zu ! Aber Dein Vater faßt einen doch ganz gern mal um die Taille ! ” “ Pfui Eugenie ! ” “ Gott , sei doch nicht so ! Er ist ja ein alter Herr — was schadet denn das ? ” “ Denkt Euch , neulich Abend bin ich auf der Straße angeredet , ” begann Lisbeth Wendhagen , ihr kleines , sommersprossiges Gesicht mit den hellen Augenwimpern belebte sich ordentlich . “ Es war schauderhaft ! ” “ Möchtest Du noch Kaffee , Lisbeth ? ” “ Nein , danke — eins , zwei , drei . . . Habe ich mich doch wieder verzählt ! Das infame Muster ! So . — Also ich — natürlich — gehe immer schneller — er neben mir her . . . ” “ Wie gräßlich ! ” “ Was hat er denn zu Dir gesagt ? ” “ Ach , das kann ich gar nicht wiedererzählen . Endlich fasse ich Mut und sage : “ Mein Herr , Sie irren sich ! ” “ Man soll gar nicht antworten ! ” “ Ich darf Abends nicht allein ausgehen ! ” “ Ach manchmal ist es sehr amüsant — wißt Ihr noch , wenn wir als Schulmädchen auf der Breitenstraße bummelten und die Gymnasiasten kamen ? ” “ Aber was wurde denn ? Erzähle doch weiter , ” riefen ungeduldige Stimmen . “ Ich kam nach Haus — klingelte — in Schweiß gebadet ! Denkt Euch — der Kerl ! — Antwortet mir : nein , mein Fräulein , ich irre mich nicht ! Was sagt Ihr dazu ! ? ” “ Mich hat mal Einer draußen auf den Glacis angeredet , ” rief Eugenie . “ Es war ein Herr , das sah ich gleich . Wißt Ihr , was ich geantwortet habe ? — Ich würde ihm für seine Begleitung sehr dankbar sein ! — Habe mich ganz gut mit ihm unterhalten , und er hat mich richtig bis vor die Hausthür gebracht ! Am andern Morgen bekam ich anonym ein Bouquet zugeschickt ! ” “ Nein diese Eugenie ! Du bist doch ein freches Tier ! — Ach Schlagsahne ! — An der könnt ' ich mich tot essen ! ” “ Na — Gott segne Deine Studia ! ” “ Überfriß Dich nur nicht vor dem Juristenball ! ” “ Unser Tanzfest soll gleich hinterher sein , ” schrie Eugenie . “ Kinder — ich freue mich ja diebisch ! Wir haben auch Deinen Vetter Martin eingeladen , Agathe ! Wie sie selig ist . . . ! ” “ Es ist nicht wahr — ich interessiere mich gar nicht für ihn ! ” “ Kindchen , Kindchen , thu ' doch nicht so ! Das kann ich nicht ausstehn ! ” “ Ach Du lieber Himmel , ob mich wohl Referendar Sonnenstrahl zum Kotillon engagiert ? ” seufzte Lisbeth . “ Er hat so ' nen himmlischen Schnurrbart ! ” “ Ich finde den von Lieutenant Bieberitz viel schöner , Dein Sonnenstrahl hat ja krumme Beine . ” “ Und Dein Lieutenant Bieberitz trägt ein Korsett ! ” “ Wie kannst Du so etwas behaupten ? ” “ Ich weiß es ganz bestimmt von unserer Schneiderin . Bei deren Mutter ist er in Logis . ” “ Habt Ihr die Trine ? ” “ Zu uns darf sie nicht mehr kommen ! Sie klatscht zu gräßlich ! Was die für Geschichten weiß ! Scheußlich ! ” “ Erzähle — erzähle ! ” “ Nein — ich schäme mich . ” “ Raus — raus mit der Sprache ! Na — . ” “ Denkt nur , der alte verheiratete Tademir . . . . Ach — Frau Regierungsrat . . . . ! ” “ Nun , meine lieben Mädchen , amüsiert Ihr Euch ? Agathe , bist Du eine aufmerksame Wirtin ? Wie geht es zu Haus ? ” “ Danke , Frau Regierungsrätin ! ” “ Agathchen darf doch auf unsern Lämmersprung kommen , Frau Regierungsrätin ? ” “ Ach , Frau Regierungsrat — wie können Sie nur so etwas sagen — Sie genieren uns doch nicht . . . . ” Andere Stimmen — andere Bewegungen — wohlerzogene Knixe — lächelnde , beruhigte Gesichter — wenn sie auch von dem heftigen Durcheinanderschreien