Vaters geblieben , der allerdings politischer Flüchtling ist . “ Raven runzelte die Stirn . „ Das war eine Unvorsichtigkeit , die ich bei Ihnen am wenigsten vorausgesetzt hätte . Sie mußten sich sagen , daß ein solcher Besuch nothwendig bemerkt und verdächtigt werden mußte . “ „ Es war ein Freundschaftsbesuch , nichts weiter . Ich kann mein Wort darauf geben , daß er auch nicht die entfernteste politische Beziehung hatte ; es handelte sich um reine Privatverhältnisse . “ „ Gleichviel , Sie haben Rücksicht auf Ihre Stellung zu nehmen . Die Freundschaft mit dem Sohne eines politisch Compromittirten könnte allenfalls noch als unverfänglich gelten , wenn sie Ihnen auch schwerlich als Empfehlung für Ihre Carriere dienen dürfte , den Verkehr mit dem Vater aber und den Aufenthalt in seinem Hause mußten Sie unter allen Umständen vermeiden . – Wie ist der Name jenes Mannes ? “ „ Doctor Rudolf Brunnow . “ Der Name kam fest und klar von den Lippen Georg ’ s , und jetzt war er es , der das Antlitz seines Chefs unverwandt beobachtete . Er sah , wie etwas darin aufzuckte , unheimlich und gewaltsam , wie eine jähe Blässe die ehernen Züge überflog und die Lippen sich fest auf einander preßten , aber das alles kam und ging mit Blitzesschnelle . Schon in der nächsten Minute siegte die Selbstbeherrschung des Mannes , der gewohnt war , seiner Umgebung stets ein unbewegtes Gesicht zu zeigen und für sie undurchdringlich zu sein . „ Rudolf Brunnow – so ? “ wiederholte er langsam . „ Ich weiß nicht , ob Excellenz den Namen kennen ? “ wagte Georg zu fragen , aber er bereute sofort seine Uebereilung . Die Augen des Freiherrn begegneten den seinigen , oder vielmehr , wie Gabriele zu sagen pflegte , sie bohrten sich so tief ein , als wollten sie die geheimsten Gedanken aus der Seele lesen . Es lag ein finsteres , drohendes Forschen in diesem Blicke , welcher den jungen Mann warnte , auch nur einen einzigen Schritt weiter zu gehen ; er hatte das Gefühl , als stände er an einem Abgrunde . „ Sie sind mit dem Sohne des Doctor Brunnow eng befreundet ? “ begann der Freiherr nach einer secundenlangen Pause , ohne die letzte Frage zu beachten , „ also auch wohl mit dem Vater ? “ „ Ich habe ihn erst jetzt kennen gelernt und in ihm einen trotz mancher Schroffheit und Bitterkeit doch durchaus verehrungswürdigen Charakter gefunden , dem meine volle Sympathie gehört . “ „ Sie thäten besser , das nicht so offen auszusprechen , “ sagte Raven in eisigem Tone . „ Sie sind Beamter eines Staates , der über solche Persönlichkeiten ein für alle Mal den Stab gebrochen hat und sie noch jetzt unnachsichtlich verdammt . Sie können und dürfen nicht in vertraulicher Weise mit denen verkehren , die sich offen zu seinen Feinden bekennen . Ihre Stellung legt Ihnen Pflichten auf , vor denen derartige Freundschafts- und Gefühlsregungen zurücktreten müssen . Merken Sie sich das , Herr Assessor ! “ Georg schwieg ; er verstand die Drohung , die sich hinter dieser eisigen Ruhe barg ; sie galt nicht dem Beamten , sondern dem Mitwisser einer Vergangenheit , die Freiherr von Raven wahrscheinlich längst begraben und vergessen wähnte und die sich jetzt so urplötzlich vor seinen Augen erhob . Jedenfalls vermochte die Erinnerung daran den Freiherrn nicht länger als einen Augenblick zu erschüttern , und als er sich jetzt erhob und entlassend mit der Hand winkte , lag wieder der alte unnahbare Stolz in seiner Haltung . „ Sie sind jetzt gewarnt . Was bisher vorgefallen ist , mag als eine Uebereilung