allerletzten zu hören erwartete . Also böse muß man Frau Ella machen , wenn man sie so sehen will ? Das werde ich doch öfters probiren . “ Hugo machte eine Wendung , in das Besuchszimmer hinüberzugehen , aber auf der Schwelle blieb er noch einmal stehen und blickte nach der Thür hinüber , durch die seine junge Schwägerin sich entfernt hatte . Der Zug von Spott und Uebermuth in seinem Gesichte war völlig verschwunden ; es hatte einen nachdenklichen Ausdruck angenommen , als er leise sagte : „ Und da glaubt Reinhold nur , daß sie blaue Augen hat ? Unbegreiflich ! “ Der große Concertsaal von H. schien diesmal die Elite der ganzen Stadt in seinen Räumen zu vereinigen . Es handelte sich um eines jener Concerte , die , zu irgend einem wohlthätigen Zweck in ’ s Werk gesetzt , von den ersten Familien der Gesellschaft in Protection genommen wurden , und bei denen die Mitwirkung einerseits und das Erscheinen andererseits als Ehrensache galt . Das Programm wies heute nur Namen von Berühmtheiten auf , sowohl was die Musikstücke als was die Ausführenden betraf , und im Uebrigen hatte man durch möglichst hohe Preise dafür gesorgt , daß das Publicum vorwiegend , wenn nicht ausschließlich , den ersten Kreisen angehörte . Noch hatte das Concert nicht seinen Anfang genommen , und die mitwirkenden Künstler befanden sich noch in einem neben dem Saale gelegenen Zimmer , das bei solchen Gelegenheiten als Versammlungsort diente , und zu dem nur einige besonders Begünstigte aus dem Publicum Zutritt hatten . Um so mehr fiel daher die Gegenwart eines jungen Mannes auf , der weder zu diesen Begünstigten , noch zu den Künstlern selbst gehörte und sich auch von Beiden fern hielt . Er war vor Kurzem eingetreten und hatte sich sofort an den Capellmeister gewandt , der ihn zwar auch nicht zu kennen schien , aber doch von seinem Kommen unterrichtet sein mußte , denn er empfing ihn äußerst artig . Die umstehenden Herren vernahmen nur so viel von dem Gespräche , daß der Capellmeister bedauerte , Herrn Almbach keine Auskunft geben zu können , es sei der Wunsch Signora Biancona ’ s gewesen ; Signora werde sogleich selbst erscheinen . Die kurze Unterhaltung war bald zu Ende , und Reinhold zog sich zurück . Der in lebhafter Unterhaltung begriffene Künstlerkreis stob urplötzlich auseinander , als die Thür sich öffnete , und die junge Primadonna erschien , die man noch nicht erwartet hatte , denn sie pflegte sonst stets erst im letzten Augenblicke vorzufahren . Alles kam in Bewegung . Man überbot sich in Aufmerksamkeiten gegen die schöne Collegin , aber diese nahm heute auffallend wenig Notiz von der gewohnten Huldigung ihrer Umgebung . Ihr Blick war schon beim Eintreten rasch durch das Zimmer geflogen und hatte sofort gefunden , was er suchte . Signora geruhte , die Begrüßungen nur sehr flüchtig zu erwidern , wechselte einige Worte mit dem Capellmeister und entzog sich dann sofort jeden weiteren Unterhaltungsversuchen der Herren , indem sie sich an Reinhold Almbach wandte , der sich ihr jetzt näherte , und mit ihm in eine der entferntesten Fensternischen trat . „ Sie sind wirklich gekommen , Signor ? “ begann sie in vorwurfsvollem Tone . „ Ich glaubte in der That kaum noch , daß Sie meiner Einladung Folge leisten würden . “ Reinhold sah auf , und die erzwungene Kälte und Fremdheit bei der Begrüßung begann bereits zu weichen , als er zum ersten Male wieder seit jenem Abende diesem Blicke begegnete . „ Also war es doch Ihre Einladung , “ sagte er . „ Ich wußte in der That nicht , ob ich