die vom Corridor aus in das Nebenzimmer führte , und eine laute , herrische Stimme drinnen machten dieser interessanten Beschäftigung vorläufig ein Ende . Der alte Berkow fragte eintretend , ob sein Sohn sich noch hier befinde , und auf die bejahende Antwort schickte er den Diener fort , schob die Portière zurück und trat zu seinem Sohn in ’ s Zimmer . Sein Antlitz war geröthet , wie im Aerger oder Zorn , und die Wolke , die bereits auf seiner Stirn lag , wurde noch finsterer , als er Arthur ’ s ansichtig ward . „ Also hier liegst Du wirklich noch auf dem Sopha , genau so , wie Du vor drei Stunden lagst ! “ Arthur schien durchaus nicht daran gewöhnt zu sein , seinem Vater auch nur die äußere Form der Ehrerbietung zu erweisen . Er hatte von dem Eintritt desselben nicht die mindeste Notiz genommen , und auch jetzt fiel es ihm nicht ein , seine nachlässige Stellung nur im Geringsten zu verändern . Die Stirn des Vaters furchte sich noch tiefer . „ Deine Apathie und Trägheit fängt jetzt wirklich an , alle Begriffe zu übersteigen ! Das ist ja ärger hier als in der Residenz . Ich hoffte , Du würdest Dich doch wenigstens in etwas meinen Wünschen fügen , wenigstens einigen Antheil an dem Gedeihen von Schöpfungen nehmen , die ich nur um Deinetwillen in ’ s Leben rief , aber – “ „ Mein Gott , Papa , “ unterbrach ihn der junge Mann , „ Du verlangst doch nicht etwa , daß ich mich um Arbeiter , um Maschinen und dergleichen kümmern soll ? Ich habe das ja nie gethan , und begreife überhaupt nicht , wie Du uns gerade hierher dirigiren konntest . Ich langweile mich zu Tode in dieser Einöde . “ Die Worte klangen in der That sehr gelangweilt , aber sie hatten nichtsdestoweniger den vollen Ton des verzogenen Lieblingssohnes , der gewohnt ist , seinen Launen überall und unter allen Umständen Rechnung getragen zu sehen , und der schon die bloße Zumuthung von etwas Unbequemem als eine Beleidigung auffaßt . Aber irgend etwas Vorhergegangenes mußte den Vater zu sehr gereizt haben , um diesmal wie gewöhnlich sofort nachzugeben . Er zuckte die Achseln . „ Ich bin es nun nachgerade gewohnt , daß Du Dich an jedem Orte und unter jeder Umgebung langweilst , während ich allein alle Sorge und alle Last zu tragen habe . Zumal jetzt stürmt es von allen Seiten auf mich ein . Deine Verschwendung in der Residenz fing zuletzt an , selbst meine Mittel zu übersteigen ; die Windegs von ihren Verpflichtungen loszumachen , hat auch Opfer genug gekostet , und hier finde ich vollende nichts als Aerger und Unannehmlichkeiten ohne Ende . Da habe ich heut Morgen eine Conferenz mit dem Director und den Oberbeamten gehabt und nur Klagen und nichts als Klagen hören müssen . Umfassende Reparaturen in den Schachten – Verbesserung der Arbeitslöhne – neue Wetterführung – Unsinn ! Als ob ich jetzt Zeit und Geld dazu hätte ! “ Arthur hörte vollständig theilnahmlos zu ; wenn sich in seinem Gesichte überhaupt etwas kund gab , so war es der Wunsch nach Entfernung des Vaters ; aber dieser that ihm nicht den Gefallen , er begann heftig im Zimmer auf- und abzuschreiten . „ Verlasse sich Einer auf die Beamten und ihre Berichte ! Ein halbes Jahr lang bin ich nicht persönlich hier gewesen und Alles geht darunter und darüber ! Da reden sie von dumpfer Gährung unter den Leuten , von bedenklichen Symptomen , drohender Gefahr , als ob sie nicht Vollmacht hätten , den Zügel so straff als nur möglich anzuziehen . Vor allem wird mir da ein gewisser Hartmann als der Haupt-Aufwiegler