gelten ; was Sie in Zukunft thun , geschieht auf Ihre Gefahr . “ – Georg verbeugte sich schweigend und verließ das Gemach . Er fühlte wieder , wie so oft schon , daß Doctor Brunnow Recht gehabt , als er ihn vor der dämonischen Macht des einstigen Freundes warnte . Der junge Mann mit seinem hohen Ehrgefühl und seinen reinen Grundsätzen hatte sich nach jener inhaltschweren Eröffnung berechtigt geglaubt , den Verräther seiner Freunde und seiner Ueberzeugung aus tiefster Seele zu verachten , aber das wollte ihm nicht mehr gelingen , seit er wieder in den Bannkreis jener mächtigen Persönlichkeit getreten war . Die Verachtung wollte nicht Stand halten vor jenen Augen ; die so gebieterisch Gehorsam und Ehrfurcht heischten ; sie schien abzugleiten an dem Manne , der das schuldige Haupt so hoch und stolz trug , als erkenne er überhaupt keinen Richter über sich . So wenig sich Georg von der hohen Stellung und dem herrischen Wesen seines Vorgesetzten imponiren ließ , so wenig vermochte er sich dessen geistiger Ueberlegenheit zu entziehen . Und doch wußte er , daß ihm früher oder später ein erbitterter Kampf mit dem Freiherrn bevorstand , der mit der Entscheidung über die Zukunft Gabrielens auch sein Lebensglück in der Hand hielt . Auf die Dauer konnte das Geheimniß ja doch nicht bewahrt bleiben – und was dann ? Vor den Augen des jungen Mannes tauchte das Bild der Geliebten auf , die seit gestern mit ihm unter demselben Dache weilte , ohne daß es ihm möglich gewesen war , sie auch nur zu sehen , und daneben das eiserne , unerbittliche Antlitz dessen , den er soeben verlassen – er ahnte erst jetzt , wie schwer der Kampf war , mit dem er sich seine Liebe und sein Glück erobern mußte . Einige Wochen waren vergangen . Die Baronin Harder und ihre Tochter hatten die nöthigen Besuche zur Anknüpfung des gesellschaftlichen Verkehrs gemacht und empfangen , und Erstere bemerkte mit Befriedigung die große Rücksicht und Aufmerksamkeit , die man ihr um des Gouverneurs willen überall erwies . Noch mehr befriedigte sie die Entdeckung , daß ihr Schwager in der That nichts weiter von ihr verlangte , als die Repräsentation seines Hauses ; es wurden ihr keinerlei lästige und unbequeme Pflichten zugemuthet , wie sie im Anfange gefürchtet . Die Sorge und Verantwortlichkeit für das große , streng geregelte Hauswesen lag nach wie vor in den Händen eines alten Haushofmeisters , der schon seit langen Jahren dieses Amt verwaltete und Alles ordnete und leitete , während er nur seinem Herrn selbst Rechenschaft darüber ablegte . Der Freiherr mochte zu tiefe Einblicke in den Residenzhaushalt seiner Schwägerin gethan haben , um ihr in dieser Hinsicht irgend eine Selbstständigkeit zu gestatten . Sie vertrat der Gesellschaft gegenüber die Dame des Hauses , war aber eigentlich nur Gast in demselben . Eine andere Frau hätte die Stellung , in die sie dadurch gedrängt wurde , als eine Demütigung empfunden , der Baronin aber lag eigentliche Herrschsucht ebenso fern , wie der Begriff von Pflichten ; sie war viel zu oberflächlich , um beides zu kennen . Ihre Lage gestaltete sich weit angenehmer , als sie nach der Katastrophe , die dem Tode des Barons folgte , hoffen durfte ; sie lebte mit ihrer Tochter in glänzenden Umgebungen ; der Freiherr hatte ihr eine ziemlich bedeutende Summe für ihre persönlichen Ausgaben zugesichert ; Gabriele war seine anerkannte Erbin – da ließ sich schon der Zwang ertragen , den das Zusammenleben nun einmal unvermeidlich mit sich brachte . Auch Gabriele hatte