Befehl von Mamsell Wärmchen ein , die Herrschaften mit einem Gang durch den Park etwas zu beschäftigen , denn die jungen Gänse müßten noch ein halbes Stündchen prutzeln . Als Herr von Kosegarten die Prinzessin am Arm die Treppe hinuntergeleitet hatte , machte er sie infolge dieser ihm zugeflüsterten Weisung in dem scherzhaft ehrerbietigen Tone , den er ihr gegenüber anzuschlagen pflegte , auf die neuangelegten Frühjahrsbeete aufmerksam , die sie durchaus besichtigen müsse , wenn sie seine Frau nicht tödlich kränken wolle . Und so begab man sich denn mit dem Gefolge , das nur aus einem Kammerherrn und einer Hofdame bestand , in den Park hinab zu einem Rundgang durch die Kastanienallee bis zum Taxusweg und wieder zurück . Prinzessin Karoline , eine muntere , sehr starke Dame in einer jugendlich farbigen Toilette , ließ ihre langstielige Schildpattlorgnette kaum von den Augen und bewunderte , was man ihr zeigte , in einer fröhlichen , beinahe kindlich lebendigen Weise . Sie fand alles » nett , sehr nett « und plauderte und lachte mit ihrem alten Freunde Kosegarten ebenso vergnüglich über die Not der Landwirtschaft , über die Ansprüche der Sozialdemokratie wie über ihren beginnenden Rheumatismus und ihren neuen Frühjahrshut , den sie soeben von Paquin aus Paris erhalten hatte und den er als alter Kavalier geziemend bewunderte . Abwechselnd mit der Schildpattlorgnette benutzte Prinzeß Karoline einen großen Fächer , auf dem ein spanischer Stierkampf abgebildet war , denn sie litt an Blutwallungen und war aus diesem Grunde stark gepudert . Der Fächer war das Geschenk einer spanischen Infantin , die Prinzessin Karoline in der glänzendsten Zeit ihres Lebens während eines Winteraufenthaltes am Wiener Hofe kennengelernt hatte . Die Erinnerungen vom Wiener Hofe bestritten noch jetzt , nach fast fünfundzwanzig Jahren , den Hauptinhalt ihrer Gespräche und bildeten wahrscheinlich noch mehr den Inhalt ihrer Gedanken . Sie war ein leichtlebiges , warmherziges Menschenkind und konnte diese Eigenschaften in der öden Eintönigkeit ihres prinzlichen Altjungferntums , das sich in unveränderlichem Kreislauf zwischen den drei Residenzen Langenrode , Hirschburg und Nassenstein bewegte , noch immer nicht ganz überwinden . Ja , es war ein offenes Geheimnis , daß Prinzessin Karoline durch ihre unzeitgemäßen Natürlichkeiten bisweilen zu einer Familienkalamität des herzoglichen Hauses wurde . Um ihre vor fünfundzwanzig Jahren noch weniger gebändigte Lebenslust und Verschwendungssucht in Schranken zu halten , hatte man ihr damals zu jener Brautfahrt an den Wiener Hof als Begleiterin und fürsorgende Ratgeberin die ernste , sittenstrenge , zur Sparsamkeit veranlagte Trinette von Kosegarten beigegeben . Trinette entzog ihrer Schutzbefohlenen sofort den aufregenden chinesischen Tee und tränkte sie mit dem lindernden Gebräu der heimischen Erdbeerpflanze . Wieviel sie damit in der Milderung des allzu ungestümen fürstlichen Blutes geleistet hatte , blieb ungewiß . Prinzessin Karoline amüsierte sich prachtvoll in Wien . Der Ruf ihrer märchenhaften Toiletten drang durch alle Landsitze von Langenrode-Hirschburg-Nassenstein und wurde in den Harztälern von den frommen Edelfrauen mißbilligend besprochen . Aber aus der Heirat mit dem österreichischen Erzherzog wurde leider nichts . Es ging ein Gerücht , sein an Jahren bedeutend jüngerer Adjutant sei in irgendeiner Weise hindernd dazwischengetreten . Wien war weit von Langenrode , und so ließ sich denn dieses Gerücht natürlich nicht kontrollieren . Am Ende schickte man Prinzessin