, aber dagegen ließ sich doch nun einmal nicht aufkommen . Das Notariat , das Ernst übernahm , war doch der einzige Rettungsanker für die Familie . Es ist ihm zuwider , ich weiß es längst , nun er kann sich ja davon losmachen und den großen Herren spielen , wenn er will . Das Glück liegt ihm ja gerade vor der Nase , er braucht nur zuzugreifen . « » Ach so , Sie meinen – ? « sagte Hartmut , der jetzt anfing zu begreifen . » Natürlich meine ich ! Sehen Sie das hohe Dach da drüben , zwischen den Bäumen ? Das ist Gernsbach ! Ein schönes , einträgliches Gut , vornehmes altes Herrenhaus , prächtiger Park . – Ernst ist Rechtsvertreter der jungen Witwe , kennt die Verhältnisse ganz genau und wird , glaube ich , gar nicht ungern gesehen . Ein anderer hätte da längst einen Antrag riskiert , aber ihm fällt das natürlich nicht ein . Ich habe ihn mir einmal vorgenommen deswegen , aber da bin ich schön angekommen ! › Ich verkaufe mich nicht , Onkel ! Ich will nicht von dem Gelde meiner reichen Frau leben ! Das ist unwürdig ‹ – Punktum ! Und als wir das nächste Mal zusammen in Gernsbach waren , benahm er sich wie der steinerne Gast und öffnete kaum den Mund . « » Da hat er recht ! « erklärte der Major . Treumann sah ihn überrascht an . » Was ? Würden Sie es Ihrer Frau vielleicht zum Vorwurf machen , wenn sie reich wäre ? « » Zum Vorwurf – nein ! Denn erstens ist Reichtum etwas , wofür der Mensch nicht kann , und zweitens ist er eigentlich auch kein Unglück . Aber ihm den Beruf opfern , um sich von einer reichen Frau füttern zu lassen , und in der Ehe eine Nebenperson zu sein , das ist erbärmlich , und das würde weder Ernst noch ich fertig bekommen , höchstens der Maxl . « » Oho ! « rief der Notar , beleidigt durch diese Mißachtung seines Lieblings . » Maxl ist ein Talent , ein großes ! Der bringt seiner künftigen Frau das Genie als Morgengabe , den Künstlerruhm , den er sich erwerben wird , das ist etwas anderes . Er verkehrt übrigens viel im Marlowschen Hause und hat mir bereits anvertraut , daß die junge Millionärin ihm gar nicht abgeneigt ist – der Teufelsjunge ! Da werden wir noch etwas erleben , der Maxl ist ja bildhübsch und hat fabelhaftes Glück bei den Frauen . « » Möglich , « sagte Hartmut trocken , » aber die Millionärin bekommt er nicht . « » So ? Und warum denn nicht ? « » Weil er ihr zu dumm ist . « » Aber , Herr Major ! « » Viel zu dumm ! « bekräftigte der Major , ohne den Empörungsruf zu beachten . » Die verlangt mehr von ihrem Manne , als daß er ein paar Bilder malt und im Kunstverein ausstellt , sie sieht ganz danach aus , und mit einem Wechsel auf die Zukunft gibt sie sich schwerlich zufrieden . Was übrigens das Zukunftsgenie , den Maxl , betrifft , so sage ich dasselbe , wie Sie bei Ihrem Nabob ! Warten wir erst ab , wie die Geschichte endigt ! und im übrigen gebe ich Ihnen mein Wort darauf , Ernst hat im kleinen Finger mehr Genie als der Maxl in seinem ganzen hübschen , dummen Kopfe ! – Aber da sind wir am Stadtthor , ich gehe über den Wallgraben . Ich empfehle mich Ihnen , Herr Notar . « Damit schlug sich Hartmut seitwärts und ließ den ganz verblüfften alten Herrn stehen . Dieser war bisher mit dem Freunde seines Neffen recht gut ausgekommen , jetzt aber neigte er sich doch der Ansicht Maxls zu , der ihm gleich bei dem ersten Besuche erklärt hatte , Major Hartmut sei einfach unerträglich geworden . Auf der Terrasse des Herrenhauses