noch in lebhaftem Rosenrot glühten — das stand ihnen gut zu den friedlich auf die Handarbeit gesenkten Augen . Man sprach von Holzmalerei , von dem letzten Buch einer beliebten Jugendschriftstellerin . Es waren doch nette Mädchen , Agathes Freundinnen . Eugenie allein erregte Frau Heidling Verdacht . Man munkelte etwas Unbestimmtes von einer dummen Liebesgeschichte , um derentwillen sie aus dem Haus geschickt worden sei . Gewiß nur eine von den gehässigen Nachreden , wie sie hübsche Mädchen so gern verfolgen . Die Regierungsrätin mußte sich gestehen , daß sie noch nichts Bedenkliches hatte an Eugenie entdecken können . Das Mädchen besaß weit bessere Formen , als ihre Mutter , von dem alten Wutrow gar nicht zu reden . In den Leitfaden fürs Leben : “ Des Weibes Wirken als Jungfrau , Gattin und Mutter ” stand zu lesen : Der erste Ball bedeute einen der schönsten Tage im Dasein eines jungen Mädchens . Alle Empfindungen , die das kleine , unter dem Tarlatan hüpfende Herzchen bei den Klängen der Tanzmusik selig durchschauern sollten , waren eingehend geschildert — ja , die Verfasserin verstieg sich in ihrer Beschreibung dieser wichtigsten Jugendfreuden zu einer wahrhaft dithyrambischen Sprache . Aber nicht nur die aus dem Tempel der Poesie herabtönende Orakelstimme — auch die Präsidentin Dürnheim und die anderen Bekannten von Mama — spitze , hagere Rätinnen und schwere , verfettete Rätinnen , liebenswürdige , geistreiche Rätinnen , und einfache Rätinnen , Rätinnen vom Gericht und von der Regierung und unverheiratete , die sich nur zu Familienrätinnen hatten aufschwingen können — sie alle klopften der kleinen Heidling die Wange oder nickten ihr zu : der erste Ball — ! So ein glückliches Kind ! Ach ja , der erste Ball ! — daß man auch einmal so schlank und froh und morgenfrisch seinem ersten Ball entgegensah . . . . Es ist also wahr ! Der erste Ball muß etwas unerhört Bezauberndes sein . Agathe hatte ja auch ein wunderhübsches Kleid bekommen . Nur lange Handschuhe wollte die Mama nicht spendieren — in ihrer Zeit trugen die jungen Mädchen niemals so lange Handschuhe , wie sie jetzt Mode waren . Mama begann neuerdings so ängstlich zu sparen — seit Walter sich entschlossen hatte , Offizier zu werden . Die Eltern mußten ihm alle Augenblicke dreihundert Mark schicken — das war freilich schlimm ! Aber Eugenie hatte wunderbare Handschuhe — bis an die Ellenbogen — und kaufte sich gleich mehrere Paar , falls eins davon einen Riß bekäme . Es war ordentlich eine Qual , daß Agathe fortwährend an die Handschuhe denken mußte . Dabei gab es soviel anderes , was sie hätte mehr beschäftigen sollen . Z.B. ob sie sich verlieben würde ? Das geschah , dem Prachtwerk zufolge , meist auf dem ersten Ball . Schon acht Monate lang ein erwachsenes Mädchen — da war es doch die höchste Zeit ! Martin Greffinger kam , um den Juristenball mitzumachen , aus der nicht sehr entfernten Universitätsstadt herüber . “ Er wird Dir doch ein Bouquet schenken ? ” hatten Agathes Freundinnen geraten , und Agathe zeigte ihm deshalb eine Probe ihres Kleides . Der Strauß in der Farbe der Toilette — wonnig ! “ Für all ' den Unsinn , den Du Dir anhängst , könnten drei Proletarier-Familien vier Wochen leben , ” sagte Martin verächtlich . “ Ich soll Dir wohl noch ein Bouquet — ? Wenn ich doch mal heute hier den Affen spielen soll bei Euch Gänsen ! Ja , Agathe , ich hätte nicht gedacht , daß Du auch gerade so würdest , wie die andern alle ! ” Agathe schmollte , und der Regierungsrat setzte seinen Neffen über die ungehörige Ausdrucksweise zur Rede . Agathe wurde für ihre Empfindlichkeit hart gestraft . Denn es entstand infolge dessen zwischen ihrem Vater und Martin ein Streit , der , bei Kaffee und Kuchen begonnen , die gemütliche Vorfeier vergällte und sich bei unzähligen Cigarren bis zum Abend fortspann . Martins Vorliebe für Herweghs Gedichte wurde strenge getadelt . Agathe hörte , während sie ab und zu ging , um ihre Ball-Vorbereitungen zu treffen , die zornigen Ausrufe : “ Wie kann man mit solchen Ansichten in den Staatsdienst treten wollen . . . . . . . ? — Das Leiden von Millionen — . Die kapitalistische Wirtschaft — ! Reiner Sozialismus — flaches Phrasentum — . Verknöcherte Gewohnheitsmenschen — verrottete Bourgeoisie . . . . ” Martins Augen bekamen einen wilden , fürchterlichen Ausdruck , und die höhnischen Falten , die jetzt immer um seine trotzig aufgeworfenen und noch fast bartlosen Lippen lagen , verstärkten sich zur Grimasse . Der Regierungsrat ging in der Stube auf und nieder , wie er es zu thun pflegte , wenn er in sehr schlechter Laune war . Mama — die schon den ganzen Tag ihre Neuralgie fürchtete — sie hatte so viel herumlaufen müssen und das bekam ihr immer schlecht , aber Agathe konnte doch noch nicht selbst für ihren Anzug sorgen — die arme Mama mußte sich wirklich in der Nebenstube aufs Sopha legen . Dazwischen kam die Friseurin — natürlich viel später , als man sie erwartet hatte — es war ein Jagen und Hetzen , bis man nur fertig wurde , und alles roch nach Hoffmannstropfen und Baldrianthee , Mittel , welche die Regierungsrätin nahm , um sich zu beleben . Die Männer waren kaum auseinander zu bringen . Agathe sollte sich vor dem großen Spiegel im Salon ankleiden . Ach , wie das alles ungemütlich und schrecklich war ! Als sie ihre Toilette beendet hatte , mußte sie sich wie auf einer Drehscheibe langsam vor der versammelten Familie und den Dienstboten herumdrehen . Der Kronleuchter war dazu angezündet worden . Bei den schmeichelhaften Bemerkungen ihres Vaters , der alten Küchendorte Begeisterungsgebrumm , dem aufgeregten Entzücken des kleinen Hausmädchens und dem stillen Triumph auf ihrer Mutter leidendem Gesicht , erfaßte sie eine beklemmende Freude . Sie war sich so fremd dort im Spiegel ; in den duftigen weißen Rüschen und Volants , von den langen Rosenranken gleichsam umsponnen , mit dem aufgetürmten , gekräuselten Haar kam sie sich beinahe vor wie eine Schönheit ! Wenn sie nun aus all den hundert Mädchen auf dem Juristenball für die Königin erklärt wurde ? — Mama brachte ihr ein Glas Rotwein , weil sie plötzlich so blaß aussah . Einen Wagen hatte man nicht nehmen wollen , der Weg war ja gar nicht weit . Agathe fand es recht erbärmlich , in großen Überschuhen und mit hochgesteckten Röcken , zu einem wahren Ungeheuer vermummt , durch Regen und Schnee zu patschen , und noch dazu in Martins Gegenwart . Sie sah neidisch nach jeder Karosse , die an ihnen vorüberdonnerte . Beinahe wäre der Streit über Martins Weltanschauung zwischen Onkel und Neffen unterwegs noch einmal ausgebrochen , dann schritten sie in finsterem Schweigen , der eine voraus , der andere hinterdrein . Agathe würgte an ihren Thränen . Über den Leiden der Millionen hatte Martin