Karoline , mit kostbaren Geschenken reich bedacht , an das heimatliche Höfchen zurück . Sie feierte dort mit den glanzvollen Toiletten , dem Wiener Geplausch , das sie sich angeeignet hatte , und mit den kleinen Künsten einer muntern Koketterie noch einen längern Nachsommer . Sie war damals , sagen wir es gerade heraus , der Schrecken aller Mütter heranwachsender Söhne und mancher eifersüchtigen Ehefrau . Ja , es kam eine Zeit , in der Trinette es mit ihrem christlichen Sinne nicht mehr vereinigen konnte , einem so unbefangenen Weltkind zu dienen , und sich nach manchem innerlichen Kampfe definitiv in das Stift Altheiligenberge zurückzog . Den eigentlichen , letzten Grund ihrer Trennung von der Prinzessin erfuhr niemand außer ihrem Bruder . Prinzessin Karoline hatte sie in einer schwachen Stunde dazu gebracht , ihr bare sechstausend Mark zu leihen , und nachdem die letzte Hoffnung geschwunden war , diese Summe durch den Herzog wiederzuerhalten , zog Trinette es vor , einer zweiten solchen Schröpfung ein für allemal zu entgehen . Nach erfolgtem Rundgang durch den Park wurde Hilde im Gartensaal der Prinzessin vorgestellt . Die Hoheit erinnerte sich ihrer sehr wohl . Und Hilde hatte sich gar nicht verändert . Siebenundzwanzig Jahre war sie ? Das richtige Alter für eine Hofdame . Das verjüngte Ebenbild ihrer Freundin Trinette . Dieser Vergleich war freilich nicht besonders entzückend für Hildens Eitelkeit , obwohl die Sage in der Familie ging , Trinette wäre in ihrer Jugend einmal hübsch gewesen . Aber Hilde nahm solche Dinge humoristisch ; sie wußte auch , daß man die Worte der hohen Herrschaften nicht eben auf die Goldwage legen dürfe . Die verlängerte und mit Ei abgequirlte Hühnerbouillon reichte für alle Teilnehmer des ländlichen Frühstücks . Die jungen Gänse waren goldbraun und knusperig und machten Mamsell Wärmchens Kunst alle Ehre . Auch frische Gurken und junge Kartoffeln gab es aus den Treibkästen . Prinzessin Karoline begeisterte sich an der Nachricht , daß Hilde es war , die nicht nur das Menü zusammengestellt , sondern auch die Gänse gezüchtet und die Oberleitung über die Treibkästen besorgt habe . Es war die Rede davon , daß man der Prinzessin ein kleines Schlößchen mit einem schönen Garten und Gewächshäusern , das die fürstliche Familie in einer der zierlichen Harzstädte besaß , zum ständigen Aufenthalt einräumen wolle . Prinzessin Karoline betrachtete dies ungefähr wie eine Verbannung nach Sibirien . Plötzlich aber begann sie die Sache » nett , sehr nett « zu finden und berauschte sich wie ein kleines Mädchen , das ein neues Fräulein bekommt , an den gärtnerischen und landwirtschaftlichen Taten , die sie dort mit ihrer Hofdame zusammen ausführen wollte . Ja , Hühner , Gänse und Fasanen wollte sie ziehen . Sie schlug auch Kiebitze vor wegen der guten Kiebitzeier , wurde aber unter diskretem Gelächter der Tafelrunde belehrt , daß diese Vögel nur in der Freiheit der Moore und Heiden Norddeutschlands zu gedeihen vermöchten . Prinzessin Karoline ließ sich solche kleinen Zurechtweisungen gutmütig gefallen . Sie pflegte zu sagen , daß sie kein Gewicht darauf lege , für eine von den modernen gelehrten Frauen gehalten zu werden , die in der Naturwissenschaft wie in der Geographie Bescheid wissen müßten . Sie brachte so viel Frische und Lustigkeit in die Unterhaltung , daß sie darüber nicht bemerkte , wie zerstreut ihre Gastgeber daran teilnahmen . Sie fragte nach Augusts Verbleib und hörte , daß er sich in dringenden Geschäften habe entfernen müssen . Sie fragte auch nach Nachrichten von