sich schnell mit der neuen Umgebung vertraut gemacht . Der vornehme , großartige Zuschnitt des [ 193 ] Raven ’ schen Hauses , die peinliche Pünktlichkeit und die strengen Formen , welche überall vorherrschten , die unbedingte Ehrfurcht der Dienerschaft , für die jeder Wink des Herrn ein Befehl war , das alles imponirte der jungen Dame ebenso sehr , wie es sie befremdete . Es stand im schärfsten Gegensatze zu dem elterlichen Haushalte in der Residenz , wo neben dem größten Glanze auch die größte Unordnung herrschte , wo die Diener sich Unzuverlässigkeiten und Respectwidrigkeiten aller Art erlaubten und das Familienleben in der Jagd nach Zerstreuungen unterging . Dazu kamen später , als die Schuldenlast sich häufte und die Verlegenheiten dringender wurden , die heftigsten und unzartesten Scenen zwischen dem Baron und seiner Gemahlin , wo jeder dem Andern Verschwendung vorwarf , ohne daß dieser jemals gesteuert werde . Die halberwachsene Tochter war nur zu oft Zeuge solcher Scenen gewesen ; gleichzeitig verzogen und vernachlässigt von den Eltern , die gern mit dem hübschen Kinde Staat machten , sich aber sonst so gut wie gar nicht um dasselbe kümmerten , fehlte ihr jede ernstere Lebensrichtung . Selbst die Ereignisse des letzten Jahres , der Tod des Vaters und die bald darauf hereinbrechende Vermögenskatastrophe , waren fast spurlos an dem jungen Mädchen vorübergegangen , das in seinem sorglosen Leichtsinn gar keine Empfänglichkeit für den Schmerz hatte . Aber so viel Urtheilskraft besaß Gabriele doch , zu sehen , daß es in dem Hause des „ Emporkömmlings “ sehr viel vornehmer und aristokratischer zuging , als in dem ihrer Eltern , und sie ärgerte die Mutter oft genug mit Bemerkungen über diesen Punkt . – Die Baronin saß auf dem kleinen Sopha ihres Wohnzimmers und blätterte in den Modejournalen . In den nächsten Tagen sollte eine größere Festlichkeit bei dem Gouverneur stattfinden ; die höchst wichtige Toilettenfrage harrte also der Entscheidung , und Mutter und Tochter gaben sich mit dem größten Eifer dem für sie so interessanten Studium hin . „ Mama , “ sagte Gabriele , die neben der Mutter saß und gleichfalls einige der Modeblätter in der Hand hielt , „ Onkel Arno erklärte gestern diese großen Gesellschaften für eine lästige Pflicht , die seine Stellung ihm auferlege . Er findet nicht das mindeste Vergnügen daran . “ Die Baronin zuckte die Achseln . „ Er findet an nichts Vergnügen , als an der Arbeit . Ich habe nie einen Mann gesehen , der sich so wenig Ruhe und Erholung gönnt , wie mein Schwager . “ „ Ruhe ? “ wiederholte Gabriele . „ Als ob er die Ruhe überhaupt kennte oder auch nur ertrüge ! In den frühesten Morgenstunden sitzt er schon an seinem Schreibtisch , und Abends sehe ich oft noch um Mitternacht Licht in seinem Arbeitszimmer . Bald ist er in der Kanzlei , bald in den Bureaus ; dann wieder fährt er aus , nimmt Besichtigungen vor und inspicirt Gott weiß was für Dinge ; dazwischen empfängt er alle möglichen Leute , hört Vorträge an , giebt Befehle – ich glaube , er allein leistet so viel , wie all seine übrigen Beamten zusammengenommen . “ „ Ja , er war stets eine rastlose Natur , “ bestätigte die Baronin . „ Meine Schwester erklärte oft , es mache sie schon nervös , an diese unausgesetzte , ruhelose Thätigkeit ihres Mannes auch nur zu denken . “ Gabriele stützte den Kopf in die Hand und sah nachdenkend vor sich hin . „ Mama , “ begann sie plötzlich wieder , „ die Ehe Deiner Schwester muß recht langweilig gewesen sein . “ „ Langweilig ? Wie kommst Du darauf ? “ „ Nun , ich meine nur : nach allem , was man hier im Schlosse davon hört . Die Tante bewohnte den rechten Flügel und der Onkel den linken ; er kam oft wochenlang nicht in ihre Zimmer und sie niemals in die seinigen ; ich glaube , sie speisten nicht einmal zusammen . Jedes hatte seine eigene Equipage und Dienerschaft . Jedes ging und fuhr auf eigene Hand aus , ohne nach dem Andern auch nur zu fragen – es muß ein ganz seltsames Leben gewesen sein . “ „ Du bist im Irrthum , “ entgegnete die Mutter , für welche diese Art zu leben offenbar gar nichts Abschreckendes hatte . „ Es war eine durchaus glückliche Ehe . Meine Schwester hatte sich nie über ihren Gemahl zu beklagen , der jeden ihrer Wünsche erfüllte . Die Glückliche hat niemals die Bitterkeiten und Scenen kennen gelernt , die ich in den letzten Jahren nur allzu oft ertragen mußte . “ „ Ja , Du hast Dich freilich sehr oft mit dem Papa gezankt , “ sagte Gabriele naiv . „ Onkel Arno hat das sicher nie gethan , aber er hat sich auch nie um seine Frau gekümmert . Und er kümmert sich doch sonst um alles Mögliche , sogar um meine frühere Erziehung . Es war sehr unartig von ihm , neulich in Deiner Gegenwart zu sagen , er finde meine Bildung sehr lückenhaft und vernachlässigt , und man sähe es auf den ersten Blick , daß ich stets nur den Nonnen und Gouvernanten überlassen worden sei . “ „ Ich bin leider an solche Rücksichtslosigkeiten von seiner Seite gewöhnnt , “ erklärte die Baronin mit einem Seufzer , der sie aber durchaus nicht hinderte , das Modell einer Robe sehr genau zu betrachten . „ Daß ich sie ertrage , ist ein Opfer , das ich einzig und allein Deiner Zukunft bringe , mein Kind . “ Die Tochter schien nicht besonders gerührt von dieser mütterlichen Fürsorge . „ Wie ein kleines Schulmädchen bin ich examinirt worden , “ schmollte sie weiter . „ Er hat mich mit seinen Kreuz- und Querfragen so in die Enge getrieben , daß ich nicht mehr aus noch ein wußte , und dann zuckte er die Achseln und decretirte mir noch alle möglichen Unterrichtsstunden . Mit siebenzehn Jahren noch Unterricht nehmen ! Er will mir Lehrer aus der Stadt kommen lassen , aber ich werde ihm gerade heraus erklären , daß das ganz und gar nicht nothwendig ist . “ Die Mutter sah erschrocken von ihren Modejournalen auf . „ Um des Himmels willen , laß das bleiben ! Du stehst ja schon in fortwährender Opposition gegen Deinen Vormund , und ich schwebe oft genug in Todesangst , daß Dein Eigensinn und Uebermuth ihn endlich einmal reizen wird . Bis jetzt hat er Dein Benehmen freilich mit einer mir unbegreiflichen Geduld hingenommen , er , der sonst nie einen Widerspruch duldet . “ „ Ich sähe es weit lieber , wenn er einmal zornig würde , “ rief Gabriele in gereiztem Tone . „ Ich ertrage es nicht , wenn er so von seiner Höhe auf mich herablächelt , als wäre ich ein viel zu unbedeutendes Kind , um ihn reizen oder ärgern zu können , und er lächelt immer , wenn ich das versuche . Und wenn er mir vollends die Gnade erweist , mich auf die Stirn zu küssen , möchte ich am liebsten davonlaufen . “ „ Gabriele , ich bitte Dich – “ „ Ja , Mama , ich kann mir nicht helfen . So oft ich in Onkel Arno ’ s Nähe komme , ist es mir , als müsse ich mich wehren , mit allen Kräften wehren , gegen irgend etwas , das von ihm ausgeht . Ich weiß nicht , was es ist , aber es peinigt und quält mich . Ich kann mit ihm nicht verkehren wie mit anderen Menschen , und – ich will es auch nicht . “ Es klang ein ganz