von Gernsbach befand sich Bankier Marlow mit seiner Tochter . Er war erst vor einigen Stunden von Steinfeld eingetroffen und hatte zugleich eine kurze Gastfreundschaft für Herrn Felix Ronald erbeten , der ihm heut noch folgen und erst morgen abend wieder abreisen wollte . Frau von Maiendorf sagte mit Vergnügen zu . So fern sie auch persönlich den Finanzkreisen stand , war sie doch nicht unempfindlich gegen die Auszeichnung , den Vielgenannten , Vielbeneideten , dessen Name in aller Munde war , als Gast in ihrem Hause zu beherbergen , zumal bei solchem Anlaß , denn sie wußte sich diesen Besuch zu deuten . Sie traf in aller Eile noch einige Anordnungen ; wenn ein Ronald erwartet wurde , machte man natürlich mehr Umstände als bei anderen , gewöhnlichen Menschenkindern . Marlow war ein Mann in den Fünfzigern , mit schon ergrauten Haaren , kühl , zurückhaltend und etwas förmlich , ganz der vornehme Bankier , der , ohne mit seinem Reichtum zu prahlen , sich doch dessen und seiner Stellung vollkommen bewußt ist . Er hatte erst jetzt nach Tische Gelegenheit zu einem Alleinsein mit seiner Tochter gefunden und war in angelegentlichem Gespräche mit ihr . » Ronald wollte mich natürlich begleiten , « sagte er soeben , » aber gerade im letzten Augenblick trafen noch einige Depeschen ein , die sofortige Verfügungen erforderten und ihn zurückhielten . Er kommt aber jedenfalls noch heute , und es ist dir wohl kein Geheimnis mehr , Edith , was er dir zu sagen hat . « » Nein , Papa , « erwiderte Edith ruhig , » Ich bin längst auf diesen Antrag vorbereitet . Er hat sich dir bereits erklärt ? « » Erst gestern , und ich habe meine Einwilligung gegeben , unter Vorbehalt der deinigen , die du ja wohl nicht versagen wirst , du weißt , was Ronald dir bieten kann . « » Ja , ich weiß es , und hatte bereits vor der Abreise meinen Entschluß gefaßt . Ich werde seine Hand annehmen . « Der Ton dieser Worte zeigte hinreichend , daß die junge Dame gewohnt war , selbst zu entscheiden , und daß der Vater weder den Willen noch die Macht hatte , ihr darin Vorschriften zu machen . Jedenfalls kam sie in diesem Punkte seinen Wünschen entgegen , und auf seinen Zügen lag der Ausdruck höchster Befriedigung , als er antwortete : » Daran habe ich nie gezweifelt , du bist ja stets mein kluges , mein verständiges Kind gewesen , und eine glänzendere Partie findest du überhaupt nicht . Aber du kommst auch nicht mit leeren Händen zu deinem künftigen Gatten , und wenn das Unternehmen , das ich jetzt mit Ronald im Auge habe , in das Leben tritt , wird sich mein Vermögen – dereinst das deinige – nahezu verdoppeln . « » Du meinst die Umwandlung der Steinfelder Werke in eine Aktiengesellschaft ? « fragte die junge Dame sehr verständnisvoll . » Ganz recht , wir haben den Plan dazu bereits in seinen Hauptzügen festgestellt und denken im Herbste die Sache in Angriff zu nehmen . Dann soll auch eure Verlobung veröffentlicht werden . « » Erst im Herbst ? Weshalb ? « fragte Edith etwas befremdet . Marlow lächelte : » Das möchte dir Ronald selbst sagen . Ich will ihm darin nicht vorgreifen , glaube aber , du wirst mit seinem Wunsche einverstanden sein , wie ich , wenn du den Grund erfährst . Wir überlassen dir natürlich die Entscheidung , und jedenfalls feiern wir heut abend die Verlobung im engsten Familienkreise . « Damit küßte der Bankier sein » kluges , verständiges Kind « , und damit war die Sache