dem fernen Amerikaner , worauf plötzlich ein unbehagliches , ja erschreckendes Schweigen am Tisch entstand . Prinzessin Karoline blickte durch ihre Schildpattlorgnette rings um sich her und fragte : » Ich habe doch wohl nicht eine Dummheit gesagt ? « Und dann beugte sie sich zu Trinette vor , die ihr gegenübersaß , und flüsterte hörbar : » Der junge Mann ist doch nicht etwa krank oder gar gestorben ? « » Nein , Gott sei Dank , nein , « antwortete ihr Kosegarten mit einem etwas tiefern Atemzug , » aber Freude macht er uns auch nicht . Man muß die Dinge nehmen , wie sie kommen , ja , das Leben ist einmal putzwunderlich . Es wird wohl Zeit , daß man sich zu seinen Vätern in die Gruft legt ! « Die Prinzessin stieß einen kleinen Entsetzensschrei aus . » Um Gottes willen , cher ami ! « rief sie , und die Schildpattlorgnette fiel klirrend in ihren Schoß , » reden Sie doch nicht solche abscheulichen Dinge ! Sterben – krank sein – alt werden ... gar nicht nett , gar nicht nett ! Denke nicht gern daran ! ... Jugend hat keine Tugend . Der Herr Sohn wird ein wenig leichtsinnig gewesen sein – eh bien – die Leichtsinnigsten sind die Liebenswertesten . Erinnere mich seiner als Page : scharmanter Junge ! « » Wir dürfen wohl unsern Maßstab nicht an jene Existenzen dort drüben legen , « mischte sich der blonde Kammerherr , der die Prinzessin begleitet hatte , ins Gespräch , » es verrücken sich ja jetzt auch bei uns die Anschauungen über die Gebiete , die dem Edelmann zur Verwendung seiner Kraft zustehen , um ein bedeutendes . « » Ja , ja , « gab Kosegarten zu und faßte seinen grauen Bart mit der knochigen Hand , als müßte er dort irgendwie eine Stütze suchen , » das meint August auch . Ich weiß nicht , was man dazu sagen soll . Mögen die Jungen ihr Heil versuchen ... Mit der Landwirtschaft ist nichts mehr anzufangen – das haben wir Alten ja schon . Schockschwerenot – zum Deibel nicht noch einmal – genugsam erfahren ! « » Hoheit äußerten sich neulich interessiert , « begann der Kammerherr vorsichtig , » zu erfahren , welche Art von industriellem Unternehmen Ihr Sohn August nun auf Rauschenrode eröffnen wird ? « » Ach ja , kolossal interessant , « rief die Prinzessin , » Industrie ist Trumpf , meint mein Bruder , der Herzog ! « Kosegarten ließ seine blauen , bekümmerten Augen auf ihr weilen . » Zu einem industriellen Unternehmen gehört bekanntlich Geld , « bemerkte er , » und wo August das hernehmen will , ist mir schleierhaft . Aber das ist ja seine Sache , ich mische mich da nicht ein ! « » Geld ... « seufzte die Prinzessin , » das ist ein so schreckliches Wort Vraiment . lieber Kosegarten , ich hasse dieses Wort ! Es stört und hindert mich immerfort zu tun , was ich möchte . « Kosegarten lachte und schlug mit der Hand auf den Tisch . » Ein verfluchtes Wort ! Wissen Hoheit , daß es heutzutage geradezu unanständig , pöbelhaft ist , Geld zu haben ! « Und nun lachten sie beide , und die Prinzessin rief : » Superbe ! Unanständig ist es , Geld zu haben ! Das sage ich auch ! – Mein lieber Kosegarten , wir verstehen uns noch ebensogut wie vor zwanzig Jahren , als wir Walzer miteinander tanzten ! « » Man ist alt , steif und faul geworden , « sagte Kosegarten resigniert . » Aber Hoheit haben sich gehalten ... diese Augen – « » Na ja , die Augen ... « fiel die Prinzessin ein , » aber was tue ich mit den Augen allein ! Eine arme , alte , fette , sitzengebliebene Prinzessin ! Gar nicht nett , lieber Kosegarten , gar nicht nett ! Reden wir von etwas anderm , reden wir von der Jugend ! Womit hat denn Ihr Sohn in Amerika