eigentlichen Hauptgegenstand des Gesprächs vorläufig fallen . „ Ich habe soeben einen Brief des Baron Brankow erhalten , “ begann er ruhig , „ eine Einladung zu dem morgen auf seinem Gute stattfindenden Feste . Die Sache kommt mir ebenso überraschend als unangenehm , da ich dem Baron weder einen Besuch gemacht , noch mich überhaupt jemals um ihn gekümmert habe . Man wird wohl seine Gründe haben , indessen die Zuvorkommenheit ist , äußerlich wenigstens , eine so auffallende , daß sie sich nicht zurückweisen läßt . Es würde aussehen wie eine Flucht vor der Nachbarschaft , und in den Verdacht möchte ich mich denn doch nicht bringen . Ich habe also angenommen . “ Das Fräulein hatte schweigend und sichtbar befremdet zugehört . „ Und Lucie ? “ fragte sie endlich . „ Lucie ist gleichfalls eingeladen , ich hatte auch die Absicht , sie mitzunehmen , da sie Ihnen aber Grund zur Klage giebt , so wird sie wohl zu Haus bleiben müssen . “ „ Warum nicht gar ! “ fiel das Fräulein halb erschreckt , halb entrüstet ein . „ Sie wollen sie doch nicht etwa gar strafen , einer Kinderei wegen , um deren willen ich sie schon hinreichend ausgescholten habe ? Das arme Kind ! “ hier traf ein diesmal ganz und gar entrüsteter Blick den Gutsherrn , „ das arme Kind sitzt tagaus tagein hier in Dobra , ohne passenden Umgang , ohne Altersgenossen ; ist es da ein Wunder , wenn es auf allerlei Thorheiten verfällt ? Und nun wollen Sie ihm auch noch das einzige Vergnügen rauben , das sich wirklich einmal darbietet ! Lucie weint den halben Tag lang , wenn sie es erfährt , und das – “ „ Können Sie nicht mit ansehen ! “ vollendete Günther spöttisch . „ Mir scheint , Fräulein Reich , wenn Sie auch mit Lucie nicht fertig werden können , Lucie ist längst mit Ihnen fertig geworden , wie überhaupt mit ganz Dobra . “ „ Sie ausgenommen ! “ ergänzte das Fräulein , aber wenn sie mit den Worten ein Compliment beabsichtigte , so verdarb sie Alles wieder durch den Nachsatz , der ihr im vollen Aerger herausfuhr . „ Mit Ihnen ist überhaupt nicht fertig zu werden ! “ „ Meinen Sie ? “ fragte Günther sehr gelassen , indem er die Arme kreuzte und sie mit unzerstörbarer Ruhe anblickte . „ Ja , das meine ich ! “ erklärte Fräulein Reich , noch mehr gereizt durch diesen Gleichmuth . „ Ich nehme mir die Freiheit , zu behaupten , daß ich denn doch zehn Mal lieber mit Luciens Quecksilbernatur zu thun haben will , als mit Ihrer entsetzlichen Gelassenheit , die durch nichts aus der Fassung zu bringen ist , an der Alles abgleitet , was einen vernünftigen Menschen zur Verzweiflung treiben könnte , und vor der gleichwohl ganz Dobra zittert ! “ „ Sie ausgenommen ! “ parodirte Günther , der den ganzen Ausfall hingenommen hatte , ohne auch nur eine Miene zu verziehen . „ Ich ? “ Das Fräulein hob sehr entschieden den Kopf ; „ ich habe in meinem ganzen Leben überhaupt noch vor Niemand gezittert , und vor Ihnen – “ „ Am allerwenigsten ! Bitte , scheuen Sie sich nicht , den Nachsatz auszusprechen , ich lese ihn doch deutlich genug aus Ihrem Gesicht . “ Fräulein Reich wandte sich ärgerlich ab , augenscheinlich bemüht , ihr heißblütiges Temperament niederzukämpfen . „ Ich habe es Ihnen vorher gesagt , als Sie mich von N. herberiefen , “ sagte sie kurz , „ wir würden uns hier ebenso wenig vertragen , uns genau ebenso oft zanken , wie einst in unserem Dorfe , wenn Sie vom Forsthaus in das Pfarrhaus kamen . “ Günther zeichnete gleichgültig mit seiner Reitpeitsche Figuren in den Sand . „ Ja , richtig ! Sie konnten niemals