die mir in Ihrem Namen übersandte Aufforderung des Herrn Capellmeisters als eine solche betrachten durfte . Es lag keine einzige Zeile von Ihrer Hand bei . “ Beatrice lächelte . „ Ich folgte nur einem mir gegebenen Beispiele . Auch ich habe ein gewisses Lied erhalten , dessen Componist seinem Namen kein einziges Wort hinzugefügt hatte . Ich übte nur Vergeltung . “ „ Hat mein Schweigen Sie beleidigt ? “ fragte der junge Mann rasch . „ Ich wagte nichts hinzuzufügen . Was – “ sein Auge sank zu Boden – „ was hätte ich Ihnen auch sagen sollen ! “ Die erste Frage wäre wohl überflüssig gewesen ; denn die Huldigung jenes Liedes schien verstanden worden zu sein , und Signora Biancona sah nichts weniger wie beleidigt aus , als sie erwiderte : „ Sie scheinen das Wortlose zu lieben , Signor , und durchaus nur in Tönen zu mir sprechen zu wollen . Nun denn , ich füge mich Ihrem Geschmack und habe beschlossen , Ihnen gleichfalls nur in unserer Sprache zu antworten . “ Sie legte einen leisen , aber doch bemerkbaren Nachdruck auf das Wort . Reinhold hob überrascht das Haupt . „ In unserer Sprache ? “ wiederholte er langsam . Beatrice zog aus der Notenrolle , die sie in der Hand hielt , ein anderes Papier hervor . „ Ich habe vergebens gewartet , daß der Autor dieses Liedes zu mir kommen werde , um es einmal von meinen Lippen zu hören und den Dank dafür in Empfang zu nehmen . Er hat Fremden überlassen , was doch wohl seine Aufgabe gewesen wäre . Ich bin gewohnt , daß man mich sucht , Signor . Sie scheinen das Gleiche für sich zu beanspruchen . “ Es lag wohl noch ein Vorwurf in der Stimme , aber herb war er nicht , und das wäre auch kaum möglich gewesen , denn Reinhold ’ s Auge verrieth nur zu sehr , was ihm dieses Fernbleiben gekostet hatte . Er gab keine Antwort auf den Vorwurf , vertheidigte sich nicht dagegen , aber sein Blick , der wie magnetisch gefesselt an der strahlend schönen Erscheinung hing , sagte ihr , daß seine Zurückhaltung eher allem Anderen als der Gleichgültigkeit entstammte . „ Glauben Sie , daß ich Sie hergerufen habe , um die Arie von mir zu hören , die auf dem Programme steht ? “ fuhr die Italienerin scherzend fort . „ Das Publicum verlangt diese Arie stets da capo ; sie ist zu anstrengend für eine Wiederholung ; ich beabsichtige daher statt dieser etwas – Anderes zu singen . “ Eine tiefe Gluth bedeckte auf einmal die Züge des jungen Mannes , und er streckte , wie in unwillkürlicher Regung , die Hand nach dem Papiere aus . „ Um Gotteswillen ! Doch nicht mein Lied ? “ „ Sie erschrecken ja ganz außerordentlich darüber , “ sagte die Sängerin zurücktretend und ihm die Noten entziehend . „ Fürchten Sie das Schicksal Ihres Werkes in meinen Händen ? “ „ Nein , nein ! “ rief Reinhold heftig , „ aber – “ „ Aber ? Keine Einwendung , Signor ! Das Lied ist mir gewidmet , ist mir auf Gnade und Ungnade übergeben . Ich schalte damit nach Gefallen . Nur noch eine Frage . Der Capellmeister ist zwar vorbereitet ; wir haben den Vortrag zusammen einstudirt , ich sähe aber lieber Sie am Flügel , wenn ich mit Ihren Tönen vor das Publicum hintrete . Darf ich auf Sie rechnen ? “ „ Sie wollen sich meiner Begleitung anvertrauen ? “ fragte Reinhold mit bebender Stimme . „ Unbedingt anvertrauen ohne vorhergehende Probe ? Das ist ein Wagniß für uns . Beide . “ „ Nur wenn Ihnen der Muth fehlt , sonst nicht , “ erklärte Beatrice . „ Ihre Meisterschaft auf dem Flügel habe ich bereits kennen gelernt , und es bedarf wohl keiner Frage , ob Sie der Begleitung Ihres Werkes sicher sind . Wenn Sie es nur Ihrer selbst sind und zwar diesem Publicum gegenüber , wie Sie es neulich vor der Gesellschaft waren , so tragen wir das Lied unbedingt vor . “ „ Ich wage Alles , wenn Sie mir zur Seite stehen , “ brach Reinhold jetzt leidenschaftlich aus . „ Das Lied war für Sie geschaffen , Signora . Wenn Sie ihm eine andere Bestimmung geben – sein Schicksal liegt in Ihren Händen . Ich bin zu Allem bereit . “ Sie antwortete nur mit einem stolzen siegesgewissen Lächeln und wandte sich dann zu dem Capellmeister , der soeben herantrat . Es entspann sich jetzt ein leises , aber lebhaftes Gespräch in der Gruppe , und die übrigen Herren blickten mit unverhehltem Mißvergnügen auf den jungen Fremden , der die Aufmerksamkeit und das Gespräch der Signora ganz allein für sich in Anspruch nahm und zu ihrem großen Aerger auch leider so lange fesselte , bis das Zeichen zum Beginne des Concerts gegeben wurde . Der Saal hatte sich inzwischen bis auf den letzten Platz gefüllt , und der blendend erhellte Raum bot im Vereine mit den reichen Toiletten der Damen einen glänzenden Anblick dar . Die Gattin des Consul Erlau saß mit einigen anderen Damen im Vordergrunde des Saales und war gerade im Gespräche mit Doctor Welding begriffen , als ihr Gemahl in Begleitung eines jungen Mannes , der Capitainsuniform trug , an ihren Sessel trat . „ Herr Capitain Almbach , “ sagte er vorstellend , „ dem ich die Rettung meines besten Schiffes und der gesammten Mannschaft verdanke . Er war es , der unserer bereits mit dem Untergange ringenden , Hansa ‘ zu Hülfe kam , und einzig seiner aufopfernden Energie – “ „ O , ich bitte , Herr Consul , stellen Sie doch Ihrer Frau Gemahlin nicht sogleich einen Seesturm in Aussicht ! “ fiel Hugo ein . „ Wir armen Seeleute sind schon so verrufen wegen unserer Abenteuer , daß jede Dame mit geheimem Grauen der unvermeidlichen Aufzählung derselben entgegensieht . Ich versichere Ihnen aber , gnädige Frau , daß das bei mir nicht zu befürchten steht . Ich gedenke mit meinen bescheidenen Unterhaltungsversuchen durchaus auf dem Continente zu bleiben . “ Der junge Seemann schien in der That ganz genau den Unterschied der Kreise zu kennen , in denen er sich bewegte . Es fiel ihm nicht ein , hier , wo doch die Gelegenheit dazu geboten war , mit Abenteuern zu glänzen , die er im Hause seiner Verwandten sehr freigebig ausstreute . Der Consul schüttelte ein wenig unzufrieden den Kopf . „ Sie scheinen es nun einmal zu lieben , jede Anerkennung [ 412 ] Ihrer Leistungen wegzuspotten , “ entgegnete er . „ Ich bleibe deshalb nicht weniger in Ihrer Schuld , auch wenn Sie es mir unmöglich machen , sie Ihnen in irgend einer Weise abzutragen . Uebrigens glaube ich nicht , daß Ihnen die Erzählung dieses Abenteuers bei den Damen schaden wird , im Gegentheil . Und da Sie jede Schilderung desselben so entschieden ablehnen , so behalte ich mir dies für die nächste Gelegenheit vor . “ Frau Erlau wandte sich mit gewinnender Freundlichkeit zu Hugo . „ Sie sind uns kein Fremder mehr , Herr Capitain , schon um Ihrer Familie willen nicht . Wir hatten erst kürzlich die Freude , Ihren Bruder bei uns zu sehen . “ „ Jawohl , ein einziges Mal , “ bestätigte der Consul . „ Und auch da nur durch Zufall . Almbach scheint es mir nun einmal nicht vergeben zu können , daß meine Art zu leben von der seinigen abweicht . Er hält sich und die Seinigen absichtlich entfernt und hat uns schon seit Jahren den Besuch unseres Pathenkindes entzogen – wir wissen kaum mehr , wie Eleonore aussieht . “ „ Die arme Eleonore ! “ bemerkte Frau Erlau mitleidig . „ Ich fürchte , sie ist verschüchtert durch eine allzustrenge Erziehung und eine allzuweit getriebene Abgeschlossenheit . Ich kenne sie nicht anders als scheu und still , und ich glaube , sie schlägt in Gegenwart Fremder niemals die Augen auf . “ „ Doch , gnädige Frau , “ sagte Hugo mit ganz eigenthümlicher Betonung . „ Sie thut es bisweilen , aber freilich zweifle ich daran , daß mein Bruder das je gesehen hat . “ „ Ihr Bruder ist also nicht anwesend ? “ fragte die Dame . „ Nein . Er verweigerte es , mich zu begleiten , ich begreife das nicht , da ich seine Begeisterung für die Musik und speciell für den Gesang der Biancona kenne . Mir soll ja heute zum ersten Male diese Sonne des Südens aufgehen , deren Strahlen bereits ganz H. blenden . “ Der Consul drohte ihm scherzend mit dem Finger . „ Spotten Sie nicht , Herr Capitain , und wahren Sie lieber Ihr eigenes Herz vor diesen Strahlen ! Euch , Ihr jungen Herren , ist dergleichen am gefährlichsten . Sie wären nicht der Erste , der dem Zauber dieser Augen erliegt . “ Der junge Seemann lachte übermüthig . „ Und wer sagt Ihnen denn , Herr Consul , daß ich ein solches Schicksal fürchte ? Ich unterliege in solchen Fällen immer mit dem größten Vergnügen und dem tröstlichen Bewußtsein , daß der Zauber nur dem gefährlich wird , der ihn flieht . Wer Stand hält , pflegt gewöhnlich sehr bald entzaubert zu werden , oft viel früher , als ihm lieb ist . “ „ Es scheint , Sie haben bereits viel Erfahrung in solchen Dingen , “ bemerkte Frau Erlau mit leisem Vorwurfe . „ Mein Gott , gnädige Frau , wenn man so jahraus , jahrein von Land zu Land fliegt und nirgends Wurzel faßt , nirgends daheim ist , als auf der wogenden , ewig bewegten See , da lernt man den ewigen Wechsel als etwas Unabänderliches hinzunehmen und ihn schließlich lieben . Ich stelle mich Ihrer vollsten Ungnade zur Verfügung mit diesem Geständniß , aber ich muß Sie wirklich bitten , mich als einen Wilden zu betrachten , der in den tropischen Meeren und Ländern längst verlernt hat , den Anforderungen norddeutscher Civilisation zu genügen . “ Die Art , wie der junge Capitain sich dabei verbeugte und die Hand der Dame küßte , verrieth gleichwohl eine ganz hinreichende Vertrautheit mit diesen Anforderungen , und Doctor Welding bemerkte trocken zu dem Consul gewandt : „ Die tropische Uncivilisirtheit dieses Herrn wird sich in unseren Salons gerade nicht allzu schlimm ausnehmen . Der Held unserer vielgenannten Hansa-Affaire ist also wirklich [ WS 1 ] der Bruder des jungen Almbach , dem Signora Biancona soeben drinnen im Versammlungszimmer eine Audienz ertheilt ? “ „ Wem ? Reinhold Almbach ? “ fragte Erlau überrascht . „ Sie hören ja , daß er sich nicht hier befindet . “ „ Nach der Ansicht des Herrn Capitains allerdings nicht , “ sagte Welding ruhig . „ Nach der meinigen ganz entschieden . Bitte , erwähnen Sie nichts davon ! Das heutige Concert scheint bestimmt zu sein , uns irgend eine Ueberraschung zu bringen ; ich habe einen gewissen Verdacht , und es wird sich ja zeigen , ob er gegründet ist oder nicht . Signora liebt die Theatereffecte auch außerhalb der Bühne ; Alles muß unerwartet , blitzähnlich , überstürzend sein . Eine prosaische Ankündigung würde Alles verderben . Der Capellmeister ist jedenfalls mit im Complot , war aber nicht zum Reden zu bringen . Wir wollen es abwarten . “ Er schwieg , denn jetzt trat Hugo , der bisher mit den Damen gesprochen hatte , zu ihnen , und gleich darauf nahm das