entschiedener Trotz aus den letzten Worten der jungen Dame ; sie nahm Hut und Sonnenschirm vom Tische und machte sich zum Gehen fertig . „ Wo willst Du denn hin ? “ fragte die Mutter . „ Nur auf eine halbe Stunde in den Garten ; es ist zu heiß in den Zimmern . “ Die Baronin protestirte und wollte vor allen Dingen die Toilettenfrage entschieden wissen , aber Gabriele schien heute alles Interesse daran verloren zu haben und war überhaupt viel zu sehr gewohnt , ihren Launen zu folgen , um den Einwand zu beachten . In der nächsten Minnte eilte sie davon . – Der Garten lag an der Rückseite des Schlosses , dessen Mauern ihn auf der einen Seite begrenzten , während er sich auf der anderen bis an den Rand des hier steil abfallenden Schloßberges erstreckte . Die hohe Befestigungsmauer , welche ihn einst auch nach dieser Richtung hin abschloß , war niedergelegt worden , und über diese niedrige Brüstung , die ein dichtes Epheugeflecht umzogen hielt , schweifte der Blick ungehindert in ’ s Freie . Das Thal that sich dort in seiner ganzen Weite auf und entfaltete , von hier aus gesehen , seine eigenthümlich malerischen Reize ; der Schloßberg war weithin berühmt wegen dieser Aussicht . Der Garten selbst verrieth noch überall den ehemaligen Burggarten . Etwas eng , etwas düster und sehr beschränkt im Raume , hatte er weder viel Sonnenschein , noch viel Blumenpracht , besaß aber dafür einen anderen selteneren Reiz : herrliche , uralte Linden beschatteten ihn und wehrten jeden Einblick , selbst vom Schlosse aus . Sie sahen ernst nieder auf die jüngere Generation , die , aus den ehemaligen Wällen und Befestigungen aufgewachsen , mit ihren schlanken Stämmen und ihrem frischen Grün den Schloßberg schmückte . Jene alten Baumriesen freilich wurzelten schon länger als ein Jahrhundert in diesem Boden ; die riesigen Stämme [ 194 ] hatten schon manchen Sturm ausgehalten , und die mächtigen Aeste der Kronen flochten sich in einander zu einem einzigen , dichten Laubdache , das nur selten einen Sonnenstrahl hindurch ließ . Es breitete tiefen , kühlen Schatten über den ganzen Raum , dem die Blumen fast vollständig fehlten . Nur einzelne Gebüschgruppen erhoben sich auf dem grünen Rasen , und inmitten desselben rauschte ein Brunnen . Es war eine Fontaine im Geschmacke des vorigen Jahrhunderts , mit alten , halbverwitterten Steinfiguren , die in seltsam phantastischer Auffassung Nixen und Wassergeister darstellten . Dunkles , feuchtes Moos bedeckte die steinernen Häupter und Arme , die eine Muschelschale stützten , aus welcher der Wasserstrahl emporstieg , um dann in tausend einzelnen Strahlen und Tropfen in das mächtige Bassin niederzurieseln . Auch hier überwucherte eine dichte , grüne Moosdecke das graue Gestein und gab dem sonst so krystallhellen Wasser eine eigenthümlich dunkle Färbung . Der „ Nixenbrunnen “ , wie er nach den Steingruppen hieß , die ihn schmückten , stammte aus der frühesten Zeit des Schlosses und spielte noch jetzt eine gewisse Rolle in der Umgegend . Es knüpfte sich irgend eine alte Sage daran , die dem Quell eine heilbringende Kraft lieh , und trotz Neuzeit und Aufklärung und obgleich das alte Bergschloß längst ein modernes Regierungsgebäude geworden war , behauptete sich jene Kraft in dem Aberglauben des Volkes . Man schöpfte an gewissen Tagen des Jahres das Wasser ; man gebrauchte es als Mittel gegen Krankheit , als Arznei für allerlei Leiden , zum großen Mißvergnügen des Gouverneurs , der schon mehrere Male diesem Unfuge energisch