ihr Ballbouquet vergessen . Da standen die jungen Mädchen in langen Reihen und in kleinen Gruppen — wie ein riesenhaftes Beet zartabgetönter Frühlingshyacinthen — rosenrot , bläulich , maisgelb , weiß , hellgrün . Die Hände über dem Fächer gekreuzt , die Ellbogen der entblößten , fröstelnden Arme eng an die Hüften gedrückt , vorsichtig miteinander flüsternd und die blumengeschmückten , blonden und braunen Köpfe zu schüchternem Gruße neigend . Nur einige , die schon länger die Bälle besuchten , wagten zu lächeln , aber die meisten brachten es nur zu einem Ausdruck von Spannung . Getrennt von dem duftigen , regenbogenfarbigen Kleidergewölk , den weißen , nackten , ängstlichen Schultern — getrennt durch einen weiten leeren Raum , der hoch oben mit einer reichverzierten Stuckdecke , nach unten mit einem spiegelglatten Parkett abgeschlossen wurde — eine Mauer von schwarzen Fräcken und weißen Vorhemden , die so hart und blank erglänzten wie das Parkett , und regelrecht gescheiteltes , kurzgeschnittenes Haar , sorgsam gedrehte kleine Schnurrbärtchen . Auf der männlichen Seite trat hauptsächlich das Bemühen , die weißen Handschuhe überzustreifen , hervor und außerdem wie drüben ein halblautes Flüstern , ein steifes Verbeugen , ein ernstes Händeschütteln . Von der schwarzen Phalanx sonderte sich ein kleiner Kreis blitzender Epauletten und Uniformen ab . Hier wurde lauter geschwatzt , die Kameraden musterten den Saal mit spöttischem Siegerblick und wagten sich leichten , tanzenden Schrittes über den fürchterlichen leeren Raum zu dem Hyacinthenbeet , durch welches dann jedesmal ein leises Zittern und Bewegen lief . Zu zweien und dreien lösten sich nun auch die schwarzen Gestalten aus der Menge und tauchten nach Tänzerinnen zwischen die lichten bunten Kleiderwolken . Vom Rande des Saales aber starrten und starrten viele Mutteraugen zu den sich in Schlachtreihen gegenüberstehenden Heerscharen , und wie gern hätte mancher Mund aus dem Hintergrund Befehle und Anweisungen herübergerufen . Die Väter verharrten gleichsam als der Train und die Fouragemeister , die eine Armee ja nicht entbehren kann , in den Nebenstuben und in den Thüren des Tanzsaals . Und nun schmetterten die Fanfaren zum Angriff , und die Schwarzen stürzten sich auf die Hellen , alles wirbelte durcheinander und die Schlacht konnte beginnen . Hei — das gab heiße Arbeit ! Wie die Schweißtropfen über die männlichen Gesichter rannen und vergebens mit weißen Tüchern getrocknet wurden ! Wie die Tarlatanfetzen von den dünnen Kleidern flogen , wie die frisierten Haare sich lösten und die Schultern warm und die Augen lebendig wurden ! Und wie die Mütter in ihren Unterhaltungen ganz verstummten und mit vorgestreckten Hälsen , mit Lorgnetten und Kneifern — eine sehr Kurzsichtige gebrauchte sogar ein Opernglas — in dem Gewoge die einzelnen Paare verfolgten . Und wie die Väter sich gemütlich zu Bier und Skat niederließen und zu langen politischen Auseinandersetzungen , die doch nichts Aufregendes hatten , weil man im Grunde als preußischer Beamter nur eine Meinung haben konnte und allerseits treu zu Kaiser und Reich stand . Ja , nun war die Ballfreude auf ihrem Höhepunkt angekommen ! Agathe erstaunte über die Einfachheit von Eugenies Anzug , den , trotz aller Bitten , keine Freundin vorher hatte sehen dürfen . Um dieses Kleidchens willen zweimal nach Berlin zu reisen