erledigt . Gefühlsscenen waren nicht üblich zwischen ihnen , auch nicht bei solchem Anlaß . Wer den Verkehr zwischen Vater und Tochter sah , der begriff vollkommen , daß Edith Marlow so kühl und verstandesklar geworden war , wie sie sich eben zeigte . Er liebte ja zweifellos sein einziges Kind und war stolz darauf , aber Wärme und Herzlichkeit lagen nun einmal nicht in seinem Charakter , Edith war für die Welt erzogen und vollkommen befähigt , dort die glänzende Rolle zu spielen , die ihr jetzt geboten wurde , das genügte , Herzensbedürfnisse gab es da nicht . Das Rollen eines Wagens machte die beiden aufmerksam . Sollte das schon Ronald sein ? Nein , es saßen mehrere Herren in einem offenen Wagen , der dort an dem Parkgitter entlang fuhr und dann in den Hof einbog . Der Bankier runzelte die Stirn . » Besuch ? Und das gerade heut ! Wie lästig , hier kann man sich ja nicht einmal verleugnen lassen . Nun , hoffentlich bleiben sie nicht lange , und Ronald trifft vermutlich erst gegen Abend ein . Noch eins , Edith , wir müssen natürlich Wilma in das Vertrauen ziehen , aber wir werden ihr Schweigen auferlegen gegen jeden Fremden , und jetzt werde ich mich einstweilen zurückziehen . Ich habe gar keine Eile , diese Herrschaften – wahrscheinlich doch Heilsberger – kennen zu lernen . « Er ging nach seinem Zimmer . Edith fand es auch sehr lästig und unbequem , sich heut zu einer Unterhaltung mit den Heilsberger Bekannten ihrer Cousine herablassen zu müssen , und beschloß gleichfalls , ihnen ihre Gegenwart vorläufig zu entziehen . Nicht , daß sie besonders aufgeregt war , weil heut ihr künftiger Gatte kommen wollte , um sich das Jawort von ihr zu holen , darauf war sie ja längst vorbereitet , der Besuch störte und langweilte sie nur . Edith Marlow wußte nichts von all dem Träumen , Sehnen und Hoffen , das sich sonst an eine solche Stunde knüpft , obgleich diese Verlobung ganz nach ihrem Wunsche war und ihren Stolz und Ehrgeiz vollkommen befriedigte . Es war doch wahrlich keine Kleinigkeit , einen Ronald zu fesseln , dessen genialer Unternehmungsgeist jeden zur Bewunderung zwang , dessen ungemessener Reichtum ihm eine fast unbegrenzte Macht gab , vor dem sich alle beugten ! Alle ? Nein ! Einen gab es , der beugte sich nicht , der bekannte sich offen und rückhaltlos als Feind des fast allmächtigen Mannes , der wagte es sogar , ihm zu drohen , denn es war eine Drohung gewesen , die in den Augen , in der ganzen Haltung jenes Fremden lag , wenn er sie auch nicht ausgesprochen hatte . Seltsam ! Edith konnte die Erinnerung nicht los werden , und sie war doch nichts weniger als angenehm , denn jene Begegnung endigte mit einer Zurechtweisung , die das stolze Mädchen als Beleidigung empfand . Es war eine quälende Erinnerung , die oft genug unwillig fortgewiesen wurde , aber sie kam immer wieder . Auch jetzt kam sie herangeschlichen , leise , unmerklich und spann ihre unsichtbaren Fäden und legte auf das schöne kalte Antlitz der jungen Dame einen Ausdruck von Träumerei , der ihr sonst ganz fremd war . Da tauchte wieder der kleine Friedhof auf , der so einsam und vergessen tief im Walde lag , wo der Sonnenschein hinflutete über halbversunkene Hügel und zerfallene Mauern , wo Tod und Leben sich so seltsam einten in dem Blühen und Duften , das über Gräbern erwuchs . Da tönte wieder das Summen der wilden Bienen , das wie ferne Musik klang , und der Gesang der Amsel , das jauchzende Maienlied . Und da stand auch die Gestalt des Mannes mit den düsteren Augen , die doch Blitze sprühen konnten , mit dem Aufflammen der Empörung , als man es wagte , ihn zu beleidigen . Das alles war erst vor ein paar Tagen geschehen und lag doch so fern wie ein Märchen , das man irgendwo gehört oder geträumt hat und das nichts zu thun hat mit der hellen , nüchternen Wirklichkeit . Da tönten Stimmen im Gartensaal , und Edith erwachte . Sie hatte diesen störenden Besuch ganz vergessen und wandte sich nun halb unwillig um , zuckte aber plötzlich zusammen , denn sie erblickte dieselbe Gestalt , die eben noch so deutlich vor ihrem inneren Auge gestanden hatte . Dort aus der Glasthür , die auf die Terrasse führte , trat Frau von Maiendorf mit mehreren Herren , Major Hartmut , Max Raimar und – der Fremde vom Waldfriedhofe ! Max eilte schleunigst zu der jungen Dame , um sie zu begrüßen , und pries dabei sehr wortreich den » Zufall « , der ihn gerade jetzt nach Heilsberg geführt habe . Der Major erneuerte die Bekanntschaft vom Burgberge , und jetzt näherte sich auch Wilma mit dem Fremden und sagte unbefangen : » Sie kennen meine Cousine ja noch nicht . Liebe Edith , erlaube – Herr Notar Raimar aus Heilsberg – Fräulein Marlow . « Ernst Raimar war wohl der einzige , der es sah , daß die junge Dame für einen Moment die Fassung verlor , als sein Name genannt wurde . Er verneigte sich artig , aber völlig fremd . » Mein gnädiges Fräulein , gestatten Sie mir , den Dank auszusprechen für die gütige Aufnahme , die mein Bruder in Ihrem Hause gefunden hat . Er hat mir viel davon erzählt . « » Ja , sehr viel ! « bestätigte Max eifrig . » Ernst weiß , wie hoch ich das Glück schätze , Ihrem Kreise angehören zu dürfen , gnädiges Fräulein , « Edith hatte sich bereits wieder gefaßt und erwiderte einige gleichgültige Worte , aber dabei traf ein Zornesblick den Mann , der es gewagt hatte , so mit ihr zu spielen . Er lächelte fast unmerklich , er wußte ja so genau wie sie jedes Wort , das über den » verknöcherten Hagestolz « gefallen war . Das Gespräch wurde jetzt allgemein . Herr Notar Treumann war nicht mitgekommen und ließ sich bedauernd entschuldigen . Es wurde irgendwo in der Nähe irgend etwas ausgegraben , und da mußte er natürlich dabei sein . Der Major neckte sich wieder mit der kleinen Lisbeth , die ihm jubelnd entgegengelaufen war und ihm kaum von der Seite ging . Das Kind zeigte , ganz im Gegensatz zu der Scheu , die es noch immer vor der schönen Tante Edith hegte , seinem Retter die vollste Zutraulichkeit . Max , der jetzt ganz in seinem Elemente war , spielte den Liebenswürdigen , und auch sein Bruder zeigte sich lebhafter als sonst , aber kein Wort , kein Blick erinnerte daran , daß er Edith Marlow bereits früher gesehen hatte , er bewahrte ihr gegenüber die völlige Fremdheit . Inzwischen war im Gartensaal der Theetisch gedeckt worden , und Frau von Maiendorf bat ihre Gäste , einzutreten . Hartmut und Max folgten ihr , und Ernst war im Begriff , das gleiche zu thun , als ein halblauter Ruf ihn zurückhielt . » Herr Raimar ! « Er wandte sich um . » Sie befehlen , gnädiges Fräulein ? « » Auf einen Augenblick – ich bitte ! « Raimar blieb stehen und blickte fragend auf die junge Dame , deren Züge einen Ausdruck unverkennbarer Gereiztheit trugen , und dieselbe Gereiztheit verriet sich in ihrem Tone , obgleich sie gedämpft sprach . » Sie scheinen