Concert seinen Anfang . Der erste Theil und die Hälfte des zweiten gingen programmmäßig unter mehr oder weniger lebhafter Theilnahme der Zuhörer vorüber . Erst gegen den Schluß hin erschien Signora Biancona , deren Leistung trotz Allem , was man bisher gehört , doch nun einmal den Glanzpunkt des Abends bildete . Das Publicum empfing und begrüßte seinen Liebling , dessen blasses Aussehen heute entzückender war als je , mit einem lauten Applaus . Beatrice war aber auch in der That blendend schön , als sie so dastand , im strahlenden Glanze des Kronleuchters , in dem blumenbestreuten duftigen Florgewande , mit den Rosen im dunklen Haare . Sie dankte lächelnd nach allen Seiten , und nachdem der Capellmeister , der diesmal selbst die Begleitung übernahm , sich am Flügel niedergelassen hatte , begann der Vortrag . Es war eine jener großen italienischen Bravour-Arien , die in jedem Concert , wie auf jeder Bühne ihres Erfolges sicher sind und den Beifall des Publicums herausfordern , ohne gleichwohl höheren Ansprüchen zu genügen . Eine Menge glänzender Passagen und Effecte mußten hier die Tiefe ersetzen , die der Composition durchaus abging , aber sie bot der Italienerin die vollste Gelegenheit zur Entfaltung ihrer herrlichen Stimme . All diese Läufe und Triller perlten so glockenrein von ihren Lippen , nahmen so schmeichelnd Ohr und Sinn der Zuhörer gefangen , daß jede Kritik , jeder ernstere Anspruch unterging in der reinen Lust des Hörens . Es war ein reizendes Spiel mit den Tönen , freilich nur ein Spiel , nichts weiter , aber es wirkte , im Verein mit der vollendeten Sicherheit und Anmuth des Vortrags , zündend auf das Publicum , das die Sängerin reichlicher als je mit dem gewohnten Beifall überschüttete und stürmisch die Arie da capo verlangte . Signora Biancona schien auch gewillt , diesem Wunsche nachzugeben , denn sie trat von Neuem vor , aber zugleich verließ der Capellmeister den Flügel , und ein junger Mann , den bisher Niemand unter den mitwirkenden Künstlern bemerkt hatte , nahm seinen Platz ein . Verwundert schauten die Zuhörer , überrascht der Consul und dessen Gattin zu ihm hinüber ; selbst Hugo sah im ersten Augenblicke fast erschreckt auf den Bruder , dessen Hiersein er nicht vermuthet hatte , aber er begann den Zusammenhang zu ahnen . Nur Doctor Welding sagte ruhig und ohne das mindeste Erstaunen : „ Dachte ich es doch ! “ Reinhold sah bleich aus , und seine Hände bebten auf den Tasten ; aber Beatrice stand an seiner Seite – ein leise geflüstertes Wort aus ihrem Munde , ein Blick aus ihrem Auge gab ihm den verlorenen Muth zurück . Er begann fest und ruhig die ersten Accorde , die dem Publicum sofort klar machten , daß es sich hier nicht um eine Wiederholung seines Lieblingsstückes handelte . Alles horchte auf mit Befremdung und Spannung , und jetzt fiel Beatrice ein . Das war nun freilich etwas Anderes , als die eben gehörte Bravour-Arie . Die Melodien , die jetzt emporquollen , hatten nichts gemein mit jenen Läufen und Trillern , aber sie brachen sich Bahn zu den Herzen der Zuhörer . In diesen Tönen , die bald aufwogten wie in stürmischem Jubel , bald zusammensanken wie in düsterer Klage , schien das ganze Glück und Weh eines Menschenlebens zu athmen , schien ein lang gefesseltes Sehnen sich endlich emporzuringen . Es war eine Sprache von ergreifender Gewalt und Schönheit , und wenn sie auch nicht überall ganz verstanden wurde , man fühlte doch , daß in ihr etwas Mächtiges , Ewiges klang ; selbst die gleichgültigste , oberflächlichste