bezeichnet , der bei seinen Cameraden als eine neue Art von Messias gilt und mir dabei in der Stille die gesammten Werke insurgirt , und als ich frage , warum in Kukuks Namen sie denn den Menschen nicht längst fortgejagt haben , was bekomme ich zur Antwort ? Das wagte man nicht ! Er hätte sich bisher in seinem Arbeitsverhältniß noch nicht das Geringste zu schulden kommen lassen , und seine Cameraden hingen mit blinder Vergötterung an ihm . Es gäbe eine Revolution auf den Werken , wenn man ihn ohne hinreichenden Grund entließe . Ich habe mir die Freiheit genommen , den Herren zu erklären , daß sie allesammt Hasenfüße wären , und daß ich jetzt die Sache in die Hand nehmen würde . Die Schachte bleiben wie sie sind , und an den Lohnverhältnissen wird auch nicht ein Jota geändert . Gegen die geringste Auflehnung wird mit vollster Strenge vorgegangen und dem Herrn Rädelsführer werde ich selbst den Abschied geben und das noch heute . “ „ Das kannst Du nicht , Papa ! “ sagte Arthur plötzlich , sich zur Hälfte aufrichtend . [ 42 ] Berkow blieb überrascht stehen . „ Weshalb nicht ? “ „ Weil eben dieser Hartmann es war , der die Pferde vor unserem Wagen aufhielt und uns dadurch vom sicheren Tode rettete . “ Berkow ließ einen unterdrückten Ausruf des Zornes hören . „ Fatal ! Mußte es auch grade dieser Mensch sein ! Ja freilich , da kann man ihn nicht so ohne Weiteres fortschicken ; man wird eine Gelegenheit abwarten müssen . Uebrigens , Arthur , “ er blickte finster auf seinen Sohn hin , „ es war auch arg , daß ich erst durch Fremde von jenem Unfall erfahren mußte ; Du hieltest es nicht der Mühe werth , mir auch nur ein Wort darüber zu schreiben . “ „ Wozu ? “ Der junge Mann stützte müde den Kopf in die Hand . „ Die Sache ging ja glücklich vorüber , und überdies hat man uns hier nahezu umgebracht mit Beileidsbezeigungen , Glückwünschen , Fragen und Redereien darüber . Ich finde , das Leben ist gar nicht so viel werth , um von seiner Rettung ein solches Aufheben zu machen . “ „ Findest Du das ? “ fragte der Vater ihn fixirend . „ Ich dächte , Du wärest am Tage vorher getraut worden . “ Arthur antwortete nicht ; er zuckte nur die Achseln . Berkow ’ s Auge heftete sich noch forschender auf seine Züge . „ Da wir einmal bei dem Punkte angekommen sind – was ist das zwischen Dir und Deiner Frau ? “ fragte er plötzlich rasch und ohne allen Uebergang . „ Zwischen mir und meiner Frau ? “ wiederholte Arthur , als müsse er sich erst besinnen , von wem eigentlich die Rede sei . „ Ja , zwischen Euch Beiden . Ich denke ein junges Ehepaar in seinen Flitterwochen zu überraschen und finde hier Dinge , von denen ich mir in der Residenz wahrhaftig nichts träumen ließ . Du reitest allein und sie fährt allein ; Keiner von Euch betritt je des Anderen Zimmer . Ihr vermeidet einander absichtlich und wenn Ihr Euch einmal trefft , so werden keine sechs Worte gesprochen – was soll das alles heißen ? “ [ 53 ] Der junge Mann hatte sich vollends erhoben und stand jetzt seinem Vater gegenüber , aber ohne seine schläfrige Haltung aufzugeben . „ Du verräthst ja eine merkwürdige Detailkenntniß , Papa , die Du doch unmöglich aus unserem halbstündigen Zusammensein gestern Abend schöpfen konntest . Hast Du die Bedienten ausgefragt ? “ „ Arthur ! “ Berkow wollte auffahren , aber die gewohnte Nachgiebigkeit gegen seinen Sohn ließ ihn auch diese Unart übersehen ; er zwang sich zur Ruhe . „ Man ist hier , wie es scheint , noch nicht an die vornehme Art zu leben