entgegengetreten war . Er hatte sogar den Schloßgarten schließen lassen , der früher Jedermann zugänglich war , und verboten , irgend einem Fremden den Zutritt zu gestatten , aber dieses Verbot hatte die entgegengesetzte Wirkung . Das Volk hielt eigensinnig fest an seinem Aberglauben und klammerte sich nur um so zäher an den Gegenstand desselben . Die Schloßdienerschaft wurde bald mit Bitten , bald mit Geschenken bestochen , um heimlich zu dulden , was sie nicht offen durfte geschehen lassen , und das Wasser des Schloßbrunnens galt nach wie vor als so heilkräftig , wie nur irgend ein Weihwasser , wiewohl es doch offenbar unter dem Schutze der heidnischen Nixengottheiten stand . Gabriele hatte gleichfalls von diesen Dingen gehört , durch den Freiherrn selbst , der sich oft mit heftigen Unwillen darüber äußerte , und vielleicht war es die von der Mutter so gefürchtete fortwährende Opposition gegen den Vormund , welche die junge Dame bestimmte , gerade hier ihren Lieblingsplatz zu wählen . Auch heute hatte sie ihn aufgesucht , aber weder der Nixenbrunnen selbst , noch die weite Aussicht , welche sich drüben an der freien Seite des Gartens aufthat , vermochte sie zu fesseln . Gabriele war übler Laune , und sie hatte allen Grund dazu . Nach der schrankenlosen Freiheit , die sie in Z. genossen , konnte sie sich durchaus nicht mit den strengen Formen des Raven ’ schen Hauses befreunden , um so weniger , als diese Formen die gehofften öfteren Begegnungen mit Georg Winterfeld unmöglich machten . Das junge Paar war in R. fast vollständig getrennt und mußte sich , ein zufälliges Zusammentreffen vor Zeugen abgerechnet , mit einem flüchtigen Sehen aus der Ferne oder einem Gruße begnügen , den Georg verstohlen zu den Fenstern hinaufsandte . Er hatte freilich eine Annäherung versucht und den Damen einen kurzen Besuch gemacht , zu dem die frühere Bekanntschaft ihn berechtigte . Die Baronin hätte auch nichts dagegen gehabt , den liebenswürdigen jungen Mann auch hier öfter zu empfangen , aber Raven gab seiner Schwägerin einen sehr deutlichen Wink , daß er keinen näheren Verkehr zwischen den Damen seines Hauses und einem seiner jungen Beamten wünsche , der noch gar keinen Anspruch auf eine solche Auszeichnung habe . In Folge dessen wurde der Besuch zwar angenommen , aber es erfolgte keine Einladung , ihn zu wiederholen , und damit war der Versuch gescheitert . Es war freilich mehr Ungeduld als Schmerz , womit Gabriele den Zwang ertrug , der sie hier von allen Seiten umgab . Seit der Freiherr sie so vollständig zu der Kinderrolle verurtheilte , vermißte sie sehr die zarte und doch leidenschaftliche Huldigung Georg ’ s , die sie früher als selbstverständlich hingenommen hatte . Er fand ihre Bildung nicht „ lückenhaft und vernachlässigt “ ; er examinirte sie nicht und muthete ihr keine Unterrichtsstunden zu , wie der Vormund , der so gar nicht wußte , wie man junge Damen ihres Alters eigentlich zu behandeln habe . Für Georg war sie die Geliebte , das angebetete Ideal ; ihn beglückte schon ein Gruß , den sie ihm aus der Ferne zuwarf – trotzdem war sie auch auf ihn böse . Warum versuchte er nicht energischer , die Schranken zu durchbrechen , die sie von einander trennten ? warum hielt er sich in so ehrerbietiger Entfernung ? warum schrieb er ihr nicht wenigstens ? Das junge Mädchen war noch viel zu kindlich und unerfahren , um die zarte Rücksicht zu würdigen , mit der Georg Alles vermied , was nur den geringsten Schatten auf sie werfen konnte , mit der er