Ruhe halten ! “ „ Bitte um Entschuldigung , Sie waren es , der nie Ruhe gab , bis der Zank im vollen Gange war ; ich hatte genug zu thun , mich nur zu wehren . “ „ Nun , was das Wehren anbetrifft – “ meinte Günther trocken . „ Franziska Reich verstand es von jeher , dem ‚ unerträglichen Bernhard ‘ die Spitze zu bieten . “ Das Antlitz des Fräuleins überflog eine leichte Röthe bei dieser in früheren Tagen wahrscheinlich oft ausgesprochenen Reminiscenz aus der Jugendzeit . „ Bernhard Günther ist inzwischen im Leben emporgekommen ! “ sagte sie plötzlich ernst , aber ohne die geringste Bitterkeit , „ und Franziska Reich ist die arme Pfarrerstochter geblieben , die sich als Gouvernante ihr Brod verdienen muß . Wir stehen nicht mehr gleich auf gleich wie damals . “ „ Und doch lesen Sie Mir den Text genau so wie damals . “ „ Werden Sie Lucie mitnehmen ? “ fragte das Fräulein kurz abbrechend . Günther schien etwas verstimmt durch dies entschiedene Vermeiden des von ihm angeregten Themas . „ Auf Ihre Verantwortung ! “ sagte er ebenso kurz und wandte sich zum Gehen . „ Auf meine Verantwortung ! “ bestätigte das Fräulein , indem sie ihm gleichfalls ohne alle Ceremonien den Rücken wandte und nach der Laube zurückkehrte , wo sie ihren Zögling noch im besten Spiel mit dem Hunde , und ihren Sonnenschirm unter den Zähnen des letzteren fand . Die empörte Dame schlug die Hände über dem Kopf zusammen , sie warf den Hund vom Tische , setzte sich energisch in Besitz ihres Eigenthums und begann Lucien eine erneute Strafrede zu halten , worin sie ihr zu Gemüth führte , daß sie ganz und gar nicht der Vergünstigung werth sei , die man ihr eben noch ausgewirkt , aber Lucie ließ ihr keine Zeit zu endigen . Sobald sie erfuhr , um was es sich handelte , sprang sie mit einem lauten Schrei des Entzückens empor und überfiel die Erzieherin förmlich mit so ungestümen Liebkosungen , daß der kleine Hund , der mit jener ohnehin nicht auf besonders freundschaftlichem Fuße stand , auf die Idee gerieth , es gelte hier einen Angriff , und in pflichtschuldiger Unterstützung seiner jungen Herrin laut bellend nach dem Kleide des Fräuleins fuhr . „ Um Himmelswillen ! “ rief diese empört , „ wollen Sie mich von oben todtdrücken und von unten zerreißen lassen ? Bringen Sie das kleine Ungethüm zur Ruhe und lassen Sie mich los , oder ich rufe um Hülfe ! “ Lachend beruhigte Lucie den Hund , aber die Zeichenstunde fortzusetzen , erwies sich als unmöglich . Das ganze Köpfchen der [ 40 ]  jungen Dame wirbelte bei dem Gedanken an diese erste große Gesellschaft , die sie mitmachen sollte , zuerst kamen Erkundigungen über das Wo , Wie und Wann , dann wurde die Toilettenfrage erörtert – die Erzieherin sah , daß heute absolut nichts mehr zu erreichen war , sie gab den Unterricht auf . „ Lucie , “ sagte sie feierlich , „ es giebt zwei Dinge auf der Welt , die ich noch zu erleben wünschte , aber leider liegen sie alle beide im Bereiche der Unmöglichkeit . Ich möchte den Menschen sehen , der im Stande ist , Sie zum Ernst und zur Vernunft zu bringen , und ich möchte das Wesen kennen lernen , das fähig wäre , Ihren Bruder auch nur um ein Haar breit von dem abzubringen , was er sich einmal in den Kopf gesetzt hat zu thun . Ihr Geschwister seid zwei Gegensätze , die nur eine Aehnlichkeit miteinander haben – es ist mit beiden nichts anzufangen ! “ Das Fest , mit welchem Baron Brankow seinen Namenstag feierte , hatte bereits seinen Anfang genommen . Das dortige Herrenhaus konnte nun freilich nicht im