gewöhnt , “ fuhr Arthur unbekümmert fort . „ Wir sind in dem Punkte nun einmal durchaus aristokratisch . Du liebst das Aristokratische ja so sehr , Papa . “ „ Laß die Spöttereien ! “ sagte Berkow ungeduldig . „ Geschieht es etwa auch mit Deiner Bewilligung , daß Deine Frau Gemahlin sich erlaubt , Dich in einer Weise zu ignoriren , die bereits das Gespräch der ganzen Colonie bildet ? “ „ Wenigstens lasse ich ihr die Freiheit , genau dasselbe zu thun , was ich mir herausnehme . “ Berkow fuhr heftig von seinem Stühle auf . „ Das geht denn doch allzu weit ! Arthur , Du bist – “ „ Nicht wie Du , Papa ! “ unterbrach ihn der Sohn kalt . „ Ich wenigstens hätte kein Mädchen mit der Schuldverschreibung ihres Vaters in der Hand zum Jawort gezwungen . “ Die Röthe in dem Antlitze Berkow ’ s verblich plötzlich , und er trat unwillkürlich einen Schritt zurück , als er unsicher fragte : „ Was – was soll das heißen ? “ Arthur richtete sich aus seiner schlaffen Haltung empor , und das Auge gewann einiges Leben , als er es fest auf den Vater richtete . „ Baron Windeg war ruinirt , das wußte alle Welt . Wer hat ihn ruinirt ? “ „ Weiß ich ’ s ? “ fragte Berkow höhnisch . „ Seine Verschwendungssucht , die Last , den großen Standesherrn zu spielen , während er schon über und über verschuldet war ! Er wäre verloren gewesen ohne meine Hülfe . “ „ Wirklich ? Also man verfolgte keinen Plan bei dieser Hülfe ? Dem Baron wurde nicht die Bedingung gestellt , seine Tochter herzugeben oder des Aeußersten gewärtig zu sein ? Er entschied sich freiwillig für diese Verbindung ? “ Berkow lachte gezwungen auf . „ Natürlich ! Wer hat Dir denn erzählt , daß es anders war ? “ Aber trotz des zuversichtlichen Tones sank sein Blick scheu zu Boden ; der Mann hatte vielleicht noch niemals im Leben die Augen niedergeschlagen , wenn ihm eine Gewissenlosigkeit vorgehalten wurde ; hier vor seinem Sohne that er es . Ein Ausdruck leiser Bitterkeit flog über die matten Züge des jungen Mannes ; wenn er bisher noch irgend einen Zweifel gehegt , jetzt wußte er genug . Nach einer secundenlangen Pause nahm Arthur das Gespräch wieder auf . „ Du weißt , daß ich niemals Neigung zum Heirathen hegte , daß ich nur Deinem unaufhörlichen Drängen nachgab . Eugenie Windeg war mir so gleichgültig wie jede Andere ; ich kannte sie ja nicht einmal , aber sie wäre nicht die Erste gewesen , die dem Reichthume freiwillig ihren alten Namen geopfert hätte ; so wenigstens faßte ich ihr und ihres Vaters Jawort auf . Es hat Dir nicht beliebt , mich über das zu unterrichten , was meiner Bewerbung voranging und was ihr folgte ; erst aus Eugeniens Munde mußte ich von dem Handel hören , den Du mit uns Beiden getrieben hast . Wir wollen das ruhen lassen ; die Sache ist nun einmal geschehen und kann nicht ungeschehen gemacht werden ; aber Du wirst es jetzt auch wohl begreiflich finden , daß ich es vermeide , mich erneuten Demüthigungen auszusetzen . Ich habe keine Lust , zum zweiten Male so vor meiner Frau dazustehen , wie an jenem Abende , wo mir die volle Verachtung gegen mich und meinen Vater entgegengeschleudert wurde und ich – schweigen mußte . “ Berkow , der bisher stumm und zur Hälfte abgewendet dastand , drehte sich bei den letzten Worten plötzlich um und maß seinen Sohn mit einem erstaunten Blicke . „ Ich hätte nicht geglaubt , daß Dich irgend etwas noch in solchem Grade reizen könnte , “ sagte er langsam . „ Reizen ? Mich ? Da irrst Du ! Bis zum Gereiztwerden sind wir überhaupt gar nicht