eigentlich sein Glück gemacht ? « Die Frage kam so überraschend , daß sie Kosegarten förmlich verblüffte und er im Augenblick keine Antwort wußte . Er zog die Brauen hoch , blickte die Prinzessin verwirrt an und brummte unsicher : » Glück gemacht ? Na , das ist nu solche Sache ! « Trinette aber vergaß in diesem Augenblick ihre höfische Gewandtheit nicht . Sie beugte sich vor und sagte etwas obenhin , wie man von selbstverständlichen Dingen spricht : » Mein Neffe hat leider große Verluste in seinem Geschäft erleiden müssen , politische Konstellationen , die dort drüben ja immer in den Handel mit hineinspielen . Aber , Gott sei Dank , er ist momentan ganz wieder auf der Höhe ... Wir haben die Aussicht , ihn in kurzer Zeit hier zu einem flüchtigen Besuch bei seinen Eltern zu erwarten . « » Nein , was Sie sagen ! « rief die Prinzessin begeistert und schlug die kleinen , weißen Händchen wie ein Kind zusammen . » Meine liebe Frau von Kosegarten , warum haben Sie mir das nicht längst erzählt ? – Das ist ja eine große Freude für Sie ! « Frau von Kosegarten bekam nasse Augen . Ein wehmütiges Lächeln , das nicht gerade nach Freude aussah , glitt über ihr gutes Gesicht . » Ich verstehe , « sagte die Prinzessin weich und herzlich . » Erinnerungen ... Müssen überwunden werden ! Vergessen sich vor der Gegenwart ! Was führt ihn denn nach der Heimat ? « Beide Eltern wagten nicht zu antworten und sahen erwartungsvoll auf Tante Trinette mit ihrer Weltgewandtheit . Sie erhob den Kopf , reckte den Hals lang und dünn aus dem vergilbten Pointkragen , und indem sie mit einem umfassenden Blick alle Anwesenden gleichsam unter ihre eigene Anschauung der Dinge beugte , sagte sie langsam : » Mein Neffe hat neue Geschäftsverbindungen in Deutschland angeknüpft . Er hat Kohlenlieferungen für den » Norddeutschen Lloyd « übernommen . Hoheit entsinnen sich ... der » Norddeutsche Lloyd « – sehr protegiert von Majestät ! « » Kohlenlieferungen ... « wiederholte die Prinzessin , durch das feierliche Wesen Trinettens beinahe eingeschüchtert , » wie interessant , wie zeitgemäß ! Das ist ja nett , sehr nett ! « Sie überhörte den tiefen Seufzer , der Frau Marie entfuhr , und plauderte vergnüglich weiter : » Meine liebe Frau von Kosegarten , wenn Ihr Sohn hier ist , wundern Sie sich nicht , wenn ich Sie plötzlich überfalle und um eine Tasse Tee bitte . Es muß ja höchst spannend sein , ihn erzählen zu hören ! Als ich in Wien war , schilderte mir ein Afrikareisender , wie er unter den Tatzen eines Löwen gelegen habe . Vielleicht war es nicht wahr , aber immerhin , der Mann verstand Konversation zu machen . « Man erhob sich und beschloß , den Kaffee um des so hellen warmen Tages willen auf der Rampe vor dem Gartensaal einzunehmen . Prinzessin Karoline hatte kein Bedürfnis , länger zu sitzen . Sie bewegte sich , ihre kleine Mokkatasse in der Hand , unaufhörlich zwischen der Rampe und dem Gartensaal hin und her , bewunderte die Sammlung seltener Porzellane in den Eckschränken und sprach freundliche Worte zu Hilde . » Ich glaube , wir haben manches Ähnliche miteinander , « sagte sie und blickte ihr lächelnd in die Augen , » ich hoffe , wir werden uns gut verstehen . Ich liebe die Steifheit durchaus nicht , mein liebes Kind . Geben Sie sich ganz natürlich – menschlich – schenken Sie mir Ihr Vertrauen ! « Hilde verneigte sich errötend . Was sollte sie von dieser kleinen Anrede halten ? Sie hatte Tante Trinette energisch gesagt , sie werde nur unter der Bedingung die Hofdamenstellung annehmen , daß man der Prinzessin jenes Vorkommnis in