Menge bleibt nicht empfindungslos , wenn der Genius zu ihr spricht . Und hier hatte dieser Genius einen Ebenbürtigen gefunden , der ihm zu folgen und ihn zu ergänzen wußte . Es war nicht die Rede mehr von einem Wagnisse der Beiden ; denn Eines kam der Auffassung des Anderen entgegen . Das sorgfältigste Studium hätte kein so vollendetes Ineinandergreifen geben können , wie es hier der Moment und die Begeisterung schufen . Reinhold sah sich in jedem Tone verstanden , in jeder Wendung begriffen , und nie hatte Beatrice so hinreißend gesungen , nie war die Seele ihres Gesanges so hervorgetreten . Mit glühender Hingebung erfaßte sie ihre Aufgabe . Die Begabung der Sängerin und die [ 413 ] dramatische Gewalt der Künstlerin flossen in Eines zusammen . Es war eine Leistung , die selbst das Unbedeutendste geadelt hätte – hier wurde es zu einem zweifachen Triumphe . Das Lied war zu Ende . Einige Secunden lang dauerte die athemlose Stille noch fort , mit der man zugehört ; keine Hand regte sich , kein Beifallszeichen wurde laut ; dann aber brach ein Sturm aus , wie ihn selbst die gefeierte Primadonna nur selten vernommen hatte , und wie er bei einem Concertpublicum jedenfalls unerhört war . Beatrice schien nur auf diesen Moment gewartet zu haben ; im nächsten schon war sie zu Reinhold getreten , hatte seine Hand ergriffen und ihn mit sich auf das Podium gezogen , ihn dem Publicum vorstellend . Diese eine Bewegung sagte genug ; man begriff sofort , daß man den Componisten vor sich habe . Auf ’ s Neue umtobte der Sturm des Beifalls die Beiden , und der junge Künstler empfing , noch halb betäubt von dem unerwarteten Erfolge , an der Hand Beatricens , den ersten Gruß und die erste Huldigung der Menge . – Reinhold kam erst wieder zur klaren Besinnung in dem Versammlungszimmer , wohin er Signora Biancona geleitet hatte . Noch blieben ihm einige Minuten des Alleinseins ; draußen im Saale spielte das Orchester die Schlußpièce unter vollster Unaufmerksamkeit des Publicums , das sich noch völlig unter dem Eindrucke des eben Gehörte befand . Beatrice zog den Arm zurück , der auf dem ihres Begleiters lag . „ Wir haben gesiegt , “ sagte sie leise . „ Waren Sie zufrieden mit meinem Gesange ? “ Mit einer leidenschaftlichen Bewegung ergriff Reinhold ihre beiden Hände . „ Ach , nicht diese Frage , Signora ! Lassen Sie mich Ihnen danken , nicht für den Triumph , der ja Ihnen mehr als mir galt , aber dafür , daß ich mein Lied von Ihren Lippen hören durfte . Ich schuf es in der Erinnerung an Sie , für Sie allein , Beatrice . Sie haben verstanden , was es Ihnen sagt , sonst hätten Sie es nicht so singen können . “ Signora Biancona mochte es nur zu gut verstanden haben , aber in dem Blicke , mit dem sie zu ihm niedersah , lag doch mehr noch , als blos der Triumph einer schönen Frau , die auf ’ s Neue die Unwiderstehlichkeit ihrer Macht erprobt hat . „ Sagen Sie das der Frau oder der Künstlerin ? “ fragte sie halb scherzend . „ Die Bahn ist jetzt geöffnet , Signor ! Werden Sie sie betreten ? “ „ Ich werde , “ erklärte Reinhold sich entschlossen aufrichtend , „ was sich mir auch entgegenstellt ! Und wie sich meine Zukunft einst gestalten mag , für mich hat sie die Weihe empfangen , seit die Muse des Gesanges selbst mir die Pforten öffnete . “ Die letzten Worte hatten wieder jenen Ton schwärmerischer Huldigung , den Beatrice schon einmal von ihm vernommen ; sie neigte sich näher zu ihm , und ihre Stimme klang weich , fast bittend , als sie erwiderte : „ Nun , so fliehen Sie auch diese