gekommen . Meine Frau Gemahlin geruhte gleich anfangs , sich so hoch auf das Piedestal ihrer erhabenen Tugenden und ihres aristokratischen Bewußtseins zu stellen , daß ich , der ich in beiden Dingen gleich unwürdig vor ihr stehe , es vorzog , sie nur aus der Ferne zu bewundern . Ich rathe Dir ernstlich , es ebenso zu machen , wenn Du überhaupt dahin gelangen solltest , bisweilen das Glück ihrer Gegenwart zu genießen . “ Er warf sich mit verächtlicher Gleichgültigkeit wieder auf das Sopha ; aber mitten durch den Spott klang doch etwas von jener tiefen Gereiztheit , die der Vater an ihm bemerkt haben wollte . Berkow schüttelte den Kopf ; aber die Rolle , die er bei diesem verfänglichen Thema dem Sohne gegenüber spielte , war doch zu peinlich , als daß er nicht möglichst schnell davon hätte ablenken sollen . [ 54 ] „ Wir sprechen noch einmal zu gelegener Zeit darüber ! “ erklärte er , heftig die Uhr hervorziehend . „ Für heute laß uns abbrechen . Es sind noch zwei Stunden bis zum Eintreffen der Gäste ; ich fahre nach den oberen Werken hinaus . Du begleitest mich also ? “ „ Nein ! “ sagte Arthur , wieder in seine volle Trägheit zurücksinkend . Berkow machte diesmal keinen Versuch , seine Autorität zu gebrauchen ; vielleicht war ihm nach diesem Gespräche die Weigerung nicht unlieb . Er wandte sich zum Gehen und ließ den jungen Mann allein , den mit der nun eintretenden Stille wieder die ganze frühere Apathie zu überkommen schien . Und während draußen der erste klare Frühlingstag auf die Erde herniederlächelte , während die Berge dufteten und die Wälder im Sonnenglanze funkelten , lag Arthur Berkow drinnen im halbdunklen Gemach bei herabgelassenen Vorhängen und geschlossenen Portièren , als sei er allein nicht geschaffen für freie Bergesluft und goldenen Sonnenschein . Die Luft war ihm zu rauh , die Sonne zu hell ; die Aussicht blendete ihn , und er selbst kam sich über alle Beschreibung nervös und angegriffen vor . Der junge Erbe , dem Alles zu Gebote stand , was die Welt und das Leben nur zu geben vermochten , fand , was er schon so unendlich oft gefunden , daß diese Welt und dieses Leben doch eigentlich entsetzlich leer und öde seien , gar nicht der Mühe werth , geboren zu werden . Das glänzende , mit verschwenderischer Pracht und Ueppigkeit hergerichtete Diner war zu Ende . Es hatte außer den zahlreich erschienenen Gästen noch einen besonderen Triumph für Berkow gebracht . Der Adel der benachbarten Stadt war im höchsten Grade exclusiv , zumal in seinen tonangebenden Persönlichkeiten , und er hatte sich bisher noch nie herbeigelassen , das Haus eines Emporkömmlings zu betreten , den seine zweideutige Vergangenheit noch immer von der vornehmen Gesellschaft ausschloß . Die Einladungen aber , auf denen Eugenie Berkow , geborene Baroneß Windeg , unterzeichnet stand , waren allseitig angenommen worden . Sie war und blieb doch nun einmal der Sproß einer der ältesten Adelsgeschlechter ; man konnte und wollte sie nicht durch eine Ablehnung verletzen , wollte dies um so weniger , als es kein Geheimniß geblieben war , was sie zu dieser Verbindung gezwungen hatte . Wenn man aber der jungen Frau mit vollster Achtung und Sympathie entgegenkam , so konnte man gegen ihren Schwiegervater , in dessen Hause das Fest ja stattfand , unmöglich anders als höflich sein , und das geschah denn auch . Berkow triumphirte , er wußte sehr wohl , daß dies hier nur das Vorspiel dessen war , was sich im Winter in der Residenz wiederholen mußte . Man werde die Baroneß Windeg in ihren Kreisen sicher nicht fallen lassen , weil sie sich aus Kindesliebe für ihren Vater geopfert , man werde sie dort nach wie vor als ebenbürtig betrachten trotz des bürgerlichen Namens , den sie jetzt trug . Was aber diesen Namen selbst betraf , so lag das so sehnlich erstrebte Ziel ja nun hoffentlich auch nicht mehr in allzuweiter Ferne . Wenn sich der ehrgeizige Millionär nun einerseits seiner Schwiegertochter zu neuem Danke verpflichtet fühlte , trotzdem sie heut mehr als je die Airs einer Fürstin angenommen hatte und ihm und seinem ganzen Kreise völlig unnahbar geblieben war , so hatte ihn andererseits das Benehmen seines Sohnes ebenso sehr überrascht als geärgert . Arthur , der sonst ausschließlich in adeligen Kreisen verkehrte , schien jetzt auf einmal den Geschmack an dieser Art des Umganges verloren zu haben . Er war den vornehmen Gästen gegenüber von einer so kühlen Artigkeit gewesen , hatte selbst gegen die Officiere der Garnison , mit denen er doch sonst bei seinem Hiersein auf sehr intimem Fuße stand , eine so geflissentliche Zurückhaltung beobachtet , daß er mehr als einmal bis an die Grenze dessen ging , was ein Wirth sich erlauben darf , ohne zu verletzen . Berkow begriff diese ganz neue Laune nicht ; was fiel denn seinem Sohne auf einmal ein ? Wollte er vielleicht seiner Gemahlin damit Opposition machen , wenn er ihre Gäste so beinahe absichtlich vermied ? Diejenigen Herren aus der Stadt , welche sich in Begleitung ihrer Damen befanden , waren bereits aufgebrochen , weil bei den vom langen Regen grundlosen Wegen eine mehrstündige Fahrt in der Dunkelheit nicht rathsam erschien , und hatten dadurch der Frau vom Hause die Freiheit gegeben , sich zurückzuziehen , eine Freiheit , die sie auch sofort benutzte . Eugenie verließ die Gesellschaftsräume und begab sich in ihre Zimmer , während ihr Gemahl und ihr Schwiegervater bei den Gästen zurückblieben . Inzwischen war zur festgesetzten Stunde auch Ulrich Hartmann erschienen . Seit seinen frühesten Knabenjahren , seit mit dem Tode der Frau Berkow die Beziehungen seiner Eltern zum Hause derselben aufgehört , hatte er es nicht wieder betreten , wie denn überhaupt für die gesammte Arbeiterbevölkerung das Landhaus des Chefs mit seiner Umgebung von Terrassen und Gärten ein verschlossenes Eldorado war , das nur hin und wieder den Beamten einmal zugänglich wurde , wenn irgend eine besonders wichtige Angelegenheit oder eine Einladung sie dorthin rief . Der junge Mann schritt durch das hohe , reich mit blühenden Gewächsen geschmückte Vestibül , die teppichbelegten Stufen hinauf und durch die hellerleuchteten Corridore , bis ihn in einem der letzteren der Diener von heute Morgen in Empfang nahm und in eins der Zimmer wies . „ Die gnädige Frau werde bald erscheinen – “ mit dieser Bemerkung schloß er die Thür hinter ihm und ließ ihn allein . Es war ein großes , reich decorirtes Vorgemach , in das Ulrich eintrat , der Anfang einer ganzen Flucht von Staatszimmern , die aber in diesem Augenblicke völlig leer waren . Die Gesellschaft befand sich noch drüben in dem nach dem Garten , gelegenen Speisesaal , aber gerade die Oede und Stille . die in diesen Räumen herrschte , ließ ihre Pracht noch mehr zur Geltung kommen . Durch die überall weit zurückgeschlagenen Portièren überschaute Ulrich ungehindert die lange Reihe glänzender Zimmer , deren eins das andere an Pracht zu überbieten schien . Die schweren dunklen Sammettapeten schienen das