Langenrode nicht verschweige . War dies die Antwort darauf ? Die Prinzessin nahm ihre Freundin Trinette unter den Arm . » Meine Beste , ich habe noch nichts von dir gehabt , laß uns ein wenig gemütlich plaudern ! « Auf diesen Wink zog sich das Kosegartensche Ehepaar mit den Begleitern der Prinzessin und Hilde aus Hörweite der Jugendfreundinnen zurück . Kosegarten bemühte sich , das ältliche Hoffräulein und den blonden Kammerherrn durch lange , von manchem Kernwort gewürzte Jagdgeschichten zu unterhalten . Marie wollte von Hilde hören , warum Mimi nicht geblieben sei und was dieser eilige Aufbruch zu bedeuten habe . Hilde war spärlich und zurückhaltend in ihren Mitteilungen über die zwischen ihr und Mimi stattgefundenen Gespräche . Beunruhigt blickte sie zuweilen zu den Damen hinüber , die mit gedämpften Stimmen ein augenscheinlich nicht gleichgültiges Thema verhandelten . Sie fühlte , daß sie selbst dieses Thema bildete . Die Prinzessin äußerte sich liebenswürdig über das junge Mädchen . » Aber da ist ein Punkt , meine Liebe , den ich nicht gern berühre , und den ich trotzdem erwähnen muß ... « Trinette senkte die Lider über ihre blassen und doch scharfen Augen . » Hoheit ? « fragte sie abwartend . » Ja , nun , ich sprach neulich gegen einige Herren die Absicht aus , mir deine Nichte zu attachieren . Die Herren lächelten , Trinette . Es ist nicht gut , wenn Herren bei dem Namen eines jungen Mädchens zu lächeln beginnen ... « » Ich bin ganz der Meinung von Hoheit , « pflichtete ihr Trinette bei , » aber haben Hoheit noch nie die Klatschsucht an Fürstenhöfen – ich will ja nicht sagen kennengelernt – aber doch beobachtet ? Bis zu Hoheits reiner Höhe würde ja dieser trübe Schlamm nie zu dringen wagen ... « Die Prinzessin kniff mit einer gassenjungenartigen Bewegung ihr linkes Auge zu und sagte leichthin : » Der trübe Schlamm wagt manches , was man ihm nicht zugetraut hätte ... übrigens habe ich mich erkundigt ... man kann deiner Nichte nichts Tatsächliches nachsagen . « Trinette hob die Lider wieder und beugte sich so zärtlich , wie ihre steife Gestalt es zuließ , zur Hoheit hinüber . » Wäre ich nicht von der Herzensreinheit meiner Nichte überzeugt , « sagte sie eindringlich , » wie würde ich sie für den verantwortlichen Posten einer Hofdame bei meiner geliebten Hoheit vorgeschlagen haben ? Der Neid in Langenrode über die Güte , die die hohen Herrschaften unserer Familie stets erwiesen haben , die Eifersucht gewisser Damen ... dadurch ist das ganze Gerede verursacht . Ich will zugeben , daß Hilde unvorsichtig war ; sie hat sich von einem Manne den Hof machen lassen , der wie Graf Kessenbrock in dem Ruf eines Lebemannes stand . Ich bin der Ansicht , das hätte nicht sein sollen . « Die Prinzessin schüttelte den Kopf und lachte . » Noch immer so streng , meine Gute ? « » Ich bin nicht streng in diesem Falle , « verteidigte sich Trinette , » ich entschuldige Hilde mit ihrer Jugend , mit ihrer Unbeschütztheit ; ich war damals unglücklicherweise in Altheiligenberge . Meine Schwägerin , halb besinnungslos durch den Schmerz des Abschieds von ihrem Sohn , kümmerte sich wenig oder gar nicht um das junge Mädchen . Es war Hildens Unschuld , die sie unvorsichtig sein ließ . « In das rote , überpuderte Gesicht der Prinzessin schlich sich ein weicher , gerührter Ausdruck . » Das war hübsch ausgedrückt , Trinette , « sagte sie leise mit einer wunderlichen Bewegtheit in der Stimme . Gleich darauf aber meinte sie kühler und ein wenig ironisch : » Es versteht sich von selbst , daß die Liebeleien der jungen