und soviel Geld dafür auszugeben ! Kein Besatz — keine Rüschen — keine Blumen . Es saß ja wunderbar , das war nicht zu leugnen . Während die Schleppe bei den meisten jungen Damen ein prächtiges Gebäude bildete , das einer Wendung seiner Eigentümerin immer einen steiftüllnen Widerstand entgegensetzte und erst durch ein seitliches Fußschlenkern zur Raison gebracht werden mußte , schmiegte sie sich bei Eugenie der leisesten Wellenbiegung ihres Körpers an . Die Taille vollends erschien nur wie eine die stolze Büste eng umspannende blaßrosa Haut . Es war in diesem Winter die Mode , kleine ovale Kränze zu tragen . Eugenie hatte auch diesen Schmuck verschmäht . Ihr Haar war nicht einmal sehr kunstvoll geordnet , der feine blonde Kopf mit den scharfblickenden grauen Augen und den am Tage etwas hartroten Farben war in einen Puderschleier gehüllt , der ihm ein verwischtes , faniertes Aussehen gab . Aber von den köstlich geformten Schultern und Armen schien förmlich ein Glanz , ein sanftes weißes Licht auszustrahlen . Um den Hals war statt einer goldenen Kette ein Streifchen farblosen Illusionstülls gewickelt und neben dem Ohr zu einer kindischen Schleife geknüpft . Eine Laune . . . Agathe wußte , daß ihre Freundin an der Stelle unter dem Ohr eine häßliche Narbe besaß . “ Die versteht ' s . . . . Na , Kinder — alle Achtung ! Die versteht ' s ! ” sagte Onkel Gustav mit ehrfurchtsvollem Ausdruck . Er galt in der Stadt für den feinsten Kenner weiblicher Schönheit . Seine geschiedene Gemahlin sollte eine bezaubernde Frau — ein wahrer Dämon an Reiz gewesen sein , erzählte man sich . Als Agathe die Fülle eleganter Erscheinungen sah , verlor sie plötzlich jede Hoffnung auf Erfolg . Sie wurde unsicher , wußte nicht , wie sie stehen , wie sie die Hände halten , wohin sie blicken sollte . Ihre Mutter kam zu ihr heran und nahm ihr den schwanbesetzten Kragen ab , den sie in ihrer Verwirrung umbehalten hatte . Die Regierungsrätin flüsterte ihr zu , nicht so ein ernsthaftes Gesicht zu machen , sonst würde kein Herr sie zum Tanz auffordern . Gott ! Das wäre entsetzlich ! Agathe begann eine Angst zu fühlen , wie sie bisher in ihrem jungen Leben noch nicht gekannt hatte . Getrieben von dieser Angst , deren sie sich doch schämte , drückte sie sich hinter ihre Freundinnen und flüchtete in eine Ecke des Saales . Es wäre ja eine solche Schande gewesen , auf ihrem ersten Balle sitzen zu bleiben ! Sie bereute , Martins Anerbieten , den Eröffnungs-Walzer mit ihr zu tanzen , nicht angenommen zu haben . Heute Morgen kam ihr das wie ein armseliger Notbehelf vor — jetzt wäre sie glücklich über den Notbehelf gewesen . Sie sah Eugenie in der vordersten Reihe umringt von fünf bis sechs Herren , die ihre Tanzkarte von Hand zu Hand gehen ließen und eifrig darüber beratschlagten . Und zu ihr war immer noch niemand gekommen . . . Neben ihr stand ein häßliches ältliches Geschöpf , mit sanften ergebenen Augen , das tröstend zu ihr sagte : “ Es sind immer so viel mehr Damen als Herren da . ” Große Gruppen von jungen Männern sprachen unbefangen mit einander , es fiel ihnen gar nicht ein , daß man von ihnen erwartete , sie sollten tanzen . Ein kahlköpfiger Assessor , der für sehr gescheut und liebenswürdig galt , streifte langsam an den Damenreihen vorüber . Er sah durch seinen Klemmer jede Einzelne an , vom Stirnlöckchen bis herunter auf die weißen Atlasschuhe