Licht einzufangen , aber desto heller spielte es auf den reich vergoldeten Verzierungen der Wände und Thüren , auf den Seiden- und Atlasbezügen der Möbel , in den deckenhohen Spiegeln , die es in blitzenden Strahlen zurückwarfen , ja selbst auf dem spiegelglatten Parquetboden , desto voller beleuchtete es all diese Gemälde , Statuen und Vasen , die in verschwenderischer Menge und Kostbarkeit die Salons schmückten . Alles , was Reichthum und Luxus nur irgend zu geben vermögen , war hier zusammengehäuft , eine Fülle von Schönheit , Pracht und Glanz , die wohl ein Auge blenden konnte , das bisher nur gewohnt war , in den dunkeln Gängen des Schachtes seine Heimath zu finden . Aber dieser Anblick , der sicher jeden seiner Cameraden verwirrt hätte , schien auf Ulrich nicht den mindesten Eindruck zu machen . Wohl glitt sein Auge finster durch die strahlenden Räume ; aber keine Bewunderung sprach sich darin aus . Als wollte er mit jedem einzelnen der kostbaren Dinge rechten , so schaute er darauf hin , und plötzlich kehrte er , wie in aufflammendem Haß , der ganzen Zimmerreihe den Rücken und schlug leise , aber heftig mit seinem Fuß den Boden , als sich noch immer Niemand blicken ließ ; Ulrich Hartmann war augenscheinlich wenig gemacht , geduldig im Vorzimmer zu warten , bis man sich herabließ , ihn zu empfangen . Endlich rauschte etwas hinter ihm . Er wandte sich um und trat unwillkürlich zurück , denn einige Schritte von ihm entfernt , gerade unter dem Kronleuchter , stand Eugenie Berkow . Er hatte sie bisher nur ein einziges Mal gesehen , als er sie aus dem Wagen trug , im einfachen Reisekleide von dunkler Seide , während ihr Antlitz von Reisehut und Schleier zur Hälfte beschattet war , und er hatte von jener Begegnung nur die Erinnerung an Eins mit sich genommen , an die großen dunklen Augen , die sich damals so fest auf sein Antlitz geheftet ; jetzt – ja freilich , das war eine andere Erscheinung als jene , die bisher in den Gesichtskreis des jungen Bergmanns getreten waren . Zarte weiße Spitzen flossen über das weiße Seidengewand und umwogten wie eine Wolke die schlanke hohe Gestalt ; wie hingehaucht lagen einzelne Rosen in diesem Spitzenduft , und das gleiche Rosengewinde schlang sich durch das reiche blonde Haar , dessen matter Glanz zu wetteifern schien mit dein Glanz der Perlen , die Hals und Arme schmückten . Das volle Licht der Kerzen floß blendend nieder auf die schöne Erscheinung , die wie geschaffen schien für den glänzenden Rahmen dieser Umgebung , und die da vor ihm stand , als könne und dürfe ihr nichts nahen , was mit dem gemeinen Tagewerk des Alltagslebens nur irgend in Berührung kam . Aber so sehr Eugeniens ganzes Wesen die vornehme Salondame zeigte , die sie den ganzen Abend über ausschließlich [ 55 ] gewesen war , ihr Auge verrieth doch , daß sie wohl noch etwas Anderes sein konnte , zumal jetzt , wo es in unverkennbarer Befriedigung aufleuchtete beim Anblick des jungen Mannes , dem sie sich mit ruhiger Freundlichkeit näherte . „ Es freut mich , daß Sie meinem Rufe nachgekommen sind ! Ich wünschte Sie zu sprechen , um ein Mißverständniß zu lösen . Bitte , folgen Sie mir ! “ Sie öffnete eine der Seitenthüren und trat in das Nebengemach , wohin Ulrich ihr folgte . Es war der Salon der jungen Frau , der zwischen ihren eigenen Zimmern und den Gesellschaftsräumen lag – aber welch einen Contrast bildete er zu jenen ! Hier floß das matte Licht der Ampel nur gedämpft über das zarte Blau der Wände und