Entferntesten mit dem großartigen Aufwande , der in der Prälatur des Stifts , oder der schweren alterthümlichen Pracht , die in Schloß Rhaneck herrschte , den Vergleich aushalten , es war eben nur der einfache Sitz eines Landedelmannes aus gutem alten Hause ; aber dies Haus war reich und gastfrei , und hatte sich dadurch zu einer Art von Mittelpunkt für die Geselligkeit der Umgegend gemacht . Man kam gern zu diesen Festen , und auch heute war die zahlreich geladene Gesellschaft ebenso zahlreich erschienen . Baron Brankow , ein kleiner freundlicher Herr , gutmüthig , eifrig und herzlich , ohne besondere aristokratische Würde , aber dafür mit allen Eigenschaften eines guten Wirthes begabt , empfing seine Gäste und geleitete soeben den Prälaten , der vor wenig Minuten angekommen war , zu einem Sessel am oberen Ende des Saales . Der Abt des ersten und bedeutendsten Stiftes im Lande , das durch seinen Reichthum und seinen Einfluß eine fast fürstliche Stellung einnahm , pflegte mit seinen Besuchen sehr sparsam zu sein . Er erschien nur da , wo er wirklich auszeichnen wollte , und es gab nicht Viele , die sich rühmen konnten , ihn als Gast bei sich gesehen zu haben . Die Haltung des Barons und seiner Familie zeigte denn auch , daß sie diese Auszeichnung im vollsten Maße zu würdigen wußten , und die ganze übrige Gesellschaft empfing den hochgestellten Geistlichen mit der ihm gebührenden ehrfurchtsvollen Aufmerksamkeit . Unmittelbar hinter seinem Oberen schritt Pater Benedict . Der Prälat fuhr niemals allein zu solchen Festen , er pflegte stets einen der Stiftsherren mit sich zu nehmen , die sich seiner besondern Gunst erfreuten , Es schien aber nicht , als ob der junge Priester den Vorzug zu würdigen wisse , der ihm zu Theil geworden , sein Antlitz trug den gewöhnlichen Ausdruck kalter Verschlossenheit und finster , fast feindselig blickte er auf das festliche Wogen und Treiben . Dies Wogen und Treiben hatte übrigens heute nicht seine gewöhnliche , sich immer gleich bleibende Physiognomie , es lag eine leichte Aufregung darin , eine gewisse Unruhe , die bald genug auffiel . Man blickte oft nach der Thür , man flüsterte in Gruppen zusammen , irgend etwas Besonderes schien erwartet zu werden , irgend etwas Ungewöhnliches im Werke zu sein , und doch war dies nicht das Erscheinen des Grafen Rhaneck , der unmittelbar nach seinem Bruder eintrat , seine Gemahlin führend , während der junge Graf Ottfried den Beiden folgte . Zwar gab sich auch bei ihrer Ankunft die gleiche Bewegung kund , wie beim Eintritt des Prälaten ; Rhaneck ’ s Stellung in der Residenz war eine zu bedeutende , um ihn nicht hier zu einer Autorität ersten Ranges zu machen , ganz abgesehen davon , daß er der reichste und vornehmste unter all ’ den Nachbarn war ; man empfing auch ihn mit der gleichen Ehrerbietung , wie seinen Bruder . Die Gräfin war eine jener Erscheinungen , wie sie häufig genug vorkommen , vornehm , unbedeutend , langweilig , jedenfalls nicht die Frau , die einen Mann wie ihren Gemahl zu fesseln verstand . Ihr Sohn Ottfried trug unverkennbar die Rhaneck ’ schen Familienzüge , er glich äußerlich sehr dem Vater , aber ihm fehlte die feurige Lebhaftigkeit desselben , ebenso sehr wie die energische Ruhe des Oheims , sein ganzes Wesen verrieth eine Blasirtheit , in der alle anderen , vielleicht besseren Eigenschaften zu Grunde gegangen waren . Der noch so junge Mann hatte augenscheinlich schon alle Freuden des Lebens ausgekostet und war ihrer überdrüssig geworden , da war