Trennung und Entfernung ertrug , ehe er irgend etwas unternahm , was ihren Ruf gefährdete . „ Nun , Gabriele , suchst Du die Geheimnisse des Nixenbrunnens zu ergründen ? “ sagte plötzlich eine Stimme . Sie wandte sich rasch um . Freiherr von Raven stand vor ihr . Er mußte soeben erst aus dem Gebüsche hervorgetreten sein ; es geschah überhaupt nur höchst selten , daß er den Garten betrat . Ihm fehlte sowohl die Zeit , wie die Lust zu einsamen Spaziergängen . Auch heute mußte ihn irgend etwas Besonderes herführen , denn er schritt sofort auf die Fontaine zu und begann sie aufmerksam von allen Seiten zu besichtigen . „ Nun , Onkel Arno , mit den Geheimnissen mußt Du ja besser vertraut sein , als ich , “ gab Gabriele lachend zur Antwort . „ Ich bin noch fremd hier , und Du wohnst schon lange im Schlosse . “ „ Glaubst Du , daß ich Zeit habe , mich um Kindermärchen zu kümmern ? “ Der verächtliche Ton der Worte reizte die junge Dame unwillkürlich . „ Du hast wohl niemals die Kindermärchen geliebt ? “ fragte sie . „ Auch als Knabe nicht ? “ „ Auch als Knabe nicht ! Ich hatte schon damals Besseres zu denken . “ Gabriele sah zu ihm auf ; dieses stolze , strenge Antlitz mit dem Ausdrucke finsteren Ernstes sah freilich nicht aus , als hätte es je die Märchenpoesie der Kindheit gekannt oder geliebt . „ Trotzdem gilt mein Besuch heut dem Nixenbrunnen , “ fuhr er fort . „ Ich habe Befehl gegeben , ihn abzubrechen und den Quell zu verstopfen , will mich aber zuvor überzeugen , ob die Anlagen nicht etwa darunter leiden , und ob deswegen Vorkehrungen getroffen werden müssen . “ Gabriele fuhr erschrocken und empört auf . „ Der Brunnen soll vernichtet werden ? Weshalb denn ? “ „ Weil ich endlich des Unfuges müde bin , der damit getrieben wird . Der lächerliche Aberglaube ist nicht auszurotten . Trotz meines strengen Verbotes wird fortwährend heimlich Wasser aus dem Brunnen geschöpft und damit dem Unsinn immer wieder neue Nahrung gegeben . Es ist die höchste Zeit , der Sache ein Ende zu machen , und das kann nur geschehen , wenn dem Aberglauben der Gegenstand genommen wird , an den er sich klammert . Es thut mir leid , daß eine alte Merkwürdigkeit des Schlosses dabei zum Opfer fallen muß , aber gleichviel – sie muß fallen . “ „ Aber dann wird dem Garten seine schönste Zierde geraubt , “ rief Gabriele . „ Gerade dieses einsame Sprühen und Rauschen der Fontaine gab ihm den höchsten Reiz . Und das silberhelle Wasser soll auf immer in die dunkle Erde gebannt werden ? Das ist abscheulich , Onkel Arno ; das leide ich nicht . “ Raven , der noch immer mit der Besichtigung des Brunnens beschäftigt war , wandte langsam den Kopf nach ihr . „ Du leidest es nicht ? “ fragte er , sie scharf fixirend , aber es war nicht jener drohende , gebieterische Blick , mit dem er sonst jeden Widerspruch zu Boden schmetterte . Es dämmerte sogar ein leises Lächeln in seinem Gesichte auf . „ Dann wird freilich nichts übrig bleiben , als daß ich meinen Befehl zurückziehe ; es wäre freilich das erste Mal , daß so etwas geschieht . – Glaubst Du denn wirklich , Kind , ich werde Deinen romantischen Bedenken einen meiner Entschlüsse opfern ? “ Das war wieder das überlegene , halb spöttische , halb mitleidige Lächeln , das Gabriele stets zur Verzweiflung brachte , und der Ausdruck „ Kind “ that es nicht minder . Tief verletzt in ihrer siebzehnjährigen Würde , zog sie es vor , gar nicht zu antworten , und begnügte sich , ihrem Vormund einen entrüsteten Blick zuzuwerfen . „ Du thust ja , als