Mädchen von Stand immer unschuldig sind . Warum sollte deine Nichte allein eine Ausnahme gemacht haben ? « » Ich kenne meine Nichte , « versicherte Trinette , » so gut , wie ich meine teure Hoheit zu kennen mich unterfange . « Da brach die Hoheit in ein unmotiviertes , helles Gelächter aus . » Du kennst mich , Trmette ? Sehr gut ! Sehr gut ! Du kennst mich wirklich durch und durch ? ... Nun , lassen wir das ! – Es ist nur eine Fatalität zu bedenken : deine Nichte war damals im Haus des Oberforstmeisters von Leuchtenberg zu Besuch . Soviel ich weiß , schickte Frau von Leuchtenberg die junge Kosegarten mit Protest nach Hause zurück , weil die Kammerjungfer oder der Bursche , oder – que sais je – weil irgend jemand von den Leuten das Fräulein einmal im Stall bei den Pferden des Grafen getroffen haben soll . Mon Dieu , bei den Pferden ... « Die Prinzessin kicherte . Auch Trinette lachte ärgerlich . » Graf Kessenbrock hatte ja damals seinen Rennstall längst aufgegeben . Dies alles stimmt nicht im mindesten . Es war die Zeit , wo der Graf bereits unter Kuratel gestellt wurde , « beteuerte sie lebhaft . Die Prinzessin legte ihre beiden Hände zusammen , senkte den Kopf auf die Brust und blickte ihre alte Hofdame von unten herauf lustig spöttisch an . Sie sah beinahe klug aus in diesem Augenblick , die Prinzessin Karoline . » Tres bien , halten wir das fest ! Der Rennstall des Grafen Kessenbrock war bereits aufgelöst . – Aber die Tatsache bleibt bestehen : Frau von Leuchtenberg hat das junge Mädchen ihren Verwandten zurückgeschickt , und Frau von Leuchtenberg ist seit kurzem Oberhofmeisterin bei meiner jungen Schwägerin . Das ist sehr , sehr schade ! « » Hoheit sind doch wohl in der Lage , sich Ihre Hofdame nach eigenem Willen aussuchen zu dürfen , « bemerkte Trinette scharf und überredend . » Ach , « klagte die Prinzessin , » ich wäre wohl in der Lage , aber man redet mir doch sehr viel dringender zu , die Gräfin Audorf zu engagieren ... « » Eine entsetzliche , verfettete Person die Audorf ... Unmöglich ! « rief Trinette empört . » Hoheit brauchen Jugend , Frische , Munterkeit in Ihrer Umgebung ! « » Man gönnt es mir nicht , Trinette , man gönnt es mir nicht ! O , meine Trinette , jene Wiener Tage ! – Ich muß mich gegen die Dame mit meinem Bruder , dem Herzog , verbünden ! Er mag die Fetten auch nicht . Und dann wünscht er den Kosegartens auf diese Weise gefällig zu sein . « » Und in anderer Weise ... ? « warf Trinette lauernd ein . » Ist leider wenig Neigung vorhanden , meine Beste ! « » O , « rief Trinette , und ihr lederfarbenes Gesicht brachte es fertig , vor Erregung zu erröten , » das dürfen Hoheit mir nicht sagen ! Soll dieses Gut , das sechshundert Jahre in der Familie war , unter den Hammer kommen ? Soll eine alte Familie , die ihrem Fürstenhause so treu ergeben ist , außer Landes gehen ? « Die Prinzessin wehte sich mit dem Fächer , auf dem ein spanisches Stiergefecht abgebildet war , Kühlung zu . » Der Eßsaal in Nassenstein ist neu hergerichtet , Weiß mit Gold . Nett , sehr nett ! Tiefe Ebbe in der herzoglichen Kasse . Und meine Schwägerin hat neuerdings die Anschauung , es hindere den Verkehr mit adligen Familien des Landes , wenn sie ihnen Geld borge ; sie könne dann nicht mehr mit ihnen an dem gleichen Tisch essen . Ich muß gestehen , diese moderne Sensibilität ist mir fremd . Ich könnte ruhig weiter mit meiner Schwägerin am selben Tisch essen , wenn sie mir aus meinen pekuniären Verlegenheiten geholfen hätte . Das sind übertriebene Anschauungen – gar nicht nett , gar nicht nett ! « Die