auch kein Hauch mehr von jener Kraft und jenem Feuer , das der alte Graf sich bis in seine späteren Jahre hinein bewahrt hatte , der schmächtige junge Officier mit den schlaffen Zügen und den matten Augen nahm sich neben der stattlichen Erscheinung des Vaters ziemlich unvortheilhaft aus . Rhaneck hatte kaum den Bruder begrüßt und mit der Frau vom Hause gesprochen , als er sich auch bereits von allen Seiten in Anspruch genommen sah . Auch Ottfried befand sich bald genug in einem Kreise von Altersgenossen , die ihn mit Fragen und Erkundigungen nach der Residenz bestürmten . Die Gräfin dagegen saß im Kreise der Damen , ließ ihre reiche Toilette glänzen bewegte den Fächer langsam auf und nieder , und ließ nur sehr selten eine Bemerkung laut werden , sie hatte das Möglichste durch ihr Erscheinen hier gethan , und die Gesellschaft konnte und mußte es sich an dieser Ehre genug sein lassen . „ Aber , bester Brankow “ – der Graf hielt den Baron , der an ihm vorüber wollte , auf einen Moment lang fest – „ sagen Sie mir nur , was ist das heute mit Ihren Gästen ? Das ist eine Unruhe , eine Zerstreutheit überall ! Erwartet man Jemand , oder haben Sie uns irgend eine Ueberraschung aufbehalten ? “ Der Baron lächelte etwas gezwungen . „ Beides vielleicht ! Aber dieser Herr Günther scheint den Vornehmen spielen zu wollen , er läßt sich lange erwarten ! “ Der Graf fuhr auf , als habe er unversehens einen Schlag erhalten . „ Wer ? “ „ Nun , unser Nachbar von Dobra ! Sie wissen doch , daß er eingeladen ist ? “ Graf Rhaneck trat einen Schritt zurück und sah den Baron von oben bis unten an . Die verbindliche Artigkeit in seinem Gesichte machte einem wahrhaft eisigen Ausdruck Platz . „ Man muß gestehen , Brankow , Sie muthen Ihren Gästen sehr viel zu ! “ sagte er kalt . „ Aber mein Gott ! “ rief der Baron befremdet , „ sind Sie denn davon nicht unterrichtet ? Die Einladung geschah ja doch auf speziellen Wunsch des hochwürdigsten Herrn Prälaten . “ „ Meines Bruders ? “ In der Stimme des Grafen mischten sich Unglaube und Zorn miteinander . „ Gewiß ! Ich meinerseits hätte sicher nicht die Initiative in einer so delicaten Angelegenheit ergriffen ; aber der Herr Prälat schien so großen Werth auf die Erfüllung seines Wunsches zu legen , machte sie so zu sagen zur Bedingung seines Erscheinens , daß ich nicht umhin konnte , diesen , ich gestehe es , mir sehr unangenehmen Schritt zu thun . “ Der Graf stand starr wie eine Bildsäule ; als eben in diesem Augenblicke Brankow von anderer Seile her angesprochen ward , drehte er sich kurz um , ging auf seinen Bruder zu und zog ihn hastig mit sich in eine Fensternische . „ Weißt Du , daß man diesen Günther von Dobra heute hier erwartet ? “ „ Allerdings ! “ Die Antwort des Prälaten klang sehr bestimmt , er hatte den Sturm kommen sehen . „ Und ist es wahr , was Brankow behauptet , daß die Einladung auf Deine Veranlassung , auf Deinen speciellen Wunsch geschehen ist ? “ „ Auch das ist wahr . “ „ Nun , das begreife ein Anderer , mir fehlt jedes Verständniß dafür ! “ rief der Graf empört und schlug leise , aber heftig mit seinem Fuße den Boden , daß die Sporen klirrten . Der Prälat zuckte leicht die Achseln . „ Du weißt , daß ich meine Gründe habe , den Mann kennen zu lernen . Ich muß ihn Auge im Auge sehen , muß ein Urtheil über seine Persönlichkeit haben , um zu wissen , was von ihm zu erwarten ist . Mir in meiner Stellung war jede Annäherung unmöglich ; ich konnte ihm nur auf neutralem Boden begegnen , also mußte sich Brankow dazu