prüften seine Blicke . Er kam auch zu den Schüchternen im Hintergrunde . Agathe , deren Vater er kannte , wurde von ihm gegrüßt . Er blieb eine Sekunde vor ihr stehen . Sie hielt die Tanzkarte in den zitternden Fingern und machte eine unwillkürliche Bewegung , sie ihm zu reichen . “ Wollen gnädiges Fräulein nicht tanzen , daß Sie sich so zurückgezogen haben ? ” fragte er und schlenderte weiter . Agathe biß die Zähne in die Lippe . Etwas Abscheuliches quoll in ihr auf : ein Haß — eine Bitterkeit — ein Schmerz . . . . Sie hätte mögen zu ihrer Mutter stürzen und schreien : Warum hast Du mich hierhergebracht ? Warum hast Du mir das angethan — das — das . . . . dieser Schimpf , der nie wieder von ihr abgewaschen werden konnte . Der Tanz begann . Ein blondes Bürschchen steuerte durch die sich drehenden Paare auf die Ecke zu , wo Agathe mit dem ältlichen Geschöpf stehen geblieben war . Seine Augen staunten Agathe bewundernd an — er wurde rot vor Entzücken bei dem Gedanken , daß er sie in den Armen halten könne — aber er war ihr nicht vorgestellt — und . . . . nein , ehe er gewagt hätte sich selbst mit ihr bekannt zu machen , eher holte er die Freundin seiner Schwester an ihrer Seite . Dankbar hüpfte das ältliche Geschöpf mit dem Kerlchen davon und Agathe blieb allein . Da wurde sie plötzlich bemerkt und alles wunderte sich , daß sie nicht tanzte , sie war doch unstreitig eines der hübschesten Mädchen . Die Mütter tauschten ihre Bemerkungen , sie kamen zur Regierungsrätin Heidling und diese lächelte mit ihrem armen , von wütenden Nervenschmerzen schiefgezogenen Munde und sagte freundlich : “ Ja — das sind Ballerfahrungen . ” Alle Mütter waren einig : Die jungen Mädchen mußten notwendig solche Erfahrungen machen . Aber mehrere dachten im Stillen , es sei doch recht ungeschickt von der Regierungsrätin , nicht vor dem Ball eine Gesellschaft mit einem guten Souper gegeben zu haben , bei der ihre Tochter für alle Tänze engagiert worden wäre . Die Regierungsrätin hatte zu fest auf den zarten , unschuldsvollen Reiz von Agathes siebzehn Jahren gebaut . Als erinnere sich jeder Herr eines unverzeihlichen Vergehens , wurde Agathe nun fortwährend zu Extratouren geholt . Sie versuchte vergnügt zu werden , aber das vergebliche Warten hatte ihr die Stimmung verdorben . Der starke Geruch der Pomade auf den Köpfen ihrer Tänzer , ein anderes unerklärliches Etwas , das von den Männern ausging , denen sie plötzlich so nahe kam , verursachte ihr Unbehagen . Die Art und Weise , wie gleich der Erste sie umfaßte und tanzend fest und fester an sich preßte , war ihr peinvoll . Der Zweite streckte ihr den Arm wie einen gezückten Speer , mit dem er sich einen Weg durchs Gedränge bahnen wollte , wagerecht hinaus ; der Dritte drückte ihre Hand krampfhaft in der seinen und stöhnte und schnaufte . Ein Vierter schwenkte ihren und seinen Arm wild im Takte auf und nieder und trat ihr beständig auf die Zehen . Mit ihrem Bruder und den Vettern hatte sie sicher und fröhlich geschwungen — hier vergaß sie alles Gelernte , widerstrebte steif und ängstlich dem Führer und machte die dummsten Fehler . Es war ihr eine Erlösung , als Onkel Gustav sie einmal holte . Onkel Gustav hatte jeder von Agathes Freundinnen ein Fläschchen “ Jugendborn ” geschenkt , und forderte nun alle die jungen Damen auf , um sich von der Wirkung seines Schönheitswassers zu