Prinzessin erhob sich aus dem niedrigen Lehnstuhl , um sich wieder ihren Gastgebern zuzuwenden . Trotz ihrer natürlichen Güte verstand sie es , in fürstlicher Weise ein Gespräch , das ihr unbequem wurde , zur rechten Zeit abzuschneiden . In diesem Augenblick geschah etwas ganz Unerwartetes . Durch das geöffnete schmiedeeiserne Tor brauste fauchend und stampfend ein rotlackiertes Automobil , lenkte in elegantem Bogen um den Kiesplatz und hielt vor der Rampe . » Mon Dieu , lieber Kosegarten , « rief die Prinzessin freudig erregt , was bekommen Sie für mondänen Besuch ! « » Das kann nur ein Käufer für Rauschenrode sein ! « entfuhr es Frau Marie , die sich bisher fast unhöflich still verhalten hatte . Eine gewisse Spannung ergriff die ganze Gesellschaft . Kosegarten näherte sich der Freitreppe , die durch wenige Stufen die Verbindung zwischen ihm und diesem rätselhaften Besuch darstellte . In dem Automobil erhob sich ein Herr , den eine Schutzbrille , Lederkappe und Gummimantel gänzlich verhüllten . Seine und des Chauffeurs Kleider und überhaupt die ganze Maschine waren von so dicken Staublagen bedeckt , daß man sah , die Fahrt mußte weit gewesen sein . Der Herr öffnete mit schnellem Griffe die Tür , sprang im Augenblick , als das Automobil hielt , mit geschicktem Satz hinaus , eilte die wenigen Stufen hinan , legte Kosegarten beide Hände auf die Schultern und sagte mit einer Stimme , die allen plötzlich erschütternd bekannt war : » Papa , ich darf doch wiederkommen ? « Obwohl Kosegarten darauf vorbereitet war , seinen Sohn am heutigen Tage noch wiederzusehen , überwältigte ihn doch dessen plötzliches Erscheinen in dieser unvorhergesehenen Weise so sehr , daß er nur verwirrt stammelte : » Junge , Junge , was soll man denn dazu sagen ? « Marie stieß einen Ton zwischen Lachen und Schluchzen aus , wollte vorstürzen , taumelte mit ausgestreckten Händen vor Freude schwindelnd hin und her und wurde von Fritzens kräftigen Armen aufgefangen . Er hielt sie lange fest umschlungen , und sie hörte mit geschlossenen Augen in halber Ohnmacht an ihrem Ohr die leisen , zärtlichen Worte , nach denen sie sich so viele Jahre gesehnt hatte . Prinzessin Karoline aber saß in ihrem Lehnstuhl , die langstielige Lorgnette vor den Augen wie in einem Theater , und rief begeistert : » Familienglück , nein , wie interessant ! Nein , wie ist das nett – sehr nett ! « Es fehlte nicht viel , sie hätte in die Hände geklatscht und applaudiert . Schottenmaier kam mit einer Eile , zu der er sich sonst selten aufschwang , aus dem Speisesaal herbeigestürzt . Fritz rief ihm entgegen : » Hallo , alter Kunde , kennst du mich noch ? ! Nimm mir einmal das Ungetüm von Mantel ab ! « Auf diese Weise löste sich glücklich die beklommene Ergriffenheit des Augenblicks . Fritz , der nun , seiner bergenden Hüllen entledigt , vor den Eltern stand , war eine Erscheinung , die so wenig Tragisches oder Sentimentales an sich trug , daß sie mit einem Schlage die Stimmung , mit der die Familie seinem Kommen entgegengesehen hatte , völlig umwandelte . Dieser schlanke , sehnige Mann mit den etwas tiefliegenden Augen und dem schmalen , gebräunten , energischen Gesicht , dem der kurz über den Lippen verschnittene Bart und ein gewisser Zug , der im Augenblick schwer zu erklären gewesen wäre , etwas entschieden Amerikanisches verliehen , machte keineswegs den Eindruck eines heruntergekommenen oder bedauernswürdigen Individuums . Der hellgraue Anzug brachte die Vorzüge seiner gut gewachsenen , magern Figur zu voller Geltung . In der aparten Krawatte , den