hergeben . “ „ Du ordnest wie gewöhnlich Deinen ‚ höheren Gründen ‘ alle und jede Rücksicht unter “ , sagte der Graf bitter , „ und scheinst ganz zu vergessen , daß Du dem Menschen mit dieser Einladung den Weg in unsere Kreise bahnst , die ihm bisher verschlossen waren , daß Du der ganzen Nachbarschaft ein höchst gefährliches Beispiel , ein unbegreifliches Aergerniß giebst . “ Ein kaum bemerkbares Spottlächeln spielte um die Lippen des Prälaten , während sein Blick die Gesellschaft überflog . [ 53 ] „ Meinst Du ? “ entgegnete der Prälat seinem Bruder . „ Ich fürchte das Gegentheil . Man brennt vor Neugierde , diesen neuen Herrn von Dobra kennen zu lernen , und da man sich sehr bequem mit meiner Verantwortung decken kann , so glaube ich eher , auf die allgemeine Dankbarkeit rechnen zu dürfen . “ „ Wie es Dir beliebt ! “ erklärte der Graf kalt . „ Zum Mindesten wirst Du es begreiflich finden , wenn ich und die Meinigen diesem – Herrn möglichst fern bleiben . Ich liebe nicht die Berührung mit Emporkömmlingen solcher Art. “ „ Hattest Du immer eine so entschiedene Antipathie gegen das Bürgerthum ? “ fragte der Prälat leise und hohnvoll . Rhaneck wollte auffahren . „ Bruder ! “ „ Ruhig , Ottfried ! Du vergißt , daß wir nicht allein sind und daß alle Welt uns beobachtet . Ich kann die Widersprüche in Deinem Charakter nicht leiden , sonst hätte ich Dir die Erinnerung erspart . – Uebrigens habe ich Dir Benedict mitgebracht . Sprachst Du ihn schon ? “ Der Prälat hatte das rechte Beruhigungsmittel ergriffen . Die Züge des Grafen wurden sofort sanfter , als er den Genannten erblickte , der in einiger Entfernung von ihnen stand . Ueberdies machte das Hervortreten des jungen Grafen dem Gespräch jetzt ein Ende ; der Prälat wandte sich zu seinem Neffen . „ Nun , wie findest Du Dich in unsere Bergeseinsamkeit nach Deinem Residenzleben ? “ fragte er halb scherzend . Auf dem Gesichte Ottfried ’ s stand deutlich geschrieben , daß ihm Eins so langweilig erschien wie das Andere ; indessen dem Oheim gegenüber wagte er doch nicht , seine ganze Blasirtheit zur Schau zu tragen . „ Nun , es ist immerhin eine Abwechslung ! Allerdings haben mich die Berge nicht sehr freundlich empfangen bei dem ersten Besuch , den ich ihnen gestern abstatten wollte . Ich ritt über die untere Brücke , von wo der Paß hinein in ’ s Gebirge führt , da scheut mein Pferd plötzlich , ohne irgend eine äußere Veranlassung , und ist nicht zu bewegen , auch nur einen Schritt vorwärts zu thun . Als ich das Thier schließlich zwingen will , bäumt es und stürzt mit mir , so daß ich von Glück sagen kann , unverletzt davongekommen zu sein . Der alte Florian , der hinter mir ritt , und der den Kopf immer voll Aberglauben und Spukgeschichten hat , behauptet steif und fest , Almansor habe irgend etwas Entsetzliches gesehen , und prophezeit mir alles mögliche Unheil . Nun , ich muß gestehen , glückverkündend war das Omen gerade nicht . “ Er sagte das lachend und spöttisch , aber der Graf , der die Erzählung seines Sohnes mit angehört hatte , runzelte leicht die Stirn . „ An der ganzen Sache wird wohl nur Dein wildes Reiten schuld sein . Du solltest Deine Gesundheit besser in Acht nehmen , Du weißt doch , wie sehr Du sie zu schonen hast . “ Sein Auge glitt dabei flüchtig über die matten Züge des Sohnes , aber in dem Blick lag keine Spur von jener angstvollen Zärtlichkeit , mit der er noch vor kurzem die Blässe eines anderen Gesichtes geprüft , und auch der Ton hatte mehr von Vorwurf als von Besorgniß . „ Noch eins ! “ fuhr er rascher fort , „ ich wollte Dir bei Gelegenheit des heutigen Festes den Pater Benedict zuführen . Du erinnerst Dich doch noch seiner ? “ „ Pater Benedict ? Nein ! “ sagte Ottfried gleichgültig . „ Du mußt Dich doch des Knaben Bruno entsinnen , “ nahm jetzt der Prälat das Wort . „ Er kam , so viel ich weiß , öfter in Euer Haus , als er noch das Seminar in der Residenz besuchte . “ Ottfried sah aus , als halte er es für eine starke Zumuthung , seinen Kopf mit dergleichen Nichtigkeiten anzustrengen , indessen die Worte des Oheims schienen doch eine Erinnerung in ihm wachzurufen . „ Ah so , der junge Mensch , den Papa erziehen und ausbilden ließ ! Richtig , der scheue störrische Bube , der nie zum Reden oder Spielen zu bringen war ! Papa überhäufte ihn mit Wohlthaten , aber er zeigte sich nie besonders dankbar dafür , er mußte immer erst halb gezwungen werden , in ’ s Palais zu kommen . Ein unerträglicher Bursche ! “ Der leise Hohn schwebte wieder um die Lippen des Prälaten , als er schweigend den Bruder ansah , über dessen Stirn aufs neue der schnell verschwindende rothe Schein lief . „ Ich habe nie begreifen können , wie Papa mir einen solchen Spielgefährten zumuthen konnte ! “ fuhr der junge Graf fort , den Kopf hochmüthig zurückwerfend . „ Er war ja wohl der Sohn irgend eines Bedienten , von einem unserer Güter . “ Rhaneck hatte stumm die Lippen zusammengepreßt , bei den letzten Worten aber zuckte er zornig auf . „ Was Pater Benedict gewesen ist , kommt für Dich jetzt nicht mehr in Betracht . Gegenwärtig ist er Priester , gehört er demselben Stande an , wie Dein Oheim , und Du wirst auch ihm die Achtung und Ehrfurcht zollen , die diesem Stande gebührt ; ich verlange das ganz entschieden von Dir . “ [ 54 ] Die Zurechtweisung , obwohl mit gedämpfter Stimme gesprochen , klang schneidend scharf , aber freilich die Rhanecks waren streng katholisch , waren es von jeher gewesen , und der Prälat sorgte schon dafür , daß diese Sitte erhalten blieb . Ein Priester nahm dem sonst so ahnenstolzen Geschlecht gegenüber allerdings eine unantastbare Stellung ein , und auch Ottfried war in unbedingter Ehrfurcht vor dem Priestergewande und vor den äußeren Ceremonien der Religion erzogen , so wenig er auch sonst davon in sich tragen mochte . Die heftige Parteinahme des Vaters befremdete ihn deshalb nicht besonders , auch schien dieser seine Erregung bereits zu bereuen , denn seine Stimme war um vieles milder geworden , als er nach einer augenblicklichen Pause hinzusetzte : „ Benedict hat den Erwartungen , die ich bei seiner Ausbildung hegte , in jeder Hinsicht entsprochen . Ich wünsche , daß Du für die Zeit unseres Hierseins ihn zu Deinem Beichtiger erwählst und möglichst bei ihm die Messe hörst , und ich will hoffen , daß sich dadurch ein freundlicheres Verhältniß zwischen Euch anbahnt , als es in Eurer Kinderzeit der Fall war . “ Ottfried schwieg , die äußeren Formen der Ehrerbietung und Rücksicht wurden im Rhaneck ’ schen Hause streng aufrecht erhalten , aber die Formen waren hier eben auch alles , sie mußten das Herz ersetzen , das nun einmal in allen Beziehungen dieser Familie zu einander zu fehlen schien . Der junge Graf widersprach mit keiner Sylbe dem so bestimmt kundgegebenen Wunsche des Vaters , wenn sein Gesicht auch deutlich verrieth , wie mißfällig ihm derselbe war . Der Prälat hatte inzwischen durch einen Wink den jungen Priester an seine Seite gerufen und Rhaneck führte ihn seinem Sohne zu , aber zu dem „ freundlicheren