ob Dir mit der Wegnahme des Brunnens eine persönliche Beleidigung geschähe , “ sagte der Freiherr . „ Mir scheint , Du hegst noch den ganzen Respect der Kinderstube vor [ 196 ] den Ammenmärchen und fürchtest Dich im vollen Ernste vor dem gespenstischen Nixenvolk . “ „ Ich wollte , die Nixen rächten sich für den Spott und für die angedrohte Vernichtung , “ rief Gabriele mit einem Tone , der muthwillig sein sollte , aber sehr gereizt klang . „ Mich freilich würde ihre Rache nicht treffen . “ „ Aber mich , meinst Du ? “ ergänzte Raven sarkastisch . „ Sei ruhig , Kind ! Dergleichen droht nur poetischen Mondscheinnaturen . An mir möchte sich dieser Nixenzauber doch wohl umsonst versuchen . “ Sie standen unmittelbar am Rande der Fontaine ; das Wasser rauschte und rieselte eintönig aus der Muschelschale nieder , plötzlich aber gab ein Windhauch dem Strahle eine andere Richtung ; er sprühte seitwärts , und ein funkelnder Tropfenregen ergoß sich gleichzeitig über den Freiherrn und Gabriele . Sie sprang mit einem leichten Aufschrei zurück . Raven blieb gelassen stehen . „ Das traf uns Beide , “ sagte er . „ Deine Nixen scheinen sehr unparteiischer Natur zu sein . Sie strecken nach Feind und Freund ihre nassen Arme . “ Die junge Dame war nach der Bank geflüchtet und trocknete mit dem Taschentuche die Tropfen von ihrem Kleide . Der Spott ärgerte sie unbeschreiblich , gleichwohl wußte sie ihm nichts entgegen zu setzen . Jedem Anderen gegenüber wäre sie auf den Scherz eingegangen und hätte aus dem Zufall eine Neckerei gemacht – hier konnte sie es nicht . Der Scherz des Freiherrn war immer Sarkasmus ; sein Lächeln schloß nie eine Spur von Heiterkeit in sich , und es war höchstens Ironie , die auf Augenblicke den gewohnten Ernst seiner Züge verdrängte . Er schüttelte mit einer raschen Bewegung die Tropfen ab , die auch ihn überschüttet hatten , und trat dann gleichfalls zur Bank , während er fortfuhr : „ Es thut mir leid , daß ich Dir Deinen Lieblingsplatz nehmen muß , aber das Urtheil über den Brunnen ist nun einmal gesprochen . Du wirst Dich darein finden müssen . “ Gabriele warf einen Blick auf die Fontaine , deren träumerisches Rauschen vom ersten Tage an einen geheimnißvollen Reiz auf sie geübt hatte . Sie kämpfte fast mit dem Weinen , als sie antwortete : „ Ich weiß es ja , daß Du nicht darnach fragst , ob Deine Befehle Jemanden wehe thun , und daß es ganz umsonst ist , Dich zu bitten . Du hörst ja niemals auf eine Bitte . “ Raven kreuzte ruhig die Arme . „ So ? Weißt Du das bereits ? “ „ Ja , und es bittet Dich auch Niemand . Sie fürchten sich ja Alle vor Dir , die Dienerschaft , Deine Beamten , die Mama sogar , nur ich – “ „ Du fürchtest Dich nicht ? “ „ Nein ! “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 13 , S. 207 – 210 Fortsetzungsroman – Teil 5 [ 207 ] Das Wort kam sehr trotzig und entschieden von den Lippen der jungen Dame ; sie schien wieder einmal in kriegerischer Stimmung und fest entschlossen zu sein , den gefürchteten Vormund zu reizen , aber vergebens ; er blieb vollkommen gelassen und schien den Widerspruchsgeist seines Mündels eher belustigend als beleidigend zu finden . „ Ein Glück , daß Deine Mutter nicht zugegen ist ! “ bemerkte er . „ Sie würde wieder in Todesangst gerathen über den Trotzkopf , der sich so gar nicht der Nothwendigkeit fügen will , wie sie es mit großer Selbstverleugnung thut . Du solltest Dir an ihr ein Beispiel nehmen . “ „ O ja , Mama ist die Nachgiebigkeit selbst gegen Dich , “ rief Gabriele