bunten Strümpfen und den eleganten , exotisch geformten Halbschuhen brachte er sogar ein wenig von dem muntern Geckentum , das er einst mit hinübergenommen hatte , unverdorben über den Ozean zurück . Seiner Mutter Auge hing mit liebevollster Bewunderung an ihm , und während sie immer wieder seinen Arm , seine Schulter streichelte , sanken von ihrem Herzen unendliche Lasten von Sorge und Gram wie linde tauender Schnee in sich selbst zusammen . Dem alten Herrn wandelte sich die Bewegung zu einer Art komischen Zornes über die Aufregung und Verzweiflung dieses ganzen Tages . » Nun sag mal , Kerl , « schrie er den Sohn mit seiner wütendsten Stimme an , » was für eine Hundekomödie spielst du uns eigentlich vor ? Mutter weint sich die Augen rot , sieht dich verlumpt und verhungert im Straßengraben liegen , dabei flitzest du in dem Aufzuge eines kleinen Millionärs durchs Land ! Schockschwerenot , das ist doch toll ! Das braucht man sich doch von seinen Kindern nicht gefallen zu lassen ! « Dabei brach er in ein lautes , befriedigtes Lachen aus und mußte sein Taschentuch hervorziehen , um sich die Augen zu trocknen . Inzwischen hatten sich die Begleiter der Prinzessin mit diskretem Geflüster ihrer Herrin genaht : es sei doch wohl an der Zeit , sich zurückzuziehen und die Familie ihrer Wiedersehensfreude allein zu überlassen . Die Hoheit aber rebellierte laut und energisch : » Jetzt soll ich fortfahren , wo es hier so reizend ist ? Fällt mir nicht ein ! So etwas hab ich ja noch nie erlebt ! Das ist ja viel amüsanter als Ballett und Oper . Nein , liebe Frau von Kosegarten , nicht wahr . Sie schicken mich nicht fort ? Ich will Sie auch gar nicht stören ... Oder störe ich Sie ? « wendete sie sich zu dem jungen Manne . » Mich ? – « rief Fritz , » – o , mich stört so leicht niemand , wenn ich mich nicht stören lassen will . Betrachten Sie nur ruhig dieses fremdländische Gewächs noch ein wenig , wenn es Ihnen Freude macht . « Die Prinzessin lachte plötzlich laut auf . Sie hatte gehört , daß Fritz den Vater fragte : » Wer ist denn die fidele alte Dame ? « Fräulein Trinette erhob sich entsetzt , eilte auf ihn zu und hauchte mahnend : » Um Gottes willen – es ist ja die Prinzessin Karoline ! « » By Jove , Tante Trinette und ihre Hoheit ! « rief der Amerikaner fröhlich , » Kinder , habt ihr die ganze Zeit hier beieinander gesessen ? – Tante , du hast dich konserviert ! Wie in Spiritus gesetzt ! Na , nicht böse sein , ich habe die Salonmanieren ein bißchen vergessen . Hoheit müssen schon entschuldigen ! « » Ach – entschuldigen ! « rief Prinzessin Karoline mit jugendlich strahlenden Augen und reichte ihm beide Hände , » ich bin ja begeistert , einfach begeistert ! Und Sie waren auf den Goldfeldern , auf den Goldfeldern ! Wenn man nur daran denkt ! « – » Kupfer , Hoheit , es war nur Kupfer – « » Stören Sie mir doch meine Illusionen nicht ! Sie müssen mir alles genau erzählen , alles , hören Sie ? Auch was man Damen sonst nicht erzählt , Sie müssen ganz vergessen , daß ich leider eine Prinzessin bin ! « » Aber gewiß , gern , « rief Fritz munter . » Ich bin zu den unglaublichsten Jagdgeschichten bereit und verspreche , daß ich aufschneiden will wie ein alter Seebär . Nur ... jetzt muß ich erst einmal meine Kusine Hilde und die ganze Bande begrüßen , die da hinter der Tür steht und sich nicht hereintraut . Also vorwärts ! « Es drang ein ganzer Strom von neugierig aufgeregten Leuten vom Flur in den Gartensaal . Von Mamsell Wärmchen an bis zu Zipperjahn und dem Hütejungen auf dem Hofe kamen sie angelaufen , den Sohn