Verhältniß “ , das sich zwischen den Beiden anbahnen sollte , zeigte sich wenig Aussicht . Ottfried , der so eben empfangenen Zurechtweisung eingedenk , zwang sich zur Artigkeit , Benedict blieb kalt und gemessen , es war , als fühlten die jungen Männer instinctmäßig , daß eine weite Kluft zwischen ihnen lag , die wohl nie ausgefüllt werden konnte . Da gab sich von neuem eine allgemeine Bewegung im Saale kund , ein allgemeines Flüstern und sich Umwenden , alle Blicke waren plötzlich nach der Thür gerichtet , durch die jetzt endlich der längst erwartete neue Gutsherr von Dobra eintrat und , seine Schwester am Arme , sich dem Wirthe näherte , der in der Nähe des Einganges stand . Der Baron war in der That in einiger Verlegenheit dem Mann gegenüber , der sich so stolz von der ganzen Nachbarschaft abgesondert , und dem gegenüber er gleichwohl , durch höheren Einfluß gedrängt , den ersten Schritt zur Annäherung gethan . Er zog sich indessen noch ziemlich gut aus der Sache , die Bewillkommnung war , wenn auch etwas gezwungen , doch artig , übrigens kürzte er sie so viel als möglich ab und beeilte sich , „ Herrn Günther auf Dobra “ seiner Gemahlin vorzustellen . Die Baronin machte es in ähnlicher Weise , sie that , was als Frau vom Hause ihre Schuldigkeit war , aber auch nicht mehr , und so kam es , daß Günther sich , sobald die erste Begrüßung vorüber war , fast gänzlich isolirt neben dem Sessel seiner Schwester fand ; die Gesellschaft verharrte vorläufig noch in vollster Ablehnung des fremden , ihr aufgedrungenen Elementes . Es war kein leichter Stand dieser stummen Opposition des ganzen Kreises und all den neugierigen , mißgünstigen und hämischen Blicken gegenüber , die von allen Seiten des Saales her sich auf diesen einen Mittelpunkt richteten ; aber Günther ertrug Eins wie das Andere mit bewunderungswürdiger Gelassenheit . Das war nicht die Haltung eines Mannes , der eine unverdiente Ehre empfängt oder eine unverdiente Kränkung erleidet , Beides schien gleich wirkungslos an dieser gleichgültigen Ruhe abzugleiten , mit der er seinerseits die Gesellschaft musterte , und in dem Blick , der langsam aber forschend darüber hinschweifte , lag nur die eine Frage , die wahrscheinlich allein ihn zur Annahme der Einladung veranlaßt hatte : „ Was wollt Ihr eigentlich von mir ? “ Jugend und Schönheit haben es überall leicht , selbst dem angestammten Vorurtheile gegenüber , Lucie entwaffnete schon durch ihr bloßes Erscheinen selbst die hartnäckigsten Gegner . Die Herren hatten es bald genug herausgefunden , daß alle übrigen Damen weit hinter dieser lieblichen Erscheinung zurückblieben , und die jüngeren unter ihnen zeigten bereits bedenkliche Neigung , den aristokratischen Principien untreu zu werden . Noch hielt die Furcht vor dem Zorne der respectiven Väter und Mütter die Ueberläufer in Schranken , aber wider alles Erwarten war es diesmal der junge Graf Rhaneck , der das Zeichen zur Fahnenflucht gab . „ Das Mädchen ist reizend ! “ rief er mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit , „ ich werde mir einen Tanz sichern ! “ „ Aber Rhaneck , “ mahnte einer seiner Nachbarn , „ bedenke doch , eine Mademoiselle Günther , die Schwester dieses – “ „ Ah bah ! Sie sind Gäste des Barons , sind auf Wunsch meines Oheims eingeladen ! Er mag die Verantwortung dafür tragen ! “ Damit näherte sich Ottfried ohne Weiteres dem Kreise der Damen , ließ sich Lucie vorstellen , und erbat sich ihre Hand für den soeben beginnenden Tanz . Günther hatte gleichgültig