vergessen zu haben , daß wir uns nicht ganz fremd sind . « Ernst verneigte sich leicht . » Ich glaubte damit Ihren Wünschen entgegenzukommen , und ich wußte ja auch nicht , ob Sie sich jener Begegnung überhaupt noch erinnerten . « Das Spottlächeln , das dabei um seine Lippen spielte , ärgerte die junge Dame unbeschreiblich . Als ob sich eine derartige Zurechtweisung vergessen oder verzeihen ließe ! Und mitten in ihrem Aerger sah sie es doch , wie sehr das Gesicht dieses Mannes gewann , wenn er lächelte . » Sie ließen mich damals absichtlich im Irrtum über Ihre Persönlichkeit , « sagte sie mit voller Schärfe , » obgleich Sie wußten , daß dies Inkognito sich schon in den nächsten Tagen lüften würde . Ich weiß in der That nicht , wie ich ein derartiges Spiel nennen soll – « » Bitte , mein Fräulein , « unterbrach sie Raimar ruhig , aber mit Nachdruck . » Ich habe mir sicher nie erlaubt , mit Ihnen zu spielen , denn ich hatte weder jenes Gespräch angeregt , noch konnte ich voraussehen , welche Wendung es nehmen würde . Daß ich mich nicht noch nachträglich vorstellte , als Sie die Güte hatten , meiner Persönlichkeit zu erwähnen , ist wohl verzeihlich . Ich wollte uns beiden eine gewisse – Verlegenheit ersparen . « » Uns beiden ! « Edith biß sich auf die Lippen , sie wußte es , auf wessen Seite hier die Verlegenheit war , aber sie bemeisterte rasch die ungewohnte Empfindung und parierte den Hieb . » Ich sprach von einem Unbekannten ! « » Den Ihnen mein Bruder so liebevoll geschildert hatte ! Ich weiß , aber ich bin nicht so kühn , zu glauben , daß die persönliche Bekanntschaft Ihr Urteil geändert hat . Ich beuge mich ganz Ihrem damaligen Spruche und – der Menschenkenntnis meines Bruders . « Der schonungslose Spott raubte der jungen Dame völlig die vornehme kühle Haltung , die sie auch diesmal angenommen hatte . Dieser Notar von Heilsberg ließ sich nun einmal nicht von oben herab behandeln , sondern verkehrte mit ihr auf dem Fuße völliger Gleichheit , und dabei benahm er sich bei dem Wortgefecht , als komme er direkt aus den Berliner Salons . Dieser Kleinstädter behandelte sie , die Weltdame , mit einer ironischen Ueberlegenheit , die geradezu unerträglich war , und sie war auch nicht gesonnen , das zu ertragen . Sie griff jetzt auch ihrerseits zum Spott . » Ihr Bruder scheint Sie allerdings sehr wenig zu kennen , « bemerkte sie , » Vielleicht beurteile ich Sie richtiger , Herr Raimar , und jedenfalls bewundere ich Ihr Heimatsgefühl , das Sie an einen so idyllischen Ort wie dies Heilsberg kettet . « » Heilsberg ist nicht meine Heimat . Ich sagte Ihnen ja bereits , daß ich aus Berlin stamme . « » Um so mehr ! Es gehört ein sehr – beschaulicher Charakter dazu , einen solchen Aufenthalt für die Lebenszeit zu wählen , denn Ihre Stellung hier ist doch wohl eine dauernde ? « Das Lächeln in dem Antlitz Raimars erlosch , und die alte Düsterheit legte sich wieder darüber , als er mit aufquellender Bitterkeit fragte : » Glauben Sie , daß man freiwillig in die Verbannung geht ? Doch ich fürchte , gnädiges Fräulein , da kommen wir wieder auf den Streitpunkt , der uns schon einmal entzweit hat . Ich denke , wir lassen ihn ruhen . « Er brach ab , zum großen Mißvergnügen Ediths , für die das Gespräch jetzt wieder etwas von dem seltsamen Reiz gewann , der sie damals im Walde so gefesselt hatte , wenn sie es sich auch nicht eingestand . Der Mann war ihr jetzt , wo sie seinen Namen und seine Lebensstellung kannte , fast noch rätselhafter als früher . Da erschien Marlow , der sich in den Gartensaal zu der Gesellschaft begeben wollte , auf der Terrasse . Er stutzte beim Anblick des Herrn , der dort im Gespräch mit seiner Tochter stand , und kam dann langsam näher . Ernst Raimar hatte sich umgewandt . Er wußte doch zweifellos , daß er den Onkel der Frau von Maiendorf diesmal in Gernsbach treffen werde , trotzdem schien ihm dies Zusammentreffen peinlich zu sein . Marlow streifte ihn mit einem langen , erstaunten Blick und schien seiner Sache nicht ganz sicher zu sein , denn es lag eine Frage in seiner Anrede : » Wenn ich nicht irre – Herr Notar Raimar ? « Dieser verneigte sich zustimmend . Der Bankier schien einen Augenblick zu zögern , dann reichte er ihm die Hand . » Ich wußte bereits durch Ihren Bruder , daß Sie sich in Heilsberg niedergelassen haben . Wir haben uns lange nicht gesehen , Sie kommen ja nie nach Berlin . « In dem Antlitz Raimars stieg eine jähe Glut auf , die ebenso schnell wieder verschwand , und sein Auge suchte den Boden , als er antwortete : » Mein Amt läßt mir wenig Zeit übrig , ich muß mir das Reisen größtenteils versagen . « » Du kennst Herrn Raimar , Papa ? « fragte Edith , aufs höchste erstaunt . » Jawohl , mein Kind , aber unsere Bekanntschaft liegt ziemlich weit zurück . – Sie haben einen sehr begabten Bruder , Herr Raimar , er wird Ihnen noch Freude machen mit seinem Talent . Der junge Mann ist ja oft ein Gast unseres Hauses , « und damit ging der Bankier gänzlich auf Max über und sprach so ausführlich über ihn und sein Talent , wie er es noch nie gethan hatte . Edith hörte mit steigendem Befremden zu . Sie fühlte deutlich , daß ihr Vater , der sonst wenig Notiz von dem jungen Maler nahm , mit diesem Lob über irgend etwas anderes hinwegkommen wollte , und sie bemerkte auch die eigentümliche Unsicherheit Raimars . Wo war die überlegene Haltung geblieben , mit der er ihr noch vor wenigen Minuten gegenüberstand ? Er schien förmlich aufzuatmen , als jetzt die kleine Lisbeth gelaufen kam , um die Säumigen zu holen . Drinnen am Theetisch entspann sich eine sehr lebhafte und anregende Unterhaltung , bei der Major Hartmut die Hauptrolle spielte . Max machte zwar , seinem Programm getreu , einige krampfhafte Versuche , » sich in den Vordergrund zu stellen « , aber der Major drängte ihn völlig in den Hintergrund . Hartmut hatte stets in großen Garnisonen gestanden und auch sonst viel gesehen und erlebt . Er wußte sehr lebendig und anschaulich zu schildern , und obgleich er sich vorzugsweise an Frau von Maiendorf wandte , fesselte er doch die ganze Gesellschaft mit seinen Erzählungen . Auch Marlow hörte mit Interesse zu und fand offenbar Vergnügen an der neuen Bekanntschaft . Als man endlich aufstand , schlug Wilma einen Spaziergang durch den Park vor . Sie trat aber vorher noch mit den Herren in das Gewächshaus , um ihnen eine besonders schöne Orchidee zu zeigen , von der eben die Rede gewesen war , während Marlow und seine Tochter , die das Prachtexemplar schon kannten , langsam vorausgingen . » Der Besuch wird uns nicht weiter stören , « sagte der Bankier , der in sehr behaglicher Stimmung war . » Sie wollen ja schon um sechs Uhr abfahren , und bis dahin kann Ronald kaum hier sein . – Ein gescheiter , interessanter Mann , dieser Major Hartmut ! Da hat man sich auf die Heilsberger