Muse nicht mehr so hartnäckig wie bisher . Dem Künstler wird es doch wohl erlaubt sein , der Künstlerin von Zeit zu Zeit zu nahen . Wenn ich Ihr nächstes Werk einstudire , Signor , werde ich mir da wieder allein das Verständniß suchen müssen oder werben Sie mir diesmal zur Seite stehen ? “ Reinhold gab keine Antwort , aber der Kuß , den er brennend heiß auf ihre Hand drückte , sprach kein Nein aus . Diesmal rief er ihr kein Lebewohl zu , diesmal riß ihn keine Erinnerung weg aus der gefährlichen Nähe . Was damals noch leise warnend in der Ferne aufgetaucht war , das hatte jetzt auch nicht mehr mit einem einzigen Gedanken Raum in der Seele des jungen Mannes . Wie hätte das matte farblose Bild seiner Gattin auch bestehen können neben einer Beatrice Biancona , die in dem ganzen dämonischen Reiz ihres Wesens vor ihm stand , neben dieser „ Muse des Gesanges “ , deren Hand ihn soeben zu seinem ersten Triumphe geleitet ! Er sah und hörte nur sie allein . Was jahrelang verborgen in seinem Innern gelegen , was seit jener ersten Begegnung mit ihr sich emporgekämpft und emporgerungen hatte , das entschied dieser Abend , den Beginn einer Künstlerlaufbahn – und eines Familiendrama ’ s. Die nächsten Tage und Wochen im Almbach ’ schen Hause gehörten nicht zu den angenehmsten . Es konnte dem Kaufmann natürlich nicht verborgen bleiben , daß sein Schwiegersohn öffentlich mit einer Composition hervorgetreten war , schon deshalb nicht , weil Doctor Welding im Morgenblatte eine ausführliche Besprechung jenes Concerts brachte , in der der Name des jungen Componisten genannt wurde . Aber weder das Lob , das der sonst so strenge Kritiker hier ertheilte , noch der Beifall , mit dem das Lied überall aufgenommen wurde , noch selbst die Dazwischenkunft des Consuls Erlau , der lebhaft für Reinhold Partei nahm und ganz entschieden für dessen musikalische Begabung eintrat , vermochten das Vorurtheil Almbach ’ s zu erschüttern . Er beharrte darauf , in jeder künstlerischen Bestrebung eine ebenso unnütze wie gefährliche Spielerei zu sehen , den eigentlichen Grund der Untüchtigkeit zum praktischen Geschäftsleben und die Wurzel alles Uebels . Da er so wenig wie sonst Jemand davon wußte , daß es eine Art von Gewaltstreich gewesen war , mit dem Signora Biancona Reinhold zum öffentlichen Hervortreten gezwungen , so hielt er das Ganze für eine vorher abgekartete Sache , die ohne sein Wissen , wider seinen Willen unternommen war , und das brachte ihn vollends außer sich . Er ließ sich so weit hinreißen , seinen Schwiegersohn wie einen Knaben darüber zur Rede zu stellen , und ihm kurz und gut jede weitere Beschäftigung mit der Musik zu verbieten . Das war nun freilich das Schlimmste , was er thun konnte . Reinhold flammte bei dem Verbote in einem ganz unzähmbaren Trotze auf . Die Leidenschaftlichkeit , die trotz Allem , was sie äußerlich fesselte und in Schranken hielt , doch den eigentlichen Grundzug seines Charakters bildete , brach jetzt in wahrhaft erschreckender Heftigkeit hervor . Es gab eine furchtbare Scene , und hätte sich nicht Hugo rasch besonnen in ’ s Mittel gelegt , der Bruch wäre jetzt schon unheilbar geworden . Aber Almbach sah mit Entsetzen , daß der Neffe , den er erzogen und geleitet , den er mit allen möglichen Familien- und Geschäftsbanden an sich gefesselt , ihm völlig entwachsen war und nicht daran dachte , sich seinem Machtworte zu beugen . Der Streit war für den Augenblick beigelegt worden , aber nur , um bei der nächsten Gelegenheit von Neuem hervorzubrechen . Eine Scene folgte der andern ; eine Bitterkeit überbot die andere . Reinhold stand bald genug im Kampfe gegen seine ganze Umgebung , und der Trotz , mit dem er seinen musikalischen Studien mehr als je nachhing und seine Selbstständigkeit nach außen behauptete , erhöhte nur den Groll seiner Schwiegereltern . Frau Almbach , die die Ansichten ihres Mannes durchaus theilte , unterstützte jenen nach Kräften , Ella dagegen verhielt sich , wie gewöhnlich , vollständig passiv . Von ihr wurde freilich ein Eingreifen oder eine Parteinahme weder erwartet noch verlangt ; den Eltern fiel es nicht ein , ihr auch nur den geringsten Einfluß auf Reinhold zuzutrauen , und Reinhold selbst ignorirte sie in dieser Angelegenheit völlig und schien ihr gar nicht einmal das Recht einer Meinungsäußerung zuzugestehen . Die junge Frau litt unleugbar unter diesen Verhältnissen ; ob sie auch die traurige , demüthigende Rolle empfand , die sie , die Gattin , hier spielte , wo sie von beiden Parteien übersehen , bei Seite geschoben und als unmündig behandelt ward , ließ sich kaum entscheiden . Sie zeigte bei den erbitterten und erregten Debatten der Eltern und bei der fortwährenden Gereiztheit ihres Mannes , die oft um geringfügiger Anlässe willen hervorbrach und sich zumeist gegen sie richtete , stets die gleiche geduldige Fügsamkeit , kam nur höchst selten mit einem bittenden Worte , nie mit einer entschiedenen Parteinahme dazwischen , und zog sich , wenn sie wie gewöhnlich von beiden Seiten herb zurückgewiesen wurde , scheuer als je zurück . Der Einzige , der mit Allen nach wie vor auf dem besten Fuße stand und seine Stellung als allgemeiner Liebling unangefochten behauptete , war merkwürdiger Weise der junge Capitain . Wie alle eigensinnigen Menschen , fügte sich Almbach weit eher einer Thatsache als einem Conflicte , und verzieh leichter die directe , aber ruhige Mißachtung seiner Autorität , die der älteste Neffe sich hatte zu Schulden kommen lassen , als die stürmische Auflehnung gegen seinen Willen , die jetzt von dem jüngeren versucht ward . Hugo hatte , als er sah , daß ihm ein verhaßter Beruf aufgezwungen werden sollte , weder getrotzt , noch den Oheim beleidigt ; er war einfach davon gegangen und ließ den Sturm hinter seinem Rücken austoben . Freilich kam es ihm auch gar nicht darauf an , später die Rückkehr des verlorenen Sohnes in Scene zu setzen , um sich damit den Wiedereintritt in das Haus , dem sein Bruder angehörte , und die Wiederaufnahme in die Gunst seiner Verwandten zu sichern . Reinhold besaß weder die Fähigkeit noch die Lust , in dieser Weise mit den Verhältnissen [ 414 ] zu spielen und sie sich dienstbar zu machen . Wie er niemals im Stande gewesen war , seine Abneigung gegen das Geschäftsleben und seine Gleichgültigkeit gegen die kleinbürgerlichen Interessen zu verhehlen , so machte er auch jetzt kein Hehl aus seiner Verachtung der ganzen Umgebung , seinem glühenden Haß gegen die Fesseln , die ihn einengten , und das war es , was ihm nicht verziehen wurde . Hugo , der entschieden auf der Seite seines Bruders stand , durfte ganz offen dessen Partei nehmen , was auch bei jeder Gelegenheit geschah . Der Oheim vergab ihm das , fand es sogar natürlich , denn die Art des jungen Capitains , sich zu geben , ließ es nie zu einem Conflicte kommen , während bei Reinhold dieser Punkt nur berührt zu werden brauchte , um sofort die heftigsten Scenen zwischen ihm und den Schwiegereltern zu veranlassen . Es war um die Nachmittagsstunde , als Hugo das Almbach ’ sche Haus