die Annäherung des jungen Officiers gesehen , als jedoch der Name Rhaneck genannt ward , stutzte er und eine sichtlich unangenehme Ueberraschung spiegelte sich auf seinem Gesicht . Er machte unwillkürlich eine Bewegung , wie um seine Schwester zurückzuhalten , im nächsten Augenblick jedoch schien er sich zu erinnern , daß die Aufforderung sich ohne directe Beleidigung nicht ablehnen ließ . Er ließ es geschehen , daß der junge Graf Lucie in die Reihen der Tanzenden führte , die sich im Nebensaal ordneten , aber sein Blick folgte mit einem Gemisch von Unmuth und Besorgniß den Beiden . „ Wollen Sie mir erlauben , Herr Günther , Ihre Bekanntschaft mit dem hochwürdigsten Abt unseres Stiftes zu vermitteln ? “ tönte in diesem Augenblick die Stimme des Barons dicht neben ihm , und als Günther sich umwandte , sah er sich plötzlich dem Prälaten gegenüber . Einen Moment lang maßen die beiden Männer schweigend einander ; der scharfe Blick des Geistlichen drang forschend tief in die Züge seines Gegenüber , als wolle er sofort aus ihnen herauslesen , was eigentlich an dem Manne sei , aber er traf hier auf dieselbe eherne Stirn , auf dieselbe kalte , überlegene Ruhe , die sein eigenes Antlitz kennzeichneten , und dies Antlitz mußte vor jenen prüfenden Augen die gleiche Musterung bestehen . Der eine Blick genügte Beiden , Günther lächelte fast unmerklich , als er das erwartungsvolle Herandrängen der Gesellschaft bemerkte , er wußte jetzt , von wem diese räthselhafte Einladung eigentlich ausging , aber auch der Prälat hatte bereits Stellung genommen – er erwies dem Fremden die Ehre , ihn für einen Gegner anzuerkennen . Der Baron athmete förmlich auf , als der Anstifter der ganzen fatalen Angelegenheit endlich Miene machte , persönlich in die Sache einzutreten , und damit den Alp wegzunehmen , der seit Günther ’ s Eintritt auf der ganzen Versammlung zu lasten schien . War diese übrigens schon durch den seltsamen Wunsch Seiner Hochwürden , der natürlich kein Geheimniß blieb , alarmirt worden , so wurde sie es noch mehr beim Anblick der sichtbaren Auszeichnung , deren sich der „ Emporkömmling “ erfreute . Wenn der Baron artig gewesen war , so zeigte sich der Prälat geradezu verbindlich ; er verstand es sonst meisterhaft , sich in seiner geistlichen Würde unnahbar zu machen , und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen sich und jedem anderen Sterblichen aufzurichten ; dem Protestanten gegenüber , der schwerlich geneigt war , diese Unnahbarkeit zu respectiren , fiel diese Schranke unmerklich , aber sofort , hier war es nur der vornehme Weltmann , der sich mit ebenso viel Tact als Artigkeit bemühte , den Fremden in ’ s Gespräch zu ziehen und ihm die Einführung in die Gesellschaft zu erleichtern . Diese fing bereits an dem allmächtigen Einfluß des Abtes nachzugeben . Man brannte in der That vor Neugierde , diesen Günther persönlich kennen zu lernen , und half sich dabei genau so , wie der junge Graf Rhaneck . Man deckte sich für alle Fälle mit der Verantwortlichkeit des Prälaten , um ungescheut seinem Beispiel folgen zu können , man wurde gleichfalls artig , gleichfalls verbindlich , und es dauerte nicht lange , so war der Gutsherr von Dobra aus seiner anfänglichen Isolirtheit zu einer Art von Mittelpunkt geworden . Inzwischen feierte Lucie im Tanzsaale einen ähnlichen Triumph , obgleich sie sich zur Zeit noch nicht viel darum kümmerte . Ihr war in der Freude am Tanzen alles Andere untergegangen , und mit vollster Seele gab sie sich dem ihr so