Kleinstädterei gefaßt gemacht und verlebt nun ein paar recht angenehme Nachmittagstunden . « » Papa – was ist es mit diesem Raimar ? « fragte Edith , ohne die Worte zu beachten , ganz unvermittelt . » Wen meinst du ? Den älteren Bruder , den Notar ? « » Ja , es liegt irgend etwas zwischen dir und ihm , ich sah es . Woher kennst du ihn ? Er hat früher in Berlin gelebt ? « » Allerdings , bis vor etwa zehn Jahren , aber ich hätte ihn kaum wieder erkannt . Was ist aus dem Manne geworden , der damals nur so sprühte von Leben und Heiterkeit ! Freilich solch eine Katastrophe – doch davon weißt du nichts , du warst ja damals noch ein Kind , und es kann dich auch nicht interessieren . « » Doch , es interessiert mich , « sagte die junge Dame rasch . » Du sprichst von einer Katastrophe ? Du hast mir doch damals , als der junge Raimar bei uns eingeführt wurde , nicht die leiseste Andeutung gemacht . « » Nein , denn ich wollte eine alte , längst abgethane Geschichte nicht wieder auferwecken und dem jungen Manne seine Stellung in der Gesellschaft nicht unnötig erschweren . Die Sache ist in unseren Kreisen noch nicht vergessen , und es hat sich ihm daraufhin manche Thür verschlossen . Ich halte es für ein Unrecht , man soll die Kinder nicht eine Schuld des Vaters büßen lassen , an der sie keinen Anteil haben . Dem ältesten Sohne hat es ohnehin die Carriere gekostet . Er konnte doch nicht vor den Schranken das Recht vertreten und verteidigen , wenn der Vater ein offenkundiger Betrüger war . « » Ein Betrüger ? « wiederholte Edith betroffen , fast bestürzt . Marlow zuckte die Achseln . » Leider ! Die Sache hat damals viel Aufsehen gemacht , denn das Haus Raimar galt für solid und ehrenwert . Es soll da eine große Spekulation mißglückt sein , das kommt ja öfter vor , und ein solides Haus überwindet solche Krisen . Raimar stürzte und – nahm sich das Leben . Er ersparte seiner Familie wenigstens die Schande , ihn im Gefängnis zu wissen , denn als der Bankrott ausbrach , fanden sich die ziemlich bedeutenden Depots nicht mehr vor . Sie waren vermutlich längst angegriffen und veruntreut , die Deponenten haben nie einen Pfennig zurückerhalten . « Der Bankier berichtete das alles in seiner kühlen , gelassenen Art , ohne besonderes Gewicht darauf zu legen . Edith erwiderte keine Silbe , aber ihre Augen hingen in atemloser Spannung an den Lippen des Vaters , der jetzt fortfuhr : » Ich habe mich stets über die Unbefangenheit gewundert , mit der dieser Max Raimar in unseren Kreisen verkehrt . Er war ja damals noch sehr jung , etwa sechzehn oder siebzehn Jahr , aber später ist ihm doch die volle Tragweite der Sache klar geworden . Uebrigens hat er recht , solchen Dingen muß man die Stirn bieten , sonst hängen sie sich wie ein Bleigewicht an das ganze Leben , aber es gehört doch eine gewisse Keckheit dazu . Der ältere Bruder scheint anders geartet zu sein , der hat Berlin seitdem nicht wieder betreten und empfindet selbst die Berührung mit seinen früheren Lebenskreisen peinlich , ich sah es bei unserer Begegnung . Er hat den Schlag noch heut nicht überwunden . « » Warum blieb er denn überhaupt in Deutschland ? « fragte die junge Dame mit einer beinahe gereizten Aufwallung , so daß sie der Vater erstaunt anblickte . » Er konnte ja nach Amerika gehen und dort die ganze Vergangenheit hinter sich werfen . « » Nein , das konnte er nicht , « entgegnete Marlow ruhig . » Er hatte