der Seidenpolster ; weiche Teppiche fingen den trotzigen Schritt auf , der sie berührte , und Blumendüfte zogen leise und süß durch die milde und warme Luft und umwehten schmeichelnd Stirn und Schläfe . Ulrich war wie gebannt an der Schwelle stehen geblieben , trotzdem er doch sonst keine Schüchternheit kannte , aber es war so anders hier als in den blendenden Staatsgemächern , so viel schöner , so traumhaft still . Er konnte den Haß nicht wiederfinden , mit dem er auf die Pracht da draußen geschaut hatte ; statt dessen regte sich etwas Anderes in ihm , das er noch nie empfunden , dem er keinen Namen zu geben wußte , aber es war dieser Umgebung verwandt , die ihn so seltsam umfing . Und doch wallte in dem gleichen Augenblick ein heißer Zorn darüber in ihm auf , er wich instinctmäßig zurück , wie vor einer nur dunkel geahnten Gefahr , und sein ganzes Wesen erhob sich im starren feindlichen Widerstande gegen diese Atmosphäre von Schönheit und Duft , mit ihrem schmeichelnden Zauber . Eugenie war stehen geblieben , als sie mit einiger Befremdung bemerke , daß der junge Bergmann ihr nicht folgte ; sie ließ sich jetzt auf einen Sessel in der Nähe der Thür nieder , während ihr Auge prüfend sein Gesicht überflog . Das krause blonde Haar deckte völlig die noch frische Narbe , aber die Wunde , die für jeden Andern gefährlich gewesen wäre , hatte diese kräftige Natur kaum erschüttern können ; Eugenie suchte vergebens in seinen Zügen nach einer Spur überstandenen Leidens . Dennoch galt ihre erste Frage jener Verletzung . „ Sie sind also völlig wiederhergestellt ? Macht Ihnen die Wunde auch wirklich keine Schmerzen mehr ? “ „ Nein , gnädige Frau ! Es war nicht der Rede werth ! “ Eugenie schien den kurzen herben Ton der Antwort zu überhören ; sie fuhr mit gleicher Güte fort : „ Ich erfuhr allerdings schon am nächsten Tage aus dem Munde des Arztes , daß nichts zu befürchten stünde , sonst hätten wir Ihnen auch eine eingehendere Fürsorge gewidmet . Der Herr Doctor versicherte mir wiederholt nach dem zweimaligen Besuch , den er Ihnen noch abstattete , es sei von Gefahr nicht die Rede , und auch Herr Wilberg , den ich noch am Abend des verhängnißvollen Tages zu Ihnen sandte , brachte mir die gleiche Nachricht . “ Ulrich hatte schon bei den ersten Worten das Auge gehoben und sie starr angesehen ; seine finstere Stirn hellte sich langsam auf , und die Stimme hatte einen weit milderen Klang , als er endlich antwortete : „ Ich wußte nicht , daß Sie sich überhaupt so viel darum kümmerten , gnädige Frau . Herr Wilberg hat mir nicht gesagt , daß er von Ihnen kam , sonst – “ „ Sonst wären Sie freundlicher gegen ihn gewesen ! “ ergänzte Eugenie mit leisem Vorwurf . „ Er beklagte sich über die Schroffheit , die Sie ihm an jenem Abend zeigten , und doch war er voll Theilnahme für Sie und erbot sich mit so freundlicher Gefälligkeit , mir die gewünschte Nachricht zu verschaffen . Was haben Sie gegen Herrn Wilberg ? “ „ Nichts ! Aber er spielt Guitarre und macht Gedichte . “ Eugenie lächelte unwillkürlich bei dieser etwas seltsamen und doch erschöpfenden Charakteristik des blonden jungen Beamten . „ Das scheinen in Ihren Augen keine besonderen Vorzüge zu sein ! “ sagte sie halb scherzend , „ und ich glaube auch schwerlich , daß Sie sich dessen schuldig machen würden , wenn Sie die Lebensstellung des Herrn Wilberg einnähmen . Aber lassen wir das ! Es war ja etwas Anderes , weßwegen ich Sie rufen ließ . Wie ich höre , “ die junge Frau spielte