überzeugen . Er tanzte aus Geschäftsrücksichten . Während er mit ritterlicher Grandezza seine Nichte im Arm hielt , hörte sie ihn halblaut sagen : “ Zu viel Benzoë — etwas mehr Lawendel könnte nicht schaden — was meinst Du , Agathe ? ” Aber er tanzte dabei viel , viel besser als die jungen Herren , das wurde allgemein anerkannt . Er war auch ausgezeichnet geschmackvoll gekleidet — niemand wußte , wie er das bei seinen spärlichen Einnahmen möglich machte . Zuweilen gab er den reichen jungen Kaufleuten oder den Strebern unter den Juristen mit herablassender Miene , als vermittle er ihnen ein wichtiges diplomatisches Geheimnis , die Adresse seines hauptstädtischen Schneiders . Onkel Gustav lebte von Nebenverdiensten für gebildete Herren mit ausgebreitetem Bekanntenkreise . Doch wurde diese Thatsache von ihm mit heiterem Idealismus vergoldet . Sein Streben ging darauf : Das Schöne zu verbreiten . “ Das Schöne ” war ihm ein Rock , der nicht eine einzige Falte schlug — ein Parfüm , das vornehmen Nasen wohlgefällig und zugleich gesund zu brauchen war . Als das Souper begann , wurde Agathe von ihrem Herrn gefragt , ob es ihr recht sei , wenn sie mit ihrer Freundin Eugenie eine gemütliche Ecke bildeten . Agathe war einverstanden . Eugenie wurde von Martin geführt , außerdem nahm Lisbeth Wendhagen an der Gruppe teil . Sie vermehrte die Lustigkeit jedoch nicht sehr , weil sie fortwährend die hinter ihr befindliche zweite Tafel im Auge zu behalten suchte , wo Referendar Sonnenstrahl einer ihrer Freundinnen den Hof machte . Auch klagte sie Agathe , daß sie zu enge Schuhe trage und deshalb gezwungen sei , den ganzen Abend nur auf einem Fuße zu stehen , um den andern ausruhen zu lassen . Eugenie befand sich dagegen in bester Laune , und auch die zwei Herren bemühten sich nach Kräften , die Unterhaltung in frischem Gange zu halten . Man tauschte allerlei sinnreiche Witze und Wetten aus , naschte vorzeitig vom Dessert , und lehrte sich die richtige Art des Anstoßens , wobei man einander in die Augen blicken mußte . Agathe machte die Bemerkung , daß dies alles nicht die Art von harmloser Fröhlichkeit war , in der sie früher mit den jungen Leuten verkehrte . Mit den ungewohnten Gesellschaftskleidern schienen sie alle eine sonderbare Feierlichkeit angelegt zu haben . Agathe mußte ein paarmal in ein helles Gekicher ausbrechen , weil sie sich erinnerte , daß ihr Tischherr , der sie jetzt “ mein gnädiges Fräulein ” nannte und ihr mit unglaublicher Höflichkeit jede Schüssel präsentierte , sich einmal in ihrer Gegenwart mit Walter fürchterlich geprügelt hatte , wobei sie selbst einige Püffe erhielt und die Jungen zuletzt beide zerzaust und zerkratzt an der Erde herumgekugelt waren . Auch Martin und Eugenie kamen ihr wie unbekannte Menschen vor . Martin hatte statt seiner noch vor zwei Stunden zur Schau getragenen Derbheit eine wunderliche Sentimentalität angenommen , und Eugenie sagte alles mit gezierten kleinen Spitzen und absichtlichen Bewegungen und Blicken , deren Sinn Agathe noch nicht verstand . Dabei fühlte sie jedoch , daß auch sie sich mehr und mehr in ein ganz unnatürliches Wesen verlor . Als der Lärm an den großen Tischen immer lauter wurde , die Herren dem Champagner lebhaft zusprachen , sich in den Stühlen zurück- oder weit über den Tisch hinüberlehnten und alles um sie her lachte , flüsterte und jubelte , wurde Agathe ohne