für die Existenz seiner Familie zu sorgen , der selbstverständlich nichts geblieben war . Die Stellung in Heilsberg gab ihm die Möglichkeit dazu , und als Notar hatte er ja auch nur das rein Geschäftliche der Rechtspraxis zu vertreten . Da entfielen die idealen Gesichtspunkte , die es ihm unmöglich machten , Verteidiger zu bleiben . In Heilsberg wird man wohl auch die näheren Umstände des Bankrotts nicht so genau gekannt haben . Schade um den Mann ! Er war talentvoll , seine erste Rede vor den Schranken hatte einen geradezu sensationellen Erfolg – und nun muß er hier in einer untergeordneten Stellung verkümmern ! « Mit diesem kühlen Bedauern und einem Achselzucken war die Sache abgethan für den Bankier . Seine Tochter schien eine Erwiderung auf den Lippen zu haben , aber in diesem Augenblick kam Wilma mit den anderen Gästen und schloß sich ihnen an . Der Spaziergang in dem großen Park mit seinen prächtigen alten Bäumen und schattigen Wegen wurde ziemlich lange ausgedehnt . Marlow ging mit seiner Nichte und dem Major Hartmut voraus , die anderen folgten , aber Max Raimar , der es noch nicht verwunden hatte , daß der Major ihn vorhin mit seiner Unterhaltungsgabe so vollständig in den Schatten gestellt , wußte es so einzurichten , daß sie scheinbar zufällig zurückblieben . Er machte die junge Dame auf einen schönen Durchblick aufmerksam , wo sich gerade der Burgberg mit dem alten Schlosse zeigte , und hielt sie dort einige Minuten lang fest , bis die anderen ziemlich weit voraus waren . Nun behauptete er allein das Feld , denn Ernst hatte sich wieder in seine alte Schweigsamkeit gehüllt und sprach nur so viel , als die unumgängliche Höflichkeit erforderte . Der junge Maler redete desto eifriger . Jetzt endlich stand er im Vordergrunde und nützte das gehörig aus , dabei entging es ihm nur leider , daß die Dame seines Herzens gar nicht zuhörte . Edith hatte in der That ganz andere Gedanken im Kopfe , und während ihr Ohr mechanisch hin und wieder ein paar Worte von dem Redeschwall auffing , und sie ebenso mechanisch antwortete , streifte ihr Auge bisweilen mit einem fragenden , halbscheuen Blick den schweigsamen Begleiter zu ihrer Rechten . Der Widerspruch zwischen seiner Persönlichkeit und seinem jetzigen Lebenskreise war ihr nun freilich gelöst , sie hatte es ja vorhin gesehen , wie ihm die Scham dunkelrot in die Stirn stieg bei dem Zusammentreffen mit ihrem Vater , der um jenen Makel wußte . Der jüngere Bruder , den die Sache doch ebenso nahe anging , schien sie allerdings viel leichter zu nehmen und ließ sich den Lebensgenuß nicht dadurch verkümmern . Max bemühte sich in der That aus allen Kräften , interessant zu sein . Das war sonst eigentlich nicht sein Fall , aber er wußte , daß die junge Dame es verlangte , wenn sie jemand der Ehre ihrer Gesellschaft würdigte , also war er interessant . Sein gutes Gedächtnis kam ihm dabei zu Hilfe , er hatte wirklich all die modernen Schlagworte im Kopfe und wußte sie geschickt anzubringen , verwendete auch gelegentlich die Aussprüche von Berühmtheiten , die er in den Salons gehört hatte , als eigenes Erzeugnis . Da man nun gerade auf dem Lande war , fing er auch an poetisch zu werden und von Rosen und Nachtigallen zu sprechen , obgleich die Rosen noch gar nicht blühten und die Nachtigallen jetzt im hellen Sonnenscheine nicht schlugen . Ihn störte das nicht weiter , aber Edith schien jetzt zu finden ,