in leichter Verlegenheit mit ihrem Fächer , „ wie ich von dem Herrn Director höre , haben Sie ein Zeichen unseres Dankes ausgeschlagen , das er beauftragt war , Ihnen zu übermitteln . “ „ Ja ! “ erklärte Ulrich finster , ohne die Härte dieses Ja durch ein einziges Wort zu mildern . „ Ich bedaure , wenn das Anerbieten oder die Art desselben Sie verletzt hat . Herr Berkow “ – Eugeniens Antlitz überzog eine leise Röthe , als sie die Lüge aussprach – „ Herr Berkow hatte allerdings die Absicht , Ihnen persönlich seinen und meinen Dank auszusprechen ; er wurde indessen verhindert und ersuchte den Herrn Director , ihn zu vertreten . Es würde mir sehr leid thun , wenn Sie darin eine Undankbarkeit oder Gleichgültigkeit unsererseits gegen unseren Lebensretter sehen wollten ; wir wissen Beide , wie tief wir in seiner Schuld sind , und Sie dürfen es mir nicht auch abschlagen , wenn ich Sie jetzt bitte , aus meinen Händen – “ Ulrich fuhr auf ; was die ersten Worte gemildert hatten , das verdarb der Schluß völlig wieder . Sein Antlitz war bleich geworden , als er errieth , um was es sich handelte , und in rücksichtsloser Heftigkeit brach er los : „ Lassen Sie das , gnädige Frau ! Wenn Sie mir das anbieten , auch Sie , dann wollte ich , ich hätte den Wagen stürzen lassen mit Allem , was darinnen war ! “ Eugenie wich zurück bei diesem plötzlichen Ausbruche jener unbändigen Wildheit , wegen deren Ulrich Hartmann auf den ganzen Werken gefürchtet war . Der Tochter des Baron Windeg mochte solch ein Ton und Blick wohl noch niemals nahe gekommen sein , wie sie denn überhaupt selbst jenen Kreisen noch nie genahet war . Sie erhob sich verletzt . „ Aufdrängen wollte ich Ihnen meinen Dank nicht ! Wenn Ihnen der Ausdruck desselben so unangenehm ist , so bedaure ich , Sie hergerufen zu haben . Sie wandte sich um und machte Miene , das Zimmer zu verlassen , aber diese Bewegung brachte Ulrich zur Besinnung . Er that ihr heftig einen Schritt nach . „ Gnädige Frau – ich – verzeihen Sie mir ! Ihnen wollte ich nicht wehe thun ! “ Es lag eine so leidenschaftlich aufflammende Reue in dem Ausrufe , daß Eugenie betroffen stehen blieb und ihn anblickte , als suche sie in seinem Gesichte den Schlüssel zu diesem räthselhaften Wesen , aber die stürmische Abbitte hatte ihren Zorn entwaffnet . „ Mir nicht ? “ wiederholte sie . „ Ist es Ihnen denn gleichgültig , wenn Sie Andere mit Ihrer Schroffheit verletzen ? Den Director zum Beispiel und Herrn Wilberg ? “ „ Ja ! “ entgegnete Ulrich finster , „ wie es umgekehrt auch ihnen gleich sein würde . Die Beamten und wir – da ist von keiner Freundschaft die Rede ! “ „ Nicht ? “ fragte Eugenie betreten . „ Ich wußte in der That nicht , daß das Verhältniß zwischen Beamten und Arbeitern hier ein so gespanntes ist , und auch Herr Berkow scheint keine Ahnung davon zu haben , sonst würde er wohl irgendwie vermittelnd eingetreten sein . “ „ Herr Berkow “ – sagte Ulrich schneidend – „ hat sich seit zwanzig Jahren um alles Mögliche auf den Werken gekümmert , nur nicht um die Arbeiter , und das wird so lange fortgehen , bis wir einmal anfangen , uns um ihn zu kümmern , und dann – ja so , gnädige Frau , ich vergesse ganz , daß Sie die Frau seines Sohnes sind . Entschuldigen Sie ! “ Die junge Frau schwieg , fast bestürzt über diese harte und rücksichtslose Offenheit . Was sie hier vernahm , war freilich nichts Anderes , als was sie schon hin und wieder , wenn auch nur andeutungsweise , über ihren Schwiegervater gehört hatte ,